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Samstag, 17. August 2024

Sokrates, Platon und das Erwachsenwerden

Von Fichte stammt das Urteil, dass unterwürfige Seelen sich für ein naturalistisches System entscheiden, das ihre Servilität rechtfertige, während Menschen von stolzer Gesinnung nach einem System der Freiheit greifen. Welche Philosophie man wähle, hängt also davon ab, was für ein Mensch man ist.

Ausgehend von dieser Beobachtung beschreibt Peter Sloterdijk verschiedene philosophische Temperamente von Platon bis Foucault, eine Galerie von Charakterstudien und intellektuellen Portraits, die zeigen, wie sehr Nietzsche im Recht war, wenn er notierte, alle philosophischen Systeme seien immer auch so etwas wie unbemerkte Memoiren und Selbstbekenntnisse ihrer Verfasser gewesen.

 

Von Menschen mit stolzer Gesinnung oder von unterwürfigen Seelen ...

In jedem Fall markieren Sokrates und Platon für Sloterdijk den Durchbruch einer neuen Erziehungsidee, denn sie treten an gegen den Konventionalismus und Opportunismus der Rhetoriklehrer und der Sophisten und für eine umfassende Neuprägung des Menschen hervor. Paideia oder Erziehung als Formung des Menschen für das Gemeinwesen versteht sich explizit auch als ein Programm der Philosophie als politischer Praxis.Daran lässt sich auch ablesen, dass die Entstehung der Philosophie nicht zuletzt durch die Heraufkunft einer neuen, machtgeladenen Weltform bedingt war, die der griechsichen Stadtstaaten!

Diese erzwang eine Formung des Menschen in Richtung auf Politiktauglichkeit. Insofern darf man behaupten, “daß die klassische Philosophie ein logischer und ethischer Initiationsritus für eine Elite junger Männer – in seltenen Fällen auch für Frauen – gewesen ist; diese sollten es unter der Anleitung eines fortgeschrittenen Meisters dahin bringen, ihre bisherigen bloßen Familien- und Stammesprägungen zu überwinden” zugunsten einer weitblickenden und großgesinnten Menschlichkeit.

So sei die Philosophie “gleich an ihrem Anfang unvermeidlich eine Initiation ins Große, Größere, Größte; sie präsentierte sich als Schule der universalen Synthesis; sie lehrt, das Vielfältige und Ungeheure in einem guten Ganzen zusammenzudenken; sie führt ein in ein Leben unter steigender intellektueller und moralischer Belastung; (…)  sie will aus ihren Schülern Bewohner einer logischen Akropolis machen; sie weckt in ihnen den Trieb, überall zu Hause zu sein.” Die griechische Tradition verwendet dafür den Terminus “σωφροσύνη“ (sophrosyne – Besonnenheit), lateinisch humanitas.

Sokrates - Wo Ambivalenz herrscht, fallen naiv-positive Bilanzen schwer

Sofern die antike philosophische Schule also paideia ist, Einführung in die erwachsene Besonnenheit, die Humanität bedeutet, vollzieht sie eine Art Übergangsritus zur Formung eines  des polistauglichen  Menschen. Die Werte der paideia und der humanitas sind also weit mehr als nur unpolitische Charakterideale.


Denn: “Die klassische Philosophie stellte ihren Adepten in Aussicht, sie könnten es in einem chaotischen Kosmos zur Heiterkeit bringen; zum Weisen wird, wer das Chaos als Maske des Kosmos durchschaut. Wer in die Tiefenordnungen durchblickt, gewinnt Verkehrsfähigkeit im Ganzen; kein Ort im Sein ist ihm mehr ganz fremd; darum ist die Liebe zur Weisheit die Hochschule der Exilfähigkeit. Indem sie den Weisen so witzig wie programmatisch als kosmopolités, als Weltallbürger, bezeichnete, versprach die Philosophie Überlegenheit über ein Universum, das seiner Form nach schon ein wüster Markt der Götter, der Bräuche und der Meinungen war – zugleich ein Schlachtfeld, auf dem mehrere Staatswesen um die Hegemonie kämpften. (…)

 

In moderner Sprache würde man die klassische Philosophie mithin als Orientierungsdisziplin bezeichnen; wollte sie für sich werben, so konnte sie es vor allem mit dem Versprechen tun, den Wirrwarr der vorgefundenen Verhältnisse durch einen geordneten Rückgang auf sichere Grundlagen zu übersteigen – in heutiger Terminologie spräche man von Komplexitätsreduktion.” Der Philosophie also als “Eliminator von schlechter Vielfalt”.

 

Wer zu Zeiten von Sokrates und Platon erwachsen werden wollte, mußte sich darauf vorbereiten, in einem geschichtlich kaum gekannten Ausmaß Macht zu übernehmen – oder zumindest die Sorgen der Macht zu seinen eigenen zu machen.

 

“Nach Sokrates und Platon kann als erwachsen nicht mehr nur derjenige gelten, von dem die Ahnen und Götter des Stammes Besitz ergriffen haben. Die städtischen Lebensformen erfordern einen neuen Typus von Erwachsenen, dem die Götter nicht zu nahe treten – das heißt zugleich: Sie stimulieren eine Form von Intelligenz, die von Tradition und Wiederholung auf Forschung und »Erinnerung« umstellt. Offenbarungen und Evidenzen entstehen jetzt nicht mehr durch Ekstasen, sondern durch Schlüsse: Die Wahrheit selbst hat schreiben gelernt; Satzketten führen zu ihr hin.” Philosophie wird so zu einem “Unternehmen zur Aufhellung des Zwielichts, das wir bevölkern.”

 

    Platon - Philosophie als Aufhellung des Zwielichtes ...

Sloterdijk stellt fest, dass der moderne Ausdruck “Erziehung” nur wenig von diesem Ehrgeiz des ursprünglichen Projekts Philosophie enthalten würde. Dies liege nicht zuletzt daran, weil “die Fundierung des Wissens und Handelns in der `alteuropäischen´ Idee eines höchsten Gutes” aufgegeben wurde. “Der dominierende technologische Pragmatismus der Neuzeit gewann freie Bahn erst, nachdem die metaphysischen Hemmungen, die einem grenzenlosen moralischen und physischen Experimentieren im Weg standen, beiseite geräumt oder zumindest entkräftet waren.”

