„Die Natur ist das Reich der Freiheit!“
Andrea Wulfs großartige Humboldt-Biographie Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur zeigt den preußischen Naturforscher nicht nur als Begründer eines neuen,ganzheitlichen Naturverständnisses. Sie zeichnet ihn zugleich als politischen Denker, für den die Erforschung der Natur niemals von der Frage nach Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde zu trennen war. Besonders deutlich wird dies in Humboldts kompromissloser Gegnerschaft zur Sklaverei.

Alexander von Humboldt (1769-1859)
Als Humboldt zwischen 1799 und 1804 gemeinsam mit Aimé Bonpland durch die spanischen Kolonien Amerikas reiste, betrachtete er die Welt nicht mit dem distanzierten Blick eines Forschers, der lediglich Pflanzen sammelt, Höhen misst und Gesteinsschichten beschreibt. Er beobachtete vielmehr, wie Natur, Wirt-schaft und politische Herrschaft ineinandergriffen. Plantagenwirtschaft, Monokultur, koloniale Ausbeutung und Sklaverei bildeten für ihn Bestandteile desselben Systems. Auf Kuba erkannte er, dass „jeder Tropfen Zuckersaft Blut und Ächzen kostet“. Der Reichtum Europas und der weißen Pflanzer erschien damit nicht als Ergebnis wirtschaftlicher Tüchtigkeit, sondern als Produkt organisierter Gewalt.
Gerade hierin liegt die Modernität Humboldts. Seine Kritik an der Sklaverei ist weder bloß sentimental noch ausschließlich moralphilosophisch. Sie beruht auf genauer Beobachtung, empirischen Daten und ökonomischen Analysen. Humboldt untersuchte Produktionsverhältnisse, Landbesitz, Erträge und Handels-ströme. Doch hinter den Zahlen verlor er niemals die Menschen aus dem Blick. Das Gemeinwohl, erklärte er, bemesse sich nicht „nach dem Wert seiner Exporte“. Eine Wirtschaft, die den Wohlstand weniger durch die Unfreiheit vieler erkauft, kann demnach selbst dann nicht als erfolgreich gelten, wenn ihre Handelsbilanzen glänzen.
Während seiner Reise dokumentierte Humboldt die Grausamkeit der Sklavenhaltergesellschaften. Er sah die Narben der Peitschenhiebe und hörte Berichte über Folter und Erniedrigung. Ebenso prangerte er die Gewalt gegen die indigene Bevölkerung an, deren Kinder verschleppt, verkauft oder zur Arbeit gezwungen wurden. Dabei durchschaute er auch die beschönigende Sprache der Kolonialherren. Die Frage, welche Kolonialmacht ihre Sklaven angeblich menschlicher behandele, erschien ihm so absurd wie die Erörterung, „ob es angenehmer ist, sich den Bauch aufschlitzen zu lassen oder geschunden zu werden“. Nicht die mildere Form der Unterdrückung war das Ziel, sondern ihre Abschaffung.
Eine besondere Schärfe gewinnt Andrea Wulfs Darstellung durch die Begegnung Humboldts mit Thomas Jefferson. Beide Männer teilten das Ideal einer agrarischen Republik freier, unabhängiger Landbesitzer. Doch während Jefferson Freiheit verkündete und zugleich seinen Wohlstand der Arbeit versklavter Menschen verdankte, zog Humboldt aus dem Freiheitsgedanken die universa-listische Konsequenz. Jeffersons republikanisches Ideal blieb rassisch und sozial begrenzt; Humboldts Freiheitsbegriff dagegen ließ sich nicht an Hautfarbe, Herkunft oder Religion binden. Die Sklaverei war für ihn „das größte Übel“ und eine „Schande“.

Alexander von Humboldt mit Thomas Jefferson
Freilich war auch Humboldt ein Mensch seiner Zeit. Im persönlichen Gespräch wagte er es nicht, Präsident Jefferson unmittelbar mit dessen eigener Verstrickung zu konfrontieren. Seine Kritik äußerte er gegenüber dessen Freund William Thornton. Dieser Mangel an persönlicher Konsequenz mindert nicht die Klarheit seiner Position, erinnert aber daran, dass moralische Einsicht und politischer Mut nicht immer vollständig zusammenfallen. Umso bemerkens-werter ist, dass Humboldt seine Überzeugung über Jahrzehnte hinweg öffentlich verteidigte.
Als 1856 in den Vereinigten Staaten eine englische Ausgabe seines Werkes über Kuba erschien, aus der sämtliche kritische Passagen zur Sklaverei entfernt worden waren, reagierte der fast siebenundachtzigjährige Humboldt mit Empörung. Er ließ eine Presseerklärung verbreiten und stellte klar, dass gerade die gestrichenen Abschnitte zu den wichtigsten des gesamten Buches gehörten. Noch im hohen Alter bezeichnete er die Vereinigten Staaten wegen der fortbestehenden Sklaverei und der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung als ein „beflecktes Land“. In Preußen erreichte er immerhin, dass versklavte Menschen in dem Augenblick ihre Freiheit erhielten, in dem sie preußischen Boden betraten.
Humboldts Ablehnung der Sklaverei gründete letztlich in seinem Naturver-ständnis. Weil alle Menschen einen gemeinsamen Ursprung besitzen, gibt es für ihn keine höheren und niedrigeren „Rassen“. Alle seien „gleichmäßig zur Freiheit bestimmt“. So wie die Natur ihre Einheit nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch Vielfalt gewinnt, so sollte auch die menschliche Gesellschaft eine Ordnung freier und verschiedener Individuen bilden. „Die Natur ist das Reich der Freiheit“, lautet einer seiner schönsten Sätze.
Damit verbindet Humboldt Naturwissenschaft und Humanismus auf eine Weise, die bis heute herausfordert. Wer die Natur als lebendiges Beziehungsgefüge begreift, kann den Menschen nicht zugleich zur Ware erniedrigen. Und wer Freiheit als Grundprinzip der Natur erkennt, darf sie nicht als Privileg einzelner Völker oder Hautfarben behandeln. Andrea Wulfs Buch macht sichtbar, dass Humboldts Kampf gegen die Sklaverei kein Nebenaspekt seines Denkens war. Er gehörte zum innersten Kern einer Weltanschauung, in der Erkenntnis ohne Humanität unvollständig und Fortschritt ohne Freiheit nichts anderes als Barbarei ist.
Zitate aus: Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, München 2016 (C. Bertelsmann).









