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Donnerstag, 24. Juli 2014

Sommerlektüre: Wilhelm von Humboldt und die Grenzen des Staates - Teil 4


Über den Zweck des Staates

In seiner 1792 verfassten Abhandlung „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ verteidigt Humboldt das Anliegen, dass jeder Einzelne ein freies und selbstbestimmtes Leben führen kann - gegen einen umfassenden Ordnungsanspruch des Staates.

Das Denkmal vor der Humboldt-Universität Berlin

Im Hinblick auf den Zweck des Staates wendet sich Humboldt gegen die Ansicht, dass der Sinn des Staates darin bestünde, das „Glück zu befördern“, also alle übrigen Zwecke zu verfolgen, die „unter dem Namen des positiven Wohlstandes vereint“ werden können.

Stattdessen verteidigt Humboldt den Grundsatz, dass allein „die Erhaltung der Sicherheit sowohl gegen auswärtige Feinde, als innerliche Zwistigkeiten den Zweck des Staates ausmachen, und seine Wirksamkeit beschäftigen muss.“

Ähnlich wie Thomas Hobbes und andere Vertreter des Liberalismus geht auch Humboldt von einem pessimistischen Menschenbild aus. So wäre „schlechterdings keine Staatsvereinigung notwendig“, wenn der Mensch nicht ständig „über die rechtmäßig gezogenen Schranken hinaus in das Gebiet der anderen [Menschen] eingreifen würde“, wenn es also das Übel der „Begierde nach Mehr“ - was die Griechen mit dem Worte πλεονεξία umschrieben – „und die daraus entspringende Zwietracht“ nicht gäbe.

Die Uneinigkeiten der Menschen – „denn bei der Zwietracht entstehen Kämpfe aus Kämpfen“ – aber erfordern schlechterdings eine solche … [staatliche] Gewalt, die allein die Sicherheit der Bürger garantieren kann.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf (Hobbes)
© F.A.Z.-FOSSHAG
Der Staat existiert also um der Sicherheit willen, denn „ohne Sicherheit vermag der Mensch weder seine Kräfte ausbilden, noch die Frucht derselben genießen, denn ohne Sicherheit ist keine Freiheit.“

Das Problem aber ist, dass der Einzelne allein sich diese Sicherheit nicht verschaffen könne. Dies wird insbesondere dann deutlich, wenn es darum geht, die Sicherheit der Menschen „gegen auswärtige Feinde“ zu verteidigen.

Vor allem aber gelte der Grundsatz, dass der Staat für die innere Sicherheit der Bürger die Sorgfalt trage. Ein Blick in die Geschichte mache deutlich, dass es schon in der klassischen Antike zu den Aufgaben der Herrscher gehört habe, das friedliche Zusammenleben der Menschen zu garantieren:

„Siehe, die Völker schauen gesamt auf ihn, 
der Urteil spricht und Entscheidung
Nach durchgehendem Recht; 
denn mit Nachdruck redet er treffend,
Und weiß schnell auch ein großes Gezänk zu versöhnen; mit Klugheit.
Darum sind Volkspfleger verstandvoll, 
daß sie den Völkern
Öffentlich vollen Ersatz für Beleidigung schaffen 
und Kränkung.“ 
(Hesiod, Theogonie, 84-89)

Um diesen Zweck zu erreichen, stünden dem Staat drei Wege offen: Er könne sich zunächst damit „begnügen, begangene Unordnungen wieder herzustellen, und zu bestrafen“. Weiter könne er „ihre Begehung überhaupt zu verhüten suchen“. Schließlich könne der Staat „zu diesem Endzweck den Bürgern, ihrem Charakter und ihrem Geist, eine Wendung zu erteilen bemüht sein, die hierauf abzweckt.“

Im Unterschied zu den ersten beiden Wegen, an denen er wenig auszusetzen hat, geht Humboldt mit der Absicht des Staates, das „moralische Wohl der Bürger“ in eine bestimmte Richtung beeinflussen zu wollen, außerordentlich kritisch ins Gericht.

Ihm erscheint eine „vom Staat angeordnete oder geleitete [moralische] Erziehung von vielen Seiten bedenklich.“ Schon in den vorangegangenen Kapiteln seiner Abhandlung hatte Humboldt darauf hingewiesen, dass es bei der Bildung des Menschen vor allem auf „Mannigfaltigkeit der Situationen“ ankäme. Wolle der Staat sich aber um das moralische Wohl der Menschen kümmern, dann müsse er notwendigerweise „eine bestimmte Form [der Moral] begünstigen.“

Humboldt entlarvt an dieser Stelle das eigentliche Interesse der staatlichen Einflussnahme auf die moralische Verfassung seiner Bürger: „Sobald der Untertan den Gesetzen gehorcht, und sich und die Seinigen im Wohlstande und einer nicht schädlichen Tätigkeit erhält, kümmert den Staat die genauere Art seiner Existenz nicht.“

Öffentliche moralische Erziehung ... ?
(Bild: AKG)

Eine öffentliche moralische Erziehung habe daher gar nicht den Menschen als moralisches Wesen im Blick, sondern suche allein „ein Gleichgewicht aller, da nichts so sehr, als gerade dies, die Ruhe hervorbringt und erhält, welche eben diese Staaten am eifrigsten beabsichtigen.“ Humboldt dagegen ist der Überzeugung, dass „die freieste … Bildung des Menschen überall vorangehen“ müsse. Der so gebildete Mensch müsste dann in den Staat eintreten, und die Verfassung des Staats gleichsam an sich selbst prüfen.