 

So bringe Modernisierung unvermeidlich einen Fortschritt im Bewußtsein der Haltlosigkeit mit sich. Aber das Moderne als Selbstzweck könne immer nur eine Hilfskonstruktion für Hilflose liefern; sie erzeuge nur Scheinsicherheiten ohne Weiterwissen; auf lange Sicht ruiniere sie die befallenen Gesellschaften durch die Drogen der falschen Gewißheit.

 

Daher empfiehlt es sich, “das Buch des europäischen philosophischen Wissens von neuem aufzuschlagen und den Zeilen und Wegen des klassischen Denkens noch einmal zu folgen – soweit die Kürze des Lebens es uns erlaubt, solche aufwendigen Wiederholungen zu wagen. 

 

Das Motto »Wieder denken« setzt die Aufforderung, neu zu lesen, voraus. Alle fruchtbaren Neulektüren profitieren von den Winkelbrechungen und Perspektiveverschiebungen, die unseren Rückblicken auf die Überlieferung innewohnen, sofern wir bewußte Zeitgenossen der aktuellen Umbrüche in den Wissens- und Kommunikationsverhältnissen der eben entstehenden telematischen Weltzivilisation sind. (…) 


"Wieder denken" und Lektüre ... statt hilfloses Denken in Bildern!

Besseres Wissen gewinnen wir heute nicht, ohne an den Abenteuern teilzunehmen, die bei der Revision der eigenen Geschichte auf uns zukommen. Ein neuer Aggregatzustand von Intelligenz wird auch den alten Schulen des philosophischen Wissens neue Informationen abgewinnen. Platon wieder lesen: Das kann bedeuten, sich darauf einzulassen, mit Platon – und Platon zum Trotz – an der Aktualisierung unserer Intelligenz zu arbeiten.”

 

Zitate aus: Peter Sloterdijk: Philosophische Temperamente. Vom Platon bis Foucault, München 2009 (Diederichs)

Sonntag, 14. Januar 2024

Josef Kraus und die Fallgruben und Verirrungen der Bildungspolitik

Das Buch „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ von Josef Kraus ist nach eigenen Angaben eine „eine – bisweilen grimmige – Untersuchung der Trümmer und Ruinen, die deutsche Bildungspolitik und deutsche Bildungswissenschaften hinterlassen haben.“, denn aus den seit den 60er Jahren vollmundig angekündigten Reformen sind schlechthin Deformationen geworden – ob diese Bildung nun einem „radikalen Egalisierungswahn“ unterwarfen oder später den „Neugründungsmythen deutscher Bildungspolitik“, die unter den Namen „Pisa“ und „Bologna“ bekannt wurden.

Josef Kraus (*1949): Lehrer, Psychologe und von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands

Während diejenigen, die mit der Pisa-Flagge durch die Bildungslandschaften tapsen, weiterhin – und scheinbar völlig unbeeindruckt von gegenteiligen Ergebnissen der Bildungsforschung – die Einheits- und Gesamtschule anpreisen und zugleich das „gegliederte, begabungs- und leistungsorientierte Schulwesen“ auf den Müllhaufen der Geschichte verdammen wollen, so verkündigen diejenigen, die im Namen von „Bologna“ unterwegs sind, dass nun – mit Bachelor, Master, Workloads und Credit Points - endlich Effizienz, Mobilität, Modularisierung, Kompatibilität, Praxistauglichkeit, »Employability« Einzug in das Bildungssystem Eingang gefunden hat.

 

Für Kraus ist es eine wirklich verblüffende Situation: „Da können Bildungsexperimente, die immer zugleich Experimente an Schutzbefohlenen sind, noch so völlig scheitern, sie werden dennoch durchgezogen oder – wie etwa im Fall der Gesamtschule mit ihrer durchschlagenden Erfolglosigkeit – in neuem Gewand unter dem Etikett `Gemeinschaftsschule´ präsentiert. Damit und mit kuriosen Lehrplanreformen kann man ein Schulwesen innerhalb (…) von fünf Jahren an die Wand fahren (…) Hier scheint zu gelten, was Peter Sloterdijk feststellte: `Macht ist das Vermögen, die Tatsachen in die Flucht zu schlagen.´“

 

Für Kraus sind es vor allem fünf Fallgruben, in die die „bildungspolitischen Schlaumeier“ stets hineintapsen:

 

Eine dieser Fallen ist die Egalitäts-Falle. „Das ist die Ideologie, dass alle Menschen, Strukturen, Werte und Inhalte gleich bzw. gleich gültig seien. Das ist auch die Ideologie, dass es keine verschiedenen Schulformen, keine verschiedenen Begabungen, keine verschiedenen Fächer sowie keine bestimmten Werte geben dürfe.“ 

 

Gleichheit oder Gleichmacherei?

 

Eine zweite Falle sei die Hybris-Falle, also der „aus dem Marxismus (`Der neue Mensch wird gemacht´) und dem Behaviorismus (`Der neue Mensch ist konditionierbar!´) abgeleitete Wahn, jeder könne total gesteuert und zu allem `begabt´ werden.“

 

Eine dritte Falle wäre die „Falle der Spaß-, Erleichterungs- und Gefälligkeits-pädagogik. Diese tut – angestrengt und sehr bemüht – so, als ob Schule immer nur cool sein könne und ja alles tun müsse, dass sich Kinder doch ja nicht langweilen.“ 

 

Eine vierte Falle schließlich ist die Quoten-Falle. „Das ist die planwirtschaftliche Vermessenheit, es müssten möglichst alle das Abiturzeugnis bekommen und es dürften möglichst wenige oder gar keine Schüler sitzenbleiben. Dabei müsste doch eigentlich klar sein: Wenn alle Abitur haben, hat keiner mehr Abitur!“

 

Schließlich die fünfte, die Beschleunigungs-Falle. „Das ist die Vision, man könne mit einer immer noch früheren Einschulung in immer weniger Schuljahren und mit immer weniger Unterrichtsstunden zu besser gebildeten jungen Leuten und zu einer gigantisch gesteigerten Abiturienten- und Akademikerquote kommen.“

 

Natürlich sind diese Fallgruben je nach Bundesland unterschiedlich stark ausgeprägt, aber in jedem Fall drohen durch diese falschen Maßstäbe „Individualität, Leistung, Anstrengungsbereitschaft, natürliche Reifung und Qualität zu versinken.“ Und dennoch würde munter „drauflos re- und deformiert. Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von Seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben. Dass die allermeisten Reformen eben gerade denen schaden, denen sie zugutekommen sollten, nämlich den sozial Schwächsten, wird verdrängt. Die Kinder aus  `gutem´ Hause bekommen die Verirrungen der Schulpolitik durch elterliches Zutun kompensiert, die Kinder aus `bildungsfernen Elternhäusern aber bleiben in ihren `restringierten Codes´, in ihren Herkunftsmilieus eingekerkert.“ 

 

So richtig gut sieht der Turm fon Piesa auch nicht aus ...

