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Donnerstag, 30. Juli 2026

Alexander von Humboldt und die Sklaverei

 

„Die Natur ist das Reich der Freiheit!“

 

Andrea Wulfs großartige Humboldt-Biographie Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur zeigt den preußischen Naturforscher nicht nur als Begründer eines neuen,ganzheitlichen Naturverständnisses. Sie zeichnet ihn zugleich als politischen Denker, für den die Erforschung der Natur niemals von der Frage nach Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde zu trennen war. Besonders deutlich wird dies in Humboldts kompromissloser Gegnerschaft zur Sklaverei.

 

Alexander von Humboldt (1769-1859)
 

Als Humboldt zwischen 1799 und 1804 gemeinsam mit Aimé Bonpland durch die spanischen Kolonien Amerikas reiste, betrachtete er die Welt nicht mit dem distanzierten Blick eines Forschers, der lediglich Pflanzen sammelt, Höhen misst und Gesteinsschichten beschreibt. Er beobachtete vielmehr, wie Natur, Wirt-schaft und politische Herrschaft ineinandergriffen. Plantagenwirtschaft, Monokultur, koloniale Ausbeutung und Sklaverei bildeten für ihn Bestandteile desselben Systems. Auf Kuba erkannte er, dass „jeder Tropfen Zuckersaft Blut und Ächzen kostet“. Der Reichtum Europas und der weißen Pflanzer erschien damit nicht als Ergebnis wirtschaftlicher Tüchtigkeit, sondern als Produkt organisierter Gewalt.

 

Gerade hierin liegt die Modernität Humboldts. Seine Kritik an der Sklaverei ist weder bloß sentimental noch ausschließlich moralphilosophisch. Sie beruht auf genauer Beobachtung, empirischen Daten und ökonomischen Analysen. Humboldt untersuchte Produktionsverhältnisse, Landbesitz, Erträge und Handels-ströme. Doch hinter den Zahlen verlor er niemals die Menschen aus dem Blick. Das Gemeinwohl, erklärte er, bemesse sich nicht „nach dem Wert seiner Exporte“. Eine Wirtschaft, die den Wohlstand weniger durch die Unfreiheit vieler erkauft, kann demnach selbst dann nicht als erfolgreich gelten, wenn ihre Handelsbilanzen glänzen.

 

"Das größte aller Übel!"

Während seiner Reise dokumentierte Humboldt die Grausamkeit der Sklavenhaltergesellschaften. Er sah die Narben der Peitschenhiebe und hörte Berichte über Folter und Erniedrigung. Ebenso prangerte er die Gewalt gegen die indigene Bevölkerung an, deren Kinder verschleppt, verkauft oder zur Arbeit gezwungen wurden. Dabei durchschaute er auch die beschönigende Sprache der Kolonialherren. Die Frage, welche Kolonialmacht ihre Sklaven angeblich menschlicher behandele, erschien ihm so absurd wie die Erörterung, „ob es angenehmer ist, sich den Bauch aufschlitzen zu lassen oder geschunden zu werden“. Nicht die mildere Form der Unterdrückung war das Ziel, sondern ihre Abschaffung.

 

Eine besondere Schärfe gewinnt Andrea Wulfs Darstellung durch die Begegnung Humboldts mit Thomas Jefferson. Beide Männer teilten das Ideal einer agrarischen Republik freier, unabhängiger Landbesitzer. Doch während Jefferson Freiheit verkündete und zugleich seinen Wohlstand der Arbeit versklavter Menschen verdankte, zog Humboldt aus dem Freiheitsgedanken die universa-listische Konsequenz. Jeffersons republikanisches Ideal blieb rassisch und sozial begrenzt; Humboldts Freiheitsbegriff dagegen ließ sich nicht an Hautfarbe, Herkunft oder Religion binden. Die Sklaverei war für ihn „das größte Übel“ und eine „Schande“.

 

Alexander von Humboldt mit Thomas Jefferson
 

Freilich war auch Humboldt ein Mensch seiner Zeit. Im persönlichen Gespräch wagte er es nicht, Präsident Jefferson unmittelbar mit dessen eigener Verstrickung zu konfrontieren. Seine Kritik äußerte er gegenüber dessen Freund William Thornton. Dieser Mangel an persönlicher Konsequenz mindert nicht die Klarheit seiner Position, erinnert aber daran, dass moralische Einsicht und politischer Mut nicht immer vollständig zusammenfallen. Umso bemerkens-werter ist, dass Humboldt seine Überzeugung über Jahrzehnte hinweg öffentlich verteidigte.

