Posts mit dem Label Utopiekritik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Utopiekritik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 4. August 2022

Irene Vallejo und die Forderung nach politisch korrekt erzählten Gute-Nacht-Geschichten


In ihrem Buch „Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern“ nimmt Irene Vallejo ihre Leser mit auf eine abenteuerliche Reise durch die faszinierende Geschichte des Buches von den Anfängen der Bibliothek von Alexandria bis zum Untergang des Römischen Reiches. Dabei verknüpft sie die klassischen Werke mit der Gegenwart, unter anderem  Platon mit der heute – vor allem in Kreisen der identitären Bewegungen – stärker werdenden autoritären Tendenz der politischen Korrektheit.


Vallejos Erzählung beginnt mit der Neuausgabe der Romane „Tom Sawyers Abenteuer“ und „Huckleberry Finns Abenteuer“, bei der das Wort „nigger“ durch das Wort „Sklave“ ersetzt wurde. „Der Verantwortliche für diese literarische Vorbeugemaßnahme … erklärte, die schwierige Entscheidung gehe auf die Bitten zahlreicher High-School-Lehrer zurück: Deren Meinung nach sei Huck Finn in seiner ursprünglichen Form nicht mehr für die Schullektüre geeignet, da die `in anstößiger Weise rassistische Sprache´ vielen Schülern Unbehagen bereite. Aus dieser Sicht ist ein oberflächlicher Eingriff die beste Möglichkeit zu verhindern, dass die Klassiker der nordamerikanischen Literatur endgültig aus den Schulen verbannt werden.“

Ähnliches geschieht Vallejo zufolge auch in Europa: „Eine Legion von Eltern sorgt sich um die unheilbaren Traumata die Hans Christian Andersen oder die Brüder Grimm bei ihren fragilen Sprösslingen hinterlassen könnten (…) Viele von ihnen sähen die herkömmliche Literatur aus unserer unvollkommenen Vergangenheit gerne wenn nicht eliminiert, so doch zumindest an das gute postmoderne Gewissen angepasst.“ 

So verwundert es nicht, dass Mitte der 1990er Jahre der Humorist James Finn Garner seinen komödiantischen Beitrag zum Thema unter dem Titel „Und wenn sie nicht gestorben sind. Gute-Nacht-Geschichten politisch korrekt erzählt“ veröffent-lichte.

Die Forderung kompromissloser Zensoren und sonstiger Anstandsprediger, die Erziehung der Jugend nicht dem Zufall oder gar dem eigenen Denken der jungen Menschen selbst zu überlassen, ist nicht neu. Ihr renommiertester Vertreter in der Antike war Platon, der als Leiter der von ihm gegründeten Akademie die zukünftige Machtelite der griechischen Poleis heranziehen wollte – nachdem sein Versuch, selbst politisch Karriere so kläglich gescheitert war. 

Platon und die Akademie von Athen (Mosaik aus Pompeji, um 50 v. Chr.) 

Vallejo gibt zu, dass Platons Lehren „in ihrer explosiven Mischung aus freiem Denken und autoritären Impulsen schon immer verblüffend schizophren“ auf sie gewirkt haben. Besonders deutlich würde dies in Platons Hauptwerk „Der Staat“ deutlich.

So sei das in der Mitte des Werkes stehende Höhlengleichnis eine „wundervolle Einladung zum Zweifel, sich nicht mit den Erscheinungen zufriedenzugeben, sich von seinen Fesseln zu befreien und gegen alle Vorurteile der Wirklichkeit ins Gesicht zu blicken. 

Das dritte Buch des Werkes dagegen aber enthalte nicht nur „eine düstere Anti-these zu seiner aufgeklärten Botschaft“, sondern „könnte glatt als Praxishandbuch für den angehenden Diktator durchgehen.“ In diesem Teil seines Werkes spricht Platon über die Erziehung, die vor allen Dingen Ernst, Anstand und Tapferkeit zu vermitteln habe. So spricht sich Platon konsequent „für eine strenge Zensur der Bücher und der Musik aus, die man den jungen Leuten zu lesen und zu hören gibt“. 

So seien beispielsweise Homer und Hesiod ungeeignet, „weil sie die Götter als frivol, hedonistisch und mit Fehlern behaftet zeigen, was der Erziehung nicht dienlich ist …, weil einige Verse der Dichter die Angst vor dem Tod ansprechen, und das geht Platon gegen den Strich.“

Auch das Theater steht bei Platon auf der Abschussliste, denn dort würden - in den tragischen und komischen Werken gleichermaßen - mehrheitlich schlechte Men-schen auftreten. „Die Identifikation mit deren Emotionen kann für die Erziehung der Kinder und Jugendlichen nicht förderlich sein. Um geduldet zu werden, sollten Theaterwerke `tapfere, besonnene, frommer und freie Männer´ aufbieten.

Auch in seinem Spätwerk „Die Gesetze“ hält die Zensurlust Platons an. Dort heißt es: „Der Dichter soll nur das, was der Staat als gesetzlich, gerecht, schön und gut anerkennt, in seine Dichtungen aufnehmen, und ihm soll nicht gestattet werden, seine Werke vorzutragen, ehe sie den dazu eingesetzten Richtern und Gesetzesverwesern mitgeteilt sind und deren Billigung erhalten haben.“

Dichterische texte gehören Platon zufolge also einer strengen Zensur unterworfen, „manchmal müssen sie unterdrückt, manchmal gereinigt, berichtigt und, sooft es sich als nötig erweist – also sehr oft – auch neu geschrieben werden.“

Hier springt die geistige Verwandtschaft zwischen Platons Staat und Orwells Großem Bruder in seinem Roman 1984 geradezu ins Auge. Im Wahrheits-ministerium wird die gesamte Literatur der Vergangenheit, auch und vor allem die Klassiker, umgeschrieben. Ein Mitarbeiter des Ministeriums erklärt unumwunden – und ganz im Stile der Parole „Nicht-Wissen ist Stärke!“: „Chaucer, Shakespeare, Milton, Byron werden nur noch in Neu-Sprech-Ausgaben vorliegen. Sie werden etwas anderes geworden sein, das ihrer ursprünglichen Aussage jeglichen Boden entzieht (…) Das ganze Klima des Denkens wird anders sein. Genauer gesagt, ein Denken, wie wir es heute verstehen, wird es gar nicht mehr geben. Das richtige Bewusstsein heißt Nichtdenken – gar nicht mehr denken müssen. Das richtige Bewusstsein ist die Bewusstlosigkeit.“

Das richtige Bewusstsein ist die Bewusstlosigkeit.“

Platon - und mit ihm alle seine geistigen Nachfolger – wusste sehr gut, was er sagte. Es war keine „Überspitzung“, die Platon formulierte, weil er beim Formulieren ein wenig in Wallung geraten sei. Platon war kein Freund der athenischen Demokratie, die er für den Tod von Sokrates verantwortlich machte. Daher wollte Platon „eine unabänderliche Staatsform erschaffen, in der nie wieder ein Bedarf an gesellschaftlichem Wandel oder schamlosen Erzählungen die moralischen Grundfesten erschüttern könnte (…) Nun wünschte er sich Stabilität, eine Regierung der Weisen und nicht der tumben Mehrheit.“

