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Donnerstag, 5. März 2026

Rolf Hosfeld und der Genozid an den Armeniern

Wenn Geschichte bestritten wird, ist sie nicht weniger wirklich. Sie wird lediglich politisch gefährlicher. Rolf Hosfelds monumentale Studie über die Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich im Jahre 1915 ist nicht nur ein historiographisches Standardwerk, sondern zugleich ein eindringlicher Appell an die moralische Vernunft. Der Autor legt mit großer Akribie dar, warum die Deportationen, Massaker und Todesmärsche an der armenischen Bevölkerung als das bezeichnet werden müssen, was sie waren: ein Genozid. Dass die türkische Regierung diese Einordnung bis heute vehement ablehnt, ist selbst Teil der Geschichte, die Hosfeld erzählt.

"Der Völkermord an den Armeniern war ein staatlich organisierter Akt der Vernichtung!"

Hosfeld, der sich seit Jahrzehnten mit Nationalismus, Gewaltgeschichte und Erinnerungspolitik befasst, lässt keinen Zweifel daran, dass der Mord an den Armeniern kein chaotisches Nebenprodukt des Ersten Weltkriegs war, sondern Ergebnis politischer Planung. Er schreibt unmissverständlich: „Der Völkermord an den Armeniern war keine tragische Begleiterscheinung des Krieges, sondern ein staatlich organisierter Akt der Vernichtung.“ Diese Feststellung bildet das Rückgrat des Buches. Sie richtet sich gegen jene Narrative, die von „Umsiedlungen“ oder „beiderseitigen Massakern“ sprechen und damit Täter- und Opferrollen verwischen.

Im Zentrum steht die jungtürkische Führung des Osmanischen Reiches, die im Zeichen eines radikalisierten Nationalismus eine ethnisch und religiös homogene Nation schaffen wollte. Armenier galten als „Fremdkörper“, als potenzielle Verräter, als Sicherheitsrisiko. Hosfeld rekonstruiert die schrittweise Eskalation von Diskriminierung über Enteignung bis hin zur physischen Vernichtung. Besonders eindrucksvoll ist seine Analyse der Deportationen in die syrische Wüste: Die Todesmärsche, die angeblich der Umsiedlung dienten, waren in Wahrheit so organisiert, dass sie zwangsläufig zum Massensterben führten. Hunger, Durst, Krankheiten, Überfälle durch Milizen – all dies war einkalkuliert.

Der Titel des Buches, Tod in der Wüste, ist daher mehr als eine Metapher. Die Wüste wird zum Symbol für einen Raum jenseits des Rechts, in dem Menschen systematisch dem Tod preisgegeben wurden. Hosfeld zitiert einen deutschen Zeitzeugen mit den Worten: „Man schickte die Menschen nicht fort, um sie anzusiedeln, sondern um sie verschwinden zu lassen.“ Gerade die Rolle deutscher Diplomaten, Militärs und Missionare, die das Geschehen beobachteten und dokumentierten, nimmt breiten Raum ein. Deutschland war als Bündnispartner des Osmanischen Reiches über das Geschehen informiert – und schwieg weitgehend. Dieses Schweigen gehört für Hosfeld zur Geschichte des Genozids dazu.

Armenische Zivilisten, die von türkischen Soldaten aus der Stadt Harput vergetrieben werden (April 1915) 

Besonders überzeugend ist die begriffliche Klarheit des Autors. Er diskutiert die Entstehung des Terminus „Genozid“ durch Raphael Lemkin und zeigt, dass die Ereignisse von 1915 in frappierender Weise genau jene Merkmale erfüllen, die später völkerrechtlich definiert wurden: Vorsatz, Zielgerichtetheit, staatliche Organisation, Vernichtung einer nationalen und religiösen Gruppe als solcher. Hosfeld formuliert: „Wer den Begriff des Genozids auf 1915 nicht anwenden will, entleert ihn seines Sinnes.“ Der Streit um die Bezeichnung ist somit kein bloß semantischer, sondern ein politischer.

