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Donnerstag, 20. August 2020

Phillipp Melanchthon und die Bildung (Teil 2)



„Melanchthon brannte für Wissen und Wissenschaft. Der Humanist und Reformator kämpfte für eine solide Allgemeinbildung aller Menschen. Zeitgenossen nannten ihn deshalb auch respektvoll Praeceptor Germaniae – den Lehrer Deutschlands. So lautet die zentrale These von Marianne Thoms in ihrem Beitrag über Phillip Melanchthon in der Reihe Wissen des SWR 2.

Als junger Reformator ist Melanchthon als Augenzeuge dabei, als Luther dem katholischen Theologen Johannes Eck gegenüber bestreitet, dass der Papst die höchste Autorität der Christen sei. Nach dieser unerhörten Kritik droht der Papst, Luther aus der Kirche zu verstoßen. Melanchthon ruft empört alle reformatorisch Gesinnten der Wittenberger Universität für den 20. Dezember 1520 zum Protest auf:

„Alle, die sich zur evangelischen Wahrheit bekennen, werden hiermit aufgefordert, sich um 9 Uhr an der Heilig Kreuz Kapelle außerhalb der Stadtmauer einzufinden.“

Im Beisein Luthers verbrennen die Protestierenden die päpstliche Banndrohung. Sogar das römisch-katholische Kirchengesetzbuch werfen sie in die Flammen. Schließlich eskaliert der Glaubenskonflikt: Papst Leo X. verstößt Luther tatsächlich aus der Römisch-Katholischen Kirche. Er erwartet vom Kaiser Karl V., dass nun auch der weltliche Arm den Ketzer bestrafe. Melanchthon bestärkt Luther, sich während seiner Anhörung auf dem Reichstag zu Worms 1521, auf die Heilige Schrift zu berufen, als „unwiderlegbarer Quelle religiöser Wahrheit“.

Martin Luther verbrennt am 10. Dezember 1520 die Bannandrohungsbulle

Das berühmte reformatorische Schriftprinzip, also die Auffassung, dass allein die Heilige Schrift verbindliche Geltung für den christlichen Glauben hat, das ist ein Prinzip, das Melanchthon in das reformatorische Denken eingebracht hat. Luther nimmt es sofort begeistert auf, nutzt es als argumentative Grundlage bei seinem großen Auftritt 1521 auf dem Reichstag in Worms.

Der unbeugsame Reformator wird vom Kaiser unter Reichsacht gestellt und darf straflos getötet werden. Erst als Melanchthon durch eine Geheimbotschaft erfährt, dass Luther mit Unterstützung des sächsischen Kurfürsten auf der Wartburg bei Eisenach untergetaucht ist, atmet er auf.

Melanchthon ist es auch, der Luther davon überzeugt, die die Bibel aus ihren griechischen und hebräischen Quellen ins Deutsche zu übersetzen. Dabei erweist sich Melanchthons Sprachgenie als unverzichtbare Hilfe für Luther. Im Herbst 1522 ist das Neue Testament druckreif, 1534 folgt das Alte Testament. Auch einfache Menschen können die Bibel von nun an in kraftvoller deutscher Sprache lesen, und ohne Vermittlung von Geistlichen verstehen.

Während Luther die Bibel übersetzt, bringt Melanchthon Luthers in bis dahin 81 Einzelschriften verstreute Lehre in eine übersichtliche, allgemein verständliche Form. Als erster Reformator legt er damit ein Lehrbuch der neuen Theologie vor – die Loci communes, die erste systematische Theologie des Luthertums. Luther selbst sagte einmal, er wisse außer der Heiligen Schrift kein besseres Buch als die Loci communes.

Die Loci in der Ausgabe von 1521

Als Melanchthon erfährt, dass übereifrige Lutheraner Kursachsens Katholiken mit Steinen bewerfen, Kirchen plündern und Priester aus Gottesdiensten vertreiben, dass radikale Professorenkollegen wie Andreas Karlstadt sich darüber beklagen, dass die reformatorischen Veränderungen zu langsam vorankämen, ist er bestürzt:

„Die Unruhen der Unsrigen haben mir viel Arbeit gemacht. Mir ist bange um das Licht der Reformation, das der Welt vor kurzem aufgegangen ist.“

Aber es kommt schlimmer: Mit der ins Deutsche übersetzten Bibel in der Hand durchziehen Heere aufgebrachter Bauern Süd- und Mitteldeutschland. Sie fordern soziale Gerechtigkeit und Befreiung vom Elend ihrer Leibeigenschaft. Sie deuten Luthers Lehre politisch und stellen sich ebenso entschlossen wie schlecht bewaffnet gepanzerten Fürstenheeren.

Melanchthon sieht durch die Aufständischen alles bedroht: Die weltliche Ordnung, die Kirche und nicht zuletzt sich selbst. Im - aus heutiger Sicht gerechten - Krieg der Bauern stellt er sich, wie Luther, auf die Seite der Obrigkeit. Als er hört, dass fürstliche Landsknechte im Mai 1525 Tausende thüringische Bauern bei Frankenhausen niedermetzeln, dass der Kopf des evangelischen Pfarrers Thomas Müntzer zur Abschreckung aufgespießt wird, lautet sein Urteil:

„Es ist eine Lektion darüber, wie hart Gott Ungehorsam und Aufruhr gegen die Obrigkeit bestraft. Die Fürsten sollen gegen alle, die weiter den Aufstand üben, alles in ihrer Macht stehende unternehmen, um diese als Mörder zu bestrafen und dabei wissen, dass sie Gott damit dienen.“

So wird nach dem Ende der Bauernkriege die Reformation schließlich von einer Volksbewegung zum machtpolitischen Werkzeug von Landesfürsten. Territorial-herren wie dem Landgrafen Philipp von Hessen erscheint der neue Glaube als Chance, dem streng katholischen Kaiser die Stirn zu bieten. Auf dem 1529 einberufenen Reichstag zu Speyer, wo Melanchthon als Verhandlungsführer der evangelischen Seite agiert, protestieren bereits sechs Fürsten und 14 Freie Reichsstädte gegen das kaiserliche Verbot reformatorischer Bestrebungen. Die Bezeichnung „Protestanten“ hat beim Reichstag zu Speyer ihren Ursprung.

Die protestierenden Fürsten auf dem Reichtag zu Speyer (1529)

Obwohl streng verboten, sucht Melanchthon Wege, die Reformation durch gut ausgebildete Pfarrer in den Gemeinden zu verankern. Melanchthon ist derjenige, der kämpft, dass die Reformation zu einer Bildungsbewegung wird, indem er die Pfarrer ausbildet. Melanchthon zeigt dabei großes Geschick als Pädagoge der Reformation und als Bildungsreformer.

