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Donnerstag, 22. Januar 2026

Sönke Neitzel und der Referenzrahmen der Soldaten im "Dritten Reich"

Das Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer gehört zu jenen Arbeiten, die nicht nur durch neue Fakten, sondern auch eine veränderte Perspektive auffallen. Die vom britischen Geheimdienst heimlich mitgeschnittenen Gespräche deutscher Kriegsgefangener eröffnen keinen Blick „hinter die Front“ im heroischen Sinne, sondern legen eine erschreckende Alltäglichkeit von Gewalt offen. 


Besonders aufschlussreich ist dabei der Abschnitt „Der Referenzrahmen des Dritten Reiches“ im Kapitel „Soldatenwelt“, in dem Neitzel und Welzer zeigen, wie tief nationalsozialistische Deutungsmuster das Denken und Sprechen der Soldaten strukturierten – ohne dass diese sich selbst als fanatische Ideologen wahrnahmen.

 

Fallschirmjäger der Wehrmacht (Quelle: mdr - Geschichte)

Zentral ist die Einsicht, dass Handlungen nicht primär durch individuelle Moral, sondern durch soziale Referenzrahmen gesteuert werden. Menschen handeln, so die sozialpsychologische Grundannahme, innerhalb dessen, was in ihrem jeweiligen Kontext als normal, sagbar und legitim gilt. Für die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs bildete das „Dritte Reich“ genau einen solchen Referenzrahmen, d.h., einen Deutungs- und Bedeutungsraum, der bestimmte Formen der Gewalt nicht nur erlaubte, sondern als selbstverständlich erscheinen ließ. 


Neitzel und Welzer betonen ausdrücklich, dass viele der abgehörten Soldaten keine überzeugten Nationalsozialisten im engeren Sinne waren. Dennoch sprechen sie mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit über Massenerschießungen, Luftangriffe auf Zivilisten oder das Töten von Kriegsgefangenen. Die Autoren formulieren pointiert: „Was wir hören, ist nicht das Reden von Monstern, sondern das Reden von Männern, die sich in einem bestimmten Referenzrahmen bewegen.“ Genau darin liegt die eigentliche Provokation des Buches.

 

Der Referenzrahmen des Dritten Reiches war dabei kein abstraktes Ideengebäude, sondern eine alltagspraktische Ordnung von Sinn. Er definierte Freund und Feind, Wert und Unwert, Leben und Vernichtung. Antisemitismus, Rassismus und Sozialdarwinismus bildeten keine permanent expliziten Bekenntnisse, sondern einen stillschweigenden Hintergrund, vor dem Handlungen interpretiert wurden. Wenn ein Soldat von der Erschießung jüdischer Zivilisten berichtet, dann häufig nicht in moralischer Empörung oder Rechtfertigung, sondern im Ton sachlicher Berichterstattung.

 

Hinrichtung angeblicher Partisanen in der Sowjetunion

(Aufnahme einer Propagandakompanie, Bundesarchiv, Bild 101I-212-0221-06)

Auffällig ist, dass moralische Kategorien in den Gesprächen kaum vorkommen. Stattdessen dominieren technische, funktionale oder pragmatische Bewertungen: War eine Aktion effizient? Hat sie funktioniert? War sie militärisch sinnvoll? In diesem Sinne schreiben Neitzel und Welzer: „Die Gespräche zeigen eine weitgehende Entkopplung von Handeln und moralischer Reflexion.“ Gewalt wird nicht reflektiert, sondern vollzogen – eingebettet in Routinen, Befehlsstrukturen und Kameradschaft.


Der Referenzrahmen des Dritten Reiches wirkte dabei nicht nur legitimierend, sondern auch entlastend. Verantwortung wurde nach oben delegiert, Schuld externalisiert. Befehle galten als handlungsleitend, nicht als moralisch zu prüfende Anordnungen. Das enthebt den Einzelnen nicht der Verantwortung, erklärt aber, warum Grausamkeit nicht als Bruch, sondern als Teil der Normalität erfahren werden konnte. Töten wurde zu einer Tätigkeit unter anderen – in der Eigenwahrnehmung sicherlich schrecklich, aber nicht außergewöhnlich.

 

Besonders eindrücklich ist, dass selbst extreme Gewaltformen wie der Vernichtungskrieg im Osten oder der Bombenkrieg gegen Städte nicht als moralische Grenzüberschreitungen thematisiert werden. Vielmehr erscheinen sie als Konsequenz einer Logik, die Freund und Feind radikal voneinander trennt. Der Gegner wird entmenschlicht, der eigene Handlungsspielraum dadurch erweitert. Der Referenzrahmen definiert, wer überhaupt als moralisches Subjekt gilt – und wer nicht.

