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| Joachim Fest (1926 - 2006) |
Joachim Fest war einer der bedeutendsten
Publizisten und Historiker der Bundesrepublik. Nach seiner Zeit als
Chefredakteur beim norddeutschen Rundfunk war er zwei Jahrzehnte Herausgeber
der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Schwerpunkt seiner
historischen Werke ist zweifelsohne der Nationalsozialismus: Seine
Hitler-Biographie wurde in über 20 Sprachen übersetzt. Weitere Werke zum Thema
sind: "Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli", "Speer"
und "Der Untergang“ (verfilmt 2004).
1981 erhielt Fest den Thomas-Mann-Preis der
Stadt Lübeck. In seiner Dankesrede denkt Fest darüber nach, was bürgerliche Lebensform
eigentlich bedeutet. Die Rede gehört mit zu bedeutendsten
Beiträgen zu diesem Thema in der deutschen Nachkriegszeit.
Im Anschluss an Georg Lukács bemerkt Fest,
dass Bürgerlichkeit als Form des
Lebens in erster Linie das "Primat der
Ethik" im Leben
bedeutet, "dass das Leben durch das beherrscht wird, was sich
systematisch, regelmäßig wiederholt, durch das, was pflichtgemäß wiederkehrt,
durch das, was getan werden muss ohne Rücksicht auf Lust oder Unlust. Mit anderen Worten: Die Herrschaft der Ordnung über
die Stimmung, des Dauernden über das Momentane, der ruhigen Arbeit über die
Genialität, die von Sensationen gespeist wird"
(12).
Gleichwohl sei diese fast rituelle Ordnung des Lebens,
die "Fügung ins Zyklische", in das, „was pflichtgemäß wiederkehrt“, noch
nicht die Bürgerlichkeit selbst, sondern der
äußere Rahmen, in dem sich jener
Leistungswille erst entfalten kann, dem das Bürgertum alles verdankt, was
erinnnerungswürdig an ihm ist.“
Fest beschreibt hier die Verknüpfung des
Bürgertums mit der Tugendlehre des Protestantismus und ihrer „produktions-ethischen Gesinnung." Es ist diese "Leistungsidee von drakonischem
Charakter" ein Wesensmerkmal der bürgerlichen Lebensform, "die
alle Sphären gesellschaftlichen Verhaltens ...,
Arbeitswelt und positive Wissenschaft, Recht und Philosophie, Kunst und private
Lebensführung" durchdringt" (15).
Hier liegt für Fest der Grund für die
Wertschätzung des unverwechselbaren Individuums: „Bürgerlich ist die Idee der Konkurrenz, des
Exzellierens auf allen Gebieten; bürgerlich der Wille zum Herausragenden und,
daraus hervorspringend, der Sinn für
individuellen Rang, auch für menschliche und künstlerische Größe, der wiederum
aufs engste mit dem zu tun hat, was man das bürgerliche Genie zur Bewunderung
nannte" (15).
Seine individualistische Grundhaltung verbindet
die bürgerliche Lebensform schließlich mit der "Faszination durch das Einzigartige, auf deren
Grund ein schroffes, im Einzelfall oft mitleidloses Bekenntnis zu menschlichen Unterschieden, sogar zur Ungleichheit greifbar
wird" (ebd.).
Deshalb solle die bürgerliche Lebensphilosophie den einzelnen auch nicht fesseln, sondern ihm vielmehr "Ansporn und Möglichkeit geben, das Besondere
zu werden.“ (ebd.)
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| Der Prototyp des Bürgers: Thomas Mann |
Dies leitet über zu den Gedanken von der „Vervollkommnung
des Einzelnen“, der wiederum verknüpft ist mit dem stark pädagogischen Zug, der
zu diesem Menschenbild gehört“, einschließlich der ununterdrückbaren Neigung zu
Kritik und Selbstkritik.
„Dahinter steht die Idee der Verantwortung des Menschen
sowie die seiner Befreiung durch sich selbst, und es macht, um auf die Gegenwart
zu kommen, den ganzen Abstand sichtbar, der uns vom gleichsam klassischen
bürgerlichen Lebensgefühl trennt, dass heute alles Heil von Gruppenbildungen
erwartet und Befreiung durchweg als soziales, nicht dagegen als individuelles
Problem verstanden wird“ (15).
Nach bürgerlichem Verständnis dagegen wird Befreiung vor
allem durch die Selbsterziehung bewirkt. Im Zentrum steht dabei der Begriff „Bildung“.
Mittlerweile schlägt dem Begriff des „Bildungsbürgers“ vor allem Verachtung
entgegen. Diese verkennt jedoch genau das, was mit diesem Wort ursprünglich zum
Ausdruck gebracht werden sollte. Gemeint war nicht das jederzeit abrufbare
Klassikerzitat oder die Kenntnis der Melodie von „O du mein holder Abendstern“.