So wie die damalige Staatsform, so missfiel Platon auch das „Schulsystem“ seiner Zeit. Die Lehrer sollten Philosophen sein, nicht die Dichter mit ihren wenig erbaulichen Gedanken und Ideen, denn „die allzu große Belesenheit in der Dichtung ist gefährlich für die Jugend.“ Philosophen wie er selbst, die von sich behaupten konnten – wie Platon es in „Die Gesetze“ selbst schreibt: „Und vielleicht ist es gar kein Wunder, dass mir meine eigenen Reden, wenn ich sie mit im Ganzen ansehe, so ausgezeichnet gefallen. Denn unter allem, was ich in ähnlicher Weise in Versen oder in Prosa ausgedrückt gelesen oder gehört habe, ist mir nichts begegnet, was mir so passend und für junge Leute geeignet erschienen wäre.“

Für Vallejo liegt genau hier der eigentliche Skandal: „Wie kann es sein, dass ein Philosoph von so unangepasster Intelligenz für ein Bildungssystem eintritt, das die Schüler dazu verdammt, sich auf sterilisierte Texte und Tugendfabeln zu beschränken? Sein Programm will der Literatur alle Nuancen nehmen, die Blicke in den Abgrund, den Zweifel, das Schmerzliche, das Paradoxe, die verstörenden Ahnungen. Dieses Zurechtstutzen hat etwas Schauriges.“

Nur: An der Kontroverse hat sich auch heute nicht grundsätzlich etwas geändert: „Sind Kinder- und Jugendbücher komplexe literarische Werke, oder sind die Verhaltenshandbücher? Ein bereinigter Huck Finn mag den jungen Lesenden vielen beibringen, er beraubt sie jedoch einer essentiellen Lektion: dass es einmal Zeit gab, in der fast alle ihre Sklaven `Nigger´ nannten dass das Wort aufgrund dieser Geschichte der Unterdrückung zum Tabu geworden ist.“

Vallejo ist sich sicher, dass die jungen Menschen nicht vor schlechten Ideen bewahrt werden, wenn man alles „Ungeeignete“ als den Büchern tilgt. Die Kinder müssen lernen - und lesen -, dass das Böse existiert, dass „Bösewichter ein entscheidender Bestandteil traditioneller Geschichten“ sind.

„Literatur, die beunruhigt, das wesentlich mehr Bildungspotenzial 
als eine, die ihre Leser entlastet."

Natürlich könne man nun – wie bei Orwell – die gesamte Literatur in den OP-Saal schieben und schönheitschirurgischen Maßnahmen unterziehen, „nur wird sie uns dann nicht mehr die Welt erklären. Wenn wir diesen Weg einschlagen, dürfen wir uns kaum darüber wundern, dass die jungen Leute nicht mehr lesen und sich stattdessen einer PlayStation zuwenden, auf der sie … einen Haufen Leute umlegen können, ohne dafür Ärger zu kriegen.“

Ironie der Geschichte: Das Kapitel aus dem Buch von Vallejo über Platon schließt mit dem folgenden Hinweis: „Vor mir liegt hier noch ein Zeitungsartikel. An der University of London fordern die Studentenvertretung der School of Oriental & African Studies, Philosophen wir Platon, Descartes oder Kant vom Lehrplan zu nehmen – als Rassisten oder Kolonialisten … Platon, der Jäger, ist nun der Gejagte.“

Zitate aus: Irene Vallejo: Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern, Zürich 2022 (Diogenes)


Donnerstag, 20. August 2015

Thomas Schölderle und die Utopie


„Die Geschichte der Utopie ist eine Geschichte der Defizite und Missstände ihrer Herkunftsgesellschaften.“ Mit diesem Satz leitet Thomas Schölderle seine „Geschichte der Utopien“ ein. Sein Anliegen ist, die  wichtigsten, innovativsten und originellsten Entwürfe zu porträtieren und die gesamte Denktradition der Utopien einer Systematisierung und Abgrenzung zu unterziehen.

Aufschlussreich ist bereits der Blick auf den etymologischen Ursprung des Begriffs. Mit seiner Erzählung von der entlegenen Insel „Utopia“ (1516) erschuf der englische Lordkanzler Thomas Morus nicht nur ein neues Wort, sondern bereicherte auch zahllose Sprachen dieser Welt um die Vokabel. Morus’ Wortschöpfung ist geformt aus zwei griechischen Vokabeln: „ou“ heißt „nicht“, „tópos“ ist der „Ort“. Utopia bedeutet also wörtlich so viel wie Nichtort, Nirgendland oder Nirgendwo.

Aber im unmittelbaren Entstehungskontext der Utopia tritt noch eine weitere Anspielung zutage: „Der Humanist Budaeus nutzt in einem Begleitbrief zur Utopia das Wort „Udepotia“ (griech. „oudepote“ = „niemals“) und verweist damit auf die Bedeutung von „Niemalsland“ – eine Assoziation, die bemerkenswerterweise mit einer späteren und äußerst einschneidenden Veränderung innerhalb der Utopiegeschichte korrespondiert, denn gegen Ende des 18. Jahrhunderts ersetzt Louis-Sébastien Mercier mit seiner Schrift „Das Jahr 2440“ erstmals die Dimension des Raumes durch die Dimension der Zeit. Fortan wird die utopische Fiktion aus Sicht des Verfassers fast ausnahmslos in die Zukunft projiziert.“

Thomas Morus
(
1478 - 1535)
Seit dem 19. Jahrhundert wandert „Utopia“ dann langsam in die Alltagssprache ein. Allerdings ist Adjektiv „utopisch“ seither meist negativ besetzt. „Ein Plan, der utopisch ist, lässt sich nicht realisieren; eine utopische Erwartung wird sich niemals erfüllen. Das Adjektiv meint also so viel wie „unrealistisch“, „träumerisch“ oder „übersteigert“ und bezeichnet insofern ein Denken oder Handeln, das zwangsläufig scheitern muss, weil ein realitätsblinder Urheber die Voraussetzungen für eine Verwirklichung verkennt.“

Darüber hinaus deutet die Verwendung des Terminus an, dass Utopien in unzulässiger Weise wegführen vom Möglichen und Nötigen. Diesem abwertend gemeinten Sinn zufolge besitzt der Begriff zumindest tendenziell die Bedeutung von „Hirngespinst“, „Luftschloss“ oder „Wolkenkuckucksheim“.

