Posts mit dem Label Paideia werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Paideia werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 17. August 2024

Sokrates, Platon und das Erwachsenwerden

Von Fichte stammt das Urteil, dass unterwürfige Seelen sich für ein naturalistisches System entscheiden, das ihre Servilität rechtfertige, während Menschen von stolzer Gesinnung nach einem System der Freiheit greifen. Welche Philosophie man wähle, hängt also davon ab, was für ein Mensch man ist.

Ausgehend von dieser Beobachtung beschreibt Peter Sloterdijk verschiedene philosophische Temperamente von Platon bis Foucault, eine Galerie von Charakterstudien und intellektuellen Portraits, die zeigen, wie sehr Nietzsche im Recht war, wenn er notierte, alle philosophischen Systeme seien immer auch so etwas wie unbemerkte Memoiren und Selbstbekenntnisse ihrer Verfasser gewesen.

 

Von Menschen mit stolzer Gesinnung oder von unterwürfigen Seelen ...

In jedem Fall markieren Sokrates und Platon für Sloterdijk den Durchbruch einer neuen Erziehungsidee, denn sie treten an gegen den Konventionalismus und Opportunismus der Rhetoriklehrer und der Sophisten und für eine umfassende Neuprägung des Menschen hervor. Paideia oder Erziehung als Formung des Menschen für das Gemeinwesen versteht sich explizit auch als ein Programm der Philosophie als politischer Praxis.Daran lässt sich auch ablesen, dass die Entstehung der Philosophie nicht zuletzt durch die Heraufkunft einer neuen, machtgeladenen Weltform bedingt war, die der griechsichen Stadtstaaten!

Diese erzwang eine Formung des Menschen in Richtung auf Politiktauglichkeit. Insofern darf man behaupten, “daß die klassische Philosophie ein logischer und ethischer Initiationsritus für eine Elite junger Männer – in seltenen Fällen auch für Frauen – gewesen ist; diese sollten es unter der Anleitung eines fortgeschrittenen Meisters dahin bringen, ihre bisherigen bloßen Familien- und Stammesprägungen zu überwinden” zugunsten einer weitblickenden und großgesinnten Menschlichkeit.

So sei die Philosophie “gleich an ihrem Anfang unvermeidlich eine Initiation ins Große, Größere, Größte; sie präsentierte sich als Schule der universalen Synthesis; sie lehrt, das Vielfältige und Ungeheure in einem guten Ganzen zusammenzudenken; sie führt ein in ein Leben unter steigender intellektueller und moralischer Belastung; (…)  sie will aus ihren Schülern Bewohner einer logischen Akropolis machen; sie weckt in ihnen den Trieb, überall zu Hause zu sein.” Die griechische Tradition verwendet dafür den Terminus “σωφροσύνη“ (sophrosyne – Besonnenheit), lateinisch humanitas.

Sokrates - Wo Ambivalenz herrscht, fallen naiv-positive Bilanzen schwer

Sofern die antike philosophische Schule also paideia ist, Einführung in die erwachsene Besonnenheit, die Humanität bedeutet, vollzieht sie eine Art Übergangsritus zur Formung eines  des polistauglichen  Menschen. Die Werte der paideia und der humanitas sind also weit mehr als nur unpolitische Charakterideale.


Denn: “Die klassische Philosophie stellte ihren Adepten in Aussicht, sie könnten es in einem chaotischen Kosmos zur Heiterkeit bringen; zum Weisen wird, wer das Chaos als Maske des Kosmos durchschaut. Wer in die Tiefenordnungen durchblickt, gewinnt Verkehrsfähigkeit im Ganzen; kein Ort im Sein ist ihm mehr ganz fremd; darum ist die Liebe zur Weisheit die Hochschule der Exilfähigkeit. Indem sie den Weisen so witzig wie programmatisch als kosmopolités, als Weltallbürger, bezeichnete, versprach die Philosophie Überlegenheit über ein Universum, das seiner Form nach schon ein wüster Markt der Götter, der Bräuche und der Meinungen war – zugleich ein Schlachtfeld, auf dem mehrere Staatswesen um die Hegemonie kämpften. (…)

 

In moderner Sprache würde man die klassische Philosophie mithin als Orientierungsdisziplin bezeichnen; wollte sie für sich werben, so konnte sie es vor allem mit dem Versprechen tun, den Wirrwarr der vorgefundenen Verhältnisse durch einen geordneten Rückgang auf sichere Grundlagen zu übersteigen – in heutiger Terminologie spräche man von Komplexitätsreduktion.” Der Philosophie also als “Eliminator von schlechter Vielfalt”.

 

Wer zu Zeiten von Sokrates und Platon erwachsen werden wollte, mußte sich darauf vorbereiten, in einem geschichtlich kaum gekannten Ausmaß Macht zu übernehmen – oder zumindest die Sorgen der Macht zu seinen eigenen zu machen.

 

“Nach Sokrates und Platon kann als erwachsen nicht mehr nur derjenige gelten, von dem die Ahnen und Götter des Stammes Besitz ergriffen haben. Die städtischen Lebensformen erfordern einen neuen Typus von Erwachsenen, dem die Götter nicht zu nahe treten – das heißt zugleich: Sie stimulieren eine Form von Intelligenz, die von Tradition und Wiederholung auf Forschung und »Erinnerung« umstellt. Offenbarungen und Evidenzen entstehen jetzt nicht mehr durch Ekstasen, sondern durch Schlüsse: Die Wahrheit selbst hat schreiben gelernt; Satzketten führen zu ihr hin.” Philosophie wird so zu einem “Unternehmen zur Aufhellung des Zwielichts, das wir bevölkern.”

