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Donnerstag, 15. Oktober 2020

Harmodios, Aristogeiton und die Demokratie


Allen Diktatoren, Tyrannen und autoritären Regierungen gewidmet 
- denen vergangener Zeiten und denen von heute!


Selbst demokratische und republikanische Gemeinschaften, deren politisches System auf der Freiheit des Einzelnen bzw. auf der Beteiligung vieler an der Politik fußt, benötigen zuweilen mythologisierte Gründungsakte, die erinnert und rituell erneuert werden, um einen Grundkonsens ihrer Mitglieder und die kollektive Identifikation mit dem politischen System zu gewährleisten.

Häufig bestehen solche Gründungsakte in der Tat einzelner Freiheitshelden, also Menschen, die als Befreier von einer nicht-freiheitlichen Ordnung verehrt werden. Im antiken Athen des 5. Jhs. v. Chr. hat man den Gründungsakt der Demokratie in der Befreiungstat zweier Bürger der Stadt gesehen, der Tyrannentöter Harmodios und Aristogeiton.

Bei der Festprozession der Panathenäischen Spiele des Jahres 514 v. Chr. verübten Harmodios und Aristogeiton ein Attentat auf den Tyrannen Hipparchos und kamen dabei selbst ums Leben. Harmodios, der jüngere der beiden Attentäter, wurde sofort getötet, Aristogeiton verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Der Bruder des ermordeten Herrschers, Hippias, setzte die Tyrannis fort und wurde von Mitgliedern der aristokratischen Familie der Alkmaioniden mit spartanischer Hilfe erst 510 v. Chr. vertrieben. Dies bildete den Auftakt der politischen Reformen des Kleisthenes im Jahr 508/7 v. Chr. und führte in den folgenden Jahren zu einer Demokratie, die sich nach Athens Erfolgen in den Perserkriegen zwischen 490/80 und 460 v. Chr. stabilisierte.

Schon aus dem ausgehenden 6. Jh. v. Chr. sind Skolia überliefert - also anlässlich eines Symposions vorgetragene Lieder als Beitrag zur geistigen Erbauung der Teilnehmer -, die die das Attentat als Befreiung Athens und Gründungsakt der sogenannten Isonomie (‚Gleiches Gesetz für alle Bürger‘) rühmten.

In der ersten historischen Darstellung des Geschehens bei Herodot (gegen 440–430 v. Chr.) werden die Alkmaioniden als die eigentlichen Befreier Athens gefeiert. Harmodios und Aristogeiton hätten durch den Mord des Hipparchos lediglich die Familie der Tyrannen in Zorn versetzt und der Gewaltherrschaft keineswegs ein Ende bereitet. Thukydides dagegen liefert eine pikantere Version des Attentats. Hippias sei der tyrannische Herrscher gewesen, während der ermordete Hipparchos sein jüngerer Bruder war. Dieser sei in Liebe zu dem jungen Harmodios entbrannt gewesen, der wiederum der Geliebte des Aristogeiton war. Als Harmodios seine Liebe nicht erwiderte, habe Hipparchos seine Wut über die Zurückweisung an dessen Schwester ausgelassen. So habe Harmodios aus Rache und Aristogeiton aus Eifersucht das Attentat auf Hipparchos verübt, während sie sich an Hippias nicht herangewagt hätten. Dieser habe dann noch drei Jahre eine Schreckensherrschaft über Athen ausgeübt, bis er auf Veranlassung der Spartaner von den verbannten Alkaioniden vertrieben worden sei.

Gleichwohl hat sich schließlich die Erinnerung an die Tat als außerordentlichen Befreiungsakt relativ bald durchgesetzt und die beiden Tyrannentöter wurden als demokratische Gründungsheroen anerkannt.

Es war Platon, der im früheren 4. Jh. v. Chr. die homoerotische Beziehung der Attentäter und ihren Einsatz für die Demokratie miteinander verknüpfte. Im Symposion steht das Paar für die idealistische Kraft homoerotischer Liebe. Auch im pseudoplatonischen Hipparchos konkurrieren die homoerotische und demokratische Motivation der Tötung nicht. 

