Samstag, 10. Januar 2026

John Freely und die Bedeutung Siziliens für die europäische Wissenschaft

Das Buch „Aristoteles in Oxford“ von John Freely erzählt keine lineare Erfolgsgeschichte europäischer Wissenschaft. Es ist vielmehr eine Rekonstruktion von Umwegen, Vermittlungen und kulturellen Übersetzungsleistungen – und damit eine Korrektur des lange gepflegten Mythos, die moderne Wissenschaft sei aus einem rein lateinisch-abendländischen Geist hervorgegangen. Eine Schlüsselrolle in dieser alternativen Genealogie nimmt Sizilien ein, als intellektueller Umschlagplatz zwischen Antike, islamischer Welt und lateinischem Mittelalter.

John Feely "Aristoteles in Oxford" (2014)
 

Nach dem Ende der Antike war das aristotelische Corpus im lateinischen Westen weitgehend verloren. Während einzelne logische Schriften kursierten, blieben Aristoteles’ naturphilosophische, metaphysische und biologischen Werke unbekannt. In der islamischen Welt hingegen setzte bereits ab dem 9. Jahrhundert eine intensive Übersetzungs- und Kommentierungstätigkeit ein. Aristoteles wurde hier nicht nur bewahrt, sondern kritisch gelesen, systematisiert und mit Mathematik, Astronomie und Medizin verbunden. Arabische Gelehrte wie al-Farabi, Avicenna und Averroes kommentierten, systematisierten und erweiterten Aristoteles’ Werk – oft in enger Verbindung mit Mathematik, Astronomie und Medizin. Diese produktive Aneignung schuf ein wissenschaftliches Denken, das empirische Beobachtung, rationale Begründung und methodische Ordnung miteinander verband.

Sizilien wurde zu einem der entscheidenden Orte, an denen dieses Wissen nach Europa gelangte. Freely beschreibt die Insel nicht als bloße Durchgangsstation, sondern als eigenständigen Wissensraum. Unter arabischer Herrschaft entwickelte sich Sizilien zu einem Zentrum wissenschaftlicher Bildung, dessen urbane Kultur – insbesondere in Palermo – Bibliotheken, Schulen und eine mehrsprachige Gelehrtenwelt hervorbrachte. Nach der normannischen Eroberung im 11. Jahrhundert wurde diese Tradition nicht zerstört, sondern bewusst integriert.

Gerade hierin liegt die historische Besonderheit Siziliens. Die normannischen Herrscher – und später Friedrich II. – förderten ein politisches und kulturelles Modell, das auf Kontinuität setzte: Arabisch, Griechisch und Latein existierten nebeneinander; muslimische, jüdische und christliche Gelehrte arbeiteten gemeinsam an Verwaltung, Wissenschaft und Übersetzung. Anders als in vielen Teilen Europas entstand so ein dauerhaftes Milieu des intellektuellen Austauschs, in dem aristotelisches Denken nicht nur übertragen, sondern verstanden und weiterentwickelt wurde. 

 

Unter Roger II. (reg. 1130–1154) entwickelte sich Palermo zum kulturellen Zentrum
(Abb: Liber ad honorem Augusti von Petrus de Ebulo, 1196)

Freely zeigt, dass der Weg des Aristoteles nach Oxford ohne diesen sizilianischen Kontext kaum denkbar wäre. Die lateinischen Übersetzungen, auf die englische Gelehrte des 12. und 13. Jahrhunderts zurückgriffen, waren vielfach das Ergebnis arabisch-griechisch-lateinischer Vermittlung. In Oxford – etwa bei Robert Grosseteste oder Roger Bacon – traf dieses Wissen auf ein neues Interesse an Naturbeobachtung, mathematischer Strukturierung und experimenteller Methode. Aristoteles wurde hier nicht mehr primär als Autorität gelesen, sondern als methodischer Lehrer des Fragens.

Entscheidend ist dabei ein Aspekt, den Freely immer wieder hervorhebt: Die sizilianische Aristoteles-Rezeption war von Anfang an naturwissenschaftlich orientiert. Physik, Kosmologie und Biologie standen im Zentrum – nicht allein Logik oder Metaphysik. Genau diese Schwerpunktsetzung bereitete den Boden für jene Form von Wissenschaft, die Natur nicht mehr nur theologisch deutete, sondern als gesetzmäßig strukturierten Erkenntnisgegenstand verstand. 