 

    Platon - Philosophie als Aufhellung des Zwielichtes ...

Sloterdijk stellt fest, dass der moderne Ausdruck “Erziehung” nur wenig von diesem Ehrgeiz des ursprünglichen Projekts Philosophie enthalten würde. Dies liege nicht zuletzt daran, weil “die Fundierung des Wissens und Handelns in der `alteuropäischen´ Idee eines höchsten Gutes” aufgegeben wurde. “Der dominierende technologische Pragmatismus der Neuzeit gewann freie Bahn erst, nachdem die metaphysischen Hemmungen, die einem grenzenlosen moralischen und physischen Experimentieren im Weg standen, beiseite geräumt oder zumindest entkräftet waren.”

 

So bringe Modernisierung unvermeidlich einen Fortschritt im Bewußtsein der Haltlosigkeit mit sich. Aber das Moderne als Selbstzweck könne immer nur eine Hilfskonstruktion für Hilflose liefern; sie erzeuge nur Scheinsicherheiten ohne Weiterwissen; auf lange Sicht ruiniere sie die befallenen Gesellschaften durch die Drogen der falschen Gewißheit.

 

Daher empfiehlt es sich, “das Buch des europäischen philosophischen Wissens von neuem aufzuschlagen und den Zeilen und Wegen des klassischen Denkens noch einmal zu folgen – soweit die Kürze des Lebens es uns erlaubt, solche aufwendigen Wiederholungen zu wagen. 

 

Das Motto »Wieder denken« setzt die Aufforderung, neu zu lesen, voraus. Alle fruchtbaren Neulektüren profitieren von den Winkelbrechungen und Perspektiveverschiebungen, die unseren Rückblicken auf die Überlieferung innewohnen, sofern wir bewußte Zeitgenossen der aktuellen Umbrüche in den Wissens- und Kommunikationsverhältnissen der eben entstehenden telematischen Weltzivilisation sind. (…) 


"Wieder denken" und Lektüre ... statt hilfloses Denken in Bildern!

Besseres Wissen gewinnen wir heute nicht, ohne an den Abenteuern teilzunehmen, die bei der Revision der eigenen Geschichte auf uns zukommen. Ein neuer Aggregatzustand von Intelligenz wird auch den alten Schulen des philosophischen Wissens neue Informationen abgewinnen. Platon wieder lesen: Das kann bedeuten, sich darauf einzulassen, mit Platon – und Platon zum Trotz – an der Aktualisierung unserer Intelligenz zu arbeiten.”

 

Zitate aus: Peter Sloterdijk: Philosophische Temperamente. Vom Platon bis Foucault, München 2009 (Diederichs)

Donnerstag, 21. Januar 2016

John Locke und die Erziehung

Es gehörte zu den tiefsten Überzeugungen von John Locke, dem großen englischen Aufklärer, dass jeder Mensch selbst denken kann – und wer es dennoch nicht vermag, kann dazu angeleitet werden.

Genau dies ist das Thema der Gedanken über Erziehung (Some Thoughts concerning Education, 1693), ein pädagogisches Programm, wie junge Menschen so geleitet werden können, dass sie schließlich, ihrer eigenen Führung anvertraut, als mündiger Bürger ihre geistige und politische Freiheit sinnvoll zu gebrauchen wissen.

Lockes Werk ist mit Sicherheit keine vollständige und systematische Abhandlung über die Erziehung und es bietet auch keine systematische Philosophie der Erziehung. Aber Lockes Gedanken regen zum verantwortungsvollen Selbstdenken an, und sie „möchten denen ein klein wenig Licht geben, die in der Sorge um ihre lieben Kleinen so ungewöhnlich kühn sind, daß sie es wagen, bei der Erziehung ihrer Kinder lieber ihre eigene Vernunft zu befragen, als sich ganz auf Altüberkommenes zu verlassen.“

Weil Locke erkenntnistheoretisch davon ausging, dass der menschliche Verstand bei der Geburt wie ein unbeschriebenes Blatt ist, war er überzeugt davon, dass man schon sehr früh ansetzen musste, um Fehler in der Erziehung zu vermeiden und die jungen Menschen für das praktische Leben zu bilden.

Locke ist davon überzeugt, dass neun von zehn Menschen durch die Erziehung zu dem werden, was sie sind, gut oder böse, nützlich oder unnütz, vernünftig oder verwirrt. Erziehung ist es, „welche die großen Unterschiede unter den Menschen schafft. Die kleinen oder nahezu unmerklichen Eindrücke auf unsere zarte Kindheit haben sehr bedeutende und dauernde Folgen.“

Im Zentrum von Lockes pädagogischen Gedanken finden wir die Figur eines körperlich gesunden und geistig regen Gentleman. Der Gentleman ist für Locke die Modellperson für ein glückliches Leben in einem liberalen Staat vernünftiger Menschen. An sie richtet sich Lockes Anspruch: „Die gute Erziehung der Kinder ist so sehr eine Sorgepflicht der Eltern, Wohlfahrt und Gedeihen der Nation hängen so sehr davon ab, dass ich sie jedermann ernstlich ans Herz legen möchte.“

John Locke (1632 - 1704)
Gleich im ersten Satz seiner Gedanken zitiert Locke den römischen Moralisten und Satiriker Juvenal: „Ein gesunder Geist in einem gesunden Leib, das ist eine kurze, aber vollständige Beschreibung eines glücklichen Zustandes in dieser Welt.“ Mens sana in corpore sano! - statt all der ausschweifenden Laster und verstockten Dummheiten, politischen Übel und moralischen Katastrophen, die das gesellige Leben vergiften!