Wenn also die Erziehung überhaupt nur Menschen bilden sollte, „so bedarf es des Staats nicht“, denn „unter freien Menschen gewinnen alle Gewerbe bessern Fortgang; blühen alle Künste schöner auf; erweitern sich alle Wissenschaften. Unter ihnen sind auch alle Familienbande enger, die Eltern eifriger bestrebt für ihre Kinder zu sorgen, und, bei höherem Wohlstande, auch vermögender, ihrem Wunsche hierin zu folgen. Bei freien Menschen entsteht Nacheiferung, und es bilden sich bessere Erzieher, wo ihr Schicksal von dem Erfolg ihrer Arbeiten, als wo es von der Beförderung abhängt, die sie vom Staate zu erwarten haben.“

Vor allem aber erreiche eine öffentliche moralische Erziehung überhaupt nicht den Zweck, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, denn „Tugend und Laster hängen nicht an dieser oder jener Art des Menschen zu sein, sind nicht mit dieser oder jener Charakterseite notwendig verbunden. (…) Jede bestimmte Charakterbildung ist daher eigener Ausschweifungen fähig, und artet in dieselben aus.“

So liege also eine öffentliche Erziehung, die dem Menschen eine bestimmte moralische Form erteilen will, eindeutig außerhalb der Grenzen der Wirksamkeit des Staates.
  
Zitate aus: Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, Volltext im Deutschen Textarchiv, hier: Kapitel III bis VI.   -   Weitere Literatur: Hesiod: Theogonie, online beim Projekt Gutenberg-De 

Mittwoch, 16. Juli 2014

Sommerlektüre: Wilhelm von Humboldt und die Grenzen des Staates - Teil 3


Die Sorgfalt des Staates für den positiven Wohlstand

Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835)
In seiner 1792 verfassten Abhandlung „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ verteidigt Humboldt das Anliegen, dass jeder Einzelne ein freies und selbstbestimmtes Leben führen kann, also gegen den umfassenden Ordnungsanspruch des Staates.

Humboldt geht dabei von den Prämissen aus, dass neben der Freiheit des Individuums „die Entwicklung der menschlichen Kräfte noch etwas anderes [erfordert], obgleich mit der Freiheit eng verbundenes, - Mannigfaltigkeit der Situationen“, denn „auch der freieste und unabhängigste Mensch, in einförmige Lagen versetzt, bildet sich minder aus."

So kommt Humboldt zu dem Schluss, „dass die wahre Vernunft dem Menschen keinen anderen Zustand als einen solchen wünschen kann, in welchem jeder Einzelne die ungebundenste Freiheit geniest“, um sich „aus sich selbst, in seiner Eigentümlichkeit zu entwickeln.“ In diesem Zustand dürfe auch die „physische Natur [des Menschen] keine andere Gestalt von Menschenhänden“ empfangen, als die, die jeder Einzelne sich selbst gibt, „nach dem Maß seiner Bedürfnisse und seiner Neigungen, allein beschränkt durch die Grenzen seiner Kraft und des Rechts.“

Im Hinblick auf den möglichen Zweck des Staates nennt Humboldt zwei gegensätzliche Antworten: Zum einen kann der Zweck des Staates in der notwendigen Pflicht bestehen, „Übel zu verhindern“ und so für die Sicherheit der Bürger zu sorgen und zum anderen kann der Staat sich versucht fühlen, das „Glück zu befördern“, also alle übrigen Zwecke zu verfolgen, die „unter dem Namen des positiven Wohlstandes vereint“ werden können.

Baggern für den Wohlstand

(Foto: picture-alliance / Eibner-Presse/picture alliance)
Unter positivem Wohlstand versteht Humboldt nun „den Unterhalt der Einwohner, teils geradezu durch Armenanstalten, teils mittelbar durch Beförderung des Ackerbaues, der Industrie und des Handels, von allen Finanz- und Münzoperationen, Ein- und Ausfuhr-Verboten u.s.f. (in so fern sie diesen Zweck haben) endlich allen Veranstaltungen zur Verhütung oder Herstellung von Beschädigungen durch die Natur, kurz von jeder Einrichtung des Staats, welche das physische Wohl der Nation zu erhalten, oder zu befördern die Absicht hat.“

Alle diese Einrichtungen nun, behauptet Humboldt mit überraschender Deutlichkeit, „haben nachteilige Folgen, und sind einer wahren, von den höchsten, aber immer menschlichen Gesichtspunkten ausgehenden Politik unangemessen.

