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Donnerstag, 7. November 2013

Nicolás Maduro und das Ministerium für Glückseligkeit

Nicht erst seit Karl Raimund Popper weiß man, dass die Verbindung von Politik und Romantik fatale Folgen hat für das Leben in einer staatlichen Gemeinschaft. Anstatt auf die Vernunft setzt man eine verzweifelte Hoffnung auf politische Wunder. Diese irrationale Einstellung – Popper nennt sie „Romantizismus“  –, „die sich an Träumen von einer schönen Welt berauscht … mag einen himmlischen Staat in der Vergangenheit oder in der Zukunft suchen, aber sie wendet sich immer an unsere Gefühle, niemals an unsere Vernunft.“

Maduro sucht das Glück
Am 24. Oktober 2013 kündigte der venezolanische Präsident, Nicolas Maduro die Gründung eines „Vizeministeriums zur obersten sozialen Glückseligkeit des venezolanischen Volkes“ (span. Viceministerio para la Suprema Felicidad Social del Pueblo venezolano) angekündigt, das sich mit “direkten Eingriffen” um das Glück der Untertanen kümmern soll.

Im 5. Buch seines Werkes „Der Wohlstand der Nationen“ beschrieb Adam Smith noch wie selbstverständlich die drei klassischen Aufgaben des Staates: Landesverteidigung, Justizwesen und Öffentliche Anlagen bzw. Einrichtungen.

Das „Erreichen der Glückseligkeit“ ist sicherlich für jeden Menschen eine individuelle Herausforderung im Leben. Ob man sich allerdings wirklich wünschen soll, dass die Politiker sich direkt darum kümmern mögen, die Glückseligkeit der Bürger zu erreichen – statt über die Schaffung guter Rahmenbedingungen, innerhalb derer jeder Einzelne auf seine ganz individuelle Weise sein Glück – und nicht das Glück – finden kann –, ist zu bezweifeln.

Für Jakob Burckhardt ist die Hauptaufgabe des Staates der Interessenausgleich. Daher sei es „eine Ausartung und philosophisch-bürokratische Überhebung, wenn der Staat direkt das Sittliche verwirklichen will“ – und dazu gehört ja die Vorstellung vom vollkommenen Glück.

In Venezuela dagegen soll das neue Glücksministerium nun die 30 verschiedenen Sozialprogramme der Regierung koordinieren und verwalten. Dazu gehören Sanitätsstationen, Schulen und Geschäfte mit subventionierten Lebensmitteln in den Armenvierteln. "Missionen" werden diese Niederlassungen genannt, ein System, das der verstorbene Präsident Hugo Chávez hatte diese System nach kubanischem Vorbild eingeführt hatte.

Chávez hatte es während seiner Amtszeit immer hervorragend verstanden, den Grundwiderspruch des Landes zu verschleiern: Einerseits sitzt Venezuela auf Unmengen von Erdöl und verdient damit Milliarden Dollar. Andererseits wuchern die Slums.

Maduro - ein neuer Messias für die Glückseligkeit

Viele Venezolaner sind daher auch eher unglücklich. Die Inflation liegt bei knapp 50 Prozent. Mancherorts sind auch Maismehl und Milchpulver knapp. Klopapier fehlt schon seit Wochen. Immer mal wieder fällt der Strom aus, und die Mordrate ist katastrophal hoch.

Venezuela funktioniert also unter Maduro noch schlechter als zuvor. Um seine eigene Unfähigkeit zu kaschieren, hat Maduro jetzt angekündigt, den Tag der Kommunalwahlen am 8. Dezember zum "Tag der Treue und Liebe zu Chávez" zu küren.

Natürlich ist gegen eine Politik, die versucht, die Lebensumstände der Menschen zu verbessern, überhaupt nichts einzuwenden. Hier aber liegt der Verdacht nahe, die Menschen vorrangig mit politischen Mitteln glücklich zu machen.