 

Der Dominikaner Wilhelm von Moerbeke übersetzte u.a. die Schriften des Aristoteles sowie die Kommentare, Werke von Archimedes, Proklos, Heron von Alexandria, Ptolemaios und Galen (Handschrift "De anima" von Aristoteles aus der  Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Palatinus, Anfang 14. Jh.)


Sizilien erscheint bei Freely somit als epistemische Brücke zwischen antiker Theorie und mittelalterlicher Praxis, zwischen philosophischer Spekulation und empirischer Beobachtung. Die Insel verkörpert eine Wissenschaftskultur, die von Übersetzung, Kritik und interkultureller Offenheit lebt – eine Kultur, ohne die die spätere europäische Universitätswissenschaft nicht entstanden wäre. 

„Aristoteles in Oxford“ ist nicht zuletzt ein politisches Buch im besten Sinne. Es erinnert daran, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht aus kultureller Abschottung entsteht, sondern aus Begegnung. Die moderne Wissenschaft hat ihre Wurzeln nicht nur in Athen oder Oxford, sondern ebenso in Palermo. Sizilien war kein Randgebiet Europas, sondern eines seiner intellektuellen Zentren – ein Ort, an dem Aristoteles nicht museal bewahrt, sondern produktiv neu gelesen wurde. 

 

In der medizinischen Lehranstalt von Salerno verschmolz antikes Wissen mit Klostermedizin (Bild der "Schlule von Salerno" in einer lateinischen Ausgabe des Kanon des Avicenna).

In einer Zeit, in der kulturelle Grenzziehungen wieder an Bedeutung gewinnen, entfaltet Freelys Darstellung eine bemerkenswerte Aktualität. Sie macht sichtbar, dass die Grundlagen des modernen wissenschaftlichen Denkens aus einer pluralen, vielsprachigen und transkulturellen Welt hervorgegangen sind – und dass Sizilien eines ihrer wichtigsten Laboratorien war.

 

Quelle: John Freely: Aristoteles in Oxford. Wie das finstere Mittelalter die moderne Wissenschaft begründete, Stuttgart 2014 (Klett-Cotta)

 

 

Dienstag, 17. September 2024

Harald Welzer und die Notwendigkeit von Orten anlassloser Vergemeinschaftung

Ausgehend von dem 2016 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Spielfilm “Ich, Daniel Blake” von Ken Loach, in dem ein wegen eines Herzinfarktes arbeitsunfähiger Zimmermann mit den britischen Sozialbehörden kämpft (… verliert), hält Harald Welzer in seinem Buch “Zeiten-Ende” ein flammendes Plädoyer für eine Gesellschaft, in der analoge Formen des Zusammenkommens erwünscht und möglich sind, in der Begegnungsräume des lebendigen Sozialen eröffnet und Orte anlassloser Vergeimschaftung geschätzt und gefördert werden.

Die Erosion des Gemeinsamen ist für Welzer die vermutlich größte Gefahr für die Demokratie, die individuelle Freiheit und den Rechtsstaat. Bedauerlicherweise ist die Würde des Menschen heutzutage anfechtbar geworden, weil den Menschen – wie Daniel Blake in dem Film – die würde erst genommen werden muss, um sie anschließend “gefügig für all den Quatsch zu machen”, dem man im Alltag begegnet.

Daniel Blake: Den Menschen die Würde nehmen und sie dann gefügig machen ...


Ein Beispiel für diesen “Quatsch”: “Wir alle hatten noch nicht eine Sekunde im Leben Lust darauf, uns die Scheißmusik der entwürdigenden Warteschleifen anzuhören, die es nur deshalb gibt, weil Unternehmen und Verwaltungen aus Gründen der Kosteneffizienz die stetige Absicht hegen, Menschen schlecht zu behandeln. Überhaupt, so zeigt das Beispiel der allgegenwärtigen Warteschleifen, geht der Wunsch nach Kosteneffizienz prinzipiell damit einher, dass Menschen schlecht behandelt werden. 

