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Donnerstag, 29. August 2013

Wesley Charles Salmon und die Schlüssigkeit der Argumente

Philosophie verlangt eine ausgesprochen bescheidene und selbstkritische Haltung, die jede Form von Rechthaberei und Dogmatismus ausschließt.

Wer philosophiert, darf sich nicht nur auf seine eigenen Gedanken verlassen, sondern muss immer wieder das Gespräch und die Diskussion mit anderen suchen und sich mit den Ideen, Argumenten und Theorien anderer Menschen auseinander setzen. 
Der Dialog - Das Wesen der Philosophie
In der Philosophie kommt es in ganz besonderem Maße  darauf an, sich um eine möglichst klare sprachliche Darstellung zu bemühen und eine „logische“, d.h. folgerichtige und widerspruchsfreie Argumentation zu verwenden.

Gerade weil es in der Philosophie so leicht ist, in einen unverständlichen Code zu verfallen, den nicht einmal Eingeweihte verstehen, ist es wichtig, dass sie sich selbst über ihre methodischen Grundlagen Gedanken macht.


Wesley Charles Salmon (1925 – 2001)
In der modernen Philosophie hat sich vor allem Wesley Charles Salmon (1925 – 2001) darum bemüht, zu mehr Klarheit und Präzision des philosophischen Fragens, Denkens und Reden zu gelangen.

In einem seiner bekanntesten Werke, der „Logik“ (1963), versucht Salmon, die Logik als ein Werkzeug der Philosophie zu entwickeln, mit dessen Hilfe man Begriffe und Argumente widerspruchsfrei und eindeutig gebrauchen lernt.

Am Beginn seines Buches erzählt Salmon ein interessantes Beispiel für die Notwendigkeit schlüssige Argumente zu verwenden:

„In einem seiner berühmten Abenteuer bekommt Sherlock Holmes einen alten Filzhut in die Hände. Obwohl Holmes den Eigentümer des Hutes nicht kennt, teilt er Dr. Watson eine Menge Einzelheiten über diesen Mann mit – unter anderem, dass er sehr intelligent ist. Diese Behauptung ist, für sich gesehen unbegründet. Holmes mag Gründe für seine Aussage haben, bisher hat er sie aber nicht angegeben.

Wie gewöhnlich sieht Dr. Watson keinerlei Grund für Holmes´ Behauptung und bittet um eine Erklärung. Als Antwort setzt Holmes den Hut auf. Er reichte ganz über die Stirn und saß auf seiner Nasenwurzel auf. `Es ist eine Frage des Rauminhaltes´, sagte er; `ein Mensch mit einem so großen Gehirn kann nicht dumm sein.´ Jetzt ist die Aussage, dass der Eigentümer des Hutes sehr intelligent ist, keine unbegründete Behauptung mehr. Holmes hat einen Grund angegeben und damit seine Aussage begründet. Sie ist die Konklusion eines Arguments.“

Logik (1963)
Salmon geht davon aus, dass wir Behauptungen so lange als unbegründet ansehen, bis Gründe zu ihrer Stützung angegeben worden sind. Genau damit beschäftigt sich die Logik, denn „ein Argument besteht aus mehr als nur einer Aussage: Es besteht aus einer Konklusion und den Gründen, die zu ihrer Stützung angegeben werden. Solange die Gründe nicht angegeben worden sind, liegt uns kein Argument zur Analyse vor.“

So können wir auch ein Argument so lange nicht beurteilen, bis die Begründung, die einen unverzichtbaren Bestandteil des Arguments bildet, vorgebracht wurde. Dabei ist es relativ unerheblich für die Analyse des Arguments und seiner Qualität und Stichhaltigkeit, von wem die Gründe vorlegt werden, ob von Holmes, Watson oder auch dem Leser. In einer Diskussion wird aber natürlich von demjenigen, der eine Behauptung aufstellt, auch die Begründung eingefordert werden.

Bei der Untersuchung der Argumente, also der Behauptung und ihrer Begründung(en) muss zusätzlich berücksichtigt werden, dass ein einzelnes Wort verschiedene Bedeutungen haben kann. Dies ist normalerweise nicht weiter schlimm, denn gewöhnlich geht schon aus dem Kontext hervor, welche Bedeutung gemeint ist. So besitzt der Begriff „Masse“ in der Physik und der Soziologie sehr unterschiedliche Bedeutungen, aber diese Mehrdeutigkeit wird nur sehr schwerlich zu Verwechslungen führen.

