In ihrem 1995 veröffentlichten Buch „Endzeit-Propheten oder
Die Offensive der Antiwestler“ weisen Richard Herzinger und Hannes Stein auf die verschiedenen Gefahren hin, die der westlichen
Gesellschaft von den verschiedensten totalitären und fundamentalistischen
Bewegungen weltweit drohen. Auch wenn seit dem erscheinen des Buches
mittlerweile 18 Jahre vergangen sind, haben die Überlegungen der beiden Autoren
zur liberalen Demokratie nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.
Ausgangspunkt des modernen Liberalismus ist ein pessimistisches Menschenbild, d.h. er „glaubt nicht an das gute
Volk und den guten Menschen.“ Aus der Fehlerhaftigkeit menschlichen Denkens
wiederum resultiert ein Misstrauen gegenüber „allen Utopien von der idealen Demokratie, die das mühsame Geschäft der
Austarierung von Interessen durch direkte Ansprache und rücksichtslos ehrliche Aussprache ersetzen wollen.“
Wenn die Gesellschaft in erster Linie der Zusammenschluss
von unabhängigen und freien Individuen ist, dann „müssen alle Versuche eine
symbiotische Gemeinschaft auf Einverständnis und gegenseitige Zuneigung zu
gründen in Mord und Totschlag enden. Und dies nicht etwa aus Hass, sondern
wegen der verzehrenden Sehnsucht nach Nähe.“
Weil der Liebe wie alle Leidenschaften eine Tendenz zum
Absoluten – zum absolut Wahren – innewohnt, taugt sie gerade nicht zum
Organisationsprinzip einer freien Gesellschaft.
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| Die Lösung von Interessenskonflikten kann nur durch neutrale Institutionen gelingen (Zeichnung: Ralf Brunner) |
So schalte die liberale Demokratie neutrale Institutionen
zwischen die einzelnen Menschen mit ihren sehr unterschiedlichen und sehr
widersprüchlichen Interessen. Diese Institutionen wiederum beruhen auf
abstrakten, für alle Menschen gleichermaßen gültigen und akzeptablen Werten (wie
beispielsweise der Fairness).
Natürlich darf man sich nicht der Illusion hingeben, dass
diese neutralen Institutionen „de facto neutrale oder objektive Entscheidungen
treffen. Denn die Menschen innerhalb der Institutionen sind nicht `neutral´ und
da alle institutionellen Entscheidungen letztlich von Menschen getroffen werden,
können auch ihre Entscheidungen es niemals sein.“
Neutral dagegen müssen aber allein die Werte sein, „an denen
ihre Entscheidungen gemessen und in Bezug auf die sie kritisiert werden.“
Allein die Existenz solcher Normen gewährleistet, „dass die institutionellen
Entscheidungen zu keinem Zeitpunkt den Anspruch auf Endgültigkeit und
Unveränderbarkeit erheben“, also stets als von Menschen gemachte und auch durch
den Menschen veränderbare Normen verstanden werden müssen.
Gerade weil die Institutionen des liberalen Staates ihre
Autorität nicht daraus ableiten, dass die eine metaphysische Instanz
repräsentieren – etwa eine göttliche Autorität oder auch das vermeintliche
Prinzip der Weltgeschichte – repräsentieren sie allein den jeweiligen Stand der
Diskussion, „aus der niemand ausgeschlossen werden darf.“
Im liberalen Verständnis bedeutet daher „Demokratie“
zunächst nichts anderes, „als dass jedes Mitglied der Gesellschaft an dieser
Diskussion mit gleichberechtigter Stimme teilhaben kann. Damit die Debatte transparent
bleibt, muss es das Recht auf freie Artikulation in Wort, Schrift und Bild
geben. Der Stand der Diskussion wird durch demokratische Abstimmung gemessen“ –
also durch Wahlen.
Die Summe der zu den Wahlen zugelassenen Individuen ist
schließlich das „Volk“ - und „außerhalb dieser Willensbildung kann es keine
Artikulation des `Volkswillen´ geben.“
In diesem Zusammenhang haben die politischen Parteien eine
entscheidende Funktion, ohne die eine liberale Demokratie nicht auskommen kann,
weil vor allem die Parteien die am besten geeignete Form sind, „in der alle
politischen Interessen gebündelt und in einen fassbaren, definierten
Meinungsstreit überführt werden können.“
So dienen gerade die Parteien dazu, „die Sphäre der
politischen Diskussion vor der zerstörerischen Wirkung zu bewahren, die von dem
bedingungslosen Streben nach dem Guten ausgeht.“ So könne man die liberale
Demokratie auch als „ein Unternehmen zum Schutz der zivilen Gesellschaft vor
dem direkten Zugriff des Volkes“ – oder damit die Menschen sich nicht „die
Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren“,
wie Büchner seinen Danton sagen lässt.
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| Parteien im fassbaren öffentlichen Meinungsstreit |
So schaffe die liberale Demokratie einen Raum, in dem die
Einzelnen einander ungefährdet begegnen können, so wie alle liberalen
Institutionen auf Trennungen beruhen: „Sie zielen auf Begrenzung von Macht und
Zuständigkeiten.“ Nur auf diese Weise ist es möglich, , die Gesellschaft in
einer prekären und stets gefährdeten Balance zu halten, in der die individuelle
Freiheit bewahrt bleibt.
Genau dies können die Anhänger einer „direkten“ oder „organischen“ Demokratie nicht ertragen, wenn sie fordern, die Gesellschaft müsse wieder auf „festen“
Boden gegründet werden. Das sei aber – wie alle utopischen Versuche – eine
schlichte Illusion.
Zitate
aus: Richard Herzinger und Hannes Stein: Endzeit-Propheten oder Die Offensive der Antiwestler,
Reinbeck 1995 (Rowohlt), hier: S. 207ff