 

Als 1856 in den Vereinigten Staaten eine englische Ausgabe seines Werkes über Kuba erschien, aus der sämtliche kritische Passagen zur Sklaverei entfernt worden waren, reagierte der fast siebenundachtzigjährige Humboldt mit Empörung. Er ließ eine Presseerklärung verbreiten und stellte klar, dass gerade die gestrichenen Abschnitte zu den wichtigsten des gesamten Buches gehörten. Noch im hohen Alter bezeichnete er die Vereinigten Staaten wegen der fortbestehenden Sklaverei und der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung als ein „beflecktes Land“. In Preußen erreichte er immerhin, dass versklavte Menschen in dem Augenblick ihre Freiheit erhielten, in dem sie preußischen Boden betraten.

 

Humboldts Ablehnung der Sklaverei gründete letztlich in seinem Naturver-ständnis. Weil alle Menschen einen gemeinsamen Ursprung besitzen, gibt es für ihn keine höheren und niedrigeren „Rassen“. Alle seien „gleichmäßig zur Freiheit bestimmt“. So wie die Natur ihre Einheit nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch Vielfalt gewinnt, so sollte auch die menschliche Gesellschaft eine Ordnung freier und verschiedener Individuen bilden. „Die Natur ist das Reich der Freiheit“, lautet einer seiner schönsten Sätze.

 

Damit verbindet Humboldt Naturwissenschaft und Humanismus auf eine Weise, die bis heute herausfordert. Wer die Natur als lebendiges Beziehungsgefüge begreift, kann den Menschen nicht zugleich zur Ware erniedrigen. Und wer Freiheit als Grundprinzip der Natur erkennt, darf sie nicht als Privileg einzelner Völker oder Hautfarben behandeln. Andrea Wulfs Buch macht sichtbar, dass Humboldts Kampf gegen die Sklaverei kein Nebenaspekt seines Denkens war. Er gehörte zum innersten Kern einer Weltanschauung, in der Erkenntnis ohne Humanität unvollständig und Fortschritt ohne Freiheit nichts anderes als Barbarei ist.


Zitate aus: Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, München 2016 (C. Bertelsmann). 

Sonntag, 19. Juli 2026

Alexander von Humboldt und die Erfindung der Ökologie

Im Jahre 1866 führte der deutsche Zoologe Ernst Haeckel einen neuen Begriff in die Wissenschaft ein: „Ökologie“. Er verstand darunter die „Wissenschaft von den Beziehungen eines Organismus zu seiner Umwelt“. Das Wort war neu, die ihm zugrunde liegende Betrachtungsweise aber war es nicht. Ihr eigentlicher Urheber war Alexander von Humboldt. Dies ist eine der zentralen Thesen in Andrea Wulfs großartiger Biografie „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“.

 


Der Titel des Buches ist durchaus wörtlich zu verstehen. Natürlich hat Humboldt die Natur nicht erfunden. Wohl aber hat er eine neue Vorstellung von ihr geschaffen. Vor Humboldt betrachteten viele Naturforscher Pflanzen, Tiere, Gesteine und klimatische Erscheinungen weitgehend getrennt voneinander. Sie sammelten, beschrieben, klassifizierten und ordneten. Humboldt dagegen fragte nach Zusammenhängen. Ihn interessierte nicht allein, was ein Gegenstand war, sondern in welchen Beziehungen er zu allem anderen stand.

 

Damit veränderte sich der Blick auf die Natur grundlegend. Sie erschien nicht länger als eine Ansammlung isolierter Objekte, sondern als ein dynamisches Ganzes. Humboldt sah, wie Temperatur, Höhe, Luftdruck, Bodenbeschaffenheit, Pflanzenwelt, Tiere und menschliche Eingriffe einander beeinflussen. In der „großen Kette von Ursachen und Wirkungen“, schrieb er, dürfe „kein Stoff, keine Thätigkeit isoliert betrachtet werden“.

 

Die entscheidende Einsicht gewann Humboldt auf seiner Reise durch Latein-amerika. Bei der Besteigung des Chimborazo im Jahre 1802 verbanden sich seine zahllosen Messungen und Beobachtungen zu einem neuen Bild. Pflanzen, die er in den Anden fand, erinnerten ihn an Arten aus den Alpen, aus Norddeutschland oder aus anderen Teilen der Welt. Höhenstufen entsprachen Klimazonen; ähnliche Umweltbedingungen brachten an weit voneinander entfernten Orten vergleichbare Lebensformen hervor. Die Natur war global.