Die Folge ist eine unfruchtbare und verödete Bildungslandschaft, „weil ihre Grundlage erodiert. Die misslungenen, aber offiziell dennoch für erfolgreich erklärten Reformen sind wie ein Eingriff in die Ökologie von Bildung mit all ihren Folgen bis hin zum Verlust an Artenvielfalt, zum Beispiel Schularten-Vielfalt. Man könnte auch sagen: Diese Bildungsnation wird von den einen willentlich, von anderen naiverweise an die Wand gefahren – brav assistiert von den meisten Parteien, von den meisten Bildungsforschern, von moralisierenden Schwätzern, von diversen Stiftungen sowie von manch karriereorientiertem Lehrer und Schulleiter.“

 

Solch eine Entwicklung fällt nicht vom Himmel. Hinter der dargestellten Entwicklung und ihren Fallgruben erkennt Kraus verschiedene Grundhaltungen – er nennt sie „mentale und intellektuelle Verirrungen“, die sich fatal auf die Bildungspolitik auswirken: 

 

Eine solche Verirrung ist beispielsweise: „Deutsche sind gerne Gesinnungs-ethiker. Gleichheit, Gerechtigkeit, Kuscheligkeit – so lauten die pädagogischen Glaubens- und Gesinnungsbekenntnisse. Immer und immer wieder werden sie mantramäßig vorgebetet, ohne Rücksicht auf die Folgen solcher Haltungen.“

 

Wie Max Weber in seiner Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik herausgearbeitet hat, fühle sich der Gesinnungs-ethiker nur dafür verantwortlich, „dass die Flamme der reinen Gesinnung nicht erlösche. Der Verantwortungsethiker dagegen bedenke stets die Motive und Ergebnisse seines Handelns.“ So gehe es vielen in der deutschen Bildungsdebatte nicht um „eine rationale Verantwortungsethik, nicht um das qua Bildung und Erziehung behutsam Machbare, sondern um die reine Gesinnung. Jedenfalls gehören die Deutschen zu den Weltmeistern der `political correctness´ und der `educational correctness´ mit ihren Denkverboten, Denkgeboten, Tabus, mit ihren Euphemismen, mit ihren Hui- und Pfui-Begriffen gerade in der Pädagogik.“

 

Eine weitere Verirrung ist für Kraus das egalitäre Denken, wenngleich dieses nicht einer gewissen Paradoxie entbehrt: „Dieselben Leute, die ständig von Gleichheit, Gerechtigkeit, Kindgemäßheit reden, betreiben unter Einflüsterung der Wirtschaft und der OECD eine Ökonomisierung von Bildung. Alles an `Bildung´ soll messbar, nützlich, verwertbar sein. Der Mensch wird zum `Humankapital´ und damit verdinglicht.“

 

"Heute versteht es sich von selbst, dass auch das Erziehungswesen in den Komplex der Wirtschaft gehört ..."

Schon 1961 hatte die OECD, „die ja auch für die Pisa-Testerei verantwortlich zeichnet, in einem Grundsatzpapier festgehalten: `Heute versteht es sich von selbst, dass auch das Erziehungswesen in den Komplex der Wirtschaft gehört, dass es genauso notwendig ist, Menschen für die Wirtschaft vorzubereiten wie Sachgüter und Maschinen. Das Erziehungswesen steht nun gleichwertig neben Autobahnen, Stahlwerken und Kunstdüngerfabriken. Wir können nun, ohne zu erröten und mit gutem ökonomischen Gewissen versichern, dass die Akkumulation von intellektuellem Kapital der Akkumulation von Realkapital an Bedeutung vergleichbar – auf lange Dauer vielleicht sogar überlegen – ist.´“

 

Ein weiterer Kardinalfehler des aktuellen Diskurses über Bildung sei schließlich deren „Infantilisierung durch Psychologisierung“ – wobei das, was in die Pädagogik hereingenommen wird, „triviale Alltagspsychologie und damit Banalisierung von Psychologie“ ist. „Alle Pädagogik soll offenbar vom zerbrechlichen Kind, dessen permanenter Traumatisierbarkeit, dessen Gegenwartsperspektive und dessen unmittelbaren Bedürfnissen her gedacht werden. Dem Kind, dem Schüler soll bloß nichts zugemutet werden, es könnte ja frustriert, demotiviert, ja traumatisiert werden. Dass man Kinder damit in einer Käseglocke und in einer ewigen Gegenwart einschließt und ihnen die Zukunft raubt, scheint nicht zu zählen. Statt ihnen ein bisschen etwas zuzumuten, weil man ihnen ja eigentlich mehr zutrauen kann, werden unsere Kinder von einem Teil der Eltern, von den `Helikoptereltern´, rundum `gepampert´.“

 

Josef Kraus geht es mit diesem Buch „um Diagnosen und Analysen. Für abgehobene Visionen, die nicht schulreif sind und es nicht werden können, bin ich nicht zu haben. Auch deshalb nicht, weil Visionen mit ihren Perfektionismusvorstellungen etwas Destruktives an sich haben; sie verhindern nämlich, dass das real (!) Beste aus einer Situation gemacht wird.“

 

Dass sich Kraus sich da und dort „einer durchaus kräftigen Rhetorik“ bedient, hat seinen Grund darin, dass es ihm auch darum geht, „Misstrauen zu säen gegenüber vermeintlichen bildungspolitischen Göttern. Die wollen ihr Ding drehen, und sie scheren sich nicht um den Willen des Volkes. Sie mögen Runde Tische einbestellen. Aber es ist oft nur eine Inszenierung, die nach Demokratie ausschauen soll (…) Das muss man sich nicht gefallen lassen.“

 

Dafür braucht es Mut, wie schon vor zweieinhalb Jahrtausenden „Perikles gesagt hat: `Zum Glück brauchst du Freiheit, zur Freiheit brauchst du Mut.´“

 

Zitate aus: Josef Kraus: Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt. Und was Eltern jetzt wissen müssen, München 2017 (Herbig)

Sonntag, 24. Januar 2021

Die Unabsteig-Bar, oder: Weisheit ist immer erlitten!