Humboldt geht davon aus, dass in jeder dieser Maßnahmen „der Geist der Regierung herrscht … und wie weise und heilsam dieser Geist auch sei, so bringt er Einförmigkeit und eine fremde Handlungsweise … hervor.“

Einförmigkeit aber – darauf hatte schon Aristoteles hingewiesen – bedeutet das Ende der staatlichen Gemeinschaft: „Gerade die aus der Vereinigung Mehrerer entstehende Mannigfaltigkeit ist das höchste Gut, welches die Gesellschaft gibt, und diese Mannigfaltigkeit geht gewiss immer mit jedem Grade der Einmischung des Staats verloren.“

Dies führe dazu, dass eigentlich keine freien und selbstbestimmten Bürger „mit sich in Gemeinschaft leben, sondern einzelne Untertanen, welche mit dem Staat, d.h. dem Geiste, welcher in seiner Regierung herrscht, in Verhältnis kommen, und zwar in ein Verhältnis, in welchem schon die überlegene Macht des Staats das freie Spiel der Kräfte hemmt.“

Ruhe und Ordnung - erste Bürgerpflicht?
Es ist die ewige Überzeugung des klassischen Liberalismus, wenn Humboldt schreibt, dass „je mehr also der Staat mitwirkt, desto ähnlicher ist nicht bloß alles Wirkende, sondern auch alles Gewirkte.“ Natürlich sei genau das die eigentliche Absicht der Herrschenden: „Sie wollen Wohlstand und Ruhe. Beide aber erhält man immer dann leicht, wenn das Einzelne wenig miteinander streitet.“ Dennoch ist das, „was der Mensch beabsichtigt und beabsichtigen muss, … etwas [ganz] anders, es ist Mannigfaltigkeit und Tätigkeit. Nur dies gibt vielseitige und kraftvolle Charaktere.“

Wer nun das Gegenteil davon verteidige, „den hat man, und nicht mit Unrecht, in Verdacht, dass er die Menschheit missachtet, und aus Menschen Maschinen machen will.“

„Alles im Menschen ist Organisation. Was in ihm gedeihen soll, muss in ihm gesät werden.“ Diese überaus pädagogische Weisheit führt Humboldt zu einem weiteren Argumentationsstrang gegen die Absicht des Staates, den positiven Wohlstand – also das Glück – der Bürger zu verwirklichen.

Humboldt - und hier zeigt sich seine humanistische Herkunft – geht davon aus, dass der Verstand des Menschen wie jede andere seiner Kräfte auch, „nur durch eigene Tätigkeit und eigene Erfindungsgabe … gebildet“ werde. „Anordnungen des Staates aber führen immer - mehr oder minder - Zwang mit sich, und selbst, wenn dies der Fall nicht ist, so gewöhnen sie den Menschen zu sehr, mehr fremde Belehrung, fremde Leitung, fremde Hilfe zu erwarten, als selbst auf Auswege zu denken.“

So verfalle der Staat allzu gern darauf, „die Bürger [zu] belehren“, indem er „das aufstellt, was er für das Beste erklärt, gleichsam das Resultat seiner Untersuchungen, und entweder direkt durch ein Gesetz, oder indirekt durch irgendeine die Bürger bindende Einrichtung befiehlt.“

Dagegen verteidigt Humboldt die Strategie, den Menschen „gleichsam alle mögliche Auflösungen des Problems vorzulegen, und den Menschen nur darauf vorzubereiten, die schicklichste selbst zu wählen, oder noch besser, diese Auflösung selbst nur aus der gehörigen Darstellung aller Hindernisse zu erfinden.“

Der bessere Weg: Die Menschen darauf vorbereiten,
selbst wählen zu können!

Dies aber könne der Staat „bei erwachsenen Bürgern nur auf eine negative Weise“, also durch die Schaffung von Sicherheit und Freiheit erreichen, „die zugleich Hindernisse entstehen lässt, und zu ihrer Hinwegräumung Stärke und Geschicklichkeit gibt.“

Wolle der Staat aber auf eine „positive Weise“ für Wohlstand sorgen, dann leide durch „eine zu ausgedehnte Sorgfalt des Staates die Energie des Handelns überhaupt, und der moralische Charakter“: „Wer oft und viel geleitet wird, kommt leicht dahin, den Überrest seiner Selbsttätigkeit gleichsam freiwillig zu opfern. Er glaubt sich der Sorge überhoben, die er in fremden Händen sieht, und glaubt genug zu tun, wenn er ihre Leitung erwartet und ihr folgt.“

Das Glück aber würde man mit dieser Methode jedenfalls nicht finden, denn das Glück, „zu welchem der Mensch bestimmt ist, ist auch kein anderes, als welches seine Kraft ihm verschafft; und diese Lagen gerade sind es, welche den Verstand schärfen, und den Charakter bilden.“

So wird das Postulat der Freiheit wieder zum Dreh- und Angelpunkt des Verständnis vom Staat und vom Menschen bei Humboldt: „Allein freilich ist die Freiheit notwendige Bedingung, ohne welche selbst das seelenvollste Geschäft keine heilsamen Wirkungen dieser Art hervor zu bringen vermag. Was nicht von dem Menschen selbst gewählt, worin er auch nur eingeschränkt und geleitet wird, das geht nicht in sein Wesen über, das bleibt ihm ewig fremd, das verrichtet er nicht eigentlich mit menschlicher Kraft, sondern mit mechanischer Fertigkeit.“

Die Gefahr des positiven Wohlstands

So verhindere der Staat durch sein Eingreifen „die Entwicklung der Individualität und Eigentümlichkeit des Menschen in dem moralischen und überhaupt praktischen Leben des Menschen“, weil letztlich jede  Einschränkung mit der Ausbildung der freien und natürlichen Kräfte des Menschen kollidiere.

