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Donnerstag, 22. Oktober 2015

Peter Bieri und die Selbstständigkeit im Denken

Peter Bieri
Die Würde ist das höchste Gut des Menschen. Das Buch von Peter Bieri, „Eine Art zu leben. Von der Vielfalt menschlicher Würde“, handelt von diesem zentralen Thema unseres Lebens. Mit einem einzigen Begriff sei die menschliche Würde nicht zu fassen. Die Würde hängt gleichermaßen von unserem Umgang mit anderen und mit uns selbst ab. Würde, so stellt Bieri heraus, ist keine abstrakte Eigenschaft, sondern eine bestimmte Art zu leben.

Selbstständigkeit ein wesentliches Element unserer Würde: „Wir wollen über unser Leben selbst bestimmen. Wir wollen selbst entscheiden können, was wir tun und lassen. Wir möchten nicht von der macht und dem Willen anderer abhängig sein. Wir möchten nicht auf andere angewiesen sein.“ Aber diesen Wunsch nach Selbstständigkeit gibt es nicht nur nach außen hin – als unabhängiges Handeln gegenüber anderen Menschen, sondern es gibt auch ein Bedürfnis nach innerer Selbstständigkeit, „nach der Möglichkeit, über unser Denken, Fühlen und Wollen selbst zu bestimmen und in diesem Sinne unabhängig zu sein und nicht angewiesen auf andere.“

Aber diese innere Selbstständigkeit darf nicht mit Gleichgültigkeit und Unempfindlichkeit gegenüber anderen Menschen missverstanden werden. Natürlich werden wir immer von anderen Menschen beeinflusst, denn schließlich leben wir nicht in einem Bunker oder auf einer einsamen Insel.

Was bedeutet das?
Woher eigentlich weiß ich das?
Für Bieri besteht der entscheidende Unterschied zwischen innerer Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit, ob wir in der Lage sind, unser inneres Leben zum Thema zu machen, es zu befragen und uns darum zu kümmern. Unselbstständig im Denken sind wir also dann, wenn wir unser inneres Leben einfach nur geschehen oder treiben lassen, ohne es aktiv zu gestalten.

Diese innere Selbstständigkeit zeigt sich insbesondere im Denken: „Eine gedankliche Selbstständigkeit, wie sie zur Lebensform der Würde gehört, zeigt sich in einer besonderen Wachheit gegenüber dem, was man denkt und sagt. `Was genau bedeutet das?´ und `Woher eigentlich weiß ich das?´, sind die beiden Fragen, in denen sich diese Wachheit ausdrückt.“

Zur Selbstständigkeit gehört demnach, dass diese Fragen und das Fragen überhaupt zu einer zweiten Natur werden. Selbstständig sein in diesem Sinne, bedeutet, skeptisch zu sein „gegenüber leeren Worten und glatten Sprüchen.“ Es bedeutet, unnachgiebig und leidenschaftlich zu sein in der Suche nach Klarheit und gedanklicher Übersicht. Es bedeutet, zusammengefasst, eine eigene Meinung haben zu wollen.

Es steht gleichwohl außer Frage, dass vieles von dem was wir denken, meinen und sagen, zunächst durch Nachahmung und Gewohnheit entstanden ist. Gerade deshalb besteht die Selbstständigkeit im Denken darin, misstrauisch zu sein, wenn andere versuchen, einen durch Sprüche und leere Worthülsen zu verführen oder zu übertölpeln: „Er wird sich nichts vormachen lassen – nicht vom Stammtisch, von Politikern, von der Familie, vom Clan. Er wird dem eigenen Verstand trauen. Den eigenen Erfahrungen. Er wird selbst Regie führen über das, was er denkt.“

Das Gegenstück zum unabhängigen Denker ist der Mitläufer, „der servile Diener fremder Gedanken und fremder Sprüche.“ Der Mitläufer lebt von Meinungsgewohnheiten, Parolen und rhetorischen Brocken. Für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen Geschwätz und einem Gedanken: „Er sagt, was man am Stammtisch, im Wahlkampf oder in der Talkshow von ihm erwartet. Er ist der ideale Parteigänger.“

