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Donnerstag, 21. August 2014

Amartya Sen und das altindische Gerechtigkeitsverständnis

In seinem Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“ geht Amartya Sen (*03.11.1933) an mehreren Stellen auf zwei Begriffe des altindischen Gerechtigkeitsverständnisses ein, deren Unterscheidung bis heute unterschiedliche Auffassungen von Gerechtigkeit vorwegnehmen und die vorwiegend den Kontrast zwischen „einem auf Regeln gerichteten und einem auf Verwirklichung gerichteten Rechtsverständnisses“ deutlich werden lassen

Zunächst bezeichnet niti die Gerechtigkeit im Sinne einer Korrektheit von Organisationen und Verhaltensweisen. Auch Sen geht davon aus, dass jede Theorie der Gerechtigkeit der Rolle von Institutionen, die gerecht handeln, einen wichtigen Platz einräumen muss, dass also „die Institutionen selbst mit gutem Grund als Teil der Verwirklichungen [von Gerechtigkeit - Paideia] zählen, die durch sie erreicht werden“ (110).

niti - Die Gerechtigkeit der Institutionen:
Regelwerke geben die Richtung an
Gerechtigkeit im Sinne von niti meint also, dass die Anforderungen der Gerechtigkeit in einer Gesellschaft schon erfüllt sind, wenn angemessene Institutionen existieren. So spricht sich Robert Nozick beispielsweise dafür aus, dass in einer gerechten Gesellschaft die individuellen Freiheiten und der Schutz des Lebens und des Eigentums garantiert werden müssen und die für diese Rechte notwendigen Institutionen – „juristische wie ökonomische Regelwerke“ (112) – zu den wesentlichen Bedingungen der Vorstellung von Gerechtigkeit gehören.

Ein Beispiel für eine besonders strenge Ausprägung von niti ist die Forderung „Fiat iustitia, et pereat mundus“ („Gerechtigkeit soll geübt werden, auch wenn dabei die Welt untergeht“), ein Satz, der Ferdinand I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches im 16. jahrhundert, zugeschrieben wird.

Für Sen ist es allerdings mehr als unverständlich, eine totale Katastrophe als Beispiel für eine gerechte Welt zu beschreiben: „Sollte die Welt tatsächlich untergehen, wäre das keine besonders rühmliche Errungenschaft, selbst wenn die harte, strenge niti-Gerechtigkeit, die zu diesem Ergebnis geführt hätte, womöglich mit sehr komplizierten Argumenten verschiedener Art verteidigt werden könnte“ (49).

Für Sen ist damit klar, dass wir auf unserer Suche nach Gerechtigkeit nicht die Augen vor dem verschließen können, was wirklich in der Welt passiert.

Natürlich müssen wir uns Sen zufolge „um Institutionen bemühen, die Gerechtigkeit fördern, aber wir sollten nicht Institutionen schon für sich genommen als Erscheinungsformen von Gerechtigkeit behandeln“ (110). Vielmehr müsse man prüfen, inwieweit die Verwirklichung von Gerechtigkeit auf dem institutionellen Fundament tatsächlich zustande kommen kann.

Die Überzeugung, dass ausschließlich Institutionen das Fundament der Gerechtigkeit sind, führt nicht nur zu einer groben Missachtung der Komplexität von Gesellschaften, sondern geht ziemlich mit einer Selbstzufriedenheit und vermeintlich souveräner Klugheit von Institutionen einher. Diese Einstellung aber blockiert „eine kritische Überprüfung der tatsächlichen Konsequenzen, die sich auf der Verfügbarkeit der empfohlenen Institutionen ergeben“ (111).

Hier setzt der Begriff nyaya an, der für ein umfassendes Konzept von verwirklichter Gerechtigkeit steht, das „unlöslich mit der Welt verbunden ist, wie sie sich tatsächlich entwickelt, und nicht nur mit den Regeln und Institutionen, die wir gerade haben“ (48).