Denn die türkische Leugnungspolitik ist nicht nur rückwärtsgewandt, sondern gegenwartswirksam. Sie beeinflusst Schulbücher, Medien, internationale Diplomatie. Hosfeld beschreibt diese Leugnung als eine „zweite Gewalt“, die den Opfern nachträglich ihre Geschichte raubt. In diesem Sinne ist Anerkennung mehr als symbolisch: Sie bedeutet, den Toten ihren Namen zurückzugeben und den Lebenden die Möglichkeit zu eröffnen, zu trauern.

Stilistisch bewegt sich Hosfeld souverän zwischen erzählender Darstellung und analytischer Schärfe. Er lässt Opferstimmen zu Wort kommen, zitiert Tagebücher, Briefe, diplomatische Depeschen. Dadurch gewinnt das Buch eine existenzielle Tiefe, die reine Statistik niemals erreichen könnte. Zugleich verliert sich der Autor nie im Pathos. Die moralische Empörung entsteht aus der Präzision der Darstellung, nicht aus rhetorischer Überhöhung.

Für Menschen, die sich der Bildung im klassischen Sinne – der Formung des Urteilsvermögens – verpflichtet fühlen, ist Hosfelds Buch in besonderer Weise relevant. Es erinnert daran, dass historische Erkenntnis immer auch ethische Konsequenzen hat. Wer den Genozid an den Armeniern als solchen anerkennt, bekennt sich zur universalen Norm, derzufolge die Vernichtung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe ein Verbrechen ist, unabhängig von Ort, Zeit und politischer Opportunität.

Gedenkstätte des Genozids in Jerewan (Quelle: deutschlandfunk) 

Hundert Jahre nach den Ereignissen bleibt die Auseinandersetzung mit 1915 ein Prüfstein für das historische Bewusstsein Europas und der Welt. Hosfeld zeigt, dass Vergessen kein natürlicher Prozess ist, sondern Ergebnis von Entscheidungen. Ebenso ist Erinnern eine Entscheidung. Sein Buch ist ein Plädoyer für diese Entscheidung – sachlich, eindringlich und von bleibender Aktualität.

So steht am Ende weniger ein Gefühl der abgeschlossenen Erkenntnis als vielmehr der Auftrag, die Wahrheit zu benennen, auch wenn sie unbequem ist. Oder, um Hosfeld selbst zu zitieren: „Geschichte beginnt dort, wo man aufhört, sich selbst zu belügen.“

Zitate aus: Rolf Hosfeld: Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern, München 2015 (C.H.Beck)

 

Donnerstag, 12. Februar 2026

Franz Werfel und "Die vierzig Tage des Musa Dagh"

Als Franz Werfel 1933 seinen Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh veröffentlichte, schrieb er nicht nur ein historisches Epos, sondern ein literarisches Mahnmal. Der Roman steht im Zeichen des Aghet – der „Katastrophe“, wie die Armenier selbst jene Ereignisse bezeichnen, die im Frühjahr 1915 ihren grausamen Anfang nahmen und heute als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts gelten. Werfels Werk ist zwar keine historische Chronik im engen Sinn, sondern ein Roman mit fiktionalisierten Figuren, seine erzählerische Kraft bezieht er dennoch aus einer historischen Wahrheit, die sich der literarischen Gestaltung geradezu aufdrängt: Der systematischen Vernichtung des armenischen Volkes.

 

Buchtitel (Verlag e-artnow)

Der historische Hintergrund ist bekannt. Unter dem Deckmantel militärischer „Umsiedlungen“ leitete die jungtürkische Regierung des Osmanischen Reiches Deportationen der armenischen Bevölkerung ein. Ganze Dörfer wurden entvölkert, Männer erschossen, Frauen, Kinder und Alte auf Todesmärsche in die syrische Wüste geschickt. Hunger, Krankheiten, Massaker und Vergewaltigungen waren keine Begleiterscheinungen, sondern Teil eines kalkulierten Programms. Werfel greift diese Realität auf, ohne sie dokumentarisch zu sezieren. Stattdessen verdichtet er sie im literarischen Bild.

Der Musa Dagh – ein Gebirgszug an der Mittelmeerküste – wird im Roman zum Ort des Widerstands. Armenische Dorfgemeinschaften verweigern die Deportation, ziehen sich auf den Berg zurück und verteidigen sich vierzig Tage lang gegen osmanische Truppen, bis sie schließlich von französischen Kriegsschiffen gerettet werden.