 

Neitzel und Welzer widerstehen der Versuchung, aus den Protokollen eine einfache Täterpsychologie abzuleiten. Ihr Ansatz ist strukturell-systemisch, nicht psychologisierend. Es geht nicht um Sadismus oder individuelle Abgründe, sondern um die Frage, wie gesellschaftliche Ordnungen Gewalt möglich machen. In dieser Hinsicht fügt sich das Buch „Soldaten“ in eine Traditionslinie ein, die von Hannah Arendts Analyse der „Banalität des Bösen“ bis zu neueren sozialpsychologischen Gewaltstudien reicht.

 

Erschießung von Zivilisten in Kondomari, Kreta 1941 (Bundesarchiv, Bild 1011-166-0517-04) 

Für den heutigen Leser ist diese Analyse zutiefst verstörend. Sie nimmt die bequeme Distanz, mit der man Täter gern als radikal Andere betrachtet. Der Referenzrahmen des Dritten Reiches war kein Ausnahmezustand jenseits menschlicher Erfahrung, sondern eine historisch konkrete, sozial wirksame Ordnung. Gerade darin liegt die bleibende Aktualität des Buches: Es zwingt dazu, über die eigenen Referenzrahmen nachzudenken – über das, was heute als normal, legitim oder unausweichlich gilt.

 

„Soldaten“ ist daher weniger ein Buch über die Vergangenheit als über die Bedingungen menschlichen Handelns überhaupt. Der Abschnitt über den Referenzrahmen des Dritten Reiches zeigt, wie dünn die Schicht moralischer Selbstgewissheit ist, wenn soziale Kontexte Gewalt plausibel machen. Die Protokolle sind Dokumente einer Welt, in der Töten Teil des Alltags war – nicht, weil die Menschen darin per se grausamer waren, sondern weil sie gelernt hatten, in einem bestimmten Rahmen zu denken und zu handeln.

 

Gerade diese Einsicht macht das Buch so unbequem. Es verweigert die Entlastung durch moralische Distanz und zwingt zur intellektuellen Selbstprüfung. Das ist gleichermaßen seine eigentliche Stärke und seine bleibende Zumutung.

 

Zitate aus: Sönke Neitzel und Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen. Töten und Sterben, Frankfurt a.M. 2011 (fischer)

 

Dienstag, 17. September 2024

Harald Welzer und die Notwendigkeit von Orten anlassloser Vergemeinschaftung

Ausgehend von dem 2016 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Spielfilm “Ich, Daniel Blake” von Ken Loach, in dem ein wegen eines Herzinfarktes arbeitsunfähiger Zimmermann mit den britischen Sozialbehörden kämpft (… verliert), hält Harald Welzer in seinem Buch “Zeiten-Ende” ein flammendes Plädoyer für eine Gesellschaft, in der analoge Formen des Zusammenkommens erwünscht und möglich sind, in der Begegnungsräume des lebendigen Sozialen eröffnet und Orte anlassloser Vergeimschaftung geschätzt und gefördert werden.

Die Erosion des Gemeinsamen ist für Welzer die vermutlich größte Gefahr für die Demokratie, die individuelle Freiheit und den Rechtsstaat. Bedauerlicherweise ist die Würde des Menschen heutzutage anfechtbar geworden, weil den Menschen – wie Daniel Blake in dem Film – die würde erst genommen werden muss, um sie anschließend “gefügig für all den Quatsch zu machen”, dem man im Alltag begegnet.

Daniel Blake: Den Menschen die Würde nehmen und sie dann gefügig machen ...


Ein Beispiel für diesen “Quatsch”: “Wir alle hatten noch nicht eine Sekunde im Leben Lust darauf, uns die Scheißmusik der entwürdigenden Warteschleifen anzuhören, die es nur deshalb gibt, weil Unternehmen und Verwaltungen aus Gründen der Kosteneffizienz die stetige Absicht hegen, Menschen schlecht zu behandeln. Überhaupt, so zeigt das Beispiel der allgegenwärtigen Warteschleifen, geht der Wunsch nach Kosteneffizienz prinzipiell damit einher, dass Menschen schlecht behandelt werden. 

