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Donnerstag, 5. März 2015

Helmut Schmidt und die Frage der Sinnstiftung durch Politik

Helmut Schmidt (* 1918)
In seinem Buch „Ausser Dienst“ äußert sich der ehemalige Kanzler und große deutsche Sozialdemokrat Helmut Schmidt, in gewohnt deutlicher Weise zu zentralen Fragen unserer Zeit. Im letzten Kapitel seines Buches äußert sich Schmidt auch zu der Frage, ob die Aufgabe der Politik (oder der Politiker) auch darin bestünde, die Menschen glücklich zu machen oder ihnen einen Sinn für ihr Leben zu geben.

Der politische Wettbewerb verleite die Beteiligten oft zu Übertreibungen. Dies betrifft auch das Gebiet der Verkündung moralischer Prinzipien. So habe Helmut Kohl in der Zeit des Regierungswechsels Anfang der 80er Jahre von der Politik eine „geistige und moralische Führung“ verlangt und nach „der großen Vision“ gefragt.

Schmidt dagegen verwahrt sich „gegen den Anspruch, die Regierung habe eine für Volk und Gesellschaft sinnstiftende Instanz zu sein.“ Regierung und Parlament haben vielmehr die Aufgabe, „Freiheit zu sichern, Gerechtigkeit zu sichern, sich um Solidarität zu bemühen und (auch) darum, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität erfahrbar zu machen.“

In einer Gesellschaft mit vielfältigen religiösen und philosophischen Grundüberzeugungen könne geistige und moralische Führung nur die Aufgabe von vielen sein, nicht aber der Regierung.“ Somit beruht „das geistige Leben eines Landes … auf `Vielfalt und Toleranz´“.

"Es ist nicht die Aufgabe des Bundeskanzlers,
für den Bürger den Sinn des Lebens zu stiften ..."

Schmidt habe in diesen Debatten eher auf der Seite des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizäckers gestanden, „der damals hervorhob, es sei nicht Aufgabe des Bundeskanzlers, für den Bürger den Sinn des Lebens zu stiften. Die geistige und moralische Grundlage unserer Gesellschaft liegt allein in den unveränderlichen Grundrechten des Grundgesetzes, insbesondere im Prinzip der Unantastbarkeit der Würde des Menschen, die im Artikel 1 verankert ist. Die Regierung darf Orientierung nur hier, nicht aber an anderen Orten und in anderen Gefilden suchen.“

Natürlich ginge von den politischen Parteien und von der politischen Klasse insgesamt auch so etwas wie „Führung“ aus, und natürlich dürfe eine Regierung auch moralische Anstöße geben. Ein gutes Beispiel dafür ist Willy Brandts Verständigungspolitik mit dem kommunistisch beherrschten Osten Europas und sein Kniefall im ehemaligen Warschauer Ghetto, in dem das Bekenntnis zur deutschen Schuld an der Vernichtung der Juden zum Ausdruck kam. Ein anderes gutes Beispiel dafür ist die Rede, die Richard von Weizsäcker als Bundespräsident anlässlich des 40. Jahrestages des Endes der nationalsozialistischen Diktatur vor dem Bundestag am 8. Mai 1985 hielt, denn sie verhalf vielen Deutschen endlich zu der Erkenntnis, daß der 8. Mai 1945 weniger eine Niederlage als vielmehr eine Befreiung der Deutschen gewesen ist.

Ikonische Demutsgeste: Der Kniefall von Warschau (7. Dezember 1970) 

In diesen beiden Fällen, so Schmidt, „gründete politisches Handeln im Bewußtsein von der Würde des Menschen. Brandt wie Weizsäcker haben in Übereinstimmung mit dem Grundgesetz gehandelt, sie haben sich nicht auf christliche oder andere Werte berufen müssen, um aus der deutschen Geschichte Konsequenzen zu ziehen. Daß es beide Male nicht nur Zustimmung, sondern auch heftige Ablehnung gab, gehört zu den Selbstverständlichkeiten einer offenen Gesellschaft, in der wir es mit einer Vielfalt von Wertvorstellungen zu tun haben.“

