Posts mit dem Label Wissenschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wissenschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 29. Januar 2026

John Freely und die Genese der experimentellen Methode im Mittelalter

In seinem siebten Kapitel seines Buches "Aristoteles in Oxford" widmet sich John Freely dem Thema der experimentellen Methode, die bekanntlich für das Selbstverständnis moderner Wissenschaft zentral ist. Dabei geht es ihm nicht um eine nachträgliche Heroisierung mittelalterlicher Gelehrter als „Vorläufer“ der Neuzeit, sondern um die Rekonstruktion eines epistemischen Wandels, der lange vor Galilei und Newton einsetzt. Freelys These lautet: Die experimentelle Methode ist kein plötzlicher Bruch der frühen Neuzeit, sondern das Ergebnis einer allmählichen Transformation aristotelischer epistēmē im mittelalterlichen Denken.

 

John Feely "Aristoteles in Oxford" (2014)

Ausgangspunkt ist Aristoteles selbst. In der antiken Wissenschaft ist Erfahrung (ἐμπειρία) zwar unverzichtbar, jedoch systematisch der Theorie untergeordnet. Erkenntnis zielt auf das Allgemeine, auf Ursachen (αἰτία), nicht auf singuläre Beobachtungen. Dieses Modell bleibt im lateinischen Mittelalter bis zur Wiederentdeckung der aristotelischen Naturphilosophie im 12. und 13. Jahrhundert dominant. Erst jetzt werden Physik, Meteorologie, Optik und Biologie wieder als eigenständige Wissensbereiche ernst genommen.

 

Freely zeigt, dass diese Rezeption nicht passiv erfolgt. Aristoteles gelangt – über arabische Vermittlung – bereits kommentiert, kritisiert und methodisch erweitert nach Europa. Besonders in Oxford entsteht ein Milieu, in dem Naturerkenntnis nicht mehr allein aus Textauslegung gewonnen wird, sondern aus der Verbindung von mathematischer Analyse, Beobachtung und gezieltem Experiment. „Oxford wurde der Ort im mittelalterlichen Europa, an dem das Experiment als notwendiger Bestandteil der Theorie betrachtet wurde.“

 

Zentral ist hier die Figur Roger Bacons. Für Bacon ist Erfahrung nicht bloß illustrativ, sondern erkenntniskonstitutiv. Berühmt ist seine Feststellung: „Sine experientia nihil sufficienter sciri potest.“ (Ohne Erfahrung kann nichts hinreichend erkannt werden). Dieses Diktum markiert einen tiefgreifenden methodischen Perspektivwechsel. Wissen soll sich nicht allein aus Autoritäten speisen, sondern an der Wirklichkeit bewähren.

 

Roger Bacon: Der "Doctor mirabilis" (gest. 1292)

Freely betont, dass Bacon dabei keineswegs antischolastisch argumentiert. Im Gegenteil: Die experimentelle Methode entsteht innerhalb der Scholastik, nicht gegen sie. Bacon bleibt Aristoteliker, doch er radikalisiert einen Aspekt aristotelischen Denkens, der zuvor marginal geblieben war: Die systematische Erprobung von Hypothesen an der Natur selbst. Experiment wird zu einer Methode der Korrektur – nicht der bloßen Bestätigung.

 

In diesem Zusammenhang spricht Freely von einer „neuen Einstellung Fehlern gegenüber“. Fehler gelten nicht länger als bloße Unzulänglichkeit des Forschers, sondern als notwendiger Bestandteil des Erkenntnisprozesses. Diese Haltung ist bemerkenswert modern. Sie bereitet jene epistemische Sensibilität vor, die Karl Popper Jahrhunderte später zur Grundlage seiner Wissenschaftstheorie machen sollte.

 

Popper definiert wissenschaftliche Rationalität nicht durch Verifikation, sondern durch Falsifikation. Theorien sind demnach keine gesicherten Wahrheiten, sondern riskante Hypothesen, die an der Erfahrung scheitern können – und sollen. In diesem Punkt zeigt sich eine überraschende Nähe zum mittelalterlichen Experimentaldenken, wie Freely es beschreibt. Auch für Bacon und seine Zeitgenossen ist Erfahrung kein Mittel zur endgültigen Bestätigung, sondern zur Prüfung und gegebenenfalls Widerlegung.

