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Donnerstag, 9. April 2026

Goethe, Napoleon und das Problem der Bewunderung

Es gehört zu den eigentümlichsten, ja unerquicklichsten Konstellationen der deutschen Geistesgeschichte, dass Johann Wolfgang Goethe ausgerechnet von Napoleon fasziniert war. Nicht nur beiläufig interessiert, nicht nur höfisch-reserviert aufmerksam, sondern im tiefen Sinn angezogen von jener Gestalt, die für weite Teile Europas längst zum politischen und moralischen Problem geworden war. Andreas Platthaus arbeitet diese Spannung im achten Kapitel seines Buches „1813: Die Völkerschlacht und das Ende der alten Welt“ mit großer Präzision heraus. Es trägt bezeichnenderweise den Titel „Opium für die jetzige Zeit: Goethe und sein Kaiser“ — und schon darin liegt des Pudels Kern: Die Beziehung Goethes zu Napoleon war keine bloß historische Episode, sondern eine Form geistiger Betäubung, vielleicht sogar eine Versuchung des großen Geistes durch die große Macht.

 

Napoleon Bonaparte and Johann Wolfgang von Goethe

Goethes Verhalten gegenüber der Völkerschlacht selbst ist bekanntlich von demonstrativer Distanz geprägt. In den „Tag- und Jahres-Heften“ bemerkt er rückblickend: „Wie sich in der politischen Welt irgendein ungeheures Bedrohliches hervortat, so warf ich mich eigensinnig auf das Entfernteste.“ Diese Selbstcharakterisierung ist ebenso elegant wie verräterisch. Denn sie stilisiert die politische Abstinenz zur Eigenart eines souveränen Geistes, verschleiert aber gerade dadurch ein Problem, das Platthaus sehr klar erkennt. Goethes Distanz war nicht nur Ausdruck klassischer Gelassenheit, sondern auch Symptom einer inneren Verlegenheit. Wer sich „eigensinnig auf das Entfernteste“ wirft, tut dies bisweilen deshalb, weil das Naheliegende ihn in einen Konflikt verwickeln würde, den er nicht lösen kann. Dieser Konflikt hieß Napoleon.

 

Platthaus zeigt, dass Goethe den Kaiser der Franzosen keineswegs nur als politischen Akteur wahrnahm, sondern als welthistorische Singularität. Schon 1804 hatte er Napoleon einen „außerordentlichen Mann“ genannt, „der, durch seine Unternehmungen, seine Taten, sein Glück, die Welt in Erstaunen und Verwirrung setzt“. Diese Formulierung enthält weder explizite Zustimmung noch offene Kritik, sie ist eine Charakteristik unter dem Signum des Ausnahmefalls. Napoleon erscheint hier nicht als legitimer Herrscher oder illegitimer Usurpator, sondern als Phänomen. Gerade darin aber liegt die Schwierigkeit, denn Denn wer Politik in dieser Weise ästhetisiert, läuft Gefahr, ihre Gewaltförmigkeit im Modus der Bewunderung zu neutralisieren.

 

Die persönliche Begegnung zwischen Goethe und Napoleon beim Erfurter Fürstentag 1808, die Platthaus ausführlich rekonstruiert, macht diese Ambivalenz greifbar. Hier treffen sich zwei Männer, die einander längst als Exponenten ihrer jeweiligen Sphäre erkannt haben: der eine als europäischer Geistesriese, der andere als politisches und strategisches Genie. Platthaus spricht treffend von „Parallelexistenzen“. Beide sind sich ihrer Größe bewusst; beide suchen im anderen eine Bestätigung der eigenen weltgeschichtlichen Bedeutung.

 

Napoleon hatte Goethe nicht zuletzt wegen des „Werther“ zu sich gebeten, den er nach eigenem Bekunden mehrfach gelesen habe. Im Gespräch soll er literaturkritisch bemerkt haben: „Die Politik ist das Schicksal!“ Dieser Satz, den Goethe überliefert, ist weit mehr als eine beiläufige Bonmot-Formel. Er markiert die Stelle, an der die klassische Weltordnung der Dichtung von der modernen Dynamik der Macht überholt wird. Wo früher Schicksal, Tragik oder göttliche Fügung standen, tritt nun Politik als letzte Instanz menschlicher Existenz. Man könnte auch sagen, dass sich in diesem Satz das Programm der Moderne verdichtet. Aber zugleich spricht daraus jene imperialistische Selbst-ermächtigung, die Politik nicht als gemeinschaftliche Ordnung, sondern als Schicksalsmacht eines Einzelnen versteht.