Der Politiker stehe nicht einfach vor der abstrakten Notwendigkeit, seine Pflicht zu erfüllen. Er ist im Alltag immer wieder mit konkreten Streitfragen konfrontiert, mit widerstreitenden Interessen und komplexen, schwer zu durchschauenden Problemen. „Immer aufs neue geht es um die Antwort auf die gleichen Fragen: Was ist hier notwendig? Was ist gerecht? Was dient meinem Land? Was ist zweckmäßig? Was ist in dieser konkreten Lage meine Pflicht?“

In diesem Zusammenhang ist für Schmidt das eigene Gewissen grundlegend: “Jeder Politiker muß mit dem, was er tut und was er sagt, vor seinem Gewissen bestehen können. Für mich bleibt das eigene Gewissen die oberste Instanz.“ Auch das Grundgesetz lässt erstaunlich offen, was die Moral von uns verlange. Es spricht zwar in Artikel 2 vom `Sittengesetz´, gegen das keiner verstoßen darf; aber dessen Inhalt wird nicht einmal angedeutet. Eine gemeinsame moralische Grundlage aber ist ein unverzichtbares Element jeder Gesellschaft. Das Problem ist, dass Moral und Tugenden dem Menschen nicht angeboren sind, sondern er beides allein durch Erziehung lernt – durch Beispiel, Lob und Tadel. „Das `Sittengesetz´ scheint demnach nichts anderes zu sein als das im Laufe von Jahrtausenden erzielte Ergebnis dieser Erziehung zur Kultur.“

Grundrechte und Tugenden bilden zusammen die Grundwerte,
auf denen unsere demokratische Gesellschaft beruht.

Die Grundwerte, die für Schmidt wichtig sind, sind im im Godesberger Grundsatzprogramm der SPD von 1959 festgelegt. Dort wurden allein `Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität´ als Grundwerte bezeichnet. „Dabei ist Freiheit vornehmlich ein Grundrecht, Gerechtigkeit und Solidarität dagegen sind keine Rechte, sondern vornehmlich Tugenden. Allerdings haben wir in Godesberg weder einen vollständigen Katalog der Grundwerte oder der Tugenden postuliert, noch konnten und wollten wir `letzte Wahrheiten´ verkünden. Wohl aber haben wir ein bedeutendes und weithin sichtbares Zeichen gesetzt.“

Wichtig ist in diesem Fall das Bekenntnis Schmidts, daß jedermann Verantwortung trägt und daß jedermann moralische Pflichten hat. „Es ist deshalb notwendig, zu den Tugenden zu erziehen und an die Pflichten zu erinnern. Diese Notwendigkeit gilt gegenüber jedem politisch engagierten Staatsbürger, sie gilt besonders für den Politiker. Jeder, der Verantwortung für andere hat oder anstrebt, ist nicht nur für seine Ziele und Absichten verantwortlich, sondern ebenso für die Folgen seines Handelns und seines Unterlassens. Je mehr ein Mensch Macht hat über andere, je mehr Einfluß er auf andere und deren Leben ausübt – als Vater oder Mutter, als Vorgesetzter, als Lehrer oder Journalist, als Unternehmer, Manager oder Politiker–, desto schwerer lastet auf ihm die Verantwortung für das Gemeinwohl, um so schwerer wiegen seine Pflichten.“

Weil die Diktaturen, die es im 20. Jahrhundert auf deutschen Boden gab, das Pflichtbewußtsein auf gröbste Weise missbraucht haben, wollen bis heute viele Menschen nur etwas von ihren Rechten wissen. Pflichten dagegen wollten sie nur insoweit befolgen, wenn sie auf staatlicher Macht beruhen und mit der Macht der Gesetze durchgesetzt werden. „Tatsächlich sind unsere Rechte auf Dauer jedoch nicht gesichert, wenn nicht unser Pflichtbewußtsein hinzutritt. Keine Gesellschaft freier Bürger kann auf Dauer ohne die Tugenden der Bürger bestehen. Die Nation braucht nicht nur die Grundrechte, sondern ebenso die Tugenden. Beide zusammen bilden die Grundwerte, auf denen unsere demokratische Gesellschaft beruht.“ Wer also dazu beiträgt, die Tugenden im öffentlichen Bewußtsein zu halten und dort fest zu verankern, der leiste dem allgemeinen Wohl, der salus publica, einen notwendigen Dienst.

