Posts mit dem Label Rationalismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rationalismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 28. September 2017

Ian Buruma, Avishai Margalit und der Hass auf den Westen (Teil 3)



Ein „Okzidentalist“ ist nicht etwa ein Anhänger des Westens und westlicher Ideen, sondern ihr schlimmster Feind. In diesem Sinne verwenden jedenfalls Ian Buruma, ehemalige Professor für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York und der israelische Philosoph Avishai Margalit den Begriff „Okzidentalismus“. Sie verstehen unter Okzidentalismus eine Ideologie des Hasses gegen den Okzident, gegen westliche Gesellschaftsstrukturen und Werte.




So wie die Materie in den Augen der radikalen Islamisten der Gott des Westens ist und der Materialismus seine Religion, so gilt der Osten als das Reich tiefer Spiritualität – zumindestens, wenn man ihn sich selbst überläßt und ihn vor dem Gift des Westens beschützt. Der Kampf zwischen Ost und West erscheint somit als ein manichäischer Kampf zwischen den götzendienerischen Anbetern irdischer Materie und den wahren Verehrern des göttlichen Geistes.

Einige islamische Glaubensideologen wie etwa Ali Shari’ati (1933 bis 1977), ein geistiger Wegbereiter des revolutionären Islam im Iran, versuchen sogar, marxistische Themen wie den Marktfetischismus für die islamistische Kritik am Westen fruchtbar zu machen. „Shari’ati sagte dem Westen und dem, was von den Ländern, die von ihm fasziniert waren, importiert wurde – Imperialismus, internationaler Zionismus, Kolonialismus, multinationale Unternehmen und so weiter–, viele Krankheiten nach; die schlimmste aber war gharbzadegi, das heißt, der westlichen Kultur blind und gedankenlos zu folgen.“ 

Ali Shari’ati
Shari’ati war überzeugt davon, daß es für die Menschen in der islamischen Hemisphäre nur einen Weg gibt, um die Übel des Westens zu bekämpfen: Herausbildung einer kulturellen Identität auf der Grundlage einer Religion, in seinem Fall natürlich des Islam. Die Verbindung von metaphysischer Erlösungs-gewissheit und Sehnsucht nach Einheit und Harmonie ein zutiefst romantisches Motiv. 

Von diesen Ideen zur Betrachtung des radikalen Islam als eine ikonoklastische Bewegung, die sich aufmacht, die westlichen Idole zu zerstören, ist nur noch ein kurzer Schritt. Als Beispiel für die gewalterfüllte Vorstellung von der neuen jahiliyya (eigentliche "Unwissenheit", meist mit "Barbarentum" übersetzt) mag der Aktivist der ägyptischen Muslimbruderschaft, Said Qutb (1906 – 1966) gelten. Für ihn befand sich die ganze Welt vom dekadenten Kairo bis zum barbarenhaften New York in einem Zustand der jahiliyya. 

In seinen Augen war der Westen ein einziges riesiges Bordell, erfüllt von animalischer Lust, Habgier und Selbstsucht. „Im Westen verleihe man dem menschlichen Denken `den Status eines Gottes´. Gier nach dem Materiellen, amoralisches Verhalten, Ungleichheit und politische Unterdrückung würden erst dann ein Ende haben, wenn die Welt allein von Gott und seinen Gesetzen regiert werde. Die Gelegenheit, in einem Heiligen Krieg zu sterben, biete den Menschen die Möglichkeit, eigensüchtige Ambitionen und korrupte Unterdrücker zu überwinden.“ 

Als Qutb 1948 vom ägyptischen Erziehungsministerium für zwei Jahre zum Studium in die USA geschickt wurde, um dort sein Englisch zu verbessern, ließ ihn diese Erfahrung zu einem echten Okzidentalisten werden. Vieles am amerikanischen Leben schockierte ihn, nicht nur im vergnügungssüchtigen New York, sondern auch im verschlafenen Greeley in Colorado, dessen gepflegte Rasenflächen ihn als „Symbole eines geistlosen Individualismus“ abstießen. Wahrhaftig erschütterte ihn jedoch die „frivole Art“, in der sich die örtlichen schwärzen Prediger mit Jazzrhythmen und ähnlichem an ihre Gemeinde wandten. 

Said Qutb
Gleich nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten begann Qutb, an einer islamistischen Ideologie zu arbeiten, die sich den großen Ideologien des Westens entgegenstellen ließ. Der große weltweite „Clash“ würde somit zwischen der Kultur des Islam, die im Dienste Gottes stand, und der Kultur der jahiliyya stattfinden, die allen körperlichen Bedürfnissen diente, welche die Menschen zu wilden Tieren degradierte. In der jahiliyya-Kultur seien Essen, Trinken, Sex und leibliche Genüsse das einzig Bedeutsame, also Dinge, die für Tiere typisch sind. Die jahiliyya gilt denn auch als Kultur der Tiere –schlimmer noch: jahiliyya gilt als die Kultur höchst anmaßender Tiere, die versuchen, Gott zu spielen. 

Ob nun Ali Shari’ati oder Said Qutb oder die vielen anderen islamistischen Theoretiker, die bis heute maßgeblichen Einfluss beisitzen - alle betrachten den Westen als Ausgangspunkt der neuen jahiliyya, als Brutstätte des Götzendienstes, als niedrigste Form des Daseins, die am besten vollständig vom Antlitz dieser Erde getilgt werden sollte. 

Qutb spricht diese Tatsache ganz deutlich aus: »Jede Gesellschaft, die nicht muslimisch ist, ist jahilitisch (…) de facto jede Gesellschaft, die etwas anderes als Gott und ihn allein anbetet.“ Für die radikalen Islamisten ist die ganze Welt nun Kriegsgebiet. Denn es gibt in ihren Augen kaum ein Land, in dem nicht weltliche Regime die Souveränität Gottes an sich gerissen haben. 

Will man diese göttliche Souveränität über die Welt wieder herstellen, muß ein Staat vollständig nach religiösem Recht regiert werden. „Das Ziel des Heiligen Krieges, des jihad, kann nach Qutbs Worten also nur darin bestehen, »das göttliche Recht als einzige Autorität anzuerkennen und die von Menschen erlassenen Gesetze abzuschaffen«. 