Die Gerechtigkeit der Fische muss in der Welt der Menschen
unbedingt vermieden werden! (Amartya Sen)

Sen erläutert nyaya am Beispiel des Rechts des Stärkeren oder auch der „Gerechtigkeit in der Welt der Fische“, in der ein dicker Fisch ungehindert einen kleinen Fisch verschlingen kann. Dem Verständnis von nyaya folgend muss die „Gerechtigkeit der Fische“ in der Welt der Menschen unbedingt vermieden werden: „Die zentrale Erkenntnis hier besagt, dass die Verwirklichung von Gerechtigkeit im Sinne des Begriffs nyaya nicht einfach mit der Beurteilung von Institutionen und Regeln zu tun hat, sondern mit der Einschätzung der Gesellschaften selbst. Ganz gleich, wie korrekt etablierte Organisationen sein mögen, muss es doch als offene Verletzung der Gerechtigkeit zwischen Menschen im Sinn von nyaya gelten, wenn ein großer Fisch trotzdem nach Belieben einen kleinen Fisch verschlingen kann“ (49).

Die Perspektive von nyaya macht zudem deutlich, dass es wichtiger ist, „offenkundigem Unrecht in der Welt vorzubeugen, statt nach dem vollkommen Gerechten zu suchen“ – ein Gedanke, den auch Karl R. Popper in das Zentrum seiner Utopiekritik stellt.

So geht es bei nyaya nicht darum, eine vollkommen gerechte Gesellschaft oder soziale Regelungen zu schaffen – „oder zu erträumen“ -, sondern es geht ihr vorrangig darum, eindeutig schweres Unrecht zu verhindern: „Als Menschen im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert für die Abschaffung der Sklaverei kämpften, arbeiteten sie nicht in der Illusion, dass die Welt durch die Abschaffung der Sklaverei vollkommen gerecht würde. Vielmehr gingen sie davon aus, dass eine Gesellschaft, die Sklaverei duldete, vollkommen ungerecht sei (…) Weil Sklaverei als untragbare Ungerechtigkeit diagnostiziert wurde, erhielt ihre Abschaffung höchste Priorität, und dazu brauchte man keinen Konsens über das Aussehen einer vollkommen gerechten Gesellschaft“ (50).
 
Allegorie auf die Sklavenbefreiung: Als leibhaftigen Messias hießen schwarze Sklaven US-Präsident Abraham Lincoln willkommen, als er nach der Eroberung der konföderierten Hauptstadt Richmond im April 1865 durch die Straßen ritt. 

Das, was in der Welt passiert, ist demnach für unsere moralische und politische Einstellung ausgesprochen wichtig. In der umfassenden Perspektive von nyaya gesehen, darf mach Sen zufolge niemals die Aufgabe der Gerechtigkeit einfach an ein niti sozialer Institutionen und sozialer Regeln delegieren, die man für richtig und korrekt hält, und es dann dabei belassen. Danach zu fragen, „welchen Lauf die Dinge nehmen und ob sie verbessert werden können, gehört somit konstant und unumgänglich zum Streben nach Gerechtigkeit“ (114).

Zitate aus: Amartya Sen: Die Idee der Gerechtigkeit, München 2010 (C.H.Beck)

Donnerstag, 22. November 2012

Amartya Sen und die Medien


In seinem Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“ behandelt Amartya Sen (*03.11.1933) im Kapitel „Demokratie als öffentliche Vernunft“ auch die Rolle und Funktion der Medien.

US-Briefmarke für die Pressefreiheit (1958)
Versteht man die Geschichte der Demokratie als Entwicklung des öffentlichen Vernunftgebrauches, bzw. als „Regierung durch Diskussion“, dann ist Demokratie unweigerlich verbunden mit der Arbeit einer freien und unabhängigen Presse. Unzensierte und kritische Medien sind nach Sen für eine freie Gesellschaft aus verschiedenen Gründen wichtig:

Erstens leistet Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit einen unmittelbaren Beitrag zu unserer Lebensqualität. Wenn wir davon ausgehen, dass wir uns miteinander verständigen müssen, um uns und unsere Umwelt zu verstehen und gegebenenfalls zu verbessern, dann ist Pressefreiheit eine der entscheidenden Grundlagen dazu.

