Posts mit dem Label Recht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Recht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 20. Januar 2022

Eamonn Butler und der klassische Liberalismus (Teil 2)


Fortsetzung vom 13. Januar 2022

„Klassisch Liberale sind überzeugt, dass jeder Mensch sein Leben so gestalten können sollte, wie er oder sie es selber wünscht, mit möglichst geringen Einschränkungen durch andere Individuen oder Autoritäten. Sie akzeptieren die Tatsache, dass Freiheit niemals absolut sein kann, da die Freiheit des einen mit der des anderen in Konflikt geraten kann, so wie wir alle Bewegungsfreiheit haben, uns jedoch nicht alle zur selben Zeit auf den gleichen Punkt zubewegen können. Niemand hat die Freiheit, andere zu berauben, zu bedrohen, zu etwas zu zwingen, anzugreifen oder umzubringen, weil dadurch deren Freiheit verletzt würde.“ 

Eamonn Butler, Mitbegründer und Direktor des Adam Smith Institute in London, zufolge lässt sich klassischer Liberalismus am ehesten darüber definieren, welchen Stellenwert er der individuellen Freiheit beimisst, denn mit Blick auf das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Leben streben klassische Liberale danach, die Freiheit des Individuums zu vergrößern.

Nach Butler lassen sich die Grenzen der individuellen Freiheit, oder die Grenzen für die Handlungen von Individuen oder Regierungen nicht eindeutig bestimmen. Auch die Vertreter des klassischen Liberalismus sind sich hier nicht immer einig. Aber sie stimmen im Großen und Ganzen überein, dass jede Antwort die individuelle Freiheit vergrößern sollte und dass jeder, der sie einschränken möchte, dafür sehr gute Gründe vorbringen muss. Buttler schlägt daher zehn Prinzipien vor, denen alle klassisch Liberalen zustimmen können.

Beschränkte und repräsentative Regierung  -  „Klassisch Liberale gestehen zu, dass ein gewisses Maß an Gewalt notwendig sein mag, um uns daran zu hindern, andere zu schädigen, und sie stimmen zu, dass nur die Autoritäten über diese Gewalt verfügen sollten. Dennoch ist ihnen natürlich klar, dass Gewalt nicht durch irgendeinen neutralen Staat ausgeübt wird, sondern durch Menschen, die genauso unvollkommen sind wie wir alle. Sie wissen, dass Macht die Tendenz hat zu korrumpieren und dass Politiker häufig das öffentliche Interesse anführen, um Maßnahmen durchzusetzen, die eigentlich ihren eigenen Interessen entsprechen.“

John Locke (1632–1704)

Schon die Vertreter der Gesellschaftsvertragstheorie wie der englische Philosoph John Locke (1632–1704) argumentieren, „dass die Regierungsgewalt von den Individuen kommt und nicht etwa umgekehrt. Menschen übertragen einen Teil ihrer Freiheit der Regierung, damit sich ihre Gesamtfreiheit vergrößert. Deshalb dürfen Regierungen rechtmäßig keine Gewalt besitzen jenseits der Gewalt, die Individuen selber haben; ja, der gesamte Zweck einer Regierung ist es, Freiheitsräume zu vergrößern, und nicht, sie einzuschränken.“

Dies brachte den amerikanischen Denker Thomas Paine (1737–1809) zu der These, dass es das gute Recht eines jeden Bürgers, eine Regierung zu stürzen, die dieses Vertrauen bricht. Doch Revolutionen sind nur die letzte Lösung. 

Klassisch Liberale glauben, „dass eine repräsentative Demokratie, gebunden durch eine Verfassung, das beste Mittel ist, das wir bisher kennen, um unsere Gesetzgeber dem Volk gegenüber zur Rechenschaft ziehen zu können. Bei Wahlen geht es nicht so sehr darum, gute Anführer auszuwählen, sondern darum, schlechte loszuwerden.“

Dennoch hat Demokratie Grenzen: „Sie mag ein gutes Mittel sein, um bestimmte Entscheidungen zu treffen, doch derer gibt es nicht viele; in der Regel ist es angemessener, Individuen eigene Entscheidungen fällen zu lassen.“

Die Herrschaft des Rechts  -  „Ein weiteres Prinzip, das Macht beschränkt und der Gesellschaft Sicherheit ermöglicht, ist die Herrschaft des Rechts. Es handelt sich dabei um die Idee, dass sich Herrschaft aufgrund bekannter Gesetze konstituiert und nicht aufgrund willkürlicher Entscheidungen von Regierungsbeamten.“ Der der amerikanische Politiker John Adams (1735–1826) sprach daher lieber von einer „Regierung des Rechts“ und nicht von einer „Regierung der Menschen».