Diese Kriegserklärung ist dabei nicht nur metaphorisch zu verstehen, denn `all dies kann nicht allein durch Predigten und Reden erreicht werden´.“ Die Anschläge radikaler Islamisten in New York, Paris, London und zuletzt Barcelona sind jedenfalls ein grausames Zeugnis von Theorie und Praxis des Okzidentalismus. 




Zitate aus: Ian Buruma /Avishai Margalit: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, München 2015 


Donnerstag, 21. September 2017

Ian Buruma, Avishai Margalit und der Hass auf den Westen (Teil 2)


Fortsetzung vom 14.09.2017


Ein „Okzidentalist“ ist nicht etwa ein Anhänger des Westens und westlicher Ideen, sondern ihr schlimmster Feind. In diesem Sinne verwenden jedenfalls Ian Buruma, ehemalige Professor für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York und der israelische Philosoph Avishai Margalit den Begriff „Okzidentalismus“. Sie verstehen unter Okzidentalismus eine Ideologie des Hasses gegen den Okzident, gegen westliche Gesellschaftsstrukturen und Werte. 

Dem Westen wurde der Krieg in vielfältigem erklärt, im Namen der deutschen Rasse, des Staatsshintoismus, der russischen Seele, des Kommunismus oder zuletzt des Islam. Während nun diejenigen, die für eine spezifische Nation oder Rasse kämpfen Außenseiter von ihrem Kampf ausschließen, weil sie sich für auserwählt halten, erheben diejenigen, die für religiöse oder politische Überzeugungen in die Schlacht ziehen, oftmals den Anspruch, universelle Heilsbringer zu sein. 

Auch wenn die Trennlinien in der Praxis natürlich nicht so eindeutig verlaufen, lohnt es sich, zwischen einem religiösen und einem säkularen Okzidentalismus zu unterscheiden. 

Denn der religiöse Okzidentalismus gibt sich stärker als die weltliche Variante manichäisch, d.h. er geht von einem radikalen Dualismus von Licht und Finsternis, von Gut und Böse, von Geist und Materie aus. Er spricht deshalb konsequenterweise stets von einem Heiligen Krieg gegen die Feinde im Okzident, die schlicht der Vorstellung vom absoluten Bösen entsprechen.

In den meisten Spielarten des Okzidentalismus wird zwar dem leeren westlichen Rationalismus ein „tiefer Geist“ der Rasse oder Glaubensgemeinschaft gegenübergestellt. Aber auch die glühensten Anhänger der Romantik oder der Slawophilie betrachteten den Westen niemals als barbarisch oder seine Bewohner als Wilde. Diese Einstellung findet sich allein in bestimmten Strömungen des Islamismus, der wichtigsten religiösen Quelle für den Okzidentalismus unserer Gegenwart.

Der Islamismus als Ideologie stand nur zu einem geringen Teil unter dem Einfluß westlicher Ideen. Seine Darstellung der westlichen Zivilisation als einer Form von götzendienerischer Barbarei ist ein durchaus eigenständiger Beitrag zur reichhaltigen Geschichte des Okzidentalismus. Die Sicht des Westens im Islam geht weit über das traditionelle Vorurteil hinaus, der Westen sei dem Geld und der Habgier verfallen. Der Vorwurf lautet auf „Götzendienst“, auf „Idolatrie“, also der schlimmsten möglichen Glaubenssünde, und diesem Götzendienst muss daher mit aller Macht und mit allen denkbaren Sanktionsmöglichkeiten, die den wahren Gläubigen zur Verfügung stehen, begegnet werden. 

Im Visier der Islamisten: Götzendienst
 - die schlimmste Glaubenssünde
Kurioserweise - darauf deuten die Buruma und Margalit explizit hin, „damit nicht der Eindruck entsteht, wir wollten den Islam für alles verantwortlich machen“ - , stammt die Vorstellung des Götzendiesntes aus der schlimmsten religiösen Sünde ursprünglich aus dem Judentum.

Schon damals zeigte sich also die wahnhafte Vorstellung von Großmächten – damals „die Hure Babylon“, heute einfach „der Westen“ - als potentiellen Verführern, die dem wahren Gott die Herrschaft streitig machen wollen, denn schließlich ist der eigene Gott immer und notwendig der einzige legitime König des Universums.

Der Götzendienst, so Buruma und Margalit weiter, wird immer dann zu einem Thema, wenn eine weltliche Macht eine politische Loyalität einfordert, die der Loyalität den Rang streitig macht, die man Gott schuldigt. Islamisten betrachten die politische Realität unserer Zeit nicht nur unter politischen, sondern vornehmlich unter theologischen Gesichtspunkten. 

Vor allem die säkularen Regierungen in mehrheitlich muslimischen Ländern werden von radikalen Islamisten des Götzendienstes beschuldigt. Solche Vorwürfe werden zunächst in Glaubenspredigten formuliert, dann aber sehr schnell in einen politischen und terroristischen Aktivismus übersetzt, der sich gegen die Götzendiener in der muslimischen Welt richtet, in der Regel also gegen die Regierenden, sowie gegen die dahinterstehenden eigentlichen Kräfte, nämlich den götzendienerischen Westen.

Der muslimische Begriff für den Götzendienst lautet jahiliyya. In der traditionellen islamischen Koranexegese wird betont, dass der Begriff „Götzendienst“ ein Antonym zu "Wissen" darstellt, und entsprechend jahiliyya als "Unwissenheit" interpretiert. Somit würde mit dem Begriff jemand beschrieben, der weder den einzigen Gott als Schöpfer noch den Propheten Mohammed noch das religiöse Gesetz anerkannt hat und hat somit kein Wissen über religiöse Normen des Islams.

Der Begründer der modernen europäischen Islamwissenschaft, der Österreicher Isaak Yehuda Goldziher  (1850–1922) jedoch übersetzte jahiliyya nicht mehr wie gewohnt als Unwissenheit, sondern bevorzugte den Begriff der »Barbarei«. Goldziher wollte damit auch sprachlich deutlich machen, Mohammed sei von Gott geschickt worden, um die Götzendienerei der Barbaren mit Stumpf und Stiel auszurotten und damit der Barbarei ein Ende zu machen. 