Wem die Erziehung eines Gentleman am Herzen liegt, der hat neben der erforderlichen Vermittlung von Kenntnissen (learning) vor allem auf ausgewählte Qualitäten zu achten. Zunächst gilt es die erste und notwendigste Gabe des Menschen auszubilden: seine Tugend (virtue), die andere Menschen an ihm schätzen und lieben werden und die dazu beiträgt, dass er sich selbst achten kann und nichts vorwerfen muss.

An dieser Stelle wird auch Lockes eigene religiöse Überzeugung deutlich. Der kindliche Glaube an einen liebenden und gerechten Gott, der den Menschen alles Notwendige gibt, kann die Tugend stützen und ihre Entfaltung fördern, „während man die Kinder nicht durch schreckliche Geschichten von Geistern und Gespenstern, Totenköpfen und dem Sensenmann ängstigen soll.“ Vielleicht kann man Kinder durch solche Geschichten in seltenen Föllen von kleinen Vergehen abhalten, aber das Heilmittel des Schreckens ist doch weit schlimmer als die Krankheit. „Wenn das zarte Kindergemüt einmal solche Schreckvorstellungen aufgenommen hat und von dem starken Eindruck der Furcht, die solche Vorstellungen begleitet, angegriffen worden ist, dann sinken diese tief ein und setzen sich so fest, daß sie, wenn überhaupt, nur schwer wieder getilgt werden können; und solange sie vorhanden sind, suchen sie die Kinder häufig mit seltsamen Hirngespinsten heim und machen sie zu Feiglingen, wenn sie allein sind, und jagen ihnen für ihr ganzes späteres Leben Angst vor ihrem Schatten und der Dunkelheit ein.“

Lebensklugheit und Lektüre
Nach der Tugend ist es die Lebensklugheit (wisdom), die es beim heranwachsenden Gentleman zu formen gilt. Er soll lernen, seine Geschäfte in dieser Welt geschickt und mit Umsicht zu führen. Das mag den Horizont von Kindern zunächst übersteigen. Doch man kann ihnen schon früh beibringen, nicht listig zu sein, sondern wahrhaftig und aufrichtig. Denn zur Lebensweisheit gehören für Locke vor allem Offenheit und Fairness, die gesellschaftlich von einem wesentlich höheren und dauerhafteren Nutzen sind als die List (cunning), dieser „Affe der Weisheit“, der von ihr äußerst weit entfernt ist.

Die dritte Eigenschaft, die zu einem Gentleman gehört, ist eine gute Lebensart (good breeding), deren Hauptregel lautet „nicht zu gering von sich selbst und nicht zu gering von anderen denken“. Es handelt sich dabei um eine gesellige Tugend der Achtung und gegenseitigen Wertschätzung; um „eine Geisteshaltung, die sich im Benehmen zeigt und durch die man vermeidet, daß der andere sich im geselligen Umgang unbehaglich fühlt“.“

Vermeiden sollte man deshalb die ungeschliffene Rohheit eines Grobians ebenso wie die Missachtung und Geringschätzung des anderen, ein ständiges Widersprechen aus bloßer Lust am Widerspruch, rechthaberisches Behaupten, schulmeisterliches Auftreten und unversöhnliche Streitlust.

Lockes Erziehung ist auf eine gesellige Kultur gegenseitiger Achtung gerichtet. Doch diese Kultur ist für ihn nicht denkbar ohne eine tiefere Begründung. Sie basiert auf dem „richtigen Gebrauch des Verstandes“, ohne den sie nur eine gewohnheitsmäßig eingeübte Lebensform wäre.

Anleitung zur Vernünftigkeit im Gespräch
Locke ist grundsätzlich davon überzeugt, dass der Mensch zur Vernünftigkeit angeleitet werden muss. Das erklärt die große Rolle, die er dem Gespräch (reasoning) zwischen Erzieher und Zögling zuschreibt, in dem das Kind lernt, seine Verstandeskräfte auszubilden. „Man wird sich vielleicht darüber wundern, daß ich von vernünftigem Gespräch mit Kindern rede; und doch kann ich nicht umhin, dies als die rechte Art des Umgangs mit ihnen anzusehen. Sie verstehen es so früh, wie sie die Sprache verstehen; und wenn ich recht sehe, wollen sie gern als vernunftbegabte Wesen behandelt werden, und zwar früher, als man denkt. Es ist dies ein Stolz, den man in ihnen nähren und, soweit es geht, zum wichtigsten Werkzeug ihrer Bildung machen sollte.“

Ein vernünftiges Gespräch ist keine Indoktrination. Das Kind soll nicht nachplappern, was ihm vorgesagt wird. Lockes sprachlich vermittelte Erziehung des Verstandes ist Anleitung zum eigenen Verstandesgebrauch. Er will den jungen Gentleman nicht abrichten, ihm blind zu folgen, sondern dazu bringen, als ein vernünftiger Mensch nur dem zuzustimmen, was er selbst für vernünftig hält.

Lockes Gedanken haben einen konkreten biographischen Hintergrund. Er war der Erzieher von Anthony Ashley Cooper, dem 3. Earl of Shaftesbury. Der kleine Ashley hat am eigenen Leib erfahren können, was es bedeutet, einen gesunden Körper auszubilden. So achtete Locke sehr sorgfältig auf Maßnahmen, die er für vernünftig und leicht zu befolgen hält: Das Kind soll nicht zu warm angezogen sein, jeden Tag seine Füße mit kaltem Wasser waschen, ausreichend schlafen, weite Kinderkleider tragen, die es nicht einengen, sich viel in frischer Luft aufhalten und körperlich bewegen, eine naturgemäße einfache Nahrung mit wenig Fleisch zu sich nehmen und auf alkoholische Getränke, auch unnötige Medikamente, möglichst verzichten.

