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Donnerstag, 14. November 2013

Hesiod und die Arbeit

Über das Leben von Hesiod gibt es kaum zuverlässige Informationen. Wir wissen lediglich, dass er etwa 700 v.Chr. vermutlich in Askra, einem armen Ort in Böotien geboren wurde.

Hesiods Werke sind neben der Ilias und Odyssee Homers die Hauptquelle der griechischen Mythologie. Hesiod gilt darüber hinaus als Begründer des didaktischen Epos. „Werke und Tage“ (Ἔργα καὶ ἡμέραι) ist solch ein episches Lehrgedicht.

Der Inhalt des Gedichts ist äußerst vielfältig: Erzählt wird zunächst der Mythos von Prometheus und der Büchse der Pandora. Der zweite Teil beschreibt die Abfolge der fünf aufeinanderfolgenden Weltzeitaltern (Goldenes, Silbernes, Bronzenes Zeitalter, heroisches Zeitalter und Eisernes Zeitalter). Nun folgt die Erzählung vom Falken (=König) und der Nachtigall (=Dichter) und schließlich schildert Hesiod seine Vision von einem Reich der Gerechtigkeit, das er dem Reich der Hybris gegenüberstellt.

Wichtig für Hesiods Verhältnis zur Arbeit ist seine Lehre von den Weltzeitaltern. Danach gab es einst „einen Urzustand ungetrübten Glücks. Es war jenes Zeitalter, da noch Kronos, der Vater aller Götter, regierte und den Menschen unendliche Wohltaten bescherte“ (28):

„Diese lebten unter Kronos, der im Himmel als König herrschte, führten ihr Leben wie Götter, hatten leidlosen Sinn und bleiben frei von Not und Jammer; 

nicht drückte sie schlimmes Altern, sie blieben sich immer gleich an Händen und Füßen, lebten heiter in Freuden und frei von jeglichem Übel und starben wie von Schlaf übermannt. 

Herrlich war ihnen alles, von selbst trug ihnen die kornspendende Erde Frucht in Hülle und Fülle. Sie aber taten ihre Feldarbeit ganz nach Gefallen und gemächlich und lieb den seligen Göttern“ (Hesiod, 111-120).

Hesiod stellt sich die Urmenschen also als Bauern und Viehzüchter, als „ätherische Landwirte“ (29) vor, die zwar arbeiten, aber eben `ganz nach Gefallen´ und `gemächlich´, „inmitten einer Verwöhnnatur, die nichts zu wünschen übrig lässt“ (28f).

Auf das Goldene folgt das Silberne Zeitalter, dann das Bronzene. Als Zwischenspiel kommt unvermutet das Zeitalter der Heroen, in dem unter anderem auch Odysseus und Achilles gelebt haben und der Trojanische Krieg stattgefunden hat – und schließlich das Eiserne Zeitalter.

Letzteres ist „gekennzeichnet durch Arbeitsfron, Konkurrenz und Misstrauen unter den Menschen“ (29). Hesiod schilderd hier schonungslos die Beschwerlichkeit und die Entbehrungen des bäuerlichen Lebens. Hier kann Hesiod auch seine umfassende Kenntnis bäuerlicher Tätigkeiten ausbreiten.

Kombiniert wird die Erzählung von den Zeitaltern mit dem Mythos von der Büchse der Pandora: Auf Weisung des Zeus hatte Hephaistos aus Lehm die erste Frau geschaffen, die den Namen Pandora erhielt. Sie war ein Teil der Strafe für die Menschheit wegen des durch Prometheus gestohlenen Feuers. Zeus wies Pandora an, den Menschen die Büchse zu schenken Sie öffnete die Büchse und daraufhin entwichen aus ihr alle Laster und Untugenden:

„Das Weib aber hob mit den Händen den mächtigen Deckel vom Fass, ließ alles heraus und schuf der Menschheit leidvolle Schmerzen“ (Hesiod, 94f).
 
... und damit fing der ganze Ärger an ...