"Herrschaft des Rechts" statt "Herrschaft der Menschen"

Klassisch Liberale bestehen darauf, „dass Recht für alle gleichermaßen Geltung haben muss, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Rasse, ihrer Religion, ihrer Sprache, ihrer Familie oder einer anderen irrelevanten Eigenschaft. Es sollte für Regierungsbeamte ebenso gelten wie für einfache Bürger. Keiner darf über dem Gesetz stehen.“

Damit die Herrschaft des Rechts aufrechterhalten werden kann, bedarf es eines Justizsystems mit unabhängigen Gerichten, das nicht durch einzelne Individuen oder die Regierung manipuliert werden kann. „Es muss grundlegende Prinzipien der Rechtsprechung und -durchsetzung geben wie beispielsweise „Habeas-Corpus-Garantien“, Schöffengerichte und ordentliche Gerichtsverfahren, um die Machthaber daran zu hindern, das Recht für ihre eigenen Interessen zu nutzen.“

Die Herrschaft des Rechts sorgt zudem für Vorhersehbarkeit, weil sie den Bürgern ermöglicht, vorauszusehen, wie sich Menschen – insbesondere Regierungsbeamte - wohl verhalten oder nicht verhalten werden. Deshalb können wir langfristige Planungen vornehmen, ohne fürchten zu müssen, dass sie durch die Launen anderer zerstört werden.

Spontane Ordnung  -  „Man könnte meinen, dass eine große und komplexe Gesell-schaft eine große und mächtige Regierung brauche, um sie zu organisieren, doch klassisch Liberale bezweifeln das. Sie sind überzeugt, dass Regierungen nicht die Grundlage gesellschaftlichen Miteinanders sind. Die komplexen, gesellschaftlichen Institutionen, die wir um uns herum wahrnehmen, sind größtenteils ungeplant. Sie sind das Ergebnis menschlichen Handelns und nicht menschlichen Entwurfs.“

Es bedurfte bespielsweise keiner zentralen Autorität und keines bewussten Planens, „um Sprache hervorzubringen, unsere Gebräuche und Kultur oder den Markt für Güter und Dienstleistungen. Diese Institutionen wachsen und entwickeln sich aus unzähligen Beziehungen und dem Austausch zwischen freien Menschen. Wenn sie sich über die Jahrhunderte hinweg als nützlich und hilfreich erweisen, dann bleiben sie bestehen, wenn nicht, dann wandeln sie sich oder werden aufgegeben.“

Der österreichische Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek (1899–1992) nannte das Ergebnis „Spontane Ordnung“. „Spontane Ordnungen können außerordentlich komplex sein. Sie entstehen, indem einzelne Personen bestimmten Verhaltensregeln folgen, wie beispielweise den Regeln der Grammatik, wobei sie sich dessen oft gar nicht bewusst sind und die Regeln kaum beschreiben könnten. Es ist ein gewaltiger Irrtum, wenn Politiker und Beamte meinen, dass ein Einzelner solche komplexen Ordnungen verstehen, geschweige denn verbessern könne.

Eigentum, Handel und Märkte  -  „Klassisch Liberale glauben, dass Wohlstand nicht durch Regierungen erzeugt wird, sondern durch die wechselseitige Kooperation von Individuen in der Spontanen Ordnung des Marktes. Wohlstand entsteht dadurch, dass freie Individuen erfinden, erschaffen, sparen, investieren und schließlich Waren und Dienstleistungen freiwillig tauschen, wobei beide Seiten davon profitieren. Dies ist die Spontane Ordnung des freien Marktes. Diese wohlstandsfördernde, soziale Ordnung erwächst aus einer einfachen Regel: dem Respekt für Privateigentum und Verträge, was Spezialisierung und Handel ermöglicht.“

Für den klassischen Liberalismus sind Freiheit und Eigentum eng miteinander verbunden. Die Marktwirtschaft und der Wohlstand, den sie generieren, sind abhängig von der freien Bewegung von Menschen, Gütern, Dienstleistungen, Kapital und Ideen. Und die Existenz von privatem Wohlstand macht es Menschen leichter, der Ausbeutung einer übergriffigen Regierung zu widerstehen.