 

Zwar fehlt im Mittelalter ein expliziter Falsifikationismus im popperschen Sinne. Doch die methodische Haltung ist vergleichbar. Freely formuliert vorsichtig, aber deutlich: „Was Bacon forderte, war nicht Gewissheit, sondern eine Methode zur Fehlerkorrektur.“ Genau darin liegt die strukturelle Nähe zu Popper. Wissenschaft beginnt dort, wo Irrtum prinzipiell einkalkuliert wird.

 

Die Bedeutung dieser Entwicklung für die spätere Wissenschaft kann kaum überschätzt werden. Die experimentelle Methode des Mittelalters etabliert zentrale Prinzipien moderner Forschung: Kontrollierte Beobachtung, Wiederholbarkeit, methodische Skepsis gegenüber Autoritäten. Ohne diesen epistemischen Umbau wäre die wissenschaftliche Revolution der Neuzeit nicht denkbar gewesen.

 

Kontrollierte Beobachtung, Wiederholbarkeit, methodische Skepsis gegenüber Autoritäten

Freely warnt daher vor einem vereinfachenden Fortschrittsnarrativ. Die Moderne entsteht nicht ex nihilo, sondern aus einer mittelalterlichen Transformation der aristotelischen Tradition. Die experimentelle Methode ist kein Bruch mit Aristoteles, sondern eine Konsequenz seiner ernsthaften Rezeption. Aristoteles wird nicht überwunden, sondern neu gelesen.

 

Die Ausführungen von Freely machen damit deutlich, dass Wissenschafts-geschichte weniger von heroischen Einzelgestalten als von methodischen Verschiebungen geprägt ist. Die experimentelle Methode entsteht dort, wo Theorie sich der Erfahrung aussetzt – und bereit ist, an ihr zu scheitern. In dieser Bereitschaft liegt ihre bleibende Aktualität.

 

Freelys Darstellung erinnert daran, dass Wissenschaft nicht mit Gewissheit beginnt, sondern mit der Einsicht in die Vorläufigkeit des eigenen Wissens. Genau darin treffen sich mittelalterliche Scholastik und moderne Wissenschaftstheorie. Oder, um es mit Popper zu sagen: Erkenntnis wächst nicht durch Beweise, sondern durch widerlegte Versuche. Die Wurzeln dieser Einsicht reichen tiefer, als wir oft annehmen – bis ins mittelalterliche Oxford.

 

Quelle: John Freely: Aristoteles in Oxford. Wie das finstere Mittelalter die moderne Wissenschaft begründete, Stuttgart 2014 (Klett-Cotta)

Samstag, 10. Januar 2026

John Freely und die Bedeutung Siziliens für die europäische Wissenschaft

Das Buch „Aristoteles in Oxford“ von John Freely erzählt keine lineare Erfolgsgeschichte europäischer Wissenschaft. Es ist vielmehr eine Rekonstruktion von Umwegen, Vermittlungen und kulturellen Übersetzungsleistungen – und damit eine Korrektur des lange gepflegten Mythos, die moderne Wissenschaft sei aus einem rein lateinisch-abendländischen Geist hervorgegangen. Eine Schlüsselrolle in dieser alternativen Genealogie nimmt Sizilien ein, als intellektueller Umschlagplatz zwischen Antike, islamischer Welt und lateinischem Mittelalter.

John Feely "Aristoteles in Oxford" (2014)
 

Nach dem Ende der Antike war das aristotelische Corpus im lateinischen Westen weitgehend verloren. Während einzelne logische Schriften kursierten, blieben Aristoteles’ naturphilosophische, metaphysische und biologischen Werke unbekannt. In der islamischen Welt hingegen setzte bereits ab dem 9. Jahrhundert eine intensive Übersetzungs- und Kommentierungstätigkeit ein. Aristoteles wurde hier nicht nur bewahrt, sondern kritisch gelesen, systematisiert und mit Mathematik, Astronomie und Medizin verbunden. Arabische Gelehrte wie al-Farabi, Avicenna und Averroes kommentierten, systematisierten und erweiterten Aristoteles’ Werk – oft in enger Verbindung mit Mathematik, Astronomie und Medizin. Diese produktive Aneignung schuf ein wissenschaftliches Denken, das empirische Beobachtung, rationale Begründung und methodische Ordnung miteinander verband.