Auch Ludwig von Mises betont, dass alles, was über die eigentlichen Aufgaben des Staates – das sind der Schutz des Lebens und der Gesundheit, der Freiheit und des Privateigentums – hinausgeht, von Übel ist: „Eine Regierung, die, statt ihre Aufgabe zu erfüllen, darauf ausgehen wollte, selbst das Leben und die Gesundheit, die Freiheit und das Eigentum anzutasten, wäre natürlich ganz schlecht.“

Überhaupt nichts hält von Mises vom „abstrusen Mystizismus“ einer Staatsvergottung und Staatsanbetung: Weder ist der der Staat „das unmittelbare und sichtbare Bild des absoluten Lebens, eine Stufe der Offenbarung des Absoluten, der Weltseele“ – so Schelling, noch „offenbart sich in dem Staate die absolute Vernunft, realisiert sich in ihm der objektive Geist“ – so Hegel.

Sobald man, so von Mises weiter, den Grundsatz der Nichteinmischung des Staatsapparates in allen Fragen der Lebenshaltung des einzelnen aufgegeben hat, wird man automatisch dazu gelangen, das Leben bis ins Kleinste zu regeln und zu beschränken. „Die persönliche Freiheit des einzelnen wird aufgehoben, er wird zum Sklaven des Gemeinwesens, zum Knecht der Mehrheit. Man braucht sich gar nicht auszumalen, wie solche Befugnisse von böswilligen Machthabern mißbraucht werden könnten. Schon die vom besten Willen erfüllte Handhabung derartiger Befugnisse müsste die Welt in einen Friedhof des Geistes verwandeln.“


Das Glück liegt auf der Straße !? - Slum in Caracas

Seine absolute Grenze findet die staatliche Macht jedoch in der individuellen Suche nach Sinn und Glück. Kaum jemand hat diesen Gedanken besser formuliert als John Stuart Mill: „Man kann jemanden gerechterweise nicht zwingen, bestimmte Dinge zu tun oder zu unterlassen, weil es für ihn selbst so besser sei, weil es ihn glücklicher machen würde, oder weil es nach der Meinung anderer weise oder gerecht wäre, wenn er so handelte. Dies sind gute Gründe, um jemandem Vorstellungen zu machen oder mit ihm zu debattieren, ihn zu überzeugen oder in ihn zu dringen; aber es sind keine Motive, um ihn zu zwingen oder Strafen über ihn zu verhängen, falls er anders handelt. Um das zu rechtfertigen, muss das Handeln, von dem man jemand abbringen will, für einen anderen einen Schaden bedeuten.“

Es ist daher die Pflicht eines jeden autonomen Subjekts, sich „gegen die Bevormundung der herrschenden Meinung und des herrschenden Gefühls“ zu wehren. „Man muss sich schützen gegen die Absicht der Gesellschaft, durch andere Mittel als bürgerliche Strafen ihr eigenes Denken und Tun als Regel auch solchen aufzuerlegen, die davon abweichen. Man muss sich hüten vor der Neigung der Gesellschaft, die Entwicklung zu hemmen und, wenn möglich, die Bildung jeder Individualität zu hindern, die mit den Wegen der Allgemeinheit nicht übereinstimmt, und alle Charaktere zu zwingen, sich nach ihrem eignen Muster zu richten.“

Das Venezuela Maduros jedenfalls nimmt mit der Einrichtung eines Ministeriums für Glückseligkeit geradezu orwellsche Züge an. Auch hier gibt es ein „Ministerium für Überfluss“, dass eben nicht den Überfluss, sondern den Mangel verwaltet. Wer wollte da nicht Parallelen ziehen zum „Toilettenpapierüberfluss“ in Venezuela …

Es bleibt dabei, was Popper schon vor über einem halben Jahrhundert eindringlich formulierte: „Sogar mit der besten Absicht, den Himmel auf der Erde einzurichten, vermag man diese Welt nur in eine Hölle zu verwandeln – eine jener Höllen, die Menschen für ihre Mitmenschen bereiten.“




Das "Ministerium für alberne Gänge" (“Ministry of Silly Walks”) von Monty Python scheint im Vergeich zum Glücksministerium geradezu sinnhaft und in jedem Fall weniger gefährlich ....