Von diesem Zeitpunkt an eroberte das Schlechte die Welt: „Die Verstoßung aus dem Gnadenstand erfolgt, weil der Mensch sich mit dem Feuererwerb die Grundlagen seiner Kultur eigenmächtig angeeignet hat. Zuvor hatten die Götter ihm bei seinen `Werken´ gleichsam die Hand geführt, nun wirtschaftet er, im Besitz des Feuers, das ungekannte Werkzeuge zu schmieden erlaubt, auf eigene Faust drauflos. Die Strafe besteht darin, dass er nun tatsächlich seinen Lebensunterhalt herstellen, selbst produzieren muss“ (30), denn „Zeus verbarg die Nahrung grollenden Herzens“ (Hesiod, 47).

Obwohl die Hoffnung – das einzig Positive unter allen „Geschenken“ Pandoras – in der Büchse verschlossen blieb, will Zeus doch, dass in dieser gefallenen Welt Gerechtigkeit herrscht. Das wird am Ende des Werkes mehr als deutlich.

Der Anlass für die Abfassung von Werke und Tage ist ein Streit zwischen Hesiod und seinem Bruder Perses. Dieser hatte versucht, durch Meineid und Bestechung von Richtern Hesiod um sein Erbe zu bringen. Den Grund für dieses niederträchtige Verhalten erkennt Hesiod in der Faulheit und Trägheit seines Bruders. Diesem hält er die eigene Lebensweise entgegen, nach der man sich durch harte bäuerliche Arbeit Wohlstand zu erwirtschaften hat.

Griech.-lat. Ausgabe von 1539 (Basel)

Auf diese Weise wird Hesiods Buch zu einem umfassenden Appell an den Bruder, Einsicht zu zeigen und den Zorn der Götter nicht weiter zu steigern: „Er muss fleißig werden, sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Nachdem Zeus uns einmal mit der Arbeit geschlagen hat, bleibt nichts anderes übrig, als dieses Joch auf sich zu nehmen“ (31f):

„Vor das Gedeihen jedoch haben die ewigen Götter den Schweiß gesetzt“ (Hesiod, 289).

So ist es „der Wille der Götter, dass den Tüchtigen und Gerechten ein besseres Leben beschieden ist. Sie genießen den Lohn ihrer Mühen `bei frohen Festen´, ja, ihre Frauen `gebären den Vätern gleichende Kinder´! Werke und Tage ist eine Ermahnungsschrift, die auf diese Weise die verfluchte Arbeit zugleich anpreist und dem Bruder Schritt für Schritt erklärt, was auf einem Landgut über das Jahr hinweg zu tun ist“ (32):

„Dem aber zürnen die Götter und Menschen, der faul dahinlebt nach Art der stachellosen Drohnen, die faule Prasser sind und den mühsam geernteten Honig der Bienen verfressen; 

du aber tue mit Lust beizeiten die Feldarbeit, damit sich deine Scheuer mit reifem Ertrag fülle. Arbeit macht Männer reich an Herden und Habe, denn wer zupackt, ist Göttern um vieles erwünschter und auch Menschen, denn Faulpelze hassen sie gründlich.

Arbeit bringt keine Schande, Nichtstun aber ist Schande. Regst du dich nämlich, beneidet dich bald der Faule, weil du reich wirst. Den Reichtum aber begleiten Ehre und Ansehen“ (Hesiod, 303-313).


Nachtrag

In Aischylos Tragödie Der gefesselte Prometheus verteidigt sich Prometheus gegen die Vorwürfe, er habe die Vertreibung der Menschen aus dem Ur-Paradies verschuldet. Denn die Menschen im angeblich Goldenen Zeitalter waren primitive Lebewesen:


"Erdeingegraben wohnten sie, den wimmelnden
Ameisen gleich, in Höhlenwinkeln sonnenlos" 
(Aischylos, 452ff).  

Er aber habe ihnen nicht nur das Feuer, sondern überhaupt die Kultur gebracht, die sie zu wahren Menschen und Herrschern über die Erde gemacht habe:


"Sonder Ordnung, sonder Zweck
war, was sie taten; bis ich ihnen deutete
Der Sterne schwer verständlichen Auf- und Niedergang,
Die Zahl, des Geistes kühnen Griff, fand ich für sie,
Dazu geschrieb´ner Zeichen Fügung, aller Ding´
Gedächtnis, mächtig Werkzeug jeder Musenkunst.