 

Inzwischen dürfen Sie sich als Mensch nicht einmal mehr die Hoffnung machen, nach all der Scheißmusik und all den beschissenen Zwischenansagen (`Wussten Sie schon, dass Sie auch online…´) einen anderen Menschen sprechen zu können, sondern man mutet Ihnen zu, mit einem Bot, also einem Algorithmus zu kommunizieren. Als wären Sie ein kompletter Idiot. Und als wären Sie nicht einmal mehr das, müssen Sie bei Ihrem innigsten Wunsch, dafür zu bezahlen, dass Sie gerade als kompletter Idiot behandelt wurden, erst mal nachweisen, dass Sie `kein Roboter´ sind. Ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, dass eine Kultur, die an diesem Punkt angekommen ist, keine Zukunft hat.”

 

Es ist für Welzer mehr als offensichtlich, dass man die Menschen zunächst möglichst weitgehend vereinsamen und voneinander isolieren muss, weil dies die Voraussetzung für die Maximierung von Effizienz, insbesondere mit Blick auf "das Digitale": “In Zeiten der Digitalisierung von Allem und Jedem gelingt dies in umfassendem Maße, und auch wenn die sogenannten sozialen Netzwerke in totalitären Staaten oft die Instrumente zur Organisation von Protest bilden, sind sie generell doch ein Mittel, die Menschen zu dissoziieren, von Vergemeinschaftung abzuhalten. Und sie algorithmisch in die berühmten Filterblasen einzusperren, in denen sie in perfekter Redundanz permanent gespiegelt bekommen, was sie ohnehin schon denken und glauben.”

 

Orte anlassloser Vergemeinschaftung: Markthallen

Gerade mit Blick auf die Durchsetzung einer gebetsmühlenartig behaupteten erwünschten “digitalen Kultur” wäre in einer lebendigen Demokratie daran zu erinnern, “dass es die Gesellschaft ist, die den Gebrauch definiert, den sie von einer Technologie machen möchte. Und nicht die Technologie, die definiert, welchen Gebrauch sie von der Gesellschaft machen möchte.”

 

In diesem Zusammenhang sei an die permanente Belästigung durch Cookies, Updates, Erinnerungen, Hinweise und ständige Werbung erinnert, was das Prinzip der Entwürdigung so alltäglich macht, dass man seine Niedertracht gar nicht mehr bemerkt. Dazu gehören ebenfalls andere Nebenwirkungen der digitalen Transformation, z.B. “die dauernde Anforderung, sich mit all den vorgeblichen Innovationen, Disruptionen und Angeboten zur Verbesserung von irgendwas zu befassen, also eine dauernde Ablenkung. Und zum anderen die Dissoziation, also die Verhinderung von Vergemeinschaftung.”

 

Welzer setzt dagegen: Eine Demokratie braucht statt einer unbegrenzten Menge digitaler `Communities´ “vor allem analoge Formen des Zusammenkommens. Das ist die anlasslose Vergemeinschaftung. Sie bedeutet, zwanglos und ohne Angst vor persönlichen Unterschieden zusammenkommen zu können.” Es geht letztlich um die Schaffung von Orten der “Ausübung sozialer Aktivitäten, besser: der Einübung des Sozialen.”

 

“Für das lebendige Soziale muss es Gelegenheitsstrukturen geben – das Gartenfest, das Straßenfest, die Nachbarschaft, die Gemeinschaftsflächen in Mehrfamilienhäusern, die Schwimmbäder, das Theater, das Gemeindezentrum usw. (…) Was man dafür braucht, ist nicht so sehr technische Intelligenz, sondern soziale. Die hat ihren Wert nicht in sich, sondern findet ihren Maßstab in der Ermöglichung guten Lebens in der Zukunft.”

 

Orte anlassloser Vergemeinschaftung: Town-Hall-Meeting

Potenziale für die anlasslose Vergemeinschaftung - darunter Gemeinschafts-gärten, Flussschwimmbäder, Markthallen und Wochenmärkte – müssen in einer lebendigen Demokratie ebenso gefördert werden wie die Bereitstellung von öffentlichen Räumen (“Town-Halls”), in denen die gemeinsamen Angelegen-heiten - altgriechisch “ta politiká” – auch gemeinsam be- und ausgehandelt werden können.