Nachtrag vom 10.11.2013: 
Wie Nicolas Maduro die "Glückseligkeit" in Venezuela auf politischem Wege erreichen will, hat er nun mit aller Deutlichkeit demonstriert: Nachdem er angeordnet hatte, die Geschäftsführung und etwa 500 Mitarbeiter der Ladenkette Daka (Haushaltsgeräte) zu verhaften, befahl er dem Militär, die Geschäfte zu besetzen und umgehend mit dem Verkauft sämtlicher Artikel zu beginnen - zu einem gerechten Preis, wie er sagte. 
Billig einkaufen (Foto: EFE)
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Der "Verkauf" allerdings lief dann - dafür braucht man kein Prophet sein - auf eine Art und Weise ab, die eigentlich nur den Namen "Plünderung" verdient: Zerbrochene Fensterscheiben und schlichter Diebstahl - darin besteht das "Glück" in Venezuela ... - außer natürlich für die in Haft einsitzenden Unternehmer und ihre Mitarbeiter!


  
Zitate aus: Zitate aus: Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Wiesbaden 2009 (Marixverlag)  -  J. S. Mill, Über die Freiheit, Köln 2009 (Anaconda)  -  Ludwig von Mises: Liberalismus. Jena 1927 (online unter: http://docs.mises.de/Mises/Mises_Liberalismus.pdf

Donnerstag, 4. April 2013

Jacob Burckhardt und die Bedeutung Athens


In der kleinen, posthum erschienen Schrift „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ (1905) von Jacob Burckhardt findet sich folgender Hymnus auf die Bedeutung des antiken Athen für die Geschichte der Menschheit:

„Welch eine unermeßliche geschichtliche Erkenntnis geht von dieser Stadt aus! Jeder muß bei seinen Studien irgendwie dort einkehren und das Einzelne auf dieses Zentrum zu beziehen wissen.

Die griechische Philosophie, bei verschiedenen Stämmen entstanden, hat in Athen zusammengemündet; Homer ist in Athen in seine gegenwärtige Form gebracht worden; das griechische Drama, die höchste Objektivierung des Geistigen in einem sinnlich Wahrnehmbaren und zugleich Beweglichen, ist fast ausschließlich das Werk Athens; der Attizismus ist der Stil aller späteren Griechen geworden; ja das ungeheure Vorurteil des ganzen (auch römischen) späteren Altertums zugunsten der griechischen Sprache als des reichsten und biegsamsten Organes alles Geistes ruht wesentlich auf den Schultern Athens.

Endlich die griechische Kunst, unabhängiger vielleicht von Athen als irgend eine andere Äußerung des griechischen Wesens, dankt ihr doch den Phidias und andere der Größten und hat in Athen ihren wichtigsten Vermittlungsort gefunden.

Hier möge überhaupt der Bedeutung gedacht sein, die ein anerkannter geistiger Tauschplatz und zwar ein freier hat. 

Sokrates
Nun tritt in Athen auch der Geist frei und offen hervor oder schimmert wenigstens überall wie durch eine leichte Hülle hindurch infolge der Einfachheit des ökonomischen Daseins, des Sich-Begnügens mit mäßigem Landbau, Handel und Industrie, der großen Mäßigkeit des Lebens; leicht und strahlend entbinden sich aus diesem Treiben Teilnahme am Staat, Eloquenz, Kunst, Poesie und Philosophie.

Wir finden hier keine Abgrenzung von Ständen nach Rang, keine Trennung von Gebildeten und Ungebildeten, keine Quälerei, es einander an Äußerlichkeiten gleich- oder zuvorzutun, kein Mitmachen »anstandshalber«, daher auch kein Erlahmen nach der Überanstrengung, kein Philisterium im Négligé neben aufgedonnerten Gesellschaften und Festen, sondern eine gleichmäßige Elastizität; die Feste sind etwas Regelmäßiges, kein gequälter Effort.

So ist jene Geselligkeit möglich, die sich aus den Dialogen Platos und z.B. aus Xenophons Convivium ergibt.

Dagegen findet sich keine Überladung mit Musik, welche bei uns das Unzusammengehörige verdeckt; auch findet sich keine Zimperlichkeit mit gemeinen heimlichen Bosheiten daneben. Die Leute haben einander etwas zu sagen und machen auch Gebrauch davon.