Ein letztes Argument gegen die positive Wohlfahrt des Staates betrifft die Auswirkungen auf den Staatsapparat selbst: Der Anspruch des Staates, mit direkten Mitteln das Glück der Menschen zu befördern, führt nicht nur dazu, „dass ein solcher Staat größerer Einkünfte bedarf, sondern er erfordert auch künstlichere Anstalten zur Erhaltung der eigentlichen politischen Sicherheit, die Ziele hängen weniger von selbst fest zusammen, die Sorgfalt muss bei weitem tätiger sein.“

Auf diese Weise erhalte die staatliche Verwaltung jedoch „eine Verflechtung, welche … eine unglaubliche Menge detaillierter Einrichtungen bedarf und eben so viele Personen beschäftigt.“ Dadurch entstehe aber ein Erwerbszweig, die „Besorgung von Staatsgeschäften, und dieser macht die Diener des Staats so viel mehr von dem regierenden Teile des Staats, der sie besoldet, als eigentlich von der Nation abhängig.“

Verwaltung von Glück?
Das Ergebnis dieser Entwicklung ist für Humboldt offensichtlich: „Die Menschen … werden um der Sachen, die Kräfte um der Resultate willen vernachlässigt. Ein Staat gleicht nach diesem System mehr einer aufgehäuften Menge von leblosen und lebendigen Werkzeugen der Wirksamkeit und des Genusses, als einer Menge tätiger und genießender Kräfte. Bei der Vernachlässigung der Selbsttätigkeit der handelnden Wesen scheint nur auf Glückseligkeit und Genuss gearbeitet zu sein.“

Damit entferne sich der Einzelne gleichwohl immer weiter von seiner Würde, denn der Mensch „genießt am meisten in den Momenten, in welchen er sich in dem höchsten Grade seiner Kraft und seiner Einheit fühlt.“

Es sei wohl kein Zufall, dass „in den meisten Staaten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt das Personale der Staatsdiener [zunimmt], und der Umfang der Registraturen, und die Freiheit der Untertanen ab.“

So kommt Humboldt abschließend zu einem eindeutigen Urteil: „Der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger, und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde notwendig ist; zu keinem anderen Endzwecke beschränke er ihre Freiheit.“
  
Zitate aus: Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, Volltext im Deutschen Textarchiv, hier: Kapitel II und III.

Donnerstag, 14. Februar 2013

Ludwig von Mises und der Liberalismus

Ludwig von Mises (1881 - 1973)
Ludwig Heinrich Edler von Mises (1881 – 1973) gehört zu den wichtigsten Theoretikern des Liberalismus im 20. Jahrhundert. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaft wurde Mises Leiter der Finanzabteilung der Handels- und Gewerbekammer in Wien. 1918 wurde er außerordentlicher Professor an der Universität Wien. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Friedrich August von Hayek war von Mises einer der wichtigen Wirtschaftsberater der österreichischen Regierung.

1940 emigrierte von Mises in die USA und wurde sechs Jahre später us-amerikanischer Staatsbürger. Bis 1969 unterrichtete er an der New York University. Er war zudem Mitglied der Mont Pelerin Society, dem Think Tank des Liberalismus.

In den 20er Jahren, in einer Zeit, in viele in Europa den Glauben an Freiheit und Demokratie verloren hatten, gehörte von Mises zu den wenigen Intellektuellen, die das Ideal des Liberalismus entschieden verteidigten. Sein Buch "Liberalismus" aus dem Jahre 1927 ist ein klares Plädoyer für eine freiheitliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, das von seiner Aktualität nichts eingebüßt hat.

Von Mises geht davon aus, dass der Liberalismus keine abgeschlossene Lehre, kein starres Dogma ist, vielmehr sei er genau das Gegenteil von all dem – und zwar „die Anwendung der Lehren der Wissenschaft auf das gesellschaftliche Leben der Menschen.“

Für von Mises ist der Liberalismus vor allem eine Lehre, die auf „die Förderung der äußeren, der materiellen Wohlfahrt der Menschen“ abzielt. Ganz bewusst kümmere sich der Liberalismus nicht um die inneren, seelischen und metaphysischen Bedürfnisse der Menschen. „Er verspricht den Menschen auch nicht Glück und Zufriedenheit, sondern nichts anderes als möglichst reichliche Befriedigung aller jener Wünsche, die durch Bereitstellung von Dingen der Außenwelt befriedigt werden können.“

Zwar sei dem Liberalismus genau diese scheinbar materialistische Einstellung vielfach zum Vorwurf gemacht worden, von Mises kehrt das Argument um: Es seien gerade diese Kritiker, die vom „Höheren und Edleren“ eine sehr unvollkommene und sehr materialistische Vorstellung haben:

„Mit den Mitteln, die der menschlichen Politik zur Verfügung stehen, kann man wohl die Menschen reich oder arm machen, aber man kann nie dazu gelangen, sie glücklich zu machen und ihr innerstes und tiefstes Sehnen zu befriedigen. Da versagen alle äußeren Hilfsmittel.