Mit dem negativen Sinn im Alltagsverständnis korrespondiert seine Verwendung auf dem Feld politisch-ideologischer Auseinandersetzungen. „Das Wort wurde und wird häufig als politischer Kampfbegriff genutzt, um gegnerische Positionen als illusionär und wirklichkeitsfremd zu titulieren.“ So machten sich vorwiegend die Frühsozialisten gegenseitig die Utopie zum Vorwurf, die Marxisten wiederum klebten den Frühsozialisten abschätzig das Etikett „utopisch“ an die Brust und werteten deren Entwürfe als unwissenschaftliche „Phantasterei“. Die Konservativen schließlich attackierten den gefährlichen „Utopismus“ der Marxisten. „Die Utopie wurde zum Kampfterminus in der Arena politischer Auseinandersetzungen und bis heute dient die Vokabel nicht selten der Warnung vor irrealen Zielvorstellungen und Theorien.“

"Utopia" - Thomas Morus
(Titel der Ausgabe von 1516)
Betrachtet man nun die klassischen, vor allem frühneuzeitlichen Utopien, so ist auffallend, dass sie zunächst fast allesamt ein fiktives Gemeinwesen beschreiben, das auf eine Insel projiziert ist: „Abgesondert von der Außenwelt, haben die utopischen Gesellschaften nur wenig Kontakt zu anderen Völkern. Nach innen dominiert häufig eine geschlossene Gesellschafts- oder Staatsordnung, während nach außen die Schutz- und Abwehrbereitschaft vor weniger harmonischen Gesellschaften im Vordergrund steht.“

Ein weiteres Merkmal der Utopien, ist die Tatsache, dass beschriebenen Gesellschaften auch so gut wie keinen sozialen Wandel kennen. Sie sind statisch, ruhig und konfliktfrei – manchmal wird man den Eindruck nicht los, dass es sich um eine Friedhofsruhe handelt. Weil keine Kräfte und Einflüsse von außen wirken, fehlt auch jede gesellschaftliche Dynamik.

Damit ist man Thomas Schölderle zufolge aber sogleich bei der Frage nach ihrem Geltungsanspruch angelangt. Für ihn sind Utopien sind in ihrer klassischen Ausprägung fast allesamt rationale Gedankenexperimente, die in erster Linie der zeitgenössischen Gesellschaft den Spiegel vorhalten:

„Die Funktion des Textes liegt in einem Anstoß zur Reflektion über die Grundlagen der zeitgeschichtlichen Wirklichkeit. Mit dieser Funktion deckt sich über die längste Zeit der Utopiegeschichte auch die Intention der Utopisten. Sie beabsichtigen in  den wenigsten Fällen einen Modellentwurf zur maßstabsgetreuen Totalrevision der Gesellschaft. Der unmittelbare Verwirklichungswille bleibt die seltene Ausnahme.“ Vielmehr gehe es den Utopien darum, den Leser in eine alternative Welt mitzunehmen und diesen mit geschärftem Blick in die Realität zurückkehren zu lassen.

Für Schölderle sind Utopien vorwiegend rationale Fiktionen menschlicher Gemeinwesen, die in kritischer Absicht den herrschenden Missständen gegenüber gestellt sind. Es sind „stets rational mögliche Alternativen des menschlichen Zusammenlebens und tragen einen prinzipiell politischen Charakter.“

Magische Wünsche dagegen, Märchen, Traumassoziationen, Robinsonaden oder Schlaraffenland-Erzählungen – „all diesen Fiktionen fehlt entweder das Merkmal der Sozialkritik oder es mangelt ihnen an der innerweltlichen Möglichkeit des Anders-Sein-Könnens.“

So formuliert auch Morus´ Utopie Schölderle zufolge kein politisches Aktionsprogramm. „Vielmehr ist sie als geistiger Entwurf konzipiert, der sich ganz bewusst auf die Beförderung des politischen Diskurses beschränkt.“

Utopie = Rationale Fiktionen?

Abschließend beschreibt Schölderle, ausgehend von Morus Utopia vier Kriterien des Utopiebegriffes: Form, Inhalt, Intention und Funktion:

„1. Formal betrachtet ist die Utopia konzipiert als eine kontrafaktische Fiktion, als universelle Beschreibung eines imaginären Gemeinwesens, das in eine literarisch-narrative Rahmenhandlung gekleidet ist. Sie verknüpft dabei zahlreiche literarische Formtypen und Stilelemente wie die politische Reformschrift mit der Reiseerzählung, den philosophischen Traktat mit der Satire, die Ironie mit der Dialogstruktur.

2. Auf inhaltlicher Ebene lassen sich dem Entwurf als zentrale Strukturprinzipien entnehmen: Isolation, Statik, soziale Harmonie und Gemeineigentum, Kollektivismus, Rationalität und Nützlichkeitsdenken. Die Elemente repräsentieren freilich nicht den Forderungskatalog des Autors, sondern verdichten sich lediglich zum materialen Bild seiner Utopie. Gleichwohl können diese Merkmale als eine Art Abfrageraster bei der Analyse späterer Utopieentwürfe dienen.

3. Morus’ Intention verbindet schließlich Sozialkritik mit dem Anliegen, einen Anstoß zur Diskussion über die Grundlagen des staatlichen Gemeinwesens zu leisten und qualifiziert sich damit zugleich als normatives Politikanliegen.

4. Methodisch umgesetzt ist dieses Vorhaben auf dem Wege eines gedankenexperimentellen Erkundens der Vernunft. Daraus resultiert funktional betrachtet eine prinzipielle Relativierung des Bestehenden, weil die existente Wirklichkeit zu einer möglichen unter vielen herabgestuft wird.

Dennoch sollte man – bei aller wohlwollenden Deutung utopischer Entwürfe – nicht die konkreten Wirkungen der utopischen Werke in den Händen selbsternenannter Propheten vergessen. Neben der klassischen Version der Utopie, die ein eher heiter bis ernst gemeintes Gedankenexperiment war, ohne den Versuch, konkrete Handlungsanleitungen zu liefern, gibt es auch den utopischen Enwurf, der selbstverständlich als politisches Programm verstanden werden will, und von dem der Autor der Utopie in - mehr oder weniger - naher Zukunft eine radikale Umsetzung fordert bzw. auch erwartet. 

Die Frage nach Verwirklichung der Utopie rückt sicherlich schon mit Platon in den Blick, in jedem Fall aber beginnt sie mit "The Law of Freedom" des Engländers Gerrard Winstanley (*1609), bei dem eine praktische Realisierungsintention seiner Utopie erstmals deutlich sichtbar wird. Sein Entwurf enthält bereits ansatzweise eine Transformationsstrategie, also einen möglichen Weg der Realisierung seines utopischen Modells – ein Element, das im Grunde erst für das utopische Denken im 19. Jahrhundert charakteristisch wird - mit allen unheilvollen Folgen für die Menschheit.

Karl Raimund Popper
(1902 - 1994)
Nicht erst seit Karl Raimund Poppers utopiekritischen Werken wissen wir, dass Utopien als geistige Vorwegnahme späterer totalitärer Herrschaftsformen hinhalten mussten. Auch wenn man den Autoren der Utopien eine solche Intention nicht unbedingt nachsagen kann, so muss doch ebenso festgehalten werden, dass in allen konkret-historischen Realisierungsversuchen der totalitäre Gehalt der Utopie sehr schnell sichtbar wurde.