Im späten 5. Jh. lobten indes athenische Redner wie Andokides in seinem Werk "Über die Mysterien" die beiden Attentäter als beispielhafte Tyrannentöter, und zwar in einer Zeit, wo man die Tyrannis als größte Gefahr für die Demokratie ansah. Im Jahr 343 v. Chr. waren die Frontstellungen in Athen schließlich so geklärt und Personenkulte selbst in der Demokratie so fortgeschritten, dass Demosthenes in seinen Reden vor der Volksversammlung Harmodios ungehindert zur Gruppe derer zählen konnte, die von den Athenern für ihre Wohltaten Statuen, Trankopfer und Hymnen erhielten und von ihnen wie Götter und Heroen verehrt wurden.

Der Diskurs um die Befreier erhielt auch in Athen eine geradezu sakral-religiöse Komponente. In der Nähe der späteren Staatsgrabmäler der Gefallenen lag das vermeintliche Grab des Harmodios und Aristogeiton. Dort wurden Opfer für die Attentäter dargebracht und zwar gleichzeitig mit Opfern für die Bürgersoldaten, die ihr Leben für die Polis gelassen hatten. Die Erinnerung an die im Krieg für Athen gefallenen Bürger wurden also bewusst mit den Befreiungshelden verbunden.

Bereits kurz nach der Vertreibung des letzten Tyrannen im Jahre 509 v. Chr. rrichteten die Athener auf der Agora, dem zentralen Platz ihrer Polis, Bronzestatuen des Harmodios und Aristogeiton. Die außerordentliche Symbolik dieser Skultpren des Bildhauers Antenor zeigt sich darin, dass damit erstmals überhaupt Bildnissen von Sterblichen Platz im politischen Raum einer griechischen Polis gegeben wurde. Bedauerlicherweise raubten die Perser die Statuen bei der Brandschatzung Athens im Jahre 480/79 v. Chr., aber bereits 477/6 v. Chr. wurden neue Bronzestatuen der Attentäter am selben Ort, nicht weit von der Stätte des Attentats, errichtet, noch bevor Athen wiederaufgebaut war. Ein Denkmal für die Befreier von der Tyrannis war offensichtlich mittlerweile unverzichtbar geworden.

Die beiden Statuen, von denen Kopien aus späterer Zeit erhalten sind, stammten aus der Werkstatt des Kritios und Nesiotes. 


Harmodios und Aristogeiton
(Römische Marmorkopie, Archäologisches Museum Neapel)



Leicht überlebensgroß stehen Harmodios, der Unbärtige, und Aristogeiton, der Bärtige, beide nackt und im Ausfallschritt vor ihren Betrachtern. Der Jüngere hat das Schwert zum Schlag erhoben. Der Ältere gewährt ihm Deckung und hat die Waffe zum Stoß gezückt. Unterhalb der Statuen las man auf der Steinbasis eines der Preislieder auf die Attentäter, die sie als Licht ihrer Heimat priesen.

Die Gestaltung des Denkmals enthält klare Bezüge, die von den damaligen Betrachtern sofort erkannt wurden: Die an Athletenbilder erinnernde Nacktheit und die dadurch sichtbaren trainierten Körper schrieben den beiden Attentätern die aristokratische kalokagathia - „das Schöne und Gute“ - zu, eine Idee, die physische Qualität mit ethischer Gesinnung verband. Der explizit gemachte Altersunterschied verwies auf ihre homoerotische Beziehung, eröffnete aber auch die Identifikation für alle Altersgruppen der männlichen Bürger; der Jüngere fungiert dabei als Modell des mutig Zuschlagenden, der Ältere als das des besonnen Agierenden.

Mit dem Denkmal wurde die Gemeinschaft und Verbundenheit von zwei Bürgern geehrt, nicht die Leistung eines einzigen. Der Tyrann bleibt unsichtbar. Vielmehr stand der Betrachter an seiner Stelle in der Rolle des angegriffenen Opfers, so dass das Monument jeden Betrachter davor warnte, nach einer Tyrannis zu streben.