Der totalitäre Machtanspruch zielt letztlich auf das selbstständige Denken!
Wenn man uns in der gedanklichen Selbstständigkeit behindert und einschränkt, dann ist das nicht nur ärgerlich, sondern es gefährdet unsere Würde. In besonders eindringlicher Weise hat George Orwell dies in seiner negativen Utopie „1984“ beschrieben:

„Erinnern Sie sich“, fuhr O´Brian fort, „in Ihr Tagebuch geschrieben zu haben: ›Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei und zwei vier ist‹?“
„Ja“, sagte Winston.
O'Brien hob seine linke Hand hoch, den Handrücken Winston zugekehrt, den Daumen versteckt und die vier Finger ausgestreckt.
„Wie viele Finger halte ich empor, Winston?“
„Vier.“
„Und wenn die Partei sagt, es seien nicht vier, sondern fünf — wie viele sind es dann?“
„Vier.“
Das Wort endete mit einem Schmerzensschrei. (…)
„Wie viele Finger, Winston?“
„Vier, vier! Was kann ich denn anderes sagen? Vier!“ (…)
„Wie viele Finger, Winston?“
„Vier! Hören Sie auf, hören Sie auf! Nicht mehr weiter! Vier!“
„Wie viele Finger, Winston?“
„Fünf! Fünf! Fünf!“
„Nein, Winston, das hat keinen Zweck. Sie lügen. Sie glauben noch immer, es seien vier. Wie viele Finger, bitte?“
„Vier! Fünf! Vier! Was Sie wollen. Nur hören Sie auf, hören Sie auf mit der Quälerei!“ (…)
„Was kann ich dagegen machen?“ stieß er unter Schmerzen hervor. „Was kann ich dagegen machen, dass ich sehe, was ich vor Augen habe? Zwei und zwei macht vier.“
„Manchmal, Winston. Manchmal macht es fünf. Manchmal drei.
Manchmal alles zusammen. Sie müssen sich mehr Mühe geben. Es ist nicht leicht, vernünftig zu werden.“

"Wie viele Finger, Winston?"
Von welcher „Vernunft“ spricht O´Brian, der Folterknecht, hier? Und dann folgen Worte, die an Menschenverachtung und Grausamkeit kaum noch zu überbieten sind und die das Wesen totalitärer Herrschaft und absoluter gedanklicher Abhängigkeit verdeutlichen:

„Sie sind ein Fleck, der ausgemerzt werden muss. Habe ich Ihnen nicht soeben gesagt, dass wir anders sind als die Verfolger der Vergangenheit. Wir geben uns nicht zufrieden mit negativem Gehorsam, auch nicht mit der kriecherischsten Unterwerfung.

Wenn Sie sich uns am Schluss beugen, so muss es freiwillig geschehen.

Wir vernichten den Ketzer nicht, weil er uns Widerstand leistet: solange er uns Widerstand leistet, vernichten wir ihn niemals. Wir bekehren ihn, bemächtigen uns seiner geheimsten Gedanken, formen ihn um. Wir brennen alles Böse und allen Irrglauben aus ihm aus; wir ziehen ihn auf unsere Seite, nicht nur dem Anschein nach, sondern tatsächlich, mit Herz und Seele. Wir machen ihn zu einem der Unsrigen, ehe wir ihn töten. (…)

Kein Mensch, den wir hierher bringen, hält je seinen Widerstand uns gegenüber aufrecht. Jeder wird reingewaschen.

Sogar diese drei elenden Verräter, an deren Unschuld Sie einmal glaubten — Jones, Aaronson und Rutherford — haben wir am Schluss eines Besseren belehrt. Als wir mit ihnen fertig waren, waren sie nur noch leere Hüllen von Menschen. In ihnen war nichts anderes mehr übrig geblieben als Reue über das, was sie getan hatten, und Liebe zum Großen Bruder.

