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Donnerstag, 16. Mai 2019

Philosophische Lebenshilfen und die Suche nach dem Glück - Teil 2


(Fortsetzung vom 09.05.2019)


Glück ... und Unglück
Wir leben in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen fragen, warum sie nicht glücklich sind. Diese Menschen suchen Rat auf Internetplattformen oder Seminaren. 

Und das Angebot ist reichhaltig: Da gibt es einen „Lebensfreude-Kongress“, die „Praxis für positive Lebensgestaltung“ oder eine „Navigation in Lebensfragen“. Auch ein ganzheitliches Coaching auf einer Engelsfarm kann gebucht werden. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Die Welt der Glücks-Ratgeber könnte so schön sein, gäbe es da nicht Autorinnen wie Rebecca Niazi Shahabi, die mit ihren nicht ganz ernst gemeinten Antioptimierungsratgebern wie „Nett ist die kleine Schwester von Scheiße“, „Ich bleib so scheiße, wie ich bin: Lockerlassen und mehr vom Leben haben“ den grassierenden Selbstoptimierungstrend durch den Kakao zieht.

Rebecca Niazi Shahabi sieht die Lebenshilfe-Veranstaltungen beispielsweise der School of Life eher kritisch: „Die Leute gehen nicht offen dorthin, sondern sie erwarten wirklich etwas, was sie einen Schritt nach vorne bringt. Und irgendwie ein Geheimnis, dass sie noch nicht kennen, das kann es nicht geben. Aber so sind diese Kurse angelegt.“

So sei es auch kein Zufall, dass die „School of Life“ ausgerechnet in in Berlin Prenzlauer Berg aufgeschlagen hat. „Hier lebt die kreative Selbstverwirklichung in bunten Farben: Kreativprojekte, Agenturen, Schreibbüros, Lebensberatung und Coachs gibt es an jeder Straßenecke. Dahinter verbergen sich oft Biografien, die möglicherweise in eine Optimierungsfalle geraten sind. 

Dank digitaler Medien sitzen junge Mütter oder Väter mit dem Kind auf dem Arm im Café und checken nebenbei e-Mails oder schreiben ein Konzept für ein Stadtteilprojekt. Die große Freiheit, das selbstbestimmte, meist Einzelkämpferleben fordert seinen Tribut: Mit dem Genuss individueller Freiheit geht ein subversiver Leistungsdruck einher, der in alle Lebensbereiche vordringt: Noch kreativer zu werden, wirklich vegan zu kochen, ein Stadtteilprojekt zu unterstützen und dabei immer schön individuell bleiben.“

Ich bleib´ so scheiße wie ich bin ...
Rebecca Niazi Shahabi kritisiert diesen Optimierungszwang, die verkürzten Gedankengänge und schlichten Analogien, und sieht darin ein allgemeines gesell-schaftliches Phänomen. Wer sich optimieren will, so ihre These, wird zwangsläufig auch normiert:

„Das ist ein gesellschaftlicher Druck, der sich auch immer wieder in verschiedenen Masken zeigt. Für mich ist dieses Beispiel der Dicken, die jetzt auch schön sind und Models werden oder irgendwie andere beim Abnehmen beraten oder so etwas oder irgendwie sich wohlfühlen. Für mich ist so ein gutes Beispiel: Ich wurde angerufen von einer Frauenzeitschrift und die sagt: Ja wir wollen ja zu unseren Schwächen stehen und grad unsere Schwächen. Wir würden Sie gerne einladen, wie man aus seinen Schwächen irgendwie etwas Positives macht.

Man hat keinen Raum mehr, in dem man so ist, wie man einfach ist oder indem man an sich etwas zur Kenntnis nehmen kann: Eine Schwäche oder etwas, was einen selbst unglücklich macht, und man in Ruhe herausfinden kann, wie man dazu steht. Eine Schwäche, die mich unglücklich macht. Das ist auch nicht verboten.

Ganz anders funktioniert der Human Trust, der nicht philosophische Inhalte, sondern ein ganzheitliches Motivations-Paket anbietet. Eine Online-Plattform, die ein gelingendes Leben im Dunstkreis von Positivem Denken und Selbstoptimierung verspricht. Star der Community, die über Videobotschaften, Onlinekurse, und Live-Seminare operiert, ist der Motivations-Coach Veit Lindau.