Die Statuen hoben die Helden also in zeitloser Form heraus, distanzierten sie ikonographisch vom alltäglichen Bürgerhabitus und ordneten sie – obwohl sie für die Demokratie standen – aristokratischen Idealen zu. Vor allem aber gaben sie ihrem Handeln ein dauerhaftes und mahnendes Beispiel. 

Die Erinnerung an die Tyrannentöter im öffentlichen Raum Athens wurde vom frühen 5. Jh. v. Chr. ergänzt durch die Erinnerung beim semiprivaten Symposion, die die Skolia sprachlich bereits für das späteste 6. Jh. v. Chr. bezeugt hatten. „Den Harmodios singen“ konnte im späten 5. Jh. zum Synonym für ein Gelage werden, so Aristophanes in seinem Werk Acharner. 

Aufgrund seines aristokratischen Charakters versicherte sich beim Gastmahl eine elitäre Gruppe von Bürgern ihrer Überlegenheit und reklamierte die Tyrannenmörder auch für sich. Auf einem Vorratsgefäß für Wein – einem Stamnos – , den man bei einem solchen Gelage benutzte, um Wein und Wasser zu mischen, wurde tatsächlich das Attentat dargestellt: Der bärtige Aristogeiton ersticht Hipparchos, Harmodios holt zum Schlag aus. Alle drei sind durch ihre Mäntel als Bürger gekennzeichnet; der Tyrann ist nur andeutungsweise luxuriöser gekleidet. Im Kontext des Symposions wird der tyrannische Charakter des Opfers so eher heruntergespielt, die Leistung des älteren, also erwachseneren Attentäters wird hervorgehoben. Zudem erinnert man der Tat in einer Form und auf einem Gefäß, wo sonst vielfach die großen Taten mythischer Heroen zur Darstellung kamen.


Harmodios und Aristogeiton ermorden den Tyrannen Hipparchos
(Martin-von-Wagner Museum der Universität Würzburg)



Im Laufe des 5. Jhs. v. Chr. stellte man die Statuen, wie es an der Basis unter ihren Füßen erkennbar ist, als Schildzeichen der Figur der Stadtgöttin Athena auf Ölamphoren dar, die in Athen die Sieger bei den Panathenäenspielen gefüllt als Preise bekamen – genau im Jahr nach einem anti-demokratischen Umsturzversuch, als man die Demokratie wiederhergestellt hatte. Die Statuen der Tyrannenmörder wurden in dieser Krisensituation zum Zeichen der demokratischen Polis, die die Stadtgöttin selbst im Kampf schirmten. 

Auch die spätere Geschichte der Stauen auf der Athener Agora wirft ein bezeichnendes Licht auf die Heroisierung der Befreier: Einerseits wurde seit dem 4. Jh. v. Chr. ein Areal um das Statuenpaar von anderen Statuen freigehalten – vor allem kamen ihnen keine anderen Bildnisse nahe, die man für Wohltäter der Polis errichtete. Sie erhielten so auch räumlich einen außeralltäglichen, geradezu sakrosankten Charakter. 

Diese Regel wurde nur durchbrochen, wenn man solche Personen ehren wollte, die ebenfalls als Befreier bezeichnet werden konnten, z.B. nach 307 v. Chr.die hellenistischen Könige Antigonos und Demetrios, aber auch nach 44 v. Chr. die Caesarmörder Marcus Brutus und Gaius Cassius. Allein schon die Nähe zu den Heldendenkmälern konnte der Heroisierung anderer als ‚Befreier‘ dienen, der Platz um die Tyrannenmörder war ein heroisch aufgeladener städtischer Raum.

Auch in Rom im Tempel der Fides (Treue) wurden im 1. Jh. v. Chr. auf dem Kapitol Statuen von Homodios und Aristogeiton aufgestellt, also in einer Zeit der Konflikte um Republik und Herrschaft von Einzelnen in Rom, zu denen auch die Ermordung von Caesar gehörte. 