Melanchthon ist zugleich der Außenpolitiker der Reformation. Während der geächtete Luther an der Grenze Kursachsens zurückbleiben muss, reitet er weiter zu Reichstagen und Religionsgesprächen, um für Reformen der römisch-katholischen Kirche zu werben und so ihre Spaltung zu verhindern. Anders als andere Reformatoren verhandelt Melanchthon mit der katholischen Seite stets friedfertig, diplomatisch und geduldig. Er setzt auf Argumente. Luther sagt über ihn:

„Ich bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muss. Aber Magister Philippus fährt säuberlich und stille daher, bauet und pflanzet und säet, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich.“

Beim Augsburger Reichstag 1530 wird eine Schrift Melanchthons verlesen, in der er den neuen evangelischen Glauben umfassend darlegt. Diese sogenannte „Confessio Augustana“ wird zum wichtigsten Bekenntnis des Luthertums. Während des Reichstages aber prallt das Ringen um seine Anerkennung auf eisige Ablehnung des Kaisers und der katholischen Stände. Deprimiert erkennt Melanchthon, dass der Glaubensstreit in Gewalt umzuschlagen droht. Kaiser Karl V. lässt bereits Truppen zusammenziehen. Zur Verteidigung gründen acht evangelische Reichsfürsten und elf Freie Reichsstädte 1531 den Schmalkaldischen Bund. Melanchthon begrüßt dieses militärische Bündnis und so siegt schließlich die Sorge um die Reformation über seinen Obrigkeitsgehorsam.

Melanchthon argumentiert, dass die Obrigkeit ihr Recht hat, solange sie für die öffentliche Ordnung sorgt, aber sie verwirkt ihr Recht, wenn sie den Glauben angreift, wenn sie die Menschen daran hindert, das Evangelium zu verkünden und das Evangelium zu leben, also ihre Religion auszuüben.

Der sächsische Kurfürst beschenkt Melanchthon 1537 mit einem repräsentativen Wohnhaus gleich neben der Universität. Damit ist der in ganz Europa geachtete Wissenschaftler nun standesgemäß untergebracht. Nach heutigen Maßstäben ist Melanchthon ein workaholic. Schon morgens um vier Uhr saß er am Schreibtisch und hat geschrieben. Melanchthon hat alles selbst geschrieben. Luther beschäftigte einen Sekretär, Melanchthon wohl nicht. Melanchthon war gerne Gastgeber. Einmal sagte er, er wäre stolz darauf, dass 11 verschiedene Sprachen an seinem Abendbrottisch gesprochen worden sind. Regelmäßig ließ sich ein Fässchen Wein aus heimatlichen süddeutschen Landen schicken.

Am 18. Februar 1546 stirbt Martin Luther. Als Vormund kümmert sich Melanchthon fürsorglich um Luthers Kinder und die finanziellen Belange seiner Witwe.

Kaiser Karl V. nach der Schlacht bei Mühlberg
(Tizian, 1548)
Der lange befürchtete Religions-krieg beginnt im Februar 1546. In Süddeutschland und Sachsen bekämpfen 60.000 kaiserliche Soldaten die Truppen des Schmalkaldischen Bundes. Sie erobern auch Wittenberg, und die Universität, der verhasste Ausgangsort der Reformation, wird sofort geschlossen. In Lebensgefahr flieht Melanchthon mit seiner Familie nach Magdeburg. Im Frühjahr 1547 bezwingt das katholische Lager den Schmalkaldischen Bund. 

Darauf folgt das sogenannte Interim, in dem nahezu alle evangelischen Neuerungen zugunsten katholischer Praktiken verboten werden. In einem Schreiben des Kaisers an den neuen sächsischen Kurfürsten Moritz heißt es:

„Dieser Mann ist einer der vornehmsten Lärmbläser, welche Empörung und Aufruhr mit ihren giftigen, aufrührerischen Reden und Schriften erheblich gegen uns erregen und stärken!“

Melanchthon aber ignoriert Angebote der Universitäten Heidelberg und Kopenhagen und kehrt nach Wittenberg zurück. Er will wieder unterrichten – und vor allem will er die Reformation nicht verloren geben. Er ist gezwungen zu taktieren, schafft es aber dafür zu sorgen, dass an der Wittenberger Universität erneut evangelische Theologie gelehrt wird.

1555 wird der Augsburger Religionsfrieden geschlossen – ein Sieg der Reformation: Auf der Grundlage von Melanchthons Confessio Augustana, wird der evangelische Glaube anerkannt: Die deutschen Territorialfürsten erhalten das Recht, sich frei für die eine oder andere Religion zu entscheiden - cuius regio, eius religio, die Untertanen haben dem Bekenntnis ihrer Fürsten zu folgen und kein Reichsstand darf wegen seiner Zugehörigkeit zur katholischen Kirche oder zur Confessio Augustana bekriegt werden. Dankbar notiert Melanchthon:

Es ist ganz sicher, dass die evangelische Lehre auch unter äußerlichen Wirren in all den Jahren gnädig bewahrt wurde und der Konflikt auf so erfreuliche Weise geendet ist.

Bis eine Woche vor seinem Tod unterrichtet der leidenschaftliche Lehrer seine Studenten. Am 19. April 1560 stirbt Melanchthon mit 63 Jahren im Studierzimmer seines Hauses an einer fiebrigen Erkältung. In der Wittenberger Schlosskirche wird sein Leichnam neben Luther bestattet.
 
Confessio Augustana (1530)

Während Luther für den Anstoß der Reformation entscheidend war, und auch die wichtigen inhaltlichen Impulse gesetzt hat, ist Melanchthon unschätzbar wichtig für den endgültigen Erfolg der Reformation gewesen. Ohne Melanchthons diplomatisches Geschick, ohne sein unermüdliches Bemühen, auch ohne seine systematischen Gedanken und Veröffentlichungen für ein protestantisches Lehrgebäude, ohne seine Bildungsreform wäre die Reformation stecken-geblieben. 

Zitate aus: Marianne Thoms: Der Reformator Philipp Melanchthon. Klein von Gestalt, groß im Geist, SRW2-Wissen, Sendung vom 19.04.2018

Donnerstag, 13. August 2020

Phillipp Melanchthon und die Bildung (Teil 1)


„Melanchthon brannte für Wissen und Wissenschaft. Der Humanist und Reformator kämpfte für eine solide Allgemeinbildung aller Menschen. Zeitgenossen nannten ihn deshalb auch respektvoll Praeceptor Germaniae – den Lehrer Deutschlands. So lautet die zentrale These von Marianne Thoms in ihrem Beitrag über Phillip Melanchthon in der Reihe Wissen des SWR 2.