Aber Locke achtet auch darauf, den Geist (mind) „in die richtige Verfassung zu bringen, so daß er bei allen Anlässen geneigt ist, nur dem zuzustimmen, was der Würde und dem hohen Rang eines vernunftbegabten Wesens angemessen ist.“

Anthony Ashley Cooper
Third Earl of Shaftesbury
(
1671 - 1713)
So kann Locke direkt beobachten und verwirklichen, was er zur gleichen Zeit in seinen erkentnistheoretischen Skizzen festhält: „Was ich über den menschlichen Verstand denke“, dass er nämlich anfänglich wie eine „leere Tafel“ sei, die nach und nach beschrieben werde, scheint sich unmittelbar vor seinen Augen biographisch zu bestätigen.

Ashles bleibt seinem Lehrer ein Leben lang verbunden. Selbst während Lockes langjährigem Exil in Holland (1683 bis Anfang 1689) bricht der Kontakt nicht völlig ab. Auf seiner großen Reise über Frankreich bis nach Italien nutzt der junge Gentleman die Gelegenheit, Locke in Amsterdam zu besuchen, und kaum hat er ihn verlassen, schreibt er ihm am 22. Dezember 1687 aus Paris: „Um Ihnen für all die Ratschläge zu danken, die ich durch Ihre Briefe ebenso wie mündlich von Ihnen erhalten habe, reicht nicht nur das Papier nicht aus. Ich werde es niemals versuchen oder gar beanspruchen, so davon zu sprechen, wie sie es verdienen.“

Zitate aus: John Locke: Gedanken über Erziehung. Stuttgart 2007 (Reclam), online bei Gutenberg    -   Weitere Literatur: Manfred Geier: Aufklärung. Das europäische Projekt, Hamburg 2012 (Rowohlt) 


Donnerstag, 30. Januar 2014

Alfred North Whitehead und der Rhythmus von Erziehung und Bildung


In seinen Essays und Vorträgen über Erziehung und Bildung (gehalten zwischen 1913 und 1928) widmet sich der weltberühmte Mathematiker Alfred North Whitehead auch dem Thema „Rhythmus von Erziehung und Bildung“.


Whitehead vertritt hier die These, dass Fortschritt von Schülern weder kontinuierlich noch linear von leichteren zu schwereren Inhalten verläuft, sondern in periodischen Vorgängen, also Zyklen, besteht. Jeder Zyklus wiederum besteht aus drei Stadien geistigen Wachstums: Es sind dies das Stadium der Schwärmerei, das Stadium der Präzision und das Stadium der Verallgemeinerung.

Die Schwärmerei ist für Whitehead ein anfänglich systemfreies Stadium vager Einsicht, das gleichwohl schon erste Beziehungen zwischen Einzeltatsachen herstellt: „Der Unterrichtsgegenstand besitzt die Lebendigkeit des Neuartigen; er hält sich unerforschte Verknüpfungen mit Möglichkeiten bereit, halb enthüllt durch flüchtige Blicke, halb verborgen durch die Fülle des Materials.

Schwärmerei
Dieses schwärmerische Gefühl beinhaltet gleichwohl die Aufregung, die „auf den Übergang von den nackten Tatsachen zu den ersten Realisierungen der Bedeutung ihrer unerforschten Beziehungen folgt.“ Aus dieser Beobachtung leitet Whitehead die Aufgabe der Erziehung ab, „eine Unruhe, die sich bereits im Geist regt, zu ordnen: Sie können den Geist nicht in vacuo erziehen.“

Im Stadium der Präzision vollzieht sich dagegen eine erste ordnende und systematisierende Bearbeitung der Tatsachen. Jetzt geht es um einen quantitativen Zuwachs an Wissen.

Präzision
„Es ist das Studium der Grammatik, der Grammatik von Sprache und der Grammatik von Wissenschaft. Es schreitet voran, in dem es die Studierenden zwingt, stück für Stück eine vorgegebene Art des Analysierens von Tatsachen zu akzeptieren. Neue Tatsachen werden hinzugefügt, aber es sind diejenigen Tatsachen, die sich in die Analyse einfügen.“

Das Stadium der Verallgemeinerung nun ist das Stadium der produktiven Entfaltung, es ist „die Rückkehr zur Romantik mit dem zusätzlichen Vorteil klassifizierter Vorstellungen und sachdienlicher Vorgehensweise.“ Hier vor allem zeigt sich der Erfolg der Erziehung und Bildung: Bisher wurden Entdeckungen gemacht, Eignungen erworben, allgemeine Regeln und Gesetzmäßigkeiten erfasst. Jetzt möchte der Schüler seine neuen Kompetenzen anwenden:

Verallgemeinerung
„Er ist ein wirksames Individuum, und Wirkungen sind genau das, was er hervorbringen möchte. Er fällt zurück in die diskursiven Abenteuer des schwärmerischen Stadiums, mit dem Vorteil, dass sein Geist jetzt ein diszipliniertes Regiment ist, statt einer Horde.“ In diesem Sinne beginnen Erziehung und Bildung mit Forschung und enden mit Forschung.