Die Denkmäler der Tyrannenmörder waren also in Rom und vor allem in Athen langfristig ein sichtbares Zeichen  für die Befreiung von einer Alleinherrschaft und in Athen zudem auch ein Symbol der demokratischen Verfassung. Damit besitzen die Ehrenstatuen, die man ihnen in Athen errichtet hatte, bleibende und zeitlose Bedeutung als Ikonen der Stadt und der politischen Befreiung der Menschen von Unterdrückung und Tyrannei.


Zitate aus: Peter Eich / Ralf von den Hoff / Sitta von Reden: „Freiheitsheld (Antike)“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 11.06.2019. DOI: 10.6094/heroicum/fhhd1.0 - https://www.compendium-heroicum.de/lemma/freiheitsheld-antike/ (zuletzt eingesehen am 11.10.2020)

Donnerstag, 19. Januar 2017

Agathokles und die nackte Gewalt

Bertrand Russell (1872 - 1970)
Für den Mathematiker und Philosophen Bertrand Russell ist „Macht“ die primäre Triebkraft menschlichen Handelns und damit der entscheidende Faktor der Geschichte. Diese Überzeugung vertritt Russell zumindest in seiner grundlegenden Abhandlung, die mit dem schlichten Titel „Power“ erstmals 1938 in London und in deutscher Übersetzung 1947 veröffentlicht wurde.

Russell beschreibt und analysiert Macht in ihren verschiedenen Erscheinungsweisen, darunter auch die verschiedenen Formen von »nackter« Gewalt, das heißt „von einer Art Macht, die keinerlei Zustimmung vonseiten des Untertanen beinhaltet. Von solcher Art ist die Macht des Schlächters über die Schafe, einer eingedrungenen Armee über eine besiegte Nation und der Polizei über entdeckte Verschwörer. Die Macht der katholischen Kirche über Katholiken ist traditionell, aber ihre Gewalt über Ketzer, die verfolgt werden, ist nackt. Die Macht des Staates über loyale Bürger ist traditionell, seine Gewalt über Rebellen jedoch ist nackt.“ 

Besondere Aufmerksamkeit schenkt Russell in diesem Zusammenhang den antiken Tyranneien von Syrakus, „weil sie sowohl eines der vollkommensten Beispiele für nackte Gewalt bieten als auch Plato beeinflussten, der mit dem älteren Dionys in Streit geriet und aus dem jüngeren einen Schüler zu machen suchte.“ Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Laufbahn des Agathokles, eines Zeitgenossen Alexanders des Großen, der von 361 bis 289 vor Christi Geburt lebte und während der letzten achtundzwanzig Jahre seines Lebens Tyrann von Syrakus war.

Syrakus war die größte griechische Stadt, vielleicht die größte Stadt am Mittelländischen Meer. Auch in Syrakus, wie in jeder anderen griechischen Polis, begünstigten die Reichen die Oligarchie und die Armen die Demokratie. Wenn die Parteigänger der Demokratie siegten, machte ihr Führer gewöhnlich sich selbst zum Tyrannen.

Zeichnung einer Büste, die vermutlich
Agathokles darstellt
Musei Vaticani, Sala dei Busti
Agathokles war ein Mann von niederer Abstammung, der Sohn eines Töpfers. „Seiner Schönheit wegen wurde er der Favorit eines reichen Syrakusers mit Namen Demas, der ihm all sein Geld vermachte und dessen Witwe er heiratete.“ Nachdem Agathokles sich dann auch noch im Krieg ausgezeichnet hatte, glaubten viele, er würde nun die Tyrannei anstreben. Er wurde daher nicht nur aus Syrakus verbannt, sondern es wurde zusätzlich angeordnet, dass er auf seiner Reise ermordet werden sollte.

Agathokles jedoch sah dieses Komplott voraus, wechselte mit einem Armen die Kleider, der dann fälschlich von den gemieteten Mördern getötet wurde. Agathokles sammelte hierauf im Innern von Sizilien ein Heer, was die Syrakuser so erschreckte, dass sie mit ihm einen Vertrag schlossen: Er wurde wieder aufgenommen und leistete im Tempel der Ceres den Eid, dass er nichts zum Schaden der Demokratie unternehmen würde.