Dann spannt´ ins Zugjoch ich zum erstenmal den Ur,
Dem Pflug zu fronden, daß damit dem Menschenleib
Die allzu große Bürde abgenommen sei,
Und schirrt´ das zügelkauende Roß dem Wagen vor,
Des überreichen Prunkes Kleinod und Gepräng;
Und auch das flutdurchschweifende, leingeflügelte
Fahrzeug des Meeres erfand kein anderer als ich."

Es ist kein Zufall, dass sich diese Interpretation der Vorgeschichte als Erfolgsgeschichte des Fortschritts, wie sie Aischylos Prometheus in seiner Tragödie in den Mund legt, in Athens Blütezeit im 5. Jahrhundert v.Chr. durchsetzte.


Zitate aus: Manfred Koch: Faulheit, Eine schwierige Disziplin, Springe 2012 (zu Klampen) -  Hesiod: Werke und Tage, übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger, Stuttgart 2004 (Reclam)  -  Aischylos: Die Tragödien und Fragmente, Stuttgart 1977 (Kröner)  -  Zum Hören: Manfred Koch im Philosophischen Radio auf WDR 5 

Donnerstag, 6. Juni 2013

Karl Marx und die Arbeit


Die philosophischen Überlegungen von Karl Marx entstanden einerseits aus der Analyse der Industriegesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und andererseits aus seiner Kritik an der idealistischen Philosophie Hegels.

Marx und Engels
Die Philosophie selbst war für Marx eine revolutionäre Kraft, denn es kam eben weniger darauf an, wie die Philosophen bisher, „die Welt einfach nur zu interpretieren“, sondern vielmehr „sie zu verändern.“ Folglich versteht sich der Marxismus nicht nur als philosophische Gesellschafts- und Geschichtstheorie, sondern auch als politische Bewegung. Marx nahm zusammen mit seinem Freund Friedrich Engels aktiven Anteil an der Entstehung einer organisierten Arbeiterbewegung.

Für Marx sind vor allem die materiellen Bedingungen des Lebens, vor allem aber die Arbeits- und Produktionsbedingungen, nicht nur die Grundlage sämtlicher Kulturentwicklung, sondern auch der Schlüssel zum Verständnis des Menschen.

Marx ist der erste Philosoph, der die materielle Arbeit in den Mittelpunkt seiner Philosophie stellt. Für ihn liegt in der schöpferischen Arbeit der Keim zur Selbstverwirklichung des Menschen, also zur selbstbestimmten individuellen Ausschöpfung aller in ihm steckenden Möglichkeiten. Die Lohnarbeit jedoch der kapitalistischen Wirtschaft ist für Marx dagegen die „entfremdete“ Form der Arbeit.

Daher war nach Marx der Arbeiterklasse, dem Proletariat, die historische Aufgabe zugedacht, diese Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit, aber letztlich von sich selbst, zu überwinden und die Bedingungen für eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen, die Marx im Kommunismus verwirklicht sah.

Eine ausführliche Analyse der kapitalistischen Ordnung legte Marx in seinem dreibändigen Hauptwerk „Das Kapital“ (1867, 1885, 1894) vor.

Dort definiert Marx zunächst den Begriff der Arbeit: „Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch einen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber.“

Dadurch, dass sich der Mensch mittels seiner „leiblichen“ Werkzeugen (Kopf, Arme, Hände, Beine) in Bewegung setzt, um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbare Form anzueignen, verändert er zugleich seine eigene Natur, denn: „Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit.“

Das Ergebnis der instinktiven Form der Arbeit

Marx spricht also von einer Form der Arbeit, die allein beim Menschen zu finden ist. Für ihn gibt es hier einen qualitativen Unterschied zu den instinktartigen Formen der Arbeit bei Tieren: „Eine Biene beschämt zwar durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, vor er sie in Wachs baut.“

Es ist also das Resultat des Arbeitsprozesses, das bereits beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters „ideell vorhanden“ war, das menschliche Arbeit von dem Instinktverhalten der Tiere unterscheidet.