Isaak Yehuda Goldziher
Diese Bedeutungskorrektur wurde schließlich in den arabischen Ländern rezipiert und wird heute gern von radikalen Islamisten – freilich vollkommen unreflektiert – verwendet. Die Verwendung des Begriffes „Barbar“ erinnert an die Unterscheidung zwischen „Griechen“ und Barbaren, die letztlich Unterscheidung zwischen zwei Arten menschlicher Wesen verteidigt. Unwissende resp. Barbaren sind dann diejenigen die jenseits des Einflussbereiches der eigenen Zivilisation lebten, also unzivilisierte Wilde und somit nicht wirklich Menschen.

Aus dieser Vorstellung der Menschen als Barbaren speist sich eine entmenschlichende Vorstellung des Westens, die in letzter Konsequenz befördert einen neuen Heiligen Krieg gegen das Böse befördert, der in den absoluten Kategorien des Manichäismus von Gut (=der Islam) und Böse (=der Westen) ausgefochten wird.

In den Augen der Okzidentalisten verehrt der Westen materielle Dinge, ja seine eigentliche Religion ist der Materialismus, und Materie ist nach manichäischer Überzeugung böse. Da nun der Westen den falschen Gott des Materiellen anbetet, wird er zum Reich des Bösen, das sein Gift verbreitet. Für den religiösen Okzidentalismus ist die Auseinandersetzung mit dem Westen nicht einfach ein politischer Kampf, sondern ein kosmisches Drama, ganz ähnlich dem Drama des Manichäismus.

So wie die Materie in den Augen der radikalen Islamisten der Gott des Westens ist und der Materialismus seine Religion, so gilt der Osten als das Reich tiefer Spiritualität – zumindestens, wenn man ihn sich selbst überläßt und ihn vor dem Gift des Westens beschützt. Der Kampf zwischen Ost und West erscheint somit als ein manichäischer Kampf zwischen den götzendienerischen Anbetern irdischer Materie und den wahren Verehrern des göttlichen Geistes.

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Ian Buruma /Avishai Margalit: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, München 2015


Donnerstag, 22. Oktober 2015

Peter Bieri und die Selbstständigkeit im Denken

Peter Bieri
Die Würde ist das höchste Gut des Menschen. Das Buch von Peter Bieri, „Eine Art zu leben. Von der Vielfalt menschlicher Würde“, handelt von diesem zentralen Thema unseres Lebens. Mit einem einzigen Begriff sei die menschliche Würde nicht zu fassen. Die Würde hängt gleichermaßen von unserem Umgang mit anderen und mit uns selbst ab. Würde, so stellt Bieri heraus, ist keine abstrakte Eigenschaft, sondern eine bestimmte Art zu leben.

Selbstständigkeit ein wesentliches Element unserer Würde: „Wir wollen über unser Leben selbst bestimmen. Wir wollen selbst entscheiden können, was wir tun und lassen. Wir möchten nicht von der macht und dem Willen anderer abhängig sein. Wir möchten nicht auf andere angewiesen sein.“ Aber diesen Wunsch nach Selbstständigkeit gibt es nicht nur nach außen hin – als unabhängiges Handeln gegenüber anderen Menschen, sondern es gibt auch ein Bedürfnis nach innerer Selbstständigkeit, „nach der Möglichkeit, über unser Denken, Fühlen und Wollen selbst zu bestimmen und in diesem Sinne unabhängig zu sein und nicht angewiesen auf andere.“

Aber diese innere Selbstständigkeit darf nicht mit Gleichgültigkeit und Unempfindlichkeit gegenüber anderen Menschen missverstanden werden. Natürlich werden wir immer von anderen Menschen beeinflusst, denn schließlich leben wir nicht in einem Bunker oder auf einer einsamen Insel.

Was bedeutet das?
Woher eigentlich weiß ich das?
Für Bieri besteht der entscheidende Unterschied zwischen innerer Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit, ob wir in der Lage sind, unser inneres Leben zum Thema zu machen, es zu befragen und uns darum zu kümmern. Unselbstständig im Denken sind wir also dann, wenn wir unser inneres Leben einfach nur geschehen oder treiben lassen, ohne es aktiv zu gestalten.

Diese innere Selbstständigkeit zeigt sich insbesondere im Denken: „Eine gedankliche Selbstständigkeit, wie sie zur Lebensform der Würde gehört, zeigt sich in einer besonderen Wachheit gegenüber dem, was man denkt und sagt. `Was genau bedeutet das?´ und `Woher eigentlich weiß ich das?´, sind die beiden Fragen, in denen sich diese Wachheit ausdrückt.“

Zur Selbstständigkeit gehört demnach, dass diese Fragen und das Fragen überhaupt zu einer zweiten Natur werden. Selbstständig sein in diesem Sinne, bedeutet, skeptisch zu sein „gegenüber leeren Worten und glatten Sprüchen.“ Es bedeutet, unnachgiebig und leidenschaftlich zu sein in der Suche nach Klarheit und gedanklicher Übersicht. Es bedeutet, zusammengefasst, eine eigene Meinung haben zu wollen.

Es steht gleichwohl außer Frage, dass vieles von dem was wir denken, meinen und sagen, zunächst durch Nachahmung und Gewohnheit entstanden ist. Gerade deshalb besteht die Selbstständigkeit im Denken darin, misstrauisch zu sein, wenn andere versuchen, einen durch Sprüche und leere Worthülsen zu verführen oder zu übertölpeln: „Er wird sich nichts vormachen lassen – nicht vom Stammtisch, von Politikern, von der Familie, vom Clan. Er wird dem eigenen Verstand trauen. Den eigenen Erfahrungen. Er wird selbst Regie führen über das, was er denkt.“

Das Gegenstück zum unabhängigen Denker ist der Mitläufer, „der servile Diener fremder Gedanken und fremder Sprüche.“ Der Mitläufer lebt von Meinungsgewohnheiten, Parolen und rhetorischen Brocken. Für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen Geschwätz und einem Gedanken: „Er sagt, was man am Stammtisch, im Wahlkampf oder in der Talkshow von ihm erwartet. Er ist der ideale Parteigänger.“

