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Donnerstag, 6. Januar 2022

Tocqueville und die Demokratie in Amerika

Am 2. April 1831 machte sich Alexis de Tocqueville, ein französischer Adliger und Staatsbeamter, von Le Havre zu einer Reise in die Vereinigten Staaten auf. Offiziell bestand sein Auftrag darin, die amerikanischen Gefängnisse zu studieren, die damals in ganz Europa zum Vorbild für Justizreformen wurden. Der gerade einmal 26-jährige Tocqueville aber hatte noch etwas anderes im Sinn. Er wollte Demokratie und Gesellschaft in den USA umfassend studieren. So bereiste er neun Monate lang die Ostküste zwischen Boston und Washington, kam an die Grenzen der europäischen Besiedlung in Wisconsin und gelangte über den Mississippi bis nach New Orleans. Zurück in Frankreich, lieferte er pflichtgemäß seinen Gefängnisreport ab – und verarbeitete seine Eindrücke zu zwei Bänden «Über die Demokratie in Amerika», die 1835 und 1840 erschienen.

Alexis de Tocqueville (1805 - 1859)

„Wie viele andere europäische Besucher in dieser Zeit staunte Tocqueville über die Unterschiede zwischen Europa und Amerika. Obwohl sein eigenes Heimatland, Frankreich, seit der Revolution von 1789 unverkennbar im Aufbruch, in rapidem politischen und sozialen Wandel begriffen war, wogen die Traditionen dort schwer: eine immer noch sehr hierarchische Gesellschaft, die den Menschen eine klare Position zuwies; eine katholische Kirche als konservative Verbündete der Monarchie. In der amerikanischen Republik, so Tocquevilles faszinierter Eindruck, waren die Menschen auf ganz andere Weise frei und begegneten sich zudem, bei allen sozialen Unterschieden, in fundamentaler Gleichheit, sozusagen auf Augen-höhe und ohne die europäischen Regeln und Rituale von Rang und Unterwürfigkeit. Auch für die Französische Revolution war Freiheit und Gleichheit ein Begriffspaar, aber in Amerika schien beides auch praktisch, im Lebensalltag, zu konvergieren.“

Damit hatte Tocqueville ein zentrales Prinzip der modernen Demokratie formuliert – nicht aus der Perspektive der politischen Theorie, sondern aus eigener Anschauung: die gegenseitige Bedingtheit von politischer Freiheit und Gleichheit. 

Über die politische Gleichheit hinaus erschienen ihm aber auch die Unterschiede von Besitz und Status geringer als in Europa. Er begegnete keinem Geburtsadel und weniger krasser Armut und beschrieb auf diese Weise das Ideal einer Mittelklassengesellschaft, mit der die Demokratie als Regierungsform geradezu eine Symbiose eingehen konnte. Während in Europa oft ein selbstsüchtiger „Egoismus“ herrsche, zumal in den oberen Schichten, habe sich in Nordamerika ein neuer „Individualismus“ gebildet, der die Freiheit des Einzelnen mit seiner Orientierung auf eine Gemeinschaft und das Gemeinwohl verbinde. 

„Tocqueville bewunderte also einerseits Freiheit und Individualismus – den die Amerikaner andererseits einhegten, indem sie sich auf Institutionen verpflichteten, `die jeden einzelnen Bürger daran erinnern, dass er in Gesellschaft lebt´. Besonders hob er die Vielfalt der Vereine und Assoziationen hervor: den freiwilligen Zusammenschluss in Vereinen, Parteien, Reformbewegungen; nicht zuletzt auch in religiösen Gemeinschaften, die nicht Teil einer quasi-staatlichen Hierarchie, sondern der horizontalen Verbindung untereinander waren.“

Wahlen in den USA im 19. Jahrhundert


Manches von dem, was Tocqueville sah, erschien ihm fremd oder allzu extrem. Er befürchtete beispielsweise, dass Gleichheit und Abstimmungsdemokratie könnten in eine „Tyrannei der Mehrheit“ führen. 