Phillip Melanchthon (1497 - 1560)

Am 16. Februar 1497 wird Melanchthon als Philipp Schwarzerdt in Bretten geboren. Die Stadt gehört damals zur Kurpfalz. Es ist die Zeit machtbewusster Territorialfürsten, früher Bauernaufstände und bürgerlichen Freiheitsstrebens, die Zeit der Entdeckung Amerikas und der Erfindung verbesserter Feuerwaffen. Philipps Vater Georg ist Rüstmeister des pfälzischen Kurfürsten und ein gefragter Waffenschmied. Er sei geachtet gewesen und gütig:

„Oft hat mein Vater von den Käufern nicht so viel genommen, als diese ihm geben wollten. Manchen hat er das Geld gar wieder aufgezwungen, wenn er hörte, dass sie arm wären.“

Philipps Mutter Barbara ist Tochter des wohlhabenden Tuchhändlers und Bürgermeisters von Bretten, Hans Reuter. In dessen geräumigem Haus am Marktplatz wächst Philipp mit vier Geschwistern, den Eltern und Großeltern auf.

Um ihn schon früh mit der lateinischen Sprache vertraut zu machen, ohne die in der Bildung damals kein Weiterkommen ist, stellt der Großvater einen Hauslehrer ein. Der lässt seinen wissbegierigen Schüler auch Gedichte des italienischen Humanisten Baptista Mantuanus übersetzen. So kommt Philipp schon als Kind in Berührung mit der humanistischen Geisteswelt. Sein Großonkel, der Württemberger Sprachgelehrte Johannes Reuchlin, führt ihn später noch tiefer in die Welt des Humanismus ein. Die besondere Nähe zwischen beiden beginnt, als Philipps behütete Kindheit im Herbst 1508 durch den Tod des Vaters und Großvaters jäh endet. Reuchlins Schwester Elisabeth holt ihn zu sich nach Pforzheim.

Johannes Reuchlin (1455 - 1522)
An der dortigen Lateinschule beginnt der Elfjährige zusätzlich zum täglichen Pensum Altgriechisch zu lernen, was seinen Großonkel besonders freut, denn Reuchlin hat Griechisch als Unterrichtsfach erst jüngst in Deutschland durchgesetzt. Er schenkt Philipp ein Buch – mit folgenreicher Widmung:

„Diese griechische Grammatik hat zum Geschenk gemacht Johannes Reuchlin aus Pforzheim, Doktor der Rechte, dem Philipp Melanchthon aus Bretten im Jahr 1509.“

Diese Widmung gilt als der Ursprung von Melanchthons neuem Namen. Sein Onkel Reuchlin war so begeistert vom jungen Philipp, dass er ihm einen Humanistennamen gegeben hat. Er hat den Namen Schwarzerdt einfach ins Griechische übersetzt und aus Schwarzerdt wird Melanchthon. Reuchlin steht auch als prägende Figur für das Interesse Melanchthons für die antiken Sprachen.

Sprachkenntnis heißt auch eine Schule des Denkens. Präzise Sprache heißt präzises Denken. Das prägt Melanchthons Bildungsverständnis tief.

Reuchlin empfiehlt seinen begabten Ziehsohn an die Universität Heidelberg und an die erst vor wenigen Jahrzehnten gegründete Universität Tübingen, wo er Rhetorik, Dialektik, Grammatik und Geometrie, Musik, Astronomie, Rechtswissenschaften, Medizin und Geschichte studiert. Daneben perfektioniert Philipp seine Griechisch- Kenntnisse und lernt Hebräisch. Mit kaum achtzehn Jahren erlangt er die Magisterwürde und darf nun auch an Universitäten unterrichten. Aber schon bald fühlt er sich unterfordert:

„Ich bin hier zwar sehr beschäftigt, tue aber trotzdem nichts. Unter Knaben werde ich wieder zum Knaben.“

Reuchlin bewirkt, dass der sächsische Kurfürst, Friedrich der Weise, Melanchthon 1518 auf den neu geschaffenen Griechisch-Lehrstuhl der Universität Wittenberg beruft. Diese Ehre verheißt Begegnungen mit Martin Luther, der dort Theologie lehrt und von dessen mutigen Thesen gegen den Ablasshandel Melanchthon gehört hat.

Als Melanchthon am 29. August 1518 in der Wittenberger Schlosskirche zu seiner Antrittsvorlesung ans Rednerpult tritt, wird Melanchthons schmächtige Gestalt, seine leise, leicht lispelnde Stimme zunächst belächelt. Doch dann breitet sich Staunen im Kirchenschiff aus. Mitreißend wirbt Melanchthon für eine durchgreifende humanistische Studienreform. Martin Luther, der unter den Zuhörern gesessen hat, greift zur Feder und schreibt an den kurfürstlichen Sekretär Georg Spalatin:

„Melanchthon hat eine so gelehrte Rede gehalten, die einen solchen Beifall fand, dass wir schnell die vorgefasste Meinung aufgegeben haben. Sehet deshalb zu, dass ihr nicht seine Person und seine Jugend geringschätzt. Er ist jeder Auszeichnung würdig.“

Die Schlosskirche von Wittenberg

In die Vorlesungen Melanchthons drängen bald in- und ausländische Studenten. Konsequent treibt er die Reform der Wittenberger Universität voran.

Sein Bildungsideal war der umfassend gebildete Mensch. Er hatte ein Verständnis von Bildung als Allgemeinbildung. Er war erfüllt von pädagogischem Eros. Er war der erste Dozent in Wittenberg, der auch Studenten bei sich zu Hause aufnahm, er wollte sie wirklich bilden, prägen. Also der Alltag war von Bildung erfüllt.

Melanchthon erkennt sehr früh die Defizite des damaligen „Bildungssystems“. Es fehlt überall an Schulen, viele Lehrer sind miserabel ausgebildet, Lehrbücher gibt es kaum. Im Anschluss an seine Reisen durch Kursachsen entwickelt er eine neue Schulstruktur mit Grund-, Mittel und Oberstufe, die für alle zugänglich sein soll. Er verfasst Schulordnungen, Lehrpläne, Lehrbücher und Grammatiken. Mit klugen Gutachten fördert er Reformen der Universitäten Heidelberg, Tübingen, Frankfurt an der Oder, Leipzig und Rostock. Und Melanchthon sorgt für eine neue Generation gutausgebildeter und motivierter Lehrer.

Dabei konnte Melanchthon natürlich auf sein eigenes Netzwerk an Studenten zurückgreifen, denn die, die bei ihm studiert hatten, hatten natürlich die besten Chancen als Lehrer, als Universitätsdozent, als Kantor unterzukommen.

Melanchthons Ruf reicht über die Grenzen von Fürstentümern hinaus. Die von ihm verfassten Lehrbücher sind bald auch in Schweden, Frankreich, England, Italien, Spanien, Ungarn und Polen gefragt. Vergeblich versuchen europäische Universitäten, den „Lehrer Deutschlands“, wie man ihn jetzt respektvoll nennt, aus Wittenberg abzuwerben. Der Bildungsreformer und Vorkämpfer solider Allgemeinbildung bleibt in dem ihm anfangs so fremden Städtchen an der Mittleren Elbe und entwickelt sich hier zu einem der einflussreichsten Reformatoren, gleichberechtigt neben Luther.

