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Donnerstag, 28. Januar 2016

Carlo Strenger und die zivilisierte Verachtung (Teil 4)

Zivilisierte Verachtung und die Religion


Wann ist eine religiöse Position
der zivilisierten Verachtung würdig? 

Die von Carlo Strenger vertretene Kultur der Zivilisierten Verachtung beruht gleichermaßen auf dem Prinzip der verantwortlichen Meinungsbildung und dem der Menschlichkeit. Insbesondere bei den Themen, bei denen Religion und säkularer und demokratischer Liberalismus aufeinandertreffen, kann das Prinzip der zivilisierten Verachtung helfen, die Streitpunkte zu identifizieren und präzise zu fassen - und damit auch feststellen zu können, wann eine religiöse Position der zivilisierten Verachtung würdig ist.

Dies ist immer dann der Fall, wenn sie den sogenannten „Ärztetest“ nicht besteht. Der Ärztetest besagt, dass Menschen in der Regel – wenn es um ihre eigene Gesundheit geht - keineswegs alle medizinischen Richtungen für gleichwertig halten, sondern lieber zum erprobten Chirurgen als zum Wunderheiler gehen. Ähnliches gelte für persönliche Finanzfragen, bei denen auch kaum jemand zum Relativismus neigt sei. Den Ärztetest einzufordern bedeutet letztlich, auch in gesellschaftlichen Debatten und Diskursen wissenschaftliche Mindeststandards verlangen: "Zivilisierte Verachtung ist dann angebracht, wenn Menschen sich diesen Anforderungen entziehen." 

Den Worten Jürgen Habermas zufolge leben wir in einem „postsäkularen Zeitalter“, was bedeutet, dass letztlich jede moderne Gesellschaft damit zurechtkommen muss, „dass Religionen fürs Erste ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens bleiben werden.“ 

Nun scheint Religion eines der Themen zu sein, an dem das Toleranzprinzip an seine Grenzen zu stoßen scheint: „Immer wieder stellt sich konkret die Frage, ob religiöse Praktiken toleriert werden können, die mit zentralen Grundwerten der Aufklärung (etwa der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz) nicht vereinbar sind.“

Das Toleranzprinzip behauptet nicht,
jede religiöse Aussage respektieren zu müssen!
Wichtig dabei ist, sich bewusst zu machen, dass das Toleranzprinzip der Aufklärung nie behauptet hat, „wir seien verpflichtet, Glaubenssätze von Religionen zu respektieren, die wir mit guten Argumenten für irrational, unmoralisch oder gar unmenschlich halten. Das Toleranzprinzip besagte allein, dass keine kirchliche, religiöse oder staatliche Instanz das Recht hat, Menschen einen Glauben aufzuzwingen, und dass jeder Mensch in der Lage sein soll, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben.“

Dabei argumentierten die Aufklärer stets mit der Tatsache, dass Dogmen oder Glaubenssätze sich nicht empirisch oder logisch begründen lassen und es daher unmoralisch wäre, Menschen zu etwas zu zwingen, wovon man sie rational nicht überzeugen kann. 

Die Konsequenz aus diesem Argument ist, dass keine religiöse Autorität sich über eine vernünftige Kritik stellen könnte und auch nicht dürfte: „Die Vorstellung unumstößlicher Autoritäten, die sich nicht mit Argumenten rechtfertigen müssen, ist mit der Aufklärung obsolet geworden.“

So mag beispielsweise die Geschichte von der Opferung Isaaks, die in den abrahamitischen Religion eine fundamentale Rolle für das Gottesbild hat, in der Zeit, in der sie entstand, noch akzeptabel gewesen sein, in unserer Zeit ist sie in ihrer Grundaussage gleichwohl „hochproblematisch.“ Strenger zufolge dürfe man also sehr wohl fordern, „dass gewisse Tatsachenbehauptungen dem Ärztetest unterzogen werden. Aussagen, die ihn nicht bestehen, sollten dann in bestimmten Kontexten keine Rolle spielen.“

Strenger ist sich gleichwohl darüber im Klaren, dass die Mehrheit der abrahamitischen Konfessionen und Strömungen die kompliziert Arbeit einer „Entmythologisierung“ jedoch noch vor sich haben, „weshalb viele der von ihnen vertretenen Positionen den Ärztetest nicht passieren würden. Als Beispiel sei nur das Prinzip der Gleichberechtigung von Männern und Frauen genannt. 

Die Opferung Isaaks (Marc Chagall)
Man kann nun natürlich fragen, warum Religionen einen solchen Test überhaupt als legitim akzeptieren sollten? Die Antwort ist einfach: weil der überwiegende Teil ihrer Anhänger den Ärztetest auf mehr oder weniger alle Lebensbereiche anwendet – außer auf den eigenen Glauben.“ Der Widerspruch liegt einfach darin, dass diese Religionen gleichzeitig Tatsachenbehauptungen vertreten, die großen Einfluss auf das Wohlergehen einer Vielzahl von Menschen haben, dem Ärztetest aber nicht standhalten. 

