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Donnerstag, 4. Januar 2018

Der Fussball und die Religion



Zur 21. Fußballweltmeisterschaft in Russland
(14. Juni 2018 – 15. Juli 2018)


„Fußball – in den Regeln einfach, in den Zusammenhängen komplex – bringt starke Emotionen hervor. Er bespielt auch die Räume des Symbolischen und kann mythische Bedeutungen fördern.“ So beschreibt jedenfalls Klaus Zeyringer in seinem Buch wichtige Elemente der Kulturgeschichte des Fußballs.

Fußball ist zunächst ein Massenspektakel, denn er gibt dem Kollektiv eine Erfahrung von Sieg und Niederlage. Somit vermag er ein Gruppenbewusstsein zu stärken oder überhaupt erst zu schaffen. Fußball er sich zur Entwicklung von Identitäten einsetzen, lokal und regional und national. Das ist zunächst wertneutral. Weil aber Männlichkeitsrituale die Inszenierung des Fußballs dominieren, ermöglicht Fußball auch die scheinbar unschuldige Möglichkeit zum scheinbar folgenlosen Ausleben von Chauvinismus, Rassismus und Sexismus.

Einer, der es wissen muss: Albert Camus
Albert Camus, 1957 Nobelpreisträger für Literatur, hatte in Algier beim Racing Universitaire als Tormann gespielt und war später Anhänger von Racing Paris. Alles, was er über die Moral des Menschen wisse, erklärte er, verdanke er dem Fußball.

Ähnlich drücken es andere Leute aus, die es wissen müssen: Fußball ist eine „Sozialisationsmaschine“ (Roberto DaMatta, brasilianischer Anthropologe), ein „aussagekräftiger Reflex auf die Welt“ (Martin Gessmann, Philosoph), „Fußball ist ein Kulturgut“ (Jürgen Klinsmann, Fußballspieler und Trainer).

Ein anderer Trainer hat es noch simpler ausgedrückt und wurde dafür gleich von manchem für einen Philosophen gehalten, der Komplexes auf den Punkt zu bringen wisse: „Der Ball ist rund“, soll Sepp Herberger gesagt haben. Peter Handke, Schriftsteller, hob dieses Wort sogleich ins Metaphysische: „Die Kugelform des Fußballs ist gerade zu einem Symbol des unberechenbaren Zufalls geworden.“ 2008 erschien der Sammelband Football and Philosophy mit dem Untertitel „going deep“.

Das Runde muss ins Eckige - Das ist schon die ganze Wahrheit ...

Über Fußball kann man also vieles sagen. „Er eignet sich zu Welterklärungen ebenso wie zu metaphysischen Aufschwüngen oder zu Kalendersprüchen – und zu kulturgeschichtlichen Ansichten und Einblicken.“

Zahlreiche Sozialwissenschaftler sehen im Fußball ein Ersatzphänomen: Ersatz für Religion und Nation, Ersatz für ein Klassenbewusstsein.

Der Verein fungiert als Ersatzfamilie und der Star als Ich-Ersatz. „Dazu gehört die Erhöhung ins Metaphysische. Vom `begnadeten Spieler´ ist die Rede, vom `Fußballgott´. Das Stadion von Rapid Wien nennen die Anhänger seit Jahren nach dem früheren Star und Architekten, der es erbaute, Sankt Hanappi, so dass nunmehr auch die Medien diese Bezeichnung verwenden.“

„Eine Sakralisierung öffnet das Reich des Transzendentalen ins Bodenständige. Sie ermöglicht die Übernahme geheiligter Vorbilder in viele Lebensbereiche.“

Cacau vom VfB Stuttgart
Seit mehr als hundert Jahren werden sakrale Elemente und Formen hin und her verschoben. Sie kommen in Politik, Kunst, Medien und Sport zum Ausdruck. „Historisch“ ist mittlerweile beinahe jedes Spiel, jedes Tor. „Den Ball flachhalten“ wäre hier vielleicht angeraten.