Das Ergebnis ideeller Arbeit beim Menschen: Die Junkernschänke in Göttingen

So lässt sich der gesamte Arbeitsprozess auch als „zweckmäßige Tätigkeit zur Herstellung von Gebrauchswerten, Aneignung des Natürlichen für menschliche Bedürfnisse, allgemeine Bindung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens“ verstehen.

Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen betrachtet Marx nun den Arbeitsprozess in einem kapitalistischen System, der seiner Meinung nach „zwei eigentümliche Phänomene“ zeigt:

Zunächst arbeitet der Arbeiter „unter der Kontrolle des Kapitalisten, dem seine Arbeit gehört. Der Kapitalist passt auf, dass die Arbeit ordentlich vonstattengeht und die Produktionsmittel zweckmäßig verwandt werden, also kein Rohmaterial vergeudet und das Arbeitsinstrument geschont, d.h. nur so weit zerstört wird, als sein Gebrauch in der Arbeit ernötigt.“

Nun aber bleibt das Ergebnis der Arbeit, das Produkt, das Eigentum des Kapitalisten und nicht des unmittelbaren Produzenten, also des Arbeiters: „Der Kapitalist zahlt z.B. den Tageswert der Arbeitskraft. Ihr Gebrauch, wie der jeder andren Ware, z.B. eines Pferdes, das er für einen Tag gemietet, gehört ihm also für den Tag. Dem Käufer der Ware gehört der Gebrauch der Ware, und der Besitzer der Arbeitskraft gibt in der Tat nur den von ihm verkauften Gebrauchswert, indem er seine Arbeit gibt. Von dem Augenblicke, wo er in die Werkstätte des Kapitalisten trat, gehörte der Gebrauchswert seiner Arbeitskraft, also ihr Gebrauch, die Arbeit, dem Kapitalisten.“

Hier sieht Marx den Kern der „Entfremdung“, denn durch den kapitalistischen Produktionsprozess einschließlich der industriellen Arbeitsteilung wird der Arbeiter zu einer Sache erniedrigt. Das Produkt seiner Arbeit wird ihm entzogen und ihm wird nur ein Teil des Gegenwertes seiner Arbeit als Lohn ausbezahlt. Der übrige Teil, der „Mehrwert“, fließt dem Unternehmer zu.

Eisenwalzwerk (Adolf von Menzel, 1875)

Weil diese Produktionsweise zur Entstehung von Klassen führt und zur Ausbeutung der einen Klasse durch die andere, ist Arbeit im Kapitalismus letztlich entfremdete und nicht schöpferische Arbeit.

Die schöpferische Freiheit sieht Marx im Kommunismus verwirklicht, den er mit dem „Reich der Freiheit“ gleichsetzt: „Das Reich der Freiheit beginnt … in der Tat erst da, wo das Arbeit, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.“ Für Marx ist klar, dass Freiheit erst dann bestehen kann, wenn der „vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, und unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden.“

Es war Hannah Arendt, die in ihrem Werk „Vita activa oder vom tätigen Leben“ die radikale Aufwertung der Arbeit, wie sie beispielsweise bei Marx zutage tritt, wieder revidierte. Arendt unterscheidet bekanntlich zwischen Arbeit, Herstellen und Handeln und wirft der neuzeitlichen Philosophie vor, diese drei Tätigkeiten unzulässig miteinander vermischt zu haben.

Zwar definiert Arendt - ähnlich wie Marx  - die Arbeit als „biologischen Prozess des menschlichen Körpers, der in seinem spontanen Wachstum, Stoffwechsel und Verfall sich von Naturdingen nährt, welche die Arbeit erzeugt und zubereitet, um sie als die Lebensnotwendigkeiten dem lebendigen Organismus zuzuführen“, aber damit endet schon die Bedeutsamkeit der Arbeit als Tätigkeit des Menschen.

Über der „Arbeit“ steht das „Herstellen“, eine schöpferische Tätigkeit des Menschen, durch die er Dinge schafft, die von Dauer sind. Aber erst im Handeln erreicht der Mensch die Stufe der eigentlichen Selbstverwirklichung. Dies geschieht in der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen, deren höchste Form das politische Handeln ist – eine Vorstellung, die Arendt der antiken griechischen Philosophie entnahm.