Alles, was die Politik machen kann, besteht darin, die äußeren Ursachen von Schmerz und Leid beheben; sie kann ein System fördern, das die Hungernden sättigt, die Nackten kleidet und die Obdachlosen behaust.

Aber Glück und Zufriedenheit hängen nicht an Nahrung, Kleidung und Wohnung, sondern vor allem an dem, was der Mensch in seinem Innern hegt. Nicht aus Geringschätzung der seelischen Güter richtet der Liberalismus sein Augenmerk ausschließlich auf das Materielle, sondern weil er der Überzeugung ist, daß das Höchste und Tiefste im Menschen durch äußere Regelung nicht berührt werden können. Er sucht nur äußeren Wohlstand zu schaffen, weil er weiß, daß der innere, der seelische Reichtum dem Menschen nicht von außen kommen kann, sondern nur aus der eigenen Brust. Er will nichts anderes schaffen als die äußeren Vorbedingungen für die Entfaltung des inneren Lebens.“

Es kommt darauf an, Vernunft in die Politik zu bringen ...
Ein weiterer Vorwurf, mit dem sich der Liberalismus konfrontiert sieht, besagt, daß er rationalistisch sei. Er wolle alles vernünftig regeln und verkenne dabei, daß im menschlichen Dasein die Gefühle und überhaupt das Irrationale - das Unvernünftige - einen großen Spielraum einnehmen und wohl auch einnehmen müssen.

Von Mises setzt dagegen, daß der Liberalismus natürlich nicht verkenne, daß die Menschen auch unvernünftig handeln. „Der Liberalismus sagt nicht: die Menschen handeln immer klug, sondern: sie sollten - in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse - stets klug handeln.“ Nur in der Politik solle es, meinen die Kritiker, anders sein. Hier solle nicht die Vernunft entscheiden, sondern Gefühle und Impulse.

Von Mises erläutert seinen Standpunkt mit einem sehr einfachen Beispiel: „Wenn jemand seinem Arzte, der ihm vernünftige Lebensweise empfiehlt, zur Antwort gibt: `Ich weiß, daß Ihre Ratschläge vernünftig sind; meine Gefühle verbieten es mir aber, sie zu befolgen; ich will eben - mag es auch unvernünftig sein - gerade das tun, was meiner Gesundheit schädlich ist´, dann wird es wohl kaum jemand geben, der dem Lob spenden wird. Was immer mir auch im Leben anfangen, um ein Ziel, das wir uns gesetzt haben, zu erreichen, wir werden trachten, es vernünftig zu tun.“

So besteht das Wesen des Liberalismus gerade darin, daß er die Vernunft in der Politik zu der Geltung bringen will, die man ihr unbestritten auf allen anderen Gebieten menschlichen Handelns einräumt.“

Schließlich sei die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft nach einem möglichst zweckmäßigen Schema ist „eine ganz prosaische und nüchterne Sache.“

Die Staats- und Regierungsangelegenheiten seien zwar wichtiger als alle anderen Fragen der menschlichen Betätigung, „weil die gesellschaftliche Ordnung die Grundlage für alles Übrige abgibt und gedeihliches Wirken eines jeden einzelnen nur in einer zweckmäßig gebildeten Gemeinschaft möglich ist“, aber letztlich seien auch sie nur „Menschenwerk und sind daher nach den Regeln der menschlichen Vernunft zu beurteilen.

Wie in allen übrigen Dingen unseres Handelns, so sei auch in Dingen der Politik Mystik nur von Übel. „Unser Fassungsvermögen ist sehr beschränkt; wir dürfen nicht hoffen, jemals die letzten und tiefsten Weltgeheimnisse zu entschleiern.“

Der Neurotiker aber, und dazu zählt von Mises beispielsweise alle Verteidiger der sozialistischen Utopie, „flüchte sich in eine Wahnidee. Die Wahnidee ist, nach Freud, `selbst etwas Erwünschtes, eine Art Tröstung´; sie ist gekennzeichnet durch `ihre Resistenz gegen logische und reale Angriffe´.“

So sei es kein Zufall, dass „die sozialistischen Schriftsteller nicht nur Reichtum für alle versprechen, sondern auch Liebesglück, volle Entwicklung der seelischen und körperlichen Persönlichkeit, Entfaltung großer künstlerischer und wissenschaftlicher Fähigkeiten usf. für alle. Trotzki hat erst vor kurzem in einer Schrift die Behauptung aufgestellt, in der sozialistischen Gesellschaft werde `der menschliche Durchschnitt´ sich `bis zum Niveau eines Aristoteles, Goethe, Marx erheben´. Das sozialistische Paradies wird das Reich der Vollendung sein, bevölkert von lauter restlos glücklichen Übermenschen.“
 
Diese Haltung ist für von Mises blanker Unsinn. Doch auch, wenn wir „über Sinn und Zweck unseres Daseins nie ins Klare kommen können“, dürfe uns dies nicht daran hindern, „die Gesellschaft so zu gestalten, daß die irdischen Ziele, die wir anstreben, am zweckmäßigsten erreicht werden können. Auch Staat und Rechtsordnung, Regierung und Verwaltung sind nicht zu hoch, zu gut, zu vornehm, als daß wir sie nicht in den Kreis unseres vernünftigen Denkens ziehen sollten.“