Dennoch hat Tocqueville die amerikanischen Verhältnisse idealisiert. Das lag einerseits daran, dass seine Gesprächspartner, darunter auch der Präsident Andrew Jackson, überwiegend den Führungsschichten entstammten. Vor allem aber bekräftigte Tocqueville, obwohl er beeindruckend scharf die Verhältnisse analysierte, den Mythos, die Amerikaner seien bereits gleich und demokratisch „geboren“ worden. 

Heute wissen wir, dass erst viel später - während der Revolution und frühen Republik - alte Ungleichheiten und Abhängigkeiten abgeschafft wurden, vom Wahlzensus bis zu quasifeudalen Einrichtungen in der Landwirtschaft. So mochte Tocqueville den paradoxen Zusammenhang der Freiheit der weißen Siedler einerseits, der Versklavung der Schwarzen sowie der Vertreibung der Indianer andererseits nicht erkennen.

Dennoch bleibt sein Buch lesenswert, weil die historische Forschung viele der Diagnosen Tocquevilles bestätigt und natürlich verfeinert hat. Auch wenn man alle soziale Idealisierung abzieht: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in Europa keine freiere, gleichere und auch in einem fundamentalen Alltagssinne „modernere“ Gesellschaft als jedenfalls die Nordstaaten der USA. Das galt vor allem für die Rolle der Vereine und Zusammenschlüsse der Bürger in der amerikanischen Gesellschaft. 

„Vereine und Assoziationen erlebten tatsächlich zwischen 1830 und 1860 eine Blüte, häufig mit dem Ziel weiterer Liberalisierung, von politischen und sozialen Reformen. Religiöse Motive trieben die Mäßigungsbewegung gegen Alkoholkonsum an, aber auch die Abolitionisten, unter ihnen sehr viele Frauen, die vehement für die Abschaffung der Sklaverei in den Südstaaten kämpften und Fluchtwege organisierten.“

Tocqueville lag daher nicht falsch, wenn er dem Vereins- und Assoziationsleben eine besondere Bedeutung für die Demokratie beimaß. In Europa vollzog sich derselbe Trend, in mancher Hinsicht sogar noch schärfer, weil der Eintritt in das Zeitalter der liberalen „Assoziation“, also der freiwilligen Vereinigung, den Ausgang aus dem Zeitalter der „Korporation“ bedeutete, also aus jenen Bindungen, in die Menschen hineingeboren waren oder denen sie, ihrer sozialen Stellung nach, verpflichtend angehörten wie Handwerker einer Zunft. 

"Assoziation" statt "Korporation" - Deutsche Auswanderer in den USA


Heute werden diese Netzwerke der freiwilligen Organisation als unverzichtbaren „zivilgesellschaftlichen“ Teil der Demokratie beschrieben und die Abolitionisten würden wir eine „Advocacy“-Gruppe nennen.

Tocqueville verwendete bewusst den Begriff der «politischen Gesellschaft» und machte damit darauf aufmerksam, „dass sich Demokratie nicht nur in einer abgeschlossenen Sphäre der Politik vollzieht oder bloß eine Regierungsform, noch schärfer gesagt: eine Regierungstechnik darstellt. Sie lebt nicht nur `aus´ dem politischen Interesse einer Gesellschaft, sondern vollzieht sich in ihm.“

Gegen dieses Verständnis von Demokratie steht - in der Nachfolge Hegels – die Ansicht, „Staat“ und „Gesellschaft“ müssten voneinander getrennt werden, so dass der von der Bürokratie gelenkte Staat der bürgerlichen Gesellschaft - als ökono-mische, nicht als politische, geschweige denn demokratische Sphäre – gegenübergestellt werden könnte.

In Amerika sag Tocqueville, dass die Demokratie mit ihren Verästelungen sogar tiefer als nur in den Bereich der organisierten Gesellschaft mit ihren Vereinen, Kirchen, Reformgruppen reichte. Sie hatte angefangen, die „Sitten und Gebräuche“ zu prägen. „Wir würden heute sagen: Sie reichte über Politik in den Alltag hinein und prägte die Mentalitäten, die alltäglichen Umgangsformen, den Lebensstil. Die Ehrerbietung gegenüber Höherrangigen, beobachtete Tocqueville, zerbröselte. Auch ein Politiker, sogar der Präsident, konnte schonungslos und schärfstens kritisiert werden.“

Die politische Gleichheit strahlte auf andere Bereiche des Lebens aus, auf Erziehung und Bildung oder die Beziehungen der Geschlechter. Wenn bis heute Demokratie immer noch als ein „Lebensstil“ jenseits von Wahlen, Parlament und Regierung beschrieben werden kann, dann war Alexis de Tocqueville ein Urahn dieser Idee.