So bleibt abschließend das Urteil Poppers als Mahnung stehen, der zufolge mit der Utopie auch die Vernunft über Bord geworfen und durch eine verzweifelte Hoffnung auf politische Wunder ersetzt werde. „Diese irrationale Einstellung, die sich an Träumen von einer schönen Welt berauscht, nenne ich Romantizismus. Dieser mag einen himmlischen Staat in der Vergangenheit oder in der Zukunft suchen, aber er wendet sich immer an unsere Gefühle, niemals an unsere Vernunft. Sogar mit der besten Absicht, den Himmel auf der Erde einzurichten, vermag er diese Welt nur in eine Hölle zu verwandeln – eine jener Höllen, die Menschen für ihre Mitmenschen bereiten.“


Zitate aus: Thomas Schölderle: Geschichte der Utopie. Eine Einführung, Wien 2012 (Böhlau Verlag) - Karl Raimund Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Tübingen 1992 (Mohr Siebeck), hier: S. 213ff

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Karl Marx und die revolutionäre Prophezeiung

In seinem Buch „Der Mensch in der Revolte“ (1951) setzt sich Albert Camus mit den Ideologien auseinander, die nach innerweltlicher Erlösung streben. Dazu gehört selbstverständlich auch Karl Marx und sein utopischer Messianismus, der letztlich nicht anderes ist, als eine bürgerliche Prophezeiung, die ihren Ursprung im Fortschrittsgedanken, im Wissenschaftsverständnis und der Kultur der Technik und der Produktion hat – also in den bürgerlichen Mythen, die sich im 19 Jahrhundert als Dogma ausgebildet haben.

Karl Marx (1818 - 1883)
Gleichwohl ist Marxens Prophezeiung nicht nur bürgerlich, sondern in ihrem Prinzip auch revolutionär: „Da die ganze menschliche Wirklichkeit in den Produktionsverhältnissen ihren Ursprung hat, ist das geschichtliche Werden revolutionär, weil die Volkswirtschaft es auch ist.“

Das Schema ist bekannt: Die gesamte Wirklichkeit ist ein unendliches Werden, „unterbrochen vom fruchtbaren Stoß der Gegenkräfte, die jedes Mal in einer höheren Synthese gelöst werden, welche ihrerseits das Entgegengesetzte hervorruft und aufs Neue die Geschichte vorrücken lässt.“ Im Gegensatz zu Hegel wird die Dialektik also nicht unter dem Gesichtspunkt des Geistes, sondern unter demjenigen der Produktion und der Arbeit betrachtet. Die Originalität von Marx besteht daher „in der Behauptung, dass die Geschichte zu gleicher Zeit Dialektik und Wirtschaft ist.

Die historische Aufgabe der kapitalistischen Wirtschaft besteht nach Marx darin, die Bedingungen einer höheren Produktionsweise vorzubereiten. „Diese Produktionsweise ist nicht an sich revolutionär, sie ist nur die Krönung der Revolution.“

Kapitalistische Produktionsweise

Das Ende der Geschichte fällt dann mit einer Apokalypse zusammen: Die unvermeidliche Niederlage des Privatkapitalismus am Ende der Geschichte führt in eine Art Staatskapitalismus, der sich in den Dienst der Gemeinschaft stellt, „damit eine Gesellschaft entsteht, in der Kapital und Arbeit, künftig das Gleiche, mit der gleichen Bewegung Überfluss und Gerechtigkeit hervorbringen werden.“

Camus beschreibt hier den „unglaublichen Ehrgeiz des Marxismus“, „seine maßlosen Vorhersagen“, um zu verstehen, dass eine solche Hoffnung dazu zwingt, konkrete Probleme der jetzt lebenden Menschen zu vernachlässigen, weil sie zweitrangig erscheinen.

Denn jeder Sozialismus ist utopisch, „allen voran der wissenschaftliche Die Utopie ersetzt Gott durch die Zukunft. Sie identifiziert die Zukunft mit der Moral, der einzige Wert ist der, der dieser Zukunft dient.“ So kommt es, dass die Utopie immer autoritär und mit Zwangsausübung verbunden sein wird: „Der Messianismus muss gegen die Opfer aufgebaut werden.“

Romantik und klassenlose Gesellschaft
Mit blinder Romantik prophezeit Marx die klassenlose Gesellschaft und die Lösung des Geheimnisses der Geschichte. „Prophezeiungen können jedoch, sobald sie die lebendige Hoffnung von Millionen von Menschen wiedergeben, nicht ungestraft ohne Schlusspunkt bleiben. Es kommt eine Zeit, wo die Enttäuschung die geduldige Hoffnung in Wut verwandelt und wo das gleiche Ziel, das mit wütendem Eigensinn bejaht und noch unerbittlicher verlangt wird, zur Suche nach anderen Mitteln zwingt.“

Noch 1917 hatte Rosa Luxemburg verkündet: „Die Revolution wird sich morgen mit Getöse in ihrer ganzen Größe aufrichten und zu eurem Schrecken mit allen Trompeten verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein.“ Es kam bekanntlich anders. So muss Karl Liebknecht zugeben: „Die Zeit war nicht erfüllt.“ „Aber er sagt auch, und dabei erfassen wir, wie eine Niederlage den besiegten Glauben bis zur religiösen Verzückung aufpeitschen kann: `Beim Krachen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, dessen Grollen sich schon nähert, werden die eingeschlafenen Truppen der Proletarier aufwachen wie beim Fanfarenton des Jüngsten Gerichts, und die Leichname der umgebrachten Kämpfer werden auferstehen und Rechenschaft verlangen von den Fluchbeladenen.´“

Allein die russische Revolution bleibt übrig. Aber die Revolution darf sich nicht auf die Bauernklasse stützen, sondern auf die Arbeiterklasse. „Diese Vereinfachung sollte die Kulaken teuer zu stehen kommen, die mehr als fünf Millionen geschichtlicher Ausnahmen darstellten und alsbald durch den Tod oder die Deportation in die Regel wieder eingefügt wurden.“

Propagandaplakat für die Enteignung der Kulaken

So entfernte sich das Ende der Geschichte noch mehr. „Der Glaube ist unverletzt, aber er biegt sich unter einer riesigen Menge von Problemen und Entdeckungen, die der Marxismus nicht vorausgesehen hatte. Die neue Kirche steht aufs Neue vor Galilei: Um ihren Glauben zu bewahren, wird sie die Sonne leugnen und den freien Menschen demütigen.“

Aber auch das Proletariat hat nicht gehalten, was Marx sich von ihm versprochen hatte. Die Gewerkschaftsbewegung erreichte auf dem Wege der Reformen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und eine Erhöhung des Lebensstandards. Mit Nachdruck weist Camus aber auch darauf hin, dass die „wirkungsvollste revolutionäre oder gewerkschaftliche Aktion immer die Angelegenheit von Arbeitereliten gewesen ist, die der Hunger nicht auspumpte“ – eine Beobachtung, die auch heute noch zutrifft.

