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Donnerstag, 19. März 2026

Die Aufklärung, der Humanismus und die Wertschätzung als Schlüsselbegriff einer modernen Leitungskultur

 

„Den Erichs in allen Unternehmen“

  

 

Wir leben in einer Zeit, in der die Rede von Führung und Leitung zunehmend von Effizienz-, Steuerungs- und Optimierungslogiken geprägt ist. Auch im Bildungsbereich hat diese Sprache mit ihren üblichen Imponiervokabeln längst Einzug gehalten. Universitäten und Schulen erscheinen als Organisationen, deren Qualität sich planen, messen und vergleichen lasse. Diese Perspektive ist nicht grundsätzlich falsch, aber sie bleibt verkürzt, solange sie den anthropologischen Kern von Leitung im Bildungsbereich verfehlt. Bildung ist kein industrieller Prozess, sondern ein personaler. Wer Schule leitet, arbeitet nicht nur in Strukturen, sondern vor allem mit Menschen.

 

Damit rückt notwendig das Menschenbild in den Mittelpunkt, auf dem eine moderne Leitungskultur – nicht nur – im Bildungswesen gründet. Die These dieses Beitrags lautet: Wertschätzung als Leitbegriff moderner Führung ist nur dort tragfähig, wo sie auf einem aufklärerisch-humanistischen Fundament ruht. Erst auf dieser Grundlage kann nachhaltige Wertschöpfung entstehen.

 

Die Aufklärung markierte bekanntlich einen epochalen Perspektivwechsel. Der Mensch wurde nicht länger primär als Objekt äußerer Ordnung verstanden, sondern als vernunftbegabtes, autonomiefähiges Subjekt, einer Prämisse, die Immanuel Kant in sein berühmtes Diktum überführt: „Sapere Aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“.

 

Vernunftbegabung und Autonomiefähigkeit - die Grundlage von Wertschätzung

Mit dieser Selbstermächtigung verbindet sich ein normativer Anspruch: Jeder Mensch besitzt Würde. An gleicher Stelle formuliert Kant: „Der Mensch darf niemals bloß als Mittel, sondern muss jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden“ (Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1784).

 

Für Leitungshandeln bedeutet dies, dass Menschen nicht auf Funktionen, Rollen oder Kennzahlen reduziert werden dürfen. Eine Leitungskultur, die sich am Geist der Aufklärung orientiert, erkennt Mitarbeitende als autonome Subjekte an. Wertschätzung ist also nicht nur eine optionale Tugend, sondern vielmehr Ausdruck einer moralischen (Selbst-)Verpflichtung.

 

Der Humanismus radikalisiert diese Perspektive im pädagogischen Horizont. Bildung wird nicht als bloße Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen verstanden, sondern als Entfaltung menschlicher Möglichkeiten. Wilhelm von Humboldt beschreibt Bildung als „die höchste und proportionierlichste Aus-bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“ (Humboldt, Theorie der Bildung des Menschen 1792).

 

In dieser Tradition steht nicht zuletzt auch die moderne Bildungstheorie. Wolfgang Klafki definiert Bildung als Fähigkeit zu Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität. Diese Trias besitzt unmittelbare Relevanz für Leitungskultur: Selbstbestimmung verlangt Räume professioneller Autonomie, Mitbestimmung verlangt Beteiligung und Solidarität schließlich verlangt Anerkennung. Wertschätzung wird so zum pädagogischen Kernbegriff von Führung. Sie sieht den Menschen nicht nur als Arbeitskraft, sondern als Person mit eigener Würde, Geschichte und Entwicklungsperspektive.

 

Aufklärung und Humanismus liefern also das normative Fundament für eine moderne Leitungs- und Führungskultur. Wertschätzung bildet die Brücke zur organisationalen Praxis. Sie übersetzt das Menschenbild in konkretes Handeln.

 

Menschen entwickeln Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstschätzung nur dort, wo sie sich anerkannt fühlen. Leitungsakteure in Organisationen sollten sich bewusst sein, dass Wertschätzung Bindung erzeugt. Bindung aber erzeugt Engagement, Engagement erzeugt Qualität und Qualität wiederum ist eine zentrale Quelle von Wertschöpfung. Der oft zitierte Satz „Wertschöpfung entsteht aus Wertschätzung“ erhält vor diesem Hintergrund eine tiefere Bedeutung, denn er beschreibt keinen Managementtrick, sondern eine anthropologisch begründete Notwendigkeit einer modernen Unternehmens-kultur. 

 

Wertschätzung: Der Schlüssel einer modernen Leitungskultur
 

Schule ist eine Beziehungsorganisation. Unterricht, Beratung, Förderung und Schulentwicklung leben von Interaktionen zwischen grundsätzlich verschiedenen Menschen. Für den Unterricht hat John Hattie eindrucksvoll nachgewiesen, dass die Qualität der Lehrer-Schüler-Beziehung einen der stärksten Einflüsse auf den Lernerfolg besitzt. Analog dazu beeinflusst die Beziehung zwischen Schulleitung/Schulträger und Kollegium maßgeblich die professionelle Kultur einer Schule.