Karl Raimund Popper (1902 - 1994)
Im Anschluss an seine philosophischen und politischen Lehrmeister – dazu zählen Karl Popper, Max Weber, Immanuel Kant, Marc Aurel, aber auch Konfuzius – warnt Schmidt davor, einen Katalog der im demokratisch verfaßten Staat obligaten Tugenden aufzuschreiben.

Die beiden ehrwürdigen Tugendkataloge der christlichen Überlieferung beispielsweise verzeichnen weder den Willen zur Freiheit noch den Willen zum Frieden, nicht einmal den Willen zur Wahrhaftigkeit. „Ich halte es für einen gefährlichen Irrtum, die Gesinnungen der Freiheit, des Friedens und auch der Wahrhaftigkeit, die weder zu den theologischen noch zu den Kardinaltugenden gehören, deshalb abzuwerten. Ein Gleiches gilt für die Mißachtung der sogenannten Sekundärtugenden.“

Worauf es Schmidt ankommt, sind „Tugenden, die ich die `bürgerlichen´ Tugenden nenne: die Tugend des Verantwortungsbewußtseins, die Tugend der Vernunft und die Tugend der inneren Gelassenheit.“ Auch wenn Schmidt niemals besonders religiös war, ein Gebet des Amerikaners Reinhold Niebuhr hat ihm immer aus dem Herzen gesprochen: `Gib mir die Gelassenheit, die Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann; gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann; gib mir die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.´“

Zitate aus: Helmut Schmidt: Außer Dienst: Eine Bilanz, München 2008 (Siedler)

Donnerstag, 26. Juli 2012

Konfuzius und die Pflichten in Staat und Gesellschaft

Konfuzius, der großen Lehrer der chinesischen Philosophie, vertrat eine an der „Goldenen Regel“ orientierte Wohlwollensethik (Agapismus).

Konfuzius (551 - 479 v. Chr.)

Das Ziel im Leben eines jeden Menschen bestehe nach Konfuzius darin, ruhig und besonnen leben, um auf diese Weise sein inneres Gleichgewicht zu finden, das wiederum mit dem Gleichgewicht in der Natur und im Kosmos korrespondiert.

In diesem Zusammenhang spielt die Lehre von den Pflichten bei Konfuzius eine entscheidende Rolle. Er unterscheidet hier zwischen den Pflichten des Einzelnen sich selbst gegenüber, den Pflichten in der Familie und den Pflichten in Staat und Gesellschaft.

Dem Konfuzianismus ist immer wieder angekreidet worden, dass er eine restaurative und reaktionäre Staats- und Gesellschaftstheorie verkünde, die bestehendes Unrecht legitimiere, jeder Veränderung aber entgegenstehe. Insbesondere die Funktion der Vergangenheit als politisches und soziales Vorbild auch für die Gegenwart wird als fortschrittsfeindlich verdammt.

Trotz mancher eindeutig konservativer Züge ist dies Kritik am Konfuzianismus jedoch als zu pauschal zurückzuweisen. Konfuzius stellt sehr strenge Anforderungen an Herrscher und Minister.

Der Herrscher solle durch die Kraft seiner Tugend und seines Vorbildes wirken. Konfuzius sieht eine auf Gesetzen beruhende Herrschaft durchaus kritisch, denn Gesetze würden auch dazu verleiten, sie irgendwie zu umgehen.

Den idealen Herrscher charakterisiert Konfuzius etwa wie folgt:

„Der Meister sprach: Wer kraft seines Wesens und kraft seiner Vernunft herrscht, gleicht dem Nordstern. Der verweilt an seinem Ort und alle Sterne umkreisen ihn.“ (42)

„Wer selbst recht ist, braucht nicht zu befehlen: und es geht. Wer selbst nicht recht ist, der mag befehlen: doch es wird nicht gehorcht.“ (132)

Konfuzius im Gespräch mit seinen Schülern

In den Gedanken des Konfuzius drückt sich sehr großes Vertrauen in den Eigenwert der Tugend aus, das dem Konfuzianismus einen etwas utopischen Zug verleiht.