 

Es gibt so viele “Formate der Assoziation jenseits von Kaufzwang, Mitgliedschaft und der berühmten `Vernetzung´: Menschen kommen zusammen aus dem einfachen Grund, dass es gut ist, zusammenzukommen. (…)

 

Man kann umgekehrt sagen: Je mehr Vergemeinschaftung durch Vereinzelung gefährdet wird, durch die Dissoziation der Menschen im Netz, durch (…) Finanzialisierung aller denkbaren Aktivitäten, desto mehr muss Sorge dafür getragen werden, dass es analoge Orte der lebendigen Begegnung gibt. Dazu gehören übrigens auch Kneipen, Kioske, Schützenfeste.

 

Bier gibt es nur analog, nie digital.”

 

Orte anlassloser Vergemeinschaftung: "Bier gibt es nur analog, nie digital!"

 

Zitate aus: Harald Welzer: ZEITEN ENDE. Politik ohne Leitbild, Gesellschaft in Gefahr, Frankfurt a.M. 2023 (Fischer)

 

Donnerstag, 15. Februar 2018

Harald Welzer und die Autonomie - Teil 4


Harald Welzer ist seit 2012 Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. In einem Beitrag für den Südwestfunk erläutert Welzer Geschichte und Gegenwart der Kategorie "Autonomie".


Die vermeintliche Komforterhöhung durch Apps und Kontrollprogramme - alles wird immer "smarter" -, die unablässig Daten liefern, entmündigen diejenigen, die sie so bereitwillig nutzen. „Alles dieses schafft eine Infantilisierung der Lebenswelt, die verblüffend ist: Sind wir denn eigentlich erwachsen geworden, um uns wie von der Mami im Schlaf behüten und wie im Kinderwagen herumfahren zu lassen? Soll die künftige Persönlichkeit der vollversorgte, unterhaltene und ansonsten belanglose und jederzeit ersetzbare digitale Arbeitssklave sein, dessen Welt so abgedämpft ist, dass er nicht einmal sein eigenes Unglück mehr bemerkt?“

Freiwillige Infantilisierung der eigenen Lebenswelt

Der Verlust von Autonomie, der sich fast unbemerkt, aber ungeheuer dynamisch vollzieht, ist nach Welzer keine Privatangelegenheit, sondern trifft auch die Grundvoraussetzungen der Demokratie unmittelbar: „Als Sphäre, in der Menschen tun und lassen können, was sie wollen, ohne dass eine Öffentlichkeit davon auch nur Kenntnis gewinnen könnte, bildet Privatheit jenen Seinsbereich, indem sich Subjektivitäten bilden und entfalten, Persönlichkeiten entwickeln und Standpunkte einnehmen lassen, die es erst erlauben, als freier Bürger zugleich politisches Subjekt zu sein und Einfluss auf den öffentlichen Bereich, die res publica zu nehmen.“

Die Existenz einer Privatsphäre bilde in diesem Sinn die Voraussetzung für die Existenz einer demokratischen Öffentlichkeit, die politisch mitgestaltbar ist. So formuliert der Philosoph Raymond Guess: "Darüber hinaus ist eine Kategorie des Privaten das Intime, und viele Theoretiker sind zu der Überzeugung gelangt, dass es Formen der Selbstbejahung gibt, die für Menschen notwendig sind und die sie nur dann entwickeln können, wenn sie angemessene Beziehungen der Intimität zu anderen unterhalten; solche Beziehungen sind Grundelemente des guten Lebens für den Menschen."

Verlässliche private Beziehungen ...
Solche privaten und exklusiven Beziehungen sind darüber hinaus „die Voraussetzung, dass ab-weichendes Handeln möglich ist. Ohne die Intimität privater Beziehungen, ohne den unzugänglichen Raum der intimen Konspiration kann es nur schwer Widerstand oder verbotene Hilfe geben, wenn die gesellschaftliche Entwicklung in eine totalitäre Richtung abzudriften droht. Transparenz und Konformität sind nahezu unausweichlich miteinander verschwistert.“

So gesehen ist es völliger Unfug, „Sicherheit und Freiheit gegeneinander auszuspielen. Denn in den entwickelten Demokratien leben wir heute nicht nur in der freiesten, sondern auch in der sichersten Form von Gesellschaft, die die Geschichte kennt“ – auch wenn die Medien jeden Abend das Gegenteil eines sinkenden Gewaltniveaus suggerieren.