Es war rührend anzusehen, wie sehr sie ihn liebten. Sie baten, rasch erschossen zu werden, um sterben zu können, solange ihr Denken noch sauber war.“

Viele Folteropfer, die in Schauprozessen zu falschen Geständnissen gezwungen wurden, die genau entgegen ihrer eigentlichen Überzeugung aussagen mussten, haben – sofern sie es noch konnten – häufig gesagt, dass das Schlimmste an den Folterungen nicht die Schmerzen und Verstümmelungen waren, sondern „der Angriff auf ihre Würde als selbstständig denkende Wesen.“ Und genau das ist es, was O´Brian versucht bei Winston zu erreichen.

So ist die Würde der inneren Selbstständigkeit nicht immer mit dem Gelingen verknüpft. Aber: „Nicht dem mangelt die Würde, dem die Selbstständigkeit misslingt, weil ihm die gedankliche Übersicht fehlt und er sich verstolpert. Würdelos ist nicht der gescheiterte Versuch, sondern der fehlende Versuch.“


Zitate aus: Peter Bieri: Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde. München 2013 (Hanser), hier: S. 66ff 



Donnerstag, 18. Juni 2015

Peter Bieri und die intellektuelle Redlichkeit

Die Würde ist das höchste Gut des Menschen. Peter Bieris Buch „Eine Art zu leben. Von der Vielfalt menschlicher Würde“ handelt von diesem zentralen Thema unseres Lebens. Mit einem einzigen Begriff ist die menschliche Würde nicht zu fassen. Die Würde hängt gleichermaßen von unserem Umgang mit anderen und mit uns selbst ab. Würde, so stellt Bieri heraus, ist keine abstrakte Eigenschaft, sondern eine bestimmte Art zu leben.

Ausgangspunkt Bieris ist die Beobachtung, dass unser Leben als denkende, erlebende und handelnde Wesen zerbrechlich und stets gefährdet ist – von außen wie von innen. Die Lebensform der Würde ist daher der Versuch, „diese Gefährdung in Schach zu halten. Es gilt, unser stets gefährdetes Leben selbstbewusst zu bestehen. Es kommt darauf an, sich von erlittenen Dingen nicht nur fortreißen zu lassen, sondern ihnen mit einer bestimmten Haltung zu begegnen, die lautet: Ich nehme die Herausforderung an. Die Lebensform der Würde ist deshalb nicht irgendeine Lebensform, sondern die existentielle Antwort auf die existentielle Erfahrung der Gefährdung“ (14f).

Eine Form der Würde ist Würde als Wahrhaftigkeit: „In dem Maße, in dem unsere Würde durch den Willen zur Wahrhaftigkeit bestimmt wird, hat sie mit einer Einstellung zu tun, die man intellektuelle Redlichkeit nennen kann“.

Intellektuell redliche Menschen handeln nach der Maxime, dass man nicht vorgeben soll, Dinge zu wissen, die man nicht weiß und vielleicht auch nicht wissen kann.

Natürlich dürfe man Annahmen und Überlegungen jederzeit aussprechen und zur Diskussion stellen, auch wenn sie auf wackeligem Boden stünden. Das verbietet nicht die intellektuelle Redlichkeit.

„Was sie verbietet, ist, dass man sie als Wissen ausgibt – als etwas, worauf man bauen kann. Das geschieht besonders oft und durchsichtig in Äußerungen von Politikern.“ Dabei ist doch offenkundig, dass niemand wirklich weiß, wie die Dinge liegen und was zu tun.

Je energischer die Bewegungen von Händen und Armen
am Rednerpult, desto größer die Einfalt.