Sizilien wurde zu einem der entscheidenden Orte, an denen dieses Wissen nach Europa gelangte. Freely beschreibt die Insel nicht als bloße Durchgangsstation, sondern als eigenständigen Wissensraum. Unter arabischer Herrschaft entwickelte sich Sizilien zu einem Zentrum wissenschaftlicher Bildung, dessen urbane Kultur – insbesondere in Palermo – Bibliotheken, Schulen und eine mehrsprachige Gelehrtenwelt hervorbrachte. Nach der normannischen Eroberung im 11. Jahrhundert wurde diese Tradition nicht zerstört, sondern bewusst integriert.

Gerade hierin liegt die historische Besonderheit Siziliens. Die normannischen Herrscher – und später Friedrich II. – förderten ein politisches und kulturelles Modell, das auf Kontinuität setzte: Arabisch, Griechisch und Latein existierten nebeneinander; muslimische, jüdische und christliche Gelehrte arbeiteten gemeinsam an Verwaltung, Wissenschaft und Übersetzung. Anders als in vielen Teilen Europas entstand so ein dauerhaftes Milieu des intellektuellen Austauschs, in dem aristotelisches Denken nicht nur übertragen, sondern verstanden und weiterentwickelt wurde. 

 

Unter Roger II. (reg. 1130–1154) entwickelte sich Palermo zum kulturellen Zentrum
(Abb: Liber ad honorem Augusti von Petrus de Ebulo, 1196)

Freely zeigt, dass der Weg des Aristoteles nach Oxford ohne diesen sizilianischen Kontext kaum denkbar wäre. Die lateinischen Übersetzungen, auf die englische Gelehrte des 12. und 13. Jahrhunderts zurückgriffen, waren vielfach das Ergebnis arabisch-griechisch-lateinischer Vermittlung. In Oxford – etwa bei Robert Grosseteste oder Roger Bacon – traf dieses Wissen auf ein neues Interesse an Naturbeobachtung, mathematischer Strukturierung und experimenteller Methode. Aristoteles wurde hier nicht mehr primär als Autorität gelesen, sondern als methodischer Lehrer des Fragens.

Entscheidend ist dabei ein Aspekt, den Freely immer wieder hervorhebt: Die sizilianische Aristoteles-Rezeption war von Anfang an naturwissenschaftlich orientiert. Physik, Kosmologie und Biologie standen im Zentrum – nicht allein Logik oder Metaphysik. Genau diese Schwerpunktsetzung bereitete den Boden für jene Form von Wissenschaft, die Natur nicht mehr nur theologisch deutete, sondern als gesetzmäßig strukturierten Erkenntnisgegenstand verstand. 

 

Der Dominikaner Wilhelm von Moerbeke übersetzte u.a. die Schriften des Aristoteles sowie die Kommentare, Werke von Archimedes, Proklos, Heron von Alexandria, Ptolemaios und Galen (Handschrift "De anima" von Aristoteles aus der  Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Palatinus, Anfang 14. Jh.)


Sizilien erscheint bei Freely somit als epistemische Brücke zwischen antiker Theorie und mittelalterlicher Praxis, zwischen philosophischer Spekulation und empirischer Beobachtung. Die Insel verkörpert eine Wissenschaftskultur, die von Übersetzung, Kritik und interkultureller Offenheit lebt – eine Kultur, ohne die die spätere europäische Universitätswissenschaft nicht entstanden wäre. 