 

Diese Episode hat ein historisches Vorbild! Werfel stützt sich auf Berichte von Augenzeugen und Missionaren. Doch der eigentliche Fokus des Romans liegt weniger auf militärischer Tapferkeit als auf der existenziellen Erfahrung eines Volkes, das erkennt, dass es ausgelöscht werden soll.

 

Der Musa Dagh und das Dorf Yoghonoluk (Quelle: Blog von Georg Pfarl)

 

Gerade hierin liegt die Nähe zur historischen Realität des Aghet. Der Genozid war kein spontaner Gewaltausbruch, sondern ein politisch organisierter Akt. Werfel macht dies deutlich, indem er die Mechanismen der Macht freilegt: Bürokratische Kälte, ideologische Rechtfertigungen, das Schweigen der Mitwissenden. In einer eindringlichen Szene lässt er den deutschen Theologen Johannes Lepsius erkennen, dass es nicht um vereinzelte Exzesse geht, sondern um das Schicksal eines ganzen Volkes. Lepsius formuliert nüchtern, fast resigniert: „Ein Volk besteht aus vielen Teilen. Aus der Regierung und ihren Organen. Aus den Klassen, die mit der Regierung gehen, und aus der Opposition.“

 

Diese scheinbar analytische Feststellung erhält im Kontext des Romans eine erschütternde Bedeutung. Denn sie impliziert, dass Verantwortung nicht allein bei anonymen Strukturen liegt, sondern in einer gesellschaftlichen Gesamtheit. Der Aghet erscheint so nicht nur als historisches Verbrechen des türkischen Volkes, sondern als anthropologische (An-)Frage: Wie ist es möglich, dass eine Gesellschaft die Vernichtung eines Teils ihrer Bevölkerung hinnimmt, bzw. aktiv betreibt?

 

Werfels literarische Antwort ist keine theoretische Abhandlung, sondern eine Ethik der Empathie. Seine Figuren sind Träger kollektiver Erfahrung. In ihnen spiegelt sich die existenzielle Verlassenheit der Armenier, aber auch ihre kulturelle Tiefe, ihre religiöse Symbolik, ihre Verwurzelung in Geschichte und Landschaft. Der Roman insistiert darauf, dass mit den Menschen nicht nur Körper, sondern Erinnerungen, Rituale und Bedeutungen ausgelöscht werden sollten.

 

Die Verteidiger des Musa Dagh

Gerade deshalb ist Die vierzig Tage des Musa Dagh mehr als ein historischer Roman. Er ist ein Akt des Erinnerns gegen das Vergessen – und gegen die Leugnung. Werfel schrieb sein Buch zwischen 1932 und 1933, also zu einer Zeit, als neue Formen staatlich organisierter Gewalt bereits am Horizont erschienen. Die Parallelen sind unübersehbar, ohne dass der Roman sie explizit benennt. Der Aghet wird so zu einem Menetekel der Moderne.

 

Dass der Aghet kein isoliertes Ereignis blieb, sondern Teil einer längeren Kette ethnischer Gewalt der Jungtürken war, zeigt sich besonders deutlich in der bewussten Zerstörung von Smyrna im September 1922. Nach ihrem Einmarsch in die überwiegend von Griechen und Armeniern bewohnte Stadt lösten die türkischen Truppen einen – auch hier – im Voraus geplanten Großbrand aus, der systematisch die christlichen Viertel vernichtete, während muslimische Stadtteile weitgehend verschont blieben. Zehntausende Menschen kamen ums Leben oder wurden vertrieben, die jahrhundertealte multikulturelle Metropole am Ägäischen Meer hörte faktisch auf zu existieren. Smyrna markiert damit den späten, aber folgerichtigen Endpunkt jener Politik der ethnischen Homogenisierung, deren erster großer Kulminationspunkt der Aghet von 1915 gewesen war.

 

Am Ende des Romas von Werfel bleibt nicht die heroische Rettung durch die französischen Schiffe als stärkstes Bild, sondern der Blick in das Leid der Opfer. Werfel verdichtet diese Erfahrung in einer Passage, die zu den eindringlichsten des Romans gehört. 