 

Inzwischen dürfen Sie sich als Mensch nicht einmal mehr die Hoffnung machen, nach all der Scheißmusik und all den beschissenen Zwischenansagen (`Wussten Sie schon, dass Sie auch online…´) einen anderen Menschen sprechen zu können, sondern man mutet Ihnen zu, mit einem Bot, also einem Algorithmus zu kommunizieren. Als wären Sie ein kompletter Idiot. Und als wären Sie nicht einmal mehr das, müssen Sie bei Ihrem innigsten Wunsch, dafür zu bezahlen, dass Sie gerade als kompletter Idiot behandelt wurden, erst mal nachweisen, dass Sie `kein Roboter´ sind. Ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, dass eine Kultur, die an diesem Punkt angekommen ist, keine Zukunft hat.”

 

Es ist für Welzer mehr als offensichtlich, dass man die Menschen zunächst möglichst weitgehend vereinsamen und voneinander isolieren muss, weil dies die Voraussetzung für die Maximierung von Effizienz, insbesondere mit Blick auf "das Digitale": “In Zeiten der Digitalisierung von Allem und Jedem gelingt dies in umfassendem Maße, und auch wenn die sogenannten sozialen Netzwerke in totalitären Staaten oft die Instrumente zur Organisation von Protest bilden, sind sie generell doch ein Mittel, die Menschen zu dissoziieren, von Vergemeinschaftung abzuhalten. Und sie algorithmisch in die berühmten Filterblasen einzusperren, in denen sie in perfekter Redundanz permanent gespiegelt bekommen, was sie ohnehin schon denken und glauben.”

 

Orte anlassloser Vergemeinschaftung: Markthallen

Gerade mit Blick auf die Durchsetzung einer gebetsmühlenartig behaupteten erwünschten “digitalen Kultur” wäre in einer lebendigen Demokratie daran zu erinnern, “dass es die Gesellschaft ist, die den Gebrauch definiert, den sie von einer Technologie machen möchte. Und nicht die Technologie, die definiert, welchen Gebrauch sie von der Gesellschaft machen möchte.”

 

In diesem Zusammenhang sei an die permanente Belästigung durch Cookies, Updates, Erinnerungen, Hinweise und ständige Werbung erinnert, was das Prinzip der Entwürdigung so alltäglich macht, dass man seine Niedertracht gar nicht mehr bemerkt. Dazu gehören ebenfalls andere Nebenwirkungen der digitalen Transformation, z.B. “die dauernde Anforderung, sich mit all den vorgeblichen Innovationen, Disruptionen und Angeboten zur Verbesserung von irgendwas zu befassen, also eine dauernde Ablenkung. Und zum anderen die Dissoziation, also die Verhinderung von Vergemeinschaftung.”

 

Welzer setzt dagegen: Eine Demokratie braucht statt einer unbegrenzten Menge digitaler `Communities´ “vor allem analoge Formen des Zusammenkommens. Das ist die anlasslose Vergemeinschaftung. Sie bedeutet, zwanglos und ohne Angst vor persönlichen Unterschieden zusammenkommen zu können.” Es geht letztlich um die Schaffung von Orten der “Ausübung sozialer Aktivitäten, besser: der Einübung des Sozialen.”

 

“Für das lebendige Soziale muss es Gelegenheitsstrukturen geben – das Gartenfest, das Straßenfest, die Nachbarschaft, die Gemeinschaftsflächen in Mehrfamilienhäusern, die Schwimmbäder, das Theater, das Gemeindezentrum usw. (…) Was man dafür braucht, ist nicht so sehr technische Intelligenz, sondern soziale. Die hat ihren Wert nicht in sich, sondern findet ihren Maßstab in der Ermöglichung guten Lebens in der Zukunft.”

 

Orte anlassloser Vergemeinschaftung: Town-Hall-Meeting

Potenziale für die anlasslose Vergemeinschaftung - darunter Gemeinschafts-gärten, Flussschwimmbäder, Markthallen und Wochenmärkte – müssen in einer lebendigen Demokratie ebenso gefördert werden wie die Bereitstellung von öffentlichen Räumen (“Town-Halls”), in denen die gemeinsamen Angelegen-heiten - altgriechisch “ta politiká” – auch gemeinsam be- und ausgehandelt werden können.

