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Donnerstag, 6. März 2014

Hannah Arendt und der Versuch, das Handeln durch das Herstellen zu ersetzen

Hannah Arendt

Im Jahre 1958 veröffentlichte Hannah Arendt ihr philosophisches Hauptwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“, eine Theorie des politischen Handelns vor dem Hintergrund der Geschichte politischer Freiheit und selbstverantwortlicher aktiver Mitwirkung der Bürger am öffentlichen Leben.

Arendt zufolge habe jedes Individuum die Aufgabe, in Verbindung mit anderen Personen die Welt zu gestalten. Dabei stehen dem Menschen drei „Grundtätigkeiten“ zur Verfügung: Arbeiten, Herstellen und Handeln (griech. πόνος, ποίησις und πρãξις).

Während die Arbeit das „Am-Leben-Bleiben des Individuums und das Weiterleben der Gattung“ sichert, errichtet das Herstellen „eine künstliche Welt, die von der Sterblichkeit der sie Bewohnenden in gewissem Maße unabhängig ist und so ihrem flüchtigen Dasein so etwas wie Bestand und Dauer entgegenhält.“ 

Das Handeln – in enger Verbindung mit dem Sprechen - schließlich, „soweit es der Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen dient, schafft die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, für Erinnerung und damit für Geschichte“ (18).

Handeln und Sprechen finden im öffentlichen, im politischen Raum statt, denn sie „bewegen sich in dem Bereich, der zwischen Menschen qua Menschen liegt, sie richten sich unmittelbar an die Mitwelt, …wenn es sich um Dinge handelt, welche die Welt angehen, also den Zwischenraum, in dem Menschen sich bewegen und ihren jeweiligen, objektiv-weltlichen Interessen nachgehen. Diese Interessen sind im ursprünglichen Wortsinne das, was `inter-est´, was dazwischen liegt und die Bezüge herstellt, die Menschen miteinander verbinden und zugleich voneinander scheiden“ (224)

Arendt zufolge kam dies besonders klar und deutlich in der griechischen Polis zum Ausdruck. Hier zeigte sich, dass bevor das Handeln überhaupt beginnen konnte, ein begrenzter Raum fertig- und sichergestellt werden musste, „innerhalb dessen die Handelnden dann in Erscheinung treten konnten, der Raum des öffentlichen Bereichs der Polis, dessen innere Struktur das Gesetz war“ (244).

Unsterblicher Ruhm: Die Akropolis von der Pnyx aus gesehen (Foto: Paideia)

So bestand die Aufgabe der Polis im Hinblick auf das Handeln und Sprechen darin, Gelegenheiten herbeizuführen, „durch die man den `unsterblichen Ruhm´ erwerben konnte, bzw. die Chancen zu organisieren, unter denen ein jeder sich auszeichnen und in Wort oder Tat zur Schau stellen konnte, wer er in seiner einmaligen Verschiedenheit war“ (247).

Abschließend hält Arendt fest: „Die antike Einschätzung des Politischen wurzelt in der Überzeugung, dass die Einzigartigkeit des Menschen als solchen im Handeln und Sprechen in Erscheinung tritt und sich bestätigt, dass ferner diesen Tätigkeiten, trotz der ihnen eigenen Flüchtigkeit und materiellen Ungreifbarkeit, eine potentielle Unvergänglich eignet, weil sie sich von sich aus der andenkenden Erinnerung der Menschen einprägen“ (263). Daher ist für Arendt der öffentliche Raum in einem spezifischeren Sinn `das Werk des Menschen´ (Aristoteles) als es das Werk seiner Hände (Herstellen) oder die Arbeit seines Körpers (Arbeit) jemals sein können.

Arendt hat jedoch niemals ihre Augen vor der Tatsache verschlossen, dass die Tätigkeiten des Handelns und Sprechens, auf eine eitle Betriebsamkeit hinauslaufen können, dass also auch Politik nutzlos und unproduktiv sein kann.

In der langen Geschichte der Polemik gegen die Demokratie
Platon
hat es daher immer wieder Versuche gegeben, das Herstellen – in diesem Fall einer Herrschaftsordnung, die „ohne Politik“ auskommt - an die Stelle des Handelns zu setzen. Platons Staatsphilosophie steht für solch einen Versuch.