Die Probleme der Politik sind für von Mises „Probleme der gesellschaftlichen Technik, und ihre Lösung muß auf demselben Wege und mit denselben Mitteln versucht werden, die uns bei der Lösung anderer technischer Aufgaben zur Verfügung stehen: durch vernünftige Überlegung und durch Erforschung der gegebenen Bedingungen.“

„Alles, was der Mensch ist und was ihn über das Tier hinaushebt, dankt er der Vernunft. Warum sollte er gerade in der Politik auf den Gebrauch der Vernunft verzichten und sich dunkeln und unklaren Gefühlen und Impulsen anvertrauen?“

Für von Mises ist die Frage zwischen Liberalismus und Antiliberalismus auch eine psychologische. So habe der Mensch immer die Möglichkeit, auf zweifache Art auf sein Schicksal zu reagieren: „Den einen Weg weist die Lebensweisheit Goethes. `Wähntest du etwa, ich sollte das Leben hassen, in Wüsten fliehen, weil nicht alle Blütenträume reiften?´ ruft sein Prometheus. Und Faust erkennt im `höchsten Augenblick´, daß `der Weisheit letzter Schluß´ sei: `Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß´.

Solchem Willen und Geist kann kein irdisches Mißgeschick etwas anhaben; wer das Leben nimmt, wie es ist, und sich nie von ihm niederwerfen läßt, bedarf nicht des Trostes durch eine Lebenslüge, zu der sein gebrochenes Selbstbewußtsein flüchtet. Wenn der ersehnte Erfolg sich nicht einstellt, wenn Schicksalsschläge das mühsam in langer Arbeit Erreichte im Handumdrehen vernichten, dann vervielfacht er seine Anstrengungen. Er kann dem Unheil ins Auge schauen, ohne zu zagen.“ 

Es mag sein, dass genau in diesem Gedanken bis heute die ungeheure Kraft liberaler Ideen verborgen liegt.

Zitate aus: Ludwig von Mises: Liberalismus. Jena 1927 - Sehr hörenswert auch "Das Philosophische Radio" (WDR 5) vom 02. März 2012 mit Norbert Bolz über die ungeliebte Freiheit. 

Donnerstag, 24. Januar 2013

Francisco de Miranda und die Vereinigten Staaten von Amerika


Francisco de Miranda
Sebastián Francisco de Miranda Rodríguez wurde am 28. März 1750 in Caracas (Venzuela) geboren und starb am 14. Juli 1816 im Gefängnis im spanischen Cadiz.

Nach seiner Ausbildung an der königlichen Universität von Caracas verließ er im Alter von 21 Jahren Caracas Richtung Madrid, um in den Militärdienst einzutreten. Während dieser Zeit begann Miranda ein Tagebuch zu führen.

Nachdem Miranda bereits während des Krieges gegen Marokko erste militärische Erfahrungen gesammelt hatte, nahm er an der Schlussphase des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges teil, als Spanien aktiv in den Krieg eingriff. Im Jahre 1783 gelang es den spanischen Einheiten, den Engländern Pensácola in Florida und die Bahamas zu entreißen.

Schon früh entwickelte Miranda seinen Lebenstraum von der Befreiung des spanischen und portugiesischen Amerika von der europäischen Kolonialherrschaft. Miranda schwebte ein einheitlicher lateinamerikanischer Staat mit dem Namen „Kolumbien“ vor, benannt nach Christoph Kolumbus. Obwohl Miranda mit seinen Unabhängigkeitsbestrebungen letztlich scheiterte, gilt er bis heute als Wegbereiter der Unabhängigkeit Südamerikas.

Aufgrund seiner Ansichten über die Unabhängigkeit der spanischen Kolonien bekam Miranda schon bald Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten, die sein Verbleiben in der spanischen Armee unmöglich machten.

Am 1. Juni 1783 schiffte er sich heimlich Richtung La Habana (Kuba) ein – es ist ein Weg ohne Rückkehr. Acht Tage später trifft sein Schiff in den Vereinigten Staaten ein, wo sich Miranda bis Dezember 1784 aufhalten wird. Seine Reise beginnt in South Carolina und endet in New England. Miranda trifft unter anderem mit George Washington, Thomas Paine und Alexander Hamilton  zusammen.

Seine Eindrücke und Gedanken während der Reise schreibt er in sein Tagebuch, das bis heute eines der eindrucksvollsten Zeugnisse lateinamerikanischer Geschichte ist – insbesondere weil Miranda ein außerordentlich positives Bild der Vereinigten Staaten vermittelt.

Miranda beschreibt die Amerikaner als „robust und korpulent“, was er vornehmlich der guten Ernährung zuschreibt. Als er zu seinem ersten Barbecue eingeladen wird, beobachtet er, wie „Menschen aus verschiedensten gesellschaftlichen Schichten sich die Hände geben und aus dem gleichen Becher trinken.“ Miranda erinnert diese „demokratische Gemeinschaft in ihrer reinsten Form“ unmittelbar an die Berichte, die Dichter und Geschichtsschreiber über die freien Völker des antiken Griechenlands geschrieben hatten.