Wohlstand für alle!

„Klassisch Liberale lassen es nicht zu, dass Eigentum durch Gewalt erworben wird. Ja, das meiste Eigentum ist erschaffen: Getreide wird angebaut, Häuser werden gebaut, Innovationen werden entwickelt. Eigentum nutzt ganz offensichtlich dem Besitzer, aber darüber hinaus profitiert jeder davon, weil es breiteren Wohlstand ermöglicht.

Zivilgesellschaft  -  „Klassisch Liberale sind überzeugt, dass freiwillige Zusammen-schlüsse für die Bedürfnisse von Individuen hilfreicher sind als Regierungen. Während sie den Vorrang des Individuums betonen, erkennen sie dennoch an, dass wir nicht isolierte, atomistische und selbstbezogene Lebewesen sind. 

Im Gegenteil, wir sind soziale Lebewesen, die in Familien, Gruppen und Gemeinschaften leben, die unsere Wertevorstellungen beeinflussen. Vereine, Zusammenschlüsse, Gewerkschaften, Religionen, Schulen, Online-Communities, Kampagnen, Selbsthilfegruppen, Wohltätigkeitsorganisationen und all diese anderen Einrichtungen nennen wir Zivilgesellschaft.“

All diese Institutionen sind Formen, wie Menschen miteinander in Beziehung treten. Ihre Sicht auf die Welt, ihre Werte und Handlungen werden in diesen Gemeinschaften geformt. Und sie statten die Individuen aus mit einer Basis von gegenseitigem Verständnis, auf der Zusammenarbeit entstehen kann. Kooperation könnte tatsächlich nicht entstehen ohne die Freiheit, sich auf diese Weise zusammenzuschließen.

Kooperation entsteht nicht ohne die Freiheit, sich freiwillig  zusammenzuschließen

„Die Zivilgesellschaft kann auch als Puffer zwischen Individuen und Regierungen dienen. Wären wir wirklich alle isolierte Individuen, könnte unsere Freiheit mit Leichtigkeit durch eine despotische Regierung unterdrückt werden. Doch die komplexen, ineinander verwobenen Teile der Zivilgesellschaft zeigen nicht nur auf, dass es Alternativen zum Regierungshandeln geben kann, wie beispielsweise private Wohltätigkeitsorganisationen statt eines Wohlfahrtsstaates, sondern sie statten uns auch aus mit dem gemeinsamen Interesse und der gemeinsamen Stärke, die uns hilft, uns zu widersetzen.“

Gemeinsame menschliche Werte  -  „Klassisch Liberale wollen, dass die Menschheit weltweit so ausgestattet ist, dass für das Wohlergehen aller gesorgt ist. Sie halten die grundlegenden Prinzipien des Lebens, der Freiheit und des Eigentums unter dem Recht hoch. Aus ihrer Sicht sind dies die Grundlagen einer prosperierenden, spontanen Gesellschaftsordnung, die sich auf gegenseitigem Respekt, Toleranz, Nichtaggressivität, Zusammenarbeit und freiwilligem Austausch zwischen freien Menschen gründet.“

Im politischen Bereich sind Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, die Herrschaft des Rechts und Grenzen für die Befugnisse und das Handeln von Regierungen von fundamentaler Bedeutung, um diejenigen, die im Amt sind, daran zu hindern, zu viel Schaden anzurichten. Schließlich sind Regierende kein Stück besser als wir alle.

Der klassische Liberalismus weiß, dass eine gute Gesellschaft nicht ausschließlich auf menschlichem Wohlwollen beruhen kann, sondern vielmehr auf der friedfertigen Zusammenarbeit von unterschiedlichen Individuen mit eigenen Interessen. Darum stehen klassisch Liberale „auf der Seite der Freiheit und der Gleichheit vor dem Gesetz mit einem vertrauenswürdigen Justizsystem, das uns daran hindert, anderen zu schaden, ohne dass es versuchen würde, unser Leben zu lenken. 

In Bezug auf die Wirtschaft bevorzugen klassisch Liberale Freiheit von Produktion und Handel und die freie Bewegung von Menschen, Gütern und Kapital. Sie verteidigen das Privateigentum und versuchen, Besteuerung zu beschränken auf das, was nötig ist, damit der Staat Verteidigung und andere öffentliche Güter, die vom Markt nicht zur Verfügung gestellt werden, finanzieren kann.