Strenger hält den Ärztetest im Hinblick auf religiöse Positionen deshalb für sinnvoll, „da wir mit ihm über ein leicht zu handhabendes Instrument verfügen, um Religionen denselben Standards in puncto Verantwortlichkeit und Rationalität zu unterwerfen, die wir auch an andere öffentliche Institutionen richten.“

Das Grundrecht der Religionsfreiheit, das für die Aufklärer so wichtig war und „ohne das wir ins Zeitalter der Inquisition und der Religionskriege zurückfallen würden“, wird dadurch nicht angetastet. Dies bedeutet jedoch gerade nicht, „dass Religionen über alle Kritik erhaben sind: In dem Moment, in dem sie Tatsachenbehauptungen aufstellen, die Menschenleben und die menschliche Würde betreffen, müssen sie den Anforderungen entsprechen, welche auch die meisten religiösen Menschen an die Vertreter jenes Berufsstandes richten, dem sie ihre Gesundheit anvertrauen. Und damit sind wir wieder beim Ärztetest.“

Diese Forderung ist, darüber ist sich Strenger bewusst, nicht immer leicht zu ertragen. Aber eine Kultur der zivilisierten Verachtung verlangt „von uns allen, Kränkungen auszuhalten, die mit Kritik an unserer eigenen Weltanschauung fast notwendigerweise verbunden sind (…)

Wir müssen Kränkungen unserer eigenen
Weltanschauung aushalten können!
Wirkliche Freiheit zur Kritik, ob diese nun wissenschaftlich, poetisch oder satirisch vorgetragen wird, kann es nur dann geben, wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft fähig sind, zivilisierte Verachtung für ihre Positionen auszuhalten und in einer bestimmten Hinsicht zu akzeptieren.“

Natürlich ist es schwierig, nicht gekränkt zu sein, „wenn Säulen der eigenen Kultur attackiert oder zum Gegenstand von Satire werden“ und es ist sicherlich kein Wunder, wenn die Reaktionen der Gekränkten oft heftig ausfallen.

Aber es ist unvermeidlich, insbesondere im Zeitalter der Globalisierung, weltweit die Fähigkeit, Kränkungen zu ertragen, einzufordern: „Wenn wir uns einem radikalen Islam beugen, der Karikaturen aus Dänemark und Romane aus Großbritannien von Teheran oder Karatschi aus zum Casus Belli erklärt und damit Gewaltexzesse in Kopenhagen, Oslo oder Paris rechtfertigt, kann nirgends mehr frei gesprochen und geschrieben werden. Schon die Rushdie-Affäre hat uns gelehrt, dass zu viel Verständnis für religiöse Empfindlichkeiten die falsche Taktik ist. 

Wenn Kollektive, ob es sich dabei nun um Muslime handelt, die sich durch Karikaturen verletzt fühlen, um christliche Fundamentalisten, die gegen Abtreibungsärzte vorgehen, oder um ultraorthodoxe Juden, die Frauen hinauswerfen, die sich im Bus nicht nach hinten setzen wollen, zu dem Schluss gelangen, dass sie mit Gewalt ihre Ziele erreichen können, ist die liberale Grundordnung insgesamt bedroht.“

Gegen die notorische Behauptung, die Aufklärung sei letzten Endes fehlgeschlagen, müsse im Anschluss an Habermas immer betont werden, dass die Aufklärung per definitionem „ein unvollendetes Projekt“ ist. „Die Idee, die Aufklärung sei eine politische Heilslehre, die den Menschen die Erlösung bringen werde, ist eine Fehlinterpretation, die schon oft zu katastrophalen Konsequenzen führte. Die Aufklärung im eigentlichen Sinne ist ein nie endender Prozess, im Rahmen dessen die Menschheit sich immer wieder bewusst macht, dass es für kein Problem“ eine endgültige Lösung gibt.

Nicht erst seit Popper dürfte klar sein, dass menschliches Wissen ist immer vorläufiger Natur ist, „weshalb die Selbstkorrektur durch Kritik die einzige Möglichkeit darstellt, neu auftauchende Probleme anzugehen. Das Umfeld, in dem solche endlosen Lernprozesse am besten funktionieren, ist eine offene Gesellschaft.“ 

Offene Gesellschaft und Kritik, statt Totalitarismus und politische Korrektheit

Mit dem Ziel, ein Abrutschen in totalitäre Systeme zu verhindern, ist das Prinzip der zivilisierten Verachtung als ein Hilfsmittel der prinzipiell unvollendeten Aufklärung zu verstehen und muss in diesem Kontext gedacht werden. „Wirklich zivilisiert ist Verachtung aber nur dann, wenn sie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und einer konsistenten Argumentation basiert, die jederzeit stringenter Kritik unterworfen werden kann und nicht als Vorwand gebraucht wird, um Andersdenkende zu erniedrigen und ihre Menschenrechte einzuschränken.“ 