Den Mitgliedern der „Unabsteig-Bar“

Das Telefon leuchtet auf? Mit aller Wahrscheinlichkeit handelt es sich um eine WhatsApp-Nachricht! Seit November 2017 hat die App mehr als eine Milliarde aktive Nutzer. WhatsApp hat revolutioniert, wie wir kommunizieren und vor allem in welcher Häufigkeit und in welcher Medienvielfalt wir dies tun.

Viele halten die Kommunikation über WhatsApp, vor allem wenn es sich um WhatsApp-Gruppen handelt, für den großen Selbstbetrug im digitalen Alltags, weil man der Illusion erliegt, Dinge schnell und einfach klären zu können: „Paul hat Geburtstag! Lasst uns mal kurz überlegen, was wir da machen!“ – Und Zack, ist eine neue WhatsApp-Gruppe entstanden, aus der man auch nicht gleich wieder abhaut, weil es ja unfreundlich wäre.

Dabei wissen alle: Wenn es um WhatsApp-Gruppenchats geht, wiederholt sich, was man aus vielen Meetings kennt: Oft sind sie unnötig, meist kommt man anders schneller zum Punkt, und fast immer sind Leute mit am Start, die nicht zielgerichtet kommunizieren, d.h., die so viel posten, dass es nervt, oder so wenig, dass Nachfragen aufkommen, oder die nicht beim Thema bleiben und die Gruppe mit vermeintlich “lustigen” GIFs und Videos verstopfen. WhatsApp-Gruppenchats sind wie ein ständiges Meeting, bei dem niemand die Tagesordnung im Griff hat und alle durcheinanderreden. 

Gleichwohl gibt es WhatsApp-Gruppen, die – obwohl vielleicht aus einer spontanen Laune heraus entstanden – sich mittlerweile zu einem Medium entwickelt haben, das auf vorbildliche Weise unterhaltsame Kommunikation mit analytischer Schärfe kombiniert. Eine dieser „Perlen“ in der Welt der Gruppenchats ist die „Unabsteig-Bar“, dessen (für die Mitglieder !) hohe Qualität nicht zuletzt durch eine  gelungene Mischung der behandelten Themen begründet wird.


Über den Beginn - Der Anfang ist die Hälfte vom Ganzen

  • Sticker: Also: Freitag, 16.08., gegen 16:00, Treffpunkt Bratwurst-Bier-stand am Tunnel!
  • B. Asi Leus: Perfekt.
  • Sticker: Kennzeichen: Hareico-Stadionwurst in der einen Hand - Holsten in der anderen.

  • B. Asi Leus: After Show sollten wir auch vom Spielverlauf abhängig machen. Grundsätzlich so wie Sticker sagt... Offene Verläufe zulassen!
  • Unus: Ich bin auch für Improvisation!!! Aber kann Sticker das????
  • Sticker: Na klar! Muss nur richtig geplant werden. Habe schon mal n Ordner „Spontane Improvisation“ angelegt!

Orte der Unabsteig-Bar:
Der Shuttle-Grill in Stellingen


Über Kultur, oder: Das Vergnügen am Vergleich

  • B. Asi Leus: So, gleich ins Männerrefugium: Baumarkt. Endlich mal wieder unter sich, Pommesbude nebendran für die Fachgespräche bei ner Dose Bier!
  • B. Asi Leus: Baumarkt Digga, letztes Refugium nicht-intelektueller Männer-kultur!
  • Sticker: Im Allgemeinen reicht einem Handwerker gesunder Menschen-verstand ... und n büschen Plan vons´ Ganze
  • B. Asi Leus: Ja Mann. Wie beim wirklichen Akademiker auch. Beim selbsternannten natürlich nicht. Diejenigen mit den schlechtesten Abschlüssen sind die Vielredner auf Konferenzen!
  • Sticker: „A man has to be what he is.“ (Alan Ladd in „Shane“). Der Western hatte schon immer eine hohe zivilisatorische Botschaft! 

  • Unus: Let us see
  • B. Asi Leus: Dein Englisch wird immer besser. Damit hast du enormes Influencer-Potenzial, auch in Schule. Kannst Banales oder Unsinn so ausdrücken, dass den Leuten vor Ehrfurcht die Kinnlade runterfällt. 
  • B. Asi Leus: Die Welt ist letztlich gar nicht so kompliziert. Wer die Alten Sprachen gelernt hat oder Plattdeutsch kann, hat einen Vorteil! (…) Lokale Dialekte und Alte Sprachen geben Bodenhaftung!


Über den HSV – Unter dem Blickwinkel der Ewigkeit …

  • Sticker: Irgendwo muss man ja auch die eigenen Honk-Anteile bedienen. Was gibt es da besseres als Fussball und HSV. Man muss es nur mythisieren, so dass es später zur Legende wird ... Stellingen Lutsch-gefahr ... das ist, was bleibt.
  • Unus: HSV wieder auf den alten Herberger Trick von 1954 reingefallen: Unwichtiges Spiel hoch gewonnen, wichtiges Spiel DFB-Pokal verloren! Naja, Mannschaft und Trainer sind zu jung, kennen diese Tricks nicht... Sie haben nicht verstanden, dass du wie die Sau kämpfen musst!!!!!

  • Unus: Spielniveau 2. Liga 
  • Sticker: Es IST 2. Liga!
  • Unus: Stimmt ja!!! Total vergessen in der Euphorie! Unus: Warum sind wir nicht Trainer???
  • Sticker: Sind wir doch! Nur auf höherem Niveau
  • Unus: CL Sieger 23 bis 2030!!!!

  • Sticker: 2072 - das Jahr, in dem der HSV dann länger in der 2. als in der 1. Liga war ...