 

Das Naturgemälde (mit dem Chimborazo, 6263m)


Seinen neuen Naturbegriff stellte Humboldt in dem berühmten „Naturgemälde“ dar. Es zeigt den Chimborazo im Querschnitt, versehen mit Angaben über Pflanzen, Tiere, Temperatur, Luftdruck, Feuchtigkeit und chemische Zusammen-setzung der Atmosphäre. Das Bild ist weit mehr als eine wissenschaftliche Illustration. Es ist eine Theorie der Natur. Nicht einzelne Arten stehen im Mittelpunkt, sondern ihre Verteilung und ihre Abhängigkeit von den Bedingungen ihrer Umwelt. Das individuelle Phänomen, erklärte Humboldt, sei nur bedeutsam „in seinem Verhältnis zum Ganzen“.

 

Hier liegt die eigentliche Erfindung der Ökologie. Humboldt ersetzte das Denken in isolierten Dingen durch das Denken in Beziehungen. Natur war für ihn kein „totes Aggregat“, sondern ein „belebtes Naturganzes“. In seinem späten Werk „Kosmos“ (ab 1845) bezeichnete er sie als „ein lebendiges Ganzes“, in dem sich die Organismen zu einem „netzartig verschlungenen Gewebe“ verbinden.

 

Andrea Wulf zeigt eindrucksvoll, wie weitreichend diese Vorstellung war. Charles Darwin übernahm von Humboldt die Idee, dass Pflanzen und Tiere durch ein Netz komplexer Beziehungen miteinander verbunden sind. Henry David Thoreau lernte durch ihn, Beobachtung, Wissenschaft und poetisches Naturerleben zusammenzuführen. George Perkins Marsh entwickelte Humboldts Warnungen vor Waldzerstörung und Bodenerosion zu einer frühen Theorie menschlicher Umweltzerstörung. Ernst Haeckel schließlich gab dem neuen Denken seinen Namen.

 

Haeckels Definition der Ökologie als Wissenschaft von den Beziehungen der Organismen zu ihrer Umwelt ist daher eine begriffliche Präzisierung von Humboldts Naturverständnis. Die organische und anorganische Natur bilde ein „System von bewegenden Kräften“, schrieb Haeckel nahezu mit Humboldts Worten. Die Ökologie beginnt also nicht erst dort, wo ein neues wissenschaftliches Fach entsteht. Sie beginnt dort, wo die Natur nicht mehr als Kulisse menschlichen Handelns erscheint, sondern als empfindliches Gefüge wechselseitiger Abhängigkeiten.

 

Gerade deshalb erkannte Humboldt auch ungewöhnlich früh die zerstörerische Kraft des Menschen. Am Valenciasee in Venezuela beobachtete er, wie Abholzung den Boden austrocknete, den Wasserhaushalt veränderte und Erosion verursachte. Später benannte er drei Formen menschlicher Klima-beeinflussung: Waldvernichtung, rücksichtslose Bewässerung und die industriell erzeugten „Dampf- und Gasmassen“. Für das frühe 19. Jahrhundert war dies eine geradezu revolutionäre Einsicht. Wer die Natur als Zusammenhang begreift, muss erkennen, dass jeder Eingriff Folgen hat – oft weit entfernt von seinem unmittelbaren Ort und noch lange nach dem Augenblick des Handelns.

 

Thoreaus Hütte am Walden-See in Massachusetts, in der er 1845 bis 1847 lebte.


Humboldts Wissenschaft war dabei niemals bloß nüchterne Analyse. Erkenntnis und Gefühl, Messung und ästhetische Erfahrung gehörten für ihn zusammen. Wissenschaft sollte die Natur nicht entzaubern. Im Gegenteil: Genauere Kenntnis vergrößerte das Staunen. Darin liegt vielleicht die besondere Aktualität seines Denkens. Eine Ökologie, die nur Daten produziert, aber keine Beziehung zur Natur stiftet, bleibt unvollständig. Umgekehrt genügt eine romantische Naturverehrung nicht, wenn sie die wissenschaftlich erkennbaren Zusammen-hänge ignoriert.

 

Andrea Wulfs Buch erinnert deshalb an einen Naturforscher, dessen Denken moderner ist als manches, was sich heute modern nennt. Humboldt verstand, dass nichts für sich allein existiert, dass lokale Eingriffe globale Wirkungen haben und dass der Mensch nicht außerhalb des Netzes des Lebens steht.