Dabei zeigt nicht nur die in Demokratien rasant gestiegene Lebenserwartung, dass Freiheit und Sicherheit keineswegs Gegensätze sind, sondern einander gegenseitig voraussetzen und stärken. „Schon allein deshalb sollte man allen Politikern und Vertretern von Sicherheitsorganen, die Freiheitsrechte zugunsten von angeblich größerer Sicherheit einzuschränken beabsichtigen, entschiedenen Widerstand entgegensetzen.“

Frühere Generationen dagegen mussten vielfältige existenzielle Bedrohungen aushalten und unter äußerst geringen individuellen Freiheitsspielräumen leben. „Die Etablierung von Rechtsstaaten mit demokratischen und freiheitlichen Verfassungen war (...) weder ein historischer Zufall noch eine historische Zwangsläufigkeit, sondern ein mühevoll und unter großen Opfern erkämpfter und immer fragiler Zustand.

Der Rechtsstaat - ein Garant gegen prekäre Lebensverhältnisse

Man muss sich diese Hintergründe vergegenwärtigen, um zu erkennen, dass das Maß an Autonomie, Freiheit und Sicherheit, das die Mitglieder moderner demokratischer Rechtsstaaten genießen, historisch nicht nur einzigartig, sondern auch geradezu unwahrscheinlich ist. Von den 200.000 Jahren Geschichte des homo sapiens sind es, die athenische Demokratie eingerechnet, insgesamt bloß 400 bis 500 Jahre, in denen Demokratien geherrscht haben, und auch das jeweils nur in einem kleinen Teil der Welt.“

„Vielleicht kann man sich daran die Kostbarkeit des zivilisatorischen Standards klar machen, den wir in der Gegenwart genießen, bei all den gravierenden Mängeln, die die heutigen Gesellschaften westlichen Zuschnitts immer noch haben. Und dieser Standard bedeutet eben die individuelle Erwartbarkeit von Ausbildung, sozialer Sicherheit, Rechtssicherheit, körperlicher Unversehrtheit und Unverletzlichkeit von Person und Eigentum – solche Güter stehen in Verfassungen, weil sie nicht selbstverständlich sind.“

Autonomie und Freiheit sind Welzer zufolge daher zivilisatorische Errungenschaften, „die niemals sicher sind. Was gegenwärtig durch die allgegenwärtigen Datensammlungen und Überwachungstechnologien geschieht, ist eine radikale Infragestellung unserer Autonomie und damit eine antidemokratische, ja, antizivilisatorische Entwicklung. Was man dafür angeboten bekommt, ist ein bisschen Bequemlichkeit, als hätte es gerade daran bislang in den reichen Gesellschaften gefehlt.“
 
Wer hat die Kontrolle über mich? 

Diese Dimension des Antizivilisatorischen der gegenwärtigen Entwicklung sei von den politischen Eliten noch gar nicht begriffen: „Was sich hier als Umformatierung unserer Sozialverhältnisse, als Verschwinden des Privaten herausbildet, führt zur vollständigen Schutzlosigkeit des Individuums. Mit seiner Autonomie verliert es die Kontrolle über sich selbst. Die haben dann andere.“


Zitate aus: Harald Welzer: Autonomie gefordert! Über ein schwieriges Konzept der Demokratie Von Harald Welzer, SWR2 Wissen/Aula, Sendung vom 01. Mai 2017

Donnerstag, 8. Februar 2018

Harald Welzer und die Autonomie - Teil 3


Harald Welzer ist seit 2012 Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. In einem Beitrag für den Südwestfunk erläutert Welzer Geschichte und Gegenwart der Kategorie "Autonomie".



Datenhungrig: NSA
Heutzutage sind es vor allem sehr mächtige und sehr datenhungrige Konzerne und Geheimdienste, allen voran die amerikanische NSA, die buchstäblich alles sammeln, was Bürger durch ihre Kommunikationen, aber vor allem durch ihren Konsum, ihre sozialen Netzwerke und ihre Bewegung im Raum an Daten liefert.

Dabei trifft die propagandistische Rhetorik, dass es diesen Unter-nehmen dabei vor allem um die Erhöhung von Komfort, Klima- und Umweltschutz sowie Gesundheit ginge, auf „ein großes gesellschaftliches Bereitschaftspotential. Die Versprechen, dass das `Internet der Dinge´ Häuser energieeffizient und klimafreundlich oder die Armbänder und Uhren zur Überwachung von Körperfunktionen die Menschen gesünder machten, scheinen ja zunächst freundlich und harmlos. Zumal sie mit einer Komfortsteigerung einhergehen und den Menschen allerlei lästige Alltagsdinge abnehmen.“

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: „Nest (...), ein Unternehmen, das Thermostate entwickelt und für 3,2 Milliarden Dollar von Google gekauft wurde, arbeitet intensiv an einem Smart Home, in dem die einzelnen technischen Elemente des Hauses miteinander kommunizieren, die Gewohnheiten der Bewohner `lernen´ und die Gerätefunktionen daran anpassen. Der Kühlschrank weiß dann, wann die Milch voraussichtlich verbraucht sein wird und gibt automatisch die Bestellung für neue auf, während Heizung und Klimaanlage die Informationen der Wettervorhersage mit den Anwesenheitszeiten der Hausbewohner und ihren Gesundheitsdaten verbinden und die Raumtemperatur entsprechend regulieren.