„Aristoteles in Oxford“ ist nicht zuletzt ein politisches Buch im besten Sinne. Es erinnert daran, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht aus kultureller Abschottung entsteht, sondern aus Begegnung. Die moderne Wissenschaft hat ihre Wurzeln nicht nur in Athen oder Oxford, sondern ebenso in Palermo. Sizilien war kein Randgebiet Europas, sondern eines seiner intellektuellen Zentren – ein Ort, an dem Aristoteles nicht museal bewahrt, sondern produktiv neu gelesen wurde. 

 

In der medizinischen Lehranstalt von Salerno verschmolz antikes Wissen mit Klostermedizin (Bild der "Schlule von Salerno" in einer lateinischen Ausgabe des Kanon des Avicenna).

In einer Zeit, in der kulturelle Grenzziehungen wieder an Bedeutung gewinnen, entfaltet Freelys Darstellung eine bemerkenswerte Aktualität. Sie macht sichtbar, dass die Grundlagen des modernen wissenschaftlichen Denkens aus einer pluralen, vielsprachigen und transkulturellen Welt hervorgegangen sind – und dass Sizilien eines ihrer wichtigsten Laboratorien war.

 

Quelle: John Freely: Aristoteles in Oxford. Wie das finstere Mittelalter die moderne Wissenschaft begründete, Stuttgart 2014 (Klett-Cotta)

 

 

Donnerstag, 17. Mai 2018

Leonardo da Vinci und die Naturphilosophie - Teil 2


Leonardo da Vinci
Von Leonardo da Vinci sind über 6000 Blätter voller Zeichnungen und Notizen erhalten, mit denen er versuchte, Naturgesetzen auf die Spur zu kommen und so zu erkennen, was die Welt „im Innersten zusammenhält“.

Mit Leonardo beginnt eine neue Weise, die Welt zu sehen. Er verließ sich nicht auf althergebrachtes Wissen, sondern versuchte die Welt vom Anbeginn an neu und analytisch zu erfassen. Ihm reichte es nicht, einfach nur irgendwo hinzuschauen sondern er war der Überzeugung, dass es notwendig ist, systematische Experimente machen. Diese Experimente macht er sowohl in der Natur selbst als auch im Bereich der Zeichnung.

So hat Leonardo zwischen seiner Kunst einerseits und seiner Wissenschaft andererseits überhaupt nicht getrennt.

„Wenn Du die wunderbaren Werke der Natur gesehen hast, und Du es eine abscheuliche Tat findest, sie zu zerstören, dann überlege Dir, wie unendlich abscheulich es ist, einem Menschen sein Leben zu nehmen“ (Leonardo Da Vinci).

Das Renaissance-Italien ist in viele Kleinstaaten zersplittert, es herrscht fast dauernd Krieg. Leonardo entwirft für die Fürsten, die ihn bezahlen, fürchterliche Kriegsmaschinen, mit denen man regelrechte Massaker hätte anrichten können – etwa eine riesige, 40 Meter lange Armbrust auf Rädern. Wie passt das zu seiner Menschenliebe?

Leonardo hat diese Kriegsmaschinen wirklich gezeichnet. Er hat mit diesen Zeichnungen seine Auftraggeber sicher auch beeindruckt. 

Das war genau das, was die von ihm wollten. Dafür waren sie bereit, Leonardo machen zu lassen. Vielleicht waren sie für Leonardo nur „Blendwerk“, nicht wirklich für die Umsetzung gedacht – aber das, was Auftraggeber sehen wollen und wofür Auftraggeber zu bezahlen bereit sind. Es gibt keinen historischen Beweis dafür, dass jemals eine von Leonardo erdachten Kriegsmaschinen gebaut wurde. Man hat im 20. Jahrhundert versucht, einige dieser Konstruktionen nachzubauen – aber sie funktionieren nicht ...

Leonardo da Vinci geht davon aus, dass sich Technik immer an der Natur orientieren müsse: „Der menschliche Schöpfergeist kann verschiedene Erfindungen machen (...), doch nie wird ihm eine gelingen, die schöner, ökonomischer oder geradliniger wäre als die der Natur, denn in ihren Erfindungen fehlt nichts und ist nichts zu viel.“

Leonardo könnte als Mitbegründer der heutigen Bionik gelten, die für technische Probleme Lösungen in der Natur sucht – etwa wenn man die Oberfläche von Taucheranzügen der Haut eines Hais nachbildet.