Melanchthon kritisiert schon früh die geldgierige Papstkirche mit ihrem Allmachtanspruch und lehnt Ablasshandel, Ämterschacher und die oft verschwenderische Hofhaltung hoher geistlicher Herren ab. Er fordert, zur Heiligen Schrift „als der alleinigen Quelle christlicher Werte“ zurückzukehren. Besonders tief bewegt ihn Luthers reformatorischer Kerngedanke, die sogenannte Rechtfertigungsbotschaft. Sie besagt, dass der sündige Mensch sich vor Gott nicht durch Ablass und andere Werke rechtfertigen müsse, dafür habe sich Christus geopfert. Diese Botschaft greift tief in das Lebensgefühl der Menschen ein, sie nimmt ihnen die quälende Angst vor einem strafenden Gott, vor Tod, Hölle und Fegefeuer.

Sola scriptura - Die Heilige Schrift als einzig gültige Quelle christlicher Werte

Das ist eine Befreiungsbotschaft aus einem verengten Gottesbild. Die Menschen damals bekommen einen strengen Gott gepredigt, einen Richter, der die Taten der Menschen unerbittlich beurteilt. Und Luther befreit die Menschen aus dieser Verengung, indem er ihnen zeigt, dass Gott ist nicht nur der strenge Richter, sondern vor allem der liebende Vater. Damit befreit er die Menschen von ihrer Angst vor der Hölle, eine Botschaft, die Melanchthon teilt.



Zitate aus: Marianne Thoms: Der Reformator Philipp Melanchthon. Klein von Gestalt, groß im Geist, SRW2-Wissen, Sendung vom 19.04.2018

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Martin Luther und die Arbeit


Auch wenn Martin Luther in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ (1520) geschrieben hatte, dass es „viel göttlicher wäre, das Ackerwerk zu mehren und die Kaufmannschaft zu mindern (WA 6,466,40f), hat er doch den Handel grundsätzlich befürwortet – vorausgesetzt, er diene dem Wohl der Gemeinschaft.

Bauern bei der Feldarbeit

Sobald aber der Handel zum Zwecke des eigenen Gewinnstrebens funktionalisiert wird, kritisiert ihn Luther mit aller Deutlichkeit, so in den beiden „Sermonen von dem Wucher“ (1519 / 1520) und in der Schrift „Von Kaufhandlung und Wucher“ (1524), in der er sich auch mit der Frage der großen Handelsgesellschaften und Monopole auseinandersetzt.  

Luthers Kritik fußt auf einem doppelten Ansatz: Zum ersten wendet er sich gegen einen rigorosen Egoismus, den er auch im Hinblick auf das gesamte Feld wirtschaftlicher Tätigkeit eindeutig als Wucher bezeichnet. Er erkennt, dass sich in dieser Zeit die Kaufleute von der bürgerlichen Solidarität lösen und eine Art wirtschaftliches Faustrecht ausüben. Ihr tatsächliches Verhalten und nicht das Gewerbe an sich fordert also Luthers Zorn heraus.

An dieser Stelle nun wird deutlich, dass es Luther zum zweiten um die sozialen Konsequenzen der neuen Kaufmannsmentalität geht. Solange der Handel im Dienst der Gemeinschaft steht, erkennt Luther seine Notwendigkeit und Nützlichkeit an. Aber schon der Fernhandel und Luxusgüterhandel sprengt für ihn diesen Rahmen.

Martin Luther
So sieht Luther schließlich durch die gesamte wirtschaftliche Entwicklung die soziale Ordnung überhaupt gefährdet. Die Handelsgesellschaften durchbrechen den für Luther so wichtigen Organismus der wohlgeordneten kommunalen und territorialen Gemeinwesen: Die wirtschaftlichen und staatlichen Wirkungskreise überschneiden sich. Zugleich durchbrechen sie jenes körperschaftliche Zusammenspiel der politisch-rechtlichen, wirtschaftlichen und ethischen Kräfte und Motive, die für Luther das Merkmal der bisherigen Lebensordnung ausmachten.

So stellt Luther den Entwicklungen in der Wirtschaft kompromisslos die Weisungen der Bergpredigt entgegen, die für das Gewissen der einzelnen Christen eine verbindliche Norm darstellen sollen. Für Luther ist entscheidend, dass für den Menschen, auch wenn er von staatlicher und kirchlicher Obrigkeit durch Gesetz und Gebet in seinem wirtschaftlichen Handeln nicht gebunden wird, eine bindende Norm gegeben ist in der freien Unterstellung der Persönlichkeit unter das „sanfte Joch“ des Evangeliums.

Die Konsequenz für Luther ist, dass jedes Verhalten des Menschen einen verantwortungsbewussten Dienst am Nächsten beinhaltet. Auf diesem Gedanken gründet letztlich auch Luther Verständnis von „Arbeit“ als „Dienst am Nächsten.“

An entscheidender Stelle schreibt Luther: „Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, dass frei in deiner Macht und deinem Willen steht, ohne alles Gesetz und Maß – so als wärest du ein Gott, der niemandem verbunden wäre. Sondern weil dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es mit solchem Gesetz und Gewissen verfass sein, dass du es übst ohne Schaden und Nachteil für deinen Nächsten“ (WA, 15,295,22ff).

Die Werke der Barmherzigkeit (Brueghel)

Arbeit als solche bezieht Luther also auf ihren Nutzen für den Mitmenschen, als Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Luther wendet sich so gegen eine Wertschätzung der Arbeit, die sich allein an ihrer Produktivität und Leistung, also am wirtschaftlichen Ertrag, messen will. Ein Kaufmann, der mit seiner Arbeit nichts als seinen Gewinn anstrebt, ohne dabei auf die Bedürfnisse des Nächsten zu achten, ist für Luther nicht besser als ein Räuber und Dieb (WA 15,295,3ff).

Entscheidend für Luther ist also der Dienstcharakter der Arbeit einerseits und Arbeit als Tätigkeit zur Sicherung des eigenen, zum Leben notwendigen Grundbedarfs andererseits. Zwar sind die Weisungen der Bergpredigt „nur“ für das Gewissen verbindlich, gleichwohl sollen sie ihren konkreten Niederschlag im Alltag der Menschen finden – auch und vor allem in ihrer beruflichen Praxis.

Mit seiner Argumentation steht Luther im Übrigen im deutlichen Gegensatz zu gesamten scholastischen Tradition. Nicht nur Thomas von Aquin, vor allem die Schule von Salamanca (benannt nach der spanischen Universität von Salamanca, an der ihre Vertreter lehrten) hatte versucht, die Lehren von Aquins mit der neuen ökonomisch-politischen Ordnung der Zeit zu harmonisieren.

In einem für die damalige Zeit unüblichem Maße fordern ihre Vertreter mehr Freiheit, die in den natürlichen Rechten des Menschen begründet lag: Recht auf Leben, Recht auf Privateigentum, Meinungsfreiheit und Respekt vor der menschliche Würde.

Für den Jesuiten Francisco Suárez (1548–1617) beispielsweise beruhte der Ursprung der politischen Macht in der Gesellschaft auf einem „Vertrag“, der nur durch den Konsens von freien Individuen herausbilden kann.