„Dsi Gung fragte nach der rechten Art der Regierung: Der Meister sprach: Für genügende Nahrung, für genügende Wehrmacht und für das Vertrauen des Volkes zu seinem Herrscher sorgen. Dsi Gung sprach: Wenn man aber keine Wahl hätte, als etwas davon aufzugeben: auf welches von den drei Dingen könnte man am ehesten verzichten? Der Meister sprach: Auf die Wehrmacht. Dsi Gung sprach: Wenn man aber keine Wahl hätte, als auch davon eines aufzugeben: auf welches der beiden Dinge könnte man am ehesten verzichten? Der Meister sprach: Auf die Nahrung. Von alters her müssen alle sterben; wenn aber das Volk keinen Glauben hat, so lässt sich keine Regierung aufrichten.“ (123)

Für Konfuzius ist daher klar, dass Herrscher, die keinen Widerspruch und keine Kritik zulassen, früher oder später ihren eigenen Untergang herbeiführen.

„Der Meister sprach: Wenn einer durch sein Wissen ein Amt erreicht hat, aber es nicht durch seine Sittlichkeit bewahren kann, so wird er es, obwohl er es erlangt hat, verlieren. Wenn einer durch sein Wissen es erreicht hat, durch seine Sittlichkeit es bewahren kann, aber bei seiner Ausübung keine Würde zeigt, so wird das Volk ihn nicht ehren. Wenn einer durch sein Wissen es erreicht hat, durch seine Sittlichkeit es bewahren kann, bei seiner Ausübung Würde zeigt, aber es nicht entsprechend dem Gesetz der schönen Form bewegt, so ist er noch nicht tüchtig.“ (160)

Auch wenn Konfuzius damit rechnet, dass ein Herrscher aus eigener Schuld und damit zu Recht die Herrschaft verlieren kann, so verteidigt er gleichwohl kein aktives Widerstandsrecht oder – als ultima ratio – den Tyrannenmord.

Das Ideal des konfuzianischen Staates beschreibt Konfuzius mit folgenden Worten:

„Wenn die Oberen die Ordnung hochhalten, so wird das Volk nie wagen, unehrbietig zu sein. Wenn die Oberen die Gerechtigkeit hochhalten, so wird das Volk nie wagen, widerspenstig zu sein. Wenn die Oberen die Wahrhaftigkeit hochhalten, so wird das Volk nie wagen, unaufrichtig zu sein. Wenn es aber so steht, so werden die Leute aus allen vier Himmelsrichtungen mit ihren Kindern auf dem Rücken herbeikommen.“ (131f)

Die Gedanken des Konfuzius haben auch heute nichts von ihrer Kraft eingebüßt: Welcher der heutigen Politiker kann schon als „Vorbild“ gelten? Könnte es sein, dass es ebenso wie vor 2500 Jahren auch heute nicht gerade die „Edelsten“ sind, die in Staat und Politik das Sagen haben …?
  
Zitate aus: Zitate aus: Kungfutse: Gespräche. Lun Yü, übersetzt und erläutert von Richard Wilhelm, München 1994 (Diederichs)

Donnerstag, 5. Juli 2012

Konfuzius und die Pflichten in der Familie

Konfuzius (551 - 479 v. Chr.)
Konfuzius, der großen Lehrer der chinesischen Philosophie, vertrat eine an der „Goldenen Regel“ orientierte Wohlwollensethik (auch Agapismus genannt).

Das Ziel eines jeden Menschen bestehe nach Konfuzius in einem ruihigen und besonnenen Leben, um auf diese Weise sein inneres Gleichgewicht zu finden, das wiederum mit dem Gleichgewicht in der Natur und im Kosmos korrespondiert.

In diesem Zusammenhang spielt die Lehre von den Pflichten bei Konfuzius eine entscheidende Rolle. Er unterscheidet hier zwischen den Pflichten des Einzelnen sich selbst gegenüber, den Pflichten in der Familie und den Pflichten in Staat und Gesellschaft.

Wahrscheinlich ist aber kein anderer Teil der konfuzianischen Lehre heutzutage so bekannt wie der Kanon der fünf menschlichen Grundbeziehungen.

Danach ist das Kind dem Vater zu „kindlicher Pietät“ verpflichtet und der der jüngere dem älteren Bruder Gehorsam und Respekt. Beide Beziehungen stehen eindeutig im Zusammenhang mit der Loyalität, die der Untertan (hier vor allem der Beamte) dem Herrscher schuldig ist.

