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Donnerstag, 28. September 2017

Ian Buruma, Avishai Margalit und der Hass auf den Westen (Teil 3)



Ein „Okzidentalist“ ist nicht etwa ein Anhänger des Westens und westlicher Ideen, sondern ihr schlimmster Feind. In diesem Sinne verwenden jedenfalls Ian Buruma, ehemalige Professor für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York und der israelische Philosoph Avishai Margalit den Begriff „Okzidentalismus“. Sie verstehen unter Okzidentalismus eine Ideologie des Hasses gegen den Okzident, gegen westliche Gesellschaftsstrukturen und Werte.




So wie die Materie in den Augen der radikalen Islamisten der Gott des Westens ist und der Materialismus seine Religion, so gilt der Osten als das Reich tiefer Spiritualität – zumindestens, wenn man ihn sich selbst überläßt und ihn vor dem Gift des Westens beschützt. Der Kampf zwischen Ost und West erscheint somit als ein manichäischer Kampf zwischen den götzendienerischen Anbetern irdischer Materie und den wahren Verehrern des göttlichen Geistes.

Einige islamische Glaubensideologen wie etwa Ali Shari’ati (1933 bis 1977), ein geistiger Wegbereiter des revolutionären Islam im Iran, versuchen sogar, marxistische Themen wie den Marktfetischismus für die islamistische Kritik am Westen fruchtbar zu machen. „Shari’ati sagte dem Westen und dem, was von den Ländern, die von ihm fasziniert waren, importiert wurde – Imperialismus, internationaler Zionismus, Kolonialismus, multinationale Unternehmen und so weiter–, viele Krankheiten nach; die schlimmste aber war gharbzadegi, das heißt, der westlichen Kultur blind und gedankenlos zu folgen.“ 

Ali Shari’ati
Shari’ati war überzeugt davon, daß es für die Menschen in der islamischen Hemisphäre nur einen Weg gibt, um die Übel des Westens zu bekämpfen: Herausbildung einer kulturellen Identität auf der Grundlage einer Religion, in seinem Fall natürlich des Islam. Die Verbindung von metaphysischer Erlösungs-gewissheit und Sehnsucht nach Einheit und Harmonie ein zutiefst romantisches Motiv. 

Von diesen Ideen zur Betrachtung des radikalen Islam als eine ikonoklastische Bewegung, die sich aufmacht, die westlichen Idole zu zerstören, ist nur noch ein kurzer Schritt. Als Beispiel für die gewalterfüllte Vorstellung von der neuen jahiliyya (eigentliche "Unwissenheit", meist mit "Barbarentum" übersetzt) mag der Aktivist der ägyptischen Muslimbruderschaft, Said Qutb (1906 – 1966) gelten. Für ihn befand sich die ganze Welt vom dekadenten Kairo bis zum barbarenhaften New York in einem Zustand der jahiliyya. 

In seinen Augen war der Westen ein einziges riesiges Bordell, erfüllt von animalischer Lust, Habgier und Selbstsucht. „Im Westen verleihe man dem menschlichen Denken `den Status eines Gottes´. Gier nach dem Materiellen, amoralisches Verhalten, Ungleichheit und politische Unterdrückung würden erst dann ein Ende haben, wenn die Welt allein von Gott und seinen Gesetzen regiert werde. Die Gelegenheit, in einem Heiligen Krieg zu sterben, biete den Menschen die Möglichkeit, eigensüchtige Ambitionen und korrupte Unterdrücker zu überwinden.“ 

Als Qutb 1948 vom ägyptischen Erziehungsministerium für zwei Jahre zum Studium in die USA geschickt wurde, um dort sein Englisch zu verbessern, ließ ihn diese Erfahrung zu einem echten Okzidentalisten werden. Vieles am amerikanischen Leben schockierte ihn, nicht nur im vergnügungssüchtigen New York, sondern auch im verschlafenen Greeley in Colorado, dessen gepflegte Rasenflächen ihn als „Symbole eines geistlosen Individualismus“ abstießen. Wahrhaftig erschütterte ihn jedoch die „frivole Art“, in der sich die örtlichen schwärzen Prediger mit Jazzrhythmen und ähnlichem an ihre Gemeinde wandten. 