Zitate aus: Paul Nolte: Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart, München 2012 (C.H. Beck)


Donnerstag, 6. Oktober 2016

Bertrand Russell und der wünschenswerte Sieg der USA über die Sowjetunion


Die Idee, der Untergang der Menschheit ließe sich einzig und allein durch einen Weltstaat oder eine Weltföderation verhindern, ist nicht neu. Eine Weltregierung wurde schon bei den griechischen Philosophen und Kosmopoliten, unter ihnen Platon, Aristoteles und Zenon von Kition, diskutiert. Die wohl berühmteste Forderung nach einer Weltregierung wurde von Immanuel Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) formuliert.



Auch der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell, einer der größten Pazifisten des 20. Jahrhundert, machte im Jahr 1948 den Vorschlag, die Vereinigten Staaten sollten durch Kriegsdrohung und notfalls Krieg die Sowjetunion zwingen, einem zu gründenden Weltstaat beizutreten. Sein Aufsatz „Der Weg zum Weltstaat“ wurde im Rahmen seiner „unpopulären Betrachtungen“ zwei Jahre später veröffentlicht.

Russells Vorschlag war ein Akt der Verzweiflung, den er relativ schnell wieder zurücknahm. Aber bevor man ihn entrüstet von sich weist, sollte man ihn wenigstens einen Moment lang aushalten, denn Russell zufolge gibt es gewichtige Gründe, die einen Sieg Amerikas über die Sowjetunion für wünschenswert erscheinen lassen.

Bertrand Russell
Der wichtigste Grund ist für Russell die Tatsache, „dass in Amerika mehr Achtung vor der Freiheit und anderen Werten einer zivilisierten Lebensform besteht als in Russland.“

Russell veranschaulicht diese Ansicht an der Entwicklung Polens nach dem Ende des 2. Weltkrieges als Teil des sowjetischen Machtbereiches. „In Polen gab es blühende Universitäten, deren Professoren große geistige Leistungen aufzuweisen hatten. Einige von ihnen sind glücklicherweise entkommen; die übrigen aber sind einfach verschwunden. Das Unterrichtswesen ist jetzt auf das Erlernen der orthodoxen stalinistischen Lehre beschränkt worden, und die höhere Schulbildung ist lediglich den Jugendlichen zugänglich, deren Eltern `unbelastet´ sind. Geistige Werte können durch ein derartiges Bildungssystem nicht geschaffen werden. Der Mittelstand wurde durch Massendeportationen vernichtet (...) Politiker der Mehrheitsparteien wurden liquidiert, eingekerkert oder zur Flucht gezwungen. Wer den Verdacht der Regierung erregt hat, kann oft nur dadurch sein Leben retten, dass er seine Freunde an die Polizei verrät und bei den folgenden Gerichtsverhandlungen Meineide schwört. Wenn dieses Regime während einer Generation an der Macht bleibt, wird es zweifellos seine Ziele erreichen. Die traditionelle polnische Feindschaft gegen Russland wird durch die kommunistische Orthodoxie ersetzt werden. Wissenschaft und Philosophie, Kunst und Literatur werden zu knechtischen Anhängseln des Regierungssystems werden, geistlos, beschränkt und dumm. Kein Individuum wird selbst denken oder auch nur fühlen, jeder wird eine bloße Nummer in der Masse sein.“

Russell ist sich sicher, dass diese Mentalität nach einem russischen Sieg in der in der ganzen Welt herrschen würde. Selbst wenn als Folge des Sieges eine gewisse Nachgiebigkeit der sowjetischen Regierung letztlich zu einer Lockerung der Kontrollmaßnahmen führen müsste, so bliebe es insgesamt sehr zweifelhaft, ob man je wieder zur Achtung der Einzelpersönlichkeit zurückkehren würde: „Aus diesen Gründen wäre ein russischer Sieg in meinen Augen ein schreckliches Unglück.“