Ich streife durch deine Träume. 
Ich beobachte dich durch die Augen 
jedes deiner Mitmenschen. 
(Veit Landau)

Veit Lindau
Veit Lindau ist ein Animateur für die Seele, ein smarter Unternehmer in Erfolgs- und Glücksfragen. Sein Rezept ist: Keine Rezeptur zu haben. Es zählt das „Machen“ und die Aussicht auf das sinnstiftende Gemeinschaftsgefühl, verpackt als in einzelne Lektionen unterteiltes Arbeitsprogramm. Die Palette ist bunt und deckt praktisch alle Lebensfragen ab. Veit Lindau hat etwas von einem zupackenden Leader, der online, auf Hör-CD, DVD und leibhaftig in Seminaren mit einfühlsamer Stimme Liebe predigt und Hingabe fordert.

Ich klopfe auf tausend verschiedene Weisen 
an deine Tür laut wie der Schrei eines wütenden Kindes 
und still wie die Ewigkeit des Alls. 
Ich werde nichts unversucht lassen, 
bis Du mir öffnest weit und bedingungslos 
bis du mir alles schenkst. 
Was du hast und was du bist. 
Wo bist du. 
Ich brauche dich, dein Leben. 
(Veit Lindau)

Die Coaching- und „Selbstfindungs“-Plattform Human Trust ist mit knapp zehntausend Mitgliedern ein Big Player im Reigen der „Lebensschulen“. Begleitend zu seinen Online-Kursen und Seminaren hat Lindau viele Bücher verfasst, in denen er seine Ideen von Erfolg und Glück in knackig-provokante Botschaften verpackt.

Opfer erkennst du daran, 
dass sie über das Warum reden. 
Menschen, die Lust auf Leben haben, 
beschäftigen sich mit der Frage: 
"Wie bekomme ich, was ich wirklich will?” 
(Veit Lindau)

Die Mitgliedschaft im Abo kostet derzeit 280 Euro im ersten Jahr, wenn das Erfolgspaket noch dabei sein soll, immerhin 600 Euro. Man kann die Kurse auch einzeln buchen, hat dann aber keinen Zugang zur Human Trust-Online-Community.

Ein Auszug aus der Definition des Begriffes Coaching, wie ihn der Deutsche Bundesverband Coaching vorschlägt: „Als ergebnis- und lösungsorientierte Beratungsform dient Coaching der Steigerung und dem Erhalt der Leistungsfähigkeit. Der Klient lernt im Idealfall, seine Probleme eigenständig zu lösen, sein Verhalten, seine Einstellungen weiterzuentwickeln und effektive Ergebnisse zu erreichen.“


Ein Coach ist der Optimierer per se, ein rational vorgehender Mensch, der zum Beispiel eine Fußball-Mannschaft zu Höchstleistungen anspornt und Unternehmen nach Fehlstellen abklopft. Im Zentrum steht die Verbesserung des Klienten und nicht sein persönliches Glücksgefühl.

Kritiker des Coaching-Wesens, wie der Politologe Gerg Steinmeyer, weisen darauf hin, dass Coaching-Techniken gerade nicht die Freiheit des Menschen im Auge haben, sondern das genaue Gegenteil, schreibt er in seinem Buch „`Die Gedanken sind nicht frei´ Coaching – eine Kritik“:

„Coachings, wie sie sich heute darstellen, sind entgegen ihrem Anspruch meist kein Instrument von Selbstbestimmung und Emanzipation, sondern forcieren im Gegenteil die Aufgabe selbständigen Denkens. Der „flexible“ und widerstandlose Mensch, der sich und seine Überzeugungen stets nach Maßgabe ökonomischer Verwertbarkeit anpasst und einer Gesellschaft oder eines Staates nicht mehr Bedarf, ist das offensichtliche Ziel gängiger Coaching-Verfahren.“

Coaching ist mehr als schnelle Glücksversprechungen ...

Zahlreiche der von Steinmeyer untersuchten Coaching-Techniken haben also im Kern einen ideologischen Charakter, formen eher ein der Ökonomie angepasstes Menschenbild, als dass sie die individuelle Freiheit des Klienten zum Maßstab nehmen.