 

Eine Schulleitung, die auf die Gestaltung von Beziehungen achtet, die Wert-schätzung ernst nimmt, schafft ein Klima psychologischer Sicherheit. In einem solchen Klima dürfen Fragen gestellt, Fehler eingeräumt und Ideen eingebracht werden. Innovation entsteht nicht aus Angst, sondern aus Vertrauen.

 

Der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa beschreibt die Welt-beziehung, in der Subjekt und Welt einander antworten mit dem Begriff der Resonanz. Übertragen auf Führung heißt das: Leitung schafft Resonanzräume und entscheidet somit darüber, ob Menschen sich gehört fühlen oder verstummen.

 

Eine aufklärerisch-humanistisch fundierte Leitungskultur zielt nicht primär auf Kontrolle, sondern auf wertschätzende Beziehung. Sie versteht Organisationen nicht als Maschinen, sondern als soziale Gefüge. Wertschätzung wird hier zum Medium der Resonanz.

 

Manche mögen einwenden, dass Wertschätzung auf den ersten Blick ineffizient erscheint. Gespräche, Beteiligung und Beziehungspflege, die Bereitstellung von Gelegenheitsstrukturen in den Kollateralräumen des Sozialen kosten Zeit. Doch langfristig wirken sie wertschöpfend – in einem umfassenden Sinn, denn Wert-schätzung reduziert Reibungsverluste, senkt Fluktuation, erhöht Qualität und Innovationsfähigkeit. Anders herum: Kurzfristige Effizienz ohne Wertschätzung produziert langfristig Mehrkosten.

 

Gelegenheitsstrukturen des Sozialen: Spielwiesen für ungezwungene Wertschätzung
 

Wertschätzung als Leitbegriff einer modernen Leitungskultur ist kein neuer Gedanke. Wertschätzung ist die praktische Konsequenz eines aufklärerisch-humanistischen Menschenbildes. Wo Menschen als Zwecke an sich anerkannt werden, entsteht Wertschätzung. Wo Wertschätzung gelebt wird, entsteht Engagement. Wo Engagement entsteht, wächst Qualität. Und wo Qualität wächst, entsteht nachhaltige Wertschöpfung.

 

Moderne Leitung – insbesondere in Bildung und Schule – beginnt und endet also bei der Frage nach wertschätzendem Handeln. Es ist die praktische Konsequenz eines Menschenbildes in der Tradition von Aufklärung und Humanismus. Wer das nicht begreifen will (oder nicht begreifen kann), sollte sich von Leitungs- und Führungsaufgaben fernhalten!

 

 

Quellen: John Hattie: Visible Learning (London, 2013) - Wilhelm von Humboldt: Theorie der Bildung des Menschen (Darmstadt, 1960) - Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitte (Hamburg, 1999) - Wolfgang Klafki: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik (Weinheim, 2007) - Hartmut Rosa: Resonanz (Berlin 2016)  

Donnerstag, 15. Juni 2017

Dürer und die Philosophie

Im Jahre 1502 erschienen die Quatuor Libri Amorum (Vier Bücher Liebesgedichte), des deutschen Dichters und Humanisten Conradi Celtis. Celtis Freund, der Künstler Albrecht Dürer schuf verschiedene Holzschnitte für die Erstausgabe des Werk. Von besonderer Bedeutung ist die zweite Graphik. Dieser Holzschnitt zeigte die Philosophie, die man als Weltweisheit im allerweitesten Sinne zu verstehen hat. Sie vereinte Theologie, Metaphysik, Ethik, Naturwissenschaft, Astrologie und schließlich Hermetismus, Okkultismus und Magie.

Albrecht Dürer - Philosophia (1502)

In der Mitte des Buchholzschnittes thront alles beherrschend die Philosophie. Krone und Zepter weisen sie als Königin aus. Statt des Reichsapfels hält sie in der wichtigen rechten Hand drei Bücher, was sie sogleich als Herrscherin im Reich des Geistes definiert, zumal sie vollkommen ungewöhnlich das Zepter in der linken Hand hält, wo doch gewöhnlich das Zepter in der rechten und der Reichsapfel in der linken Hand ruhten.

Geht man davon aus, dass Zepter und Reichsapfel ausdrücken, wer worüber herrscht, dann übernehmen die Bücher die Funktion des Zepters und das Zepter die des Reichsapfels, der Geist herrscht oder mittels des Geistes herrscht die Königin Philosophia über alle Herrscher der Welt.

Septem Artes liberales
Von ihrer Brust – dem Sitz des Herzens und damit der Seele – entrollt sich eine Schärpe in Form eines keilförmigen, langgezogenen Dreiecks, auf dem griechische Buchstaben zu erkennen sind. Wenn man die griechischen Kürzel als Treppe oder als Stufen verstehen will, muss man unten anfangen, dort, wo der Aufstieg zur Weisheit beginnt. Es geht um den Aufstieg zu Gott, zur Seligkeit, zur vollkommenen Ataraxie.