Das Stadion ist Kultstätte, Ort der Liturgie mit ausgeprägten Riten und Mythen. „Es konzentriert den kollektiven Glauben an ein auserwähltes Höheres, es führt ihn auf. Die Zugehörigkeit zur auserwählten Masse ist durch die Kleidung erkennbar betont, der Ritus folgt einer Choreographie: Auftritt und Präsentation des Sakralpersonals, Einnebelung und Wandlung, Heben des Trinkpokals und Sanctus, Auszug und Nachwirkung. Nach der Messe ist vor der Messe.“

Wunder-Diskurs („Das Wunder von Bern“!) und Ekstase sind Teil dieses säkularen Heiligenkults, der den Menschen in der Kultmasse eine andere, »höhere« Wirklichkeit vorspiegelt.

Zur populären Begeisterung für den Fußball und zu seiner medialen Verbreitung habe es wesentlich beigetragen, dass sich hier – wie nur an wenigen Orten der Moderne – die ursprüngliche Erfahrung des Religiösen machen lasse. 

Gott ist rund ist der Titel eines Buches von Dirk Schümer; und wenn im Stadion in Israel ein Tor erzielt wird, rufen die Fans Yesh Elohim, „Gott ist da“.

Der »heilige Rasen« wird das Londoner Wembley-Stadion genannt. Der Gründungsmythos, der die Arena aus der Gewöhnlichkeit erhebt, geht auf den 28. April 1923 zurück. „Für das Pokalendspiel Bolton Wanderers gegen West Ham United hatte man über 125000 Karten verkauft, dazu drängen noch 70000 durch die Tore. Die Menge füllt nicht nur die Tribünen, sondern auch das Spielfeld. Niemand weiß, wie man die gefährliche Lage bewältigen solle.

Da erscheint in der Mitte eine hohe Gestalt auf einem weißen Pferd, geradezu ein biblisches Bild: der Constabler George Scorey auf seinem Schimmel Billy. Vom Mittelkreis aus schafft er es, die Masse aus dem Stadion zu kommandieren.“

Das White-Horse-Cup-Final wird zur Legende ...

Ein anderes geschichtsträchtiges Ereignis, das „Wembley-Tor“ im Endspiel der Weltmeisterschaft 1966 dient dann eher als Symbol anhaltender Ungewissheit und andauernder Debatte.

Zitate aus: Klaus Zeyringer: Fußball. Eine Kulturgeschichte, Frankfurt a.M. 2014




Donnerstag, 7. Juni 2012

Peter Sloterdijk und der Fußball

- Zur Fussballeuropameisterschaft 2012 - 


Peter Sloterdijk (*1947)
Wer vom Fußball reden will, darf von der Archäologie der Männlichkeit nicht schweigen. Dieser Meinung ist jedenfalls Peter Sloterdijk.

Fußball sei atavistisch, eine anthropologische Versuchsanordnung: „Seit einigen tausend Jahren suchen die männlichen Menschen nach einer Antwort auf die Frage: Was macht man mit Jägern, die keiner mehr braucht?“

Obwohl Männer von ihrem anthropologischen Design her so gebaut seien, dass sie an Jagdpartien teilnehmen sollten, werden sie seit gut 7000 Jahren, also etwa seit Einführung des Ackerbaus (lat. cultura - bezeichnenderweise), einem ausgeklügelten zivilisatorischen Beruhigungsprogramm unterworfen. 

Je höher die Zivilisation, desto stärker war der Versuch, den inneren Jäger davon zu überzeugen, dass es im Grunde eine Schande ist, ein Mann zu sein – es sei denn, sie spielen Fußball und ersetzen die Jagd nach dem Wild durch die Jagd nach dem Tor!

Sloterdijk zufolge gibt es kaum ein Spiel, bei dem "unsere" alten protoartilleristischen Jagderfolgsgefühle so deutlich imitiert werden können wie beim Fußball: Nur „wenn man den inneren Jäger ganz paralysiert, ganz umgebracht hat, dann kommt man unvermeidlich zu der Überzeugung, dass es auf der Welt nichts Dümmeres gibt als die Reaktion von Fußballern nach dem Torerfolg. 