Natürlich sind wir immer noch weit von einer sozial gerechten Welt entfernt, aber die elenden Lebensbedingungen der Textilarbeiter haben sich eben nicht, wie Marx prophezeite, auch noch verschlimmert. Marxens Irrtum bestand in dem Glauben, „das schwärzeste Elend, insbesondere das industrielle Elend, könne zur politischen Reife führen.“

Arbeiter in der DDR
Das Gegenteil ist zu beobachten: Immer mehr wurde die Revolution einerseits Bürokraten und Doktrinären ausgeliefert, andererseits musste sie sich auf geschwächte und richtungslosen Massen stützen. Dabei hat der industrielle Sozialismus - und auch nicht der spätere real existierende Sozialismus in der DDR – nichts Wesentliches für die Stellung des Arbeiters getan, denn er hat am Prinzip von Produktion und Arbeit nicht gerüttelt, sondern sie im Gegenteil sogar verherrlicht. Er konnte dem Arbeiter lediglich eine historische Rechtfertigung anbieten, die vergleichbar ist mit der Verheißung himmlischer Freuden für jemanden, der in den Bergwerken Sibiriens stirbt.

Statt den Menschen zum Schöpfer seines eigenen Schicksals zu erheben, hat der autoritäre Sozialismus „diese lebendige Freiheit zugunsten einer idealen, kommenden Freiheit in Beschlag genommen. Dadurch hat er, ob er es wollte oder nicht, die Versklavung verstärkt, die mit dem Fabrik-Kapitalismus begonnen hatte. So bestand Camus zufolge „die geschichtliche Mission des Proletariats während hundertfünfzig Jahren, ausgenommen im Paris der Kommune, dem letzten Zufluchtsort der revoltierenden Revolution, darin, verraten zu werden.“

So musste die revolutionäre Prophezeiung mit wissenschaftlichem Anspruch gerade deshalb scheitern, weil sie eben nicht wissenschaftlich war. Marx wollte gleichzeitig deterministisch und prophetisch sein, dialektisch und dogmatisch. Wenn aber die Theorie allein durch die Ökonomie determiniert ist, „kann sie die Vergangenheit der Produktion beschreiben, aber nicht ihre Zukunft, die nur wahrscheinlich bleibt. Aufgabe des historischen Materialismus kann nur die Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft sein, über die zukünftige Gesellschaft kann er, ohne dem wissenschaftlichen Geist untreu zu werden, nur Vermutungen anstellen.“

Der Marxismus ist also nicht wissenschaftlich, sondern bestenfalls wissenschaftsgläubig. So ist es für Camus auch nicht verwunderlich, „dass man, um den Marxismus wissenschaftlich zu machen und diese im Zeitalter der Wissenschaft nützliche Fiktion aufrechtzuerhalten, mit dem Terror vorgehen musste.“

"Vernunft" im Dienst der Prophezeiung:
Die Inquisition
Das Prinzip, die wissenschaftliche Vernunft in den Dienst einer Prophezeiung zu stellen ist überdies nicht neu. Von ihm wurden die Kirchen geleitet, „wenn sie die wahre Vernunft einem toten Glauben und die Freiheit des Geistes der Erhaltung der zeitlichen Macht unterstellen wollten.“

Am Schluss bleibt von Marxens Prophezeiung nur die Behauptung übrig, die Fristen seien eben etwas länger „und man müsse erwarten, dass eines noch unsichtbaren Tages das Ende alles rechtfertige. Mit anderen Worten sind wir im Fegefeuer, und man verspricht uns, es gäbe keine Hölle.“
   
Zitate aus: Albert Camus: Der Mensch in der Revolte, Reinbek 2013 (Rowohlt), hier: S. 259ff  

Donnerstag, 20. November 2014

Karl Marx und die bürgerliche Prophezeiung

Albert Camus (1913 - 1960)
Das Werk „Der Mensch in der Revolte“ von Albert Camus, erschienen 1951, ist eine Sammlung philosophisch-politischer Essays, in deren Zentrum die Beschreibung der „kollektiven Pest“ in Philosophie, Politik und politischer Theorie steht. Am Ende seiner Überlegungen steht die Erkenntnis Camus´, dass sich mit fanatischen Anhängern einer Ideologie oder eines Glaubens nicht diskutieren lässt, denn die einen streben nach innerweltlicher, die anderen nach außerweltlicher Erlösung.

Im Absoluten gefangen, entgeht beiden Camus zufolge die sich jeweils aktuell bietende, gleichwohl „nur“ relative Veränderungsmöglichkeit, deren Wahrnehmung vor allem eine fortgesetzte „Spannung“ und Aufmerksamkeit erfordert. Ein „gelobtes Land“ absoluter Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit gibt es hier allerdings nicht zu entdecken. Besondere Aufmerksamkeit widmet Camus dabei Karl Marx und seiner bürgerlichen Prophezeiung.

Marx, das gibt Camus unumwunden zu, lieferte eine eindrückliche Analyse des primitiven Kapitalismus, des Leidens und des furchtbaren Elends, das er im England des 19. Jahrhunderts hervorrief. Das Problem von Marx aber entsteht in dem Augenblick, in dem er seine gültige kritische Methode mit „dem anfechtbaren utopischen Messianismus vermischte. Das Unglück ist, dass die kritische Methode, die ihrem Wesen nach der Realität angepasst gewesen wäre, sich immer mehr von den Tatsachen entfernte, insofern als sie der Prophezeiung treu bleiben wollte.“

Das Gesamtwerk von Marx und Engels, oder:
Die Unvereinbarkeit von kritischer Methode und utopischem Messianismus
 

Bekannt ist, dass Stalin 1935 die Herausgabe der Marx-Engels-Gesamtausgabe abbrach, weil die radikalen Frühschriften von Marx nicht ins enge Korsett des „Marxismus-Leninismus“ passten. Der Diktator ließ David Rjasanow, den Leiter des Projektes, verhaften und am 21. Januar 1938 hinrichten. Andere Mitarbeiter verschwanden in Stalins Gulag.
                                                         
So haben die Marxisten zur Prophezeiung und zur Apokalypse gegriffen, um eine marxistische Revolution ausgerechnet unter den Umständen zu verwirklichen, die Marx als für eine Revolution völlig ungeeignet vorhergesehen hatte. „Man kann von Marx sagen, dass die Mehrzahl seiner Voraussagen sich mit den Tatsachen nicht vereinbaren ließ, zur gleichen Zeit, als seine Prophezeiung Gegenstand eines wachsenden Glaubens war. Der Grund ist einfach: Die Voraussagen waren kurzfristig und konnten kontrolliert werden. Die Prophezeiung ist sehr langfristig und hat für sich, was die Festigkeit aller Religionen begründet: die Unmöglichkeit, Beweise zu erbringe.“ So ist die Prophezeiung immer dann die letzte Hoffnung, wenn alle Voraussagen einstürzen.