Ab 1487 entwirft Leonardo zahlreiche Pläne für Flugmaschinen und folgt auch hier der Natur. Leonardo hatte in seinen Zeichnungen das Prinzip eines funktionsfähigen Flügels erfasst. Er hatte nämlich erkannt, dass ein Flügel gewölbt ist. Er hat aber nicht erkannt, warum er gewölbt ist, nämlich wegen der unterschiedlichen Strömungsgeschwindigkeiten an der Ober- und Unterseite, die dann zu einem Unterdruck an der Oberseite führen und das ganze Ding nach oben heben.

Leonardos Flügel ist in sich beweglich, wie der eines Vogels, doch am Ende übertreibt er es mit der Anpassung an die Natur, denn künstliche Flügel, etwa beim Flugzeug, müssen starr sein.

„Man hat vor ganz kurzer Zeit versucht, Leonardos Konstruktionen in die Praxis umzusetzen und damit zu fliegen – und es gelang auch, allerdings mit dem großen Unterschied, dass man sich nicht eins zu eins an seine Konstruktionspläne gehalten hat, sondern eben statt dieser beweglichen Flügel einen starren Flügel hatte. Ansonsten war alles, was Leonardo sonst in diesem Bereich erforscht hatte, korrekt und ein solches Fluggerät konnte dann tatsächlich auch fliegen.

Um 1500 herrschen in den italienischen Kleinstaaten enorme Unruhen, es gibt immer neue Kriege. Für Leonardo beginnt eine Zeit der Wanderschaft. Er lebt in verschiedenen Städten, arbeitet an Gemälden und Fresken, als Ingenieur und Architekt für Cesare Borgia und andere Auftraggeber und Mäzene. Ab 1506 ist er wieder in Mailand. Er seziert Dutzende Leichen, um die Funktionen des menschlichen Körpers zu verstehen, obwohl Sektionen eigentlich verboten sind.

Leonardo plant einen anatomischen Atlas, in dem er die Prinzipien, die er in der Mechanik erkannt hat, auf den menschlichen Körper überträgt. Er hat also gesehen, dass die Sehnen an der Muskulatur ganz offensichtlich so funktionieren wie Seile, mit denen ein Zug übertragen wird. Dass in Knochen ein Druckprinzip herrscht, dass das funktioniert wie Pfeiler. Dass Gelenke im Körper und in Maschinen ähnliche Funktionen erfüllen und ähnlichen Anforderungen standhalten müssen.

Leonardo hatte eine ganz neuartige Weise, die Funktionsweise des menschlichen Organismus zu analysieren: Er zeichnet zum Beispiel die Knochen des menschlichen Beins nicht nur einmal, in der Ansicht von vorn. Sondern er geht zeichnend quasi um den Knochen herum, stellt ihn aus verschiedenen Perspektiven dar.

Leonardo hatte eine ganz außergewöhnliche visuelle Begabung. Er hat in Bildern und in Formen gedacht und das sieht man in seinen Notizbüchern. Er muss in der Lage gewesen sein, unwahrscheinlich komplizierte Formen in Windeseile mental zu drehen. Er muss ein phantastisches räumliches Denken gehabt haben und das war seine Weise, die Welt zu erfassen. Darin unterschied er sich radikal von den Gelehrten seiner Zeit, die Bücher-Gelehrte waren, deren Medium das Wort war.

Leonardo ist auch der erste, der konsequent Analogieschlüsse nutzt – heute wissenschaftlicher Standard: Leonardo war ein Meister darin, Erkenntnisse, die er auf einem Gebiet gewonnen hat, in ein ganz anderes Gebiet zu übersetzen. Auf virtuose Weise tat er dies in seinen anatomischen Studien.