Den Anfang macht ein Medaillon, in dem die Büste eines idealtypischen Römers gezeichnet ist, der für die lateinischen Poeten und Rhetoriker Vergil und Cicero steht, für den Ausgangspunkt aller Weisheit, der Propädeutik für ein jedes philosophisches Bemühen.

Absichtsvoll schließt sich zu Füßen der Philosophie das Dürer-Monogramm an – und das an sehr zentraler Stelle zwischen den lateinischen Propädeutikern und dem eigentlichen Aufstieg zur Weisheit, der auf dem Dreieck gewiesen wird. Wie ein Schüler vor seinem Lehrer kauerte Albrecht Dürer zu Füßen der Philosophia.

Dürer-Monogramm und Cicero / Vergil
Nicht sieben, sondern neun Anfangsbuchstaben finden sich, die man mit den neun olympischen Musen in Verbindung bringen könnte, doch damit beschritte man einen Irrweg. Die Stufen hinauf zur Weisheit bestehen aus den Septem Artes liberales (Die 7 freien Künste), die von unten nach oben in den Anfangsbuchstaben für die griechischen Bezeichnungen Grammatik, Logik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik symbolisiert werden.

Die Septem Artes liberales waren die Schulweisheit dieser Zeit, die man duchlaufen musste, die für jeglichen Aufstieg die Voraussetzung schuf, doch das Ziel war Theos, Gott oder die Gottesschau, die Geheimnisse der Schöpfung. Verschlüsselt dargestellt wurde der Weg des Adepten als Geheimbotschaft, der von jedem Adepten auch verstanden wurde.

Ehren erweise vor allem Gott !
Walte immer gerecht !
Nicht die Theologie als Wissenschaft, sondern Theos, Gott, steht als Ziel, den die Seele zu schauen vermag oder besser, der sich in die Schau der Seele begibt. „Denn der Schlaf des Körpers war zur Nüchternheit der Seele geworden“, die Überwindung der Physis führt zu Gott, „und das Schließen der Augen zum wahren Sehen, und mein Schweigen trug das Gute in sich und das Zu-Grabe-Tragen des Redens wurde ein Ans-Licht-Bringen des Guten. [...] Von der göttlichen Wahrheit inspiriert, bin ich hier angekommen.“ Passend fügte Dürer auf den Wangen des Thrones zwei Halbverse aus dem äußerst populären Lehrgedicht eines jüdisch-hellenistischen Dichters aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. hinzu: „Ehren erweise vor allem Gott“ und „Walte immer gerecht.“

Und gerecht zu walten, darf hier nicht Gerechtigkeit im juristischen Sinne, sondern in der steten Forderung der Rechtfertigung vor Gott verstanden werden. Walte immer gerecht, hieß als religiöser Imperativ des Christentums: Handle so, dass dein Handeln vor Gott bestehen kann.

Oben und unten wurden der Graphik Texte beigegeben, die als Dikta der Philosophia zu verstehen sind. Im Prosatext oben stellt sich die Philosophia als Sophia oder Sapientia (Weisheit) vor, je nachdem, ob sie von den Griechen oder Römern benannt wurde, verweist auf ihren ägyptischen und chaldäischen Ursprung, auf ihre Überlieferung durch die Griechen und ihre Weitergabe, ihre Translation durch die Römer an die Deutschen.

Traslatio studii - Der Weg der Weisheit führt zu den Deutschen ...

Diesen Text setzte Dürer bildnerisch um, indem er vier Medaillons gestaltete, in denen im Uhrzeigersinn zu sehen sind: Ptolemäus für die Ägypter und Chaldäer, Platon für die Griechen, Vergil und Cicero für die Römer, Albertus Magnus für die Deutschen.

Platon
Auch hierin zeigte sich wieder das Programm der translatio studii, der Vermittlung kultureller und wissenschaftlicher Schätze von Generation zu Generation. Der Weg der Weisheit beginnt bei den Ägyptern und führt zu den Deutschen.

Philosophie ist letztlich für Dürer die allumfassende Welt-Weisheit, wie es im unteren Text übersetzt in zwei Distichen heißt: 

„Was das Wesen von Himmel, Erde, Luft 
und Wasser ausmacht
Und was das Menschleben umfasst,
was der feurige Gott im ganzen Weltkreis schafft:
Alles trage ich, Philosophia, in meiner Brust.“


Alles trage ich Philosphia, in meiner Brust

Dürers Philosophia-Holzschnitt führt ins Zentrum der Renaissance-Philosophie. Er dokumentiert, wie tief der Maler, auch wenn er die Vorstellungen eines anderen umsetzte, den er doch zumindest verstanden haben musste, mit den philosophisch-theologischen Spekulationen seiner Zeit vertraut war. Das Werk bezeugt schließlich Dürers Zugehörigkeit zum innersten Kreis des deutschen Humanismus.


Zitate aus: Klaus-Rüdiger Mai: Dürer. Das Universalgenie der Deutschen, Berlin 2015