Dennoch ist jeden Tag zu beobachten, dass Regierungschefs, Minister, Parteiensprecher und Oppositionsführer sich hinstellen und behaupten, als einzige die Übersicht zu haben. Dabei werden in Parteien und Ministerien „Formeln geschmiedet und Metaphern beschworen, die in ihrer Einfalt zum Lachen sind. Umso energischer sind die Bewegungen von Händen und Armen am Rednerpult.“

Würde man dagegen den Ton abschalten und nur die Körpersprache betrachten, würde man Menschen sehen, die ihr fehlendes Wissen durch eine Gestik der Selbstüberredung kaschieren. „Niemand, der solides Wissen vorträgt, hat solche Gestik nötig.“

Bieri stellt sich vor, dass es auch anders sein könnte und schreibt eine Politikerrede, die – leider – noch niemals in der Form gehalten wurde:

"Die Fakten sind Ihnen bekannt, und es ist unstrittig, dass wir handeln müssen. Doch es ist alles andere als offensichtlich, was zu tun ist. Es gibt so vieles, was wir nicht vorhersehen können. Was niemand vorhersehen kann.

Es sind in diesem Hause ganz unterschiedliche Vorschläge gemacht worden. Es gibt viele ernsthafte Argumente, die einander widersprechen. Es wäre unredlich so zu tun, als wüssten wir, die Regierung, es einfach besser als die Opposition. Die Wahrheit ist: alle, die wir hier sitzen, müssen wir unter Bedingungen der Unsicherheit entscheiden. Wer den anderen zugehört hat und ehrlich ist, wird nachher seine Stimme mit Zweifeln abgeben. Denn er weiß: Es könnte sein, dass die anderen es richtiger sehen.

Ich trage unsere Politik vor, werbe für sie und hoffe auf eine Mehrheit, weil mich unter all den Argumenten, die ich gehört habe, die unseren am ehesten überzeugen. Doch Anmaßung, Selbstgerechtigkeit und billige Polemik liegen mir fern. Das ist etwas für Dummköpfe.

Ich kann nicht ausschließen, dass sich eines Tages als Fehler herausstellen wird, was wir vorhaben. Wir handeln nach bestem Wissen und Gewissen. Doch nicht ohne Zweifel, und mit Respekt vor dem, was uns entgegengehalten wird. Die Dinge, die eine menschliche Gemeinschaft betreffen, sind so komplex und unübersichtlich, dass es keine Gewissheiten geben kann.

Das müssen wir uns eingestehen, und diese Einsicht sollte uns im Umgang miteinander stets leiten. Das verlangt die Würde dieses Hohen Hauses.“

Leider dominiert in der politischen und öffentlichen Diskussion eher dummes Geschwätz. „Dummes Geschwätz, das vorgibt, von Tatsachen zu handeln, in Wirklichkeit aber bloß heiße Luft ist, gibt es überall, es passiert jedem, und oft ist es völlig harmlos ... es folgt nicht viel aus dem Gesagten, und es ist bald vergessen.  Keine Würde ist in Gefahr. In Gefahr gerät sie, wenn die Situation zu ernst ist, um Gequatsche zu vertragen.“

Dummes Geschwätz = Bullshit

Da sagt jemand ganz ernsthaft im Radio: „Wenn Spanien den EM-Titel holt, könnte das die Krise des Landes beenden.“ - "Hauptsache es wird richtig polemisch!", sagt die Moderatorin … Es ist egal, vollständig egal, was stimmt oder nicht. Wichtig sind sound-bytes, Effekthascherei und Klamauck. Wichtig ist Bullshit.“

Zitate aus: Peter Bieri: Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde. München 2013 (Hanser), hier: S. 235ff


Donnerstag, 22. Mai 2014

Peter Bieri und die Bildung - Teil 2


Selbsterkenntnis, Selbstbestimmung, moralische Sensibilität und poetische Erfahrung



Peter Bieri
In seiner Festrede „Wie wäre es gebildet zu sein?“ anlässlich der Eröffnungsfeier der Pädagogischen Hochschule Bern im November 2005 beschäftigt sich Peter Bieri (*1944), Professor für zeitgenössische Philosophie an der Freien Universität Berlin, mit den verschiedenen Bedeutungsebenen des Bildungsbegriffs: Bildung wurde bisher als Weltorientierung, Aufklärung, historisches Bewusstsein und Artikuliertheit beschrieben.