 

Es gibt so viele “Formate der Assoziation jenseits von Kaufzwang, Mitgliedschaft und der berühmten `Vernetzung´: Menschen kommen zusammen aus dem einfachen Grund, dass es gut ist, zusammenzukommen. (…)

 

Man kann umgekehrt sagen: Je mehr Vergemeinschaftung durch Vereinzelung gefährdet wird, durch die Dissoziation der Menschen im Netz, durch (…) Finanzialisierung aller denkbaren Aktivitäten, desto mehr muss Sorge dafür getragen werden, dass es analoge Orte der lebendigen Begegnung gibt. Dazu gehören übrigens auch Kneipen, Kioske, Schützenfeste.

 

Bier gibt es nur analog, nie digital.”

 

Orte anlassloser Vergemeinschaftung: "Bier gibt es nur analog, nie digital!"

 

Zitate aus: Harald Welzer: ZEITEN ENDE. Politik ohne Leitbild, Gesellschaft in Gefahr, Frankfurt a.M. 2023 (Fischer)

 

Samstag, 17. August 2024

Sokrates, Platon und das Erwachsenwerden

Von Fichte stammt das Urteil, dass unterwürfige Seelen sich für ein naturalistisches System entscheiden, das ihre Servilität rechtfertige, während Menschen von stolzer Gesinnung nach einem System der Freiheit greifen. Welche Philosophie man wähle, hängt also davon ab, was für ein Mensch man ist.

Ausgehend von dieser Beobachtung beschreibt Peter Sloterdijk verschiedene philosophische Temperamente von Platon bis Foucault, eine Galerie von Charakterstudien und intellektuellen Portraits, die zeigen, wie sehr Nietzsche im Recht war, wenn er notierte, alle philosophischen Systeme seien immer auch so etwas wie unbemerkte Memoiren und Selbstbekenntnisse ihrer Verfasser gewesen.

 

Von Menschen mit stolzer Gesinnung oder von unterwürfigen Seelen ...

In jedem Fall markieren Sokrates und Platon für Sloterdijk den Durchbruch einer neuen Erziehungsidee, denn sie treten an gegen den Konventionalismus und Opportunismus der Rhetoriklehrer und der Sophisten und für eine umfassende Neuprägung des Menschen hervor. Paideia oder Erziehung als Formung des Menschen für das Gemeinwesen versteht sich explizit auch als ein Programm der Philosophie als politischer Praxis.Daran lässt sich auch ablesen, dass die Entstehung der Philosophie nicht zuletzt durch die Heraufkunft einer neuen, machtgeladenen Weltform bedingt war, die der griechsichen Stadtstaaten!

Diese erzwang eine Formung des Menschen in Richtung auf Politiktauglichkeit. Insofern darf man behaupten, “daß die klassische Philosophie ein logischer und ethischer Initiationsritus für eine Elite junger Männer – in seltenen Fällen auch für Frauen – gewesen ist; diese sollten es unter der Anleitung eines fortgeschrittenen Meisters dahin bringen, ihre bisherigen bloßen Familien- und Stammesprägungen zu überwinden” zugunsten einer weitblickenden und großgesinnten Menschlichkeit.

So sei die Philosophie “gleich an ihrem Anfang unvermeidlich eine Initiation ins Große, Größere, Größte; sie präsentierte sich als Schule der universalen Synthesis; sie lehrt, das Vielfältige und Ungeheure in einem guten Ganzen zusammenzudenken; sie führt ein in ein Leben unter steigender intellektueller und moralischer Belastung; (…)  sie will aus ihren Schülern Bewohner einer logischen Akropolis machen; sie weckt in ihnen den Trieb, überall zu Hause zu sein.” Die griechische Tradition verwendet dafür den Terminus “σωφροσύνη“ (sophrosyne – Besonnenheit), lateinisch humanitas.