Said Qutb
Gleich nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten begann Qutb, an einer islamistischen Ideologie zu arbeiten, die sich den großen Ideologien des Westens entgegenstellen ließ. Der große weltweite „Clash“ würde somit zwischen der Kultur des Islam, die im Dienste Gottes stand, und der Kultur der jahiliyya stattfinden, die allen körperlichen Bedürfnissen diente, welche die Menschen zu wilden Tieren degradierte. In der jahiliyya-Kultur seien Essen, Trinken, Sex und leibliche Genüsse das einzig Bedeutsame, also Dinge, die für Tiere typisch sind. Die jahiliyya gilt denn auch als Kultur der Tiere –schlimmer noch: jahiliyya gilt als die Kultur höchst anmaßender Tiere, die versuchen, Gott zu spielen. 

Ob nun Ali Shari’ati oder Said Qutb oder die vielen anderen islamistischen Theoretiker, die bis heute maßgeblichen Einfluss beisitzen - alle betrachten den Westen als Ausgangspunkt der neuen jahiliyya, als Brutstätte des Götzendienstes, als niedrigste Form des Daseins, die am besten vollständig vom Antlitz dieser Erde getilgt werden sollte. 

Qutb spricht diese Tatsache ganz deutlich aus: »Jede Gesellschaft, die nicht muslimisch ist, ist jahilitisch (…) de facto jede Gesellschaft, die etwas anderes als Gott und ihn allein anbetet.“ Für die radikalen Islamisten ist die ganze Welt nun Kriegsgebiet. Denn es gibt in ihren Augen kaum ein Land, in dem nicht weltliche Regime die Souveränität Gottes an sich gerissen haben. 

Will man diese göttliche Souveränität über die Welt wieder herstellen, muß ein Staat vollständig nach religiösem Recht regiert werden. „Das Ziel des Heiligen Krieges, des jihad, kann nach Qutbs Worten also nur darin bestehen, »das göttliche Recht als einzige Autorität anzuerkennen und die von Menschen erlassenen Gesetze abzuschaffen«. 

Diese Kriegserklärung ist dabei nicht nur metaphorisch zu verstehen, denn `all dies kann nicht allein durch Predigten und Reden erreicht werden´.“ Die Anschläge radikaler Islamisten in New York, Paris, London und zuletzt Barcelona sind jedenfalls ein grausames Zeugnis von Theorie und Praxis des Okzidentalismus. 




Zitate aus: Ian Buruma /Avishai Margalit: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, München 2015 


Donnerstag, 21. September 2017

Ian Buruma, Avishai Margalit und der Hass auf den Westen (Teil 2)


Fortsetzung vom 14.09.2017


Ein „Okzidentalist“ ist nicht etwa ein Anhänger des Westens und westlicher Ideen, sondern ihr schlimmster Feind. In diesem Sinne verwenden jedenfalls Ian Buruma, ehemalige Professor für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York und der israelische Philosoph Avishai Margalit den Begriff „Okzidentalismus“. Sie verstehen unter Okzidentalismus eine Ideologie des Hasses gegen den Okzident, gegen westliche Gesellschaftsstrukturen und Werte. 

Dem Westen wurde der Krieg in vielfältigem erklärt, im Namen der deutschen Rasse, des Staatsshintoismus, der russischen Seele, des Kommunismus oder zuletzt des Islam. Während nun diejenigen, die für eine spezifische Nation oder Rasse kämpfen Außenseiter von ihrem Kampf ausschließen, weil sie sich für auserwählt halten, erheben diejenigen, die für religiöse oder politische Überzeugungen in die Schlacht ziehen, oftmals den Anspruch, universelle Heilsbringer zu sein. 

Auch wenn die Trennlinien in der Praxis natürlich nicht so eindeutig verlaufen, lohnt es sich, zwischen einem religiösen und einem säkularen Okzidentalismus zu unterscheiden. 

Denn der religiöse Okzidentalismus gibt sich stärker als die weltliche Variante manichäisch, d.h. er geht von einem radikalen Dualismus von Licht und Finsternis, von Gut und Böse, von Geist und Materie aus. Er spricht deshalb konsequenterweise stets von einem Heiligen Krieg gegen die Feinde im Okzident, die schlicht der Vorstellung vom absoluten Bösen entsprechen.

In den meisten Spielarten des Okzidentalismus wird zwar dem leeren westlichen Rationalismus ein „tiefer Geist“ der Rasse oder Glaubensgemeinschaft gegenübergestellt. Aber auch die glühensten Anhänger der Romantik oder der Slawophilie betrachteten den Westen niemals als barbarisch oder seine Bewohner als Wilde. Diese Einstellung findet sich allein in bestimmten Strömungen des Islamismus, der wichtigsten religiösen Quelle für den Okzidentalismus unserer Gegenwart.