So bildete sich ein allgemeines Verständnis aus: Redner und Dramatiker rechnen auf ein Publikum, wie es sonst nie mehr vorhanden gewesen. Die Leute hatten Zeit und Geist für das Höchste und Feinste, weil sie nicht im Erwerb- und Ranggeist und falschen Anstand untergingen. Es war Fähigkeit vorhanden für das Sublime und für die feinsten Anspielungen wie für den frechsten Witz.

Jede Kunde von Athen meldet selbst das Äußerlichste in Verbindung mit Geist und in geistiger Form. Es gibt hier keine langweiligen Seiten.

Akropolis

Sodann stellt sich hier klarer als sonst irgendwo die Wechselwirkung zwischen dem Allgemeinen und den Individuen dar. Indem sich ein starkes lokales Vorurteil bildet, daß man hier alles können müsse, und daß hier die beste Gesellschaft und die größte, ja einzige Anregung sei, produziert die Stadt wirklich eine unverhältnismäßige Menge bedeutender Individuen und läßt sie auch emporkommen. Athen will sich beständig im Einzelnen gipfeln; es ist Sache eines enormen Ehrgeizes, sich hier auszuzeichnen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.


Zitate aus: Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Wiesbaden 2009 (Marixverlag)

Donnerstag, 14. März 2013

Jacob Burckhardt und die Aufgabe des Staates



In seiner kleinen, posthum erschienen Schrift „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ (1905) wendet sich Jacob Burckhardt  vehement gegen jede spekulative Geschichtsphilosophie, insbesondere gegen den von Condorcet, vor allem aber von Hegel geprägten Fortschrittsoptimismus.

Jacob Burckhardt
Ganz im Stile der späteren Schriften Karl Poppers gegen den Historizismus formuliert auch Burckhardt eine grundsätzliche Kritik an jeder Form der Geschichtsprophetie: „Wir sind aber nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit und kennen sie nicht. Dieses kecke Antizipieren eines Weltplanes führt zu Irrtümern, weil es von irrigen Prämissen ausgeht.“

Der Grundirrtum einer Geschichtsprophetie ist freilich nicht nur bei Philosophen zu beobachten: So mögen „Weltpotenzen die Geschichte nach ihrer Art ausdeuten und ausbeuten, z. B. die Sozialisten mit ihren Geschichten des Volkes.“

In diesem Zusammenhang macht Burckhardt nun einige – verblüffend aktuelle – Anmerkungen über den Ursprung und die Natur des Staates.

Burckhardt ist äußerst skeptisch gegenüber den verschiedenen Erklärungen zur Entstehung des Staates: „Eitel sind alle unsere Konstruktionen von Anfang und Ursprung des Staates, und deshalb werden wir uns hier über diese Primordien nicht wie die Geschichtsphilosophen den Kopf zerbrechen. Nur so viel Licht, daß man sehe, was für ein Abgrund vor uns liegt, sollen die Fragen geben: Wie wird ein Volk zum Volk? und wie zum Staat?“

Die Theorie vom Gesellschaftsvertrag, wie sie etwa John Locke und Thomas Hobbes vertraten, hält Burckhardt sogar für „absurd“: „Noch kein Staat ist durch einen wahren, d. h. von allen Seiten freiwilligen Kontrakt (inter volentes) entstanden; denn Abtretungen und Ausgleichungen wie die zwischen zitternden Romanen und siegreichen Germanen sind keine echten Kontrakte. Darum wird auch künftig keiner so entstehen. Und wenn einer so entstände, so wäre es eine schwache Schöpfung, weil man beständig um die Grundlagen rechten könnte.“

Für Burckhardt steht somit fest, dass der Staat nicht entstanden ist „durch Abdikation der individuellen Egoismen, sondern er ist diese Abdikation, er ist ihre Ausgleichung, so daß möglichst viele Interessen und Egoismen dauernd ihre Rechnung dabei finden und zuletzt ihr Dasein mit dem seinigen völlig verflechten.“

Der Staat habe daher zu verhindern, „daß sich die verschiedenen Auffassungen des `bürgerlichen Lebens´ an den Haaren nehmen. Er soll über den Parteien stehen; freilich sucht jede Partei sich seiner zu bemächtigen, sich für das Allgemeine auszugeben.“