Sokrates - Wo Ambivalenz herrscht, fallen naiv-positive Bilanzen schwer

Sofern die antike philosophische Schule also paideia ist, Einführung in die erwachsene Besonnenheit, die Humanität bedeutet, vollzieht sie eine Art Übergangsritus zur Formung eines  des polistauglichen  Menschen. Die Werte der paideia und der humanitas sind also weit mehr als nur unpolitische Charakterideale.


Denn: “Die klassische Philosophie stellte ihren Adepten in Aussicht, sie könnten es in einem chaotischen Kosmos zur Heiterkeit bringen; zum Weisen wird, wer das Chaos als Maske des Kosmos durchschaut. Wer in die Tiefenordnungen durchblickt, gewinnt Verkehrsfähigkeit im Ganzen; kein Ort im Sein ist ihm mehr ganz fremd; darum ist die Liebe zur Weisheit die Hochschule der Exilfähigkeit. Indem sie den Weisen so witzig wie programmatisch als kosmopolités, als Weltallbürger, bezeichnete, versprach die Philosophie Überlegenheit über ein Universum, das seiner Form nach schon ein wüster Markt der Götter, der Bräuche und der Meinungen war – zugleich ein Schlachtfeld, auf dem mehrere Staatswesen um die Hegemonie kämpften. (…)

 

In moderner Sprache würde man die klassische Philosophie mithin als Orientierungsdisziplin bezeichnen; wollte sie für sich werben, so konnte sie es vor allem mit dem Versprechen tun, den Wirrwarr der vorgefundenen Verhältnisse durch einen geordneten Rückgang auf sichere Grundlagen zu übersteigen – in heutiger Terminologie spräche man von Komplexitätsreduktion.” Der Philosophie also als “Eliminator von schlechter Vielfalt”.

 

Wer zu Zeiten von Sokrates und Platon erwachsen werden wollte, mußte sich darauf vorbereiten, in einem geschichtlich kaum gekannten Ausmaß Macht zu übernehmen – oder zumindest die Sorgen der Macht zu seinen eigenen zu machen.

 

“Nach Sokrates und Platon kann als erwachsen nicht mehr nur derjenige gelten, von dem die Ahnen und Götter des Stammes Besitz ergriffen haben. Die städtischen Lebensformen erfordern einen neuen Typus von Erwachsenen, dem die Götter nicht zu nahe treten – das heißt zugleich: Sie stimulieren eine Form von Intelligenz, die von Tradition und Wiederholung auf Forschung und »Erinnerung« umstellt. Offenbarungen und Evidenzen entstehen jetzt nicht mehr durch Ekstasen, sondern durch Schlüsse: Die Wahrheit selbst hat schreiben gelernt; Satzketten führen zu ihr hin.” Philosophie wird so zu einem “Unternehmen zur Aufhellung des Zwielichts, das wir bevölkern.”

 

    Platon - Philosophie als Aufhellung des Zwielichtes ...

Sloterdijk stellt fest, dass der moderne Ausdruck “Erziehung” nur wenig von diesem Ehrgeiz des ursprünglichen Projekts Philosophie enthalten würde. Dies liege nicht zuletzt daran, weil “die Fundierung des Wissens und Handelns in der `alteuropäischen´ Idee eines höchsten Gutes” aufgegeben wurde. “Der dominierende technologische Pragmatismus der Neuzeit gewann freie Bahn erst, nachdem die metaphysischen Hemmungen, die einem grenzenlosen moralischen und physischen Experimentieren im Weg standen, beiseite geräumt oder zumindest entkräftet waren.”

 

So bringe Modernisierung unvermeidlich einen Fortschritt im Bewußtsein der Haltlosigkeit mit sich. Aber das Moderne als Selbstzweck könne immer nur eine Hilfskonstruktion für Hilflose liefern; sie erzeuge nur Scheinsicherheiten ohne Weiterwissen; auf lange Sicht ruiniere sie die befallenen Gesellschaften durch die Drogen der falschen Gewißheit.

 

Daher empfiehlt es sich, “das Buch des europäischen philosophischen Wissens von neuem aufzuschlagen und den Zeilen und Wegen des klassischen Denkens noch einmal zu folgen – soweit die Kürze des Lebens es uns erlaubt, solche aufwendigen Wiederholungen zu wagen. 