Viele Coachings, so Steinmeyer weiter, „leisten diese Stärkung des Rückgrats gerade nicht, sondern leiten Menschen dazu an, bei Konflikten mit Mehrheiten über die Homogenisierung der eigenen Überzeugungen selbst Teil der Mehrheit zu werden. `Mit den Wölfen heulen´ nannte man das früher.“

Blickt man auch nur ausschnittsweise in den Dschungel der Glücksschulen, Bestseller, Erfolgs- und Motivationsseminare, bleibt eines gewiss: Die Beschäftigung mit dem verunsicherten „Ich“ in unübersichtlichen Zeiten ist ein lukratives Lifestyle-Phänomen geworden, das scheinbar unschuldig zwischen Lebensangst und Alltagsdefiziten hin und herschwingt und den gesellschaftlich gesteuerten Optimierungsdruck gegen Bares bedient.

Wer will, findet in den Angeboten sein persönliches Glück oder wenigstens doch den Impuls, das Thema „Ich“ neu zu vermessen. Oder man bleibt skeptisch und greift Senecas Vorstellung vom glückseligen Leben auf und macht erst einmal Pause vom Projekt „Lebensglück“.

„Glücklich zu leben wünscht jedermann; 
aber die Grundlagen erkennt fast niemand.“ 
(Seneca: Vom glückseligen Leben)



Quelle und Zitate: Sven Ahnert, Glücksversprechen – Philosophische Lebenshilfen, swr 2 Wissen, Sendung vom 6. Juli 2018




Donnerstag, 9. Mai 2019

Philosophische Lebenshilfen und die Suche nach dem Glück - Teil 1


Die Suche nach dem Glück ...
Wir leben in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen fragen, warum sie nicht glücklich sind. Diese Menschen suchen Rat auf Internetplattformen oder Seminaren. 

Und das Angebot ist reichhaltig: Da gibt es einen „Lebensfreude-Kongress“, die „Praxis für positive Lebensgestaltung“ oder eine „Navigation in Lebensfragen“. Auch ein ganzheitliches Coaching auf einer Engelsfarm kann gebucht werden. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

„Dies ist unser Manifest. 
Wozu Mensch bist du am Leben, 
wenn nicht um alles zu wollen 
und alles zu geben. 
Wir wissen wie es ist einzuschlafen. 
Wir wissen wie es sich anfühlt, 
sich selbst zu verraten 
und seine Mission zu vergessen.
Dies ist unser Manifest.“ 
(Veit Lindau)

Manche greifen zu einem Buch wie Rolf Dobellis Bestseller „Die Kunst des guten Lebens“ oder philosophischen Ratgebern von Richard David Precht, besuchen das Seminar eines Motivationstrainers wie Veit Lindau oder setzen sich in eine philosophische Abendveranstaltung der „School of Life“ in Berlin. Die Möglichkeiten sein Leben zu justieren, sich dem „Selbstoptimierungs-TÜV“ zu unterziehen, sind schier grenzenlos. Das eigene Lebensglück scheint daber nur eine Frage der richtigen Optimierungsstrategie!


Tun Sie nichts Falsches, dann passiert das Richtige. 
Das Leben ist hart, sei härter.
Zu nett für diese Welt. 
Iss Dein Eis, bevor es schmilzt. 
(Rolf Dobelli)

Mit seinem Buch „Wer bin ich? und wenn ja, wie viele?“ wurde Richard David Precht zum Medien-Philosophen par excellence. Er selbst hält sich allerdings auf Distanz zum Ratgeber-Geschäft und sieht sich überhaupt nicht im Garten der Ratgeber:

Richard David Precht
„Denn normalerweise erwarten Menschen von Ratgeber-Literatur, dass am Ende zehn todsichere Tipps stehen, wie man Millionär wird oder wie man seine Ehe rettet oder wie man das Glück findet, und jemand der einem Menschen so etwas verspricht, der will ihn veralbern. Das geht alles nicht. Es ist auch gut, dass das nicht so geht. Das Leben wäre ja furchtbar langweilig, wenn man nur zehn Regeln befolgen müsste und dann wären alle in ihrer Liebe erfüllt und alle reich und glücklich. Sondern als Philosoph versucht man als Erstes den Menschen klarzumachen, dass es auf die großen Fragen des Lebens eben keine guten und keine einfachen Antworten gibt. Aber, dass manchmal die Suche nach einer Antwort wichtiger ist als die Antwort selbst.“