Bei Platon besteht der erste Schritt in diese Richtung darin, Öffentlichkeit überhaupt abzuschaffen und seine Zuflucht zur Monarchie – der Ein-Herrschaft – zu nehmen. Platons Vorschlag, einen Philosophen-König zur Herrschaft zu berufen, der dann mittels seiner „grenzenlosen Weisheit“ die praktischen Schwierigkeiten der Politik so auflöst, als handele es sich um Erkenntnisprobleme, ist gleichwohl eine deutlich tyrannische Spielart der monarchischen Lösung.

Denn nicht Grausamkeit, so Arendt, ist das „Merkmal der Tyrannis, sondern die Vernichtung des öffentlich politischen Bereichs, den der Tyrann aus Weisheit – weil er sich, und vermutlich sogar zu Recht, einbildet, es besser wissen – oder aus Machthunger für sich monopolisiert, dass er also darauf besteht, dass die Bürger sich um ihre Privatangelegenheiten kümmern und es ihm, dem Herrscher überlassen, sich der öffentlichen Geschäfte anzunehmen“ (280).

Im Werk „Der Staatsmann“ von Platon findet sich die theoretisch kürzeste Version der Bestrebungen, das Handeln durch Herstellen einer „Herrschaft der Besten“ zu ersetzen. Hier teilt Platon erstmals die Menschen in solche ein, die wissen und nicht tun, und solche, die tun und nicht wissen, was sie tun.

Diese Trennung von Wissen und Tun hat sich bis heute als Wurzel aller Herrschaftstheorien erhalten, denn Platon identifiziert Wissen mit Befehlen und Herrschen und Tun als Gehorchen und Vollstrecken von Befehlen.

Auch Platons Ideenlehre beeinflusst in hohem Maße den Versuch, das Handeln durch das Herstellen zu ersetzen, denn zwischen dem Gebrauch der Ideen als „Modelle des Herzustellenden und ihrem Gebrauch als Maßstäbe für praktisch-politisches Verhalten ist kein großer Unterschied“ (287).

Wird also die Konzeption der Ideen auf das Politische angewandt, dann scheint es, als könne der Philosophen-König auf Grund seiner Erfahrungen im Bereich der „Ideen“, die Mannigfaltigkeit menschlicher Taten und Worte mit der gleichen, „objektiven“ Gewissheit abmessen, beurteilen und ihnen Richtlinien vorschreiben, die dem Handwerker eigen ist, wenn er Gegenstände herstellt (288).

Die Polis ist für den Philosophen-König letztlich nichts anderes als die Statue für den Bildhauer.

Herstellen eines Herrschaftssystems: "Das Volk im Zukunftsstaat" (Illustration zu dem Buch "Der Zukunftsstaat" von Friedrich Eduard Bilz, 1904)

Es verwundert nicht, dass sich Platons Vorstellungen hervorragend für die Konstruktion politischer Utopien eignen. In all seinen Utopien geht es Platon daher vornehmlich um die technische Regelung und das mechanische Herstellen des menschlichen Zusammenlebens.

Diese Hoffnung, Handeln durch Herstellen ersetzen zu können, „und die ihr innewohnende Degradierung der Politik zu einem Mittel für die Erreichung eines höheren, jenseits des Politischen gelegenen Zweckes – im Altertum des Schutzes der Guten vor der Herrschaft der Schlechten im allgemeinen und des Schutzes der Philosophen für der Herrschaft des Mobs im speziellen, im Mittelalter des Seelenheils, in der Neuzeit der Produktivität und des Fortschritts der Gesellschaft – sind so alt wie die Tradition politischen Denkens“ (292)

Und dennoch verwundert es nicht, dass Platons  - aber nicht nur Platons - Utopien immer sofort an der Wirklichkeit scheitern – und eben nicht an äußeren Umständen und Bedingungen –  sondern „an der Realität des menschlichen Bezugsgewebes, das technisch nicht kontrollierbar ist“ (289).


Zitate aus: Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2010 (piper)

Donnerstag, 25. April 2013

Hannah Arendt und das tätige Leben: Handeln


Hannah Arendt (1906 - 1975)
Im Jahre 1958 veröffentlichte Hannah Arendt ihr philosophisches Hauptwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben.“ Darin beschreibt sie nicht mehr und nicht weniger als eine Theorie des politischen Handelns vor dem Hintergrund der Geschichte politischer Freiheit und selbstverantwortlicher aktiver Mitwirkung der Bürger am öffentlichen Leben.