 

Die Evakuierung der Armenier durch französische Schiffe

Johannes Lepsius sieht die Gesichter der Armenier vor sich, und in ihren Augen erkennt er das unausweichliche Schicksal: „Und alle schauen aus den riesigen Armenieraugen ihn an. Solche Augen haben nur Wesen, die den Kelch bis zur Neige leeren müssen. Jesus am Kreuz hat wohl ähnliche Augen gehabt.“

 

In diesen Sätzen kulminiert die ganze Dramatik der ethnischen Säuberung. Der Aghet erscheint nicht mehr als abstraktes historisches Ereignis, sondern als Passion eines Volkes. Werfels Roman zwingt den Leser, hinzusehen – und erinnert daran, dass Literatur dort beginnt, wo Geschichte nicht mehr schweigen darf.

 

Literatur: Franz Werfel: Die Vierzig Tage des Musa Dagh, Berlin 2016 (Insel)

 

Donnerstag, 15. Januar 2026

Lutz Klevemann und das Massaker von Smyrna (1922)

Im vierten Kapitel seines Buches „Smyrna in Flammen“ zeichnet Lutz Kleveman ein Bild der Levante, das mit den Kategorien des Nationalstaats kaum zu fassen ist. „Fluide Levante“ – dieser Begriff ist programmatisch. Er verweist auf eine Welt, die sich nicht aus Territorien, ethnischen Homogenitäten oder nationalen Mythen speiste, sondern aus Bewegung, Austausch und maritimer Offenheit. Smyrna, die spätere Izmir, erscheint in dieser Perspektive nicht als osmanische Provinzstadt, sondern als ein Knotenpunkt einer mediterranen Moderne, deren Logik vom Meer bestimmt war.

Smyrna vor 1922 (Griechische Postkarte, Autor: Unbekannt) 


Kleveman fasst diese Eigenart der Levante in einer prägnanten Formulierung zusammen: „Die Levante war ein geographischer Begriff, frei von nationalen und religiösen Konnotationen. Sie wurde nicht von Regierungen oder Staaten definiert, sondern vom Meer.“ In diesem Satz verdichtet sich eine ganze Weltanschauung. Das Meer fungiert hier nicht nur als Verkehrsraum, sondern als ordnendes Prinzip: Es verbindet Küsten, Städte und Menschen jenseits politischer Grenzen. Smyrna war eine solche Stadt – offen, durchlässig, international.

Vor dem Ersten Weltkrieg war Smyrna eine abendländisch geprägte Metropole. Ihre Architektur, ihre Handelsbeziehungen, ihre Bildungsinstitutionen und ihr gesellschaftliches Leben waren tief in den europäischen Kulturraum eingebettet. Konsulate, Handelshäuser, Missionsschulen und Zeitungen in zahlreichen Sprachen prägten das Stadtbild. Französische, deutsche, italienische und britische Einflüsse waren allgegenwärtig, nicht zuletzt durch die levantinischen Familien, die seit Generationen zwischen Marseille, Livorno, Alexandria und Smyrna verkehrten.

Dominant aber war – und hier folgt Kleveman der neueren Forschung – die griechische Bevölkerung. Die Griechen stellten nicht nur einen erheblichen Teil der Einwohnerschaft, sondern prägten Wirtschaft, Bildung und städtische Kultur in entscheidender Weise. Smyrna war in vieler Hinsicht eine griechische Stadt, eingebettet in einen osmanischen Rahmen, der über einen langen Zeitraum bereit war, diese Vielschichtigkeit zu tolerieren. Griechisch war Verkehrssprache, die orthodoxe Kirche ein zentraler Akteur des öffentlichen Lebens, und die Erinnerung an die ionische Antike stets präsent.