Dies ist weit entfernt von dem populären Zerrbild eines klassischen Liberalismus als ein System des kleinen Laissez-faire-Nachtwächterstaats. Allein das Rechtswesen ist eine außerordentlich komplexe Institution, die großer und beständiger Bemühungen bedarf, um sie bewahren. Klassisch Liberale wissen, dass der Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum keine kleine Aufgabe ist.“

Zitate aus: Eamonn Butler: Was ist klassischer Liberalismus?, in: Liberales Institut, LI-Paper, Zürich Januar 2022

Weitere Literatur: Eamonn Butler: Wie wir wurden, was wir sind: Einführung in den Klassischen Liberalismus, München 2017 (FinanzBuch Verlag)

Donnerstag, 24. April 2014

Kritias und die Erfindung der Götter

„Die Idee des Fortschritts entspringt 
dem Phänomen des Fortschritts.“ 
Alexander Demandt


Prometheus
Die antiken Mythen lassen keinen Zweifel daran, dass der Mensch seine Kultur nicht immer besessen hatte. Der wohl berühmteste Kulturheros der Antike ist Prometheus. Er hatte den Menschen nicht nur selbst aus Lehm erschaffen, er gab ihm auch verschiedene positive und negative Eigenschaften der Tiere. Schließlich rief er die Göttin Athene und bat sie, dem Menschen ihren göttlichen Atem der Weisheit einzuhauchen. So wurde der Mensch schließlich lebendig.

Bei Aischylos rühmt sich Prometheus, neben dem Feuer auch noch weitere Kulturtechniken (griech. technē) zu den Menschen gebracht zu haben:

„Sie wohnten tief vergraben gleich den winzigen
Ameisen in der Höhlen sonnenlosem Raum;
Von keinem Merkmal wußten sie für Winters Nahn
Noch für den blumenduftgen Frühling, für den Herbst,
Den erntereichen; sonder Einsicht griffen sie
Alljedes Ding an, bis ich ihnen deutete
Der Sterne Aufgang und verhülltren Niedergang;
Die Zahlen, aller Wissenschaften trefflichste,
Der Schrift Gebrauch erfand ich und die Erinnerung,
Die sagenkundige Amme aller Musenkunst.
Dann spannt ins Zugjoch ich zum erstenmal den Ur,
Des Pfluges Sklaven; und damit dem Menschenleib
Die allzugroße Bürde abgenommen sei,
Schirrt ich das zügelstolze Roß dem Wagen vor,
Des mehr denn reichen Prunkes Kleinod und Gepräng.
Und auch das meerdurchfliegend lein'geflügelte
Fahrzeug des Schiffers ward von niemand ehr erbaut.
So mir zum Elend vieles Rates vielgewandt
Den Menschen, bin ich alles Rates bar und bloß,
Mir jetzt zu lösen dieser Qual schmachvolles Los.“

Neben den Göttern und Helden erscheint aber um das 5. Jahrhundert v. Chr. zunehmend auch der handelnde Mensch als der eigentliche Stifter der Zivilisation und Motor des Fortschritts.

Kritias
Die Ablösung der Götter wurde schließlich in der Sophistik vollendet. Nun wurden die Götter selbst als Erfindung der Menschen betrachtet. Das klassische Zeugnis dafür ist das große Fragment von Kritias – dem skrupellosen oligarchischen Führer, einem der dreißig Tyrannen und zudem Oheim Platons – aus seinem Theaterstück „Sisyphos“:

„Es gab einmal eine Zeit, da war das Leben der Menschen jeder Ordnung bar, ähnlich dem der Raubtiere, und es herrschte die rohe Gewalt. Damals wurden die Guten nicht belohnt und die Bösen nicht bestraft.

Und da scheinen mir die Menschen sich Gesetze als Zuchtmeister gegeben zu haben, auf dass das Recht in gleicher Weise über alle herrsche und den Frevel niederhalte. Wenn jemand ein Verbrechen beging, so wurde er nun gestraft.