In anderen Fällen können wir gleichwohl nicht zweifelsfrei feststellen, in welcher Weise das Wort gebraucht wird. In dem Satz „Joachim hat von Andrea einen Korb bekommen“ wird das Wort „Korb“ offensichtlich mehrdeutig und damit missverständlich gebraucht, denn die Aussage, in der es vorkommt, kann auf wenigstens zwei Arten interpretiert werden.

Für Salmon führt die Vielfalt der Bedeutungen immer wieder zu logischen Problemen, „wenn dasselbe Wort in ein und demselben Argument in zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet wird.“ Stattdessen muss darauf geachtet werden, dass die Gültigkeit des Arguments davon abhängt, dass das Wort an jeder Stelle des Arguments denselben Sinn besitzt – zumindest aber, dass bei den diskutierenden Personen ein gleiches Begriffsverständnis vorliegt oder hergestellt wurde. Ansonsten erliege man in solchen Diskussionen dem Fehlschluss der Mehrdeutigkeit.
Die Folgen des Fehlschlusses der Mehrdeutigkeit ... Gegenseitiges Unverständnis 

Um dies zu erläutern gibt Salmon folgendes Beispiel:

„Der normale College-Neuling ist lebhaft an Sport und Alkohol interessiert und den größten Teil seiner Zeit beschäftigt er sich mit Sex. Diese Dinge nehmen ihn ganz in Anspruch, Gedichte zum Beispiel lassen ihn kalt.

Hin und wieder begegnet man jedoch einem Neuling, der vollkommen anders ist. Er verbringt einen großen Teil seiner Zeit mit Lesen und möglicherweise schreibt er Gedichte. Er tut dies, weil es ihm gefällt. Er ist ein anormaler Fall. Häufig hat er einen ungewöhnlich hohen IQ. Er ist nicht an den Dingen interessiert, für die sich die normalen Jungen in seinem Alter interessieren. Von den anderen Jungen ist er abgesondert. Wenn wir auf derartige Jungen stoßen, dann fragen wir uns `Wie kann man ihnen helfen?´ Es muss doch einen Weg geben, um ihnen zu einer normalen Einstellung dem Leben gegenüber zu verhelfen.“

In diesem Beispiel ändert das Wort „normal“ seine Bedeutung. Am Anfang bedeutet „normal“ einfach so viel wie „durchschnittlich“, am Ende aber bedeutet es „gesund“. Während „durchschnittlich“ ein rein statistischer und damit vollkommen wertfreier Ausdruck ist, enthält „gesund“ unter anderem eine Wertung.

Untersuchte man den Beispieltext auf das darin enthaltene – unausgesprochene – Argument, dann köme man zu folgendem Ergebnis (in der Form des logischen Syllogismus):

  • Prämisse 1: Ein College-Neuling, der Gedichte mag, ist ein anormaler Junge.
  • Prämisse 2: Ein anormaler Junge ist zu bedauern.
  • Konklusion: Ein College-Neuling, der Gedichte mag, ist zu bedauern.


Das Problem ist, dass dieses Argument nun eine Mehrdeutigkeit enthält, die auf das Wort „normal“ zurückgeht. Das größere Problem jedoch ist, dass solche Argumente heute immer noch vorgebracht und von vielen geglaubt werden …

Zitate aus: Wesley Charles Salmon: Logik, Stuttgart 1983 (Reclam)

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Der Katalanische Nationalismus und die Sprache


Am 6. Dezember 2012 gab der argentinische Fußballstar des FC Barcelona, Lionel Messi, bei einer Pressekonferenz das folgende Statement ab: „Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass sie (gemeint ist die spanische Regierung) das Katalanische verbannen will. Das Einzige, was ich dazu sagen kann ist, dass ich – seit ich hier ankam – mit dem Katalanischen aufwuchs, es lernte, und niemals Probleme hatte“.