„Fehlende Medienfreiheit und Unterdrückung der Möglichkeit zur Kommunikation wirken sich unmittelbar als Verringerung der Lebensqualität aus, auch wenn das autoritäre Land, das diese Zensur übt, gemessen am Bruttonationaleinkommen sehr reich sein sollte“ (362).

Zweitens hat die Presse eine wichtige Funktion als Informationsquelle, schließlich verbreitet sie Wissen und ermöglicht dessen kritische Überprüfung. So haben die Medien seit ihren Anfängen die Aufgabe gehabt, die Bürger auf dem Laufenden zu halten, damit sie wissen, was wann und wo geschieht.

„Darüber hinaus kann der investigative Journalismus Informationen ausgraben, die sonst unbemerkt oder sogar unbekannt geblieben wären“ (362).


Libertad digital - Ein gutes Beispiel für einen kritischen Journalismus


Drittens verbindet sich mit der Medienfreiheit eine wichtige Schutzfunktion. Es scheint mittlerweile normal geworden zu sein, dass die Regierenden eines Landes oft ein isoliertes, von den konkreten Problemen der gewöhnlichen Menschen abgeschirmtes Leben führen.

„Wenn die Machthaber jedoch öffentliche Kritik in den Medien gewärtigen müssen werden und vor Wahlen einer unzensierten Presse gegenüberstehen, kann sie das teuer zu stehen kommen – ein starker Anreiz für sie, rechtzeitig zu handeln, um solche Krisen zu vermeiden“ (362).

Viertens kann eine auf sachlichen Informationen beruhende Wertebildung nur gelingen, wenn offene Kommunikation und Auseinandersetzung in der Gesellschaft möglich sind. Die Veränderung politischer Ziele beispielsweise muss im Rahmen eines öffentlichen Diskurses stattfinden.

„Durchdachte Wertebildung ist ein interaktiver Prozess, und die Presse kann erheblich dazu beitragen, dass solche Interaktionen möglich werden“ (362).

Pressefreiheit weltweit (nur in den "grünen Ländern" existiert eine freie Presse) 

Fünftens können gut funktionierende Medien dazu beitragen, dass der öffentliche Vernunftgebrauch generell erleichtert wird.

„Es ist nicht schwer einzusehen, warum freie, energische und effiziente Medien den nötigen diskursiven Prozess erheblich erleichtern können. Die Medien sind nicht nur für Demokratie, sondern für das Streben nach Gerechtigkeit generell wichtig“ (363).

„Gerechtigkeit ohne Diskussion“ – so Sen – „kann eine sehr beklemmende Vorstellung sein“ (363).

Zitate aus: Amartya Sen: Die Idee der Gerechtigkeit, München 2010 (C.H.Beck)


Donnerstag, 20. September 2012

Amartya Sen und die Objektivität


Im Gleichnis „Die blinden Männer und der Elefant“ untersucht eine Gruppe von Blinden einen Elefanten, um zu begreifen, worum es sich bei diesem Tier handelt. Jeder untersucht nur einen Körperteil. Dann vergleichen sie ihre Ergebnisse untereinander und stellen fest, dass jeder von ihnen zu seinen eigenen, vollständig unterschiedlichen Schlussfolgerungen gekommen ist.

Die blinden Männer und der Elefant

Die blinden Männer sind letztlich nicht in der Lage, die vollständige Realität des Elefanten klar und deutlich zu begreifen. Sie erkennen nur den Auschnitt, der aufgrund ihrer individuellen Perspektive erkennbar ist.