So dürfe man gerade nicht – wie Marx es eben tut – von der Arbeit als der Quelle aller Produktivität sprechen und sie zum Ausdruck der Menschlichkeit des Menschen selbst überhöhen.

Auch bei Marx selbst bleibt - trotz der Hochschätzung der Arbeit – ihre Bedeutung Arendt zufolge immer zweideutig. Obwohl für Marx die Arbeit die menschliche und produktivste aller Tätigkeiten ist, „hat die Revolution doch nach Marx nicht etwa die Aufgabe, die arbeitende Klasse zu emanzipieren, sondern die Menschen von der Arbeit zu befreien. Denn das `Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört´“ (Arendt, 123).

So bestünde einer der  - vielen - eklatanten Widersprüche in der Theorie von Marx darin, dass Marx immer davon ausgeht, „den Menschen als ein Animal laborans zu definieren, um dann dies arbeitende Lebewesen in eine ideale Gesellschaftsordnung zu führen, in der gerade sein größtes und menschlichstes Vermögen brachliegen würde“ (ebd.).

Für Hannah Arendt dagegen ist die Arbeit gerade kein Symptom für ein gestörtes Verhältnis zwischen Mensch und Natur bzw. zwischen Mensch und Welt, sondern in der Arbeit zeigt sich „die Art und Weise, in welcher das Leben selbst mitsamt der Notwendigkeit, an die es gebunden ist, sich kundgibt“ (141).
  
Zitate aus: Karl Marx: Das Kapital, Frankfurt a.M. 1968 (EVA), Bd.1., 192ff – Bd. 3., 828  -  Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2010 (piper)


Donnerstag, 18. April 2013

Luciano de Crescenzo und das Agorazein

Luciano de Crescenzo
Luciano de Crescenzo (*1928) ist einer der bekanntesten populärphilosophischen Autoren der Gegenwart. Er studierte Ingenieurwissenschaften an der Universität Neapel und arbeitete dann 20 Jahre als leitender Ingenieur beim Computerkonzern IBM. Nach dem Erfolg seines Buches „Also sprach Bellavista“ (1977) gab de Crescenzo seinen Beruf auf und widmete sich ganz dem Schreiben und der Philosophie.

Bekannt wurde er vor allem durch seine amüsant und verständlich geschriebene „Geschichte der griechischen Philosophie“ (Band 1 erschien 1983, Band 2 erschien 1986). Ein immer wiederkehrendes Thema in seinen Büchern ist die griechische Lebensart, bei der sich ein sehr eigenes Verhältnis zur Arbeit erkennen lässt.

Würde man, so de Crescenzo, die griechische Antike mit einer bestimmten Lebensart gleichsetzen, dann müsse man über ein Verb nachdenken, das es in der griechischen Sprache gibt, für das sich aber in keiner anderen Sprache eine Entsprechung finde und das daher wirklich unübersetzbar sei. Dieses Verb heißt agorazein.

„Agorazein“ bedeutet: „auf den Markt gehen und hören, was es Neues gibt“ – also reden, kaufen, verkaufen und seine Freunde treffen; es bedeutet aber auch, ohne genaue Vorstellungen aus dem Haus zu gehen, sich in der Sonne herumzutreiben, bis es Zeit ist zum Mittagessen, oder so lange zu trödeln, bis man Teil eines menschlichen Magmas aus Gesten, Blicken und Geräuschen geworden ist.“

Das Partizip des Verbes, Agorozenta bezeichne die Fortbewegungsart dessen, der sich ganz dem agorazein hingibt: „Er schlendert, die Hände auf dem Rücken, ziellos dahin, wobei er fast nie eine gerade Strecke verfolgt.“

Die Agora in Athen

Ein Fremder, der damals in eine griechische Stadt gekommen war, konnte diese Menschenmenge nur staunend betrachten, die da auf den Straßen hin und her geht, alle paar Schritte stehen bleibt, laut redet und redet,  weitergeht, wieder stehen bleibt … Er hat sich vielleicht gefragt, ob er in einen besonderen Festtag geraten sei, dabei hat er nur die gewöhnliche Praxis des agorazein miterlebt.