 

Das Motto »Wieder denken« setzt die Aufforderung, neu zu lesen, voraus. Alle fruchtbaren Neulektüren profitieren von den Winkelbrechungen und Perspektiveverschiebungen, die unseren Rückblicken auf die Überlieferung innewohnen, sofern wir bewußte Zeitgenossen der aktuellen Umbrüche in den Wissens- und Kommunikationsverhältnissen der eben entstehenden telematischen Weltzivilisation sind. (…) 


"Wieder denken" und Lektüre ... statt hilfloses Denken in Bildern!

Besseres Wissen gewinnen wir heute nicht, ohne an den Abenteuern teilzunehmen, die bei der Revision der eigenen Geschichte auf uns zukommen. Ein neuer Aggregatzustand von Intelligenz wird auch den alten Schulen des philosophischen Wissens neue Informationen abgewinnen. Platon wieder lesen: Das kann bedeuten, sich darauf einzulassen, mit Platon – und Platon zum Trotz – an der Aktualisierung unserer Intelligenz zu arbeiten.”

 

Zitate aus: Peter Sloterdijk: Philosophische Temperamente. Vom Platon bis Foucault, München 2009 (Diederichs)

Freitag, 9. August 2024

Ulrich Menzel und der Einfluss der Globalisierung auf den Strukturwandel des Parteiensystems

In seinem Buch „Wendepunkte: Am Übergang zum autoritären Jahrhundert“ identifiziert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel verschiedene Wendepunkte einer Welt in Aufruhr. Die Globalisierung ist entzaubert, die USA und China ringen um die Hegemonie. Wir erleben eine Rückkehr alter Grenzen, der Anarchie der Staatenwelt, des Autoritären (weltweit und in den liberalen Gesellschaften), ja sogar des Krieges in Europa.

 

Ein wichtiger Aspekt dieses Szenariums ist der durch die Globalisierung ausgelöste Strukturwandel des Parteiensystems, insbesondere der Niedergang der Volksparteien.

 

Die Ergebnisse der Bundestagswahl 2021 machen diesen Niedergang eindrucksvoll deutlich: „Während dieser sich für die SPD bereits mit der Bundestagswahl 2009 manifestierte, als sie weniger als 10 Millionen Stimmen erzielte und damit wieder bei der Größenordnung von 1957 angelangt war, bestätigte er sich jetzt auch für die Union, die mit gut 11 Millionen Stimmen schlechter als 1953 abschnitt.“

 

Die neuen Bruchlinien der Globalisierung ...

Eine häufig herangezogene Erklärung bzw. Theorie lautet, daß Volksparteien in sie tragenden sozialen Milieus verankert sein müssen. “Für die SPD war es das gewerkschaftliche Milieu, das nicht nur aus den Gewerkschaften, sondern auch dem dritten Bein der Arbeiterbewegung, den Genossenschaften, bestand, ferner ihrer Presse, den Verlagen, Bildungs- und Sozialeinrichtungen wie Arbeiterwohlfahrt und Arbeiter-Samariter-Bund sowie den vielen Vereinen vom Fußball (Eintracht oder Rot-Weiß) über die Bergmannskapelle bis zu den Taubenzüchtern.” 

 

Für die konservativen Volksparteien wie BVP oder Zentrum bzw. nach 1945 für die CDU/CSU “war es das kirchliche Milieu, das nicht nur aus den Kirchen, dem Kirchenjahr und der Begleitung der Familienfeste von der Taufe bis zur Beerdigung, sondern auch aus den vielen kirchlichen Institutionen bestand vom Kindergarten über die Schule bis zur Alten- und Krankenpflege, den Jugendorganisationen, Kirchenchören und Bibelkreisen. Auch die katholischen Gewerkschaften gehörten dazu.” So habe nach Menzel die Arbeiterschaft im katholischen Ruhrgebiet bis 1933 auch Zentrum und keineswegs nur SPD oder KPD gewählt!