Mittlerweile greifen Smart Homes, Cars und Watches direkt auf die private Existenz zu ...
Google Now, ein Programm für Smartphones, überwacht den Aufenthaltsort der Bewohner permanent und übermittelt die Daten ans smarte Zuhause, das die Jalousien also länger geschlossen hält, wenn der Hausherr nach der Arbeit noch auf einen Sprung ins Bordell geht.

Vermeintlich dient der Aufwand vor allem dazu, Strom zu sparen. `Das sei,´ so ein Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, `schon das Ziel des Thermostats gewesen, das im Netz die Wettervorhersage kontrollieren und die Raumtemperatur nach den Außenbedingungen regeln kann. Mit der Vernetzung der Dinge reiche das 'Bewusstsein' des Temperaturreglers noch weiter. Nest arbeitet jetzt zum Beispiel mit Mercedes zusammen und lässt deren Autos direkt mit der Heizung kommunizieren. So kann der Wagen melden, dass man wegfährt, dass nicht mehr geheizt werden muss, und angeben, wann man sich dem Haus wieder nähert. Die Geräte sind so programmiert, dass sie aufzeichnen und auswerten, wer sie wie, wann und wo benutzt.´

Man könnte sagen: Nachdem sich über die vergangenen Jahrzehnte die Möglichkeiten der Überwachung der öffentlichen Existenz der Menschen mittels Kameras, Telefondaten, Kontobewegungen, Social Networks etc. stetig erweitert haben, greifen Smart Homes, Cars und Watches nun direkt auf die private Existenz zu.“

Auf der Beschreibungsebene kann man Welzer zufolge daher „von einer technisierten Erhöhung des Selbstzwangniveaus sprechen. Gerade da, wo der `Geist stark, aber das Fleisch schwach´ ist, wie etwa bei selbstschädigendem Konsum von Alkohol, unterstützt die digitale Kontrolle die Durchsetzung des Selbstzwangs. Ein besonders bemerkenswertes Moment dieser Erhöhung des Selbstzwangniveaus liegt in der begleitenden Veränderung von Sozialverhält-nisses, die als normal und erwartbar betrachtet werden: 

Wenn die meisten Menschen in Smart Homes leben, ihren Körperstatus kontrollieren und ihre Konsumbedürfnisse befriedigen lassen, bevor sie selbst wissen, dass sie sie schon haben – was ist dann mit denen, die das nicht machen? Gelten `Smartness´-Verweigerer als Klima- und Umweltfeinde und um ihre Gesundheit datenmäßig Unbekümmerte als asozial?“

Die verblüffende Bereitschaft, die Unterminierung des Privaten zuzulassen, „wird durch ein argumentatives Quartett befördert, das Komfort, Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz ins Feld führt und damit exakt die Bedürfnisse, die auf der Skala der Bewohnerinnen und Bewohner reicher Gesellschaften weit oben rangieren. Dabei nimmt das Maß an Fremdsteuerung zu und Autonomie im selben Umfang ab.“

Wiedergewinnung eigener
Urteilsfähigkeit ...
Diese vermeintliche Komforterhöhung durch Apps und Kontrollprogramme, die unablässig Daten liefern, entmündigen letztlich diejenigen, die sie so bereitwillig nutzen: „Die eigene Urteilsfähigkeit wird durch den Blick auf den Bildschirm ersetzt, Informationen werden nicht mehr gesucht und angeeignet, sondern geliefert, nichts Zufälliges widerfährt dem modern Vernetzten noch. Sogar sein Schlaf wird überwacht und das aufmerksame Tracking-Armband weckt den Träumenden genau in dem Moment, wo es das Programm für richtig hält.“


(Fortsetzung folgt) 

Zitate aus: Harald Welzer: Autonomie gefordert! Über ein schwieriges Konzept der Demokratie Von Harald Welzer, SWR2 Wissen/Aula, Sendung vom 01. Mai 2017