Der Islamismus als Ideologie stand nur zu einem geringen Teil unter dem Einfluß westlicher Ideen. Seine Darstellung der westlichen Zivilisation als einer Form von götzendienerischer Barbarei ist ein durchaus eigenständiger Beitrag zur reichhaltigen Geschichte des Okzidentalismus. Die Sicht des Westens im Islam geht weit über das traditionelle Vorurteil hinaus, der Westen sei dem Geld und der Habgier verfallen. Der Vorwurf lautet auf „Götzendienst“, auf „Idolatrie“, also der schlimmsten möglichen Glaubenssünde, und diesem Götzendienst muss daher mit aller Macht und mit allen denkbaren Sanktionsmöglichkeiten, die den wahren Gläubigen zur Verfügung stehen, begegnet werden. 

Im Visier der Islamisten: Götzendienst
 - die schlimmste Glaubenssünde
Kurioserweise - darauf deuten die Buruma und Margalit explizit hin, „damit nicht der Eindruck entsteht, wir wollten den Islam für alles verantwortlich machen“ - , stammt die Vorstellung des Götzendiesntes aus der schlimmsten religiösen Sünde ursprünglich aus dem Judentum.

Schon damals zeigte sich also die wahnhafte Vorstellung von Großmächten – damals „die Hure Babylon“, heute einfach „der Westen“ - als potentiellen Verführern, die dem wahren Gott die Herrschaft streitig machen wollen, denn schließlich ist der eigene Gott immer und notwendig der einzige legitime König des Universums.

Der Götzendienst, so Buruma und Margalit weiter, wird immer dann zu einem Thema, wenn eine weltliche Macht eine politische Loyalität einfordert, die der Loyalität den Rang streitig macht, die man Gott schuldigt. Islamisten betrachten die politische Realität unserer Zeit nicht nur unter politischen, sondern vornehmlich unter theologischen Gesichtspunkten. 

Vor allem die säkularen Regierungen in mehrheitlich muslimischen Ländern werden von radikalen Islamisten des Götzendienstes beschuldigt. Solche Vorwürfe werden zunächst in Glaubenspredigten formuliert, dann aber sehr schnell in einen politischen und terroristischen Aktivismus übersetzt, der sich gegen die Götzendiener in der muslimischen Welt richtet, in der Regel also gegen die Regierenden, sowie gegen die dahinterstehenden eigentlichen Kräfte, nämlich den götzendienerischen Westen.

Der muslimische Begriff für den Götzendienst lautet jahiliyya. In der traditionellen islamischen Koranexegese wird betont, dass der Begriff „Götzendienst“ ein Antonym zu "Wissen" darstellt, und entsprechend jahiliyya als "Unwissenheit" interpretiert. Somit würde mit dem Begriff jemand beschrieben, der weder den einzigen Gott als Schöpfer noch den Propheten Mohammed noch das religiöse Gesetz anerkannt hat und hat somit kein Wissen über religiöse Normen des Islams.

Der Begründer der modernen europäischen Islamwissenschaft, der Österreicher Isaak Yehuda Goldziher  (1850–1922) jedoch übersetzte jahiliyya nicht mehr wie gewohnt als Unwissenheit, sondern bevorzugte den Begriff der »Barbarei«. Goldziher wollte damit auch sprachlich deutlich machen, Mohammed sei von Gott geschickt worden, um die Götzendienerei der Barbaren mit Stumpf und Stiel auszurotten und damit der Barbarei ein Ende zu machen. 

Isaak Yehuda Goldziher
Diese Bedeutungskorrektur wurde schließlich in den arabischen Ländern rezipiert und wird heute gern von radikalen Islamisten – freilich vollkommen unreflektiert – verwendet. Die Verwendung des Begriffes „Barbar“ erinnert an die Unterscheidung zwischen „Griechen“ und Barbaren, die letztlich Unterscheidung zwischen zwei Arten menschlicher Wesen verteidigt. Unwissende resp. Barbaren sind dann diejenigen die jenseits des Einflussbereiches der eigenen Zivilisation lebten, also unzivilisierte Wilde und somit nicht wirklich Menschen.