Der Westen, so der große französische Historiker Fernand Braudel, kann durchaus als eigene Zivilisation bezeichnet werden kann, „in deren Zentrum der Begriff der Freiheit steht.“, Diese Erkenntnis mit Hilfe der politischen Korrektheit über Bord zu werfen, wäre grob fahrlässig. An die Stelle von Ideologien muss also wieder die individuelle Freiheit gesetzt werden, sowie das Recht, „sein Leben nach bestem Wissen und Gewissen selbst zu gestalten, Meinungen offen zu äußern und sich vor keiner Autorität fürchten zu müssen.“

Zitate aus: Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit, Berlin 2015 (Suhrkamp)




Donnerstag, 14. Januar 2016

Carlo Strenger und die zivilisierte Verachtung (Teil 3)

Die zivilisierte Verachtung

Carlo Strenger (*1958)
Gegen die Ideologie der politischen Korrektheit, die mittlerweile zu der absurden Situation geführt hat, „dass der vorgeblich tolerante, faire und für kulturelle Unterschiede sensibilisierte Westen selbst zum Opfer jener Intoleranz geworden ist, die mit der Idee der politischen Korrektheit bekämpft werden sollte“, setzt Carlo Strenger das Konzept der zivilisierten Verachtung. 

Strenger definiert zivilisierte Verachtung „als eine Haltung, aus der heraus Menschen Glaubenssätze, Verhaltensweisen und Wertsetzungen verachten dürfen oder gar sollen, wenn sie diese aus substanziellen Gründen für irrational, unmoralisch, inkohärent oder unmenschlich halten.“ 

Das Adjektiv „zivilisiert“ verweis in diesem Zusammenhang auf zwei Prinzipien: Zivilisierte Verachtung „muss erstens auf Argumenten beruhen, die zeigen, dass derjenige, der sie vorbringt, sich ernsthaft darum bemüht hat, den aktuellen Wissensstand in relevanten Disziplinen zu reflektieren; dies ist das Prinzip der verantwortlichen Meinungsbildung.“

Zweitens beruht zivilisierte Verachtung auf dem Prinzip der Menschlichkeit, d.h. auf der der „Fähigkeit, zu verachten, ohne zu hassen oder zu dehumanisieren.“ Zivilisierte Verachtung richtet sich daher gegen „Meinungen, Glaubensinhalte oder Werte … und nicht gegen die Menschen, die sie vertreten. Deren Würde und grundlegenden Rechte müssen stets gewahrt bleiben und dürfen ihnen unter keinen Umständen abgesprochen werden.“

Das Prinzip der Menschlichkeit

Während die Verachtung, wie sie in der Haltung der Inquisition oder der iranischen Ayatollahs sichtbar wird, dazu führt, dass jemand „aufgrund seines Glaubens, seiner Werte oder einer Meinungsäußerung zu Freiheitsentzug, Folter oder gar zum Tode verurteilt werden darf“ bezeichnet der Begriff der zivilisierten Verachtung gerade den Anspruch, „Zivilisationsnormen auch gegenüber jenen aufrechtzuerhalten, deren Glaubens- und Wertsysteme man nicht akzeptiert.“ 

Diese Haltung ist Strenger zufolge „um einiges authentischer als die politische Korrektheit“, denn sie verlangt weder, Respekt zu heucheln, „wo keiner wirklich zu haben ist“, noch fordert sie von niemandem, „ unmoralische Denkformen, unmenschliche Praktiken irrationale Überzeugungen oder unzivilisiertes Verhalten zu akzeptieren, nur weil eine andere Kultur oder Religion sie vorschreibt.“ 

Zivilisierte Verachtung ermöglicht letztlich, dass im Rahmen kulturell verfasster Diskurse es erlaubt ist, einer sorgfältig begründeten Verachtung gegenüber bestimmten Anschauungen deutlich und unverhohlen Ausdruck zu verleihen, „solange weder zu Gewalt noch zur Erniedrigung anderer aufgerufen wird.“ 

Im Rahmen der zivilisierten Verachtung spielt also auch die verantwortliche Meinungsbildung eine herausragende Rolle. Dahinter steht die intellektuelle Selbstdisziplin, „die dazu verpflichtet, Informationen zu sammeln und diese sorgfältig abzuwägen; und auf dem Willen, diese Disziplin konsequent aufzubringen. 

Das Prinzip der verantwortlichen Meinungsbildung

Zivilisierte Verachtung ist also immer dann angebracht, „wenn Menschen sich diesen Anforderungen entziehen, weil sie es bequemer finden, Tatsachenbehauptungen zu akzeptieren, die zu ihren emotionalen oder weltanschaulichen Präferenzen passen, selbst wenn sich leicht Indizien finden lassen, die diesen Behauptungen widersprechen.“ Eine solche Tendenz zur kognitiven Verzerrung ist, so Strenger, in allen Lagern von rechts bis links zu finden. 