Als so die Gesetze hinderten, dass man offen Gewalt verübte, und daher nur insgeheim gefrevelt wurde, da scheint mir zuerst ein schlauer und kluger Kopf die Furcht vor den Göttern für die Menschen erfunden zu haben, damit die Übertäter sich fürchteten, auch wenn sie insgeheim etwas Böses töten oder sagten oder (auch nur) dächten. –

Dike (Gerechtigkeit) bestraft Adikia (Ungerechtigkeit)
Er führte daher diesen Gottesglauben ein: Es gibt einen Gott, der ewig lebt, voll Kraft, der mit dem Geiste sieht und hört und übermenschliche Einsicht hat; der hat eine göttliche Natur und achtet auf dies alles. Der hört alles, was unter den Menschen gesprochen wird und alles, was sie tun, kann er sehen. Und wenn du schweigend etwas Schlimmes sinnst, so bleibt es doch den Göttern nicht verborgen. Denn sie besitzen eine übermenschliche Erkenntnis. –

Mit solchen Reden führte er die schlauste aller Lehren ein, indem er die Wahrheit mit trügerischem Worte verhüllte. Die Götter, sagte er, wohnen dort, wo es die Menschen am meisten erschrecken musste, von wo, wie er wusste, die Angst zu den Menschen herniederkommt wie auch der Segen für ihr armseliges Leben: aus der Höhe da droben, wo er die Blitze zucken sah und des Donners grausiges Krachen hörte, da, wo des Himmels gestirntes Gewölbe ist, das herrliche Kunstwerk der Zeit, der klugen Künstlerin, von wo der strahlende Ball des Tagesgestirns seinen Weg nimmt und feuchtes Nass zur Erde herniederströmt.

Mit Ängsten solcher Art schreckte er die Menschen und wies so passend und wohlbedacht der Gottheit an geziemender Stätte ihren Wohnsitz an und tilgte den ungesetzlichen Sinn durch die Gesetze.

So habe jemand zuerst die Menschen glauben gemacht, dass es ein Geschlecht von Göttern gibt.“ (Capelle, Kritias, 1 fr. 25)

Die eigentliche Bedeutung des Fragmentes aber liegt darin, dass sich in ihm allmählich ein historisches Bewusstsein manifestiert. Die Vermehrung und Verbesserung der menschlichen Errungenschaften wird immer deutlicher als historischer Prozess im Sinne eines Fortschrittes verstanden.

So ist es nach antikem Verständnis der Mensch, der – anders als die Tiere – sich selbst und sein Leben gestaltet und es von einem naturgebundenen Zustand allmählich auf das Niveau der kultivierten und zivilisierten Gegenwart gehoben hat.

(Paideia auf Google+)


Zitate aus: Alexander Demandt: Philosophie der Geschichte. Von der Antike zur Gegenwart, Köln 2011 (Böhlau Verlag)   -  ,Johann Gustav Droysen: Griechische Tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides, hier: Der gefesselte Prometheus, Stuttgart 1961 (Deutscher Bücherbund)   -   Wilhelm Capelle: Die Vorsokratiker, Stuttgart 2008 (Kröner)

Donnerstag, 16. Januar 2014

Aristophanes und die Komödie

In der Antike galt der Mensch als das einzige Wesen, das des Lachens fähig ist. Lachen und Gelächter wurden so als Ausdruck geistiger Freiheit mit Denken und Sprechen auf eine Stufe gestellt.

Aristophanes
Sicher zielte die Komödie nicht in dem Maße wie die Tragödie auf die Paideia, also auf die Besserung der Menschen, gleichwohl erlangte sie unter Aristophanes mit ihrem Eintritt in die öffentliche Arena der Politik ihre wahre Bestimmung: Die Komödie wird zum Sammelpunkt aller öffentlichen Kritik, sie erhebt ihre Stimme zu allen die Polis bewegenden Fragen. Es ist der von der Idee der Freiheit untrennbare Gedanke der Verantwortung, der hier zum Ausdruck kommt:

„Sie tadelt, wo es ihr richtig scheint, nicht nur den Einzelnen, nicht nur diese oder jene politische Handlung, sondern die gesamte Staatsführung oder den Charakter des Volkes und seine Schwächen. Sie kontrolliert den Geist und legt die Hand auf Erziehung, Philosophie, Dichtkunst und Musik. Zum ersten Mal werden dabei diese Mächte in ihrer Gesamtheit als der Ausdruck der Bildung eines Volkes und als Maßstäbe seiner inneren Gesundheit betrachtet“ (Jaeger, 458).

In der Komödie „Die Wespen“ (422 v.Chr. uraufgeführt) dreht sich alles um den unwürdigen Zustand des attischen Justizwesens. Seit der demokratischen Verfassung des Kleisthenes (Ende des 6. Jh.), lag das Gerichtswesen in der Hand des attischen Volkes. Jährlich wurden aus der gesamten Bürgerschaft sechstausend Richter durch das Los gewählt und dann auf die verschiedenen Gerichte verteilt.