Zusammengehalten werden die drei Stadien und Zyklen durch den Begriff der Weisheit, also „die Art und Weise, in der man über Wissen verfügt. Sie betrifft den Umgang mit Wissen, seine Auswahl zur Bestimmung von relevanten Ergebnissen und seine Inanspruchnahme, um unserer unmittelbaren Erfahrung einen Wert hinzuzufügen.“

Weisheit - Das Ziel der Paideia
In diesen Zusammenhang gehören nach Whitehead auch die Aspekte Freiheit und Disziplin. „Die einzige Straße zur Weisheit führt über Freiheit in der Präsenz von Wissen. Aber der einzige Weg zu Wissen führt über Disziplin in der Aneignung geordneter Fakten. Freiheit und Disziplin sind die zwei Wesensmerkmale von Erziehung und Bildung.“

Whitehead offenbart an dieser Stelle sein pädagogisches Credo: Der Geist des Schülers ist „keine Kiste, die erbarmungslos mit fremden Ideen vollgepackt werden sollte, und andererseits ist die ordentlich strukturierte Aneignung von Wissen die natürliche Nahrung für eine sich entwickelnde Intelligenz. Entsprechend sollte es das Ziel ideal gestalteter Erziehung und Bildung sein, dass die Disziplin das gewollte Ergebnis freier Wahl ist und dass die Freiheit zu einer Bereicherung an Möglichkeiten als Ergebnis von Disziplin gelangt.“

Damit man Whitehead nicht falsch versteht. Er ist der Ansicht, „dass die einzige Disziplin, die um ihrer selbst willen wichtig ist, die Selbstdisziplin ist, und dass diese nur durch umfassenden Gebrauch von Freiheit anzueignen ist.“

So praktizierte Erziehung und Bildung zielt auf die Herausbildung von „Initiativkräften“, also Initiative im Denken, Initiative im Handeln und die phantasievolle Initiative der Kunst.“

Zitate aus:  Alfred North Whitehead: Die Ziele von Erziehung und Bildung, Berlin 2012 (suhrkamp)


Donnerstag, 16. Januar 2014

Aristophanes und die Komödie

In der Antike galt der Mensch als das einzige Wesen, das des Lachens fähig ist. Lachen und Gelächter wurden so als Ausdruck geistiger Freiheit mit Denken und Sprechen auf eine Stufe gestellt.

Aristophanes
Sicher zielte die Komödie nicht in dem Maße wie die Tragödie auf die Paideia, also auf die Besserung der Menschen, gleichwohl erlangte sie unter Aristophanes mit ihrem Eintritt in die öffentliche Arena der Politik ihre wahre Bestimmung: Die Komödie wird zum Sammelpunkt aller öffentlichen Kritik, sie erhebt ihre Stimme zu allen die Polis bewegenden Fragen. Es ist der von der Idee der Freiheit untrennbare Gedanke der Verantwortung, der hier zum Ausdruck kommt:

„Sie tadelt, wo es ihr richtig scheint, nicht nur den Einzelnen, nicht nur diese oder jene politische Handlung, sondern die gesamte Staatsführung oder den Charakter des Volkes und seine Schwächen. Sie kontrolliert den Geist und legt die Hand auf Erziehung, Philosophie, Dichtkunst und Musik. Zum ersten Mal werden dabei diese Mächte in ihrer Gesamtheit als der Ausdruck der Bildung eines Volkes und als Maßstäbe seiner inneren Gesundheit betrachtet“ (Jaeger, 458).

In der Komödie „Die Wespen“ (422 v.Chr. uraufgeführt) dreht sich alles um den unwürdigen Zustand des attischen Justizwesens. Seit der demokratischen Verfassung des Kleisthenes (Ende des 6. Jh.), lag das Gerichtswesen in der Hand des attischen Volkes. Jährlich wurden aus der gesamten Bürgerschaft sechstausend Richter durch das Los gewählt und dann auf die verschiedenen Gerichte verteilt.

Bis in die Zeit des Perikles hinein haben diese Volksrichter, die lediglich die Kenntnis der Solonischen Gesetze vorweisen mussten, ihre Aufgabe gut und gewissenhaft erfüllt. Erst als im Peleponnesischen Krieg das strenge Rechtsgefühl sich lockerte und gewissenlose Demagogen begannen ihre Intrigen zu spinnen, ließen sich auch die Richter in Parteikämpfe verstricken und zu politischen Machenschaften missbrauchen. Mehr und mehr gerieten die Richter in Abhängigkeit von den jeweiligen Machthabern, die sich ihrer bedienten, um unbequeme Gegner aus dem Weg zu räumen.

Das Oberste Gericht, die Heliaia (griechisch ἠλιαία), auf der Agora in Athen. Der Name spiegelt wider, dass das Gericht im Freien, also unter der Sonne (ἥλιος) tagte.

Führt in Einzelfällen eine Gerichtsverhandlung zum Freispruch des Angeklagten, dann wird dies als bedauerlicher Betriebsunfall interpretiert:

Wie werd ich die Gewissensbisse tragen?
Weh, freigesprochen hab ich einen! Oh!
Wie wird mir's gehn? Verzeiht mir, heil'ge Götter!
Unwissend tat ich's, meiner Art zuwider!

Die allgemeine Verarmung als Folge des Krieges hatte die Richter zudem für Bestechungen empfänglich gemacht. Betrug der Richtersold zu Perikles´ Zeiten eine Obole, wurde er nun unter Kleon auf drei Obolen angehoben. Da die meisten Männer mittleren Alters durch den Krieg beansprucht waren, bestand der größte Teil der Richter aus Greisen, die im Richtersold so etwas wie ihre Altersrente sahen.