Was Strenger hier auch für den politischen Diskurs einfordert, nennt er den „Ärztetest“: „Stellen Sie sich vor, ein geliebtes Familienmitglied ist schwer krank – was erwarten Sie von dem behandelnden Arzt? Was würden Sie sagen, wenn sie oder er die Entscheidung für eine bestimmte Darmkrebstherapie mit seinem Glauben begründet und einschlägige klinische Studien ignoriert? Würden Sie das akzeptieren?“ 

Wenn die Überzeugung vorherrscht, alle Ansichten – ob nun substanziell begründet, auf tief empfundenen Werten beruhend oder aus dem Bauch heraus formuliert – verdienten denselben Respekt, geht das Niveau von Debatten regelmäßig in den Keller. 

Zivilisierte Verachtung setzt voraus, über gewisse Grundkenntnisse zu verfügen, „um sich eine fundierte, wissenschaftlich abgesicherte Meinung zu bilden“ und „um Informationen zu finden und kritisch zu beurteilen“, ein aufklärerisches Selbstbewusstsein, „das von der Ideologie der politischen Korrektheit zuletzt zunehmend gelähmt wurde.“ 

Gegen eine verantwortliche Meinungsbildung sieht Strenger die immer stärker werdende gesellschaftliche Tendenz, Eliten – auch Wissenseliten – grundsätzlich zu misstrauen. Wenn auch im Ansatz sicherlich richtig, ist ein pauschales Misstrauen unverantwortlich und – gerade wenn es „nicht nicht um wirtschaftliche oder politische, sondern um meritokratische Eliten geht, die ihren Status durch Leistung erworben haben“ – nicht eine Frage intellektueller Ehrlichkeit oder Bescheidenheit, sondern Ausdruck von Ressentiments.

Wir müssen uns eben an den Gedanken gewöhnen, dass nicht alle Menschen in gleichem Maße über die gleichen Begabungen und Talente verfügen. „Wir akzeptieren das im Fußball, im Showbusiness, aber auch in Fächern wie Medizin, Jura oder den Ingenieurwissenschaften, wo Leistung sich tendenziell objektiver bewerten lässt.“ 

Nicht alle Menschen haben die gleichen Begabungen und Talente!

Die Ideologie der politischen Korrektheit aber hat „von ihren sozialistischen Wurzeln“ die Behauptung übernommen, dass es so etwas wie eine natürliche Begabung nicht gibt oder geben darf. Natürlich geht es Strenger hier nicht darum, „nepotistische Eliten und undurchlässige Klassenstrukturen zu verteidigen.“ Vielmehr müsse man einsehen, „dass mit der Ideologie der politischen Korrektheit etwas erreicht werden sollte, was schlechterdings unmöglich ist: Menschen vor Gefühlen wie Neid und dem Schmerz angesichts von Unterlegenheit zu bewahren.“ 

Auf diese Weise aber würden in der Perspektive der politischen Korrektheit zwei vollkommen unterschiedliche Themen miteinander vermischt: „Auf der einen Seite das Ideal der Aufklärung, nach dem alle Menschen von Geburt an gewisse Grundrechte haben: das Recht auf freie Entfaltung, körperliche Unversehrtheit, Meinungsfreiheit, Menschenwürde usw. .“ Auf der anderen Seite – verdeckt als Ruf nach Chancengleichheit – der „Anspruch auf vollkommene Gleichheit und die Forderung nach der Nivellierung aller Hierarchien und Unterschiede.“ 

Hierbei würden aber das Aufklärungsideal der Gleichheit und das Recht, niemals Neid oder Unterlegenheit empfinden zu müssen, miteinander verwechselt werden. „Letzteres ist als Recht aber überhaupt nicht realisierbar: Jeder Mensch, so begabt er oder sie auch sein mag, wird schon rein logisch irgendjemand anderem in irgendeiner Hinsicht unterlegen sein, ob es dabei nun um athletisches, schauspielerisches, schriftstellerisches, mathematisches oder geschäftliches Talent geht. 

Komplexe moderne Gesellschaften funktionieren nicht ohne Spitzenleistungen ...

Die Logik der politischen Korrektheit ist insofern einfach nicht kohärent: Komplexe moderne Gesellschaften funktionieren ohne Spitzenleistungen nicht, daher müssen wir alle in einem gewissen Ausmaß mit der Erfahrung der Unterlegenheit zurechtkommen. Gleichzeitig wird aber permanent der krampfhafte Versuch unternommen, Qualitätsunterschiede und Hierarchien zu vertuschen, um so die Anlässe zum Neid zu minimieren.“ Auch an dieser Stelle gäbe es im Übrigen wieder eine unheilige Allianz zwischen der extremen Rechten und der extremen Linken.