Das Gleichnis ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir versuchen müssen, die engen Grenzen einer positionellen, d.h. standortgebundenen oder standpunktabhängigen Perspektive zu überwinden. Eine eingeschränkte Perspektive ist vor allem deshalb ein Problem, weil sie nur begrenzte Beobachtungen erlaubt und uns häufig daran hindert, all das zu sehen, was in der Welt geschieht.

Obwohl also Beobachtungen und Rückschlusse von der Position des Beobachters abhängen, kann man gleichwohl von einer „positionsbedingten Objektivität“ sprechen. Der Gegenstand einer solchen objektiven Beobachtung ist ein Phänomen, das jede normale Person von einer vorgegebenen Position aus nachprüfen kann.

Ein Beispiel für diese Form der positionsbedingten Objektivität ist der Satz „Mond und Sonne sehen gleich groß aus.“ Auch wenn der Standort in der Aussage nicht explizit genannt wird, so ist sie doch eindeutig standortabhängig und könnte auch folgendermaßen formuliert werden: „Von der Erde aus betrachtet, sehen Mond und Sonne gleich groß aus.“ In jedem Fall gibt es keinen Grund, diese Aussage als subjektiv aufzufassen oder als ein mentales Phänomen einer bestimmten Person zu bezeichnen. In diesem Fall geht es schlicht darum, wie ein Objekt von einer festgelegten Beobachtungsposition aussieht, und in diesem Fall sieht es – objektiv betrachtet – für jeden Beobachter gleich aus.

Das klassische Verständnis von Objektivität jedoch geht über die positionelle Objektivität hinaus, wie sie Thomas Nagel im folgenden Zitat beschreibt: „Eine Ansicht oder Form des Denkens ist dann objektiver als eine andere, wenn sie weniger abhängig ist von den Besonderheiten in der Veranlagung eines Individuums und seiner Stellung in der Welt oder vom Charakter des besonderen Typs, zu dem es gehört“ (Nagel, 13).

Dieser Definition nach ist gerade die Unabhängigkeit einer Meinung vom individuellen Standort ein Merkmal von Objektivität. Würde man, um beim oben genannten Beispielsatz zu bleiben, aus der Beobachtung, dass Sonne und Mond gleich aussehen, wenn man sie von der Erde aus betrachtet, die Konklusion ableiten, dass auch ihre Massen gleich sind, so verstieße dies gegen die Positionsunabhängigkeit von Objektivität. Daraus folgt, dass standortgebundene Beobachtungen irreführend sein können, wenn man ihre Standortbedingtheit nicht genügend beachtet und gegebenenfalls korrigiert.

The Idea of Justice (2009)
Standortgebundene Beobachtungen und Meinungen sind nun nicht nur für die Suche nach Erkenntnis zentral, sondern auch in der Ethik und politischen Philosophie, wie Amartya Sen in seinem Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“ ausführt.

Insbesondere für die Formulierung einer Theorie der Gerechtigkeit ist eine Haltung nötig, die frei ist von positionsbedingten Vorurteilen. „Menschen, für die standpunktgebundene Perspektiven zur Gewohnheit geworden sind, können sich nur schwer von diesem eingeschränkten Blickwinkel lösen“ (Sen, 189).

Sen weist darauf hin, dass in der Praxis die Reichweite des öffentlichen Gebrauchs der Vernunft durch die Art und Weise eingeschränkt wird, wie Menschen die Welt, in der sie leben, verstehen. „Und wenn der starke Einfluss der Positionsabhängigkeit dieses soziale Verständnis vernebelt, dann verlangt dies allerdings besondere Beachtung, sobald es um die Erkenntnis der gravierenden Schwierigkeiten geht, die bei der Einschätzung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu erwarten sind“ (Sen, 195f).