 

Zeitgenössische Postkarte (Anonymus)

Goethe scheint diesem Zugriff keineswegs widerstanden zu haben. Im Gegen-teil, er war von der Art, wie Napoleon las, urteilte und herrschte, zutiefst beeindruckt. Über die Besprechung des „Werther“ sagte er später zu Eckermann, Napoleon habe das Werk „studiert, wie ein Kriminalrichter seine Akten“. Das ist ein aufschlussreiches Bild. Es enthält Bewunderung für analytische Schärfe, aber auch das Eingeständnis, dass hier Literatur unter die Perspektive der Macht gerät. Napoleon liest nicht wie ein Dichter, nicht einmal wie ein empfindsamer Leser, sondern wie ein Richter, d.h. ordnend, prüfend, durchdringend. Dass Goethe darin vor allem eine Auszeichnung sah, sagt viel über die problematische Struktur dieser Beziehung.

 

Denn Napoleon erschien Goehte als das, was Platthaus mit einer goethischen Formel bezeichnet, ein „Kompendium der Welt“. Goethe sagte über ihn: „Man sah ihm an, daß er es war; das war alles.“ In diesem Satz kulminiert jene eigentümliche Mischung aus Anthropologie und Heroenkult, die Goethe für Napoleon empfand. Die historische Bedeutung scheint hier leibhaftig geworden, gleichsam in einer Person verdichtet. Aber eben das ist politisch heikel. Denn sobald Geschichte in einem Menschen verkörpert erscheint, wird Herrschaft ästhetisch überhöht und Kritik psychologisch erschwert.

 

Platthaus macht deutlich, dass Goethe diese Faszination auch 1813 nicht wirklich abgelegt hatte. Zwar erkannte er das deutsche Unabhängigkeitsstreben grundsätzlich an; doch seine Bewunderung für Napoleon als geschichtsmächtige Figur blieb weiterhin bestehen. Genau darin lag das Problematische. Goethe irrte sich nicht gern — und vielleicht noch weniger gern verabschiedete er sich von einer Gestalt, in der sich Größe so unübersehbar manifestierte. Seine Zurückhaltung gegenüber den sogenannten Befreiungskriegen war deshalb nicht nur staatsmännische Vorsicht oder dichterische Weltferne. Sie war auch die Zurückhaltung eines Mannes, der sich innerlich nicht von dem lösen konnte, was er längst als verhängnisvoll erkennen musste.

 

Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der berühmte Satz, den Napoleon nach der Audienz gesagt haben soll: „Voilà un homme!“ Goethe hat ihn mit sichtlichem Stolz tradiert. Der Kaiser erkennt im Dichter den Mann — nicht bloß den Autor, nicht den Untertanen, nicht den Höfling. Man versteht leicht, warum diese Szene Goethe schmeicheln musste. Und doch verrät gerade sie die Asymmetrie der Begegnung. Denn es ist Napoleon, der benennt, bewertet, erhebt. Selbst in der Anerkennung bleibt er der Souverän.

 

Dichterparade: In Erfurt empfing Napoleon die Literaturstars Johann Wolfgang von Goethe (l.) und Christoph Martin Wieland (Fantasiebild, Ende 19. Jahrhundert)


Platthaus’ Kapitel ist deshalb so lesenswert, weil es die Goethe-Napoleon-Beziehung weder moralistisch verdammt noch unkritisch verklärt. Es zeigt vielmehr eine geistige Komplizenschaft, die für Goethe unerquicklich sein musste. Es beschreibt die Begegnung eines Dichters, der an Form, Maß und Selbstbildung glaubte, mit einem Herrscher, der Weltgeschichte als Material des eigenen Willens behandelte. Goethe sah in Napoleon Größe; aber diese Größe war von Anfang an nicht unschuldig. Vielleicht liegt gerade die bleibende Pointe dieser Episode darin, dass der größte deutsche Dichter der Moderne sich an einem Mann berauschte, in dem sich die Größe der Epoche und ihre Verwüstung untrennbar verbanden.