Aus dieser Vorstellung der Menschen als Barbaren speist sich eine entmenschlichende Vorstellung des Westens, die in letzter Konsequenz befördert einen neuen Heiligen Krieg gegen das Böse befördert, der in den absoluten Kategorien des Manichäismus von Gut (=der Islam) und Böse (=der Westen) ausgefochten wird.

In den Augen der Okzidentalisten verehrt der Westen materielle Dinge, ja seine eigentliche Religion ist der Materialismus, und Materie ist nach manichäischer Überzeugung böse. Da nun der Westen den falschen Gott des Materiellen anbetet, wird er zum Reich des Bösen, das sein Gift verbreitet. Für den religiösen Okzidentalismus ist die Auseinandersetzung mit dem Westen nicht einfach ein politischer Kampf, sondern ein kosmisches Drama, ganz ähnlich dem Drama des Manichäismus.

So wie die Materie in den Augen der radikalen Islamisten der Gott des Westens ist und der Materialismus seine Religion, so gilt der Osten als das Reich tiefer Spiritualität – zumindestens, wenn man ihn sich selbst überläßt und ihn vor dem Gift des Westens beschützt. Der Kampf zwischen Ost und West erscheint somit als ein manichäischer Kampf zwischen den götzendienerischen Anbetern irdischer Materie und den wahren Verehrern des göttlichen Geistes.

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Ian Buruma /Avishai Margalit: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, München 2015


Donnerstag, 14. September 2017

Ian Buruma, Avishai Margalit und der Hass auf den Westen (Teil 1)

Ein „Okzidentalist“ ist nicht etwa ein Anhänger des Westens und westlicher Ideen, sondern ihr schlimmster Feind. In diesem Sinne verwenden jedenfalls Ian Buruma, ehemalige Professor für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York und der israelische Philosoph Avishai Margalit den Begriff „Okzidentalismus“. 

Ian Buruma
Sie verstehen unter Okzidentalismus eine Ideologie des Hasses gegen den Okzident, gegen westliche Gesellschaftsstrukturen und Werte. Okzidentalis-mus darf jedoch nach Meinung von Buruma und Margalit in naiver Vereinfachung mit Antiamerikanismus gleichgesetzt werden. Das Phänomen des Hasses auf den Westen findet sich nämlich gleichermaßen in der deutschen Romantik wie in der westlichen konservativen Kulturkritik, im Japanischen Kaiserreich wie in der Rhetorik der Nationalsozialisten, bei der antiimperialistischen Linken ebenso wie bei Islamisten.

Dem kritischen Lesen mag manche These in Ian Burumas und Avishai Margalits Essay "Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde" gelegentlich überzogen vorkommen, dennoch sind ihre Ausführungen insgesamt überaus aufschlussreich, vor allem der Versuch, den aktuellen Islamismus in eine größere, historische Perspektive des "Hasses auf den Westen" zu stellen.

Buruma, und Margalit argumentieren an zentraler Stelle, dass der Islamismus in seinem Hass auf den Westen - und damit die Feindseligkeit gegen Rationalismus, gegen den angeblichen Krämergeist, die Wurzellosigkeit der Stadt, gegen die Seelenlosigkeit des Agnostikers sich in bunter Gesellschaft befindet, mit historischen Erweckungsbewegungen ebenso wie mit der deutschen Romantik, mit japanischen Antiwestlern und slawophilen Volkstümlern, mit Maos Bauernkommunismus und auch mit gewissen Spielarten aktueller linker Globalisierungskritik

"Der Islam wird die Welt beherrschen." - "Die Freiheit kann zur Hölle fahren."
"Die Sharia ist die wahre Lösung."

Der Angriff auf den Westen, so Buruma und Margalit ist unter anderem ein Angriff auf den Geist des Westens. „Dieser Geist des Westens wird von den Okzidentalisten häufig als eine Art höherer Idiotie dargestellt. Mit dem Geist des Westens ausgestattet zu sein heißt, ein dummer Gelehrter zu sein, der geistig zurückgeblieben ist, aber eine besondere Begabung für arithmetische Berechnungen besitzt. Dieser Geist ist seelenlos, effizient wie eine Rechenmaschine, aber ein hoffnungsloser Fall, wenn es darum geht, menschlich wichtige Dinge zu tun.“

Natürlich – und das gestehen selbst die Gegner des Westens ein – könne der Geist des Westens große ökonomische Erfolge erringen, fortgeschrittene Technologien entwickeln und verbreiten, doch die höheren Dinge des Lebens blieben ihm verschlossen, denn ihm fehlten intuitives Denken und damit letztlich Spiritualität.