Camus macht an dieser Stelle eine entscheidende Beobachtung: „Marxens wissenschaftlicher Messianismus ist jedoch bürgerlichen Ursprungs. Der Fortschritt, die Zukunft der Wissenschaft, der Kultur der Technik und der Produktion sind bürgerliche Mythen, die sich im 19 Jahrhundert als Dogma ausgebildet haben.“

Anne Robert Jacques Turgot
So habe schon Anne Robert Jacques Turgot, Ökonom der Aufklärung, in seiner Rede über den Fortschritt des menschlichen Geistes davon gesprochen, dass „die Gesamtheit des Menschengeschlechts … durch einen Wechsel von Ruhe und Erregung, von Gutem und Bösen stetig, wenn auch mit langsamem Schritt, zu einer größeren Vollkommenheit [schreitet].“ Und der Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft, Alexis de Tocqueville, ergänzt: „Die stufenweise und fortschreitende Entwicklung der Gleichheit ist die Vergangenheit und zugleich die Zukunft der Menschheitsgeschichte.“

Um zum Marxismus zu gelangen, müsse man lediglich Gleichheit durch Produktionshöhe ersetzen und sich vorstellen, dass auf der letzten Stufe der Produktion sich eine Umwandlung vollziehen und die ausgesöhnte Gesellschaft verwirklicht werden würde. Eigentlich hat Marx wohl wie kein anderer verstanden, „dass eine Religion ohne Transzendenz sich genaugenommen Politik nennt.“

Wenn man nun noch hinzufügt, dass Marx den bürgerlichen Nationalökonomen die ausschließliche Vorstellung von der industriellen Produktion in der Entwicklung der Menschheit verdankt, dass er das Wesentliche seiner Theorie vom Arbeitswert dem Werk des führenden Vertreters der klassischen Nationalökonomie, David Ricardo, entnimmt, wird man wohl zu Recht von einer „bürgerlichen“ Prophezeiung bei Marx sprechen dürfen.

Atomenergie und Elektrizität -
noch nicht im Blick von Marx
Marx hat seine Gedanken in einer Zeit entwickelt, die vom Darwin’schen Evolutionismus, der Dampfmaschine und der Textilindustrie geprägt war. „Hundert Jahre später stieß die Wissenschaft auf die Relativität, die Ungewissheit und den Zufall; die Volkswirtschaft musste die Elektrizität berücksichtigen, die Eisenhütten und die Produktion von Atomenergie.“ Heute müsste man Begriffe wie Globalisierung, Wissensgesellschaft oder auch Digitales Zeitalter ergänzen.

Weil der Marxismus daran scheiterte, sich diese Entdeckungen einzuverleiben, ist Camus zufolge der Anspruch der Marxisten einfach nur lächerlich, „hundert Jahre alte Wahrheiten, ohne Einbuße ihrer Wissenschaftlichkeit, starr aufrechtzuerhalten."
  
Zitate aus: Albert Camus: Der Mensch in der Revolte, Reinbek 2013 (Rowohlt), hier: S. 246ff  -   Zur Marx-Engels-Gesamtausgabe der interessante Artikel in der taz: „Schreiben für den Untergang“ 

Donnerstag, 7. März 2013

Karl Raimund Popper und das Elend der Geschichtsprophetie

Der aus Österreich stammende Begründer des Kritischen Rationalismus, Karl Raimund Popper, ist der breiten Öffentlichkeit vor allem als Wissenschaftstheoretiker und politischer Denker bekannt geworden.


Karl Raimund Popper (1902 - 1994)
Poppers Anliegen war es stets, die Fehlbarkeit menschlichen Erkennens und Handelns sowie die Bedeutung der Kritik als Motor des wissenschaftlichen und sozialen Fortschritts herauszustellen. 

Seine Schrift „Logik der Forschung“ (1934) gilt mittlerweile als Klassiker der modernen Wissenschaftstheorie. Sein zweibändiges Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" (1945), das die westliche liberale Demokratie gegen den Marxismus und gegen jede Art totalitärer Weltanschauung verteidigt, hat ihm 1965 die Verleihung des Adelstitels durch die englische Königin eingebracht. 

Popper ist auch einer der schärfsten Kritiker der von Hegel und Marx geprägten Geschichtsphilosophie. In seiner Schrift „Das Elend des Historizismus“ (1944/45) hat er sich gegen den Anspruch des Historizismus gewandt, den Verlauf der Geschichte wissenschaftlich voraussagen zu können.

Entscheidend ist, dass es für Popper einen grundsätzlichen Unterschied zwischen angeblich wissenschaftlichen Voraussagen politischer Ereignisse und wissenschaftlichen Voraussagen von Naturereignissen gibt.

Nach Popper lassen sich die zentralen Ideen der historizistischen Methode folgendermaßen beschreiben:

„(a) Es ist eine Tatsache, dass wir Sonnenfinsternisse mit großer Genauigkeit und auf lange Zeit voraussagen können. Weshalb sollten wir nicht im Stande sein, Revolutionen vorauszusagen? Hätte ein Sozialwissenschaftler im Jahre 1780 nur halb so viel von der Gesellschaft verstanden wie die alten babylonischen Astrologen von der Astronomie, so hätte er die Französische Revolution voraussagen können.“

Diese Idee, dass die Voraussage von Revolutionen ebenso gut möglich sein sollte wie die Voraussage von Sonnenfinsternissen, führe den Historizisten laut Popper nun zu folgender Ansicht von der Aufgabe der Sozialwissenschaften:

„(b) Die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist grundsätzlich die gleiche wie die der Naturwissenschaften – Prognosen aufzustellen, und im besonderen historische Prognosen, also Prognosen über die soziale und politische Entwicklung der Menschheit.“

„(c) Sobald solche Prognosen einmal aufgestellt sind, kann man die Aufgabe der Politik festlegen. Diese besteht in der Linderung der „Geburtswehen“ (wie Marx es ausdrückte), die notwendigerweise mit den als unmittelbar bevorstehend vorausgesagten politischen Entwicklungen verknüpft sind.“

Die Idee – aber vor allem den Anspruch, dass die Aufgabe der Sozialwissenschaften in der Aufstellung historischer Prognosen wie Prognosen über soziale Revolutionen besteht, bezeichnet Popper als die „historizistische Lehre der Sozialwissenschaften.“

Die Idee, dass es die Aufgabe der Politik ist, die Geburtswehen unmittelbar bevorstehender politischer Entwicklungen zu lindern, nennt Popper die „historizistische Lehre der Politik.“

Für Popper sind diese beiden Lehren Teile des größeren philosophischen Systems des Historizismus, also der allgemeinen Vorstellung, dass der Menschheitsgeschichte ein Plan zugrunde liegt und „dass wir den Schlüssel zur Zukunft in der Hand haben, wenn uns die Aufdeckung dieses Plans gelingt.“


Während Prophezeiungen bei Sonnenfinsternissen möglich sind ...