Arendt zufolge habe jedes Individuum die Aufgabe, in Verbindung mit anderen Personen die Welt zu gestalten. Dabei stehen dem Menschen drei „Grundtätigkeiten“ zur Verfügung: Arbeiten, Herstellen und Handeln (griech. πόνος, ποίησις und πρãξις).

Während die Arbeit das „Am-Leben-Bleiben des Individuums und das Weiterleben der Gattung“ sichert, errichtet das Herstellen „eine künstliche Welt, die von der Sterblichkeit der sie Bewohnenden in gewissem Maße unabhängig ist und so ihrem flüchtigen Dasein so etwas wie Bestand und Dauer entgegenhält.“

Das Handeln schließlich, „soweit es der Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen dient, schafft die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, für Erinnerung und damit für Geschichte“ (18).

Zunächst jedoch ist für Hannah Arendt grundlegend, dass die grundsätzliche Bedingung sowohl des Handelns als auch des Sprechens das „Faktum menschlicher Pluralität“ ist, die sich auf zweierlei Weise, „als Gleichheit und als Verschiedenheit“ (213), manifestiert. Pluralität ist demnach eine „Vielheit, die die paradoxe Eigenschaft hat, dass jedes ihrer Glieder in seiner Art einzigartig ist“ (214).

Das Faktum menschlicher Pluralität

„Sprechen und Handeln sind gerade deshalb wahrhaft menschliche Tätigkeiten, weil sich in ihnen die Pluralität und auch die Einzigartigkeit des Menschen darstellt: „Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich das Menschsein selbst offenbart“ (214).

Wenn Menschen sich sprechend und handelnd in die Welt einschalten, dann „offenbaren sie jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten gleichsam auf die Bühne der Welt, auf der sie vorher so nicht sichtbar waren“ (219).

Handeln und Sprechen im öffentlichen Raum
Handeln und Sprechen finden im öffentlichen, im politischen Raum statt, denn sie „bewegen sich in dem Bereich, der zwischen Menschen qua Menschen liegt, sie richten sich unmittelbar an die Mitwelt, …wenn es sich um Dinge handelt, welche die Welt angehen, also den Zwischenraum, in dem Menschen sich bewegen und ihren jeweiligen, objektiv-weltlichen Interessen nachgehen. Diese Interessen sind im ursprünglichen Wortsinne das, was `inter-est´, was dazwischen liegt und die Bezüge herstellt, die Menschen miteinander verbinden und zugleich voneinander scheiden“ (224)

Arendt zufolge kam dies besonders klar und deutlich in der griechischen Polis zum Ausdruck. Hier zeigte sich, dass bevor das Handeln überhaupt beginnen konnte, ein begrenzter Raum fertig- und sichergestellt werden musste, „innerhalb dessen die Handelnden dann in Erscheinung treten konnten, der Raum des öffentlichen Bereichs der Polis, dessen innere Struktur das Gesetz war“ (244).

Dabei waren die Gesetze noch nicht einmal „Erzeugnisse des Handelns“, sondern „Produkte des Herstellens“: „Der Gesetzgeber und der Architekt gehörten in die gleiche Berufskategorie“, denn so wie die Mauern die Stadt nach außen hin schützen sollten, so war es die Funktion der Gesetze, diesen Schutz nach innen zu entfalten (ebd.).

Der „Inhalt des Politischen“ aber, also das, worum es in dem politischen Leben der Stadtstaaten selbst ging, „war weder die Stadt noch das Gesetz – nicht Athen, sondern die Athener waren die Polis“ (ebd.). Dementsprechend war die Möglichkeit des πολιτεύεσθαι, das Recht, an den politischen Tätigkeiten der Bürger teilzunehmen, welche innerhalb der Polis vor sich gingen, ausschließlich auf die Bürger der Stadt beschränkt (ebd).

So bestand die Aufgabe der Polis im Hinblick auf das Handeln und Sprechen darin, Gelegenheiten herbeizuführen, „durch die man den `unsterblichen Ruhm´ erwerben konnte, bzw. die Chancen zu organisieren, unter denen ein jeder sich auszeichnen und in Wort oder Tat zur Schau stellen konnte, wer er in seiner einmaligen Verschiedenheit war“ (247).