So ist die Fähigkeit, diesen Neid auszuhalten, ein weiteres wichtiges Element einer Kultur der zivilisierten Verachtung. „Jeder von uns muss sie entwickeln, denn unabhängig davon, wie lang man geübt oder studiert oder trainiert hat, wird es in hyperkomplexen Gesellschaften mit ausdifferenzierten Spezialgebieten immer Diskussionen geben, von denen man nichts versteht und bei denen man nicht mitreden kann.“ 

(Fortsetzung folgt)

Zitate aus: Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit, Berlin 2015 (Suhrkamp)

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Carlo Strenger und die zivilisierte Verachtung (Teil 2)

Die politische Korrektheit

Carlo Strenger (*1958)
Eine ständige Gefährdung für die Prinzipien der Aufklärung und der liberalen Demokratie geht von der Idee der politischen Korrektheit aus. Dies jedenfalls behauptet der schweizerisch-israelische Psycho-loge und Philosoph Carlo Strenger in seiner kleinen Kampfschrift „Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit.“

Die Grundgedanken der politischen Korrektheit beschreibt Strenger hier als die Idee der „Gleichberechtigung aller Kulturen, Glaubenssysteme und Lebensformen sowie das prinzipielle Verbot, andere Kulturen moralisch oder erkenntnistheoretisch zu kritisieren. (…) Kritik ist allenfalls an den eigenen Politikern erlaubt.“

Der Aufstieg der politischen Korrektheit fällt zusammen mit dem Ende der europäischen Selbstzufriedenheit im 20. Jahrhundert im Zuge zweier Weltkriege. Für viele westliche Intellektuelle gab es nach 1945 eigentlich keinen Grund mehr, der westlichen Kultur irgendeinen höheren Wert zuzuschreiben. An die Stelle der Ideale der Aufklärung und der liberalen Demokratie setzten viele nun den Marxismus-Leninismus, der auf diese Weise „zum – in Raymond Arons unsterblicher Formulierung – Opium der westlichen Intellektuellen“ wurde, die „nach dem moralischen Bankrott des Zweiten Weltkrieges krampfhaft nach einer Wahrheit suchten, an die sie glauben konnten.“ 

Arthur Koestler (1905 - 1983)
Auf diese Weise wurde Linke wurde „zur Moralpredigerin des Westens“ und behauptete ein ums andere Mal ein, dass der Westen angesichts der Abgründe des Faschismus der Welt kaum etwas zu bieten hätte. „Das marxistische Opium berauschte einen großen Teil der Links-intellektuellen so stark, dass sie hellsichtigen Denkern wie Arthur Koestler, der schon in den vierziger Jahren das Grauen des Stalinismus angesprochen, und Hannah Arendt, die früh grundlegende Gemeinsamkeiten von Faschismus und Kommunismus herausgearbeitet hatte, kein Gehör schenkten. Die Linke hatte nun einmal das Licht gesehen und sich darauf verlegt, die Korrumpiertheit des Westens aus einer marxistischen Perspektive schonungslos anzuklagen.“ 

Auch wenn es dann ab den den späten siebziger Jahren für viele moralisch integere Linksintellektuelle praktisch nicht mehr möglich war, Kommunisten zu bleiben, hatten viele von ihnen „den Habitus des schonungslosen Kritikers des Westens allerdings derart verinnerlicht, dass sie ihn nicht einfach zusammen mit dem Marxismus über Bord werfen konnten.“ Doch welche Alternative bot sich den Linksintellektuellen an, nachdem auch der Marxismus seine Glaubwürdigkeit und moralische Überlegenheit eingebüßt hatte? Gab es überhaupt noch eine Alternative zur liberalen, kapitalistischen Demokratie? 

Relativismus: Wenn alles richtig ist, ist alles falsch!
„In diesem Vakuum erschien vielen der postmoderne Relativismus als letzte vertretbare Position. Die Systeme hatten allesamt versagt. Das Einzige, was … in der Postmoderne blieb, war die Skepsis gegenüber sämtlichen großen Narrativen. Darunter fiel auch die Erzählung der Aufklärung, die da lautete, die Menschen des Westens seien seit drei Jahrhunderten dabei, sich und alle übrigen Erdenbewohner aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, und hätten der Welt Fortschritt, Sicherheit und Wohlstand gebracht. All dies galt den Postmodernen nun lediglich als ein weiteres Beispiel für die bequemen Lügen, die man sich im Westen zurechtgebastelt hatte.“ 

Von daher empfanden es nun viele Intellektuelle als ihre „heilige Pflicht, die Aufklärungslüge und den Mythos der universalistischen Vernunft schonungslos zu entlarven“, eine Bewegung, die nicht auf Europa beschränkt blieb, sondern auch die USA erfasste. Das Problem bestand Strenger zufolge jedoch darin, dass diese an sich wertvollen Impulse „von einer vagen, dabei aber mächtigen Ideologie überschattet wurden, die etwas viel Einfacheres und Radikaleres predigte als die differenzierten Werke vieler Vertreterinnen und Vertreter der Postmoderne: 

Wahrheit, so lautete die Maxime, gibt es nicht. Es gibt nur Standpunkte und Perspektiven. Wann immer eine Theorie, Tatsachenbehauptung oder normative Aussage Objektivität für sich beanspruche, sei dies nichts als ein Versuch, die eigene Position im Machtgefüge zu festigen. Überhaupt sei es illegitim zu behaupten, bestimmte Wissensformen wie zum Beispiel die moderne Wissenschaft seien anderen Weltanschauungen überlegen. Alle Weltbilder hätten denselben Anspruch auf Geltung und dürften keinesfalls kritisiert werden – schon gar nicht vom Westen, der andere Völker und Rassen seit Jahrhunderten unterjocht und andere Kulturen systematisch zerstört habe. 