Das Interessante am Leben sind ja nicht 
die schnellen kleinen smarten Lösungen.
Das Interessante am Leben ist der Weg selber. 
(Richard David Precht)

Im Grunde genommen, so Precht, habe sich seit den Zeiten der Antike eigentlich gar nichts geändert. „Fast alle wichtigen Einsichten, die wir über den Sinn des Lebens oder über das Glück haben, waren in der Antike im Grunde genommen schon bekannt. Also dass man nicht irgendwelchen kleinen leichten Verlockungen im Leben hinterherlaufen, soll, sondern dass man auf das gucken soll, was wirklich Substanz hat und was andauert und dass man nicht allein in den Sinn-Genüssen den Sinn des Lebens sehen soll, aber auch nicht auf sie völlig verzichten soll.

Das sind eigentlich alles Dinge, die wir ja schon in der Antike kennen. Was heute an den antiken Weisheitslehren so interessant ist: Für die Griechen war Müßiggang – Kontemplation – Meditation, sich mit sich selbst zu beschäftigen, seinen Gedanken nachzugehen, ein ganz großes Ideal.


Legen Sie sich eine Kiste mit mentalen Buchführungstricks für alle Lebenslagen zu, und Sie werden sehen: 
Je geübter Sie darin sind, Denkfehler zu vermeiden, 
desto mehr Spaß macht es, 
hin und wieder bewusst einen zu begehen
 – zu Ihrem Wohl. 
(Rolf Dobelli)


Ähnlich wie Richard David Precht, versteht sich Rolf Dobelli nicht als Coach oder Erfolgstrainer, und betrachtet eher distanziert die Coaching-Szene aus der Sicht des erfolgreichen Selfmade-Man:

Nach Dobelli gibt diese große Nachfrage nach diesen Ratgebersminaren, „weil die Welt so kompliziert geworden ist. Sie verändert sich sehr schnell. Wir haben Unsicherheiten. Ein Job ist nicht mehr ein Job fürs Leben. Eine Beziehung ist vielleicht nicht mehr eine Beziehung fürs Leben. Alles verändert sich, alles ist im Fluss und die Leute suchen Orientierung und die große Orientierung, die früher das Christentum hergab, dass dieses Leben eigentlich nicht so wahnsinnig wichtig ist.

Muss man ein guter Mensch sein? Das wichtige, schöne Leben kommt dann nach dem Tod. Und diese Orientierung fehlt, ist weggebrochen. Die Leute fragen: Was gibt es überhaupt noch aus der Geschichte der Philosophie? Was gibt es in anderen Kulturen? Viele Leute schauen sich in die östlichen Gefilde rein. Was bietet der Buddhismus beispielsweise, was bietet Konfuzius und suchen Halt, suchen Orientierung.“

All jene, die dich zu sich rufen, 
zerren dich von dir selbst weg. 
(Seneca)

Seneca zählt zu Rolf Dobellis Lieblingsphilosophen: „Ich habe ein Teil Halt im Stoizismus gefunden: Sie ist eigentlich ein Vorläufer des Christentums. Dort gibt es gute Ansätze, wie man das Leben hinkriegt, in einer komplett komplizierten Umwelt, wie wir sie jetzt im 21. Jahrhundert haben. Das ist eine Philosophie, die ist 2300 Jahre alt. Die großen Namen sind Seneca, Epiktet, Marcus Aurelius. Das sind Leute, die man wieder lesen soll und wirklich anwendbar für dieses Jahrhundert.“

Epitket (50-135 n. Chr.)
Der Rückgriff auf antike Klassiker ist sehr verbreitet im Ratgeber-Geschäft: Seneca, Mark Aurel und Epiktet, all die vielen Vordenker der inneren Gelassenheit, werden häppchen-weise adaptiert und dem Geist der Selbstoptimierung dienstbar gemacht. So sind die Dobellis philosophischen Ratgeber-Baukästen gar nicht so weit entfernt von der Welt der Selbstoptimierung, die nach Verbesserung des Selbst trachtet.