Ein berühmtes Beispiel für das agorazein ist der Beginn des Dialoges Phaidros von Platon:

„Mein lieber Phaidros“, sagt Sokrates, „wohin des Wegs und woher?“

„Von Lysias, dem Sohn des Kephalos, lieber Sokrates! Und ich mache mich auf zu einem Spaziergang außerhalb der Mauer; denn ich habe geraume Zeit dort verweilt – vom frühen Morgen an saß ich da. Ich folge dem Rat deines und meines Freundes Akumenos, wenn ich meine Spaziergänge an die frische Luft verlege; denn sie seien weniger ermüdend, sagt er, als in den Hallen der Gymnasien.“

Für de Crescenzo zeigt sich in der Lebensart des agorazein ein ganz besonderes Verhältnis zu Arbeit: Tatsache ist, dass diese Athener nichts Produktives machten, sie gingen spazieren, schwatzten über Gott und die Welt, aber dass sie einemal einen Finger gerührt und etwas Praktisches zum Verkaufen oder Gebrauchen hergestellt hätten, keine Rede davon!“

Dabei dürfe man allerdings nicht vergessen, so de Crescenzo weiter, dass Athen damals 20.000 Bürger hatte, auf die die stolze Zahl von 200.000 Sklaven und Metöken kamen, Menschen, die die Arbeit machten und den Betrieb in Gang hielten.

Auf der anderen Seite lebten die Athener recht genügsam – „Wie viele sind doch der Dinge, die ich nicht brauche“, bemerkte Sokrates einmal, als er über den Markt ging. Dafür widmeten sie sich ganz den Freuden des Geistes und des Gespräches …
 
Zitate aus: Geschichte der griechischen Philosophie, Band 1: Die Vorsokratiker, Zürich 1985 (Diogenes), Seite 9-11   -   Homepage (ital.): http://www.lucianodecrescenzo.net/de_crescenzo/init.html  -  Zum Hören: Das Philosophische Radio (WDR 5) mit Manfred Koch und Jürgen Wiebicke zum Thema "Faulheit"

Donnerstag, 31. Januar 2013

Miguel de Unamuno und die Muße


Miguel de Unamuno (1864 - 1936)
Miguel de Unamuno gehört zu den bedeutendsten spanischen Philosophen und Schriftstellern des frühen 20. Jahrhunderts. Er ist von der zu dieser Zeit einflussreichen Lebensphilosophie bzw. Existenzphilosophie geprägt. So lernte er beispielsweise Deutsch, um Schopenhauer im Original lesen zu können.

Unamuno betont in seinen Werken oftmals die Bedeutung der irrationalen Kräfte im menschlichen Leben wie Triebe, Leidenschaften, aber auch die schöpferischen Fähigkeiten des einzelnen.

In seinem Essay „Plädoyer des Müßiggangs“ setzt Unamuno sich kritisch mit der Ansicht auseinander, nach der die Arbeit die Grundlage der menschlichen Kultur sei.

Ausgangspunkt von Unamunos Überlegungen zum Thema Arbeit ist eine scheinbar belanglose Episode während eines Aufenthalts in Portugal:

„Zur heißesten Jahreszeit, als sich die Trägheit meines Körpers und meiner Seele bemächtigte, vertrieb ich mir die Zeit damit, aufs Bett hingestreckt langsam Lord Byron zu lesen. Von Zeit zu Zeit ließ ich das Buch sinken, um … nachzudenken?, nein, um mir allerhand Luftschlösser zusammen zu phantasieren.

Zuweilen raffte ich mich auf, an den Balkon zu treten, um einen Augenblick lang das Meer zu betrachten, das da träge am Strand ausgestreckt lag. Und das Gluckern des Ozeans, vermischt mit den Echos Lord Byrons, der diesen so sehr geliebt hatte, half mir, weiterhin Dinge ohne festen Umriss und Substanz zusammen zu phantasieren.