 

Demgegenüber waren die Liberalen nicht in vergleichbar breite Milieus eingebettet, “sondern blieben dem Typus der Honoratiorenparteien mit ihren persönlichen Netzwerken verhaftet, was für die FDP bis heute gilt.”

 

Nur: “In dem Maße, wie der Strukturwandel von der Agrar- über die Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft bis hin zur virtuellen Ökonomie des Internets Platz greift, werden die alten gesellschaftlichen Bruchlinien geschliffen. Der Aufstieg Ost- und Südostasiens zur `Werkbank der Welt´ wurde erkauft mit dem Niedergang der alten Industrieregionen des Westens. Hier kommt ganz augenscheinlich der Faktor Globalisierung ins Spiel.”

... Automatisierung und Digitalisierung ...

Die neue internationale Arbeitsteilung, aber auch die Automatisierung und Digitalisierung, führe laut Menzel dazu, daß es hierzulande immer weniger Arbeiter, immer weniger Gewerkschafts- und Genossenschaftsmitglieder gibt. “Man denke nur an das Schicksal von Konsum, Neue Heimat, Bank für Gemeinwirtschaft und Volksfürsorge. Weitere Kennzeichen der Globalisierung sind Prozesse der Säkularisierung und des kulturellen Wandels, die gerade die Kirchen betreffen mit der Folge von Mitgliederschwund, rückläufiger Kirchensteuer und der Notwendigkeit, kirchliche Leistungen zu reduzieren und Institutionen ganz abzubauen. Auf dem Land betreut ein Pfarrer nicht mehr eine, sondern bis zu fünf oder sechs Gemeinden. Leerstehende Kirchen werden zum Verkauf angeboten.”

 

Umgekehrt haben sich neue Bruchlinien gebildet, u.a. “die zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung nicht nur im Weltmaßstab, sondern auch innerhalb der ehemaligen Industriegesellschaften. Die Gewinner sitzen in den Metropolen und arbeiten in den expandierenden Branchen des FIRE-Sektors (finance, insurance, real estate). Seit der Finanzkrise und der Null-Zins-Politik zu ihrer Bekämpfung boomt die Immobilienbranche besonders.

 

Die Verlierer der Globalisierung sitzen in den alten Industrieregionen, dort, wo sich die Industriebrache ausbreitet, im Rust Belt der USA, in den englischen Midlands, wo die industrielle Revolution ihren Ausgang nahm, im Nordosten von Frankreich oder im Ruhrgebiet.” In Deutschland gäbe es sogar die doppelten Verlierer, erst der Wiedervereinigung und dann der Globalisierung, ist der deutsche Osten doch erst seit 1990 mit der Globalisierung konfrontiert worden.

 

“Die zweite neue Bruchlinie ist die zwischen Ökonomie und Ökologie – in anderer Hinsicht ein Resultat der Globalisierung. Die vielen Beispiele aufzuzählen, etwa den Energieverbrauch und die Emissionen auf den “Lieferketten” des weltweiten Gütertransports zu Wasser und zu Lande, erübrigt sich.”

 

Ökonomie vs. Ökologie

Die Auswirkungen sind mehr als deutlich: “Auf der einen Seite zerbröselt das gewerkschaftliche Milieu genauso wie das kirchliche mit den genannten Konsequenzen für Mitglied- und Wählerschaft von SPD und Linken bzw. CDU und CSU.”
 

Gleichzeitig haben sich zwei neue Milieus etabliert, die Menzel als das “kosmopolitische” und das “populistische” Milieu bezeichnet:


Im kosmopolitischen Milieu versammeln sich die Gewinner der Globalisierung, die mit den überdurchschnittlichen Einkommen, die Gebildeten, die Weitgereisten, die Fremdsprachenkundigen, die Globalisierung auch in kultureller Hinsicht als Bereicherung empfinden. Hierzu gehört paradoxerweise auch ein Teil der Globalisierungskritiker, der durch den Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie mobilisiert wird. Dieses Milieu wurzelt in der 68er-Bewegung, der Friedensbewegung, den Dritte-Welt-Gruppen, den Anti-AKW- und Umweltgruppen, den Menschenrechts-, Feminismus-, Gender- und neuerdings Flüchtlingsinitiativen. 