„Das eigene Potential entdecken“, 
„Besser kommunizieren im Arbeitsleben“, 
„Den Job finden, der zu mir passt“, 
„Wie man die innere Ruhe bewahrt“, 
„Wie man Entscheidungen trifft“.

Auch die „School of Life“ aus dem hippen Berliner Bezirk Prenzlauer Berg gehört zu den Trendsettern der Lebensschulen: „Good Ideas for everyday Life“ – Gute Ideen für den Alltag? Das Motto der „School of Life“ – der Schule fürs Leben – verspricht Hilfe und praktische Lösungen für ein komplexes Leben.

Das Ladengeschäft passt gut ins bunte freiberufliche Treiben im Prenzlauer Berg: Neben zahlreichen Cafés, Buchhandlungen, Beratungsagenturen und Kitas macht der schicke Laden im minimalistischen Look viel her: Hier könnten Designerklamotten hängen oder Kunstwerke. Nun stehen die Bücher von Alain de Botton und andere Lebensratgeber wie sorgsam angeordnete Ausstellungsobjekte im Regal, laden ein zum Blättern. Kühles Understatement liegt in der Luft. Das Konzept wird in der Londoner Zentrale der „School of Life“ vorgegeben und zertifiziert.

Wenn wir erst mal angefangen haben, 
Ausschau nach ihnen zu halten, 
ist das Leben voller kleiner Freuden. 
(Alain de Botton)

Alain de Botton
Alain de Botton ist der geistige Vater der „School of Life“. Der Schweizer hat bisher 14 kleine, lebens-philosophische Bücher veröffentlicht - praktisch zu allen Lebenslagen und Fragen: „Gelassenheit“, Sex“, „Kleine Freuden“, „Partnerschaft“ und „Traumjob“.


Wenn wir uns fragen, 
welche Arbeit wir künftig nachgehen können, 
sollten wir darauf vertrauen, 
dass eine fundierte Antwort darauf bereits größtenteils 
in uns schlummert. 
(Alain de Botton)

Ganz neu ist Alain de Bottons Idee einer von Philosophen entwickelten Leitkultur nicht, aber sie besticht mit einer reduzierten Schlichtheit, die im Grunde jeden anspricht.

(Fortsetzung folgt)


Quelle und Zitate: Sven Ahnert, Glücksversprechen – Philosophische Lebenshilfen, swr 2 Wissen, Sendung vom 6. Juli 2018

Donnerstag, 5. März 2015

Helmut Schmidt und die Frage der Sinnstiftung durch Politik

Helmut Schmidt (* 1918)
In seinem Buch „Ausser Dienst“ äußert sich der ehemalige Kanzler und große deutsche Sozialdemokrat Helmut Schmidt, in gewohnt deutlicher Weise zu zentralen Fragen unserer Zeit. Im letzten Kapitel seines Buches äußert sich Schmidt auch zu der Frage, ob die Aufgabe der Politik (oder der Politiker) auch darin bestünde, die Menschen glücklich zu machen oder ihnen einen Sinn für ihr Leben zu geben.

Der politische Wettbewerb verleite die Beteiligten oft zu Übertreibungen. Dies betrifft auch das Gebiet der Verkündung moralischer Prinzipien. So habe Helmut Kohl in der Zeit des Regierungswechsels Anfang der 80er Jahre von der Politik eine „geistige und moralische Führung“ verlangt und nach „der großen Vision“ gefragt.

Schmidt dagegen verwahrt sich „gegen den Anspruch, die Regierung habe eine für Volk und Gesellschaft sinnstiftende Instanz zu sein.“ Regierung und Parlament haben vielmehr die Aufgabe, „Freiheit zu sichern, Gerechtigkeit zu sichern, sich um Solidarität zu bemühen und (auch) darum, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität erfahrbar zu machen.“

In einer Gesellschaft mit vielfältigen religiösen und philosophischen Grundüberzeugungen könne geistige und moralische Führung nur die Aufgabe von vielen sein, nicht aber der Regierung.“ Somit beruht „das geistige Leben eines Landes … auf `Vielfalt und Toleranz´“.