Für Aufsehen aber sorgte die Schule von Salamanca mit ihren Beiträgen zur Ökonomie, um die neuen gesellschaftlichen Probleme, mit denen sich auch Luther beschäftigte, zu bewältigen. Ihrer Ansicht zufolge beruht die natürliche Ordnung der Gesellschaft auf der „Freiheit der Zirkulation“ von Menschen, Gütern und Ideen. Sie erlaube den Menschen ein gegenseitiges Kennenlernen und die Herausbildung eines Gemeinschaftsgefühls.

Diego de Covarrubias
Einigkeit herrschte bei den Anhängern der Schule von Salamanca darüber, dass sich Eigentum stimulierend auf die ökonomische Aktivität auswirke, die wiederum zum allgemeinen wirtschaftlichen Wohlergehen beitrage. Diego de Covarrubias y Leiva (1512–1577) zufolge haben Menschen daher nicht nur das Recht auf Privateigentum, sondern auch das Recht, exklusiv aus den Vorteilen dieses Besitzes zu profitieren.

Auf dieser Grundlage entstanden auch die Beiträge der Schule zur Frage des gerechten Preises. Im Gegensatz zu Luther Prinzip der „ziemlichen Nahrung", entwickelten Diego de Covarrubias und Luis de Molina  (1535−1600) eine subjektive Werttheorie: Der Nutzen eines Gutes variiere von Person zu Person, so dass sich ein gerechter Preis automatisch durch wechselseitige Entscheidungen der Marktteilnehmer im freien Markthandel einpendele. Voraussetzung hierfür sei, dass keine Verzerrungen wie Monopole, Betrug oder staatliche Interventionen, die das Einpendeln des Marktpreises störten. Modern ausgedrückt vertraten die Anhänger der Schule von Salamanca also die Theorie der freien Marktwirtschaft, in der der Preis eines Gutes durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird.

Auch in der Frage des Wuchers nahm die Schule von Salamanca eine zu Luther konträre Position ein. Die in der Renaissance einsetzende erhöhte Mobilität in der Bevölkerung und die damit verbundene Steigerung der Handelsaktivität bot den Unternehmern geeignete Umstände zur Gründung neuer, lukrativer Geschäfte. Da geliehenes Geld jedoch jetzt nicht mehr ausschließlich – wie noch im Mittelalter - dem Verbrauch, sondern auch der Produktion diente, konnte es nicht mehr auf die gleiche Weise wie in der Scholastik betrachtet werden. 

Die Schule von Salamanca erarbeitete daher zahlreiche Gründe, welche die Erhebung von Zinsen rechtfertigten. Zunächst profitiere offensichtlich die Person, die ein Darlehen erhält, dann ist der Zins die Prämie, die den Verleiher des Geldes für das Risiko, das er auf sich genommen hat, entschädigt. Außerdem verlor der Verleiher durch die Gewährung des Darlehens die Möglichkeit, das Geld auf andere Art gewinnbringend zu verwenden. So wurde das Geld selbst als Handelsware gesehen, und die Benutzung von Geld als etwas, das für alle Beteiligten vorteilhaft sein kann.

Wichtig ist der theologische Kontext der Argumentation. De Vitoria entwickelte die Idee, dass die Willensfreiheit ein Geschenk Gottes an jeden Einzelnen sei. Es sei allerdings unmöglich, dass der Wille jeder Person immer das Gute wählt. Deshalb entstehe das Böse als notwendige Konsequenz des freien Willens der Menschen.

Zitate aus: Martin Luther: Werke, Kritische Gesamtausgabe, 6 Bd., Weimar 1888 (sprachlich von mir bereinigt)

Weitere Literatur: Jan Bernert: Luthers frühe Schriften gegen Zins und Wucher (1519, 1520, 1524). Kirchengeschichtlicher Ort und theologische Argumentation. Wissenschaftliche Hausarbeit für die 1. Theologische Prüfung, Hamburg 1993 -- Christian Hecker: Lohn- und Preisgerechtigkeit. Historische Rückblicke und aktuelle Perspektiven unter besonderer Berücksichtigung der christlichen Soziallehren, Marburg 2008 (Metropolis) -- Jesús Huerta de Soto: La teoría bancaria en la Escuela de Salamanca, online unter: http://www.ilustracionliberal.com/11/la-teoria-bancaria-en-la-escuela-de-salamanca-jesus-huerta-de-soto.html  

Einige wichtige Hinweise auf die Haltung der Schule von Salamanca verdanke ich dem "Retablo de la Vida Antigua".


Donnerstag, 12. Juli 2012

Martin Luther und die Handelsgesellschaften


Martin Luther um 1520 (Lucas Cranach d.Ä.)
Unmittelbar nach der reformatorischen Entdeckung des gnädigen Gottes und der Veröffentlichung der 95 Thesen am 31. Oktober 1517 beginnt Martin Luther mit der Ausarbeitung eines reformatorischen Programms, mit dem er das kirchlich-religiöse Leben neu gestalten will.

Unweigerlich berührt er dabei auch wichtige Themen des weltlichen Alltags, insbesondere aber aktuelle ökonomische Fragen. Das Thema des Zinsnehmens behandelt „Sermonen von dem Wucher“ (1519 / 1520).

In seiner dritten Schrift zu wirtschaftlichen Fragen, die den Titel „Von Kaufhandlung und Wucher“ (1524) trägt, behandelt Luther das Thema des pretium iustum, also des gerechten Preises. In der gleichen Schrift kritisiert Luther auch die Handlungsweise der großen Handelsgesellschaften.

Die Entstehung der Schrift steht eng im Zusammenhang mit der Antimonopolbewegung im Reich, die ihren Höhepunkt zwischen 1520 und 1530 erreichte und dabei „von nahezu allen Schichten des Volkes getragen wurde“ (Blaich).

Schließlich sahen sich die höchsten Instanzen des Reiches gezwungen, dem Missbrauch wirtschaftlicher Macht auf dem Wege der Antimonopolgesetzgebung zu begegnen. Die durch die Monopolwirtschaft der großen Handelsgesellschaften hervorgerufenen Schädigungen wurden auf den Reichstagen von Köln/Trier (1512), Worms (1521) und Nürnberg (1522-1524) ausgiebig diskutiert.

In Köln wurden im Reichsabschied Strafvorschriften gegen Monopole erlassen, auf den beiden folgenden Reichstagen richteten sich die Maßnahmen gegen die großen Handelsgesellschaften als solche.

Kaiser Karl V. (Lucas Cranach d.Ä.)