Unsterblicher Ruhm: Ὦ ξεῖν᾿, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῇδε κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι ...  
(in Schillers Übersetzung: "Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest / Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.")

In der von Thukydides übermittelten eindrucksvollen Grabrede des Perikles kann man selbst nachlesen, was die Griechen damals dachten: „Dort heißt es, dass die Polis denen, die Land und Meer zum Schauplatz ihrer Kühnheit gemacht haben, garantiert, dass sie nicht vergeblich gelebt und gehandelt haben, daß sie weder eine Homers noch anderer seiner Kunst bedürften, sondern ohne alle Hilfe `unvergängliche Denkmäler´ hinterlassen werden von dem, was sie im Guten und Bösen an Erinnerungswürdigem vollbrachten“ (248)

Für die Griechen war also der politische Bereich nicht anderes als eine ewige Bühne, „auf der es gewissermaßen nur ein Auftreten, aber kein Abtreten gibt, und dieser Bereich entsteht direkt aus einem Miteinander, dem `mitteilenden Teilnehmen an Worten und Taten´“ (249).

Zusammenfassend hält Arendt fest: „Die antike Einschätzung des Politischen wurzelt in der Überzeugung, dass die Einzigartigkeit des Menschen als solchen im Handeln und Sprechen in Erscheinung tritt und sich bestätigt, dass ferner diesen Tätigkeiten, trotz der ihnen eigenen Flüchtigkeit und materiellen Ungreifbarkeit, eine potentielle Unvergänglich eignet, weil sie sich von sich aus der andenkenden Erinnerung der Menschen einprägen“ (263). 

Daher ist für Arendt das Handeln im öffentlichen, im politischen Raum in einem spezifischeren Sinn `das Werk des Menschen´ als es das Werk seiner Hände (Herstellen) oder die Arbeit seines Körpers (Arbeit) jemals sein können.

Das Handeln als "Werk des Menschen" (Aristoteles) ist eben genau das, worum es in der Politik geht, denn hier geht es nicht um ein gegenständlich-greifbares Hergestelltes, sondern um eine Tätigkeit in ihrer reinen Aktualität - also jenseits der Zweck-Mittel-Kategorie.

Aus diesem Grund - und dies sollten sich die heutigen "Politiker" deutlich hinter die Ohren schreiben - sind die Tugenden oder ἀρεταί keine bloßen Eigenschaften, die man zweckgebunden mobilisieren oder nicht mobilisieren kann, sondern eben "eine `Trefflichkeit´, die überhaupt nur in der Aktualität des Vollzugs da ist" (262).

Zitate aus: Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2010 (piper)

Donnerstag, 11. April 2013

Hannah Arendt und das tätige Leben: Herstellen


Hannah Arendt (1906 - 1975)
Im Jahre 1958 veröffentlichte Hannah Arendt ihr philosophisches Hauptwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben.“ Darin beschreibt sie nicht mehr und nicht weniger als eine Theorie des politischen Handelns vor dem Hintergrund der Geschichte politischer Freiheit und selbstverantwortlicher aktiver Mitwirkung der Bürger am öffentlichen Leben.

Arendt zufolge habe jedes Individuum die Aufgabe, in Verbindung mit anderen Personen die Welt zu gestalten. Dabei stehen dem Menschen drei „Grundtätigkeiten“ zur Verfügung: Arbeiten, Herstellen und Handeln (griech. πόνος, ποίησις und πρãξις).

Nach Arendt ist es die Gewissheit der Endlichkeit seines Daseins, das den Menschen dazu antreibt, sich eine Welt aus Dingen zu schaffen, die er mit „Geist“ und „Kraft“ aus unterschiedlichen Materialien herstellt und die seine Lebenszeit überdauern.

Während die Arbeit das „Am-Leben-Bleiben des Individuums und das Weiterleben der Gattung“ sichert, errichtet das Herstellen „eine künstliche Welt, die von der Sterblichkeit der sie Bewohnenden in gewissem Maße unabhängig ist und so ihrem flüchtigen Dasein so etwas wie Bestand und Dauer entgegenhält“ (18)

Steinmetze im antiken Rom

So sei es „das Werk unserer Hände, und nicht die Arbeit unseres Körpers“, also der „Homo faber, der vorgegebenes Material bearbeitet zum Zwecke der Herstellung, und nicht das Animal laborans, das sich körperlich mit dem Material seiner Arbeit `vermischt´“, der die endlose Vielfalt von Dingen anfertigt, „deren Gesamtsumme sich zu der von Menschen erbauten Welt zusammenfügt“ (161).