Wenn der Gebildete einer ist, „der besser und interessanter über die Welt und sich selbst zu reden versteht als diejenigen, die immer nur die Wortfetzen und Gedankensplitter wiederholen, die ihnen vor langer Zeit einmal zugestoßen sind“, wenn seine Fähigkeit, sich besser zu artikulieren, ihm erlaubt, „sein Selbstverständnis immer weiter zu vertiefen und fortzuspinnen, wissend, dass das nie aufhört, weil es kein Ankommen bei einer Essenz des Selbst gibt“, dann ist Bildung immer auch Selbsterkenntnis.

Bildung als Selbsterkenntnis
„Es mag einer noch so gut ausgebildet sein und eine noch so große Orientierung haben, so dass er in der Welt erfolgreich navigieren kann - wenn er sich nicht auf diese Weise gegenüberzutreten und an sich zu arbeiten weiß, verfügt er nicht über Bildung in einem vollen, reichen Sinn des Ausdrucks.“

Hier geht es darum, „sich in seinem Denken, Fühlen und Wollen zu verstehen, statt diese Dinge nur geschehen zu lassen. Es geht um die Interpretation meiner Vergangenheit und das Durchleuchten meiner Entwürfe für die Zukunft, kurz: um das Schaffen und Fortschreiben von Selbstbildern.“

Der Gebildete ist also einer, „der über sich Bescheid weiß und Bescheid weiß über die Schwierigkeiten dieses Wissens. Er ist einer, dessen Selbstbild mit skeptischer Wachheit in der Schwebe gehalten werden kann.“

Natürlich geht es nicht nur darum, die Erkenntnis über sich selbst zu vergrößern. Es geht auch darum, sich in seinem Denken, Fühlen und Wollen zu bewerten, sich mit einem Teil zu identifizieren und sich vom Rest zu distanzieren, also Bildung als Selbstbestimmung zu verstehen. Es geht darum, zu lernen, dass „Gedanken, Wünsche und Gefühle kein unabwendbares Schicksal sind, sondern etwas, das man bearbeiten und verändern kann.“

Bildung als Selbstbestimmung
Selbstbestimmung besteht nun aber gerade nicht darin, dass man sich „in einer inneren Festung verbarrikadiere, um jeder Beeinflussung durch andere, die das Gift der Fremdbestimmung enthalten könnte, zu entfliehen.“ Was man lernt und lernen muss, ist etwas anderes: „zu unterscheiden zwischen einer Beeinflussung, die mich von mir selbst entfremdet, und einer anderen, die mich freier macht, indem sie mich näher an mich selbst heranführt.“

Der Gebildete ist also einer, „der über seine seelische Gestalt selbst bestimmt, indem er einen stetigen Prozess erneuter Selbstbewertung zulässt und die damit verbundene Unsicherheit aushält. Dadurch wird er im emphatischen Sinne ein Subjekt.

Bildung als moralische Sensibilität
Für Bieri ist Bildung auch moralische Sensibilität. „Aus der Einsicht in die Kontingenz der eigenen kulturellen Identität entsteht Toleranz - kein förmliches Dulden des Fremden, sondern echter und selbstverständlicher Respekt vor anderen Arten, zu leben. Nicht, dass das immer leicht wäre.“

Aber gerade darum ist Bildung „die schwer zu erlernende Kunst, die Balance zu halten zwischen dem Anerkennen des Fremden und dem Bestehen auf der eigenen moralischen Vision. Es gilt, diese Spannung auszuhalten: Bildung verlangt hier Furchtlosigkeit.“