 

Der Hafen von Smyrna vor 1922 (Griechische Postkarte, Autor: Unbekannt) 

Klevemann ist mit Blick auf die Rolle der Türken, bzw. der muslimisch-türkischen Bevölkerung in diesem kosmopolitischen Smyrna eindeutig: Sie waren zwar Teil der Stadt, aber nicht ihr kulturelles Zentrum. Die maritime, nach Westen offene Lebenswelt Smyrnas war nicht die ihre. Die türkischen Viertel lagen eher im Hinterland, abseits der Kais, der Handelshäfen, der europäischen Boulevards. Smyrna war eine Stadt des Handels und der Schifffahrt, und genau hier lag der kulturelle Abstand.


Mit dem Aufkommen des türkischen Nationalismus, den Kleveman in den folgenden Kapiteln des Buches detailliert nachzeichnet, geriet diese fluide Ordnung unter massiven Druck. Die Idee einer homogenen Nation vertrug sich nicht mit einer Stadt, deren Identität gerade in ihrer Vielheit lag. Smyrna verkörperte alles, was der nationalistische Blick als fremd, dekadent oder bedrohlich empfinden musste: Mehrsprachigkeit, religiöse Pluralität, europäische Lebensstile, griechische Dominanz.

Vor diesem Hintergrund ist für Kleveman die Katastrophe von 1922 nicht „nur“ ein bloßes Kriegsverbrechen oder eine tragische Eskalation, sondern ein bewusster Akt der Zerstörung. Das Feuer von Smyrna richtete sich nicht nur gegen Menschen und Gebäude, sondern gegen eine ganze Lebensform. Die „Perle der Ägäis“ musste verschwinden, weil sie dem neuen nationalen Narrativ widersprach. In der Logik der Nationalstaaten war für eine vom Meer definierte Stadt kein Platz mehr.

 

Die Brandkatastrophe von Smyrna - vom britischen Kriegsschiff HMS Kind George V. aus gesehen (Foto: Unbekannt)

Smyrna wurde mit Vorbedacht und sehr gezielt durch eine exakt geplante und am 13. September 1922 gelegte Feuersbrunst zerstört, die tagelang wütete und deren Rauchsäule bis Konstantinopel zu sehen war. Im griechischen Smyrna waren türkische Soldaten und ihre zivilen moslemischen Helfer die Brandstifter. Einen militärischen Anlaß gab es nicht, das zwischenmenschliche Klima in der Stadt war bis zu diesem Tag trotz des immer radikaleren moslemisch ausgerichteten jungtürkischen Regimes im Osmanischen Reich stets weltoffen und multikulturell geblieben.

Die Deutung Klevemanns der Ereignisse ist durchaus herausfordernd, aber sie besitzt eine innere Stringenz. Smyrna war kein Randphänomen, sondern ein Gegenmodell. Ihre Existenz stellte die Grundannahmen des türkischen Nationalismus infrage. Dass gerade ausschließlich die griechischen Viertel und die europäischen Zonen den Flammen zum Opfer fielen, erscheint in dieser Perspektive nicht zufällig. Es ging darum, das levantinische Smyrna auszulöschen und an seine Stelle eine andere, eine „ethnisch gereinigte“ Stadt zu setzen.


Klevemanns Kapitel „Fluide Levante“ ist damit mehr als eine historische Beschreibung. Es ist eine Meditation über verlorene Möglichkeiten der Moderne. Smyrna steht für eine alternative Geschichte Europas und des östlichen Mittelmeers – eine Geschichte, in der Zugehörigkeit nicht über Blut und Boden, sondern über Handel, Bildung und kulturellen Austausch definiert wurde. Dass diese Welt unterging, ist eine Tragödie, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen.

 

Die mit Flüchtlingen überfüllt Hafenmole nach dem Brand (Foto: Unbekannt)

Die Zerstörung Smyrnas markiert nicht nur das Ende einer Stadt, sondern das Ende einer Denkform. Die fluide Levante, vom Meer zusammengehalten, wurde von der harten Logik der Nationen hinweggefegt. Klevemanns Buch erinnert daran, dass diese Welt existiert hat – und dass ihr Untergang kein Naturereignis war, sondern das Resultat bewusster Entscheidungen im Zeichen des Nationalismus.


Zitate aus: Lutz Klevemann: Smyrna in Flammen: Der Untergang der osmanischen Metropole 1922 und seine Folgen für Europa, Berlin 2022 (Aufbau-Verlag)