 

Zitate aus: Andreas Platthaus: 1813. Die Völkerschlacht und das Ende der alten Welt, Berlin 2013 (Rowohlt).


Donnerstag, 11. August 2016

Goethe und die Revolution

Die Freundschaft zwischen Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe ist eine Sternstunde des deutschen Geistes: Schiller bringt seine Dramen mit Goethes Hilfe auf die Bühne. Goethe erlebt durch Schiller in Weimar seine zweite Jugend. Schiller lernte in der Freundschaft, "dass es dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit gibt als die Liebe", aber auch Goethe sagte von Schiller, er sei ihm der wichtigste Mensch gewesen. Rüdiger Safranskis Buch „Geschichte einer Freundschaft“ ist die spannend erzählte Biographie dieser für die Dichtung in Deutschland so wichtigen Begegnung.

Goethe und Schiller

Selbstverständlich ist die gemeinsame Geschichte ihrer Freundschaft nicht frei von Konflikten. Dies zeigt sich nicht zuletzt auch angesichts der revolutionären Umwälzungen in Europa.

Für Goethe war das „Schreckliche an der Revolution ... der soziale Vulkanausbruch.“ Goethe liebte schon in der Natur nicht das Vulkanische, sondern bekannte sich zum Neptunismus, zur Theorie von der allmählichen Veränderung der Erdoberfläche durch die Ozeane:

„Alles Plötzliche und Katastrophische war ihm verhaßt, in der Natur ebenso wie in der Gesellschaft. Das Allmähliche zog ihn an. Er suchte nach Übergängen, vermied Brüche. Die Evolution war seine Sache, nicht die Revolution“, schreibt Safranski über Goethe.

Natürlich war Goethe durchaus in der Lage, sich eine sozial gerechtere Ordnung vorzustellen, aber er wünschte, daß sie durch Reformen von oben zustande käme, etwa so wie sie der Aristokrat Lothario im achten Buch des »Wilhelm Meister« durchführt: Befreiung der Bauern von der Erbuntertänigkeit, gemeinwohlorientierte Bewirtschaftung der großen Güter.

„Es war nicht allein das Forcierte der Revolution, was ihn schreckte. Er ahnte, daß von nun an die Massen unwiderruflich die Bühne der Geschichte betreten haben könnten. Goethe gehörte nicht zu denen, die das erfreulich fanden. Mit Kant hätte er dies Ereignis als „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ interpretieren können.

Aber so sah Goethe die Dinge nicht. Vor allem bezweifelte er, „daß mit den Massen auch die politische Mündigkeit an die Macht käme. Er sieht nur das unheilvolle Wirken der Demagogen, Doktrinäre und Dogmatiker, der `Revolutionsmänner´ wie er sie verächtlich nennt. Sie führen und verführen die Massen und sind doch nur deren Ausgeburten.“ Im zweiten Teil des Faust heißt es:

Die Menge schwankt im ungewissen Geist,
Dann strömt sie nach,
wohin der Strom sie reißt.

Goethe dagegen ist der Auffassung, daß, wenn es um die Angelegenheit der ganzen Gesellschaft geht, ein das Ganze umgreifendes Denken erforderlich ist, das Verantwortung übernehmen kann. „Der gewöhnliche Mensch aber, so Goethe, kann sich zu diesem Gesichtspunkt nicht erheben, und darum wird er leicht zur Manövriermasse von Agitatoren.“

Wer die Gesellschaft verbessern will,
muss bei sich selbst beginnen ...
Vor allem würde eine allgemeine Politisierung den einzelnen Bürger in einen Rausch versetzen, bei dem man letztlich glaube, das Ganze beherrschen zu können, obwohl man sich nicht einmal selbst beherrschen könne.

Man will die Gesellschaft verbessern und weigert sich, mit der Verbesserung seiner selbst zu beginnen. „Im Rausch der politisierten Masse enthemmen sich die niederen Instinkte.“ 

Anschauungsmaterial dafür liefern Goethe der staatliche Terror, der im Jahr 1793 durch Frankreich tobt, die Massenhinrichtungen, die Pogrome, die Plünderungen in den besetzten Gebieten – und wo die Revolution die Köpfe nicht abschlug, reichte ihre Macht immerhin aus, sie zu verwirren.

Zuschlagen muß die Masse,
Dann ist sie respektabel,
Urteilen gelingt ihr miserabel.