Der FC Barcelona: Toller Fussball und emsige Propagandamaschiene im Dienste des Nationalismus 

Diese Worte Messis stehen in krassem Gegensatz zu seinen Äußerungen in einem Interview, das er vor einiger Zeit für die Zeitschrift der argentinischen Fluggesellschaft gab. Dort gab Messi unumwunden zu, dass seine Schwester ein "Opfer der katalanischen Sprachpolitik“ wurde: „Als mein Schwesterchen in die Schule kam, sprach man Katalanisch. Sie weinte und es gefiel ihr nicht. Daraufhin beschloss meine Mutter nach Rosario (Argentinien) zurückzukehren mit ihr und ihren Brüdern.“

Das Überraschende bei alldem ist vor allem die Tatsache, dass sich ein argentinischer Fußballspieler im Dienste des FC Barcelona überhaupt berufen fühlt, zu Fragen der Linguistik Stellung zu nehmen.

Die Diskussion um die Regelung der Mehrsprachigkeit in Spanien ist seit Jahren Teil der politischen Auseinandersetzungen und ideologischen Kämpfe sowohl zwischen der Zentralregierung und den autonomen Regionen mit eigener Sprache einerseits, als auch zwischen den verschiedenen Parteien und Institutionen des Staates andererseits.

Im Absatz 1 der spanischen Verfassung von 1978 wurde unmissverständlich das Spanische (genauer: das Kastilische) zur Amtssprache des spanischen Staats erklärt: "Jeder Spanier ist verpflichtet, sie zu kennen und hat das Recht sie zu gebrauchen." Gemäß Absatz 2 sind die Regionalsprachen ebenfalls Amtssprachen in den jeweiligen Autonomen Regionen. In Absatz 3 wird den sprachlichen Verschiedenheiten Spaniens ein besonderer Wert und Schutz zugesprochen.

Es mag jedoch verwundern, dass es heute keinesfalls  darum geht, die Regionalsprachen gegenüber der offiziellen Amtssprache zu schützen und zu bewahrten. Vielmehr ist es umgekehrt! Vor allem in Katalonien hat die Sprachpolitik der verschiedenen nationalistischen Autonomieregierungen zu einer klaren Diskrimminierung der spanischen Sprache geführt, mit dem Ziel, sie aus dem öffentlichen (Sprach-)Raum zu verdrängen.

So haben die katalanischen Nationalisten und Separatisten mittlerweile u.a. erreicht,

  • dass Spanisch nicht mehr in den öffentlich-rechtlichen Medien der Region verwendet wird,
  • dass die Verkehrsschilder in Katalonien ausschließlich auf Katalanisch beschrieben werden,
  • dass Katalanisch unabdingbare Voraussetzung für jede Einstellung in die staatlichen Institutionen (!) in Katalonien ist,
  • dass Unternehmer Straf- und Bußgelder bezahlen müssen, wenn sie die Beschriftung ihrer Geschäfte auf Spanisch verfassen und
  • dass in den öffentlichen Schulen in Katalonien das Spanische keine gleichberechtigte Unterrichtssprache mehr ist. 

Die beiden letztgenannten Aspekte nationalistischer Sprachpolitik verdienen eine genauere Darstellung.

Bereits im Jahre 2005 wurden von der Katalanischen Regionalregierung die sogenannten „Oficinas de Garantías Lingüísticas“ ins Leben gerufen, deren Aufgabe bis heute darin besteht, die Bürger zu ermutigen, Anzeigen gegen die Geschäfte zu erstatten, die entweder ihre Schilder auf Spanisch verfassen oder deren Personal nicht in der Lage ist, die Kundschaft auf Katalanisch zu bedienen.

Wir können auch ... anders: Initiative zur Abschaffung der "Sprach-Bußgelder"

Art. 333.1 des „Código de Consumo de Cataluña” regelt das linguistische Erscheinungsbild eines Geschäftes bzw. Unternehmens. Danach kann jeder Inhaber mit bis zu 10.000 € Bußgeld belegt werden, der z.B. sein Firmenschild oder sonstige Hinweise wie „Schlussverkauf“, aber auch die Arbeitsverträge nicht in Katalanisch verfasst hat. Im Wiederholungsfall oder bei Zahlungsverweigerung kann das Bußgeld bis zu einer Höhe von 1.000.000 € erhöht werden.
   