Der totalitäre Machtanspruch zielt letztlich auf das selbstständige Denken!
Wenn man uns in der gedanklichen Selbstständigkeit behindert und einschränkt, dann ist das nicht nur ärgerlich, sondern es gefährdet unsere Würde. In besonders eindringlicher Weise hat George Orwell dies in seiner negativen Utopie „1984“ beschrieben:

„Erinnern Sie sich“, fuhr O´Brian fort, „in Ihr Tagebuch geschrieben zu haben: ›Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei und zwei vier ist‹?“
„Ja“, sagte Winston.
O'Brien hob seine linke Hand hoch, den Handrücken Winston zugekehrt, den Daumen versteckt und die vier Finger ausgestreckt.
„Wie viele Finger halte ich empor, Winston?“
„Vier.“
„Und wenn die Partei sagt, es seien nicht vier, sondern fünf — wie viele sind es dann?“
„Vier.“
Das Wort endete mit einem Schmerzensschrei. (…)
„Wie viele Finger, Winston?“
„Vier, vier! Was kann ich denn anderes sagen? Vier!“ (…)
„Wie viele Finger, Winston?“
„Vier! Hören Sie auf, hören Sie auf! Nicht mehr weiter! Vier!“
„Wie viele Finger, Winston?“
„Fünf! Fünf! Fünf!“
„Nein, Winston, das hat keinen Zweck. Sie lügen. Sie glauben noch immer, es seien vier. Wie viele Finger, bitte?“
„Vier! Fünf! Vier! Was Sie wollen. Nur hören Sie auf, hören Sie auf mit der Quälerei!“ (…)
„Was kann ich dagegen machen?“ stieß er unter Schmerzen hervor. „Was kann ich dagegen machen, dass ich sehe, was ich vor Augen habe? Zwei und zwei macht vier.“
„Manchmal, Winston. Manchmal macht es fünf. Manchmal drei.
Manchmal alles zusammen. Sie müssen sich mehr Mühe geben. Es ist nicht leicht, vernünftig zu werden.“

"Wie viele Finger, Winston?"
Von welcher „Vernunft“ spricht O´Brian, der Folterknecht, hier? Und dann folgen Worte, die an Menschenverachtung und Grausamkeit kaum noch zu überbieten sind und die das Wesen totalitärer Herrschaft und absoluter gedanklicher Abhängigkeit verdeutlichen:

„Sie sind ein Fleck, der ausgemerzt werden muss. Habe ich Ihnen nicht soeben gesagt, dass wir anders sind als die Verfolger der Vergangenheit. Wir geben uns nicht zufrieden mit negativem Gehorsam, auch nicht mit der kriecherischsten Unterwerfung.

Wenn Sie sich uns am Schluss beugen, so muss es freiwillig geschehen.

Wir vernichten den Ketzer nicht, weil er uns Widerstand leistet: solange er uns Widerstand leistet, vernichten wir ihn niemals. Wir bekehren ihn, bemächtigen uns seiner geheimsten Gedanken, formen ihn um. Wir brennen alles Böse und allen Irrglauben aus ihm aus; wir ziehen ihn auf unsere Seite, nicht nur dem Anschein nach, sondern tatsächlich, mit Herz und Seele. Wir machen ihn zu einem der Unsrigen, ehe wir ihn töten. (…)

Kein Mensch, den wir hierher bringen, hält je seinen Widerstand uns gegenüber aufrecht. Jeder wird reingewaschen.

Sogar diese drei elenden Verräter, an deren Unschuld Sie einmal glaubten — Jones, Aaronson und Rutherford — haben wir am Schluss eines Besseren belehrt. Als wir mit ihnen fertig waren, waren sie nur noch leere Hüllen von Menschen. In ihnen war nichts anderes mehr übrig geblieben als Reue über das, was sie getan hatten, und Liebe zum Großen Bruder.

Es war rührend anzusehen, wie sehr sie ihn liebten. Sie baten, rasch erschossen zu werden, um sterben zu können, solange ihr Denken noch sauber war.“

Viele Folteropfer, die in Schauprozessen zu falschen Geständnissen gezwungen wurden, die genau entgegen ihrer eigentlichen Überzeugung aussagen mussten, haben – sofern sie es noch konnten – häufig gesagt, dass das Schlimmste an den Folterungen nicht die Schmerzen und Verstümmelungen waren, sondern „der Angriff auf ihre Würde als selbstständig denkende Wesen.“ Und genau das ist es, was O´Brian versucht bei Winston zu erreichen.

So ist die Würde der inneren Selbstständigkeit nicht immer mit dem Gelingen verknüpft. Aber: „Nicht dem mangelt die Würde, dem die Selbstständigkeit misslingt, weil ihm die gedankliche Übersicht fehlt und er sich verstolpert. Würdelos ist nicht der gescheiterte Versuch, sondern der fehlende Versuch.“


Zitate aus: Peter Bieri: Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde. München 2013 (Hanser), hier: S. 66ff 



Donnerstag, 14. Mai 2015

Xenophanes und die Suche nach der Wahrheit

In seinem Vortrag „Duldsamkeit und intellektuelle Verantwortlichkeit“, den er am 26. Mai 1981 an der Universität Tübingen hielt, behandelt Karl Popper auch das Thema der Objektiven Wahrheit und der Wahrheitssuche.

Xenophanes (ca. 570 - 470)
Es war der Vorsokratiker Xenophanes von Kolophen, der im 6. Jh. v.u.Z. als erster eine Wahrheitstheorie entwickelte, die die Idee der objektiven Wahrheit mit der Idee unserer grundsätzlichen menschlichen Fehlbarkeit verband. Xenophanes begründete eine Tradition, die man auch als skeptische Schule bezeichnet, wenngleich diese Bezeichnung leicht zu Mißverständnissen führen kann.

Der Duden erklärt „Skepsis“ als „Zweifel und Ungläubigkeit“, einen „Skeptiker“ als „mißtrauischen Menschen“ – und so wird das Wort heute auch meist verwendet. Aber das griechische Verb „σκέπτεσθαι“, von dem sich die Wortfamilie „skeptisch, Skeptiker, Skeptizismus“ herleitet, bedeutet ursprünglich „prüfend betrachten, prüfen, erwägen, untersuchen, suchen, forschen.“

Sicherlich hat es unter den Skeptikern auch viele Zweifler und vielleicht auch misstrauische Menschen gegeben, aber die fatale Gleichsetzung der Worte „Skepsis“ und „Zweifel“ wird Denkern wie Xenophanes, aber auch Philosophen wie Sokrates, Erasmus, Montaigne, Locke, Voltaire und Lessing, die für Popper alle mehr oder weniger zur Skeptischen Schule gehören, nicht gerecht.