 

"Die kosmopolitischen Milieus haben die größte Klappe!" (Cornelia Koppetsch)

Auch wenn dessen Mitglieder überwiegend einen bürgerlichen Hintergrund haben, so verstehen sie sich zwar nicht mehr sozioökonomisch, aber doch kulturell als links. Alles das erklärt den Aufstieg der Grünen, zwar (noch) nicht zur Volkspartei, aber zu einer neuen bürgerlichen Partei mit wachsender, wenn auch nicht widerspruchsfreier Schnittmenge zur FDP und abnehmender Schnittmenge zur SPD.”
 
Auch die Etablierung des populistischen Milieus sei nach Menzel eine Reaktion auf die Globalisierung, “in sozioökonomischer Hinsicht durch den Verdrängungswettbewerb, in kultureller Hinsicht durch die Migration insbesondere dann, wenn der Faktor Islam hinzukommt.


Hier wird Globalisierung nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung empfunden, nicht zuletzt deshalb, weil die eigentliche Integrationsarbeit nicht in den gutbürgerlichen Vierteln der Kosmopoliten, sondern in den sozialen Brennpunkten, dort, wo die Wahlbeteiligung besonders niedrig ist, geleistet werden muß.


Aus dem populistischen Milieu rekrutieren sich in den USA die Trump-Wähler, in England die Brexit-Befürworter, in Frankreich die des Rassemblement National, in Italien die der Fratelli d'Italia und in Deutschland die der AFD.


Untereinander sich überlappende und nicht widerspruchsfreie Komponenten des sehr heterogenen Milieus sind die Reichsbürger, Identitären, Verschwörungstheoretiker, Querdenker, Pegida, Putin-Versteher, alte und neue Nazis, Esoteriker, Impfgegner, Sekten, aber auch alte Waffennarren und neue Kampfsportgruppen, Rocker, Hooligans und radikale Fangruppen des Fußballs.”


Die Tatsache, dass es zwar kaum in den alten, sehr wohl aber in den neuen Bundesländern eine direkte Wählerwanderung von der Linken zur AFD gibt, hat demnach auch strukturelle Gründe, insofern es im `Osten´ besonders viele Globalisierungsverlierer im doppelten Sinne gibt: “Im Chemiedreieck des mitteldeutschen Braunkohlereviers gibt es in dem Maße, in dem die Bruchlinie zwischen Ökologie und Ökonomie zugunsten der Ökologie geschliffen wird, weil Braunkohle durch Flüssiggas aus aller Welt ersetzt wird, sogar noch eine Steigerung auf der Verliererskala. 

 

Aus dieser Perspektive sind selbst die Querfrontinitiativen von Sahra Wagenknecht zur Sammlung linker und rechter Verlierer der Globalisierung aus dem populistischen Milieu eine Reaktion auf Globalisierung und nachvollziehbar, daß sie den klassischen Internationalismus der Linken durch einen »nationalen Sozialismus« ersetzen will. Der Begriff ruft in Deutschland keine guten Erinnerungen hervor.”


Menzel ist der festen Überzeugung, dass, “solange die alten Bruchlinien sich weiter abschleifen, die neuen Bruchlinien sich weiter schärfen und die neuen Milieus weiteren Zulauf bekommen, werden der Niedergang der alten Volksparteien und der Strukturwandel des Parteiensystems sich fortsetzen” und zwar unabhängig von der Frage, welche personellen bzw. inhaltlichen Angebote die Parteien machen, weil die politischen Vorhaben (z.B. Digitalisierung, ökologischer Umbau der Wirtschaft) unweigerlich Konsequenzen haben für die alten wie die neuen Bruchlinien und sie damit auch die alten und neuen Milieus, in denen die Parteien verankert sind oder waren, stärken oder weiter schwächen.

 

 

Zitate aus: Ulrich Menzel: Wendepunkte: Am Übergang zum autoritären Jahrhundert, Berlin 2023

Weitere Literatur:„Die kosmopolitischen Milieus haben die größte Klappe“, Interview mit Cornela Koppetsch am 30. August 2019 in: Cicero. Das Magazin für politische Kultur