Von nun an gelte es, jedes Glaubens- und Wertsystem zu respektieren, und zwar schon allein deshalb, weil es ein integraler Bestandteil einer Kultur, eines Volkes oder einer Religion und als solcher konstitutiv für die Identität der entsprechenden Gruppe sei.“ 

Für die westlichen Gesellschaften hatten diese Ideen verheerende Folgen. Dies lässt sich gut aufzeigen an einer Reihe von „Ernstfällen, die den Westen vor die Frage stellten, wie und mit welchem Recht er sich, seine Werte und seine Lebensform verteidigen könne.“ Strenger bezieht sich auf die verschiedenen Terroranschläge gegen Symbole des Westens, beginnt mit den Anschlägen auf das World Trade Center (11.09.2001) bis hin zum Attentat auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo (07.01.2015). 

Das Theorem der politischen Korrektheit stellte sich angesichts dieser Ernstfälle zunehmend als ein systematisches Eigentor heraus, „und wir werden Zeugen, wie sie die Linke, aber auch politische Kräfte des Zentrums lähmt, wenn es darum geht, westliche Werte zu verteidigen.“ Die Ideologie der politischen Korrektheit hat also dazu geführt, dass weite Teile der europäischen und amerikanischen Linken diese Grundpfeiler der Aufklärung nicht länger selbstbewusst und voller Stolz verteidigen. „Stattdessen kasteit man sich wegen der Sünden, die der Westen in der Vergangenheit zweifelsohne begangen hat, permanent selbst.“ 

Dabei könne sich, so Strenger, die Ideologie der politischen Korrektheit noch nicht einmal auf das Toleranzprinzips der Aufklärung berufen, denn „dieses zielte darauf ab, das Individuum vor staatlichen oder kirchlichen Eingriffen in ihre Gewissens- oder Religionsfreiheit zu schützen; als Generalabsolution für alle religiösen, weltanschaulichen und kulturellen Praktiken war dieses Prinzip nie gedacht.“ 

Es geht dem Toleranz gerade nicht darum, jeden Glauben und jede Weltanschauung zu respektieren, sondern es will vielmehr das Recht eines jeden Individuums betonen, nach bestem Wissen und Gewissen zu leben und zu glauben. „Geschützt werden sollte also das Individuum, nicht der Glaube, der selbstverständlich als unverständlich, absurd oder gar lächerlich kritisiert werden konnte.“ 

Indem viele Linke dieses Toleranzprinzip verzerrt und zu einem Werterelativismus umgedeutet haben, haben sie sich letztlich selbst entmachtet, „denn: Wenn andere Kulturen nicht kritisiert werden dürfen, kann man die eigene nicht verteidigen.“ Der Glaube, die politische Korrektheit garantiere das harmonische Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen, ist dagegen eine Illusion. „Kein Mensch kann authentisch respektieren, was er in Wahrheit für unmoralisch, irrational oder ganz einfach dumm hält. Das unausweichliche Resultat ist mangelnde Authentizität.“ 

Wenn Glaube fanatisch wird ...
Auf der anderen Seite sind die selbsternannten geistigen Führer in anderen Teilen dieser Welt nicht einmal ansatzweise bereit, sich ihrerseits an die Spielregeln zu halten: „Muslimische Prediger und ultraorthodoxe Rabbiner haben überhaupt kein Problem damit, den säkularen Liberalismus als leere, unmoralische und sinnlose Lebensform zu diffamieren – zeigen sich aber gegenüber Kritik an ihren Dogmen und Lebensformen höchst empfindlich und finden nichts dabei, wenn ihre Anhänger darauf mit Gewalt reagieren. Wir stehen also vor der absurden Situation, dass der vorgeblich tolerante, faire und für kulturelle Unterschiede sensibilisierte Westen selbst zum Opfer jener Intoleranz geworden ist, die mit der Idee der politischen Korrektheit bekämpft werden sollte. Das nenne ich ein phänomenales Eigentor.“ 

Mit dem Prinzip der politischen Korrektheit wurde der zentrale Grundsatz einer offenen Gesellschaft „Nichts und niemand sollte gegen Kritik gefeit sein“ auf den Kopf gestellt: Bis auf die eigenen westlichen Institutionen durfte nun plötzlich gar nichts mehr „zum legitimen Objekt der Kritik werden, schon gar nicht, wenn es einer nichtwestlichen Kultur entstammte.“ 