Allein im Jahr 2007 wurden auf der Grundlage von insgesamt 733 Anzeigen Straf- und Bußgelder in Höhe von 2,9 Mio. € in Katalonien verhängt. Besonders bekannt wurde der Fall des Xurde Rocamundi, dem Inhabers eines Immobilienbüros, der 2010 zu einer Geldstrafe von 1.200 € verurteilt wurde, weil sein Firmenschild auf Spanisch verfasst war. Er wurde, wie es im offiziellen Schreiben hieß, von einem "Bürger angezeigt, der anonym bleiben möchte." 

Xurde Rocamundi hat mittlerweile am eigenen Leib erfahren, was mit denen geschieht, die versuchen gegen den nationalistischen Strom schwimmen. So hingen "Revolutionäre Brigaden" gegenüber seinem Geschäft in Arenys in der Nacht zum 6. Januar folgendes Transparent auf.

Hetze auf Katalanisch: "Xurde! Um ein guter Bürger zu sein musst du lernen Katalanisch zu sprechen!"

Die Nacht zum 6. Januar, dem Tag der Hl. Drei Könige (in Spanien Tag der Bescherung) wird in Arenys auch "Nacht der Steckrüben und Kohlköpfe" (Nit de Naps i Cols) genannt, weil - in eindeutig diskrimminierender Absicht - an den Wohnungen der Junggesellen Kohlköpfe befestigt werden, während an die Türen der Frauen, die noch keinen festen Partner haben, Steckrüben gehängt werden. Mittlerweile haben nationalistische Gruppen diese Tradition für ihre Zwecke instrumentalisiert und organisieren Schmutz- und Hetzkampagnen gegen Menschen wie Xurde. Zwar klirrten (noch) keine Scheiben, aber diese Art von Aktionen weckt - insbesondere bei deutschen Gemütern - ziemlich üble Erinnerungen wach ... .

Es mag helfen, an dieser Stelle sich der Gedanken Ludwig von Mises zu erinnern, demzufolge es die alleinige Aufgabe des Staates ist, das Leben und Gesundheit, das Privateigentum und die Freiheit gegen gewaltsame Angriffe von außen zu schützen: „Alles, was darüber hinausgeht, ist von Übel. Eine Regierung, die, statt ihre Aufgabe zu erfüllen, darauf ausgehen wollte, selbst das Leben und die Gesundheit, die Freiheit und das Eigentum anzutasten, wäre natürlich ganz schlecht.“

Für von Mises wird der Staat in dem Moment zu einem Zwangs- und Unterdrückungsapparat, zu einem „Friedhof des Geistes“, sobald der Grundsatz der Nichteinmischung des Staatsapparates in allen Fragen der Lebenshaltung des Einzelnen aufgeben wird, indem er beispielsweise versucht, das Leben der Bürger bis ins Kleinste zu regeln und zu beschränken: „Die persönliche Freiheit des einzelnen wird aufgehoben, er wird zum Sklaven des Gemeinwesens, zum Knecht der Mehrheit.“

Der Traum des katalanischen Nationalismus


Für von Mises ist die Neigung, obrigkeitliche Verbote zu fordern, sobald den Menschen etwas nicht gefällt, und die Bereitwilligkeit, sich solchen Verboten zu unterwerfen, ein Zeichen für ihre Unmündigkeit, denn sie „zeigt, daß der Knechtsinn ihnen noch tief in den Knochen steckt. Es wird langer Jahre der Selbsterziehung bedürfen, bis aus dem Untertan der Bürger geworden sein wird.“

Denn: „Ein freier Mensch muss es ertragen können, dass seine Mitmenschen anders handeln und anders leben, als er es für richtig hält, und muss es sich abgewöhnen, sobald ihm etwas nicht gefällt, nach der Polizei zu rufen.“ – im Fall Katalonien nach den „Oficinas de Garantías Lingüísticas“.