In Charleston (South Carolina) besucht Miranda den Gerichtshof, an dem - englischer Sitte gemäß - sämtliche Verfahren  öffentlich verhandelt werden. Miranda kann seine Freude darüber nicht verbergen: „¡Válgame Dios y qué contraste al sistema legislativo de la España!” (Bei Gott! Was für ein Unterschied zur Legislative in Spanien!).

Auch das Regierungssystem South Carolinas ruft seine Bewunderung hervor: „Das ist reine Demokratie – wie überhaupt die Vereinigten Staaten eine reine Demokratie sind. Hier ist die staatliche Gewalt souverän und zugleich in Exekutive, Legislative und Judikative getrennt.“

In Philadelphia staunt Miranda über den Einfallsreichtum sowie Erfindergeist der Nordamerikaner und erwähnt ausdrücklich Benjamin Franklin, den Erfinder des Blitzableiters. Nicht nur die Gastwirtschaften und Gasthäuser seien „hinsichtlich Sauberkeit und Ordnung die besten, die ich jemals kennengelernt habe“, das gleiche gelte auch für die öffentlichen Märkte.

Schließlich macht die religiöse Freiheit, die er in Pennsylvania vorfindet, einen tiefen Eindruck auf Miranda. Philadelphia selbst ist für ihn „eine der angenehmsten und am besten organisierten Städte dieser Welt.“

Mit kühlem und gesundem Menschenverstand erkennt Miranda, dass die Tugenden und der allgemeine Wohlstand der nordamerikanischen Gesellschaft in der schlichten Tatsache begründet liegen, „dass wir es hier mit einer freien Regierung zu tun haben, die über jede Form von Despotismus erhaben ist.“ Zugleich bedauert er, dass bis jetzt „Franzosen oder Spanier kaum in der Lage gewesen sind, die Vorteile einer auf Freiheit beruhenden Verfassung zu erkennen.“

A Montana farm, comfortable if not elegant, and the home of many well-to-do persons (W.H. Jackson)
Die Auswirkungen eines freien Staatswesens auf die Wirtschaft des Landes kann Miranda auch in New Jersey beobachten: „Es gibt kaum ein Stück Erde, das nicht genutzt wird. Das Land ist eingeteilt in kleine Einheiten, die die Amerikaner Farm nennen. Die landwirtschaftlichen Flächen werden wesentlich besser bewirtschaftet und gepflegt als in vielen anderen Ländern – und obwohl die Bodenqualität eher mäßig ist, gelingt es den Menschen durch Fleiß und Anstrengung aus einem kleinen Fleckchen Erde mehr herauszuholen, als die Besitzer der großen Bergwerke in Mexiko oder Peru.“ Dahinter steht Miranda zufolge der „Geist der Freiheit, der dieses Volk antreibt und inspiriert“

Auf dem Weg nach New York hört Miranda von einer Begebenheit aus dem Unabhängigkeitskrieg, die ihn tief beeindruckt: „Als der französische General Rochembeau sein Lager in der Nähe von King´s Ferry am Hudson River aufschlugt, forderte ihn der Besitzer des Anwesens auf, ihm die Nutzung seines Landes zu entschädigen. Als die französischen Offiziere sich dieser `gänzlich ungewöhnlichen Forderung des patán republicano (des republikanischen Grobians)´ verschlossen, ging der Mann kurzerhand zum Sheriff, der – ohne Waffen in der Hand, aber mit der Autorität des Gesetzes unter dem Arm – kurzerhand Rochembeau vor den Augen seiner verblüfften Armee festsetzte, bis der General schließlich auf Heller und Pfennig seine Schuld beglichen hatte.“

Soweit diese schlichten Wahrheiten über den Ursprung des Wohlstandes der Vereinigten Staaten, die bis in unsere heutige Zeit mit dem Mythos in Widerspruch geraten, demzufolge der nordamerikanische Aufschwung eine direkte Folge der Ausbeutung und Unterdrückung des südamerikanischen Kontinents sei.


Wie Carlos Rangel in seiner berühmten Analyse „Del buen salvaje al buen revolucionario  (1976) schreibt, wird das Tagebuch Mirandas über seine Reise durch die Vereinigten Staaten bis heute ignoriert: „Sollte jemand auf die Idee kommen, das Tagebuch Mirandas zu lesen, dann wird er es heimlich machen müssen. Es wird nirgends zitiert, von niemandem kommentiert. Wenn man in der Welt der Mythen lebt, kann es sehr unbequem werden, wenn man plötzlich der Wahrheit begegnet – vor allem, wenn sie dann auch noch von einem der wirklichen Helden und größten Männer Lateinamerikas verkündet wird.“

Alle Zitate und sonstigen Angaben aus: Carlos Rangel: Del buen salvaje al buen revolucionario, Caracas 1982 (Monte Ávila Editores) (eigene Übersetzung).


Donnerstag, 11. Oktober 2012

Adam Smith und das Streben nach Wohlstand


Adam Smith
Bis in unsere heutige Zeit muss sich Adam Smith (1723-1790) gegen den Vorwurf wehren, er würde das Ökonomische und Materielle im Leben und Verhalten der Individuen verabsolutieren und dagegen das Sittliche und Moralische vernachlässigen.