Überhaupt: Uns Brot zu schaffen sind wir sehr erfinderisch,
Stechen jeden, wer es sei; werden dick und rund dabei

Aristophanes greift in den „Wespen“ nicht die Verfassung des Kleisthenes an, sondern die Zustände, die sich aus ihr entwickelten. Vor allem aber zieht er gegen Kleon, der durch seine Neuerungen aus der maßvollen Demokratie eine Ochlokratie („Pöbelherrschaft“) machte. Die Namen der Hauptpersonen in den „Wespen“ drücken den Angriff auf Kleon unmissverständlich aus:

Philokleon – der „Freund des Kleon“ – heißt der Greis, der sein Richteramt mit Zorn und Geifer ausübt. Er ist Kleon für die Erhöhung des Soldes dankbar, lässt sich aber dennoch von den Demagogen missbrauchen. Wie die Mehrheit seiner Amtskollegen ist er dem Beruf regelrecht verfallen, großtuerisch fällt er Urteile mit seinem Griffel, der von Aristophanes mit einem Wespenstachel gleichgesetzt wird:

„Die Rasse kennst du nicht, du Narr! Wenn man
Sie reizt, die Alten, sind sie wie die Wespen:
Sie haben einen Stachel, mördrisch scharf,
Am Steißbein, und sie stechen, kreischen, schwärmen,
Haun wild um sich und prasseln auf wie Funken!“

Bdelykleon – der „den Kleon verabscheut“ – ist der Sohn des Greises, ein Feind der Volksgerichte. Er hat sich oligarchischen Kreisen angeschlossen, ist von überlegener Klugheit und äußerst vornehm in seinen Umgangsformen.

Um seinen Vater von der „Gerichtssucht“ zu heilen, hat ihn sein Sohn kurzerhand in seinem eigenen Hause eingesperrt. Er beschwert sich beim Chor der Richter, Greise wie er, die dem Sohn Tyrannei vorwerfen:

Chor: Klar ist's ja, daß du hier den Tyrannen spielen willst!
Bdelykleon: Ja, das ist's! Bei euch ist alles Tyrannei, Gewalt, Komplott:
O das darf in keiner Klage fehlen, nicht der lumpigsten!
Und doch ward seit fünfzig Jahren nicht die Spur davon gesehn!

Bei der anschließenden Gerichtsverhandlung gelingt es Bdelykleon, den Chor der Richter davon zu überzeugen, dass sie in Wahrheit von den Mächtigen nur ausgenutzt werden. 


Denn arm sein sollst du und bleiben, das ist ihr Wille: Warum wohl?
An den Herren, der dich füttert und dressiert, sollst du dich gewöhnen, damit du,
Sobald auf den Feind er dich hetzt: "Faß! Faß!", wie ein Bullenbeißer ihn anpackst.

Aristophanes klagt darüber, dass die jetzige Generation der Alten nicht mehr stark genug ist, die Stabilität der Polis zu gewährleisten und so den Staat leichtfertig eitlen jungen Politikern ausliefere.

Die Beschwörung der alten Paideia ist gleichwohl keine Auforderung zur glorreichen Vergangenheit, die mit den Namen Marathon und Salamis verbunden ist. Aber das Gefühl, „vom reißenden Strom der Zeit fortgetragen zu werden und das wertvolle Alte entschwinden zu sehen, ehe man eines gleichwertigen Neuen sich versichert hatte, bricht in dieser Periode des Übergangs mächtig hervor und erfüllt die sehenden Geister mit Furcht“ (Jaeger, 471).

Theater im Dienst des Rechten

Bei Aristophanes wandelt sich somit die harmlos-gutmütige Kritik der alten Komödie zu einer scharfen Satire im Dienst des Richtigen und Rechten. Je größer die Not des Staates, desto wichtiger das Werk der Dichter:

Wenn sich ein Dichter bemüht,
Überraschendes, Neues zu schaffen für euch,
So behandelt ihn freundlich und haltet ihn wert,
Und bewahrt sie wohl auf, die poetische Frucht,
Und leget sie samt den Orangen hinein
In die Kisten und Kästen: befolgt ihr den Rat,
Dann riecht man - o Würze - jahraus und jahrein
An den Kleidern euch schon den Verstand an.



Zitate aus: Aristophanes: Die Wespen, in: Digitale Bibliothek Band 30: Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, entspricht: Aristophanes: Komödien in zwei Bänden. Übersetzt von Ludwig Seeger. Eingeleitet, bearbeitet und mit Anmerkungen versehen von Jürgen Werner. Weimar 1963 (Aufbau-Verlag) - Werner Jaeger: Paideia. Die Formung des griechischen Menschen, Berlin 1989 (de Gruyter) - Weitere Literatur: Renata von Scheliha: Die Komödien des Aristophanes: in sieben Vorträgen interpretiert. Amsterdam 1975 (Wallstein)

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Adam Smith und die Erziehung


Adam Smith (1723 - 1790)
Im 5. und letzten Buch seines Werkes „Der Wohlstand der Nationen“ behandelt Adam Smith unter dem Titel „Die Finanzen des Landesherren oder des Staates“ die drei klassischen Aufgaben des Staates: Landesverteidigung, Justizwesen und Öffentliche Anlagen bzw. Einrichtungen.

Die Aufgaben des Staates ergeben sich nach Smith aus der Beobachtung, dass der Mensch in seinem Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber nicht immer von sich aus die ethischen Normen beachtet, die für ein lebensfähiges Gemeinwesen und ein friedliches Zusammenleben der Menschen notwendig sind.

Aus diesem Grund muss es in jedem Gemeinwesen Einrichtungen geben, die die Macht haben, das Leben und das Eigentum nach außen und nach innen zu schützen, Streit und Auseinandersetzungen gerecht zu schlichten und den Menschen im Staat jene Güter und Dienstleistungen anzubieten, die „ihrer ganzen Natur nach niemals einen Ertrag abwerfen, der hoch genug … sein könnte, um die anfallenden Kosten zu decken“ (612).

Sicherlich lässt sich vielerorts bei Smith die aus der Erfahrung gewonnene Skepsis erkennen, dass öffentliche Einrichtungen dazu neigen, fremde Mittel nicht sinnvoll und sparsam zu verwenden, sie sogar nicht selten zu verschwenden, dennoch macht gerade dieses 5. Buch deutlich, dass im System von Adam Smith der Staat keineswegs überflüssig ist.