Neben der auf den Reichstagen geführten Diskussion über die Monopole erfolgten die ersten Monopolklagen durch den Reichsfiskal. Im Zentrum stand dabei der Prozess gegen die Augsburger Handelshäuser, allen voran die Fugger. Als die Angeklagten sich daraufhin direkt an Karl V. wandten, befahl dieser am 15.09.1523 dem Reichsfiskal „bei vermeidung unser schweren ungnad“, das Gerichtsverfahren einzustellen. Zwar sei auch der Kaiser „des willens und endtlicher meinung“, keine Monopole im Reich zuzulassen, dass er aber trotzdem „aus etlichen trefflichen und wolgegrünten ursachen ein verfahren wider obgemelt kaufleut“ zulassen könne.

Man kann wohl davon ausgehen, dass Luther sowohl von den unwirksamen Beschlüssen der Reichstage als auch von der inkonsequenten Haltung des Kaisers enttäuscht war. So sah er sich wohl gezwungen, das Thema des Wuchers im Hinblick auf den gesamten Kaufhandel aufzugreifen.

Lutherfordert, den Preis „nach Recht und Billigkeit“ festzusetzen und es eben nicht den Gesetzmäßigkeiten des Marktes zu überlassen, ihn zu regulieren. Konsequent verlangt Luther von den Kaufleuten, bei der Preisbildung immer auch das Wohl des Nächsten im Blick zu haben.

Luther macht in dem Verhalten der Handelsgesellschaften eine Haltung aus, die über den Weg monopolistischer Marktbeherrschung höchste Profite zu erzielen versucht. Es geht Luther dabei gar nicht so sehr um den Tatbestand des Monopols als solchem, sondern um den Zweck, der mit ihm verfolgt wird.

Anstelle des durch „Billigkeit“ und mit Blick auf den Mitmenschen geregelten Preises würden die Monopole einen künstlichen, durch Eigennutz bestimmten Preis festsetzen: „Denn solche Kauffleut tun gerade, als wären die Creaturen und Güter Gottes allein für sie geschaffen und gegeben, und als möchten sie dieselben den anderen wegnehmen und nach ihrem Mutwillen festsetzen“ (WA 15,305,28ff).

Auch der Antimonopolbewegung ging es darum, die Missstände zu beseitigen, die sich aus dem monopolistischen Verhalten ergaben. Ihre wirtschafts- und sozialpolitischen Ziele bestanden im wesentlichen in der Wiederherstellung der Preisgerechtigkeit, der Verhinderung einseitiger Vermögenskonzentration und der Existenzsicherung der „kleinen“ Kaufleute.

Jakob Fugger (rechts) mit seinem Hauptbuchhalter Matthäus Schwarz in der „Goldenen Schreibstube“ der Fugger, dem Fuggerkontor

Luther erkannte jedoch sehr genau, dass Kirche und Staat in der Praxis durch ihren ungeheuren Finanzbedarf auf den kapitalistischen Kaufmann angewiesen, ja von ihm abhängig waren. Auf diesem Weg drangen die Handelsgesellschaften immer stärker in die Wirtschaftsordnung ein. So schreibt Luther: „Die Fürsten sind der Diebe Gesellen geworden. Derweil lassen sie die Diebe hängen, die einen oder einen halben Gulden gestohlen haben, aber hantieren mit denen, die alle Welt berauben und mehr stehlen als alle anderen zusammen“ (313,5ff)

Luthers Kritik stand nicht nur im Einklang mit den Forderungen der Antimonopolbewegung im Reich, sondern auch mit der kirchlichen Tradition. In der Scholastik sah man in den Monopolen schlichten Betrug, der sich aus der Forderung ungerechter Preise ergab und zu Verzerrungen der üblichen Marktpreise führte: "Sie unterdrücken und verderben alle geringen Kaufleute, gleich wie der Hecht die kleinen Fische im Wasser" (312,4).

Weil die die Entstehens- und Existenzbedingungen der Handelsgesellschaften auf Eigennutz und auf Schädigung des Nächsten abzielen, fordert Luther ihre Abschaffung: "Sollen die Gesellschaften bleiben, so muss Recht und Redlichkeit untergehen. Soll Recht und Redlichkeit bleiben, so müssen die Gesellschaften untergehen. Das Bett ist zu enge, spricht Jesaja, eines muss herausfallen" (313,19 - Jes 28,20).

Luther will in seinen Schriften „Unterricht geben für jedermann“, jedoch nicht im Sinne einer neuen wirtschaftlichen Programmatik. Dies sei eindeutig die Aufgabe der Obrigkeit (311,23). Luther geht es um Aufklärung und Gewissensbildung. So wendet er sich an die, die „Christo gehorchen und lieber wollten mit Gott arm als mit dem Teufel reich sein“ (293,24f).

Luther ging es nicht um eine grundsätzliche Kritik des Handels, den er als für das Gemeinschaftsleben notwendig anerkannte. Aber er verlangt, das der Kaufmann vor allen anderen normativen Erwägungen – dazu gehören auch die eigengesetzlichen Mechanismen der Wirtschaft – die eigentliche ethische Grundentscheidung zugunsten des Nächsten getroffen hat:

„Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, dass frei in deiner Macht und deinem Willen steht ohne alles Gesetz und Maß, als wärest du ein Gott, der niemandem verbunden wäre. Sondern weil dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es mit solchem Gesetz und Gewissen verfasset sein, dass du es übst ohne Schaden und Nachteil deines Nächsten“ (295,22ff).
  
Zitate aus: Martin Luther: Werke, Kritische Gesamtausgabe, 6 Bd., Weimar 1888 (sprachlich von mir bereinigt)

Weitere Literatur:  Jan Bernert: Luthers frühe Schriften gegen Zins und Wucher (1519, 1520, 1524). Kirchengeschichtlicher Ort und theologische Argumentation. Wissenschaftliche Hausarbeit für die 1. Theologische Prüfung, Hamburg 1993  --  Christian Hecker: Lohn- und Preisgerechtigkeit. Historische Rückblicke und aktuelle Perspektiven unter besonderer Berücksichtigung der christlichen Soziallehren, Marburg 2008 (Metropolis)  --  Fritz Blaich: Die Reichsmonopolgesetzgebung im Zeitalter Karls V. Ihr ordnungspolitische Problematik, in: Schriften zum Vergleich von Wirtschaftsordnungen, hg. von Prof. Dr. K. Paul Hensel und Prof. Dr. Klemens Pleyer, Stuttgart 1967 (Gustav Fischer Verlag)

Sonntag, 22. April 2012

Martin Luther und der gerechte Preis


US Dollar Sign (Andy Warhol)
Eines der fundamentalen Probleme im Zusammenhang mit dem Thema „Geld und Gerechtigkeit“ ist die Frage nach dem gerechten Preis.

Lange Zeit war die auf Aristoteles zurückgehende Unterscheidung von Tausch- und Verteilungs-gerechtigkeit entscheidend für die Beurteilung des Preises.

Das Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit (iustitia distributiva) orientiert sich an der  Befriedigung der Grundbedürfnisse der Menschen. Demnach sind die Preise ungerecht, wenn aufgrund der Höhe der Preise eine angemessene Versorgung der Bevölkerung mit Grundgütern und die Herstellung und Bewahrung sozial angemessener Lebensverhältnisse nicht gewährleistet werden kann.