Positionsbedingte Illusionen müssen daher in erster Linie dadurch überwunden werden, indem die Informationsbasis für Bewertungen verbreitert wird. Genau dies hatte schon Adam Smith in seinem Buch „Theorie der ethischen Gefühle“ veranlasst, bei der moralischen Beurteilung unserer Taten immer auch Perspektiven von außen mit zu berücksichtigen. Dies geschieht zum Einen durch die Vorstellung eines „unparteiischen Zuschauers“: Wenn wir unser Verhalten beurteilen, müssen wir es „prüfen, wie es unserer Ansicht nach irgendein anderer fairer und unparteiischer Zuschauer prüfen würde“ (Smith, 167).

Adam Smith aber fordert ebenso, Perspektiven aus der Ferne systematisch zu berücksichtigen - ein Gedanke, der sich schon bei David Hume findet: „Nehmen wir weiter an, dass mehrere verschiedene Gesellschaften zum gegenseitigen Nutzen und Vorteil einen gewissen Umgang pflegen, dann erweitern sich die Grenzen der Gerechtigkeit in dem Maße, wie sich der Blickwinkel der Menschen erweitert und ihre gegenseitigen Verbindungen stärker werden“ (Hume, 111).

Keine Theorie der Gerechtigkeit kann die übrige Welt außerhalb des eigenen Landes einfach ignorieren. Nachbarschaft wird in einer globalisierten Welt immer umfassender. Daher wird eine Theorie der Gerechtigkeit alle positionsbedingten Beschränkungen im Hinblick auf moralische oder politische Verpflichtungen überwinden müssen, die die Wahrnehmung auf eine „unmittelbare Nachbarschaft“ einengen und so die Ansicht versuchen abzuwehren, dass man nur dem Nächsten etwas schulde, aber nicht den Menschen außerhalb der Nachbarschaft.

„In der Welt von heute gibt es nur sehr wenige Nicht-Nächste“ (Sen, 201).

Zitate aus: Amartya Sen: Die Idee der Gerechtigkeit, München 2010 (C.H.Beck)  --   Thomas Nagel: Der Blick von Nirgendwo, Frankfurt 1992 (Suhrkamp)  --  Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle, Leipzig 1926 (Meiner)  --  David Hume: Prinzipien der Moral, Stuttgart 2002 (Reclam)


Freitag, 31. August 2012

Amartya Sen und der Capability-Ansatz

An der Bewertung der Freiheit scheiden sich seit Jahrhunderten die Geister. Der philosophische Freiheitsbegriff befindet sich in einer ständigen Diskussion und unterliegt damit auch einem permanenten Wandel. Das Problem wird noch dadurch erschwert, dass sich im Begriff der Freiheit gleichzeitig psychologische, soziale, kulturelle, politische und rechtliche Dimensionen überschneiden.

Dennoch gehört Freiheit zu den zentralen Begriffen der Philosophie und Ideengeschichte. Insbesondere, wenn wir versuchen unser eigenes Leben zu beurteilen, dann dürfen wir nicht nur unsere tatsächliche materielle Lebensführung betrachten, sondern müssen ebenso unsere Freiheit berücksichtigen, zwischen verschiedenen Lebensstilen wählen zu können. Die Freiheit, über unser Lebens selbst zu bestimmen, ist daher ein fundamentaler Aspekt der Lebensqualität

Amartya Sen (* 3.11.1933)
Auch in der „Theorie der Gerechtigkeit“ von Amartya Sen steht der Begriff der Freiheit im Zentrum der Beurteilung einer Gesellschaft und der Einschätzung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit.

Freiheit ist für Sen kostbar aus mindestens zwei Gründen. Erstens gibt uns Freiheit mehr Chancen, unsere Ziele zu verfolgen – die Dinge, die wir hoch schätzen. Sie unterstützt uns zum Beispiel bei der Entscheidung, so zu leben, wie wir möchten, und beim Streben nach den Zielen, die wir erreichen wollen. Zweitens können wir aber dem Entscheidungsprozess selbst Bedeutung beimessen. So wollen wir bei allen unseren Entscheidungen sicher sein, dass wir nicht in eine Lebenslage gezwungen werden, weil andere Druck auf uns ausüben (256).