Ein Sieg der Vereinigten Staaten hätte dagegen Russell zufolge weit weniger drastische Folgen. „Zunächst einmal würde es sich nicht um einen Sieg der Vereinigten Staaten allein handeln, sondern eines Bündnissystems, in dem die anderen Mitglieder einen großen Teil ihrer Unabhängigkeit behalten hätten. Man kann sich auch kaum vorstellen, dass die amerikanische Armee die Professoren von Oxford und Cambridge zur Zwangsarbeit nach Alaska schicken würde. Ebenso wenig glaube ich, dass sie einen Mann wie Attlee wegen Beteiligung an einer Verschwörung anklagen und damit zwingen würde, nach Moskau zu fliehen, lauter Analogien zu den Dingen, die die Russen in Polen getan haben. Auch nach dem Sieg einer von den USA geführten Allianz würde es immer noch eine britische, französische, italienische und, wie ich hoffe, auch deutsche Kultur geben. Es würde nicht die gleiche tote Uniformität entstehen, die die Folge einer sowjetrussischen Herrschaft wäre.

Die Moskauer Orthodoxie ist viel durchdringender als die von Washington. Ein amerikanischer Erbbiologe kann von der Lehre Mendels halten, was er will; wenn man aber in Russland als Biologe nicht mit Lysenko übereinstimmt, läuft man Gefahr, auf geheimnisvolle Weise zu verschwinden. In Amerika kann man getrost, wenn man sich dazu veranlasst fühlt, ein kritisches Buch über Lincoln, schreiben: in Russland würde ein Buch, in dem Lenin kritisiert wird, nicht veröffentlicht und der Verfasser selbst liquidiert werden.

Mahnmal für die Opfer der Repression, Moskau, Garten der Künste
(Foto: Bundesstiftung Aufarbeitung)

Als amerikanischer Volkswirtschaftler kann man die Meinung vertreten, dass Amerika auf eine Depression zusteuert, oder auch das Gegenteil; in Russland wagt kein Volkswirtschaftler zu bezweifeln, dass in Amerika die Depression vor der Tür steht.

In Amerika kann ein Philosoph ein Idealist, ein Materialist, ein Pragmatist, ein Positivist sein, oder was ihm sonst gefällt, er kann auf Kongressen mit Leuten diskutieren, die anderer Meinung sind, und die Hörer können sich ein Urteil darüber bilden, wer recht hat. In Russland muss man ein dialektischer Materialist sein. Allerdings überwiegt manchmal das materialistische Element das dialektische oder umgekehrt, und wer den Entwicklungen der offiziellen Metaphysik nicht mit der erforderlichen Wendigkeit folgt, hat Schlimmes zu befürchten.

Stalin zwar weiß jederzeit die Wahrheit über die Metaphysik, aber man darf nicht glauben, dass die Wahrheit in diesem Jahr so lautet wie im vergangenen. In einer solchen Welt muss das geistige Leben stagnieren, und selbst der technische Fortschritt muss zum Stillstand kommen.“

Die Grundlage aber eines demokratischen Rechtsstaates ist und bleibt die Freiheit, denn „Freiheit ist wichtig, nicht nur für die Intellektuellen, sondern für jeden.“ Da es aber in Russland keine Freiheit gibt, habe die sowjetische Regierung ein größeres Maß wirtschaftlicher Ungleichheit schaffen können, als es in England oder Amerika besteht.

Schließlich könnte die kommunistische Oligarchie, die alle Mittel der öffentlichen Meinungsbildung kontrolliert, Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten begehen, die kaum möglich wären, wenn sie allgemein bekannt würden.

Dagegen können nur die Demokratie und die volle Öffentlichkeit des Staatslebens die Machthaber hindern daran hindern, einen Sklavenstaat mit Luxus für wenige und Armut für viele aufzurichten, wie es die Sowjetregierung überall da getan hat, wo sie die absolute Herrschaft ausübt.