„Das war die Karikatur. Gemeint war vielmehr die geformte, vom elementaren
Hunger nach geistigen Erfahrungen lebenslang geprägte Persönlichkeit“ (16)“
Auf dem Grunde des Bildungsbegriffes finde man Fest zufolge
„jene Leidenschaft für die Teilhabe an der Kultur, aus der nach bürgerlicher
Auffassung die Persönlichkeit, das Zusammenleben in geordneter Freiheit und
strenggenommen überhaupt erst Kultur werden kann. Historisch gesprochen ist
dieses Bedürfnis nach unermüdlicher Selbstformung eine Erscheinung, die allein
dem Bürgertum als Klasse zugehört“ (16).
Selbstformung und Kritik sind letztlich zwei Seiten der
gleichen Medaille. Gerade die Kritik im Dienste der Selbsterziehung und die
„Fähigkeit, sich diesem Prinzip auf allen Gebieten, sei es im Reich des
Gedankens wie in der Welt der Wirtschaft, im Sozialen wie im Kulturellen zu
unterwerfen“, mache das „Überlebensingenium des Bürgertums“ aus“ (18).
Natürlich will Fest das Bürgertum nicht glorifizieren. „Gewiss
hat das Bürgertum vor Hitler versagt und seine überlieferten Maßstäbe wie in
einer einzigen großen Erledigung aufgegeben. Aber historisch fiel es nicht
stärker ins Gewicht als das der übrigen gesellschaftlichen Gruppen auch: Hitler
war das Desaster eines Volkes, am Ende sogar eines Kontinents, doch nicht das
einer einzelnen Klasse“ (ebd.).
Aber das Bürgertum stirbt und lebt. Scheinbar besteht die
spezifische Form der Selbstbehauptung darin, „aus Untergängen Überlebenskräfte
zu gewinnen und sich am eigenen Grabe Gesundheit zu besorgen“ (ebd.).
In der Gegenwart steht die bürgerliche Welt in der wohl
ernstesten Krise ihres Bestehens. Dies zeigt sich „in dem anarchistischen Lärm
auf den Straßen, einem Unmut, der sich gegen die unerträgliche Reglementierung
des Lebens hinaus gegen alle Ordnungskategorien überhaupt wendet, sowie in
einem Extremismus, der die bürgerliche „Idee der Mitte“ als eine Form der
Unmoral betrachtet“ (20).
Aber diese uferlos gewordene, alles und jedes ergreifende
Angriffslust offenbart, „weil sie weder Sympathie noch Unterscheidungsvermögen
kennt, gerade den Verlust jenes kritischen Bewusstseins, das sie für sich
reklamiert“ (ebd.).
Gegen den bürgerlichen Individualismus, der immerhin die
lebenslange Anstrengung war, Persönlichkeit und geltende Normen zum Bild des
unverwechselbaren Charakters zu vereinigen, ist nun ein Subjektivismus aufgestanden,
„dessen egomane Züge auch vom sozialen Aufputz nicht verdeckt werden, den er
zur Schau trägt. Dahinter steht eine Anspruchsgesinnung, die auf alle
Begründungen lange verzichtet hat, auf nichts mehr verweist und verweisen kann
als auf die eigenen Begehrlichkeiten und daher so unvermittelt in Larmoyanz
umschlägt“ (21)
Wenn aber Leistungswille verpönt ist und ein auf Erfolg
gegründetes Selbstbewusstsein im sozialen Verruf steht, dann bleibt nur eine „Leidenschaft
für den, der in die Brüche geht.“ Dabei geht es meist weniger um echtes
Mitgefühl, sondern hier zeigt sich „die Vorliebe für den pechösen Charakter,
dessen Unglück sich überdies zur immer wiederholten Anklage gegen „die
Gesellschaft“ verwenden lässt“ (ebd.), eine Anklage, die - richtungslos
geworden - das Bestehende im Ganzen verdammt.
Dahinter steht nicht nur eine antibürgerliche Rhetorik,
zugleich versucht, die eigene private Existenz an Maßstäben zu orientieren, die
man gleichzeitig in der Öffentlichkeit diffamiert. Hier zeigt sich auch das
Unvermögen, „zu sich selbst zu stehen, Gegnerschaften zu ertragen und Kritik
nicht nur auszuhalten, sondern sich und was man ist daran zu messen“ (22).
Vielleicht – so schließt Fest – sollten die „gegenwärtig so
verschreckt wirkenden Bürger sich ihrer Werte wieder bewusst werden und aus dem
Schweigen treten. Dann würde auch die Kritik daran, indem sie auf Widerspruch
und Behauptungswillen stieße, ihre Funktion zurückgewinnen“ (23f).
Zitate
aus: Joachim Fest: Bürgerlichkeit als Lebensform. Späte Essays, Hamburg 2008
(Rowohlt)