Aus diesen Gründen stellt Amartya Sen den Begriff der Freiheit in das Zentrum seines sogenannten Befähigungs- oder Capability-Ansatzes.

„In diesem Ansatz wird der individuelle Vorteil gemessen an der Befähigung einer Person, die Dinge zu tun, die sie mit gutem Grund hochschätzt. Hat eine Person geringere Befähigung – weniger reale Chancen – als eine andere, die Dinge zu tun, die sie mit Grund hoch bewertet, wird ihr Vorteil niedriger eingeschätzt“ (259)

Der Schwerpunkt beim Capability-Ansatz liegt also auf der tatsächlichen Freiheit einer Person, dieses oder jenes zu tun – Dinge, die ihr (und vielleicht nur ihr) wichtig sind.

Freiheit umfasst daher neben der Abwesenheit von Hindernissen (passive Freiheit), vor allem auch die Möglichkeit, nach eigenen Wünschen zu handeln (aktive Freiheit). Freiheit ist für Sen daher ein normatives Ziel, ein Zweck an sich. Eine Gesellschaft ist für ihn umso gerechter, je mehr ihrer Mitglieder über Befähigung- oder Verwirklichungschancen (capabilities) verfügen.

„Der Befähigungsansatz konzentriert sich auf das Menschenleben und nicht auf irgendwelche für sich stehenden zweckdienlichen Daten, etwa die Einkommensquellen oder Verbrauchsgüter, über die eine Person verfügt, Daten, die vor allem in wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen häufig als Hauptkriterien für den Erfolg von Menschen gelten“ (261).

Das Ziel des Capability Approaches ist also letztlich, die Gerechtigkeit nicht nur mit dem Einkommen, dem Besitz, mit Privilegien und Macht als eindimensionalen Maßstäben zu erfassen, wie es vielfach üblich ist. Im Vordergrund steht die Frage, was der Mensch für ein gutes, gelingendes Leben benötigt. Materielle Güter und Ressourcen werden für diesen Zweck nur als - allerdings wichtige - Mittel und nicht als Selbstzweck betrachtet.

Aristoteles
Schon Aristoteles hatte in der Nikomachischen Ethik mit großer Klarheit argumentiert: „Der Reichtum ist gewiss nicht das gesuchte oberste Gut. Denn er ist nur ein Nutzwert: Mittel für andere Zwecke“ (1096a).

Amartya Sen dagegen geht es bei seinem Ansatz um Befähigungen, über die der Mensch verfügen muss, damit er sein Leben erfolgreich gestalten kann. 

Dazu ein Beispiel von Sen: „Auch wenn zwischen zwei Personen hinsichtlich ihrer realisierten Funktionsweisen ´Gleichstand` herrscht, können sich dahinter immer noch signifikante Unterschiede zwischen den Vorteilen der einen und der anderen Person verbergen (…) Vergleicht man zum Beispiel den Hunger und die Unterernährung zweier Menschen, kann jemand, der aus religiösen oder politischen Gründen freiwillig fastet, genauso an Unterernährung und Nahrungsmangel leiden wie das Opfer einer Hungersnot … und dennoch kann die Befähigung der gut situierten Person, die das Fasten gewählt hat, viel größer sein als die Chancen derjenigen, die unfreiwillig aus Armut und Not Hunger leidet“ (264).

Der Befähigungsansatz verknüpft die Idee der Befähigung mit dem Vorhandensein von substantieller Freiheit und schreibt so der tatsächlichen Fähigkeit einer Person, die verschiedenen Dinge zu tun, die ihr wichtig sind, eine zentrale Rolle zu.

Der Capability-Ansatz konzentriert sich also auf das Leben, das Menschen tatsächlich führen können, und nicht auf ihre Ressourcen. Er bestätigt damit ausdrücklich, dass die Mittel für ein befriedigendes Menschenleben nicht selbst Ziele des guten Lebens sind – genau darauf kam es auch Aristoteles an.