„Freiheit ist wichtig, nicht nur für die Intellektuellen, sondern für jeden.“

Natürlich – Russell ist schließlich nicht blind - gibt es in der ganzen Welt wirtschaftliche Ungleichheit, aber unter einem demokratischen Regime wird sie allmählich schwächer, in einer Oligarchie dagegen stärker werden: Aber „überall da, wo eine Oligarchie an der Macht ist, droht die wirtschaftliche Ungleichheit zu einem Dauerzustand zu werden, eben weil eine erfolgreiche Revolution unter den modernen Verhältnissen unmöglich ist.“


Zitate aus: Bertrand Russell: Unpopuläre Betrachtungen, Zürich 2009 (Europa Verlag)   -   Siehe auch: Paideia - Arthur Koestler und der Kommunismus, Teil 1 und Teil 2



Donnerstag, 19. November 2015

Heinrich Triepel und die heikle Unterscheidung zwischen Hegemonie und Imperium

In seinem Buch „Die ohnmächtige Supermacht“ analysiert Michael Mann die zentralen Fragen der us-amerikanischen Außenpolitik mit Hilfe der Kategorien Hegemonie und Imperium. Hegemonie ist für ihn eine regelgebundene Form der Vorherrschaft – im Unterschied zum Imperium, bei dem die dominierende Macht sich an keinerlei Regeln gebunden fühlt: „Die Amerikaner müssen sich entscheiden, ob sie die Hegemonie wollen und sich dann an die Regeln halten. Doch wenn sie das Empire wollen und damit scheitern, werden sie auch die Hegemonie verlieren. Die Welt würde das wenig kümmern.“


"Die Amerikaner müssen sich entscheiden,
ob sie die Hegemonie oder das Empire wollen!" 

Demgegenüber bezweifeln andere Politologen wie Chalmers Johnson, dass zwischen Imperium und Hegemonie ein substantieller Unterschied besteht. Er geht vielmehr davon aus, dass die Verwendung der Begriffe Teil einer rhetorischen Strategie ist, durch die eine reale Machtausübung in ein helleres Licht oder in den Schatten gestellt werden soll. „Hegemonie“ wäre danach nur eine euphemistische Variante für „Imperium“.

Es war wohl der deutsche Rechtshistoriker Heinrich Triepel, der wie kein anderer in seinem großen Werk „Die Hegemonie“ (1938) über das Verhältnis von Imperialität und Hegemonie nachgedacht hat.

Carl Heinrich Triepel (1886 - 1946)
Auch Triepel hält eine kategorische Unterscheidung zwischen Imperium und Hegemonie für zweifelhaft. Hegemonie sei lediglich „eine der Formen, in denen sich imperialistische Politik auszudrücken vermag“. Ihr Charakteristikum bestehe in einer „Selbstbändigung der Macht“.

Triepel beobachtete gleichwohl, dass sich im Verlauf der Jahrhunderte eine Tendenz zur größeren Respektierung der Selbständigkeit jener Gebiete durchgesetzt habe, die unter der Herrschaft der imperialen Macht stehen, ihr selbst aber nicht angehören. Er bezeichnete diese Tendenz als das „Gesetz der abnehmenden Gewalt.“

Was Triepel damit aussagen wollte, war die Tatsache, Imperialität in einem Prozess der „Selbstbändigung der Macht“ inzwischen überwiegend die Gestalt von Hegemonie angenommen habe. „Man darf ruhig behaupten, daß in der Politik des modernen Imperialismus der Erwerb von Hegemonie mehr und mehr die typische Form der Machterweiterung geworden ist.“

Für Triepel treffen Imperium und Hegemonie dort zusammen, „wo der Imperialismus bewusst auf Inkorporation fremder Länder in das Gefüge eines alten Staates verzichtet. Sie können sich dort, sie müssen sich nicht begegnen.“

Insbesondere dort, wo föderative Elemente den Prozess der Bildung von Imperien prägen, lässt sich eine Tendenz zur Umwandlung imperialer in hegemoniale Politik beobachten. Aber er bezweifelte auch, dass sie sich immer und überall durchsetzen werde – was wohl zum Zeitpunkt der Niederschrift seines Buches Mitte der 30er Jahre des 20. Jahrhundert eine mehr als angebrachte Vorsicht war.