Dieser Vorwurf ist einfach unverständlich, weil kaum ein anderer Nationalökonom seine Ideen zur Wirtschaft so eng mit der Moralphilosophie verbunden hat wie Adam Smith.

Im Alter von nur 29 Jahren übernahm Adam Smith an der Universität Glasgow die Professur für Moralphilosophie, die vor ihm sein Lehrer Hutcheson innehatte. 1759 veröffentlichte Smith sein erstes großes Werk, die „Theorie der ethischen Gefühle“, das ihn in ganz Europa bekannt machte.

In diesem Werk hat Smith – als ein an der Wirklichkeit der Dinge orientierter Mann – unmissverständlich deutlich gemacht, dass jede Analyse ökonomischer Phänomene immer nur einen Aspekt des menschlichen Handelns in Gemeinschaften erfassen kann.

Smith urteilt grundsätzlich positiv über die Veranlagung des Menschen, seine eigene Lage verbessern zu wollen, denn er ist der Überzeugung, dass sich erst im Zuge dieser ständigen individuellen Anstrengung auch die produktiven Kräfte eines Landes überhaupt erst entwickelt werden können.

Theorie der ethischen Gefühle (1759)
So sieht Smith die positiven Folgen eines im Grundsatz egoistischen Verhaltens und Handelns des Individuums darin, dass die Gemeinschaft dadurch insgesamt reicher werde und sich wirtschaftlich und kulturell entwickeln könne.

Das Streben nach Wohlstand und sozialer Anerkennung „weckt den Erwerbsfleiß der Menschen und hält ihn dauernd in Gang. Erst dadurch wurden sie veranlasst, den Boden zu kultivieren, Häuser zu bauen, Städte und Gemeinwesen zu gründen und all jene Wissenschaften und Künste zu erfinden und zu verbessern, die das Leben des Menschen verfeinern und verschönern, die die ganze Oberfläche der Erde völlig verändert haben, das Dickicht und die Wälder in der Natur in freundliche und fruchtbare Felder verwandelt haben und den weg- und wertlosen Ozean zu einer neuen Hilfsquelle und zu dem großen Verkehrsweg für die verschiedenen Länder der Welt machten“ (Theorie, 263f).

Das entscheidende Motiv für die Bildung von Wohlstand in einem Land ist also das Streben der Individuen nach Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage und sozialen Stellung. Für Smith ist dieses auf Eigenliebe ruhende Verhalten ein „ethisches Gefühl“, ein „Wunsch, der uns von Geburt an begleitet und uns niemals wieder verlässt, bis wir zu Grabe getragen werden“ (Wohlstand, 282)

Dieses seiner Natur nach egoistische Verhalten wird bei Smith nun auf dreifache Weise in Schranken gehalten. Zum einen durch die Sympathie – auch Mitgefühl oder Interesse für den anderen -, das die Individuen davon abhält, einem anderen Unrecht zuzufügen. Ohne diesen Sinn für Gerechtigkeit wäre nach Smith Ansicht keine Gemeinschaft lebensfähig.

Die zweite Schranke – eng verbunden mit der ersten - besteht in der freiwilligen Anerkennung von gemeinsamen Regeln der Ethik und Gerechtigkeit, zu welchen die Menschen mittels des common sense, also ihrer Erfahrung und Vernunft, Zugang haben. Schließlich muss drittens ein System positiver Gesetze die Regeln der Gerechtigkeit durch Androhung von Sanktionen erzwingen, wozu es letztlich des Staates und seiner Institutionen bedarf.

Diese drei Schranken erläutert Smith in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“. Im „Wohlstand der Nationen“ kommt noch die ökonomische Konkurrenz als vierte Schranke gegen einen allzu ungehemmten Egoismus speziell in der Wirtschaft hinzu.

Insgesamt verteidigt Smith somit einen geläuterten, einen aufgeklärten Egoismus, der sozialen und rechtlichen Regeln unterworfen ist.

Unter der Bedingung, dass „natürliche Freiheit“ in einem Land herrscht, das moralische Gewissen im Volk intakt ist und Rechtsordnung und Konkurrenz das ökonomische Verhalten der Individuen disziplinieren, sind Eingriffe des Staates in den Wirtschaftsablauf in der Regel nicht weiter nötig. 

Arbeit = Wohlstand = Schönheit (Max Klinger, 1857 - 1920)
Daraus jedoch einen nackten und grenzenlosen Egoismus abzuleiten, der eine schrankenlose Freiheit im Wirtschaftsalltag oder auch ein „Leben ohne jeden Zwang“ propagiert, geht an der Intention und den Grundgedanken von Adam Smith völlig vorbei.

Im Gegenteil: Smith war davon überzeugt, dass es durchaus möglich ist, persönliche Freiheit und wirtschaftliche Leistung auf friedliche Weise in Einklang zu bringen und sie zum Wohle der Gemeinschaft miteinander zu versöhnen. Nur auf dieser Grundlage sei Smith zufolge eine soziale Koexistenz innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft möglich.

Zitate aus: Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, München 2009 (dtv)  --  Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle, Leipzig 1926 (Meiner)