Von besonderer Bedeutung für die Sprachpolitik ist natürlich das öffentliche Schulwesen. Auch hier kann man zweifelsfrei beobachten, dass die nationalistische Politik der „Inmersión lingüística“ (wörtlich: Eintauchen, hier gemeint als: Vertiefung, Intensivierung) dazu geführt hat, dass das Spanische als Unterrichtssprache vielfach schlicht  aus dem Unterrichtsalltag der Schulen verdrängt wurde.

Verschiedene Gerichte haben die Sprachpolitik der katalanischen Separatisten mehrfach verurteilt: Bereits 1994 hatte das spanische Verfassungsgericht sich mit der Klage eines katalanischen Rechtsanwaltes beschäftigt, der für seine Kinder Schulunterricht auf Spanisch in Katalonien einforderte. Der Klage wurde stattgegeben.

Von besonderer Tragweite ist das Urteil des Obersten Gerichtshofes aus dem Jahre 2008. Dieses Urteil verpflichtet die Autonomieregierung Kataloniens dazu, das Spanische an den Schulen als gleichberechtigte Unterrichtssprache einzurichten, sobald Eltern dies für ihre Kinder einfordern.

Mittlerweile liegen 5 Urteile des Obersten Gerichtshofes und ein Urteil des Verfassungsgerichts gegen die Sprachregelung an öffentlichen Schulen in Katalonien vor, die alle in einem wesentlichen Punkt übereinstimmen: Katalonien muss den Eltern die Möglichkeit zu spanischsprachigen Schulunterricht garantieren, sofern sie es für ihre Kinder wünschen.

Bis auf den heutigen Tag haben sich die Nationalisten in Katalonien geweigert, auch nur eines der gefällten Urteile umzusetzen. Ganz im Gegenteil: Im Rahmen der Parlamentsdebatte über das neue Schulreformpaket haben die Nationalisten bereits angekündigt, dass sie sich nicht an die geltenden Gesetze halten werden.

In dieser Parlamentsdebatte erwähnte der katalanische Politischer Durán i Lleida bezeichnenderweise, dass – trotz Verbote an vielen Schulen in Katalonien - viele Schüler in Katalonien „bedauerlicherweise“ Spanisch sprechen, wenn sie auf dem Schulhof zusammenstünden. Daraufhin meinte der ehemalige sozialistische Bürgermeister von La Coruña in Galizien, Francisco Vázquez, er sehe “keinerlei Unterschied zwischen einem Juden mit einem gelben Stern, der von den Nazis verfolgt werde, und einem Kind in Katalonien, das dafür bestraft wird, weil es auf dem Schulhof Spanisch gesprochen habe.

Das Katalanische ist wie die Mehrheit der Nationalsprachen, die heute so dauerhaft und festverwurzelt in den Kulturen der europäischen Völker erscheinen, in ihren Grundzügen im Laufe des 19. Jahrhunderts "entstanden". So haben emsige Intellektuelle beispielsweise auch das Neugriechische oder das Baskische sowie viele weitere Regionalsprachen „aus den vagen Regionen der volkstümlichen Umgangssprachen geschöpft und in die strenge Form grammatikalisch standardisierter Schriftsprache gegossen, ja teilweise überhaupt erst erfunden. Und was die Philologen nicht schufen, das stifteten die Dichter …“ (Hagen Schulze, 176)

Hintergrund der Sprachpolitik in Katalonien ist selbstverständlich ein für die Nationalisten typisches Verständnis von „Kultur“, dass seinerzeit Ernest Renan mit den folgenden Worten beschrieben hat:

"Wenn man zu viel Wert auf die Sprache legt, schließt man sich in einer bestimmten, für national gehaltenen Kultur ein; man begrenzt sich, man schließt sich ein. Man verlässt die freie Luft, die man in der Weite der Menschheit atmet, um sich in die Konventikel seiner Mitbürger zurückzuziehen. Nichts ist schlimmer für den Geist, nichts schlimmer für die Zivilisation. Geben wir das Grundprinzip nicht auf, dass der Mensch ein vernünftiges und moralisches Wesen ist, ehe er sich in dieser oder jener Sprache einpfercht.“

Ein anschauliches Beispiel für die "interkulturelle Kompetenz" katalanischer Nationalisten


Und weiter Renan: "Ehe es die französische, deutsche, italienische Kultur gibt, gibt es die menschliche Kultur. Die großen Menschen der Renaissance waren weder Franzosen noch Italiener noch Deutsche. Durch ihren Umgang mit der Antike hatten sie das wahre Geheimnis des menschlichen Geistes wiedergefunden, und ihm gaben sie sich mit Leib und Seele hin. Wie gut sie daran taten!"


