Posts mit dem Label Widerstand werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Widerstand werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 13. März 2014

Carl Friedrich Goerdeler und die Neuordnung Deutschlands nach Hitler

Carl Friedrich Goerdeler (1884 - 1945)
Carl Friedrich Goerdeler gehörte zu den führenden Köpfen der zivilen, national-konservativen Opposition gegen Hitler. Goerdeler war von 1930 bis 1937 Oberbürgermeister von Leipzig und zeitweise zugleich Reichskommissar für die Preisüberwachung.

Als in Leipzig im November 1936 das Denkmal des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy abgerissen wurde, trat Goerdeler demonstrativ vom Amt des Oberbürgermeisters zurück und wurde Berater der Firma Bosch.

Goerdeler nutze zahlreiche Auslandsreisen zu politischen Sondierungsgesprächen und trat dabei stets für einen harten Kurs der ausländischen Mächte gegen Hitler ein. Im Münchener Abkommen sah er dementsprechend eine „glatte Kapitulation“ des Westens: „Es ist eine phantastische Illusion, einen dauerhaften Frieden auf einen Pakt mit dem Teufel zu gründen“ (Meyer-Kramer, 109).

In zahlreichen Denkschriften und Entwürfen entwickelte Goerdeler Leitlinien einer politischen Neuordnung in Deutschland. Als Hitler nach der Eroberung Frankreichs im Sommer 1940 auf dem Zenit seiner Macht stand, verfasste Goerdeler eine Denkschrift, in der er das baldige Ende der nationalsozialistischen Herrschaft voraussagte:

„Der Diktator sei außerstande, schrieb er, die eroberten Räume `so zu beherrschen, dass die ehre und Freiheit der darin wohnenden Völker bewahrt bleiben´, und zitierte zum Schluss die Sätze, mit denen der Freiherr v.Stein im Oktober 1808 Friedrich Wilhelm III. zum Widerstand gegen Napoleon aufgefordert hatte: `Für den Redlichen ist kein Heil als in der Überzeugung, dass der Ruchlose zu allem Bösen fähig ist … zutrauen zu dem Mann zu haben, von dem man mit so vieler Wahrheit sagte, er habe die Hölle im Herzen, das Chaos im Kopf, ist mehr als Verblendung. Ist also in jedem Falle nichts wie Unglück und Leiden zu erwarten, so ergreife man doch lieber einen Entschluss, der ehrenvoll und edel ist und eine Entschädigung und Trostgründe anbietet im Fall eines üblen Erfolges´“ (147f).

Aus dieser Denkschrift entstand bis Anfang 1941 ein Ordnungsentwurf unter dem Titel „Das Ziel“, in dem Goerdeler die positiven Ziele des Widerstandes gegen Hitler darzustellen. Diese Schrift zusammen mit dem Verfassungsentwurf Goerdelers für eine Neuordnung Deutschlands nach Hitler ergibt ein gutes Bild der politischen und unverkennbar autoritär-staatlichen Absichten des konservativen Widerstandes.

Der Ausgangspunkt dieser konservativ geprägten Widerstandsgruppe ist die Erfahrung „vom Einbruch der totalitären Diktatur in die demokratisch verfasste Gesellschaft von Weimar und die Unfähigkeit der Parteien von links bis rechts, dem Unheil zu steuern.“ Hinzu kamen „zivilisationskritische Überlegungen, die in Deutschland seit je auf breite Resonanz gestoßen waren“, die Kritik an der `Vermassung´ und `Verstädterung´, am Sündenfall der `Säkularisierung´ samt dem um sich greifenden `Materialismus´.