Was alle die Mitglieder dieser skeptischen Tradition gemeinsam haben - und was auch Popper mit dieser Tradition gemeinsam hat, ist nun die Tatsache, dass sie alle die menschliche Unwissenheit betonen und daraus nicht nur erkenntnistheoretische, sondern auch – und das mag verwundern - ethische Konsequenzen ziehen.

Xenophanes, von Beruf Rhapsode, wandte sich dagegen, daß die Götter stehlen, lügen, ehebrechen, wie die Gesänge Homers und Hesiods erzählen. So unterwarf er die homerische Götterlehre einer Kritik, dessen wichtigstes Ergebnis die Entdeckung des Anthropomorphismus war, also die Entdeckung, „daß die griechischen Göttergeschichten nicht ernst zu nehmen sind, weil sie die Götter als Menschen darstellen.“

Stumpfnasig, schwarz, so sind die äthiopischen Götter.
Blauäugig aber und blond - so sind die Götterbilder der Thraker.
Aber die Rinder und Rosse und Löwen, hätten sie Hände,
Hände wie Menschen, zum Zeichnen, zum Malen, ein Bildwerk zu schaffen,
Dann würden Rosse die Götter gleich Rossen, die Rinder gleich Rindern
Malen, und deren Gestalten, die Formen der göttlichen Körper,
Nach ihrem eigenen Bilde erschaffen, ein jedes nach seinem.

Die Götter der Griechen - allzu menschlich ...

Wenn wir uns die Götter also nicht anthropomorph vorstellen können, wie müssen wir sie uns dann denken? Auf diese Frage gibt Xenophanes eine monotheistische Antwort:

Ein Gott nur ist der größte, allein unter Göttern und Menschen,
Nicht an Gestalt den Sterblichen gleich, noch in seinen Gedanken.
Stets am selbigen Ort verharrt er, ohne Bewegung,
Und es geziemt ihm auch nicht, bald hierhin, bald dorthin zu wandern.
Müh’los regiert er das All, allein durch sein Wissen und Wollen.
Ganz ist er Sehen, und ganz ist er Denken, und ganz ist er Hören.

Die für die Griechen völlig neue Idee des Monotheismus war für Xenophanes einerseits die Lösung eines schwierigen Problems – und diese neue Einsicht musste ihm selbst wie eine Offenbarung erscheinen -, andererseits  gab Xenophanes unumwunden zu, daß seine Theorie nicht sicher war und daß sie nicht mehr war als eine Vermutung. „Das war ein selbstkritischer Sieg ohnegleichen, ein Sieg seiner intellektuellen Redlichkeit und seiner Bescheidenheit.“

Der nächste Schritt bestand für Xenophanes darin, diese Selbstkritik zu verallgemeinern: „Ihm wurde klar, daß das, was er über seine eigene Theorie herausgefunden hatte – daß sie trotz ihrer intuitiven Überzeugungskraft nicht mehr war als eine Vermutung –, von allen menschlichen Theorien gelten muß. Alles ist nur Vermutung!“

Diese kritische Theorie bringt Xenophanes in die folgenden schönen vier Verse:

Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner erkennen
Über die Götter und alle die Dinge, von denen ich spreche.
Selbst wenn es einem einst glückt, die vollkommenste Wahrheit zu künden,
Wissen kann er sie nie. Es ist alles durchwebt von Vermutung.

Diese vier Zeilen „enthalten eine Theorie der objektiven Wahrheit. Denn Xenophanes lehrt hier, daß etwas, das ich sage, wahr sein kann, ohne daß ich oder sonst jemand weiß, daß es wahr ist. Das heißt aber, daß die Wahrheit objektiv ist. Wahrheit ist die Übereinstimmung dessen, was ich sage, mit den Tatsachen, ob ich es nun weiß oder nicht weiß, daß die Übereinstimmung besteht.“

Darüber hinaus enthalten diese Verse einen Hinweis auf den Unterschied zwischen der objektiven Wahrheit und der subjektiven Gewißheit des Wissens. Sie weisen darauf hin, dass jeder, auch wenn er die die vollkommenste Wahrheit verkündet, diese Wahrheit nie mit Sicherheit wissen kann: „Denn es gibt kein unfehlbares Kriterium der Wahrheit. Wir können eben nie, oder fast nie, ganz sicher sein, dass wir uns nicht geirrt haben.“

Alles Wissen ist nur ein Vermutungswissen

Gleichwohl war Xenophanes kein erkenntnistheoretischer Pessimist. Er war vielmehr ein Sucher und natürlich gelang es ihm, im Laufe seines langen Lebens, manche seiner Vermutungen kritisch zu verbessern. Er formuliert das folgendermaßen:

Nicht vom Beginn an enthüllten die Götter den Sterblichen alles.
Aber im Laufe der Zeit finden wir, suchend, das Bess’re.

Wenn Xenophanes hier von „dem Besseren“ spricht, dann meint er die Annäherung an die objektive Wahrheit,  die Wahrheitsnähe, die Wahrheits-ähnlichkeit.