Auch Adam Smith hatte als Ziel der Erziehung das kritische und selbstständige Denken definiert: „Denn je gebildeter die Bürger sind, desto weniger sind sie Täuschungen, Schwärmerei und Aberglauben ausgesetzt, die in rückständigen Ländern häufig zu den schrecklichsten Wirren führen. Außerdem ist ein aufgeklärtes und kluges Volk stets zurückhaltender, ordentlicher und zuverlässiger als ein unwissendes und ungebildetes ... Er ist dann auch eher geneigt, die Ziele hinter dem Geschrei nach Zwietracht und Aufruhr kritisch zu prüfen und fähiger, sie zu durchschauen“.

Die Sprachpolitik in Katalonien jedenfalls ist nicht geeignet, die Menschen zu gebildeten und kritischen Bürgern zu machen … 

P.S. Auch Fußballer sollten lieber das tun, was sie wirklich können und wofür man sie bewundert: „Das Einzige, was mich beim Fußball wirklich zutiefst beeindruckt, das ist diese Fähigkeit der jungen Spieler, hinzufallen und wieder aufzustehen. Das finde ich begeisternd. Ich finde das ein Manifest der Antigravitation. Wenn man älter und schwerer wird, dann weiß man ja, wie es sonst zugeht. Ich falle gelegentlich vom Fahrrad, und die Mühe, wieder auf die Beine zu kommen, ist eine grauenvolle Beleidigung. Deshalb habe ich großen Respekt vor diesem raschen Aufstehen bei hingefallenen Spielern. Das sind Momente, wo ich innerlich total beteiligt bin. Das Hinfallen gehört zur Sache, aber erst das Wiederaufstehen macht sie großartig“ (Peter Sloterdijk)

Mit seinen Äußerungen zur angeblichen Verfolgung des Katalanischen hat sich Messi jedenfalls klar ins Abseits gestellt.

Nachtrag vom 29.01.2013:
Eine fundierte und zugleich schonungslose Auseinandersetzung mit dem katalanischen Nationalismus  und der ihm eigenen Mystifizierung seiner Geschichte findet sich jüngst in der Reihe "Preguntas a la Historia" des spanischen Radiosenders "esRadio" unter dem Titel "¿Existen hechos históricos que justifican la independencia catalana?" (dt. "Gibt es historische Tatsachen, die eine Unabhängigkeit Katalonien rechtfertigen würden?").

Nachtrag vom 10.04.2013:
Heute wurde bekannt, dass das Oberste Verfassungsgericht Kataloniens  in mehreren Urteilen festgelegt hat, dass die Autonomieregierung verpflichtet ist, den zweisprachigen Unterricht (also nicht nur den Unterricht auf Katalanisch) in den Schullklassen zu garantieren, in denen Eltern oder die Schüler selbst dies eingefordert haben. Obwohl das Urteil feststellt, dass diese Maßnahme sofort umgesetzt werden muss, hat die katalanische Erziehungsministerin  sofort deutlich gemacht, dass die katalanischen Behörden nicht daran denken, sich an den Urteilsspruch zu halten und nichts tun werden, wozu sie das Gericht verpflichtet! - Ein weiteres anschauliches Beispiel für das Rechtstaatsverständnis der Nationalisten!

Nachtrag vom 13.09.2013:
Für die Europäische Komission ist Katalonien nicht nur die korrupteste Region Spaniens, sondern nimmt unter den 172 Regionen Europas den 130. Rang ein. 