Der schwedische Fußballer Ibrahimovic beim Torjubel
Aber: Sobald man auf diesen Mord am inneren Jäger verzichtet und die alten Jagdgefühle zulässt, spürt man sofort, was auf dem Rasen verhandelt wird. Da wird nämlich das älteste Erfolgsgefühl der Menschheit reinszeniert: mit einem ballistischen Objekt ein Jagdgut zu treffen, das mit allen Mitteln versucht, sich zu schützen.“

Besonderes Interesse zeigt Sloterdijk auch für den Zusammenhang zwischen Fußball und Nation bzw. Nationalgefühl. Die Bedeutung der Fußballnationalmannschaft sei bei allen modernen Nationen ähnlich simpel: „Da geschehen Stellvertretungsrituale, an denen sich ein Großteil der Population beteiligen will“ – und in diesem Sinne sind Nationen perfekte „Erregungsgemeinschaften.“

Das sei nicht immer unproblematisch: „Wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass die Kollektiverregungen, um mit Thomas Mann zu reden, "dämonisches Gebiet" sind, dann wird man vorsichtig bei allem, was aufputscht. Wir sind gebrannte Kinder, seit wir erlebt haben, dass Kollektiverregungen auch immer Produkt einer gewissen gewollten politischen Regie sein können. 

Sportminister Zapatero 
So ist es an Peinlichkeit kaum zu überbieten, wenn sich ein Staatspräsident bei einem wichtigen Spiel einen Fussballschal umhängt oder beim Empfang der eigenen Mannschaft nach einem Titelgewinn sich das Trikot überzieht ... - aber von Abseitsfalle oder Raumdeckung nicht die geringste Ahnung hat. Kaum noch zu toppen ist, wenn sich der  Staatspräsident gleich selbst zum Sportminister ernennt - wie in Spanien mit Jose Luis Zapatero tatsächlich geschehen ...

Solche emotionalen Liturgien werden nach bestimmten Regeln erzeugt und sind von Hause aus instrumentalisierbar. Die samstägliche Sportschau mit Heribert F. und der Wille zum Krieg sind psychologische Verwandte. Daher erweist sich der Enthusiasmus als ein missbrauchbares Phänomen. Also sollte man die deutsche Vorsicht nicht nur als eine Neurose ansehen. Es würde genügen, darauf hinzuweisen, dass man auch die Vorsicht moralisch missbrauchen kann: "Wer als Deutscher einmal miterlebt hat, wie Engländer feiern und Hymnen singen, meint unwillkürlich, der Faschismus sei auf die Britische Insel ausgewichen.“

Fußballer und Werbung

Sloterdijk macht jedoch auch deutlich, dass die Faszination am Fußball eher in den kleinen, am Rand liegenden Geschehnissen aufzufinden ist: „Das Einzige, was mich beim Fußball wirklich zutiefst beeindruckt, das ist diese Fähigkeit der jungen Spieler, hinzufallen und wieder aufzustehen. Das finde ich begeisternd.“

Natürlich wolle auch Sloterdijk keine harten Fouls und unfaires Geholze sehen, sondern nur, „wie Männer wieder aufstehen. Ich finde das ein Manifest der Antigravitation. Wenn man älter und schwerer wird, dann weiß man ja, wie es sonst zugeht. Ich falle gelegentlich vom Fahrrad, und die Mühe, wieder auf die Beine zu kommen, ist eine grauenvolle Beleidigung. Deshalb habe ich großen Respekt vor diesem raschen Aufstehen bei hingefallenen Spielern. Das sind Momente, wo ich innerlich total beteiligt bin. Das Hinfallen gehört zur Sache, aber erst das Wiederaufstehen macht sie großartig.“

Leider habe sich auch hier der Fußball in die falsche Richtung modernisiert: „Ich beklage darum auch die neue Zwangsverarztung auf dem Feld: Ein angeschlagener Spieler, der noch laufen könnte, muss sich auf einer Bahre wegtragen lassen. Schauderhaft. Früher sind die Spieler heroisch selbst an den Rand gehumpelt. Jetzt werden sie obligatorisch abgeschleppt, das halte ich für eine Verirrung.“

Zitate aus: „Ein Team von Hermaphroditen“, Ein Gespräch von Dirk Kurbjuweit und Lothar Gorris Lothar mit Peter Sloterdijk, in: DER SPIEGEL 23/2006, S. 70ff (online: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-47134766.html) - Auch wenn das Interview von Herrn Sloterdijk schon vor 6 Jahren gegeben wurde, halte ich die Gedanken für zeitlos ... - Auch sehr empfehlenswert: "Das philosophische Radio" mit Martin Gessmann über die Philosophie des Fussballs