Xenophanes’ Theorie des menschlichen Wissens enthält also die folgenden erkenntnistheoretischen Aussagen:
  1. „Unser Wissen besteht aus Aussagen.
  2. Aussagen sind wahr oder falsch.
  3. Die Wahrheit ist objektiv. Sie ist die Übereinstimmung des Aussageinhaltes mit den Tatsachen.
  4. Selbst dann, wenn wir die vollkommenste Wahrheit aussprechen, können wir das nicht wissen; das heißt, nicht mit Sicherheit, nicht mit Gewißheit wissen.
  5. Da „Wissen“ im vollen Sinn des Wortes „sicheres Wissen“ ist, so gibt es kein Wissen, sondern nur Vermutungswissen: „Es ist alles durchwebt von Vermutung.“
  6. Aber in unserem Vermutungswissen gibt es einen Fortschritt zum Besseren: die Wahrheit.
  7. Das bessere Wissen ist eine bessere Annäherung an die Wahrheit.
  8. Aber es bleibt immer Vermutungswissen – von Vermutung durchwebt.“

Xenophanes will also betonen, dass die objektive Wahrheit von der subjektiven Sicherheit deutlich unterschieden werden muss. „Die objektive Wahrheit ist die Übereinstimmung einer Aussage mit den Tatsachen, ob wir das nun wissen – sicher wissen – oder nicht. Die Wahrheit darf also nicht mit der Sicherheit verwechselt werden oder mit dem sicheren Wissen. Wer etwas sicher weiß, der kennt die Wahrheit. Aber es kommt oft vor, daß jemand etwas vermutet, ohne es sicher zu wissen; und daß seine Vermutung tatsächlich wahr ist.“

Xenophanes deutet ja richtig an, „daß es viele Wahrheiten gibt – und wichtige Wahrheiten –, die niemand sicher weiß; ja, die niemand wissen kann, obwohl sie von manchen vermutet werden. Und er deutet weiter an, daß es Wahrheiten gibt, die niemand auch nur vermutet.“

Es gibt also unendlich viele Wahrheiten. Und daraus folgt weiter, dass es unendlich viele Wahrheiten gibt, die wir niemals wissen können. Es gibt unendlich viele, für uns unerkennbare Wahrheiten.

Popper bedauert, dass es auch heute noch viele Philosoph
Xenophanes vor dem Wiener Parlament:
"Der Weg zur Wahrheit führt
immer durch den Irrtum!"
- Ein guter Merksatz für Politiker -
en gibt, die denken, „daß die Wahrheit nur dann von Bedeutung für uns sein kann, wenn wir sie besitzen; also wenn wir sie mit Sicherheit wissen. Aber gerade das Wissen um die Tatsache, dass es Vermutungswissen gibt, ist von großer Bedeutung. Es gibt Wahrheiten, denen wir nur in mühevollem Suchen näherkommen können.“ Und dieser Weg führt fast immer durch den Irrtum; und ohne Wahrheit kann es keinen Irrtum geben.

Somit gibt es Popper zufolge ausreichende Gründe dafür, daß auch heute die Sokratische Einsicht „Ich weiß, daß ich nicht weiß“ hochaktuell ist. Denn aus dieser Feststellung ergeben sich drei Prinzipien, „die jeder rationalen Diskussion zugrunde liegen, das heißt jeder Diskussion im Dienste der Wahrheitssuche.“ Das Erstaunliche ist, dass diese Prinzipien „gleichzeitig erkenntnistheoretische und ethische Prinzipien“ sind.

  1. „Das Prinzip der Fehlbarkeit: Vielleicht habe ich unrecht, und vielleicht hast du recht. Aber wir können auch beide unrecht haben.
  2. Das Prinzip der vernünftigen Diskussion: Wir wollen versuchen, möglichst unpersönlich unsere Gründe für und wider eine bestimmte, kritisierbare Theorie abzuwägen.
  3. Das Prinzip der Annäherung an die Wahrheit: Durch eine sachliche Diskussion kommen wir fast immer der Wahrheit näher; und wir kommen zu einem besseren Verständnis; auch dann, wenn wir nicht zu einer Einigung kommen."

Alle drei Prinzipien implizieren unter anderem Duldsamkeit und Toleranz: „Wenn ich von dir lernen kann und im Interesse der Wahrheitssuche lernen will, dann muß ich dich nicht nur dulden, sondern als potentiell gleichberechtigt anerkennen; die potentielle Einheit und Gleichberechtigung aller Menschen sind eine Voraussetzung unserer Bereitschaft, rational zu diskutieren. Wichtig ist auch das Prinzip, daß wir von einer Diskussion viel lernen können ; auch dann, wenn sie nicht zu einer Einigung führt. Denn die Diskussion kann uns lehren, einige der Schwächen unserer Position zu verstehen.“

Es liegen also jeder Wissenschaft, auch der Naturwissenschaft, letztlich ethische Prinzipien zugrunde. „Die Idee der Wahrheit als das grundlegende regulative Prinzip ist ein solches ethisches Prinzip.“

Auch die Wahrheitssuche und die Idee der Annäherung an die Wahrheit sind weitere ethische Prinzipien; wie auch die Idee der intellektuellen Redlichkeit und die der Fehlbarkeit, die uns zur selbstkritischen Haltung und zur Toleranz führt.


Zitate aus: Karl Raimund Popper: Duldsamkeit und intellektuelle Verantwortlichkeit, Vortrag, gehalten am 26. Mai 1981 an der Universität Tübingen, in: Auf der Suche nach einer besseren Welt. Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren, München 1999 (Piper Verlag)

Donnerstag, 30. April 2015

Karl Popper und der kritische Pluralismus

Am 26. Mai 1981 hielt Karl Raimund Popper an der Universität Tübingen einen Vortrag mit dem Titel „Duldsamkeit und intellektuelle Verantwortlichkeit“.

Sir Karl Raimund Popper (1902 - 1994)
Der Titel spielt Popper zufolge auf das Argument der Toleranz an, das von Voltaire, dem Vater der Aufklärung stammt: „Was ist Toleranz?, fragt Voltaire. Und er antwortet: Toleranz ist die notwendige Folge der Einsicht, daß wir fehlbare Menschen sind. Irren ist menschlich, und wir alle machen dauernd Fehler. So laßt uns denn einander unsere Torheiten verzeihen. Das ist das Fundament des Naturrechts.“

Popper nach appelliert Voltaire hier an die intellektuelle Redlichkeit, d.h. „wir sollen uns unsere Fehler, unsere Fehlbarkeit, unsere Unwissenheit eingestehen.“ Natürlich weiß auch Voltaire, daß es durch und durch überzeugte Fanatiker gibt. Aber deren Überzeugung ist deshalb nicht redlich, weil sie sich selbst, ihre Überzeugungen und deren Gründe nicht ehrlich geprüft haben. Diese „kritische Selbstprüfung“ aber ist für Popper ein unerlässlicher Teil intellektuellen Redlichkeit.