(Quelle: Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung)
So richtet Sen schließlich den Blick auf die instrumentellen Funktionen der Freiheit. Diese dienen den Menschen als Mittel, das Ziel der Freiheit, d.h. die Verwirklichungschancen sicherzustellen. Zu den instrumentellen Freiheiten zählen neben den politische Freiheiten (Kritik, Widerspruch, Wahlrecht) auch ökonomische Ressourcen, sowie soziale Chancen (Bildung, Gesundheit), soziale Sicherheiten (Arbeitslosenversicherung, Sozialhilfe, Mindestlöhne) und die von ihm sogenannten Transparenzgarantien (vor allem Pressefreiheit). 

Es ist das Verdienst Sens, den Begriff der Freiheit auf seine ursprüngliche Grundbedeutung zurückgeführt zu haben: Freiheit als Befähigung oder Chance, ohne Zwang zwischen verschiedenen Möglichkeiten oder Präferenzen wählen und entscheiden zu können. So verstanden beschreibt Freiheit einen fundamentalen Zustand der Autonomie des Individuums.

Zitate aus: Amartya Sen: Die Idee der Gerechtigkeit, München 2010 (C.H.Beck)  --  Aristoteles: Ethik, München 1991 (dtv)


Donnerstag, 12. Januar 2012

Amartya Sen und die Gerechtigkeit

Amartya Sen 2007 (Bild: Elke Wetzig)
Amartya Sen (* 03.11.1933) gehört zu den wichtigsten Wirtschaftswissenschaftlern und -philosophen der Gegenwart. Zu seinen Forschungsschwerpunkten an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) gehören die Problematik der Armut und die Wohlfahrtsökonomie. 1998 erhielt Sen den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeiten zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung und zum Lebensstandard.

Drei Kinder streiten darüber, wem eine Flöte gehören soll. Mit diesem konkreten Problem eröffnet Amartya Sen sein Buch über „Die Idee der Gerechtigkeit“, das er seinem Lehrer John Rawls widmet, von dem er sich gleichwohl kritisch absetzt.

Das erste Kind, Anne, verlangt die Flöte für sich, weil sie die Einzige von den Dreien ist, die Flöte spielen kann.

Nun meldet sich das zweite Kind, Bob, und fordert für sich die Flöte, weil er als Einziger von den Dreien so arm ist, dass er keine eigenen Spielsachen besitzt. Die Flöte wäre also sein erstes eigenes Spielzeug.

Schließlich erklärt Clara, das dritte Kind, dass sie viele Monate mit Fleiß und Ausdauer gearbeitet hat, um die Flöte selbst herzustellen.


Zwei Beobachtungen sind wichtig: Alle Argumente werden von den jeweils anderen beiden Kindern nicht bestritten. Wenn wir nur die Argumente eines Kindes gehört hätten, hätten wir gute Gründe, die Flöte diesem Kind zu geben.

In der Praxis müssten wir also eine schwere Entscheidung treffen, bei der wir uns an Theoretikern wie Utilitaristen, Verteidiger eines ökonomischen Egalitarismus oder Vertreter des Liberalismus orientieren könnten. Jeder von ihnen wäre der Ansicht, „dass es eine eindeutige Lösung gibt und dass sie auf der Hand liegt, also mühelos zu finden ist. Aber fast mit Sicherheit würden sie jeweils völlig verschiedene Lösungen für offensichtlich halten.

Der Egalitarier würde am ehesten Bob, das ärmste Kind, in seinem Bemühen unterstützen, Ungleichheiten in den ökonomischen Ressourcen der Menschen zu beseitigen. Carla würde deutlich vom Vertreter des Liberalismus unterstützt werden, weil das Recht auf die Flöte auf der eigenen Arbeit und Produktivität gründet. Der Utilitarist würde argumentieren, dass Annes Vergnügen und Nutzen offensichtlich größer ist, als bei den anderen, weil nur sie Flöte spielen kann.