"Es ist nicht die Aufgabe des Bundeskanzlers,
für den Bürger den Sinn des Lebens zu stiften ..."

Schmidt habe in diesen Debatten eher auf der Seite des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizäckers gestanden, „der damals hervorhob, es sei nicht Aufgabe des Bundeskanzlers, für den Bürger den Sinn des Lebens zu stiften. Die geistige und moralische Grundlage unserer Gesellschaft liegt allein in den unveränderlichen Grundrechten des Grundgesetzes, insbesondere im Prinzip der Unantastbarkeit der Würde des Menschen, die im Artikel 1 verankert ist. Die Regierung darf Orientierung nur hier, nicht aber an anderen Orten und in anderen Gefilden suchen.“

Natürlich ginge von den politischen Parteien und von der politischen Klasse insgesamt auch so etwas wie „Führung“ aus, und natürlich dürfe eine Regierung auch moralische Anstöße geben. Ein gutes Beispiel dafür ist Willy Brandts Verständigungspolitik mit dem kommunistisch beherrschten Osten Europas und sein Kniefall im ehemaligen Warschauer Ghetto, in dem das Bekenntnis zur deutschen Schuld an der Vernichtung der Juden zum Ausdruck kam. Ein anderes gutes Beispiel dafür ist die Rede, die Richard von Weizsäcker als Bundespräsident anlässlich des 40. Jahrestages des Endes der nationalsozialistischen Diktatur vor dem Bundestag am 8. Mai 1985 hielt, denn sie verhalf vielen Deutschen endlich zu der Erkenntnis, daß der 8. Mai 1945 weniger eine Niederlage als vielmehr eine Befreiung der Deutschen gewesen ist.

Ikonische Demutsgeste: Der Kniefall von Warschau (7. Dezember 1970) 

In diesen beiden Fällen, so Schmidt, „gründete politisches Handeln im Bewußtsein von der Würde des Menschen. Brandt wie Weizsäcker haben in Übereinstimmung mit dem Grundgesetz gehandelt, sie haben sich nicht auf christliche oder andere Werte berufen müssen, um aus der deutschen Geschichte Konsequenzen zu ziehen. Daß es beide Male nicht nur Zustimmung, sondern auch heftige Ablehnung gab, gehört zu den Selbstverständlichkeiten einer offenen Gesellschaft, in der wir es mit einer Vielfalt von Wertvorstellungen zu tun haben.“

Der Politiker stehe nicht einfach vor der abstrakten Notwendigkeit, seine Pflicht zu erfüllen. Er ist im Alltag immer wieder mit konkreten Streitfragen konfrontiert, mit widerstreitenden Interessen und komplexen, schwer zu durchschauenden Problemen. „Immer aufs neue geht es um die Antwort auf die gleichen Fragen: Was ist hier notwendig? Was ist gerecht? Was dient meinem Land? Was ist zweckmäßig? Was ist in dieser konkreten Lage meine Pflicht?“

In diesem Zusammenhang ist für Schmidt das eigene Gewissen grundlegend: “Jeder Politiker muß mit dem, was er tut und was er sagt, vor seinem Gewissen bestehen können. Für mich bleibt das eigene Gewissen die oberste Instanz.“ Auch das Grundgesetz lässt erstaunlich offen, was die Moral von uns verlange. Es spricht zwar in Artikel 2 vom `Sittengesetz´, gegen das keiner verstoßen darf; aber dessen Inhalt wird nicht einmal angedeutet. Eine gemeinsame moralische Grundlage aber ist ein unverzichtbares Element jeder Gesellschaft. Das Problem ist, dass Moral und Tugenden dem Menschen nicht angeboren sind, sondern er beides allein durch Erziehung lernt – durch Beispiel, Lob und Tadel. „Das `Sittengesetz´ scheint demnach nichts anderes zu sein als das im Laufe von Jahrtausenden erzielte Ergebnis dieser Erziehung zur Kultur.“

Grundrechte und Tugenden bilden zusammen die Grundwerte,
auf denen unsere demokratische Gesellschaft beruht.