Bis in die Zeit des Perikles hinein haben diese Volksrichter, die lediglich die Kenntnis der Solonischen Gesetze vorweisen mussten, ihre Aufgabe gut und gewissenhaft erfüllt. Erst als im Peleponnesischen Krieg das strenge Rechtsgefühl sich lockerte und gewissenlose Demagogen begannen ihre Intrigen zu spinnen, ließen sich auch die Richter in Parteikämpfe verstricken und zu politischen Machenschaften missbrauchen. Mehr und mehr gerieten die Richter in Abhängigkeit von den jeweiligen Machthabern, die sich ihrer bedienten, um unbequeme Gegner aus dem Weg zu räumen.

Das Oberste Gericht, die Heliaia (griechisch ἠλιαία), auf der Agora in Athen. Der Name spiegelt wider, dass das Gericht im Freien, also unter der Sonne (ἥλιος) tagte.

Führt in Einzelfällen eine Gerichtsverhandlung zum Freispruch des Angeklagten, dann wird dies als bedauerlicher Betriebsunfall interpretiert:

Wie werd ich die Gewissensbisse tragen?
Weh, freigesprochen hab ich einen! Oh!
Wie wird mir's gehn? Verzeiht mir, heil'ge Götter!
Unwissend tat ich's, meiner Art zuwider!

Die allgemeine Verarmung als Folge des Krieges hatte die Richter zudem für Bestechungen empfänglich gemacht. Betrug der Richtersold zu Perikles´ Zeiten eine Obole, wurde er nun unter Kleon auf drei Obolen angehoben. Da die meisten Männer mittleren Alters durch den Krieg beansprucht waren, bestand der größte Teil der Richter aus Greisen, die im Richtersold so etwas wie ihre Altersrente sahen.


Überhaupt: Uns Brot zu schaffen sind wir sehr erfinderisch,
Stechen jeden, wer es sei; werden dick und rund dabei

Aristophanes greift in den „Wespen“ nicht die Verfassung des Kleisthenes an, sondern die Zustände, die sich aus ihr entwickelten. Vor allem aber zieht er gegen Kleon, der durch seine Neuerungen aus der maßvollen Demokratie eine Ochlokratie („Pöbelherrschaft“) machte. Die Namen der Hauptpersonen in den „Wespen“ drücken den Angriff auf Kleon unmissverständlich aus:

Philokleon – der „Freund des Kleon“ – heißt der Greis, der sein Richteramt mit Zorn und Geifer ausübt. Er ist Kleon für die Erhöhung des Soldes dankbar, lässt sich aber dennoch von den Demagogen missbrauchen. Wie die Mehrheit seiner Amtskollegen ist er dem Beruf regelrecht verfallen, großtuerisch fällt er Urteile mit seinem Griffel, der von Aristophanes mit einem Wespenstachel gleichgesetzt wird:

„Die Rasse kennst du nicht, du Narr! Wenn man
Sie reizt, die Alten, sind sie wie die Wespen:
Sie haben einen Stachel, mördrisch scharf,
Am Steißbein, und sie stechen, kreischen, schwärmen,
Haun wild um sich und prasseln auf wie Funken!“

Bdelykleon – der „den Kleon verabscheut“ – ist der Sohn des Greises, ein Feind der Volksgerichte. Er hat sich oligarchischen Kreisen angeschlossen, ist von überlegener Klugheit und äußerst vornehm in seinen Umgangsformen.

Um seinen Vater von der „Gerichtssucht“ zu heilen, hat ihn sein Sohn kurzerhand in seinem eigenen Hause eingesperrt. Er beschwert sich beim Chor der Richter, Greise wie er, die dem Sohn Tyrannei vorwerfen:

Chor: Klar ist's ja, daß du hier den Tyrannen spielen willst!
Bdelykleon: Ja, das ist's! Bei euch ist alles Tyrannei, Gewalt, Komplott:
O das darf in keiner Klage fehlen, nicht der lumpigsten!
Und doch ward seit fünfzig Jahren nicht die Spur davon gesehn!

Bei der anschließenden Gerichtsverhandlung gelingt es Bdelykleon, den Chor der Richter davon zu überzeugen, dass sie in Wahrheit von den Mächtigen nur ausgenutzt werden. 