Die hier von Arendt beschriebene Unterscheidung zwischen „Arbeiten“ und „Herstellen“ zeigt sich auch in der Differenz zwischen den Produkten der Arbeit, den Konsumgütern, die verbraucht werden, während Produkte des Herstellens oder des Werkens gebraucht werden:

„Diese Gegenstände werden gebraucht und nicht verbraucht, das Brauchen braucht sie nicht auf; ihre Haltbarkeit verleiht der Welt als dem Gebilde von Menschenhand die Dauerhaftigkeit und Beständigkeit, ohne die sich das sterblich-unbeständige Wesen der Menschen auf der Erde nicht einzurichten wüßte; sie sind die eigentlich menschliche Heimat des Menschen“ (ebd).

John Neagle (1799–1865) In der Schmiede
Natürlich ist die Haltbarkeit der von Menschen geschaffenen Dinge nicht absolut, ihr Gebrauch nutzt sie ab. Dennoch ist offensichtlich, dass auch die „billigste Fabrikware sich von der erlesensten Delikatesse noch dadurch unterscheidet, dass sie nicht verdirbt, wenn sie nicht benutzt wird, dass sie eine bescheidene Eigenständigkeit hat, die sie befähigt, die wechselseitigen Launen ihres Besitzers für einen recht beträchtlichen Zeitraum zu überdauern“ (163).

Mit Hilfe dieser Dinge kann der Mensch – im Unterschied zum Tier, das in seiner natürlichen Umwelt lebt - sich seine eigene Welt aufbauen. Arnold Gehlen hatte bereits einige Jahre vorher festgestellt, dass der Mensch sich eine zweite Natur, eine künstliche und passend gemachte Ersatzwelt erschafft, in der er sich selbst als Kulturwesen deuten kann. Für Arendt dagegen ist der Prozess des Herstellens gleichwohl immer auch „gewalttätig“, denn der „Homo faber, der Schöpfer der Welt, kann sein Geschäft nur verrichten, indem er Natur zerstört“ (165).

Der Homo faber ist in der Tat ein „Herr und Meister, nicht nur weil er Herr der Natur ist oder verstanden hat, sie sich untertan zu machen“, sondern er ist vor allem „Herr seiner selbst, seines Tuns und Lassens“, was man eben nicht vom Homo laborans sagen kann, das stets „der Notwendigkeit des eigenen Lebens unterworfen bleibt“ (170)

Es ist nach Arendt das „eigentliche Merkmal des Herstellens, dass es einen definitiven Anfang und ein definitives, voraussagbares Ende hat“, während das Arbeiten „gefangen in den Kreislauf des Körpers“, weder Anfang noch Ende hat. Sobald das Resultat seiner Tätigkeit fertiggestellt ist, kann der Homo faber frei entscheiden, „ob das Werk seiner Hände der Vorstellung seines Geistes entspricht, und, wenn es ihm nicht gefällt; es zu zerstören“ (170).

Antike griechische Töpferei
Das Wesen des Herstellens zeige sich weiter in seiner Zweckdienlichkeit: „Der Zweck rechtfertigt die Gewalt, die der Natur angetan wird, wenn man das Material aus ihr gewinnen will, wie das Holz das Fällen des Baumes rechtfertigt, wie der Tisch schließlich die nochmalige Zerstörung des Materials, das Zersägen des Holzes rechtfertigt“ (182).

Sinn und Zweck fallen im Prozess des Herstellens zusammen, denn in der Welt Homo fabers, „wo alles seinen Nutzen beweisen muss und daher als ein Mittel gebraucht wird, um etwas anderes, als es selbst ist, zu erreichen, kann Sinn nur als ein Zweck verstanden werden, und zwar als ein Endzweck, bzw. ein `Zweck an sich´“ (183).

Deutlich wird der Zweck-Sinn des Homo faber letztlich auf dem Tauschmarkt, die Agora. Der Homo faber sei durchaus fähig, einen ihm angemessenen öffentlichen Bereich zu erschaffen, „obwohl dies nicht ein politischer Bereich im eigentlichen Sinne des Wortes ist“. Der Tauschmarkt ermöglicht dem Homo faber, „das Werk seiner Hände zur Schau zu stellen und die gebührende Achtung und Hochschätzung zu empfangen“ (191).