Bildung, von der hier die Rede ist, ist ein Wert in sich. Es wäre falsch, zu sagen, sie sei ein Mittel, um glücklich zu sein, denn Glück kann man nicht planvoll ansteuern. Bildung wird so zur poetischen Erfahrung, denn „es gibt Erfahrungen des Glücks, die aufs Engste mit den besprochenen Facetten der Bildung verknüpft sind: die Freude, an der Welt etwas besser zu verstehen; die befreiende Erfahrung, einen Aberglauben abschütteln zu können; das Glück beim Lesen eines Buchs, das einen historischen Korridor öffnet; (…) die beglückende Erfahrung, eine neue Sprache für das eigene Erleben zu lernen.“

Bildung als poetische Erfahrung
„Und Bildung schließt eine weitere Dimension von Glück auf: die gesteigerte Erfahrung von Gegenwart beim Lesen von Poesie, beim Betrachten von Gemälden, beim Hören von Musik. Die Leuchtkraft von Worten, Bildern und Melodien erschließt sich nur demjenigen ganz, der ihren Ort in dem vielschichtigen Gewebe aus menschlicher Aktivität kennt, das wir Kultur nennen.“

„Niemand, der die Dichte solcher Augenblicke kennt, wird Bildung mit Ausbildung verwechseln und davon faseln, dass es bei Bildung darum gehe, uns «fit für die Zukunft» zu machen.“

In der Bildung geht es also um alles: „um Orientierung, Aufklärung und Selbsterkenntnis, um Phantasie, Selbstbestimmung und moralische Sensibilität, um Kunst und Glück. Gegenüber absichtlich errichteten Hindernissen und zynischer Vernachlässigung kann es keine Nachsicht geben und keine Gelassenheit.“

Daher ist Bildung immer auch leidenschaftlich: Der Gebildete ist daher einer, der vor bestimmten Dingen Ekel empfindet: vor der Verlogenheit von Werbung und Wahlkampf; vor Phrasen, Klischees und allen Formen der Unaufrichtigkeit; vor den Euphemismen und der zynischen Informationspolitik des Militärs; vor allen Formen der Wichtigtuerei und des Mitläufertums, wie man sie auch in den Zeitungen des Bürgertums findet, die sich für den Ort der Bildung halten.“

Bei der Bildung geht es um alles!





Donnerstag, 15. Mai 2014

Peter Bieri und die Bildung - Teil 1


Weltorientierung, Aufklärung, historisches Bewusstsein und Artikuliertheit


Peter Bieri
Der 1944 in Bern geborene Peter Bieri lehrt seit 1993 als Professor für zeitgenössische Philosophie an der Freien Universität Berlin - Lehrstuhl für «Sprachphilosophie und Analytische Philosophie». Unter dem Pseudonym Pascal Mercier hat er mittlerweile drei Romane veröffentlicht, darunter 2004 den Roman „Nachtzug nach Lissabon.“ Er ist Mitbegründer des Forschungsschwerpunktes «Kognition und Gehirn» bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich Bieri auch immer wieder mit dem Begriff der Bildung, so auch in seiner Festrede „Wie wäre es gebildet zu sein?“ anlässlich der Eröffnungsfeier der Pädagogischen Hochschule Bern im November 2005.

Für Bieri ist Bildung grundsätzlich etwas, „das Menschen mit sich und für sich machen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst. Das ist kein bloßes Wortspiel. Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, als ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden - wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein. Wie kann man sie beschreiben?“

Bildung ist zunächst Weltorientierung. Bildung beginnt mit Neugierde, wobei Neugierde der „unersättliche Wunsch ist, zu erfahren, was es in der Welt alles gibt.“ Hier geht es stets um zweierlei: „zu wissen, was der Fall ist, und zu verstehen, warum es der Fall ist.“