 

Die ökologische Krise unserer Gegenwart ist letztlich auch eine Krise falscher Wahrnehmung. Wir behandeln Wälder als Holzvorräte, Flüsse als Wasser-lieferanten, Tiere als Produktionsmittel und die Atmosphäre als kostenlose Deponie. Humboldt setzte diesem zergliedernden Nutzendenken das Bild einer lebendigen, verbundenen Welt entgegen. Die Natur neu zu „erfinden“ bedeutet deshalb heute, sie wieder so sehen zu lernen, wie Humboldt sie bereits vor mehr als zweihundert Jahren sah: als ein Ganzes, dessen Teil wir sind – und dessen Zerstörung immer auch unsere eigene ist.

 

Zitate aus: Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, München 2016 (C. Bertelsmann).


Sonntag, 29. Januar 2012

Alexander von Humboldt und die Kolonien


Alexander von Humboldt (1806)
Am 5. Juni 1799 bricht Alexander von Humboldt mit der spanischen Fregatte ‚Pizarro‘ von La Coruña aus zu einer insgesamt 5jährigen Forschungsreise nach Mittel- und Südamerika auf. Zu Anfang des Jahres 1803 befindet er sich in Guayalquil (Ekuador) und schreibt am 4. Januar 1803 folgende Gedanken in sein Tagebuch:

„Einem feinfühligen Menschen können die europäischen Kolonien nicht angenehm für dauernden Aufenthalt sein. Aber woher kommt dieses Unbehagen, dem jeder empfindsame Mensch in den europäischen Kolonien ausgesetzt ist?“ Für Humboldt ist die Antwort auf diese Frage ganz eindeutig: „Das rührt daher, dass die Idee der Kolonie selbst eine unmoralische Idee ist“ (121).

Humboldt ist sich über das Wesen des Kolonialismus natürlich im Klaren. Es ist die „Idee eines Landes, das einem anderen zu Abgaben verpflichtet ist, eines Landes, in dem man nur zu einem bestimmten Grad zu Wohlstand gelangen soll, in welchem der Gewerbefleiß, die Aufklärung sich nur bis zu einem gewissen Punkt ausbreiten dürfen“ (121)

Daraus ergibt sich für Humboldt eine potentielle Unregierbarkeit in den Kolonien, weil jede Kolonialregierung „eine Regierung des Misstrauens“ ist. Schließlich richteten die Autoritäten ihre Aufmerksamkeit nicht auf „die öffentliche Wohlfahrt der Einwohner“ (121), sondern allein darauf, die Interessen des Mutterlandes zu schützen.

Die Folge davon sei nach Humboldt eine auf unmoralischem Verhalten gegründete politische Praxis in den Kolonien: „Man vergibt Ämter nur an Emporkömmlinge und gemeine Menschen, die der Hunger aus Europa vertrieben hat, man erlaubt diesen, die in den Kolonien Geborenen geringschätzig zu behandeln (…) Die europäischen Beamten von niedriger Herkunft, die aber durch den Missbrauch, den sie mit der ihnen anvertrauten Autorität getrieben haben, reich geworden sind, prahlen mit ihren Stellungen“ (122).

Auf diese Weise haben die europäischen Regierungen vor allem Hass, Misstrauen und Uneinigkeit in den Kolonien hervorgebracht. Die Folgen sind für Humboldt „eine Verwirrung von Ideen und unbegreiflichen Meinungen, eine allgemeine revolutionäre Tendenz“ (123). Gleichwohl beschränke sich der Wunsch in den Kolonien vor allem darauf, die Europäer zu vertreiben und – Humboldt erliegt nicht utopischen Illusionen - sich danach gegenseitig zu bekriegen.

Später wird Humboldt in seinem „Politischen Essay über die Insel Kuba“ (1826) schreiben, dass alles Unrecht den Keim der Zerstörung in sich trägt.

Humboldt eigene politische Vision gründet in den Grundsätzen der Französischen Revolution, obgleich – so fügt er kritisch hinzu – ihre Urheber diese Grundsätze „oft in gefahrvoller Weise und mit Überstürzung angewendet haben.“

Die Gedanken Humboldts über Freiheit, Menschenrechte und die Widersprüche des Fortschritts sind bis heute von brisanter Aktualität. Im Namen eines liberalen Weltbürgertums kritisiert er die Irrtümer des Kolonialismus und der Sklaverei. Humboldts Motto lautete übrigens: „Der Mensch muss das Gute und Große wollen.“


Zitate aus: Alexander von Humboldt: Über die Freiheit des Menschen, hg. von Manfred Osten. Frankfurt am Main 1999 (Insel)

Weitere Literatur: Alexander von Humboldt. Lateinamerika am Vorabend der Unabhängigkeitsrevolution. Eine Anthologie von Impressionen und Urteilen aus seinen Reisetagebüchern zusammengestellt und erläutert durch Margot Faak, Berlin 2003 (Oldenbourg Akademieverlag)