Farben der Unabsteig-Bar: Nur der HSV!


Über Punk: Punk bleibt Punk!

  • Sticker: Hannah Arendt ist so was von geil, wenn es um die Analyse von Macht und Einfluss geht, (…) weil sie den Menschen und seine conditio im Blick hat und nicht nur seine Lebensumstände. „I don't know how to live but I got a lot of toys” (Bad Religion, „21century digital Boy“).
  • B. Asi Leus: Ein Schuss Punk hilft immer, die Welt zu verstehen und vernunftbezogen zu handeln!!

  • B. Asi Leus: Die wesentlichen Entscheidungen werden in Kühlschrank-nähe getroffen!!
  • Sticker: Nüchtern unerträglich, besoffen schalala (Kotzreiz).

  • Sticker: Stadionbesuch gestern genial. Ich muss jetzt nur sicherstellen, dass … nichts ausplaudert: „Papa, Du bist peinlich“ habe ich ein paarmal gehört. Dabei habe ich doch nur „Spiiitzenreiter ...“ geschrien ...!
  • Unus: Du aber am lautesten!
  • B. Asi Leus: Jo, das ist so, wenn die Kids Teens sind. Don't worry! Komme gerade zurück vom Pennywise-Konzert! Haben mit 1000 anderen mitgegrölt - da ist nix mehr peinlich.


Über das Politische 

  • B. Asi Leus: Ich verschmutze gern im Biotop der Political Correctness, in der sich vielfliegende, Rotwein-trinkende Narzissten (…) wohlfühlen: Im Kern chauvinistische Sozialneider mit Beamtenprivilegien und sadistischem Verhalten gegenüber Andersdenkenden.
  • Unus: Ich habe konvertiert als Marius Müller-Westernhagen in Maß-anzügen herumlief!!! Völlig contra zu seinen Texten. 
  • Unus: Ich stehe zu meiner Philosophie: Gute Arbeit für gutes Geld (Handwerker sozialisiert) und ansonsten ehrlich bleiben, Meinung sagen (da wo zugehört wird) und sich über das Leben freuen. Ich bin heute noch Handwerker unter den Intellektuellen und deshalb läuft jeder Laden
  • B. Asi Leus: So einfach können die Dinge sein, wenn man einer boden-ständigen Lebensphilosophie folgt!
  • Sticker: In Zukunft gilt es, genau das Gehenteil von dem zu machen, was der PC-Diskurs fordert ... zumindest in den meisten Bereichen
  • B. Asi Leus: Ja Mann! Ich bin dabei!!
  • Sticker: Das Geile ist, dass die Politisch Korrekten vor Neid platzen - bei soviel Triebstau. Is´ einfach auch nicht gesund, dieses assige „Der wahre Genuss liegt im Verzicht!“
  • Unus: Richtig!!! Unser Motto: Vorfreude ist (fast)fieberte Freude
  • B. Asi Leus: Politik und Interessengruppen liefern den Inhalt (Political correctness), die gehöre Empörungskultur die Form und Social Media das Medium. Wer das durchschaut, kann das individuelle "Ich hab´ jetzt mal keinen Bock" in höchstem Maße kultiviert und akzeptiert verbrämen.
  • Sticker: Fuck political correctness!
  • B. Asi Leus: Ja, Mann!

Landschaften der Unabsteig-Bar, hier
im Dienste einer tiefenstrukturellen Analyse mit abschließendem Urteil

Über das System Schule, oder: Das Leben zwischen Sein und Schein

  • Unus: Ihr habt es so gut!!! Vorgestern kurzen Einlauf von der Chefin bekommen. Grund: Überall wo sie hinwill bin ich schon da, sie sprach von „überall reingrätschen“, ich arbeite zu viel (…) bin zu beliebt...
  • B. Asi Leus: Ich fasse es nicht! Man könnte dich auch loben für Dein Engagement!!! Aber so ist das, wenn Loser und Unterrichtsflüchtlinge in Leitung kommen. Sie müssen irgendwie beweisen, dass sie zu Recht dort sind, wo sie sind. Wobei sie eben wissen, dass sie zu Unrecht dort sind und deshalb andere runtermachen. 
  • B. Asi Leus: Nimm den Anschiss als Kompliment! Es adelt dich …
  • Sticker: Aber so ist das mit Leuten, denen das theoretische Niveau fehlt. Die basteln sich i-was am Schreibtisch zurecht und glauben, sie hätten die Welt erfunden ...

  • B. Asi Leus: Desorientierte neigen dazu, anderen Orientierung geben zu wollen!
  • Unus: Geiles Zitat!!! Hast du was genommen?
  • B. Asi Leus: Ist kein Zitat, ist authentisch von mir. Darf aber zitiert werden! (ist hiermit erledigt! – Paideia)
  • B. Asi Leus: Weiter machen wie gewohnt: Authentisch sein, situations-bezogen und nicht dogmatisch agieren. Die Experten, wenn sie Sinnvolles in Bezug auf unsere Zielklientel (Schüler!) machen lassen - Empowerment nennen das die Imponiersprachler. Bescheiden sein - und bisweilen zeigen, dass man auch etwas vom Geschäft versteht. Ist ganz einfach, wenn man normal ist und Selbstvertrauen mit Empathie verbinden kann. Leider haben wir zu viele Narzissten, die in Leitung wollen.
  • Unus: Mein Führungsstil ist Bock auf Schule

  • Unus: Leute Transparenz ist out!!! Heißt jetzt Nachvollziehbarkeit oder so´n Scheiss!!!
  • Sticker: Nachvollziehbarkeit impliziert immer auch Simplifizierung, oder - heute erst gelesen - Simplexität = Vereinfachung von Komplexität. Wat ein geiles Wort! Kommt aus einem der Bücher über Digitalisierung!  Das hatte schon Luhmann gesagt: der Mensch neigt zum Einfachen ... „Komplexitätsreduktion“ nannte er das.
  • Unus: Ein Tipp für Führung: Der Laden muss laufen!!!
  • B. Asi Leus: Jep, so einfach ist das!!
  • B. Asi Leus: Nachvollziehbarkeit heißt Storytelling, den Leuten Entscheidungszwänge und -logiken vorgaukeln, Transparenz war immer auch ne Scheintransparenz. Es gibt auch inzwischen Autoren, die das Situationsbezogene, das Authentische, das Führen über Kategorien-setzung, über Charisma in ihrer Kombination als effektiv beschreiben. Normativ kann ich Führung gar nicht definieren, das würde alle spezifischen Faktoren auf Sender- wie Empfängerseite ausblenden.