Das offensichtliche Problem des Historizismus aber liegt nach Popper darin, dass Prophezeiungen über Sonnenfinsternisse und alle auf Regelmäßigkeit gegründeten Abläufe der Jahreszeiten nur möglich sind, „weil unser Sonnensystem ein stationäres und zyklisch ablaufendes System ist; und dies ist deshalb der Fall, weil es zufällig durch ungeheure Weiten leeren Raumes gegen Einflüsse seitens anderer mechanischer Systeme isoliert und deshalb relativ frei von exogenen Einwirkungen ist.“

Für die Politik und die Sozialwissenschaften ist die Perspektive ein vollkommen andere: „Die Gesellschaft verändert sich, sie entwickelt sich, und diese Entwicklung ist im Wesentlichen nicht zyklisch.“

Zwar könne man durchaus gewisse Prophezeiungen aufstellen – „so lässt sich zum Beispiel ein gewisser Zyklus in der Entstehung neuer Religionen oder auch neuer Tyrannensysteme beobachten; und ein Geschichtsforscher mag zu der Ansicht gelangen, dass er solche Entwicklungen bis zu einem gewissen Grad voraussehen kann, wenn er sie mit früheren Fällen vergleicht, also durch das Studium der Bedingungen, unter denen sie entstehen“ – aber diese Methode trifft schnell an ihre Grenze, denn: „Die auffallendsten Aspekte der historischen Entwicklung sind nicht zyklisch. Die Bedingungen ändern sich und es ergeben sich Situationen, die sich sehr stark von allem unterscheiden, was jemals zuvor geschehen ist.“


... ist dies bei Revolutionen noch lange nicht der Fall !

Die Tatsache also, dass wir Sonnenfinsternisse voraussagen können, ist daher kein gültiger Beweis für die Erwartung, dass wir Revolutionen voraussagen können. Mögen sich diese Erkenntnis alle „elenden Geschichtspropheten“ ein für alle Mal hinter die Ohren schreiben !!!

Zitate aus: Karl Raimund Popper: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Teilband II, Tübingen 1997 (Mohr Siebeck)

Donnerstag, 2. August 2012

Karl Raimund Popper und die Sozialtechnik der Einzelprobleme

In seinem gesamten Werk legt Karl Raimund Popper einen besonderen Schwerpunkt auf den engen Zusammen­hang zwischen dem freien, kritischem Denken in einer demokratischen und „offenen“ Gesellschaft einerseits und dem dogmatischen und autoritärem Denken in totalitären und „geschlossenen“ Gesellschaften andererseits.

Karl Raimund Popper (1902 - 1994)
Poppers Ideen werden insbesondere deutlich an der Gegenüberstellung einer utopischen Sozialtechnik platonischen Stils und der von ihm vertretenen Sozialtechnik der Einzelprobleme.

Poppers Kritik an der utopischen Sozialtechnik gründet in der Feststellung, dass sie einen deutlichen Historizismus beinhaltet, also die Festlegung eines bereits jetzt feststehenden und erkennbaren endgültigen politischen Ziels der Geschichte – und zwar bevor irgendeine praktische politische Handlung unternommen wird. Das bedeutet, dass wir jede aktuelle soziale oder politische Situation nur vom Standpunkt eines bereits feststehenden historischen Ideals, eines angeblich letzten Ziels der geschichtlichen Entwicklung zu betrachten hätten“ (Vermutungen).

Popper geht selbstverständlich auch davon aus, dass jede rationale Handlung auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet sein müsse. So sei jede Handlung „rational in dem Maße, in dem sie ihr Ziel bewusst und konsequent verfolgt und in dem Maße, in dem sie Mittel festlegt, um dieses Ziel zu erreichen. Die Wahl eines Zieles ist also die erste Aufgabe, die wir lösen müssen, wenn wir rational handeln wollen. Wir müssen und wirklichen und endgültigen Ziele sorgfältig festsetzen und wir müssen dabei Teil- und Zwischenziele unterscheiden, die nur als Schritte auf dem Weg zum endgültigen Ziel zu verstehen sind“ (Offene Gesellschaft)

So ist es geradezu unausweichlich, dass die Umsetzung einer „Utopie, die eine ideale Gesellschaftsordnung zum Ziel hat und auf die alles politische Handeln ausgerichtet sein soll, wahrscheinlich zu Gewalt führen wird. Da wir nicht in der Lage sind, die letzten Ziele für unser politisches Handeln durch wissenschaftliche oder rationale Methoden zu bestimmen, kann man nicht endlos darüber argumentieren, wie die ideale Gesellschaft aussehen soll. Zum Teil werden die Argumente den Charakter von religiösen Auseinandersetzungen haben und zwischen den verschiedenen utopischen Religionen kann es kaum so etwas wie Toleranz geben“ (Vermutungen)

Reichsparteitag der NSDAP 1935
Nach Popper ist jeder Utopist also gezwungen, alle Konkurrenten, die seine Ziele nicht teilen, entweder zu überreden oder, wenn dies nicht gelingt, zu unterdrücken. Er muss somit „alle ketzerischen Ansichten gründlich ausrotten. Weil der Weg zum utopischen Ziel meistens sehr lang ist, muss der Utopist Maßnahmen ergreifen, um das Ziel über einen langen Zeitraum konstant zu halten. Das ist nur möglich, wenn er die anderen utopischen Religionen nicht nur unterdrückt, sondern so weit wie möglich auch jede Erinnerung an sie auslöscht“ (ebd.)


Dresden 1953: Parade nach dem Tode Stalins

Weil der Versuch der Verwirklichung eines idealen Staates somit eine streng zentralisierte Herrschaft verlange, führe der Weg in eine Utopie letztlich in eine Diktatur: „Die völlige Umgestaltung einer Gesellschaftsordnung ist ein riesiges Unter­nehmen, das vielen Menschen über eine sehr lange Zeit viele Unannehmlichkeiten bereiten wird. Der utopische Sozialtechniker wird seine Ohren daher gegen viele Klagen verschließen müssen, er muss zum Teil sogar unvernünftige Einwände oder Kritik unterdrücken“ (Offene Gesellschaft)

Die Alternative zur utopischen Sozialtechnik ist für Popper die „von Fall zu Fall angewendete Sozial­technik, die Sozialtechnik der Einzelprobleme, die Technik des schrittweisen Umbaus der Gesellschaftsordnung oder die Ad-hoc-Technik“ (ebd.)

Natürlich habe auch ein Politiker dieser Methode eine Skizze einer zukünftigen Gesellschaftsordnung vor Augen und mag hoffen, dass die Menschen eines Tages glücklich und vollkommen wird leben können. Aber er wird seine Augen nicht verschließen vor den konkreten Problemen der Menschen.