Denn arm sein sollst du und bleiben, das ist ihr Wille: Warum wohl?
An den Herren, der dich füttert und dressiert, sollst du dich gewöhnen, damit du,
Sobald auf den Feind er dich hetzt: "Faß! Faß!", wie ein Bullenbeißer ihn anpackst.

Aristophanes klagt darüber, dass die jetzige Generation der Alten nicht mehr stark genug ist, die Stabilität der Polis zu gewährleisten und so den Staat leichtfertig eitlen jungen Politikern ausliefere.

Die Beschwörung der alten Paideia ist gleichwohl keine Auforderung zur glorreichen Vergangenheit, die mit den Namen Marathon und Salamis verbunden ist. Aber das Gefühl, „vom reißenden Strom der Zeit fortgetragen zu werden und das wertvolle Alte entschwinden zu sehen, ehe man eines gleichwertigen Neuen sich versichert hatte, bricht in dieser Periode des Übergangs mächtig hervor und erfüllt die sehenden Geister mit Furcht“ (Jaeger, 471).

Theater im Dienst des Rechten

Bei Aristophanes wandelt sich somit die harmlos-gutmütige Kritik der alten Komödie zu einer scharfen Satire im Dienst des Richtigen und Rechten. Je größer die Not des Staates, desto wichtiger das Werk der Dichter:

Wenn sich ein Dichter bemüht,
Überraschendes, Neues zu schaffen für euch,
So behandelt ihn freundlich und haltet ihn wert,
Und bewahrt sie wohl auf, die poetische Frucht,
Und leget sie samt den Orangen hinein
In die Kisten und Kästen: befolgt ihr den Rat,
Dann riecht man - o Würze - jahraus und jahrein
An den Kleidern euch schon den Verstand an.



Zitate aus: Aristophanes: Die Wespen, in: Digitale Bibliothek Band 30: Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, entspricht: Aristophanes: Komödien in zwei Bänden. Übersetzt von Ludwig Seeger. Eingeleitet, bearbeitet und mit Anmerkungen versehen von Jürgen Werner. Weimar 1963 (Aufbau-Verlag) - Werner Jaeger: Paideia. Die Formung des griechischen Menschen, Berlin 1989 (de Gruyter) - Weitere Literatur: Renata von Scheliha: Die Komödien des Aristophanes: in sieben Vorträgen interpretiert. Amsterdam 1975 (Wallstein)

Sonntag, 1. April 2012

Sokrates und die Gesetze

Im Jahre 399 v.Chr. wurde Sokrates zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt. Die Anklage hatte ihm vorgeworfen, die Jugend zu verderben und den Göttern zu lästern. Bevor das Urteil vollstreckt wurde, besuchten viele seiner Freunde Sokrates im Gefängnis, unter ihnen auch Kriton. Dieser hatte bereits alle notwendigen Vorkehrungen für eine Flucht getroffen, die Gefängniswärter bestochen und versucht nun Sokrates zu überzeugen, aus dem Gefängnis zu fliehen.

Johann Gottfried Schadow - Sokrates im Kerker (um 1800)

Im Verlauf des Gespräches, das Platon in seinem Dialog „Kriton“ aufgezeichnet hat, trägt Kriton vier Gründe für eine Flucht vor:

  • Man würde in der Öffentlichkeit schlecht über die Freunde von Sokrates sprechen, wenn sie nicht versuchen würden, ihn zu retten.
  • Sokrates würde, wenn er sich dem Tod nicht durch Flucht entzöge, der Anklage und ihren ungerechten Vorwürfen Recht geben.
  • Sokrates verletze seine Fürsorgepflicht gegenüber seiner Familie, insbesondere gegenüber seinen Kindern.
  • Sokrates würde sich der Lächerlichkeit preisgeben, wenn er die Möglichkeit zur Flucht nicht wahrnähme, obwohl bereits alles arrangiert ist.