So liegt für Arendt die Bedeutung des Herstellens abschließend darin, dass „ohne die Geräte, die Homo faber entwirft, um die Arbeit zu erleichtern und die Arbeitszeit zu verkürzen“ auch das menschliche Leben nichts anderes sein könnte als Mühe und Arbeit (211).

Zitate aus: Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2010 (piper)

Donnerstag, 28. März 2013

Hannah Arendt und das tätige Leben: Arbeiten



Hannah Arendt
Zeit ihres Lebens war Hannah Arendt eine unorthodoxe und umstrittene Denkerin, die – tief verwurzelt in den Traditionen der Antike und der Aufklärung -, ihre radikaldemokratischen und zugleich antimarxistischen Anschauungen vehement verteidigte.

In der ersten Hälfte ihres Lebens wurde sie vor allem von der Existenzphilosophie Martin Heideggers und Karl Jaspers beeinflusst, bei denen sie studierte. Mit Heidegger verband sie eine kurze und leidenschaftliche Liebesbeziehung.

Ab 1941 lebte sie in den USA, deren Staatsbürgerschaft sie 10 Jahre später erhielt. Mit vielen zeitgenössischen, aus Deutschland stammenden Philosophen teilte sie das Schicksal der Emigration und des Exils.

Die Erfahrung der nationalsozialistischen Judenverfolgung brachte sie dazu, sich ihrer eigenen jüdischen Identität bewusst zu werden und sich Fragen der politischen Philosophie zuzuwenden. Ihre Gedanken mündeten schließlich in eines ihrer wichtigsten Werke, die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951).

Sieben Jahre später veröffentlichte Arendt ihr philosophisches Hauptwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben.“ Darin beschreibt sie nicht mehr und nicht weniger als eine Theorie des politischen Handelns vor dem Hintergrund der Geschichte politischer Freiheit und selbstverantwortlicher aktiver Mitwirkung der Bürger am öffentlichen Leben.

Arendt zufolge habe jedes Individuum die Aufgabe, in Verbindung mit anderen Personen die Welt zu gestalten. Dabei stehen dem Menschen drei „Grundtätigkeiten“ zur Verfügung: Arbeiten, Herstellen und Handeln (griech. πόνος, ποίησις und πρãξις).

Die Tätigkeit der Arbeit als dem ersten Bestandteil der Vita activa „entspricht dem biologischen Prozess des menschlichen Körpers, der in seinem spontanen Wachstum, Stoffwechsel und Verfall sich von Naturdingen nährt, welche die Arbeit erzeugt und zubereitet, um sie als die Lebensnotwendigkeiten dem lebendigen Organismus zuzuführen. Die Grundbedingung, unter der die Tätigkeit des Arbeitens steht, ist das Leben selbst“ (16).

Emile Othon Friesz: Arbeiten im Herbst
Die Arbeit sichert primär „das Am-Leben-Bleiben des Individuums und das Weiterleben der Gattung“ (18). Sie gehört notwendig zum menschlichen Leben, aber auch zu dem jedes anderen Lebewesens. Arbeit ist, so sieht es Arendt, nicht mit Freiheit verbunden, sondern muss verstanden werden als ein Zwang zur Erhaltung des Lebens, dem der Mensch von der Geburt bis zum Tod ständig unterliegt.

Im klassischen Altertum galt ursprünglich die Verachtung nur den Tätigkeiten, „die unmittelbar mit der Notdurft des Lebens verbunden waren und daher keine Spuren hinterlassen, kein Denkmal, kein Werk, kein Ding von Bestand“ (100).

Arendt zufolge weitete sich innerhalb der Polis die Verachtung bald auf alle Tätigkeiten aus, „die nicht direkt dem Politischen galten“, bis sie schließlich alles einschloss, „was nur überhaupt eine größere körperliche Anstrengung verlangte“ (ebd.). Alle griechischen Autoren dieser Zeit sind sich einig in der Einschätzung, dass „körperliche Arbeit sklavisch ist, weil sie durch die Notdurft des Körpers erzwungen ist“ (101).