So wird sich der Politiker der Ad-hoc-Technik nach den größten und dringlichsten Übeln in der Gesellschaft umsehen und versuchen sie systematisch zu bekämpfen. Er wird daher lieber für die Beseitigung von konkreten Missständen als für die Verwirklichung abstrakter Ideale arbeiten wollen: „Kämpfe lieber für die Beseitigung des Elends mit direkten Mitteln: für ein Mindesteinkommen für alle Menschen, gegen Epidemien und Krankheiten, für den Bau von Krankenhäusern. Bekämpfe Unwissenheit, wie du Verbrechen bekämpfst. Aber tu alles mit direkten Mitteln. Entscheide, was du als schlimme Übel in der Gesellschaft, in der du lebst, ansiehst, und versuche geduldig, die Leute zu überzeugen, dass wir diese Übel loswerden können“ (Vermutungen)

Die Pläne für den schrittweisen Umbau der Gesellschaft sind relativ einfach zu beurteilen. Selbst wenn sie fehlschlagen und durch neue bessere Pläne ersetzt werden müssen, dann ist der angerichtete Schaden nicht sehr groß. Über einen Idealstaat vernünftig zu diskutieren ist dagegen unendlich schwierig. „Das soziale Leben ist so kompliziert, dass nur wenige Menschen – wenn überhaupt irgendjemand - fähig sind, einen Bauplan für soziale Maßnahmen im großen Maßstab zu entwerfen und richtig einzuschätzen: ob er praktisch ist, ob er zu einer wirklichen Verbesserung führt, welche Leiden mit und bei seiner Verwirklichung auftreten werden“ (Offene Gesellschaft).

So verteidigt Popper die „These, dass vermeidbares menschliches Leid das dringendste Problem einer rationalen öffentlichen Politik ist, während die Förderung des Glücks kein Problem der öffentlichen Politik ist, sondern zu unserer privaten Initiative gehört (…) Im Gegenteil: Wenn unsere Ziele und Zwecke irgendetwas mit menschlichem Glück und Elend zu tun haben, dann dürfen wir unser politisches Handeln nicht im Hinblick auf das Glück oder Elend der Menschen in einer fernen Zukunft beurteilen, sondern nach ihren unmittelbaren Wirkungen in der Gegenwart. Alle Generationen sind vergänglich, und deshalb haben alle das gleiche Recht darauf, von der Politik berücksichtigt zu werden. Unsere unmittelbaren Pflichten beziehen sich daher auf die heutige und die kommende Generation. Vor allem sollten wir niemals versuchen, das Elend eines Menschen, der heute lebt, gegen das Glück eines anderen Menschen aufzurechnen, der noch nicht einmal geboren ist“ (Vermutungen)

Implizit wendet sich Popper kategorisch gegen die fatale Verbindung zwischen Politik und Romantik, weil letztlich „mit der utopischen Sozialtechnik also auch die Vernunft über Bord geworfen und durch eine verzweifelte Hoffnung auf politische Wunder ersetzt wird. Diese irrationale Einstellung, die sich an Träumen von einer schönen Welt berauscht, nenne ich Romantizismus. Dieser mag einen himmlischen Staat in der Vergangenheit oder in der Zukunft suchen, aber er wendet sich immer an unsere Gefühle, niemals an unsere Vernunft. Sogar mit der besten Absicht, den Himmel auf der Erde einzurichten, vermag er diese Welt nur in eine Hölle zu verwandeln – eine jener Höllen, die Menschen für ihre Mitmenschen bereiten“ (Offene Gesellschaft).

So dürfen wir Popper zufolge unseren Träumen von einer wunderschönen Welt nicht erlauben, dass sie uns von den wirklichen Problemen der Menschen ablenken. „Unsere jetzigen Mitmenschen haben Anspruch auf Hilfe. Keine Generation darf zugunsten zukünftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Glücksideals, das vielleicht nie erreicht wird“ (Vermutungen).

Popper verbindet seine Ideen mit der Überzeugung, dass wir davon ausgehen müssen, dass wir die unvermeidbaren und ungewollten Folgen unseres Handelns und Eingreifens nie ganz voraussehen können. „Sogar in unserem unmittelbaren Umgang mit Menschen machen wir, beim besten Willen, immer wieder Fehler; und wenn wir wirklich guten Willens sind, so werden wir dauernd versuchen, die Folgen unserer Handlungen zu überwachen, um unsere Handlungen beizeiten zu korrigieren. Das ist das Prinzip der dauernden Fehlerkorrektur: die Methode, dauernd nach Fehlern zu suchen und frühzeitig kleine und beginnende Fehler zu korrigieren“ (Elend des Historizismus)

Kritischer Rationalismus und Erkenntnisfortschritt 
So ist für Popper, das bewusste Lernen aus Fehlern die geeignetste Waffe gegen jede Form utopischer Träumerei: „Bewusstes Lernen aus unseren Fehlern, bewusstes Lernen durch dauernde Korrektur ist das Prinzip der Einstellung, die ich den Kritischen Rationalismus nenne“ (ebd.). Dies gelte natürlich auch für das Gebiet aller sozialen und politischen Handlungen. Die Methode der rechtzeitigen Fehlerkorrektur zu verfolgen sei nicht nur eine Weisheitsregel, sondern geradezu eine moralische Pflicht: „Es ist die Pflicht zur dauernden Selbstkritik, zum dauernden Lernen, zu dauernden kleinen Verbesserungen unserer Einstellung, unserer Urteile – auch der moralischen -  und unserer Theorien. Hier wird das Können zum Sollen: wir können aus unseren Fehlern lernen, darum ist es unsere Pflicht, aus unseren Fehlern zu lernen“ (ebd.). Alles andere sei Größenwahnsinn oder Verantwortungslosigkeit; auch dann, wenn es von den besten Absichten geleitet wird.

Das alles führt direkt zu einer Begründung der Forderung nach politischer Freiheit  und bestmöglicher Vermeidung aller politischen Machtanhäufung. Denn jede politische Machtanhäufung führt mit Notwendigkeit dazu, dass kleine Fehler zunächst unbemerkt bleiben. Dies geschieht selbst in einer Demokratie leider oft genug. Aber schließlich sei Demokratie auch keine Heilslehre, sondern nur eine der notwendigen Voraussetzungen, die es uns möglich machen, zu wissen, was wir tun.

„Wohl sollen wir denen vergeben, die nicht wissen, was sie tun; aber es ist unsere Pflicht, alles zu tun, um zu wissen“ (ebd.)
  
Zitate aus: Karl Raimund Popper: Das Elend des Historizismus,Tübingen 2003 (Mohr Siebeck), hier: Einleitung, Xff --  Karl Raimund Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Tübingen 1992 (Mohr Siebeck), hier: S. 213ff  -- Karl Raimund Popper: Vermutungen und Widerlegungen: Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Tübingen 2009 (Mohr Siebeck), hier: S. 522ff