Bildung als Weltorientierung
„Sich bilden“ kann nicht bedeuten, alles zu wissen und alles zu verstehen, was es zu wissen und zu verstehen gibt. Es geht vielmehr darum, „sich eine grobe Landkarte des Wissbaren und Verstehbaren zurechtzulegen und zu lernen, wie man über die einzelnen Provinzen mehr lernen könnte. Bildung ist also ein doppeltes Lernen: Man lernt die Welt kennen, und man lernt das Lernen kennen.“

Dadurch entsteht auch die Fähigkeit, Wissen und Informationen richtig gewichten zu können. Um einige Beispiel zu nennen: „Man braucht, um gebildet zu sein, nicht die genaue Anzahl der Sprachen zu kennen, die es auf der Erde gibt. Aber man sollte wissen, dass es eher 4000 sind als 40. (…) Es gibt nicht Hunderte von chemischen Elementen. (…) Das Universum ist nicht Millionen, sondern Milliarden von Jahren alt. Das Mittelalter begann nicht mit Jesu Geburt und die Neuzeit nicht vor 100 Jahren. (…). Louis Pasteur war für die Menschheit wichtiger als Pelé, die Erfindung des Buchdrucks und der Glühbirne folgenreicher als diejenige des Rasierapparats und des Lippenstifts.“

Zweitens ist Bildung für Bieri immer auch Aufklärung. Wenn Wissen Macht ist, dann soll dies nicht heißen, mit seinem Wissen über andere zu herrschen. „Die Macht des Wissens liegt woanders: Sie verhindert, dass man Opfer ist. Wer in der Welt Bescheid weiß, kann weniger leicht hinters Licht geführt werden und kann sich wehren, wenn andere ihn zum Spielball ihrer Interessen machen wollen, in Politik oder Werbung etwa.“

Bildung als Aufklärung
In diesem Sinne geht es auch immer wieder darum, die eigenen Grenzen des Wissens zu erkunden: „Was für Belege habe ich für meine Überzeugungen? Sind sie verlässlich? Und belegen sie wirklich, was sie zu belegen scheinen? Was sind gute Argumente, und was ist trügerische Sophisterei?“

Bieri betont hier das Wissen zweiter Ordnung, das den „naiven vom gebildeten Wissenschafter und den ernstzunehmenden vom einfältigen Journalisten, der noch nie etwas von Quellenkritik gehört hat“, unterscheidet.

Wissen zweiter Ordnung bewahrt davor, das Opfer von Aberglauben zu werden. „Der in diesem Sinne Gebildete weiß zwischen bloß rhetorischen Fassaden und richtigen Gedanken zu unterscheiden.“

Wenn ihm die Fragen „Was genau heißt das?“ und „Woher wissen wir, dass es so ist?“ zur zweiten Natur geworden sind, dass führt das zu einer Resistenz gegenüber „rhetorischem Drill, Gehirnwäsche und Sektenzugehörigkeit, und es schärft die Wahrnehmung gegenüber blinden Gewohnheiten des Denkens und Redens, gegenüber modischen Trends und jeder Form von Mitläufertum. Man kann nicht mehr geblufft und überrumpelt werden, Schwätzer, Gurus und anmaßende Journalisten haben keine Chance. Das ist ein hohes Gut, und sein Name ist: gedankliche Unbestechlichkeit.

Schließlich ist Bildung immer auch historisches Bewusstsein. „Das aufgeklärte Bewusstsein des Gebildeten ist nicht nur kritisches Bewusstsein. Es ist auch geprägt von historischer Neugierde: Wie ist es dazu gekommen, dass wir so denken, fühlen, reden und leben? Und auf dem Grund dieser Neugierde liegt der Gedanke: Es hätte alles auch anders kommen können, es liegt in unserer Kultur keine metaphysische Zwangsläufigkeit.“

Bildung als historisches Bewusstsein
„Das aufgeklärte Bewusstsein ist also ein Bewusstsein der historischen Zufälligkeit. Es drückt sich aus in der Fähigkeit, die eigene Kultur aus einer gewissen Distanz heraus zu betrachten und ihr gegenüber eine ironische und spielerische Einstellung einzunehmen.“