„Als ungerecht gilt, wer die Gesetze und die gleichmäßige Verteilung der Güter, die bürgerliche Gleichheit missachtet, also den Unersättlichen (pleonektēs). Somit gilt offenbar als gerecht, wer die Gesetze und die gleichmäßige Verteilung, also die bürgerliche Gleichheit achtet“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1129a31ff).

Nach Aristoteles wird die Verteilungsgerechtigkeit durch die Rechtsordnung der Polis garantiert, die auf der Gleichheit ihrer Bürger vor dem Gesetz beruht. Auf diese Weise wird zugleich die Voraussetzung für eine auf Tauschgerechtigkeit beruhenden Wirtschaftstätigkeit geschaffen.

Geht man von der Tauschgerechtigkeit (iustitia commutativa) aus, dann ist der Preis gerecht, wenn eine Ware zu einem Preis verkauft wird, der den Herstellungs- und Beschaffungskosten entspricht. Andernfalls läge der Tatbestand des Betruges oder Wuchers vor.

Die mittelalterliche Lehre vom iustum pretium, wie man sie etwa bei Thomas von Aquin findet, berechnet den Wert einer Ware genau auf dieser Grundlage der objektiven Kosten von Herstellung und Beschaffung. Thomas bestimmt den Wert eines Gutes zwar über den Marktpreis, dennoch ist es für ihn ungerecht, eine Sache teurer zu verkaufen oder billiger einkaufen als sie wert ist oder beim Kauf Notlagen ausnutzen. Dagegen hält Thomas von Aquin maßvolle Gewinne aus dem Handel für zulässig. So darf der Preis auch die Vergütung für einen entgangenen Nutzen des Verkäufers sein.

Martin Luther
Auch Martin Luthers Gedanken zum gerechten Preis stehen ganz in der Tradition von Aristoteles und Thomas von Aquin. In seiner Schrift „Von Kaufhandlung und Wucher“ (1524), neben den beiden Sermonen gegen den Wucher die dritte Schrift Luthers zu wirtschaftlichen Fragen, geht Luther zwar davon aus, das der Handel hinsichtlich der Befriedigung der täglichen Bedürfnisse „ein nötig Ding“ sei, weist aber darauf hin, dass „manch böser Griff und schädliche Finanze im Brauch sind“ (WA 15, 293,9f).

Luther fordert deshalb, die Preise nach „Recht und Billigkeit“ festzusetzen. Der Gewinn des Händlers solle sich dabei am  Prinzip der „ziemlichen Nahrung“ ausrichten. Dieses Prinzip wurde im 14. Jahrhundert von Heinrich von Langenstein in seinem „Tractatus bipartitus de contractibus emtionis et venditionis“ entwickelt und beschreibt ursprünglich die Vorstellung eines „standesgemäßen Unterhaltes.“ 

Luther dagegen verwendet den Begriff der "ziemlichen Nahrung" nicht im Sinne feudaler Ansprüche, sondern als Kriterium für ein verantwortliche ökonomisches Handelns. Es geht ihm hierbei vor allem um Bedarfsdeckung des Kaufmanns im Sinne einer lebensnotwendigen Versorgung mit Grundgütern, einschließlich Unkostenerstattung und angemessener Entlohnung.

Entscheidend ist jedoch, dass Luther den Begriff des pretium iustum in Beziehung setzt zum Begriff der „Billigkeit“, worunter im Allgemeinen eine Anpassung eines Rechtssatzes an einen konkreten Fall verstanden wird. „Billigkeit“ steht also im Spannungsfeld zwischen zwei Interessen: der Forderung nach Eindeutigkeit des geschriebenen Gesetzes und der unerlässlichen Flexibilität gegenüber unerwarteten, vom Gesetzgeber nicht vorausgesehenen Situationen.  

Weil Luther „Billigkeit“ also im Sinn einer sittlichen Gerechtigkeit und nicht als kodifiziertes Recht versteht, geht es ihm letztlich gar nicht um eine nach rein ökonomischen Kriterien ausgerichtete Preisbildung, ob sie nun durch behördliche Festsetzung oder durch die inneren Kräfte des Marktes bestimmt wird. 

Ein bekannter Kaufmann ...
Luther will vielmehr die ethische Grundentscheidung des Kaufmannes den ökonomischen Regulierungsmechanismen vorgeordnet sehen. Dabei genüge es schon, wenn der Kaufmann mit gutem Gewissen danach trachtet, das rechte Maß, also die „ziemliche Nahrung“ zu treffen. Das Ziel Luthers ist eine optimale Güter- und Einkommensverteilung unter dem Blickwinkel des Allgemeinwohls, aber auch eine für Käufer- und Verkäuferseite akzeptable Preisgestaltung.

An entscheidender Stelle schreibt Luther: „Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, das frei in deiner Macht und deinem Willen ohne jedes Gesetz und Maß steht, als wärest du ein Gott, der niemandem verbunden wäre. Sondern weil dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es mit solchem Gesetz und Gewissen verfasst sein, dass du es übst ohne Schaden und Nachteil deines Nächsten“ (295,22ff).

Eine nach Luther richtige Einstellung des Kaufmanns zu seinem Gewerbe ist demnach erst dann gegeben, wenn dieser vor allen anderen normativen Erwägungen die eigentliche ethische Grundentscheidung zugunsten des Nächsten getroffen hat. Auch wenn der Kaufmann nicht durch staatliche oder kirchliche Obrigkeit durch Gesetz in der Ausübung seiner Wirtschaftstätigkeit gebunden wird, so findet er dennoch in der freien Unterstellung der Person unter das Evangelium eine bindende Norm. 

Literatur: Martin Luther: Werke, Kritische Gesamtausgabe, 6 Bd., Weimar 1888 (sprachlich von mir bereinigt)  --  Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, München 1991 (dtv)  --  Christian Hecker: Lohn- und Preisgerechtigkeit. Historische Rückblicke und aktuelle Perspektiven unter besonderer Berücksichtigung der christlichen Soziallehren, Marburg 2008 (Metropolis)  --  Jan Bernert: Luthers frühe Schriften gegen Zins und Wucher (1519, 1520, 1524). Kirchengeschichtlicher Ort und theologische Argumentation. Wissenschaftliche Hausarbeit für die 1. Theologische Prüfung, Hamburg 1993

Sonntag, 18. März 2012

Martin Luther und der Wucher

Martin Luther (Lucas Cranach d.Ä.) 
Unmittelbar nach der reformatorischen Entdeckung des gnädigen Gottes und der Veröffentlichung der 95 Thesen am 31. Oktober 1517 beginnt Martin Luther mit der Ausarbeitung eines reformatorischen Programms, mit dem er das kirchlich-religiöse Leben neu gestalten will. Unweigerlich berührt er dabei auch wichtige Themen des weltlichen Alltags, so die Frage des Zinsnehmens. 
 