„Die Vorstellung, Bachs h-Moll-Messe könne wertvoller sein als irgendein Popsong oder die Musik eines afrikanischen Stammes, fiel dem heiligen Zorn der politischen Korrektheit zum Opfer.“ Diese Eisntellung aber führt für Strenger zu einer intellektuellen Lähmung: „Wenn nichts begründet, aber auch nichts kritisiert werden konnte, war jede Meinung legitim.“ Damit wird aber zugleich auch die Forderung nach einer vernünftigen Begründung von Tatsachenbehauptungen mit dem Hinweis über Bord geworfen, niemand habe das Recht, einen anderen Glauben zu kritisieren, „und überhaupt seien solche Begründungsforderungen nur ein Ausdruck der liberalen Hegemonie jener spirituell verarmten Pseudoelite, welche die großen Universitäten an der Ostküste kontrolliere.“ 

Der Westen: Geist der Kritik,
Individuelle Autonomie,
Ablehnung von Autorität
Wenn aber der Westen seine Werte und seine Lebensweise argumentativ verteidigen will, besteht Strenger nach die einzige Möglichkeit in der Rückbesinnung auf die Prinzipien der Aufklärung. „Der Geist der Kritik, das Beharren auf individueller Autonomie, die Ablehnung jeder Autorität, die sich weigert, sich vertraglich zu binden oder diskursiv zu legitimieren, und das Recht auf den `aufrechten Gang´ sind Ideen, die zwar im Westen formuliert wurden, die aber nicht essenziell an bestimmte Ethnien, Hautfarben oder Religionen geknüpft sind.“ 

(Fortsetzung folgt)

Zitate aus: Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit, Berlin 2015 (Suhrkamp)


Donnerstag, 17. Dezember 2015

Carlo Strenger und die zivilisierte Verachtung (Teil 1)

Die Aufklärung und das Toleranzprinzip 

Die kleine Kampfschrift „Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit“ des schweizerisch-israelischen Psychologen und Philosophen Carlo Strenger wird von der Motivation getragen, „der relativistischen Tendenz der politischen Korrektheit, die glaubt, alle Positionen, Glaubenssätze und Lebensformen hätten den gleichen Respekt verdient, entgegenzuwirken."

Strenger zufolge haben viele liberal eingestellte Menschen – vor allem auf der linken Seite des Spektrums – nicht genügend Mut, „offensiv für die fundamentalen Werte der offenen Gesellschaft – Freiheit, Kritik und offene Diskussion – einzutreten.“ Wenn aber die Fähigkeit verloren geht, „die eigene Lebensform und ihre Werte argumentativ zu verteidigen, ist der Weg frei für rückwärtsgewandte Rechtsparteien, die die freigewordene Rolle als Verteidiger der freien Welt übernehmen, dabei aber „die zu verteidigenden Werte der Aufklärung, die unsere Gesellschaften im Lauf der letzten Jahrhunderte humanisiert haben, durch Fremdenhass und das Schüren von Ängsten untergraben“ und deren Programm darauf hinauslaufen, dass Deutschland den Deutschen gehört, Frankreich den Franzosen und die Schweiz den Schweizern.

Das Ende des Kalten Krieges bei vielen Menschen die Hoffnung darauf geweckt, die liberale Demokratie stünde nun kurz davor, den Globus gewaltlos zu erobern. Aber „das menschliche Bedürfnis nach klaren Identitäten und absoluten Wahrheiten spülte die Hoffnung auf ein neues, kosmopolitisches Zeitalter hinweg. Die Religionen erlebten ihre Rückkehr auf die Bühne der Weltgeschichte“. Es scheint, dass die Prognose vom Kampf der Kulturen des Politologen Samuel Huntington, wesentlich realitätsnaher ausfällt, als die These, um einiges realistischer als Francis Fukuyamas These, die Geschichte der politischen Ideen sei an ihr Ende gelangt und die liberale Demokratie, der Inbegriff menschlicher Vernunft, habe triumphiert. 

Strenger fordert daher im Anschluss an Ernst Bloch eine Rückbesinnung auf das Wesen der Aufklärung, also auf „einen Prozess, in welchem der Mensch die Angst vor und die Abhängigkeit von äußeren Autoritäten, ob religiös oder politisch, hinter sich ließ, seine Autonomie proklamierte und zum `aufrechten Gang´ fand: Die Mentalität der Unterwerfung wurde durch den Geist der Kritik abgelöst.“