Zur allgemeinen Überraschung seiner Freunde weist Sokrates jedoch alle Argumente zurück und führt nun seinerseits die Gründe an, weshalb er im Gefängnis bleiben und auf den Tod warten möchte:

  • Eine Flucht käme für ihn einer Gesetzesverletzung gleich, denn schließlich ist jedes, so auch dieses Gerichtsurteil eine legale Rechtssache.
  • Er habe einen Vertrag mit der Stadt Athen und ihren Gesetzen geschlossen und sich verpflichtet, sie bedingungslos anzuerkennen, zu achten und zu schützen.
  • Es habe ihm frei gestanden, bereits zu einem früheren Zeitpunkt ins Exil zu gehen, ein Umstand, den er nicht wahrgenommen habe.
  • Eine Flucht würde negative Folgen haben, nicht nur für seine Familie und seine Freunde, sondern auch für Sokrates selbst, da er in der Fremde als Gesetzesverderber verachtet würde.
  • Eine Flucht würde bedeuten, dass seine Kinder der Heimat beraubt werden.
  • Eine Flucht würde sein ganzes bisheriges Leben, Denken und Lehren lächerlich erscheinen lassen oder machen.

Der Dialog „Kriton“ handelt vom Sinn und Zweck der Befolgung von Gesetzen. Rechtsphilosophisch bedeutsam ist der Hinweis, dass Sokrates nichts unternommen hat, die bestehenden Gesetze zu ändern, er hat sie akzeptiert und akzeptiert sie auch noch im Angesicht des Todes: „Wer nicht gehorcht, der tut Unrecht“, stellt Sokrates schlicht fest. Tatsächlich sieht er das Unrecht nicht in den Gesetzen begründet, sondern in den Menschen, die die Gesetze falsch anwenden, weil sie ihren Sinn und Geist nicht verstanden haben.

Sokrates bekräftigt mit seiner Haltung letztlich auch das antike Verständnis von Dike als der unumschränkten Herrschaft des Rechts. Mit dem Gesetz  gibt sich der Mensch eine strenge Fessel, der sich im Sinne der Isonomie alle unterwerfen müssen. So drückt sich der Staat „objektiv im Gesetz aus, das Gesetz wird König.“ (Jaeger, 152)

Klar ist, dass es Sokrates nicht um das Verhältnis zu seinen vollkommen unbedeutenden Anklägern geht, sondern um sein Verhältnis zu Recht und Gesetz. Sie zu verletzen ist für Sokrates schlimmer als zu sterben, weil er damit das gute und schöne Leben preisgäbe und letztlich seiner gesamten Lebensauffassung widerspräche.

Sokrates Grundanliegen war stets die Sorge um die menschliche Seele. Dies führt er Kriton und den anderen Freunden in diesem Musterbeispiel ethischer Argumentation nochmals vor Augen. Bei existentiellen Fragen ist es nötig, einen kritischen und prüfenden Diskurs zu führen, um herauszubekommen, welches „der beste Satz“, also das vernünftigste Argument in der betreffenden Angelegenheit ist. 

Sokrates (Louvre, Paris)
Das ist das sokratische Verständnis von Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung. Den „besten Satz“ ermittelt man ohne äußeren Druck, in gemeinschaftlichem Gespräch – dem sokratischen Dialog – und in gegenseitigem Austausch der Argumente einschließlich ihrer kritischen Prüfung.

Sokrates weist auf die Gefahr hin, dass man seine Meinung schnell ändert, wenn sich im Leben Widrigkeiten präsentieren, die die vorher akzeptierte Theorie gefährden. Wenn aber „der beste Satz“ gilt, weil er als richtig anerkannt wurde, dann gilt er unabhängig von allen Umständen in jeder Situation.

Das wahrhaft gute Leben ist eben nur möglich, wenn man grundsätzlich die Schädlichkeit und Schändlichkeit des unrechten Handelns erkannt hat und bereit ist, nach der eigenen als richtig erkannten Maxime zu handeln – auch wenn man diese Konsequenz mit dem eigenem Leben bezahlt.

In diesem Bewusstsein hatte Sokrates bereits am Ende seines Prozesses, unmittelbar nach der Verkündigung des Urteil selbstbewusst bemerkt: "Nun aber ist es Zeit fortzugehen, für mich um zu sterben, für euch um zu leben: Wer aber von uns dem besseren Los entgegengeht, das ist allen verborgen, außer Gott" (Platon: Apologie des Sokrates).

Zitate aus: Platon: Apologie des Sokrates - Kriton, beide in: Ges. Werke, Bd.1, Übers. Von F. Schleiermacher, Hamburg 1957 (Rowohlt

Weitere Literatur: Werner Jaeger: Paideia. Die Formung des griechischen Menschen, Berlin 1989 (de Gruyter) --- Christian Meier: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt am Main 1980 (Suhrkamp)