„Die Politisierung der Öffentlichkeit nannte Goethe im harmloseren Fall eine allgemeine Ermunterung zur `Kannegießerei´, insbesondere ärgerte er sich über die absurde Verkennung der politischen Realitäten in Deutschland bei den Revolutionsfreunden. Unser Anteil an öffentlichen Angelegenheiten ist meist nur Philisterei, sagte er.“

Goethe lehnt die Revolution ab, weil die mit ihr verbundene Politisierung die Menschen in Verhältnisse und Aktivitäten verwickeln, die sie notorisch überfordern. Sie begünstigen und sind Ausdruck einer fundamentalen Verwirrung der Maßstäbe:

„Das Nahe und das Ferne werden nicht mehr richtig unterschieden. Der Lebenskreis, wo man sich auskennt und den man verantworten kann, wird überschwemmt von Anreizen zum Mitmachen und Mitmeinen, kurz: es findet ein Mentalitätswechsel statt, für den eine viel spätere Philosophie die Formel gefunden hat: Keiner ist er selbst und jeder ist wie der andere. Verwirrung im Großen und Verwahrlosung im Kleinen sind die Folge.

Der Mensch heißt es in `Wilhelm Meisters Lehrjahren´, ist zu einer beschränkten Lage geboren, einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen, und er gewöhnt sich die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder was er will, noch was er soll, und es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut, oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde. Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.“

Erwachsene Gestaltung der Persönlichkeit statt aufgeregte Leidenschaft

Gegen die politische Leidenschaft der `Aufgeregten´ setzt Goethe die aus der Kraft der Begrenzung erwachsene Gestaltung der individuellen Persönlichkeit. Da wir das Ganze nicht umfassen können und das Ferne uns zerstreut, so bildet der Einzelne sich zu etwas Ganzem aus – das ist Goethes Maxime, die einige Jahre später im `West-östlichen Divan´ so formuliert wird:

Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.

In diesem fast trotzigen Persönlichkeitsideal steckt auch jene glänzende Ignoranz im Dienste des Lebens, die Nietzsche an Goethe rühmen wird. Bei Goethe ist sie jedoch weiträumig, aber lebensklug nimmt er doch nur soviel Welt auf, wie er sich anverwandeln kann. Auch darin war er ein Meister: rigoros alles abzuwehren, was ihn nicht, wie er zu sagen pflegte, fördern konnte. „Bekanntlich blieb Goethes Welt und Leben geräumig genug, auch trotz der entschiedenen Gesten der Abwehr und Abgrenzung.“

Zitate aus: Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft, München 2009 (Hanser)


Donnerstag, 22. Januar 2015

Goethe und die griechische Antike

Johann Peter Eckermann (1792 - 1854)
Weniger die eigenen Gedichte, als vielmehr die Niederschrift seiner Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens haben Johann Peter Eckermann weithin bekannt gemacht. Insbesondere die ersten zwei Bände seiner Unterhaltungen mit Goethe (veröffentlicht 1836) gelten als authentisch und werden in Publizistik, Literatur und Wissenschaft immer wieder als Quelle herangezogen.

Während einige seiner Zeitgenossen Eckermann verspotteten – Heinrich Heine nannte ihn „Goethes Papagei“ – urteilten andere positiv über ihn. Nietzsche bezeichnete die „Gespräche mit Goethe“ sogar als das beste deutsche Buch, das es gibt.

Eckermann selbst sieht sich weniger als Sekretär Goethes, sondern mehr als Gefährte und Freund des Dichters, in dessen Dienst er neun Jahre seines Lebens und seiner Schaffenskraft stellt. Goethe nennt ihn denn auch seinen „geprüften Haus- und Seelenfreund“ und „getreuen Eckart“ und lässt ihm im Jahre 1825 einen Doktorgrad der Universität Jena verleihen, was Eckermann peinlich ist: „Ich musste es geschehen lassen, aber ich war nur glücklich, als ich noch ein ganz einfacher Herr Eckermann war.“

In jedem Fall haben die von Eckermann veröffentlichten Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens ihre Originalität und Gültigkeit auch für heutige Leser behalten. Viele Textstellen können als Leitsätze und Lebensweisheiten auch ohne den weiteren Textzusammenhang, für sich genommen, stehen, und nicht wenige dürfen als treffende Kommentare oder kritische Anmerkungen zu Phänomenen unserer Gegenwart gelesen werden und stehenbleiben.