Anatomische Studien

Leonardo hat sich mit Anatomie Jahrzehnte nachdem er sich mit der Wasserbaukunst auseinander gesetzt hat, befasst – war aber in der Lage, das, was er über den Fluss des Wassers gelernt hatte, auf die Verhältnisse im menschlichen Blutkreislauf zu übersetzen. Und hat sofort gesehen – das ist eine tiefe Einsicht in die Einheit der Natur, das ist eine gewaltige Abstraktionsleistung –, dass die Strömungsverhältnisse beispielsweise im menschlichen Herzen denen in einer Schleusenkammer ähneln können.

Da Vinci geht aber noch weiter. Er zeichnet nicht nur das, was er gesehen hat, sondern beginnt zeichnend zu experimentieren, was in der Natur sein könnte – eine frühe Form virtueller Realität.

Leonardo war ein Pionier der experimentellen Methode Er hat als einer der ersten den Wert der Beobachtung und des systematischen Experiments erkannt.

Leonardo da Vinci war der erste, der so etwas erfunden hat wie künstliche Herzklappen. Leonardo da Vinci hat das Prinzip der Arteriosklerose erkannt. Er hat das nicht so genannt, aber er hat eingesehen, dass durch Verengung der Blutgefäße die Leistung des Herzens so stark geschwächt werden kann, dass ein Mensch sterben kann.

Die rund 6000 Seiten mit Leonardos Zeichnungen zeigen einen Menschen, der sich so vielfältig mit Natur und Kunst beschäftigt hat wie kaum ein anderer. Leonardo begründete, was man heute interdisziplinäre Forschung nennt. Darum sehen ihn immer mehr Wissenschaftler nicht mehr nur als Maler oder Ingenieur oder Anatom, sondern verstehen sein großartiges Werk als Einheit.


Zitate aus: Matthias Kußmann: Leonardo da Vincis Naturphilosophie Zeichnend die Welt verstehen, SWR2 Wissen, Sendung vom 8. Dezember 2017, Redaktion: Ralf Kölbel, Regie: Günter Maurer, Produktion: SWR 2017

Weitere Literatur: Stefan Klein: Da Vincis Vermächtnis oder Wie Leonardo die Welt neu erfand. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2014   -   Thomas Heichele: Die erkenntnistheoretische Rolle der Technik bei Leonardo a Vinci und Galileo Galilei im ideengeschichtlichen Kontext. Aschendorff Verlag, Münster 2016



Donnerstag, 10. Mai 2018

Leonardo da Vinci und die Naturphilosophie - Teil 1

Leonardo da Vinci
(1492 - 1519)
Von Leonardo da Vinci sind über 6000 Blätter voller Zeichnungen und Notizen erhalten, mit denen er versuchte, Naturgesetzen auf die Spur zu kommen und so zu erkennen, was die Welt „im Innersten zusammenhält“.

Mit Leonardo beginnt eine neue Weise, die Welt zu sehen. Er verließ sich nicht auf althergebrachtes Wissen, sondern versuchte die Welt vom Anbeginn an neu und analytisch zu erfassen. Ihm reichte es nicht, einfach nur irgendwo hinzuschauen sondern er war der Überzeugung, dass es notwendig ist, systematische Experimente machen. Diese Experimente macht er sowohl in der Natur selbst als auch im Bereich der Zeichnung.

So hat Leonardo zwischen seiner Kunst einerseits und seiner Wissenschaft andererseits überhaupt nicht getrennt. Auch das macht die ungeheure Faszination seiner Kunstwerke aus.

Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ ist das wohl bekannteste Gemälde der Welt. Die Frau, die den Betrachter sanft anlächelt, ist wahrscheinlich Lisa del Giocondo, Gattin eines reichen Florentiners. Der Künstler hat das Bild zwischen 1503 und 1506 gemalt. Das Bild muss für ihn eine besondere Bedeutung gehabt haben muss: Er hat es nie aus der Hand gegeben.

Das Bild ist jedenfalls mehr als ein Geniestreich. Leonardo da Vinci hat jeden einzelnen Beleuchtungspunkt gewissermaßen konstruiert – ziemlich genau so, wie man das heute in der Computergrafik bei Computeranimationen macht. Die Lichtverhältnisse auf dem Gesicht der Mona Lisa sind berechnet.