Daß intuitives Denken dem abwägenden und diskursiven Denken überlegen sei, ist eine Vorstellung, die wir der Romantik zu verdanken haben. In der Zuordnung von Verstand und Seele stünde die Seele demnach für nichtdiskursives Denken, der Verstand für diskursives Denken. Lege man zu große Betonung auf den Verstand, so verringert sich die Rolle des intuitiven und nichtdiskursiven Denkens.

Der Geist des Westens sei in den Augen der Okzidentalisten – nicht nur der Romantiker – aber nun ein beschränkter Geist, mit dessen Hilfe man vielleicht den besten Weg findet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, der jedoch völlig unbrauchbar ist, wenn man den richtigen Weg finden will – letztlich das Ziel aller religiösen und utopischen Geister – den Weg zum Heil.

Der Rationalitätsanspruch des Geistes und seiner Vernunft sei ohnehin nur die halbe Wahrheit – und zwar die wertlosere Hälfte. „Wenn mit Rationalität die instrumentelle Vernunft gemeint ist, welche die Mittel dem jeweiligen Zweck anpaßt, und zwar im Unterschied zur Wertrationalität, mit deren Hilfe man sich für den richtigen Zweck entscheidet, dann verfügt der Westen über jede Menge von ersterer und kaum etwas von letzterer. Der westliche Mensch ist demzufolge ein hyperaktiver, stets geschäftiger Körper, der immer nur die richtigen Mittel für den falschen Zweck findet.“

Schon Isaiah Berlin betrachtete die Romantik als Teil der Gegenaufklärung. Insbesondere bei Martin Heidegger ließe sich dieser „Kurzschluss zwischen Romantik und Politik" sehr gut beobachten, nämlich „die Machtergreifung der subjektiven Einbildungskraft zuerst auf geistigem Gebiet und dann in der Politik." Isaiah empfiehlt daher, dass „der Dionysiker erst ausnüchtern sollte, ehe er politischen Boden betritt.“.

Waren die Denker der Aufklärung der optimistischen Ansicht, die Menschheitsgeschichte stelle ein lineares Fortschreiten in Richtung einer glücklicheren, vernünftigeren Welt dar, griff das romantische Denken auf uralte religiöse Vorstellungen wie Unschuld, Fall und Erlösung zurück. Der Romantiker hat stets das Gefühl, er sei tief gefallen und befinde sich ganz unten, von wo aus er den Blick nach oben richtet in der Hoffnung auf Erlösung. Dieser Fall ist gekennzeichnet durch „völlige Fragmentierung“ und durch eine dreifache Entfremdung: vom eigenen wahren Ich, von den Mitmenschen und von der Natur bzw. vom wahren Gott.

Für die Romantiker liegen die Hauptgründe für diese Fragmentierung in der Arbeitsteilung und im Wettbewerb der Märkte. Ihr Szenario einer metaphysischen Erlösung soll daher vor allem die Sehnsucht nach Einheit und Harmonie stillen. Der Romantiker ist allerdings freilich alles andere als ein Optimist. Es gibt keine Garantie, daß man die Entfremdung jemals wird überwinden können, und der nichtbürgerliche Romantiker ist somit für immer vom ständigen Streben nach der verlorenen Einheit getrieben.

Das ließe sich jedoch ertragen, denn für den Romantiker stehen die Suche und das Streben an erster Stelle, ganz gleich ob das Ziel jemals erreicht wird - selbst wenn man sich selbst und andere in die Lust sprengt ...

Da gemäß dem romantischen Denkmuster die Unschuld vor dem Fall kommt, neigt romantische Politik dazu, von nostalgischen Empfindungen durchdrungen zu sein. Ob das mittelalterliche Europa, das frühe Christentum, die Hochzeiten des russischen Mönchtums, das alte Japan oder das islamische Kalifat in Al-Andalus – das alles dient als Modell für das Bemühen, die verlorene Harmonie der Vergangenheit, die "Einheit" wiederherzustellen.

Interessanterweise entspricht das Vokabular der Romantik in vielen Fällen dem des Okzidentalismus: Im Hinblick auf den den Geist ist »organisch« beispielsweise ein positiv und »mechanisch« ein negativ konnotiertes Wort. Der organische Geist versetzt das Individuum in die Lage, eins zu sein mit sich, mit anderen und mit der Natur bzw. mit Gott.