In meinem Geist herrschte eine poetische, das heißt aber schöpferische Situation, welche die Trägheit hervorruft. Denn der Dichter ist zuallererst ein Faulenzer, ein Nichtstuer, und das sage ich zum Lob des Poeten.“

"Wer keine Muße kennt, lebt nicht." - Sprichwort aus Sizilien

Natürlich will Unamuno hier kein Lob auf die Faulheit anstimmen. Aber er möchte „zumindest teilweise ein Loblied aufs Nichtstun singen; ich will euch sagen, dass der Müßiggänger einer der aktivsten Menschen ist.“

Unamuno verteidigt hier die These, dass wir die Zivilisation letztlich den Müßiggängern verdanken. Seiner Ansicht nach setzt die Zivilisation ein, als ein Mensch den anderen der Versklavung unterwarf, ihn dazu zwang, für beide zu arbeiten, und nun, der Notwendigkeit enthoben, sich selbst anstrengen zu müssen, um sich das tägliche Brot verdienen zu müssen, auf einmal zu den Sternen aufblicken konnte, um sich zu fragen, warum diese wohl dergestalt kreisen mögen.

Die Versklavung anderer Menschen kann zwar heute nicht mehr als zivilisatorische Glanzleistung beschrieben werden, aber Unamuno glaubt beobachten zu können, dass „der Umstand, dass in den arbeitsameren Völkern gewisse Hochformen der Kultur, in der Kunst, in der Wissenschaft, in der Literatur, hervorgebracht werden, nicht darauf zurückzuführen ist, dass sie fleißiger wären, sondern dass es in ihnen mehr Unbeschäftigte, mehr Müßiggänger gibt.“

Das Verständnis der schöpferischen Muße, so wie sie Unamuno hier als Gegensatz zur Arbeit beschreibt, hat ihren Ursprung tatsächlich in der Antike. Der Begriff σχολή enthält ein Bedeutungsspektrum, das von Muße, Ruhe über Studium und Schule (!) bis hin zu Verzögerung und Langsamkeit reicht. In der römischen Tradition prägte dann Cicero den Begriff des otium cum dignitate, der mit wissenschaftlicher und philosophischer Betätigung verbrachten „würdevollen Muße“ in Zurückgezogenheit (De Oratore I,1f).

Ein bekanntes Beispiel für otium cum dignitate, die "würdevolle Muße"

Während also die Menschen der Antike die Muße vor allem mit ihren charakterbildenden und kreativen Möglichkeiten für wertvoll hielten – der Lebenskünstler war das Gegenstück zu Handarbeiter und natürlich zum Sklaven –,  galt im Mittelalter im europäischen Mönchtum die Trägheit als eine der sieben Hauptlaster. Später hat auch der Protestantismus sich gegen jede Form des Müßiggangs gewandt („Müßiggang ist aller Laster Anfang“) und dagegen hat Beruf und Arbeit als menschliche Ziele hoch eingeschätzt.

Gegen diese „protestantische Ethik der Arbeit“ (Max Weber) hat es aber immer auch die Gegenposition gegeben, nach der eben Muße und nicht die Arbeit das eigentliche Ziel des Menschen sei.

So auch Unamuno: „Immer hat mich, wie viele andere auch, die berühmte Fabel von der Grille und der Ameise empört. Dabei sind doch der Egoismus und die Unmenschlichkeit der letzteren nur zu offensichtlich. Denn es steht fest, und das habe ich genau recherchiert, dass sie sich während der Arbeit am Gesang der Grille erfreute.“

Zitate aus: Miguel de Unamuno: Plädoyer des Müßiggangs, Wien 1986 (Literaturverlag Droschl)  -  Zum Hören: Das Philosophische Radio (WDR 5) mit Manfred Koch und Jürgen Wiebicke zum Thema "Faulheit"

Donnerstag, 17. Januar 2013

Bloch und das Nichtstun



Ernst Bloch (1885 - 1977)
Ernst Bloch gehört zu den wichtigen neomarxistischen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Die tief im Menschen verwurzelte Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der Freiheit, Glück und materielle Sicherheit für alle verwirklicht sind, ist ständiges Leitmotiv seiner Werke.

Vor allem in seinem dreibändigen Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ (1949 – 1959) verfolgt Bloch die Spuren, die die menschliche Utopie eines irdischen Paradieses vor allem in Kunst und Philosophie hinterlassen hat.