Darüber hinaus soll Harmonie herrschen zwischen Ehemann und Ehefrau und zwischen Freunden. Männer und Frauen sollen den ihnen gemäßen Rollen gerecht werden, Freundschaften durch Treue und Zuverlässigkeit gekennzeichnet sein.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt Konfuzius der „kindlichen Pietät.“

„Der Freiherr Mong Wu fragt nach dem Wesen der Kindespflicht. Der Meister sprach: Man soll den Eltern außer durch Erkrankung keinen Kummer machen.“ (43f)
  
Die Achtung der Kinder gegenüber den Eltern ist für Konfuzius zugleich der Ursprung der Ordnung im Staat.

„Dass jemand, der als Mensch pietätsvoll den Eltern gegenüber und gehorsam den Älteren und besonders dem älteren Bruder gegenüber ist, doch es liebt, seinen Oberen zu  widerstreben, ist selten. Dass jemand, der es nicht liebt, seinen Oberen zu widerstreben, Aufruhr macht, ist noch nie dagewesen. Der Edle pflegt die Wurzel, steht die Wurzel fest, so wächst der Weg. Pietät und Gehorsam: das sind die Wurzeln des Menschentums.“ (37)

Konfuzius erteilt Unterricht

Der Familie wird von Konfuzius eine besondere Rolle innerhalb seiner Staats- und Gesellschaftstheorie eingeräumt. Die Familie gilt als Kerngruppe des Staates und die Beziehungen in der Familie gelten als Muster für die Beziehung zwischen Regierten und Regierenden.

„Der Meister sprach: Die Schwierigkeit bei der Erfüllung der Pflichten in der Familie besteht in einem fortdauernd rücksichtsvollen und freundlicheren Betragen, dass man es vermeidet, sich im Laufe der Jahre in seinem Manieren den Eltern gegenüber gehen zu lassen. Was man sonst unter der Erfüllung der Pflichten versteht, dass die Kinder die Mühen der Arbeit für ihre Eltern auf sich nehmen, dass sie ihnen ihren Besitz zur Verfügung stellen und für ihren Lebensunterhalt sorgen: das alles sind nur die selbstverständlichen Voraussetzungen“ (43f)

Wenn in der Familie keine Ordnung besteht, dann – davon ist Konfuzius fest überzeugt – könne Ordnung auch unmöglich im Staat herrschen. Dies bezieht Konfuzius zunächst auf alle Familien, in besonderem Maße jedoch auf die Herrscherfamilie!

„Wenn die erste Familie human ist, so wird das ganze Land human werden; wenn die erste Familie höflich ist, so wird das ganze Land höflich werden. Ist aber der erste Mann habgierig oder verbrecherisch, so gerät das ganze Land in Unordnung.“ (53)

Zitate aus: Kungfutse: Gespräche. Lun Yü, übersetzt und erläutert von Richard Wilhelm, München 1994 (Diederichs)


Donnerstag, 31. Mai 2012

Konfuzius und die Pflichten des Einzelnen


Konfuzius (551 - 479 v. Chr.)
Konfuzius, der großen Lehrer der chinesischen Philosophie, vertrat eine an der „Goldenen Regel“ orientierte Wohlwollensethik, die auch mit dem Begriff "Agapismus" bezeichnet wird. 

Das Ziel im Leben eines jeden Menschen bestehe nach Konfuzius darin, ruhig und besonnen leben, um auf diese Weise sein inneres Gleichgewicht zu finden, das wiederum mit dem Gleichgewicht in der Natur und im Kosmos korrespondiert.

In diesem Zusammenhang spielt die Lehre von den Pflichten bei Konfuzius eine entscheidende Rolle. Er unterscheidet hier zwischen den Pflichten des Einzelnen sich selbst gegenüber, den Pflichten in der Familie und den Pflichten in Staat und Gesellschaft.