Bei seiner Suche nach den Anfängen der Hegemonie „als einer durch gesteigerte Selbstbindung gekennzeichneten Form imperialer Herrschaft“ stieß Triepel auf die antiken griechischen Historiker, die sich mit Entstehung und Scheitern des athenischen (See-)Imperiums beschäftigt haben. Schon bei ihnen ist ein ein abgestufter Gebrauch der Begriffe ἀρχή (arché) und δύναμις (dýnamis) einerseits sowie ἡγεμονία (hegemonía) andererseits zu beobachten: Danach bezeichnen „arché“ – und häufig auch „dýnamis“ - in einem starken Sinn Machtbeziehungen, die Triepel mit dem Begriff der „Herrschaft“ wiedergibt. Dagegen ist mit „hegemonía“ eine schwächere Machtbeziehung gemeint, die Triepel mit „Vorherrschaft“ übersetzt.

Der Attisch-Delische Seebund: Ein Imperium Athens
Triepels Beobachtungen werden auch von Michael Doyle bestätigt, der in seiner vergleichenden Untersuchung von Imperien Unterschiede zwischen der athenischen und der spartanischen Bündnispolitik im 5. vorchristlichen Jahrhundert beschrieben und anschließend eine kategoriale Unterscheidung zwischen Imperium und Hegemonie entwickelt hat:

„Während es sich bei dem von Athen dominierten Delisch-Attischen Seebund um ein Imperium gehandelt habe, sei der Peloponnesische Bund mit Sparta als führender Macht eine Hegemonie gewesen. Diese ist für Doyle dadurch gekennzeichnet, dass sie ihren Dominanzanspruch allein auf die „Außenpolitik“ der Bündnispartner beschränkt und von Eingriffen in deren innere Entwicklung absieht: Weder die politische noch die wirtschaftliche Ordnung, weder Verfassungsfragen noch die Regulierung von Märkten werden von ihr beeinflusst, geschweige denn unter Verweis auf den eigenen Führungsanspruch verändert.“

Eine solche Selbstbeschränkung ist Doyle zufolge in einem Imperium nicht anzutreffen. „Für imperiale Herrschaft sei vielmehr charakteristisch, dass sie keine klaren Grenzziehungen zwischen Innen und Außen kenne und sich demzufolge permanent in die inneren Angelegenheiten der Bündnispartner einmische.“ Genau das habe auch den Unterschied zwischen Athen und Sparta ausgemacht:

„Sparta beschränkte sich darauf, die Außenbeziehungen der Bündner unter Kontrolle zu halten und dafür zu sorgen, dass der Peloponnesische Bund gegenüber den beiden anderen großen Mächten des ägäischen Raumes, den Persern und den Athenern, eine einheitliche Position bezog; Athen dagegen habe ständig in die Angelegenheiten seiner Bündnispartner eingegriffen: Es achtete darauf, dass die demokratische Partei die Oberhand behielt, zog Gerichtsverfahren an sich, bei denen es um die Verhängung der Todesstrafe ging, setzte eine einheitliche Währung im Bündnisgebiet durch und nötigte schließlich die Bündnerstädte zur Abtretung von Land, auf dem athenische Kolonisten angesiedelt wurden.“

Spartanische Hopliten

Offenbar war man in Athen der Auffassung, man könne sich nur dann auf die Bundesgenossen verlassen, wenn man sie unter entsprechender Kontrolle habe. „Und natürlich wollte die athenische Bürgerschaft von der Last des Seebundes auch profitieren. Mit dem Verweis auf langfristige Interessen waren in der Volksversammlung keine sicheren Mehrheiten zu gewinnen; das war nur durch den Aufweis kurzfristiger Vorteile möglich. Für Doyle ist die spartanische Aristokratie zu einer hegemonialen Politik in der Lage gewesen, während die athenische Demokratie einen notorischen Hang zum Imperium hatte.“

So wird man sagen müssen, „dass die Hegemonie die einzige Form war, in der Sparta, in politischen wie sozialen Fragen grundsätzlich konservativ eingestellt, das Bündnis organisieren konnte. Dagegen musste Athen, wo der Ausbau des Bündnisses mit der Entwicklung der radikalen Demokratie im Innern Hand in Hand ging, die Dynamik der eigenen Entwicklung in die Bündnisstrukturen weiterleiten und so im gesamten ägäischen Raum einen Prozess in Gang setzen, der auf eine dramatische Umwälzung der sozioökonomischen Strukturen hinauslief.“