Gerade, weil die Hauptaufgabe des Staates der Interessenausgleich ist, sei es „eine Ausartung und philosophisch-bürokratische Überhebung, wenn der Staat direkt das Sittliche verwirklichen will, was nur die Gesellschaft kann und darf.“

Natürlich ist auch für Burckhardt der Staat die „Standarte des Rechts und des Guten, welche irgendwo aufgerichtet sein muß, aber nicht mehr.“ Denn die „`Verwirklichung des Sittlichen auf Erden´ durch den Staat müßte tausendmal scheitern an der innern Unzulänglichkeit der Menschennatur überhaupt und auch der der Besten insbesondere.“

Nach Burckhardt habe das Sittliche ein wesentlich anderes Forum als der Staat. Es sei schon eine enorm schwierige Aufgabe, dass der Staat das konventionelle Recht aufrecht halte. So würde der Staat am ehesten gesund bleiben, wenn er sich seiner Natur als Notinstitut bewußt bliebe:

„Die Wohltat des Staates besteht darin, daß er der Hort des Rechtes ist. Die einzelnen Individuen haben über sich Gesetze und mit Zwangsrecht ausgerüstete Richter, welche sowohl die zwischen Individuen eingegangenen Privatverpflichtungen als auch die allgemeinen Notwendigkeiten schützen – weit weniger durch die wirklich ausgeübte Gewalt als durch die heilsame Furcht vor ihr.“ 



Die Weltgeschichtlichen Betrachtungen in englischer Übersetzung (New York 1943)

Das Ziel des Staates sieht Burckhardt in klarer liberaler Tradition im Schutz des Lebens und des Eigentums der Bürger: „Die Sekurität, deren das Leben bedarf, besteht in der Zuversicht, … daß man nie mehr nötig haben werde, innerhalb des Staates, so lange derselbe überhaupt besteht, gegeneinander zu den Waffen zu greifen. Jeder weiß, daß er mit Gewalt weder Habe noch Macht vermehren, sondern nur seinen Untergang beschleunigen wird.“

Schließlich verteidigt auch Burckhardt den Schutz der individuellen Freiheiten durch den Staat. Dies geschieht vornehmlich über den Begriff der Toleranz: „Endlich: in späten, gemischten Staatsbildungen, welche Schichten von verschiedenen, ja entgegengesetzten Religionen und religiösen Auffassungen beherbergen (und in letzterem Sinn sind jetzt alle Kulturstaaten paritätisch) sorgt der Staat wenigstens dafür, daß nicht nur die Egoismen, sondern auch die verschiedenen Metaphysiken einander nicht aufs Blut befehden dürfen (was noch heute ohne den Staat unvermeidlich geschehen würde, denn die Hitzigsten würden anfangen und die andern nachfolgen).“

Mit klarem antiutopischen Impetus macht Burckhardt schließlich deutlich, dass der einzig mögliche Ausgangspunkt für die Geschichtsphilosophie allein der duldende, strebende und handelnde Mensch sein kann, der Mensch „wie er ist und immer war und sein wird.“

Zitate aus: Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Wiesbaden 2009 (Marixverlag)

Donnerstag, 21. Februar 2013

Jacob Burckhardt und die Geschichte

Jacob Burckhardt ist bis heute vor allem als Verfasser großer kunst- und kulturgeschichtlicher Werke bekannt, darunter die „Kultur der Renaissance in Italien“ (1860) und das aus dem Nachlass herausgegebene vierbändige Werk „Griechische Kulturgeschichte“ (1898-1920).

Jacob Burckhardt
Burckhardt wurde am 25. Mai 1818 in Basel geboren, wo er, nur von Italienreisen unterbrochen, fast sein ganzes Leben verbrachte. Eine der interessantesten Episoden aus der Zeit seiner Professur für Geschichte und Kunstgeschichte (1858 – 1893) war sein intensiver geistiger Austausch mit Friedrich Nietzsche, der Anfang der 70er Jahre als junger Professor in Basel arbeitete.