Leonardo hat also seine Erkenntnisse über Optik verwendet, um neuartige Kunstwerke hervorzu-bringen. Er hat die Gesichtsmuskulatur studiert, um Porträts malen zu können, die gewissermaßen „wahrer“ waren als das, was die Anschauung ihm zeigte – weil er ein Tiefenwissen hatte und in den Berglandschaften im Hintergrund der Mona Lisa spiegelt sich Leonardos Beschäftigung mit Geologie wider, denn dort ist eine ganze Geschichte der Erschaffung und des Vergehens und der Umformung von Gebirgen abzulesen.

Auch wenn Leonardo heute in der Öffentlichkeit als Maler bekannt ist, hat er sich selbst wohl eher als Naturphilosoph und Naturforscher bzw. – modern gesprochen – als Naturwissenschaftler verstanden.

Leonardos Kunst verdankt sich letztlich seiner Wissenschaft, und Leonardos wissenschaftliche Forschung profitierte von seiner unglaublichen Wahrneh-mungsfähigkeit und seiner Darstellungsfähigkeit als Zeichner. Leonardo zeichnet eigentlich unentwegt. Es gibt keinen anderen Künstler und auch Wissenschaftler der frühen Neuzeit, von dem wir so viele Zeichnungen erhalten haben – es sind tausende.

Es ist unglaublich, mit welcher Genauigkeit Leonardo Vinci die Formen des menschlichen Körpers darstellen konnte und vor allem, wie er sie dreidimensional darstellen konnte. Da Vinci zeichnet Flugmaschinen, Strömungs-verläufe in Flüssen, Kriegsgeräte, Stadtpläne, die Anatomie von Tieren und Menschen und vieles mehr.

Leonardo hatte durch seine visuelle Begabung einen ganz neuartigen Zugang zur Natur. Ein Zugang, der sich als viel geeigneter herausstellen sollte um die Natur zu erfassen, als die Sprache. Vielleicht, weil die visuelle Sprache der modernen Naturwissenschaft viel besser entspricht als die lineare Sprache. Und Leonardo war einer der ersten, der das gesehen hat und vor allem nutzen konnte.

Mit 17 Jahren tritt Leonardo in Florenz in die Werkstatt seines Lehrmeisters ein, dem bekannten Bildhauer und Universalkünstler Andrea del Verrocchio. Dort ist er dann im Handwerk ausgebildet worden, vor allem auch im Kunsthandwerk.

Künstler gelten damals als Handwerker, erst später wird man sie als „Originalgenies“ feiern. So ist Leonardo bei Verrocchio zunächst Lehrling, dann Geselle und schließlich Assistent, darf zum Beispiel Teile von dessen Bildern malen. 1477 gründet er eine eigene Werkstatt in Florenz, beschäftigt sich aber zunehmend mit Naturforschung. Vor allem das Thema Bewegung, Kraft und Veränderung interessiert ihn.

Der vitruvianische Mensch
„Was nun die Dinge in Bewegung setzt sind für ihn zwei unterschiedliche Faktoren. Das eine ist ein interner `Wunsch´ kann man sagen der einzelnen Körper und Elemente, ihren spezifischen Ort zu finden. Der Stein möchte gern in die Tiefe fallen, da zieht es ihn hin. Das sind natürliche Tendenzen der Körper. Und das andere, was für ihn noch viel interessanter ist, sind, was er `widernatürliche´ Kräfte nennt: Einwirkungen, die einen Körper aus seiner Ruhelage bringen. Diese Kräfte sind mysteriös, sind unvorhersehbar, zufällig, da gibt es viele verschiedene Wirkungen zwischen den Körpern, ganz viele Faktoren, die ineinander spielen.“

Seine Studien nützen Leonardo schon bald. 1482 sucht der Mailänder Fürst Ludovico Sforza einen Künstler, der ein riesiges, sieben Meter hohes Reiterstandbild seines Vaters Francesco baut. Leonardo macht Vorschläge für die Bronzestatue und bekommt den gut bezahlten Posten. Auch wenn das Standbild schließlich doch nicht gebaut wird, beeindruckt Leonardo Ludovico mit Entwürfen spektakulärer Kriegsgeräte und unterhält den Hof bei Festen mit kuriosen mechanischen Geräten. Daneben kann er seinen Naturstudien nachgehen. Bald verbreitet sich sein Ruf eines Meisteringenieurs und Universalgelehrten in ganz Italien.