Blochs Leben war von Wechseln geprägt. Während der Weimarer Republik schloss sich Bloch der kommunistischen Bewegung an. 1933 musste er aus Deutschland in die USA emigrieren. Nach dem 2. Weltkrieg ging er in die DDR und wurde Philosophieprofessor in Leipzig. Konflikte mit der Staats- und Parteiführung der DDR führten dazu, dass Bloch 1961 in die Bundesrepublik übersiedelte. Hier nahm er eine Professur in Tübingen an.

Für Bloch wie für alle Marxisten ist die Arbeit etwas dem Menschen Wesentliches und Zugehöriges.

Zunächst einmal stellt Bloch fest, „dass es so leicht ist, nichts mehr tun zu wollen. Dass es uns so schwer fällt, wirklich nichts zu tun. Auch dann, wenn nicht, wie meist, die Not treibt. Auch dort, wo ein Urlaub überdies erlauben mag, zu gähnen.“

Die meisten Menschen jedoch – so beobachtet Bloch – jagen einer Illusion hinterher: „Ganz faul zu sein, scheint so süß wie einfach. Je älter ich werde, sagt ein Freund, desto mehr sehe ich ein, das einzig Richtige wäre, überhaupt nicht zu schaffen. Den ganzen Tag, meint er, könne er am Fenster liegen an einer südlichen Küste, und draußen bräuchte auch nichts zu sein … ich will weder Fähigkeiten vorher noch Bedürfnisse nachher haben. So sprach der Freund und sag unwiderleglich aus, doch sein Leben ist anders, nicht einmal unfreiwillig anders. Wie einfach, sollte man meinen, könnte er im Einklang mit seiner Lehre leben. Stattdessen arbeitet er den ganzen Tag verdrossen und vorzüglich, predigt Wein und trinkt Wasser.“

Bloch geht es nicht darum einzustimmen in das Konzert derer, die sagen, Arbeit sei eine Notwendigkeit solange Hunger und Ungerechtigkeit existieren – diese Feststellung ist selbstverständlich gültig! Blochs Blick geht tiefer, denn Faulheit ist für ihn ein Dämon, „den keiner besteht. Sie zeigt darin ihre Verwandtschaft mit der Einsamkeit. Beide, Faulheit wie Einsamkeit, enthalten ein chemisch verwandtes Gift, obwohl Nichtstun nicht einsam zu geschehen braucht, und die Einsamkeit selten müßig ist; es ist das Gift des dunklen Insichseins.“


Abraham Bloemaert (1564–1651): Faulheit

 (in Anlehnung an das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, Mt 13,24ff)


So ist für Bloch „das völlige Nichtstun noch ungenießbarer“ als wenn alle Resultate der Arbeit unnütz erscheinen.

So wurde „das ungekochte Leben“ nie erreicht, „auch im Süden nicht oder bei den Urvölkern. Wenn sie auch nicht unsere Arbeitswut haben und ihre Tage (nicht ihre Feste!) von Ruhe durchzogener, gleichsam eingelegter sind als unsere, so hat die Romantik des Nichtstun doch hier kein Beispiel.“

Nichtstun gleich den Nihilismus im Alltag: „Die Langeweile ist der Lohn, den das Leben ohne Arbeit gibt, sie ist jenes einsame Blei, vor dem man in arbeit und Gesellschaft flieht, das Nichts oder eben ncht Nichts, über dem alle Menschen leben, Schlaf- und Gähnkammer unseres allzu unmittelbaren Zustandes, die leicht eine Schreckenskammer werden kann.“

Und so ist die Flucht vor der Arbeit letztlich eine Flucht vor „dem ungenauen Sein von uns selbst.“ 

„Nicht zu tun, zieht darum ebenso an, wie es keiner dort aushält. Es zieht an, weil wir uns scheinbar darin finden; es ist unerträglich, weil dort noch nichts wirklich zubereitet ist.“

Zitate aus: Ernst Bloch: Nichtstun ist ungenießbar, in: Spuren, Frankfurt a.M. 1985, S. 99-103 (Suhrkamp)  -  Zum Hören: Das Philosophische Radio (WDR 5) mit Manfred Koch und Jürgen Wiebicke zum Thema "Faulheit"