Im November 1519 veröffentlicht Luther seinen „Kleinen Sermon von dem Wucher“, dem zwei Monate später der „Große Sermon von dem Wucher“ folgt.
 
Luther beobachtet, dass „Geiz und Wucher nicht allein gewaltig in aller Welt eingerissen sind, sondern auch sich unterstanden haben, etliche Schanddeckel zu suchen, darunter sie, für billig geachtet, ihre Bosheit frei möchten treiben“ (36,7). Zu den Praktiken, die Luther kritisch betrachtet, gehören sowohl Zinsgewinne aus Darlehen wie Zinsgewinne aus Kapitalgeschäften, wie dem Zinskauf.
 
In der Frage des Darlehenszinses steht Luther ganz in der kanonistischen Tradition des Zinsverbotes. Bei Thomas von Aquin findet sich das Argument, dass bei einem verzinsten Darlehen derselbe Gegenstand zweimal verkauft werde: zunächst als Geldsumme, die zurück erstattet werden muss, zum anderen die Nutzung dieser Summe, für die ein Zins bezahlt werden musst. Diesen doppelten Verkauf einer Sache bezeichnet Thomas als Wucher.
 
Thomas von Aquin berief sich dabei auf die aristotelische Theorie von der Unfruchtbarkeit des Geldes. Danach galt das Geld als Konsumgut (so wie Wein, Öl, Gewürze), das durch Gebrauch verbraucht wird und deshalb nicht fruchtbar ist. Ein wichtiger Gebrauch des Geldes bestand beispielsweise darin, Verteilungstörungen im gewünschten ökonomischen Gleichgewicht (aequalitas) auszugleichen, so dass es weder Überfluss (superfluum) noch Armut (extrema necessitas) gab. Sein Wert ergab nicht also aus seiner Nutzung und seinem Verbrauch (res primo uso consumptibilis)

Auch Luther definiert „leihen“ im Anschluss an Lk 6,35 „etwas einem anderen dar strecken und umsonst mit bedingen … und nicht mehr zu nehmen“, d.h. ohne Zinsforderungen, ohne „Eigennutz“ und „Eigenvorteil“ (47,29) und ohne das „Interesse, das ist der Nutz, den sie weil möchten schaffen mit der verliehenen Wahre“ (50,5).
 

Der Goldwäger und seine Frau (Quentin Massys, 1514): Die Bibel liegt zwar auf dem Tisch, aber die Blicke sind dem Gold zugewandt - die alten Leitbilder werden brüchig ... 

Luther fordert vielmehr von den Christen, „dass wir sollen geben frei umsonst jedermann, der dessen bedarf oder begehret“ (41,16), und dass man gern „ohne allen Aufsatz und Zins“ (47,6) leihen oder borgen soll. Alles andere sei Wucher, also „wider die Natur handeln, tödlich sündigen“ (49,4).

Anders beurteilt Luther dagegen geschäftliche Zinsgewinne, z.B. aus dem Zinskauf. Im Unterschied zum einfachen Darlehenszins lag hierbei die Vorstellung eines realen Kaufgeschäftes zugrunde. Der Schuldner (Zinsmann) fungierte als Verkäufer des Zinses, den er aus einer bestimmten landwirtschaftlichen Fläche erarbeitet und gegen eine Kaufsumme an den Gläubiger (Zinsherr) verkaufte.
 
Zwar ist dieses Geschäft für Luther kein „Wucher“ im eigentlichen Sinn, er entlarvt aber seinen wucherischen Charakter, weil „in dem selben ein hübscher Schein und Gleißen ist, wie man ohne Sünde andere Leute beschweren und ohne Sorge oder Mühe reich werden möge“ (51,15).
 
Ausschlaggebend für Luthers Urteil ist seine Beobachtung, dass beim Zinskauf kein Risiko für den Zinsherrn bestand, weil er einen Anspruch auf einen festen Gewinn hatte. Zinsen dürfen nach Luther jedoch nur dann verlangt werden, wenn der Schuldner „seine Arbeit frei, gesund und ohne Hindernis brauchen möge“ (57,3).
 
Luther argumentiert hier mit der „Natur des Geldes“, die zwar die Möglichkeit, aber nicht die inhärente Sicherheit des Gewinns kenne. Im Handel aber sind neben Gewinnen auch Verluste möglich. Wer dieses Risiko nicht akzeptieren will und nur auf den eigenen Vorteil schaut, sei ein „Räuber und Mörder und reißt aus dem Armen sein Gut und Nahrung“ (57,20).
 
Der Zinskauf findet Luthers Zustimmung allein unter der Bedingung, dass „Käufer und Verkäufer beiderteil des ihren bedürfen“ (58,9), also der Handel zum Vorteil beider Seiten abgeschlossen wird. In diesem Fall ist ein Zins von 4-6 % erlaubt, wobei die Zinshöhe vor allem von der Bodenqualität abhängen soll. Höhere Zinssätze lehnt Luther kategorisch ab.
 
Die Kritik Luthers entzündet sich also weniger am Geschäft des Zinskaufes selbst, als an dem ihm innewohnenden hemmungslosen Gewinnstreben, also an seinem wuchererischen Charakter: „Ich denke, der Zinskauf sei nicht Wucher, mich dünkt aber, seine Art sei, das es ihm leid ist, das er kein Wucher sein darf, es fehlt nicht am Willen, aber er leider fromm sein“ (8,31).
 
Für Luther ist der Wucher Ausdruck eines wirtschaftlichen Egoismus. Er ist natürlich kein Feind des ökonomischen Handelns, aber er verurteilt kompromisslos jedes Verhalten, das sich auf Ausbeutung des Nächsten und Profitmaximierung, auf Eigennutz, Selbstübersteigerung und Missachtung der Notlage der Mitmenschen gründet – und genau dies wird für ihn in einigen praktizierten Finanzgeschäften seiner Zeit offensichtlich.
 
Letztlich sind Luthers Wuchersermone in einer Epoche tiefgreifender ökonomischer Umwälzungen und Neuerungen ein deutliches Plädoyer für ein stabiles gesamtgesellschaftliches Gefüge, das auch die stete Verbesserung der sozialen Lage breiter Bevölkerungsschichten mit einschließt.
 
Zitate aus: Martin Luther: Werke, Kritische Gesamtausgabe, 6 Bd., Weimar 1888 (sprachlich von mir bereinigt)


Weitere Literatur: Jan Bernert: Luthers frühe Schriften gegen Zins und Wucher (1519, 1520, 1524). Kirchengeschichtlicher Ort und theologische Argumentation. Wissenschaftliche Hausarbeit für die 1. Theologische Prüfung, Hamburg 1993  --  Günther Steuer: Studien über die theoretischen Grundlagen der Zinslehre bei Thomas von Aquin, Dissertation, Tübingen 1936  --  Hans-Günther Assel: Das kanonische Zinsverbot und der „Geist“ des Frühkapitalismus in der Wirtschaftsethik bei Eck und Luther, Dissertation, Erlangen 1948