Der Fanatismus dagegen ist „oft ein Versuch, unseren eigenen, uneingestandenen Unglauben, den wir unterdrückt haben und der uns daher nur halb bewußt ist, zu übertönen.“

Auch wenn Voltaire die Toleranz damit begründet, dass wir einander unsere Torheiten vergeben sollen, wäre es eine weitverbreitete Torheit zu glauben, es sei ein Zeichen von Toleranz, alles – also auch die Intoleranz – zu tolerieren. „In der Tat, hier hat die Toleranz ihre Grenzen. Wenn wir der Intoleranz den Rechtsanspruch zugestehen, toleriert zu werden, dann zerstören wir die Toleranz und den Rechtsstaat. Das war das Schicksal der Weimarer Republik.“

Toleranz bedeutet nicht, Intoleranz zu tolerieren!

Neben der Intoleranz gibt es gleichwohl noch „andere Torheiten, die wir nicht tolerieren sollten.“ Dazu gehört für Popper vor allem „jene Torheit, die die Intellektuellen dazu bringt, mit der letzten Mode zu gehen; eine Torheit, die viele dazu gebracht hat, in einem dunklen, eindrucksvollen Stil zu schreiben, in jenem orakelhaft en Stil, den Goethe im Hexeneinmaleins und an anderen Stellen des Faust so vernichtend kritisiert hat.

Dieser Stil, der Stil der großen, dunklen, eindrucksvollen und unverständlichen Worte, diese Schreibweise sollte nicht länger bewundert, ja sie sollte von den Intellektuellen nicht einmal länger geduldet werden.“ Dieser Stil ist nicht nur intellektuell unverantwortlich, sondern zerstört gleichermaßen den gesunden Menschenverstand und die Vernunft.

Vor allem aber macht sie jene Haltung möglich, die man als Relativismus bezeichnet hat. „Diese Haltung führt zu der These, daß alle Thesen intellektuell mehr oder weniger gleich vertretbar sind. Alles ist erlaubt. Daher führt die These des Relativismus offenbar zur Anarchie, zur Rechtlosigkeit; und so zur Herrschaft der Gewalt.“

Popper stellt deshalb dem Relativismus eine Position gegenüber, die leider fast immer mit dem Relativismus verwechselt wird, die aber von diesem grundverschieden ist. Popper bezeichnet diese Position als „kritischen Pluralismus.“ Weil der Relativismus „aus einer laxen Toleranz entspringt“ letztlich immer zur Herrschaft der Gewalt führt, kann der kritische Pluralismus zur Zähmung dieser Gewalt beitragen.

Für die Trennung des kritischen Pluralismus vom Relativismus ist für Popper die Idee der Wahrheit von entscheidender Bedeutung.

Der Relativismus ist schließlich „die Position, daß man alles behaupten kann, oder fast alles, und daher nichts. Alles ist wahr, oder nichts. Die Wahrheit ist also bedeutungslos.“

"Wenn alles gilt, gilt nichts mehr."
Pluralismus muss sich in den Dienst
der Wahrheitssuche stellen.
Der kritische Pluralismus dagegen „ist die Position, daß im Interesse der Wahrheitssuche jede Theorie – je mehr Theorien, desto besser – zum Wettbewerb zwischen den Theorien zugelassen werden soll. Dieser Wettbewerb besteht in der rationalen Diskussion der Theorien und in ihrer kritischen Eliminierung. Die Diskussion ist rational; und das heißt, daß es um die Wahrheit der konkurrierenden Theorien geht: die Theorie, die in der kritischen Diskussion der Wahrheit näher zu kommen scheint, ist die bessere; und die bessere Theorie verdrängt die schlechteren Theorien. Es geht also um die Wahrheit.“

Schon in der Antike bei Xenophanes zeigt sich dieser Pluralismus, der im Dienst der Suche nach der Wahrheit steht.

Nicht vom Beginn an enthüllten die Götter den Sterblichen alles.
Aber im Laufe der Zeit finden wir, suchend, das Bess’re.

Redlichkeit also ist letztlich Bescheidenheit gegenüber der eigenen Erkenntnis. Wir müssen Popper zufolge einen Unterschied machen zwischen der objektiven Wahrheit und der subjektiven Gewißheit des Wissens. Danach kann ich, „auch wenn ich die vollkommenste Wahrheit verkünde, diese Wahrheit nie mit Sicherheit wissen“, denn „es gibt kein unfehlbares Kriterium der Wahrheit. Wir können eben nie, oder fast nie, ganz sicher sein, dass wir uns nicht geirrt haben.“

Aus der Redlichkeit ergibt sich notwendig die Duldsamkeit, die Geduld mit uns selbst und anderen. Duldsamkeit impliziert Toleranz: „Wenn ich von dir lernen kann und im Interesse der Wahrheitssuche lernen will, dann muß ich dich nicht nur dulden, sondern als potentiell gleichberechtigt anerkennen; die potentielle Einheit und Gleichberechtigung aller Menschen sind eine Voraussetzung unserer Bereitschaft , rational zu diskutieren.“

Wichtig dabei sei auch das Prinzip, daß wir von einer Diskussion viel lernen können, „auch dann, wenn sie nicht zu einer Einigung führt.“

Aber Duldsamkeit kann niemals Duldung der Unduldsamkeit, der Gewalt und der Grausamkeit sein.

Zitate aus: Karl Raimund Popper: Duldsamkeit und intellektuelle Verantwortlichkeit, Vortrag, gehalten am 26. Mai 1981 an der Universität Tübingen, in: Auf der Suche nach einer besseren Welt. Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren, München 1999 (Piper Verlag)

Donnerstag, 27. Februar 2014

Karl Raimund Popper und der kritisch-rationale Mensch

Karl Raimund Popper
Poppers Menschenbild gründet auf der evolutionstheoretischen These, dass „alles Leben Problemlösen“ bedeutet. Insofern kann er auch behaupten: „Zwischen der Amöbe und Einstein ist in dieser Hinsicht kein prinzipieller Unterschied: Alle Organismen sind Problemlöser!“

Weil aber die Geschichte der Evolution nun nicht als ein abgeschlossener Prozess zu betrachten ist, müssen wir davon ausgehen, dass auch die Fähigkeit des Menschen, die vorhandenen Probleme zu lösen, ebenfalls noch nicht perfekter Form ausgebildet ist. Vielmehr kommt Popper zur Einsicht, dass das menschliche Erkenntnisvermögen prinzipiell fehlbar und irrtumsanfällig ist.