Die Grundwerte, die für Schmidt wichtig sind, sind im im Godesberger Grundsatzprogramm der SPD von 1959 festgelegt. Dort wurden allein `Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität´ als Grundwerte bezeichnet. „Dabei ist Freiheit vornehmlich ein Grundrecht, Gerechtigkeit und Solidarität dagegen sind keine Rechte, sondern vornehmlich Tugenden. Allerdings haben wir in Godesberg weder einen vollständigen Katalog der Grundwerte oder der Tugenden postuliert, noch konnten und wollten wir `letzte Wahrheiten´ verkünden. Wohl aber haben wir ein bedeutendes und weithin sichtbares Zeichen gesetzt.“

Wichtig ist in diesem Fall das Bekenntnis Schmidts, daß jedermann Verantwortung trägt und daß jedermann moralische Pflichten hat. „Es ist deshalb notwendig, zu den Tugenden zu erziehen und an die Pflichten zu erinnern. Diese Notwendigkeit gilt gegenüber jedem politisch engagierten Staatsbürger, sie gilt besonders für den Politiker. Jeder, der Verantwortung für andere hat oder anstrebt, ist nicht nur für seine Ziele und Absichten verantwortlich, sondern ebenso für die Folgen seines Handelns und seines Unterlassens. Je mehr ein Mensch Macht hat über andere, je mehr Einfluß er auf andere und deren Leben ausübt – als Vater oder Mutter, als Vorgesetzter, als Lehrer oder Journalist, als Unternehmer, Manager oder Politiker–, desto schwerer lastet auf ihm die Verantwortung für das Gemeinwohl, um so schwerer wiegen seine Pflichten.“

Weil die Diktaturen, die es im 20. Jahrhundert auf deutschen Boden gab, das Pflichtbewußtsein auf gröbste Weise missbraucht haben, wollen bis heute viele Menschen nur etwas von ihren Rechten wissen. Pflichten dagegen wollten sie nur insoweit befolgen, wenn sie auf staatlicher Macht beruhen und mit der Macht der Gesetze durchgesetzt werden. „Tatsächlich sind unsere Rechte auf Dauer jedoch nicht gesichert, wenn nicht unser Pflichtbewußtsein hinzutritt. Keine Gesellschaft freier Bürger kann auf Dauer ohne die Tugenden der Bürger bestehen. Die Nation braucht nicht nur die Grundrechte, sondern ebenso die Tugenden. Beide zusammen bilden die Grundwerte, auf denen unsere demokratische Gesellschaft beruht.“ Wer also dazu beiträgt, die Tugenden im öffentlichen Bewußtsein zu halten und dort fest zu verankern, der leiste dem allgemeinen Wohl, der salus publica, einen notwendigen Dienst.

Karl Raimund Popper (1902 - 1994)
Im Anschluss an seine philosophischen und politischen Lehrmeister – dazu zählen Karl Popper, Max Weber, Immanuel Kant, Marc Aurel, aber auch Konfuzius – warnt Schmidt davor, einen Katalog der im demokratisch verfaßten Staat obligaten Tugenden aufzuschreiben.

Die beiden ehrwürdigen Tugendkataloge der christlichen Überlieferung beispielsweise verzeichnen weder den Willen zur Freiheit noch den Willen zum Frieden, nicht einmal den Willen zur Wahrhaftigkeit. „Ich halte es für einen gefährlichen Irrtum, die Gesinnungen der Freiheit, des Friedens und auch der Wahrhaftigkeit, die weder zu den theologischen noch zu den Kardinaltugenden gehören, deshalb abzuwerten. Ein Gleiches gilt für die Mißachtung der sogenannten Sekundärtugenden.“

Worauf es Schmidt ankommt, sind „Tugenden, die ich die `bürgerlichen´ Tugenden nenne: die Tugend des Verantwortungsbewußtseins, die Tugend der Vernunft und die Tugend der inneren Gelassenheit.“ Auch wenn Schmidt niemals besonders religiös war, ein Gebet des Amerikaners Reinhold Niebuhr hat ihm immer aus dem Herzen gesprochen: `Gib mir die Gelassenheit, die Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann; gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann; gib mir die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.´“

Zitate aus: Helmut Schmidt: Außer Dienst: Eine Bilanz, München 2008 (Siedler)