Damit verbunden ist die Abkehr von jeder Arroganz, die „die eigene Lebensform sei einem angeblichen Wesen des Menschen angemessener als jede andere. Solche Anmaßung, die zur Essenz eines jeden Imperialismus und einer jeden Missionierung gehört, ist ein untrügliches Zeichen von Unbildung.“

Zu dem Bedürfnis, „sich die Kultur, in die man zufällig (!) hineingewachsen ist, noch einmal neu anzueignen“, gehöre auch, „sich die Geschichte unserer Wörter zu vergegenwärtigen, denn wir sind sprechende Tiere, und nichts trägt mehr zu unserer kulturellen Identität bei als die Wörter, mit denen wir unser Verhältnis zur Natur, zu den anderen Menschen und zu uns selbst gestalten.“

Eine Kultur zu verstehen würde weiter bedeuten, „sich mit ihren Vorstellungen von moralischer Integrität auszukennen. Wir wachsen mit bestimmten moralischen Geboten und Verboten auf, wir atmen sie ein mit der Luft des Elternhauses, der Strasse, der Filme und Bücher, die uns erschüttern und prägen - sie machen unsere moralische Identität aus und bestimmen unsere moralischen Empfindungen wie Entrüstung, Groll und schlechtes Gewissen. Zuerst - das gehört zur Ernsthaftigkeit der Moral - setzen wir diese Dinge absolut, wir lernen sie nicht als eine Möglichkeit unter anderen. Der Bildungsprozess dann besteht darin, zur Kenntnis zu nehmen, dass man in anderen Teilen der Erde, in anderen Gesellschaften und Lebensformen, über Gut und Böse anders denkt und empfindet.“

Zusammengefasst: „Nur wer die historische Zufälligkeit seiner kulturellen und moralischen Identität kennt und anerkennt, ist richtig erwachsen geworden. Man hat die Verantwortung für das eigene Leben noch nicht vollständig übernommen, solange man sich von einer fremden Instanz vorschreiben lässt, wie man zu denken hat über Liebe und Tod, Moral und Glück.“

Schließlich ist Bildung Artikuliertheit, d.h. „der Gebildete ist einer, der ein möglichst breites und tiefes Verständnis der vielen Möglichkeiten hat, ein menschliches Leben zu leben.“

Bildung als Artikuliertheit
„Der Gebildete ist ein Leser. Doch es reicht nicht, ein Bücherwurm und Vielwisser zu sein. Es gibt - so paradox es klingt - den ungebildeten Gelehrten. Der Unterschied: Der Gebildete weiß Bücher so zu lesen, dass sie ihn verändern.“

Humanismus also schützt nur denjenigen, der die humanistischen Schriften nicht bloß konsumiert, sondern sich auf sie einlässt; denjenigen, der nach dem Lesen ein anderer ist als vorher.“

Dies ist für Bieri ein untrügliches Zeichen von wahrer Bildung: „dass einer Wissen nicht als bloße Ansammlung von Information, als vergnüglichen Zeitvertreib oder gesellschaftliches Dekor betrachtet, sondern als etwas, das innere Veränderung und Erweiterung bedeuten kann, die handlungswirksam wird.“

Der gebildete sieht nach der Lektüre die Welt anders, „kann anders, differenzierter darüber reden und mehr Zusammenhänge erkennen. Der Leser von Literatur lernt noch etwas anderes: wie man über das Denken, Wollen und Fühlen von Menschen sprechen kann.“

Dieses Verständnis von Bildung führe zu einer weiteren Definition von Bildung: „Der Gebildete ist einer, der besser und interessanter über die Welt und sich selbst zu reden versteht als diejenigen, die immer nur die Wortfetzen und Gedankensplitter wiederholen, die ihnen vor langer Zeit einmal zugestoßen sind.“
  
Fortsetzung folgt