Wenn Konfuzius vom Einzelnen spricht, dann meint er zunächst den „Edlen“ oder „Vollkommenen“. Ihm gegenüber steht „das Volk“ oder der „Gemeine“. Zwar spiegelt sich in diesen Begrifflichkeiten kein Klassenunterschied wider, wohl aber ein hierarchisches Denken. Denn der Edle steht kraft seiner Tugend und Bildung nach Konfuzius über dem Volk:

„Der Meister sprach:
Der Edle stellt Anforderungen an sich selbst, der Gemeine stellt Anforderungen an die anderen Menschen (158).
Der Edle liebt den inneren Wert, der Gemeine liebt das Irdische; der Edle leibt das Gesetz, der Gemeine sucht die Gunst (60).
Der Edle ist bewandert in der Pflicht, der Gemeine ist bewandert im Gewinn (61).“

Im Gegenzug verlangt Konfuzius freilich viel vom Edlen: Er soll zunächst und vor allem Wohlwollen entwickeln. Er soll nichts Unrechtes tun, ein moralisches Vorbild sein, Selbstbeherrschung und Zurückhaltung üben und stets seine persönliche Würde bewahren.

„Der Meister sprach: Ein Edler, der eine umfassende Kenntnis der Literatur besitzt und sich nach den Regeln der Moral richtet, mag es wohl erreichen, Fehltritte zu vermeiden (79)“.

„Der Meister sprach: Zum Pfad des Edlen gehören drei Stücke: Sittlichkeit macht ihn frei von Leid, Weisheit macht ihn frei von Zweifeln, Entschlossenheit macht in frei von Furcht (148).“

Konfuzius im Gespräch mit seinen Schülern

Darüber hinaus soll der Edle lernen und immer wieder lernen und dabei seine Fähigkeiten weiter ausbilden:

„Der Meister sprach:
Lerne, als hättest du es nicht erreicht, und dennoch fürchtend, es zu verlieren (95).
Ein Edler, der beim Essen nicht nach Sättigung fragt, beim Wohnen nicht nach Bequemlichkeit fragt, eifrig im Tun und vorsichtig im Reden, sich denen, die Grundsätze haben, naht, um sich zu bessern: der kann ein das Lernen Liebender genannt werden (41).“

Der Edle spricht nicht viel, sondern er handelt – und zwar richtig:

„Der Meister sprach:
Der Edle liebt es, langsam im Wort und rasch im Tun zu sein. (63).
Er schämt sich davor, dass seine Worte seine Taten übertreffen (147).“

Wichtig ist der Gedanke, dass der Einzelne bei Konfuzius stets im Kontext seiner sozialen Beziehungen gesehen wird. So ist das letzte Ziel der Sorge des Edlen für sich selbst auch die andren: Familie, Freunde, Regierende und somit das gesamte Volk.

Um ihnen allen möglichst viel Nutzen bringen zu können, vervollkommnet sich der Edle. So kann er schließlich auch mit der Erfüllung eines anderen Wunsches hoffen: auf Nachruhm.

„Der Meister sprach: Der Edle hasst den Gedanken, die Welt zu verlassen, ohne dass sein Name genannt wird“ (158).

Zitate aus: Kungfutse: Gespräche. Lun Yü, übersetzt und erläutert von Richard Wilhelm, München 1994 (Diederichs)


Sonntag, 8. April 2012

Konfuzius und das "Hier und Jetzt"


Über Kung Fu tse, den großen Lehrer der chinesischen Philosophie, ist nicht allzu viel Sicheres bekannt. Zunächst leitete er eine Schule für Krieger, in der er seinen Schülern nicht nur Kampftechniken, sondern auch das Schreiben und das Rechnen, die alten Riten und Gesetze sowie den Tanz und die Musik vermittelte.

Konfuzius (551 - 479 v. Chr.)

Wie andere Gelehrte seiner Zeit auch, soll er von Hof zu Hof gezogen und im Dienst verschiedener Fürsten als Ratgeber tätig gewesen sein. Seine Auffassungen fanden jedoch wenig Unterstützung. Erst Meng tse (Menzius, 372 – 289 v. Chr.) schaffte die Grundlagen dafür, dass der Konfuzianismus zur offiziellen chinesischen Staatsphilosophie wurde – und es bis zum Ende des Kaiserreiches im Jahre 1911 auch bleiben konnte.