Im Anschluss an die Überlegungen von Triepel spricht Doyle also dann von einem Imperium, „wenn ein Beziehungsgeflecht zwischen einem Zentrum und einer Peripherie besteht, die in Form von staatenübergreifenden Sozialstrukturen verbunden sind. Bei einer Hegemonie dagegen handle es sich um ein Beziehungssystem zwischen Zentren, von denen eines deutlich stärker als die anderen ist.“

Imperium = ein Beziehungsgeflecht zwischen einem Zentrum und einer Peripherie, die in Form von staatenübergreifenden Sozialstrukturen verbunden sind 

Ob also eine politische Ordnung als imperial oder hegemonial zu klassifizieren ist, hängt dann nicht nur vom sozioökonomischen Entwicklungsstand, sondern auch und vor allem von der relativen politischen Stärke der nachgeordneten Bündnispartner und Mächte ab. „Ist der Abstand erheblich und wird er womöglich durch die Dynamik des Zentrums noch vergrößert, so ist eine „Imperialisierung“ der Dominanzstrukturen die zwangsläufige Folge.

Gleichwohl ebenso entscheidend wie das Machtgefälle zwischen den Bündnispartnern ist für die Herausbildung einer Hegemonie aber der Umstand, dass die nachgeordneten Mächte kein Interesse daran haben beziehungsweise keine Anstrengungen unternehmen, die aktuelle Hegemonialmacht zu verdrängen und selbst deren Position einzunehmen. Nur wenn die Hegemonialmacht davon ausgehen kann, wird sie es bei einem bloßen Vorherrschaftsanspruch belassen und nicht versuchen, die hegemonialen in imperiale Verhältnisse zu verwandeln.

Für die Frage, ob die USA nun ein Imperium oder ein Hegemon sind, heißt das zunächst, dass der Unterschied zwischen beidem sehr viel fließender ist, als oft angenommen. „Wird Imperialität allein an der Einmischung in die inneren Angelegenheiten der kleineren Staaten festgemacht, während der Hegemon an deren innerer Ordnung nicht wesentlich interessiert sei, so sind die USA, seitdem sie unter Präsident Carter zu einer offensiven Menschenrechtspolitik übergegangen sind, ein Imperium, während sie zuvor, als sie auch Militärdiktaturen in der Nato duldeten, ein Hegemon waren. Damit ist freilich die Wertehierarchie zwischen beiden Begriffen auf den Kopf gestellt.“

Daher schlägt Herfried Münkler in seinem Buch „Imperien - Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten“ vor, beide Begriffe „ganz wertfrei zu verwenden und damit unterschiedliche Kräfteverhältnisse zwischen den Angehörigen einer politischen Ordnung zu bezeichnen: Hegemon ist dann der Erste unter tendenziell Gleichen, wobei wichtig ist, dass sich die Gleichheit nicht auf Rechte und Pflichten beschränkt, sondern auch tatsächliche Fähigkeiten und Leistungen erfasst. Von Imperien soll dagegen gesprochen werden, wenn das Machtgefälle zwischen der Zentralmacht und den anderen Angehörigen der politischen Ordnung so groß geworden ist, dass es auch durch Gleichheitsfiktionen nicht mehr überbrückt werden kann.“
 
Hegemon = der Erste unter tendenziell Gleichen

Die Frage ist bloß, um welche Art von Macht es geht: um ökonomische, kulturelle, politische oder militärische Macht. Und weil dies alles selten in derselben Rechnung aufgeht, wird kaum je Einmütigkeit darüber bestehen, ob eine Ordnung nun eher imperial oder hegemonial zu denken und weiterzuentwickeln sei.


Zitate aus: Herfried Münkler: Imperien: Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, Berlin 2005 (rowohlt) - Weitere Literatur: Heinrich Triepel: Die Hegemonie. Ein Buch von führenden Staaten, Stuttgart 1938 (Kohlhammer) - Michael Mann: Die ohnmächtige Supermacht – Warum die USA nicht die Welt regieren können, Frankfurt a.M. 2003 (Campus) - Michael W. Doyle: Empires, 1986 (Cornell University Press), online bei google books