  • B. Asi Leus: Letztlich ist Schule eben auch ein Schaulaufen von Egos, ein mikropolitisches System der Ressourcenverteilungskämpfe, eine Bühne zur Gewinnung von Anerkennung... Rationalität steht in der Regel erstmal hinter der Emotionalität. Window dressing für viel Geld ohne Effekte, weder bei den Schülerzahlen noch bei den Schülerleistungen.
  • B. Asi Leus: Nichtskönner bemühen halt immer Strukturen und Prozesse, ohne selber etwas zu Effekten beizutragen. Das sind eben Schnacker! Den anderen immer nur einen Schritt voraus bei der Verwendung von Imponiervokabular!

  • B. Asi Leus: Darum muss man gar nicht so viel über Führen und Leiten sprechen und das akademischen aufpeppen, man braucht zunächst mal Leute, die anderen was zutrauen können und nicht nur sich selber, die anderen was gönnen können, auch Erfolg, und sich selber nicht ganz so wichtig nehmen.

Erkenntnisse der Unabsteig-Bar, Teil 1


Über Verwaltung

  • Sticker: Der Bürokrat führt ja lediglich Verordnungen durch, die er selbst nicht erlassen hat. Aber er macht sich natürlich die Illusion einer „weitreichenden Tätigkeit“ und fühlt sich selbst den Menschen „der Praxis“ himmelweit überlegen.
  • B. Asi Leus: Da, wo die Leute nix Besseres zu tun haben, darüber zu sinnieren, was Führung ist oder sein soll, liegt deutlich was im Argen. Dort spiegeln sich Defizite auf der persönlich-individuellen Ebene im Systemischen. Manche können es eben, andere können nur drüber reden!
  • Unus: Leider alles wahr und wir wundern uns, warum beim Schüler nichts ankommt!! 


Über Eltern

  • Unus: Neulich sind Kids der 6. Klasse vom Weg Sportplatz - Sporthalle durchgeregnet, Wolkenbruch. Die Kids waren gerade in der Halle, nass leider, da hatte ich die Eltern am Telefon!!! Tenor: Warum wir das Wetter nicht beeinflussen
  • B. Asi Leus: Ja Mann!! Ist auch unerhört, keinen Draht nach oben!! How dare you!!
  • Sticker: Echt Assi!

  • B. Asi Leus: Die basisdemokratische Beteiligung von (meist kompensierenden) Eltern am Bildungsprozess ist der für mich entscheidende Grund für den relativen Niedergang des Bildungswesens.
  • Unus: Aus Mücken Elefanten machen, um dann riesige Probleme zu wälzen, die ich gar nicht sehe. Zuviel Misstrauen und zu wenig positives Denken (und Hoffen). 

  • Unus: So wieder Zeugniskonferenz, zuerst mit den Eltern und Schülern, ohne Noten.
  • B. Asi Leus: Jo, kenn ich noch. Waste of time und inszenierter Lügenstadl. Wie es so ist: Probleme werden nicht mit klarer Kante gelöst, sondern in Strukturen aufgelöst, die nichts bewirken, aber Zeit kosten und damit das Eigentliche, das Kernprodukt, beschädigen.
  • Unus: Jetzt stundenlang Kompetenzkreuze
  • B. Asi Leus: Strukturell liegt das Problem darin, dass Schule nicht mehr als Exekutivorgan gesehen wird, dessen politische Steuerung ausschließlich über Parlamente und nachgeordnete Bürokratien erfolgt, sondern mehr und mehr basisdemokratische Elemente eingeführt wurden, die sich nicht bewährt haben, die man nun aber nicht mehr loskriegt, weil gefühlte Entdemokratisierung nicht zum Zeitgeist passt. In diesem Dilemma werden Gremien und Instrumente draufgesattelt, die über die alleinige Masse Funktionalität nicht zulassen und so Schulleitung ermöglichen sollen über die Dysfunktionalität des Mikrosystems. So findet Schule im permanenten Ausnahmezustand statt, Routinen kehren erst ein, wenn Fake Systeme etabliert sind. Nur: Das alles zieht eine umfangreiche Deprofessionalisierung des Expertensystems nach sich und in langer Perspektive das Absinken des Niveaus.
  • Unus: Du musst hier alle immer ganz wichtig nehmen, aber wo nix ist kann auch nix wachsen.


Erkenntnisse der Unabsteig-Bar, Teil 2


Über Kommunikation ...

  • Unus: Kommunikation, ich kann es nicht mehr hören!
  • B. Asi Leus: Alle, die sich über Kommunikation beschweren, haben ihren Willen nicht durchgesetzt, bekommen Dinge nicht geregelt etc. Dann wird das Versagen in der Kommunikation rationalisiert und somit auf andere verschoben. Moderne, politisch korrekte Form zu sagen: Andere sind schuld oder du bist schuld.
  • Sticker: Klar, hier zählt nur die komplementäre Kommunikation, bei der es immer einen "überlegenen" und einen "unterlegenen" Partner. gibt, wobei manche für sich in Anspruch nehmen, die Höhergestellten zu sein. Wenn sie diese Position in Gefahr sehen, werden sie hektisch bzw. fangen an, über Kommunikation zu sprechen ...
  • Unus: Leider kommt niemand mehr auf die Idee, seine Arbeit zu tun - und die einfach gut machen! Fertig! Kommunikation auf ein Minimum beschränken, spart Zeit und Kraft.
  • Unus: 3 Grundregeln für Schule, wenn du von Schule keine Ahnung hast: 1. Fresse halten 2. Fresse halten und 3. Fresse halten!!
  • B. Asi Leus: Ja Mann!!
  • B. Asi Leus: Schule wird vorrangig für Leute gemacht, die nicht Ziel-gruppe des Bildungsauftrags sind.
  • Unus: Aber wir sind ne echte Plakettenschule mit unzähligen Arbeits-gruppen 
  • B. Asi Leus: Meeten statt teachen! Pappmaschee-Schule oder Mickey Mouse-Schule, wie ich zu sagen pflege... Ist aber wichtiger als quali-fizierter Unterricht heutzutage!!!
  • Unus: Macht vor allem bei den Eltern viel her und schließlich regeln in Schule ja alles die Eltern!!!
  • B. Asi Leus: Die Wichtigen halten sich für Rock Stars und das System erstarrt bestenfalls im Mittelmaß! Die wahren Guten machen auf Biedermeier und flüchten ins Unpolitische und leben Unabsteig-Bars! 