Dazu gehören mit Sicherheit auch die Anmerkungen Goethes zur Größe des antiken Griechenlands im Vergleich zum damaligen kulturellen und geistigen Niveau in Deutschland:

„Also, mein Guter, ich wiederhole: es kommt darauf an, daß in einer Nation viel Geist und tüchtige Bildung im Kurs sei, wenn ein Talent sich schnell und freudig entwickeln soll.

Wir bewundern die Tragödien der alten Griechen; allein recht besehen, sollten wir mehr die Zeit und die Nation bewundern, in der sie möglich waren, als die einzelnen Verfasser. Denn wenn auch diese Stücke unter sich ein wenig verschieden, und wenn auch der eine dieser Poeten ein wenig größer und vollendeter erscheint als der andere, so trägt doch, im groben und ganzen betrachtet, alles nur einen einzigen durchgehenden Charakter.

Schauspieler in tragischer Szene (Altes Museum, Berlin)
Foto: Paideia
Dies ist der Charakter des Großartigen, des Tüchtigen, des Gesunden, des Menschlich-Vollendeten, der hohen Lebensweisheit, der erhabenen Denkungsweise, der reinen und kräftigen Anschauung, und welche Eigenschaften man noch sonst aufzählen könnte. Finden sich nun aber alle diese Eigenschaften nicht bloß in den auf uns gekommenen dramatischen, sondern auch in den lyrischen und epischen Werken; finden wir sie ferner bei den Philosophen, Rhetoren und Geschichtsschreibern, und in gleich hohem Grade in den auf uns gekommenen Werken der bildenden Kunst: so muß man sich wohl überzeugen, daß solche Eigenschaften nicht bloß einzelnen Personen anhaften, sondern daß sie der Nation und der ganzen Zeit angehörten und in ihr in Kurs waren.

Wie ärmlich sieht es dagegen bei uns Deutschen aus! – Was lebte denn in meiner Jugend von unsern nicht weniger bedeutenden alten Liedern im eigentlichen Volke? Herder und seine Nachfolger mußten erst anfangen sie zu sammeln und der Vergessenheit zu entreißen: dann hatte man sie doch wenigstens gedruckt in Bibliotheken.

Und später, was haben nicht Bürger und Voß für Lieder gedichtet! (...) Allein was ist davon lebendig geworden, so daß es uns aus dem Volke wieder entgegenklänge? – Sie sind geschrieben und gedruckt worden und stehen in Bibliotheken, ganz gemäß dem allgemeinen Lose deutscher Dichter.

Von meinen eigenen Liedern, was lebt denn? Es wird wohl eins und das andere einmal von einem hübschen Mädchen am Klaviere gesungen, allein im eigentlichen Volke ist alles Stille. Mit welchen Empfindungen muß ich der Zeit gedenken, wo italienische Schiffer mir Stellen des ›Tasso‹ sangen!

Heroen und Adoranten (Altes Museum, Berlin)
Foto: Paideia
Wir Deutschen sind von gestern. Wir haben zwar seit einem Jahrhundert ganz tüchtig kultiviert, allein es können noch ein paar Jahrhunderte hingehen, ehe bei unseren Landsleuten so viel Geist und höhere Kultur eindringe und allgemein werde, daß sie gleich den Griechen der Schönheit huldigen, daß sie sich für ein hübsches Lied begeistern, und daß man von ihnen wird sagen können, es sei lange her, daß sie Barbaren gewesen.“

Kurz vor seinem Tod setzte der greise Goethe seinen Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Riemer gemeinsam mit Eckermann gegen eine Gewinnbeteiligung testamentarisch zum Herausgeber seines literarischen Nachlasses ein, doch nahm nach Goethes Tod 1832 in Weimar bald kaum noch jemand Notiz von dem kränkelnden, allmählich verarmenden Eckermann. 1836 erschienen endlich seine lange vorbereiteten Gespräche mit Goethe, doch waren die Honorare so gering, dass er davon nicht lange zehren konnte. Am 3. Dezember 1854 starb Eckermann krank und vereinsamt in Weimar.

Zitate aus: Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe. Ausgewählt und mit einem erläuternden Register versehen von Dr. Hellmuth Steger, München 1949 (Deutsches Verlagshaus Bong)