Kirejewski (1806 - 1856)
Auch Iwan Wassiljewitsch Kirejewski, einer der wichtigsten slawophilen Theoretiker und wesentlich durch die Romantik beeinflusst, machte sowohl den Rationalismus als auch die Vernünftigkeit als verwerfliche Elemente des westlichen Geistes aus. 

Aristoteles, so Kirejewskij, sei dafür verantwortlich, daß sich der Geist des Westens nach dem unabänderlichen Muster der Vernünftigkeit geformt habe. Glücklicherweise jedoch sei es ihm nicht gelungen, diese Vorstellung seinem berühmtesten Schüler zu vermitteln, nämlich Alexander dem Großen, der gerade deswegen Größe bewiesen habe, weil er nach Ruhm gestrebt habe und nicht nach dem eher belanglosen Ideal, vernünftig zu sein. 

Vernünftigkeit, so Kirejewskij, sei nichts anderes als das „Streben nach dem Besseren innerhalb des engen Zirkels des Gewöhnlichen“. Vernünftigkeit sei ängstliche Klugheit, ein Aufruf zu ausgeprägter Mittelmäßigkeit, sie gründe auf banaler, konventioneller Weisheit, dem Gegenteil wahrer Weisheit. Man habe Angst, originell und ursprünglich zu sein, um nicht als Extremist zu gelten, das Schlimmste, was einem im feigen Westen passieren könne. 

Vernünftigkeit ist somit gleichsam die Kurzformel für den nicht-heroischen Geist, sondern auch von antiliberalen Denkern die schon immer den Händler verachteten, aber den Helden verehrten.

Vernünftig zu sein bedeutet für die meisten - vernünftigen - Menschen Klugheit, Beständigkeit und ein gewisses Maß an Voraussicht. Dazu gehört überdies die Bereitschaft, auf die Vernunft zu hören und aus eindeutigen, nachvollziehbaren Gründen zu handeln. In diesem Sinne ist vernünftig gleichbedeutend mit rational.

Kirejewskij – wie auch andere Okzidentalisten nach ihm – betrachtete Klugheit dagegen als Ängstlichkeit, Beständigkeit als Langeweile und Voraussicht als Streben nach einem uninspirierenden, wohlbehüteten Leben. All das fand Kirejewskij bei Aristoteles – denn Aristoteles nahm allgemein verbreitete Überzeugungen und den gesunden Menschenverstand in der Tat ernst. 

Der Hauptvorwurf jedoch, den Iwan Kirejewskij und andere gegen den Geist des Westens erhoben, ist demnach sein übertriebener Rationalismus. Für Kirejewskij sind das Gefühl, die Erinnerung, die Wahrnehmung, die Sprache und so weiter jedoch mindestens genauso wichtig.

Nun ist Rationalismus landläufig die Überzeugung, einzig und allein die Vernunft könne die Welt verständlich machen. Das hängt mit der Vorstellung zusammen, die Wissenschaft sei die einzige Quelle, um Naturphänomene wirklich zu verstehen. Andere Erkenntnisformen, und hier vor allem die Religion, werden von Rationalisten als potentieller Aberglauben abgetan – zumindest dann, wenn es um die beweisbare Erklärung von Naturphänomenen geht.


Neben dem naturwissenschaftlichen Rationalismus gibt es noch den politischen Rationalismus, der behauptet, die Gesellschaft lasse sich – im besten Fall - demokratisch organisieren und die aktuellen menschlichen Probleme durch Herstellung eines gemeinsamen Konsens lösen, mit Hilfe eines eben rationalen Entwurfs, der bestimmt ist von allgemeinen und universellen moralischen und logischen Prinzipien.

In den Augen der Okzidentalisten hat sich der arrogante Westen aber gerade hier der Sünde des Rationalismus schuldig gemacht, also der Anmaßung zu glauben, mittels der Vernunft könne der Mensch alles wissen und erkennen, was es auf dieser Welt zu wissen und zu erkennen gibt.

So lässt sich der Okzidentalismus verstehen als Ausdruck eines verbitterten Unmuts gegenüber der offenen Demonstration westlicher Überlegenheit, die auf der vermeintlichen Überlegenheit der Vernunft beruht. Heute lässt sich der Hass auf die „Ausbreitung des szientistischen Glaubens“, also des Vertrauens in die Wissenschaft als einzigem Weg der Erkenntnis, hervorragend am Beispiel revolutionärer Islamisten erkennen.

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Ian Buruma /Avishai Margalit: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, München 2015