Allein im Bereich der wirtschaftlichen Tätigkeiten solle und müsse der Staat allerdings von der Aufgabe entbunden sein, den Erwerbsfleiß der Bürger zu überwachen und zu lenken: „Ein Staatsmann, der versuchen sollte, Privatleuten vorzuschreiben, auf welche Weise sie ihr Kapital investieren sollten, wurde sich damit nicht nur, höchst unnötig, eine Last aufbürden, sondern sich auch gleichzeitig eine Autorität anmaßen, die man nicht einmal einem Staatsrat oder Senat, geschweige denn einer einzelnen Person getrost anvertrauen könnte … eine Autorität, die nirgendwo so gefährlich wäre wie in der Hand eines Mannes, der, dumm und dünkelhaft genug, sich auch noch für fähig hielte, sie ausüben zu können“ (371).

Ein bekannter Lehrer ...
In anderen gesellschaftlichen Bereichen aber habe der Staat sehr wohl eine wichtige Funktion zu erfüllen. Smith positive Einstellung gegenüber den öffentlichen Einrichtungen wird besonders deutlich am Beispiel der öffentlichen Erziehung. Als Ökonom wendet Smith zwar stets eine Kosten-Nutzen-Analyse an, die allerdings niemals nur auf die finanziellen Ausgaben und Einnahmen abzielt - etwa bei der Frage der Besoldung der Lehrer oder entsprechenden Leistungsanreizen - sondern selbstverständlich auch die gesellschaftlichen Vorteile und Nachteile mit einbezieht. 

Smith hat nur zu genau erkannt, dass das Prinzip der Arbeitsteilung auch soziale Gefährdungen enthält, weil „die Tätigkeit der überwiegenden Mehrheit derjenigen, die von ihrer Arbeit leben … nach und nach auf einige wenige Arbeitsgänge eingeengt“ wird. „Jemand, der tagtäglich nur wenige einfache Handgriffe ausführt, die zudem immer das gleiche oder ein ähnliches Ergebnis haben, hat keinerlei Gelegenheit, seinen Verstand zu üben … So ist es ganz natürlich, dass der verlernt, seinen Verstand zu gebrauchen, und so stumpfsinnig und einfältig wird“ (662).

Die Folge ist, dass dieser Mensch „die wichtigen und weitreichenden Interessen seines Landes nicht beurteilen kann“ und schlimmer noch: „Ein solch monotones Dasein erstickt allen Unternehmungsgeist“, so dass er schließlich die Fähigkeit verlernt, „seine Kräfte mit Energie und Ausdauer für eine andere Tätigkeit als der erlernten einzusetzen. Seine spezifisch berufliche Fertigkeit, so scheint es, hat er sich auf Kosten seiner geistigen und sozialen Tauglichkeit erworben“ (662f).

Dies wäre die „Lage, in welche die Schicht der Arbeiter, also die Masse des Volkes, in jeder entwickelten und zivilisierten Gesellschaft unweigerlich gerät, wenn der Staat nichts unternimmt, sie zu verhindern“ (663).

So spricht sich Smith klar für ein öffentliches Schulwesen aus, in dem die Kinder schon früh „die elementaren Grundlagen der Erziehung, nämlich Lesen, Schreiben und Rechnen“ erlernen mögen. Auch wenn der Staat keinen unmittelbaren Vorteil aus der Schulausbildung der breiten Volksschichten haben sollte, „so müsste er doch daran interessiert sein, dass sie nicht Analphabeten bleiben“ (667).

Öffentliche Schule im 18. Jahrhundert

Aber Smith geht es um mehr als nur um das Erlernen von Grundkompetenzen. Ziel der Erziehung müsse immer das kritische und selbstständige Denken sein: „Denn je gebildeter die Bürger sind, desto weniger sind sie Täuschungen, Schwärmerei und Aberglauben ausgesetzt, die in rückständigen Ländern häufig zu den schrecklichsten Wirren führen. Außerdem ist ein aufgeklärtes und kluges Volk stets zurückhaltender, ordentlicher und zuverlässiger als ein unwissendes und ungebildetes ... Er ist dann auch eher geneigt, die Ziele hinter dem Geschrei nach Zwietracht und Aufruhr kritisch zu prüfen und fähiger, sie zu durchschauen“ (667).

So schließt Smith diesen Abschnitt seines Werkes mit einem Satz, der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat: „In freien Gemeinwesen, in denen der Bestand einer Regierung weitgehend von dem zustimmenden Urteil abhängt, welches sich die Bevölkerung über ihre Politik bilden mag, muss es ganz sicher von äußerster Wichtigkeit sein, dass die Menschen nicht dazu neigen sollten, politische Entscheidungen voreilig oder launenhaft zu beurteilen“ (668).

Adam Smith starb im Jahre 1790. Genau 80 Jahre später wurde in England die allgemeine Schulpflicht durch William Edward Forsters Elementary Education Act 1870, eingeführt wurde – eine Forderung, die auch John Stuart Mill in seiner Schrift „Über die Freiheit“ vehement vertreten hatte.
 
Zitate aus: Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, München 2009 (dtv)

Sonntag, 12. Februar 2012

Bernhard Bueb und die Disziplin

Im Jahre 2006 veröffentlichte der langjährige Leiter der Eliteschule Schloss Salem, Bernhard Bueb, seine Streitschrift  „Lob der Disziplin.“ Seine provokanten Thesen stießen nicht nur auf Zustimmung. Einige führende Vertreter der Erziehungswissenschaft brandmarkten Buebs Methoden als Schwarze Pädagogik oder sahen gar Übereinstimmungen mit rechtsextremen Bildungsidealen.