Seine Bedeutung als Geschichtsphilosoph verdankt Burckhardt seiner kleinen, posthum erschienen Schrift „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ (1905). Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist eine Kritik an jeder spekulativen Geschichtsphilosophie: „Was nun die Eigenschaften der bisherigen Geschichtsphilosophie betrifft, so ging sie der Geschichte nach und gab Längendurchschnitte; sie verfuhr chronologisch. Sie suchte auf diese Weise zu einem allgemeinen Programm der Weltentwicklung durchzudringen, meist in höchst optimistischem Sinne.“

Insbesondere wendet sich Burckhardt gegen den von Hegel geprägten Fortschrittsoptimismus: „Er sagt, der einzige Gedanke, den die Philosophie mitbringe, sei der einfache Gedanke der Vernunft, der Gedanke, daß die Vernunft die Welt beherrsche, daß es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei, und das Ergebnis der Weltgeschichte müsse (sic!) sein, daß sie der vernünftige, notwendige Gang des Weltgeistes gewesen sei, – was alles doch erst zu beweisen und nicht »mitzubringen« war.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel
In diesem Sinne entwickelt Hegel schließlich den Grundgedanken, die Weltgeschichte sei die Darstellung, wie der Geist zu dem Bewußtsein dessen komme, was er an sich bedeute. So sei Hegel zufolge eine Entwicklung zur Freiheit beobachtbar, nach der im Orient lediglich einer, dann bei den klassischen Völkern wenige frei gewesen seien, und die neuere Zeit schließlich alle frei mache.

Das Problem der von Hegel verfochtenen „Lehre von der Perfektibilität, d. h. dem bekannten sogenannten Fortschritt“ ist nach Burckhardt schlicht folgendes: „Wir sind aber nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit und kennen sie nicht. Dieses kecke Antizipieren eines Weltplanes führt zu Irrtümern, weil es von irrigen Prämissen ausgeht.“

So liege die Gefahr aller chronologisch angeordneten Geschichtsphilosophien darin, „daß sie im günstigen Fall in Weltkulturgeschichten ausarten (in welchem abusiven Sinne man den Ausdruck Geschichtsphilosophie kann gelten lassen), sonst aber einen Weltplan zu verfolgen prätendieren und dabei, keiner Voraussetzungslosigkeit fähig, von Ideen gefärbt sind, welche die Philosophen seit dem dritten oder vierten Lebensjahr eingesogen haben.“

Der Grundirrtum einer Geschichtsprophetie ist freilich nicht nur bei Philosophen zu beobachten. „Ihr besonderes Recht hat die religiöse Geschichtsübersicht, für die das große Vorbild Augustins Werk de civitate dei ist, das an der Spitze aller Theodiceen steht.“ Aber auch „Weltpotenzen mögen die Geschichte nach ihrer Art ausdeuten und ausbeuten, z. B. die Sozialisten mit ihren Geschichten des Volkes.“

Das Problem ist hier auch ein methodisches, denn jede Methode ist „bestreitbar und keine allgültig. Jedes betrachtende Individuum kommt auf seinen Wegen, die zugleich sein geistiger Lebensweg sein mögen, auf das riesige Thema zu und mag dann diesem Wege gemäß seine Methode bilden.“

Ganz im Stile der späteren Schriften Karl Poppers gegen den Historizismus formuliert auch Burckhardt eine grundsätzliche Kritik an jeder Form der Geschichtsphilosophie. Unmissverständlich macht er klar, dass der einzig mögliche Ausgangspunkt für die Geschichtsphilosophie allein der duldende, strebende und handelnde Mensch sein kann, der Mensch „wie er ist und immer war und sein wird.“

„Die Geschichtsphilosophen betrachten das Vergangene als Gegensatz und Vorstufe zu uns als Entwickelten; – wir betrachten das sich Wiederholende, Konstante, Typische als ein in uns Anklingendes und Verständliches.

Jene sind mit Spekulation über die Anfänge behaftet und müßten deshalb eigentlich auch von der Zukunft reden; wir können jene Lehren von den Anfängen entbehren, und die Lehre vom Ende ist nicht von uns zu verlangen.“

Zitate aus: Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Wiesbaden 2009 (Marixverlag)