Die Regierung von Syrakus scheint zu dieser Zeit eine Mischung von Demokratie und Oligarchie gewesen zu sein. Es gab einen Rat der Sechshundert, der aus den reichsten Leuten bestand. Agathokles nahm sich der Sache der Armen gegen diese Oligarchen an. Im Lauf einer Unterredung mit vierzig von ihnen stachelte er die Soldaten auf und ließ alle vierzig ermorden. Darauf führte er das Heer in die Stadt und befahl ihm, die Häuser der Sechshundert zu plündern. Dies geschah, und außerdem massakrierte man Bürger, die aus ihren Häusern kamen, um zu sehen, was da geschehe.

Der antike Historiker Diodorus schrreibt: „Ja, die in die Tempel, unter den Schutz der Götter flüchteten, selbst sie waren nicht sicher; sondern die Frömmigkeit gegen die Götter wurde von der Grausamkeit der Menschen geschändet: und all das wagten Griechen gegen Griechen im eigenen Land und Verwandte gegen Verwandte mitten im Frieden ohne Achtung gegen die Gesetze der Natur oder der Sippe der Götterverehrung frevelhaft zu begehen: auf welche Nachricht nicht nur Freunde, sondern sogar Feinde und jeder vernünftige Mann das Elend dieser Entarteten nur bemitleiden konnte.“

Nach einem zweitägigen Massaker rief Agathokles schließlich die Volksversammlung zusammen, klagte die Oligarchen an und sagte, er werde die Stadt von allen Freunden der Monarchie reinigen, er selbst aber werde sich ins Privatleben zurückziehen.

Das Volk aber wollten ihn weiterhin an der Macht haben, und er wurde zum alleinigen Befehlshaber ernannt. Dabei spielten individuelle Interesses häufig ein größeres Gewicht als die Sorge und das Gemeinwohl, wie Diodorus feststellt: „Viele von den Ärmeren, von jenen, die Schulden hatten, waren mit der Revolution sehr zufrieden“, denn Agathokles versprach Schulderlass und Landverteilung für die Armen.

Agathokles Macht und die Anwendung nackter Gewalt über überdauerte all diese Missetaten. Er eroberte weitere Städte in Sizilien, darunter Segesta, tötete alle ärmeren Männer der Stadt und folterte die Reichen, bis sie das Versteck ihrer Schätze verrieten. Die jungen Frauen und Kinder verkaufte er als Sklaven.

Der Hera-Tempel in Segesta (Sizilien)

Trotz aller „Erfolge“ war sein Privatleben alles andere als glücklich. Seine Frau hatte mit seinem Sohn eine Affäre, einer seiner Enkel ermordete den anderen und brachte später einen Diener des alten Tyrannen dazu, Agathokles Zahnstocher zu vergiften.

Als Agathokles sah, dass er sterben müsse, war seine letzte Handlung, den Senat zusammenzurufen und Rache gegen seinen Enkel zu fordern. Aber sein Gaumen war durch das Gift so wund geworden, dass er nicht mehr sprechen konnte. Die Bürger erhoben sich, er wurde - bevor er tot war - auf seinen Begräbnisscheiterhaufen befördert, seine Güter wurden eingezogen, und die Demokratie wurde, wie man sagt, wiederhergestellt.

Für Russell zeigt dieses historische Beispiel, dass nackte Gewalt in der Regierung einer Gemeinschaft, die nicht fremden Eroberern unterworfen ist, unter zwei verschiedenen Gruppen von Umständen auftritt. Zunächst einmal dort, wo zwei oder mehr fanatische Ideologien um den obersten Rang im Wettstreit liegen. Diese Form wird gemeinhin als „revolutionäre Gewalt“ bezeichnet. Weiterhin kommt es zu nackter Gewalt, wenn alle traditionellen Ansichten im Verfall begriffen sind, ohne dass andere neue sie ersetzt haben, so dass persönlichem Ehrgeiz keine Grenzen gesetzt sind.

Zitate aus: Bertrand Russell, Macht, Zürich 2010 (Europa Verlag)