  • B. Asi Leus: Es gibt ja zwei Formen von Kleingeistern: Die Traditionalisten, die Größe durch Meckern, Anschwärzen und Finger-zeigen gewinnen wollen (Blockwart-Variante mit Totalitarismus-Potenzial) und die angelsächsische Mutation, die Größe durch Loben und Helfen am richtigen, blitzlichtgewitterträchtigen Ort gewinnen wollen (Jünger der PC mit Korruptionspotenzial)!


Über Unterricht ...

  • Unus: Heute so eine geile Doppelstunde … gehalten!! Eigentlich schade, dass die Chefin nicht hospitiert hat...
  • Sticker: Sternstunden im Lehrerdasein
  • B. Asi Leus: Wer kann, der kann! Der hat sein Handwerk im Griff!
  • Unus: Das Handwerk ist echt einfach, wenn du Zugang zu den Schülern hast
  • Sticker: Das ist der Schlüssel!
  • B. Asi Leus: Das eine kommt mit dem anderen! Die Schüler merken sofort, wer was kann! Und vor allem, wer nichts kann!!

Soweit einige ausgewählte Beiträge aus der Unabsteig-Bar. Die Sozialpsychologie hat hinlänglich belegen können, dass Gruppenchats das Zugehörigkeits- und das Selbstwertgefühl stärken und auf diese Weise das Individuelle und das Kollektive gleichermaßen bedienen … 

oder wie es B. Asi Leus ausdrückte: „Dieser Chat-Kanal ist Unübertreff-Bar!“

Zahlenzauber der Unabsteig-Bar:
Die Nummer 1 ...






Donnerstag, 2. Mai 2019

Josef Kraus und die Verirrungen der 68er - Teil 3

(Fortsetzung vom 25.04.2019)


In einem Beitrag für das Kulturradio swr2 beschäftigt sich Josef Kraus, ehemaliger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes mit „den 68ern“ und ihren Hinterlassenschaften.

Kraus bedauert, dass es zu „68“ kaum wirklich kritische Bilanzen gegeben habe, sondern vielmehr die eine oder andere Verklärung, die sich auch im Bereich von Bildung und Schule erkennen lässt.

Auch die Machbarkeits-Euphorie gehört zu den fatalen Erbschaften der 68er im Bildungsbereich. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich ein französischer Materialismus etabliert, der die Pädagogik mit seinen mechanistischen Vorstellungen vom Menschen bis zum heutigen Tag nicht mehr losgelassen hat. Maßgeblicher Vertreter war Julien de Lamettrie, der 1748 in seinem Hauptwerk "L'homme machine" („Der Mensch eine Maschine“) die Sicht eines maschinenähnlichen Menschen entwarf, dessen psychische und geistige Verfassungen angeblich vollkommen von den Umständen abhängen.

Es soll dann noch mehr als hundert Jahre dauern, ehe sich eine sogenannte „objektive“ Psychologie etabliert, die die angebliche Programmierbarkeit des Menschen durch die so oder so zu gestaltenden Umstände aufgreift. 1904 bekommt der Russe Iwan Petrowitch Pawlow für seine „Reflexologie“ den Nobelpreis für Physiologie. 

Der Traum der 68er: Lernen als Programmierung 

Im Kern besagt seine auf der Basis von Experimenten mit Hunden entwickelte Theorie, dass nicht nur Reflexe, sondern auch bewusste Reaktionen "konditioniert" werden könnten. Die US-Behavioristen, allen voran John Watson, Edward Thorndike und Burrhus Skinner, folgen Pawlow. Mit Experimenten an Ratten, Tauben und Katzen wollten sie darlegen, dass jedes Verhalten und Erleben abhängige Variable der unabhängigen Variablen „Umwelt“ sei.

Der junge Mensch wird auf seine „materielle“ Tatsachen reduziert – frei nach Lenin: „Der neue Mensch wird gemacht!“. 1950 hatte Stalin gar die Parole ausgegeben, dass Pawlows Ideen die wissenschaftliche Grundlage des Marxismus seien. Heute glaubt man wieder, via Erziehung Schöpfer spielen zu dürfen. Wie wenn das Neugeborene eine „tabula rasa“ sei, auf der Prägungen ohne Grenzen vorgenommen werden könnten. Wieder und wieder heißt es, Intelligenz und Schulerfolg seien ausschließlich determiniert durch das Milieu.

Der Begriff „Begabung“ scheint „out“ zu sein. Wer von Begabung spricht, gilt als Biologist, ja Faschist. Der Behaviorist Skinner hat aus dieser Attitüde heraus Lehr-und Lernprogramme entwickelt, die in den 1960er-Jahren als „Programmierter Unterricht“ eine pädagogische Euphorie auslösten, aber bald in den Archiven verschwanden.

Die heutige Hirnforschung übrigens stützt eine solche Vision von grenzenloser Machbarkeit. Als Neuropädagogik ist sie zwar eher ein Witz, wenn eine ihrer Erkenntnisse etwa lautet: „Effektives Lernen setzt gute Laune voraus.“ Nur, was mache ich mit dieser Erkenntnis, wenn ich als Mathe-Lehrer eine pubertierende Klasse vor mir habe? Gestützt wird diese Machbarkeitsvision zudem von einer Digitalisierungs-Euphorie, die so tut, als würde damit der neue Adam als „digital native“ (digitalisierter Naivling?) fit für die Zukunft gemacht.

Die Machbarkeits-Euphorie hat sich zudem als veloziferischer Wahn ausgetobt. Velozifer ist nach Goethe der Gott der rasenden Beschleunigung. Es geht hier um die Vision, man könne mit einer immer noch früheren Einschulung und in immer weniger Schuljahren zu besser gebildeten jungen Leuten kommen. Typisches

Beispiel für eine solchermaßen verfehlte „Reform“ ist das achtjährige Gymnasium (G8). Bildung aber braucht Zeit. Man kann Reifung nicht beliebig beschleunigen. In Afrika sagt man: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht.