So hielt auch Goerdeler die Überwindung des Parteienstaates durch eine straffere, wenn nicht sogar autoritäre Führung für unerlässlich. Jedoch geriet Goerdeler „auf der als notwendig erkannten Suche nach dem politischen und moralischen Minimalkonsens, ohne den ein Staat nicht überdauern könne … nicht selten in jene Utopiebereiche `konfliktfreier´ Ordnungen, die der nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsideologie beängstigend nahekamen.“


Prozess zum 20. Juli 1944: Goerdeler am 8. September 1944 als Angeklagter vor dem Volksgerichtshof in Berlin

Für Hannah Arendt offenbart sich hier eine demokratieskeptische Tendenz im deutschen Widerstand, die gut erkennbar ist als die „Fortsetzung der antidemokratischen Opposition von Weimer, … die sich jetzt, nach dem mitverschuldeten Untergang der Republik, paradoxerweise auch noch auf Hitler berief, um ihre reaktionären Absichten durchzusetzen.“

Dies spiegelt auch der Verfassungsentwurf Goerdelers wider:  Danach sollte nach dem Sturz der Diktatur ein aus drei Personen gebildeter Regentschaftsrat die exekutive Gewalt übernehmen und ein Verfassungsrat die „Majestät des Gesetzes“ wieder herstellen. Natürlich hieß es, dass dieses halbdiktatorische Regime nur für eine Übergangsphase einzusetzen sei, doch deren Ende war nirgendwo festgelegt und von freien und gleichen Wahlen war nirgends die Rede.

Auch wenn die Verfassungsideen Goerdelers im Laufe der Zeit variierten, die Grundlinie jedoch blieb durchgängig erhalten: „eine stark gouvernementale Tendenz, die den `Reichsinstanzen´ großes Gewicht einräumte und vor allem die Mitsprachebefugnisse des Parlaments auf eine mehr oder minder kontrollierende Funktion beschränkte.“

Es gehört wohl zu den offenen Widersprüchen zwischen seinem Denken und den konkreten Plänen, dass Goerdeler niemals von den aus der Weimarer Zeit stammenden Erfahrungen und Ängsten vor dem Volk, dem „demos“, freikam. Zwar war Goerdeler nach Aussage des Philosophen Theodor Litt, der mit zum Umkreis der Goerdeler-Gruppe gehörte, ein klar denkenden und gradlinig wollender Mensch, der fest daran glaubte, dass es nur der verständigen Aufklärung und der wohlmeinenden sittlichen Belehrung bedürfe, um die Menschheit von etwaigen Irrtümern anzubringen. Gleichwohl blieben trotz seines prinzipiellen Vernunftglaubens Begriffe wie „Parteienmacht“, „Parteienzersplitterung“ und „Parteienegoismus“ für Goerdeler Vokabeln, deren Schreckbilder durch seine eigenen Verfassungsüberlegungen geisterten.

Versucht man sich abschließend einen Überblick über die Entwürfe zu verschaffen, wird man ein Weltbild von durchaus antimodernen Zügen erkennen, „das sich den egalitären Tendenzen moderner Industriegesellschaften ebenso leidenschaftlich entgegenstemmte wie dem Pluralismus der politischen und sozialen Interessen.“

Goerdeler war der trügerischen Illusion verfallen, die partiellen gesellschaftlichen Teilinteressen und Egoismen durch das veraltete Bild einer gemeinschaftsbestimmenden Ordnungsidylle einzusammeln und so für das Ganze der Nation dienstbar zu machen. In diesem Sinne besaßen die nationalkonservativen Vorstellungen einen durchaus utopischen Impuls in Richtung auf die „gute alte Zeit“, von der man freilich weiß, das sie niemals das war, was die Formel ausdrückt – eine „gute alte Zeit“.

Gedenktafel für Carl Friedrich Goerdeler, Sybelstraße 2-3, Berlin-Charlottenburg


Zitate aus: Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli, München 1997 (btb Verlag)   -   Weitere Literatur: Marianne Meyer-Krahmer: Carl Goerdeler und sein Weg in den Widerstand. Eine Reise in die Welt meines Vaters. Freiburg 1989 (Herder)   -    Gerhard Ritter: Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, Stuttgart 1984 (Deutsche Verlagsanstalt)