Es ist also alles andere als leicht, auch nur einen der Ansprüche, die entweder mit der Beseitigung von Armut oder dem Recht, die Produkte eigener Arbeit zu genießen, oder dem Streben nach einem erfüllten Leben begründet sind, beiseite zu schieben.

Es kann also sein - und nicht nur in diesem Fall-, dass es tatsächlich keine erkennbare vollkommen gerechte soziale Regelung gibt, aus der eine unparteiische Einigung hervorgehen kann.

Der Kern dieses Problems liegt für Sen darin, dass alle Theorien der Gerechtigkeit, die gegenwärtig in der politischen Philosophie das Feld beherrschen, das Ziel verfolgen, anschließende Antworten auf die Frage „nach dem Wesen vollkommener Gerechtigkeit zu bieten“ (9).




Das Interesse von Sen dagegen ist ein anderes. Statt eine perfekte Gesellschaft philosophisch auszuformulieren, will er mit seiner Gerechtigkeitstheorie vor allem „klären, wie wir verfahren können, wenn wir Fragen der Erweiterung von Gerechtigkeit und Beseitigung von Ungerechtigkeit in Angriff nehmen wollen“ (ebd.).

Erstens müsse eine Theorie der Gerechtigkeit, „die als Basis für den Gebrauch der praktischen Vernunft dienen kann“ (ebd), vor allem zeigen, wie die realen Versuche zur Beseitigung von Ungerechtigkeit und Förderung von Gerechtigkeit zu bewerten sind. Das schließt auch Urteile über das Verhalten von Institutionen und Individuen ein.

Zweitens geht Sen davon aus, dass „mehrere verschiedene Gründe der Gerechtigkeit nebeneinander bestehen können, die alle kritischer Überprüfung standhalten, aber zu unterschiedlichen Folgerungen führen“ (10), wie im obigen Beispiel mit der Flöte deutlich wurde.

Die Pluralität von Wertvorstellungen innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft (oder auch innerhalb einer Person) ist nicht nur ein signifikantes Problem jeder Entscheidungssituation, sondern zugleich auch das Kennzeichen einer auf Freiheit beruhenden Gesellschaft, wie schon Isaiah Berlin deutlich gemacht hat.

Drittens ist Sen überzeugt, dass Gerechtigkeit in einer Gesellschaft letzten Endes verbunden ist mit der konkreten Lebensführung von Menschen „und nicht nur mit der Eigenart der Institutionen in ihrer Umgebung“ (11). Sen kritisiert, dass sich viele der wichtigsten Gerechtigkeitstheorien übermäßig auf die Frage konzentrieren, wie gerechte Institutionen geschaffen werden können und damit die konkreten Verhaltensmuster der Individuen vernachlässigen.

Dieser letzte Aspekt hängt stark mit Sens Auffassung von Demokratie
zusammen. In seinem Buch „wird Demokratie am öffentlichen Vernunftgebrauch gemessen, das heißt, als „Regierung durch Diskussion“ verstanden (eine Vorstellung, die John Stuart Mill sehr gefördert hat)“ (13). Danach wird Demokratie sehr weit und allgemein gefasst, und zwar im Rahmen ihrer Fähigkeit, „durchdachtes Engagement zu fördern, indem sie für mehr Informationen sorgt und interaktive Diskussionen möglich macht. Demokratie ist nicht nur anhand formal existierender Institutionen zu beurteilen, sondern ihr Maß ist die Vielfalt der Stimmen aus unterschiedlichen Bereichen, die tatsächlich gehört werden können“ (ebd.)

Die Vernunft sucht die Wahrheit, wo immer sie sich finden lässt …



Zitate aus: Amartya Sen: Die Idee der Gerechtigkeit, München 2010 (C.H.Beck)