So ist jede Erkenntnis für Popper letztlich „ein hypothetisches Vermutungswissen, das es stets von neuem zu prüfen und zu verbessern gilt. (…) Es gibt kein absolut sicheres Fundament und keine letzte Begründungs- oder Rechtfertigungsinstanz, von der aus man Erkenntnisse absolut rechtfertigen und ein für allem als wahr erweisen könnte.“ Jede Dogmatisierung von Wissen ist somit nicht möglich.

In besonderem Maße wird diese Dogmatisierung des Wissens bei einem Blick in die Geschichte offenbar. Politische Weltanschauungen und Ideologien, die auf der Idee einer absolut gesicherten Welterkenntnis aufbauen, münden meist in autoritären und diktatorischen Systemen, die elitäre und undemokratische Erkenntnisansprüche vertreten.

So viel wir auch denken, wir machen Fehler!
Solche Gesellschaften bezeichnet Popper als „geschlossene Gesellschaften“, in denen der „Kollektivgeist des Stammes“ dominiert, in denen es keine individuelle Freiheit gibt, in denen Sitten und Gebräuche als von Natur aus gegeben gelten, in denen es also keine Trennung zwischen natürlichen und normativen Gesetzen gibt.

Gegen die geschlossene Gesellschaft setzt Popper die Idee einer „offenen Gesellschaft“. Damit sind bei Popper eine Reihe von moralisch-politischen Werthaltungen verbunden, von denen die wichtigste die liberale Idee ist, die größtmögliche Freiheit des einzelnen Individuums zu fördern und durch Institutionen abzusichern. Daraus abgeleitet ist selbstverständlich die Einschränkung, dass die Freiheit der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft nicht die individuelle Freiheit anderer beeinträchtigen darf. Dies zu garantieren ist die Aufgabe des Staates.

Auch wenn Popper das Konzept einer negativen Freiheit – als Freiheit von Unterdrückung und Zwang – vertritt, darf man Popper keinen schrankenlosen Laissez-faire-Liberalismus oder ungehemmten Neoliberalismus unterstellen. Auch hier liegt die Aufgabe des Staates darin, die Freiheit des Einzelnen und zugleich das Gemeinwohl durch eine begrenzte und immer wieder kritisch zu hinterfragende Intervention zu sichern.

Das wichtigste Merkmal einer offenen Gesellschaft aber ist eine institutionalisierte öffentliche Kritik. In einer Gesellschaft muss es notwendigerweise eine politisch-weltanschauliche Pluralität geben. Gesellschaftliche Konflikte, politische Diskussionen und Entscheidungsfragen sollten daher möglichst in der Öffentlichkeit durch transparente, kritisch-rationale Diskussionen ausgetragen werden.

Transparente und kritisch-rationale Diskussion

Auch hier gilt, dass es keine „Totalansichten“ in gesellschaftliche Entwicklungen gibt. Auch hier zeigt sich die Begrenztheit und Fehlbarkeit menschlicher Erkenntnis. Gegen einen auf utopischen Idealen gegründeten revolutionären Umsturz der setzt Popper die Idee einer schrittweisen Lösung von konkreten Einzelproblemen und damit vorsichtigen Umbau der Gesellschaft.

Popper will mit der Zielvorstellung einer offenen Gesellschaft keinesfalls ein Heilsversprechen verbinden. „Auch in einer offenen Gesellschaft vermag sich der Mensch von der Last der Zivilisation, dem damit verbundenen bedrückenden Bewusstsein seiner Mängel und Grenzen … nie endgültig zu befreien.“

Erst wenn die Menschen bereit sind – ganz im Sinne des sokratischen „ich weiß, dass ich nichts weiß“ -, der menschlichen Unvollkommenheit und Beschränktheit bewusst ins Auge zu sehen, können sie mit der Planung von humanitären Institutionen beginnen und so zumindest graduelle Fortschritte bei der Abschaffung vermeidbaren Leids und Elends erzielen.

Diese „gradualistische Idee der Weltverbesserung, die durch Aufklärungsoptimismus und das Vertrauen in die kritische Vernunftfähigkeit des Menschen fundiert ist, bildet den Kernpunkt der offenen Gesellschaft und von Poppers Menschenbild. Dieses Menschenbild gründet auf kritische Rationalität und eine Reihe von moralischen Prinzipien.“

Zu diesen moralischen Prinzipien gehört die Tugend der intellektuellen Bescheidenheit, die nicht die „Allmacht der Vernunft“ propagiert und damit zu einem fanatischen Vernunftglauben, einem „Terror des Rationalismus“ führt. „Die Leitwerte seiner humanitären Ethik sind das Toleranzprinzip und das Prinzip des negativen Utilitarismus, welche anstelle der Forderung nach Glücksmaximierung die Forderung nach Leidminimierung in den Mittelpunkt des praktischen Denkens und Handelns stellt. Eng damit verknüpft ist ein Verantwortungsprinzip, das die individuell zurechenbare Verantwortung im Gegensatz zu anonymisierten Verantwortlichkeit eines Kollektivsubjekts betont.“

Popper ist schlicht der Auffassung, dass es einen Prozess der „Selbstbefreiung durch das Wissen“ gibt, ohne deswegen gleich zu behaupten, Wissen allein führe schon zu richten Wertentscheidungen.
 
Was wir brauchen ist Problemlösungswissen!
Für Popper ist schon ausreichend, „wenn das behauptete als hypothetisches, oder `konjekturales Wissen´ (Vermutungswissen) aller bisherigen Kritik standgehalten hat. Dieses Wissen gilt es im praktischen Lebensprozess zur Lösung von Problemen einzusetzen, jedoch stets im Bewusstsein, dass es jederzeit revidiert und verbessert werden kann.“

So ist nicht das Begehen von Fehlern ein schwerwiegender Defekt, sondern die Unfähigkeit oder mangelnde Bereitschaft, aus einmal gemachten Fehlern zu lernen, um sie nicht wieder zu begehen.



Zitate aus: Kurt Salamun: Wie soll der Mensch sein? Philosophische Ideale vom `wahren´ Menschen von Karl Marx bis Karl Popper, Tübingen 2012 (Mohr Siebeck)