So unterschied man beispielsweise kaum zwischen den Sklaven einerseits, also Gefangenen, die zum Beuteeigentum des Siegers wurden und in dessen Haushalt arbeiteten mussten, und den Werkleuten und Banausen (gr. Βάναυσοι) andererseits. Dies waren Leute, die nur an dem Handwerk interessiert und daher „gleichgültig gegen öffentliche Angelegenheiten“ waren.

Ein Grund für die Geringschätzung der Arbeit in der Antike lag für Arendt zudem darin begründet, dass die Produkte der Arbeit Konsumgüter sind, die nur einen geringen Grad an Beständigkeit besitzen, weil sie schnell durch Verbrauch verzehrt werden.

Es ist eben offensichtlich und zugleich in gewisser Weise tragisch, dass die Arbeit „nichts objektiv Greifbares hinterlässt, dass das Resultat ihrer Mühe gleich wieder verzehrt wird und sie nur um ein sehr Geringes überdauert“ (104):

„Nach kurzem Aufenthalt in der Welt kehren sie in den Schoß der Natur zurück, die sie hervorgebracht hat, sei es, dass der Prozess des menschlichen Lebewesens sie verzehrt hat oder dass sie ohne dieses Zwischenstadium in das Wesen und Verwesen der Natur zurückfallen (…) Sie brauchen nicht eigentlich erzeugt, sondern nur zubereitet und präpariert zu werden, und als solche Natur in der Welt kommen und gehen sie im Einklang mit der immer wiederkehrenden, kreisenden Bewegung des Natürlichen. Kreisend wie die Natur sind auch die Vorgänge des lebenden Organismus und des menschlichen Körpers, so lange nämlich, als er dem Prozess standhalten kann, der ihn durchdringt und zugleich aufreibt und am Leben erhält“ (115). 

Arbeit – verstanden als Mühe und Plage – kann also aus dem menschlichen Leben nicht entfernt werden, ohne dass die menschliche Existenz selbst dadurch gefährdet würde. So wird alles Leben unter dem Joch der Arbeit zur Knechtschaft - „Omnis vita servitium est“, wie Seneca meinte (De tranquilitate animae, II, 3).

Der Ursprung der Arbeit als Mühsal: Die Vertreibung aus dem Paradies (Marc Chagall)
Erst in der Neuzeit findet ein plötzlicher Aufstieg der Arbeit „von der untersten und verachtetsten Stufe zum Rang der höchstgeschätzten aller Tätigkeiten“. Diese Wende im Verständnis der Arbeit begann damit, „dass Locke entdeckte, dass sie die Quelle des Eigentums sei. Der nächste entscheidende Schritt war getan, als Adam Smith in ihr die Quelle des Reichtums ermittelte; und auf den Höhepunkt kam sie in Marx´ `System der Arbeit`, wo sie die Quelle aller Produktivität und zum Ausdruck der Menschlichkeit des Menschen selbst wird“ (119f).

Trotz der Hochschätzung der Arbeit bei Marx war seine Stellung zur Arbeit Arendt zufolge immer zweideutig. Obwohl für Marx die Arbeit eigentlich die menschliche und produktivste aller Tätigkeiten ist, „hat die Revolution doch nach Marx nicht etwa die Aufgabe, die arbeitende Klasse zu emanzipieren, sondern die Menschen von der Arbeit zu befreien. Denn das `Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört´ (Das Kapital, 3. Buch)“ (123).

So besteht einer der  - vielen - eklatanten Widersprüche in der Theorie von Marx darin, dass Marx immer davon ausgeht, „den Menschen als ein Animal laborans zu definieren, um dann dies arbeitende Lebewesen in eine ideale Gesellschaftsordnung zu führen, in der gerade sein größtes und menschlichstes Vermögen brachliegen würde“ (ebd.).

Für Hannah Arendt dagegen ist die Arbeit gerade kein Symptom für ein gestörtes Verhältnis zwischen Mensch und Natur bzw. zwischen Mensch und Welt, sondern in der Arbeit zeigt sich „die Art und Weise, in welcher das Leben selbst mitsamt der Notwendigkeit, an die es gebunden ist, sich kundgibt“ (141). 

So ist die Mühsal der Arbeit, „die so gar nichts Dauerndes zustande bringt, in ihrer Vergeblichkeit von einer unüberbietbaren Dringlichkeit, und ihre Aufgaben gegen allen anderen Aufgaben vor, weil von ihrer Erfüllung das Leben selbst abhängt“ (104).


Zitate aus: Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2010 (piper)