Eine Folge der pädagogischen Egalisierungs- und Machbarkeits-Euphorie ist die Quotengläubigkeit der 68er. Das ist die planwirtschaftliche Vermessenheit, es müssten möglichst alle das Abitur bekommen. Wenn aber alle das Abitur haben, dann hat keiner mehr das Abitur.

Man darf nicht vergessen, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz niedrige Akademisierungsquoten, zugleich aber beste Wirtschaftsdaten sowie die niedrigsten Quoten an Arbeitslosen und an arbeitslosen Jugendlichen haben. Diese Vorzüge haben wir nicht, weil wir gigantische Studierquoten hätten. Das haben wir vor allem aufgrund eines „Qualified in Germany by berufliche Bildung“.

All diese Verirrungen werden bis heute vernebelt, verschleiert – und zwar mittels Sprache, damit sie nicht als Verirrungen erkannt werden. So gesehen, haben die 68er nicht nur den Marsch durch die Institutionen, sondern auch durch die Definitionen zurückgelegt. Mittels Sprache eben: genauer mit der Sprache der „political correctness“. Diese Sprache begann ihr Unwesen ab den 1980er-Jahren in den US-Universitäten zu treiben. Wieder also Vorbilder aus den USA!

Als „educational correctness“, als Sprache der pädagogischen Korrektheit wurde sie ein Enkel- und Hätschelkind der 68er. Denn gerade in der Pädagogik fällt "political correctness" auf fruchtbaren Boden: als „lingua paedagogica correcta". Phrasen, Plattitüden – wohin man schaut: Autonomie, Betroffenheit, Chancengleichheit, Emanzipatorische Erziehung, Freiarbeit, Ganzheitlichkeit, Ganztagsschule, Gesamtschule, Gleichheit, Gerechtigkeit, Kompetenzen, Kreativität, Willkommensklassen usw.

Eigentlich weniger pädagogisch korrekt wären die gerne auch von modernen Bildungstheoretikern bemühten paramilitärischen Vokabeln, die die Pädagogik nach und nach besetzen: „kognitive Operationen“ und „Lernstrategien“.

Zugleich wird mit Euphemismen gearbeitet, die die Wirklichkeit kaschieren und verbrämen sollen: Aus Hilfsschulen wurden Sonderschulen und dann Förderschulen, aus Schulschwänzern wurden Schuldistanzierte, aus faulen Schülern wurden demotivierte, aus verhaltensgestörten sozial herausfordernde oder gar verhaltensoriginelle und verhaltenskreative, aus dummen Schülern wurden einseitig begabte oder praktisch bildbare. Realitäten werden damit für nicht existent erklärt.

„Lingua paedagogica correcta": Übrig bleiben Phrasen und Plattitüden

Parallel dazu gibt es die pädagogischen Pfui- und Gott-sei-bei-uns-Wörter, die im Verdacht des Faschistoiden stehen: Auslese, Autorität, Begabung, Diktat, Disziplin, Ehrgeiz, Elite, Fleiß, Hauptschule, Hochbegabung, IQ, Leistung, Mathematik, Ordnung, Pflicht, Rechtschreibung, Strafe, Tugenden, Vorbild, Wissen, Zeugnis, Ziffernnote.

Jedenfalls gibt es sie noch und es gibt sie wieder, die Pädagogik in „Marx- und Engelszungen“ (eine hübsche Wortbildung von Wolf Biermann!). Zwar geht es in deutscher Pädagogik heute nicht mehr so reinrassig marxistisch zu wie bei den 68ern und in der DDR. Aber subliminal und verbal geschmeidiger setzen sich die 68er Vorstellungen von „Bildung“ nach wie vor in beachtlicher Weise durch, und zwar mittlerweile verstrickt mit neokapitalistischer Pädagogik, wie sie von der selbsternannten Erziehungsmacht OECD und von Deutschlands oberster Bildungsgouvernante mit Sitz in Gütersloh angesagt ist.

Es ist schon irre: In moderner Pädagogik reichen sich Neo-Marxismus und Neo-Kapitalismus die Hand.

Zum Beispiel in der Frage der Ganztagsschule. Und damit man ja alles total im Griff hat, wird die Verstaatlichung von Erziehung vorangetrieben: qua Ganztagsschule – und mittels immer neuer Bindestrich-Erziehungen: Konsum-, Medien-, Freizeit-, Gesundheits-, Umwelt-Erziehung. Das Elternhaus soll – weil Hort der Ungleichheit und des Widerstands gegen staatliche Zugriffe – aus der Verantwortung entlassen oder gar entmündigt werden.

Den Marxisten geht es um Entmündigung der Eltern, den Kapitalisten um den ökonomischen Nutzen, den man zieht, wenn man Frauen in die Arbeitswelt kriegt.

„Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ heißt das dann. Vom Kind ist dabei nicht die Rede. Und dann kommt etwas Paradoxes ins Spiel: Dieselben Leute, die ständig ihre anti-kapitalistischen Lippenbekenntnisse von wegen Gleichheit, Gerechtigkeit, klassenlose Gesellschaft und dergleichen absondern, betreiben unter Einflüsterung der Wirtschaft samt OECD eine Ökonomisierung von Bildung. Alles an „Bildung“ soll messbar und nützlich sein. Der Mensch wird zum „Humankapital“ verdinglicht.

Damit schließt sich der Kreis der ursprünglich verfeindeter Ideologien Sehr seltsam! Solche Verbrüderungen hätten sich die 68er nicht träumen lassen.


Quelle: Josef Kraus, 50 Jahre Umerziehung? Die 68er und ihre Hinterlassenschaften. Von SWR2 Wissen: Aula, Sendung vom 1. Juli 2018, 8.30 Uhr

Weitere Literatur: Josef Kraus, „50 Jahre Umerziehung – Die 68er und ihre Hinterlassenschaften“, Berlin 2018  -  Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt. Und was Eltern jetzt wissen müssen. München 2017 -  Helikopter-Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung. Reinbek 2013.