Bernhard Bueb (Foto: ddp)
Dabei geht es in Buebs Buch lediglich um einige der wichtigsten und damit notwendigerweise umstrittensten Aspekte der Pädagogik: „Führen und Wachsenlassen, Gerechtigkeit und Güte, Disziplin und Liebe, Konsequenz und Fürsorge, Kontrolle und Vertrauen“ (18).

Bueb unterscheidet grundsätzlich zwei Erziehungsstile, den des „Töpfers“ und den des „Gärtners“: „Der Erzieher, der das Bild des Töpfers zu seiner Leitidee erkoren hat, will den jungen Menschen formen, er greift ein, steuert, fordert heraus, diszipliniert, schafft Freiräume, um ihn auf die Selbstständigkeit vorzubereiten, ja er wird ihn in die Selbstständigkeit und Freiheit zwingen. 

Wer sich am Bild des Gärtners orientiert, wird eher darauf achten, dass der junge Mensch gute Beziehungen des Aufwachsens vorfindet, er wird ihn mehr fördern als fordern, weniger eingreifen, aber darauf vertrauen, dass er sich selbst diszipliniert, also wenig Zwang und Autorität braucht (…) Aber auch er greift ein, beschneidet die Pflanzen, bindet sie an Stangen und bewahrt sie vor Befall und Fehlentwicklung, wenn er ein guter Gärtner sein will“ (16).

In beiden Erziehungsideen, die ihre Extreme in autoritärer Erziehung bzw. in Nicht-Erziehung haben, ist die Frage der Disziplin von zentraler Bedeutung. Das Problem ist nun, dass Disziplin im öffentlichen Bewusstsein "alles verkörpert, was Menschen verabscheuen: Zwang, Unterordnung, verordneten Verzicht, Triebunterdrückung, Einschränkung des eigenen Willens“ (17f).

Dennoch plädiert Bueb für eine Erziehung, die sich an der Disziplin, "dem ungeliebten Kind der Pädagogik“, orientiert. Die geforderte fundamentale Rolle der Disziplin in der Pädagogik leitet er aus folgenden Prämissen ab: „Disziplin beginnt immer fremdbestimmt und sollte selbstbestimmt enden, aus Disziplin soll immer Selbstdisziplin werden. Disziplin in der Erziehung legitimiert sich nur durch Liebe zu Kindern und Jugendlichen“ (18)

Dabei ist „Disziplin“ für Bueb niemals Selbstzweck, sondern wird immer (!) in Abhängigkeit von der Idee der Freiheit betrachtet. Irrtümlicherweise wird Freiheit zumeist mit Unabhängigkeit gleichgesetzt, obwohl Freiheit deutlich mehr ist. Freiheit bezeichne vielmehr „den Willen und die Fähigkeit, sich selbst ein Ziel zu setzen, dieses Ziel an moralischen Werten auszurichten, mit dem eigenen Leben in Übereinstimmung zu bringen und konsequent verfolgen zu können“ (33).

Freiheit zielt somit auf Selbstbestimmung. Selbstbestimmung aber ist eben kein angeborener Zustand, sondern „die späte Frucht einer langen Entwicklung, die man allein durch unendliche Stadien der Selbstüberwindung, des Wandels von Disziplin zur Selbstdisziplin“ (34) erwirbt. Freiheit als eine Tugend und Selbstbestimmung sind also ohne Disziplin und Selbstdisziplin unmöglich.

Disziplin und Selbstdisziplin sind darüber hinaus auch notwendige Voraussetzung für persönliche Glückserlebnisse, denn Glück spürt man vorrangig nach einer gelungenen schöpferischen und durch Disziplin erreichten Leistung: „Viele kennen das Glücksgefühl, das einen durchströmt, wenn man den Gipfel eines Berges erobert hat. Ein Jugendlicher übt monatelang, um bei einem öffentlichen Vorspiel seiner Klavierklasse auftreten zu können. Die Disziplin zum Üben bringt er auf, weil ihm ein einzigartiges Glücksgefühl nach dem letzten Ton seines Vorspiels winkt“ (40).

Disziplin ersetzt also das Lustprinzips durch das Leistungsprinzip. Dies gilt letztlich auch für die Pädagogik: „Die Erziehung eines Menschen vollendet sich durch Bildung. Bildung heißt, sich das Wissen der Vorfahren aneignen, mithilfe dieses Wissens sein Leben deuten und daraus Impulse für sein Handeln gewinnen können" (25). Die Aneignung von theoretischem Wissen, von Deutungen und von handlungsrelevanten Kompetenzen ist aber ohne Anstrengung überhaupt nicht möglich.

Lukian aus Samosata
Letztlich zielen Erziehung und Bildung darauf, „einen Menschen instand zu setzen, sich selbst und die Welt zu erkennen und in ihr mutig zu handeln“ (25). Mit diesen Aussagen steht Bueb, bei aller Polemik, in der guten Tradition der antiken Paideia, wie sie beispielsweise Lukian aus Samosata im 2. Jh. in seiner Erzählung „Lukians Traum“ beschrieben hat.

Es ist Buebs Verdienst, die Frage erneut aufgeworfen zu haben, was Kinder und Jugendliche brauchen, um in einer sich ständig ändernden Welt verantwortungs- und selbstbewusst ihr Leben meistern können. Disziplin gehört ebenso wie Freiheit ganz sicher dazu.

Zitate aus: Bernhard Bueb: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, Berlin 2006 (List Verlag)
Weitere Literatur: Micha Brumlik (Hg.): Vom Missbrauch der Disziplin. Antworten der Wissenschaft auf Bernhard Bueb. Weinheim 2007 (Beltz)