Zitate aus: Ludwig von Mises: Liberalismus. Jena 1927 (online unter: http://docs.mises.de/Mises/Mises_Liberalismus.pdf) -  Ernest Renan: Was ist eine Nation?, Rede am 11. März 1882 an der Sorbonne. Reihe EVA Reden, Bd. 20, Hamburg 1996 (Europäische Verlagsanstalt)  -  Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, München 2009 (dtv)  -  Hagen Schulze: Staat und Nation in der europäischen Geschichte, München 2004 (C.H. Beck)



Montag, 12. Dezember 2011

Adamántios Koraís und die Erfindung der Sprache

Ein wichtiges Element einer Nation ist die Sprache. Die Mehrheit der heutigen Nationalsprachen in Europa sind jedoch keinesfalls „aus den uralten Tiefen der Volksseele“ emporgestiegen, sondern waren meist das Ergebnis der Arbeit einiger weniger Intellektueller. Die Entwicklung der griechischen Hochsprache durch Adamántios Koraís ist dafür ein gutes Beispiel.

Adamántios Koraís (1748-1833)
Nach einer kaufmännischen Ausbildung in Holland und Frankreich ließ sich Koraís im Jahre 1788 in Paris nieder. Er wollte sich nun ganz der Literatur widmen und beschäftigte sich mit Themen der Kirche, Schule, Wissenschaft und Politik.

Trotz der Annahme der französischen Staatsbürgerschaft, blieb er seiner griechischen Herkunft treu. Sein Traum war die geistige Wiedergeburt Griechenlands auf der Grundlage einer gemeinsamen Sprache. Schon Ernest Renan hatte in seinem Vortrag „Was ist eine Nation?“ (1882) festgestellt, dass eine Sprache dazu einlädt, sich zu vereinigen (27). 

Koraís ahnte, dass das geschichtliche Bewusstsein der Griechen, ihr hellenistischer Ursprung nur geweckt werden könne, wenn es gelingt, aus der der gesprochenen Volkssprache (gr. δημοτική - Dimotiki) auch eine nationale Schriftsprache abzuleiten. Um dies zu erreichen, fügte Koraís einfach Elemente des klassischen Altgriechisch zur Dimotiki hinzu und entwickelt daraus die „reine“ griechische Hochsprache (gr. καθαρεύουσα  - Katharevousa).

Gleiches lässt sich auch anderen Ländern Europas beobachten. So waren Barbu Paris Mumuleanu (1794-1836) für das Rumänsiche, Ivar Aasen (1813-1896) für das Norwegische, Vuk Stefanovic Karadzic (1787-1864) für das Serbische oder auch Anton Bernolák (1762-1813) für das Slowakische maßgebend bei der Ausbildung der jeweiligen Hochsprache. Die Liste ließe sich verlängern.

Die Mehrheit der Nationalsprachen, die heute so dauerhaft und festverwurzelt in den Kulturen der europäischen Völker erscheinen, entstanden also erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Sie wurden „aus den vagen Regionen der volkstümlichen Umgangssprachen geschöpft und in die strenge Form grammatikalisch standardisierter Schriftsprache gegossen, ja teilweise überhaupt erst erfunden. Und was die Philologen nicht schufen, das stifteten die Dichter …“ (176)

Sicherlich ist jede Sprache ein unersetzbarer Bestandteil des kulturellen Reichtums der Menschheit. Gleichwohl hat eine zu starke Betonung einer Sprache und ihre ausschließliche Berücksichtigung auch ihre Gefahren - wie man gut an dem Streit um die Durchsetzung der Regionalsprachen in Spanien beobachten kann. Hier betreiben die Regionalregierungen mit fragwürdigen Mitteln eine ausschließende Sprachpolitik, die mit formalen rechtsstaatlichen Gleichheitsgrundsätzen nicht mehr viel zu tun hat.

Dazu noch einmal Ernest Renan: „Wenn man zuviel Wert auf die Sprache legt, schließt man sich in einer bestimmten, für national gehaltenen Kultur ein. Man begrenzt sich, ... man verlässt die freie Luft, die man in der Weite der Menschheit atmet, um sich in die Konventikel seiner Mitbürger zurückzuziehen. Nichts ist schlimmer für den Geist, nichts schlimmer für die Zivilisation“ (29).

Zitate aus: Hagen Schulze: Staat und Nation in der europäischen Geschichte, München 2004 (C.H. Beck) --- Ernest Renan: Was ist eine Nation?, Rede am 11. März 1882 an der Sorbonne. Reihe EVA Reden, Bd. 20, Hamburg 1996 (Europäische Verlagsanstalt)