Der ganze Stolz Leonardos als Autodidakt besteht für ihn darin, dass er genauer hinguckt als andere: “Ich weiß wohl, dass so mancher eitle Tropf glauben wird, er könne mich tadeln, denn ich sei ein ungebildeter Mann. Dumme Menschen! (...) Sie werden behaupten, ich könne mangels Gelehrsamkeit das, was ich behandeln will, nicht richtig sagen. Nun, wissen sie denn nicht, dass meine Lehren nicht so sehr aus den Worten anderer gezogen werden, als aus der Erfahrung, die doch die Lehrmeisterin derer war, die gut geschrieben haben?“

Da Vinci ist der erste Philosoph, der durch genaue Anschauung der Dinge und praktische Experimente erkennt, dass es so etwas wie universale Naturgesetze gibt, die vor allem aus dem Bereich der Physik stammen, eine Einsicht, die bis heute gültig ist.

Nach Leonardo findet man Proportionen nicht nur in Zahlen und Maßen, sondern auch in Tönen, Gewichten, Zeiten, Orten, und in jeder Kraft, die es gibt. Leonardo war der Überzeugung, dass die Natur sich Regelmäßigkeiten unterordnet und zwar völlig unabhängig von irgendwelchen Zielen, von Schöpfern, von höheren Mächten. Das spielte alles für ihn überhaupt keine Rolle.

Monatelang beobachtet er etwa die Oberfläche von Bächen und Flüssen. Besonders interessiert ihn die Strömung des Wassers: „So kreist es unaufhörlich, immer zusammenhängend und immer im Umlauf. Da es hierhin und dorthin, aufwärts und abwärts eilt, so kommt es nie zur Ruhe, weder in seinem Lauf noch in seiner Natur. (...) So ändert es sich immer wieder, sei es in der Lage oder in der Färbung, sei es, dass es einen neuen Geschmack oder Geruch in sich aufnimmt, (...) sei es, dass es sich als verderblich oder Segen bringend erweist (...) Wasser ist der Antrieb der ganzen Natur.“

Turbulenzen unter Wasser
Wie immer begleitet er seine Beobachtungen mit Zeichnungen. Zunächst gibt er wieder, was er gesehen hat. Da er aber die Gesetze der Strömungsdynamik kennt, zeichnet er auch mögliche Strudelbildungen unter der Wasseroberfläche. Er kombiniert also das, was man sieht, wenn man von oben auf eine aufgewühlte Wasserfläche sieht, mit dem, was seiner Meinung nach – und dort lag er tatsächlich richtig – sich unter der Wasseroberfläche abspielt.

Dieser Methode bleibt der Mann aus Vinci zeitlebens treu. Zeichnung ist für ihn, genau wie Malerei, ein Mittel der Erkenntnis. Seine Zeitgenossen halten sich noch an Aristoteles, der meinte, Kunst solle die Welt lediglich abbilden, das Denken und die Erklärungen aber würden sie übernehmen. Für Leonardo dagegen ist Zeichnen und Malen Denken: „... denn das Auge täuscht sich weniger als der Verstand.“

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Matthias Kußmann: Leonardo da Vincis Naturphilosophie Zeichnend die Welt verstehen, SWR2 Wissen, Sendung vom 8. Dezember 2017, Redaktion: Ralf Kölbel, Regie: Günter Maurer, Produktion: SWR 2017

Weitere Literatur: Stefan Klein: Da Vincis Vermächtnis oder Wie Leonardo die Welt neu erfand. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2014   -   Thomas Heichele: Die erkenntnistheoretische Rolle der Technik bei Leonardo a Vinci und Galileo Galilei im ideengeschichtlichen Kontext. Aschendorff Verlag, Münster 2016