Baruch de Spinoza (1632-1677)
Vor allem Spinoza habe mit seinem Tractatus theologico-politicus aus dem Jahr 1670 deutlich gemacht, dass die Bibel ein Text ist, der mit Hilfe der Vernunft durchleuchtet und analysiert werden müssen, denn „kein Staat habe das Recht, seinen Bürgern einen religiösen Glauben aufzuzwingen, da dieser Privatsache sei. Grundlage jedes Staates sei dabei ein Gesellschaftsvertrag, durch den souveräne Bürger der Exekutive (ob es sich dabei nun um einen Monarchen oder eine andere Regierung handelt) das Recht und die Pflicht übertragen, ihre Sicherheit, Freiheit und ihr Eigentum zu verteidigen – ein Gedanke, den Spinoza von seinem großen Vorgänger Thomas Hobbes übernommen hatte.“ 

Das Prinzip der Toleranz in Glaubensfragen wurde gleichwohl erst möglich durch das „kulturelle Erdbeben der wissenschaftlichen Revolution“, denn hier zeichnete sich immer deutlicher ab, dass es sich bei „Glauben und Wissen um zwei vollkommen unterschiedliche Erkenntnisformen handelte (…) Wo es um historische Tatsachen oder Aussagen zur Schöpfungs- bzw. Naturgeschichte ging, zeichnete sich bald ab, dass man die Bibel nicht wörtlich nehmen durfte.“ 

Insgesamt steht das Toleranzprinzip der Aufklärung auf drei Säulen: dem Machtverlust religiöser bzw. kirchlicher Autoritäten in weltlichen Fragen, dem Prinzip der Freiheit und der Autonomie des Individuums – darin auch der Schutz aller Individuen vor staatlicher oder kirchlicher Willkür – und der Idee der freien Meinungsäußerung, nach der jede Form Kritik nicht durch Repressalien zum Schweigen gebracht werden durfte. 

Vor dem Hintergrund der religiös motivierten Attentate vor allem (aber nicht nur) moslemischer Fundamentalisten müsse immer wieder darauf verwiesen werden, dass die „Idee der liberalen Demokratie und die Grundwerte der Aufklärung … von dem Recht, intellektuelle Kritik zu üben und Satire zu veröffentlichen, nicht getrennt werden [können]; dass dabei mitunter die Gefühle der Kritisierten verletzt werden, lässt sich nun mal nicht vermeiden, ändert aber an dem Recht selbst nichts, ja ist gewissermaßen sogar ein Teil davon.“ 

Die Geschichte der Aufklärung ist gleichwohl keinesfalls frei von Rückschritten und inneren Widersprüchen. So wandelte sich die Französische Revolution recht zügig „von einem Fest der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in eine Tyrannei – es war Robespierre, der das moderne Verständnis des Begriffs »Terror« prägte und diesen systematisch als Herrschaftsmittel einsetzte.“ 

Französische Revolution: Der Terror als Herrschaftsmittel

Aber auch die industrielle Revolution führte gerade zu einer Hochkonjunktur der Menschenrechte. Die schwerste „Sünde des sich als aufgeklärt und zivilisiert gebenden Westens bestand jedoch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein darin, die Vorzüge der Freiheit und der Menschenrechte äußerst ungleich über den Globus zu verteilen.“ In seinem berühmten Gedicht von der „Bürde des weißen Mannes“ sprach Rudyard Kipling von der Verpflichtung des Westens – gemeint war natürlich das britische Empire -, „dem Rest der Welt die Segnungen der Zivilisation zu bringen – eine Vorstellung, die alle europäischen Kolonialmächte teilten.“ 

Dennoch: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte der Westen voller Stolz zu dem Schluss kommen, „dass er nicht nur das unangreifbare Machtzentrum der Welt darstellte, sondern auch die am weitesten entwickelte Zivilisation in der Geschichte der Menschheit: der Inbegriff jenes Fortschritts, den die Denker der Aufklärungszeit vorhergesagt hatten.“ In den meisten westlichen Staaten hatte das Bürgertum nach und nach vom Adel nicht nur die politische und ökonomische Macht, sondern auch die kulturelle Dominanz erobert. 

Diese europäische Selbstzufriedenheit fiel jedoch im 20. Jahrhundert im Zuge zweier Weltkriege in sich zusammen: „Der Kontinent insgesamt war mit einer grundsätzlichen Frage konfrontiert: Wenn Kant, Goethe, Schiller und Beethoven Deutschland nicht vor dem Naziregime hatten bewahren können und SS-Offiziere sich zu Bach-Fugen entspannten; wenn Descartes, Racine, Voltaire und Victor Hugo Vichy nicht hatten verhindern können; und wenn es möglich gewesen war, dass Dante, Michelangelo, Monteverdi und Puccini mit Mussolini koexistierten, gab es eigentlich keinen Grund mehr, der westlichen Kultur irgendeinen höheren Wert zuzuschreiben.“


Gräberfeld (1. Weltkrieg)

Mit diesem Gedanken begann dann nach 1945 ein Prozess der Selbstkasteiung, bei dem der universalistische Anspruch der Aufklärung „als grundlegende Kulturlüge diffamiert“ wurde. Es war die Geburtsstunde der politischen Korrektheit …

(Fortsetzung folgt)

Zitate aus: Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit, Berlin 2015 (Suhrkamp)