Ausgangspunkt seiner Philosophie ist ein erkenntnistheoretischer Pragmatismus, der sich dadurch ausdrückt, dass Konfuzius explizit jede Beschäftigung mit metaphysischen Fragen ablehnt. Schließlich reiche das Erkenntnisvermögen des Menschen kaum aus, um schon Alltagsfragen adäquat lösen zu können. Ihm geht es um das „Hier und Jetzt“, um das, was der Mensch in dieser Welt tun kann und tun soll:

„Dsi Gung fragte den Meister: „Haben die Toten Bewusstsein oder haben sie kein Bewusstsein?“ Der Meister sprach: „Dein Wunsch zu wissen, ob die Toten Bewusstsein haben oder nicht, ist zunächst keine dringende Sache. Später wirst du es von selber wissen“ (44).

Konfuzius legt vielmehr großen Wert auf das kritische Denken und selbstgesteuerte Lernen: „Lernen und nicht denken, ist nichtig. Denken und nicht lernen ist ermüdend“ (45). So kann man in seinem Buch "Gespräche mit Schülern (Lun Yü)" eine gewisse undogmatische Offenheit auch gegenüber seinen eigenen Auffassungen  beobachten, wenn er beispielsweise sagt: „Mein Schüler Hui hilft mir nicht. Mit allem, was ich sage, ist er einverstanden!“ (113).

Offenheit, Diskussions- und Lernbereitschaft, verbunden mit einer vornehmen Zurückhaltung gegenüber dem, was der Mensch niemals wird beantworten können, und dies alles zum Ausdruck gebracht durch einfach verständliche elementare Weisheiten machen Konfuzius zu einem großen Philosophen.

Ein Schüler fragte: „Darf ich wagen, nach dem Wesen des Todes zu fragen?“ Der Meister sprach: „Wenn man noch nicht das Leben kennt, wie sollte man den Tod kennen!“ (115)

Lun Yü (Gespräche)
In seinen Gesprächen mit den Schülern lehrt Konfuzius die Weisheit des Lebens und die Ehrlichkeit der Rede. Nach der „Goldenen Regel“ sollen sich die Menschen nichts antun und einander das geben, was sie selbst gern möchten. Nur so würden sie glücklich werden.

„Sein Schüler Dsi Gung fragte: „Gibt es ein Wort, nach dem man das ganze Leben hindurch handeln kann?“ Der Meister sprach: „Die Nächstenliebe. Was du selbst nicht wünscht, tu nicht anderen an“ (159).

Konfuzius fordert von den Menschen Selbstdisziplin, Mäßigkeit und Vorsicht. Wenn sie ruhig und besonnen leben, dann fänden sie ihr inneres Gleichgewicht. Wenn die Menschen im Gleichgewicht leben, dann bleiben nach Konfuzius auch die Natur und der Kosmos im Gleichgewicht.

Der vollkommene Weise lebt aus seiner Mitte heraus. Konfuzius fordert von ihm, dass er nach Einfachheit und Redlichkeit strebt, dass er in allem das rechte Maß erkennt. Er soll an das Gute im Menschen glauben und das Gute tun, wo immer er kann. Konfuzius will keine Mystiker, sondern er bildet Menschen aus, die die Welt durch praktisches Tun verändern.

Grundlage dafür sind die Regeln und Gesetze des Zusammenlebens, in der konfuzianischen Philosophie gehören dazu: die Sittlichkeit, die Menschlichkeit, die Rechtschaffenheit, die Frömmigkeit und die Loyalität zum Herrscher. Dieser soll den Menschen vor allem ein moralisches Vorbild sein.

Von den Bürgern verlangt Konfuzius, dass sie den Gesetzen folgen. Alle müssen ihre Pflichten für die Gemeinschaft erfüllen. Nicht eine göttliche Gnade bessert die Menschen, jeder muss sich selbst anstrengen.

Wenn diese Ziele beachtet werden, dann kann geht es dem Einzelnen und dem Staat gut – und der Friede ist möglich. So wird der Mensch erst durch Anstrengung zu dem, was er sein soll:

„Der Meister sprach: Wer sich selbst regiert, was sollte der für Schwierigkeiten haben, eine Regierung auszuüben? Wer sich selbst nicht regieren kann, was geht den das Regieren von anderen an?“ (134)

Zitate aus: Kungfutse: Gespräche. Lun Yü, übersetzt und erläutert von Richard Wilhelm, München 1994 (Diederichs)