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Donnerstag, 26. September 2013

Manfred Korfmann und die Suche nach Troia


„Wenn man nicht darauf wartet – 
das Un-Erwartete wird man nicht finden“ 
(Heraklit)

Homer
Seit über dreitausend Jahren ist Troia ein europäischer Mythos, der seine Bedeutung dem altgriechischen Dichter Homer verdankt. Im 8. Jahrhundert erschuf Homer das erste Literaturwerk Europas, die Ilias, die insgesamt 15693 Verse umfasst. Die Ilias erzählt die Geschichte des Troianischen Krieges, genauer den Konflikt zwischen den beiden herausragenden Führungspersönlichkeiten der griechischen Angreifer, Agamemnon und Achilleus.

Seit dem Beginn der Ausgrabungen unter Leitung des deutschen Großkaufmanns und Archäologen Heinrich Schliemann werden immer wieder zwei Fragen gestellt, die neben anderen Fragen bis heute den Kern der Troia-Homer-Forschung bilden:

Ist der Hügel an den Dardanellen im (heute türkischen) Hirsalık, an dem seit 130 Jahren gegraben wird, mit dem Troia aus Homer Ilias identisch? Wenn ja, wie sah dann das historische Troia aus, bevor es in Flammen aufging?
  
Im Jahre 1988 übernahm der Tübinger Professor für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie, Manfred Korfmann (gest. 2005), die Leitung der Ausgrabungen in Hirsalık – nicht um Homer zu verifizieren, sondern um die Funktion der uralten Kulturregion rings um Troia zu ergründen. Und es war dieser Wechsel in der Perspektive, der zu aufsehenerregenden Forschungsergebnissen geführt hat.

Troia - Ausgrabungsschichten

Mittlerweile kann als gesichert gelten, dass Homers Handlungskulisse historisch und Troia also keine Erfindung eines Dichters ist. In seinem Buch „Troia und Homer“ gibt Joachim Latacz nicht nur einen hervorragenden Überblick über die inzwischen stark verästelte neue Troia-Forschung, sondern fasst auch in Form einer Zwischenbilanz den gegenwärtigen gesicherten Forschungsstand zusammen. Die Ergebnisse sind faszinierend:

Hirsalık hieß zur Bronzezeit bei den Hethitern Wilusa und bei den Griechen Wilios. Die Hethiter kannten im Bereich des „Landes Wilusa“ ein Gebiet mit Namen Tru(w)isa, das vom griechischen Troia wohl kaum zu trennen ist. „Die Stadt, um die es in Homers Ilias geht, ist also in jedem Fall historisch. Und sie lag zur Bronzezeit in eben dem Gebiet Nordwestkleinasiens, in dem sie in der Ilias Homers erscheint“ (154).

Die Stadt Wilusa, die dem Land seinen Namen gab, war eine ausgedehnte Siedlung von über 300 000 Quadratmetern ummauerter Fläche mit wohl über 5 000 Einwohnern.

Die Stadt bestand aus einer ummauerten Burg und einer dicht bebauten Unterstadt, die sich so stark ausdehnte, dass sogar ein zweiter Stadtgraben angelegt werden musste.

Wilusa / Wilios war Residenzstadt und Handelsplatz zugleich, regiert durch eine Burgherrschaft. Als Handelsplatz nahm die Stadt die Rolle „eines Wirtschaftsmittelpunkts und Organisationszentrums für die näheren und ferneren Regionen nicht nur in Asien, sondern auch im gegenüberliegenden Europa in natürlicher Ausnutzung der auf sie zulaufenden Wirtschaftsstrukturen mit Gewinn für alle Beteiligten an.“
 
Burgmauer in Troia

Es war nur allzu klar, dass ein Ort von dieser Bedeutung und Ausstrahlung auch politisch nicht unbeachtet bleiben konnte. Mittlerweile gilt als gesichert, dass es eine sehr alte und enge politische Bindung zwischen der Regierung des Hethiter-Reiches in Ḫattusa und der Burgherrschaft in Wilusa gab.

Ein kleines Siegel, das im Jahre 1995 innerhalb von Troias Burg nahe der Burgmauer gefunden wurde, aber auch Schriftfunde in den Dokumenten der hethitischen Reichskorrespondenz lassen zweifelsfrei diesen Schluss zu.

Die Hethiter und ihre Teilstämme der Luwier und Palaier waren eine indogermanisches Volk, das im 3. Jahrtausend v. Chr. aus dem Norden nach Anatolien eingewandert war und sich dort aus kleinen Anfängen durch Expansion allmählich zu einer Großmacht entwickelte. Auf dem Höhepunkt ihrer Ausdehnung beherrschten die Hethiter große Teile Kleinasiens.

Das Reich wurde niemals von einem einheitlichen Volksstamm getragen, sondern in das Gebilde waren zahlreiche Regionen und Kleinstaaten nichthethitischer Herkunft inkorporiert oder durch Verträge gebunden - darunter auch Wilusa / Wilios.

Die Hethiter besaßen eine „Hochschrift“ zur Verwendung im inneren Zirkel der Regierung und Verwaltung sowie im diplomatischen Verkehr: die Keilschrift des Hethitischen (entschlüsselt 1915 durch Friedrich Hrozný). „Für die Repräsentation dagegen und die Herrschaftsdemonstration gegenüber den Völkern im Binnenraum des Reiches wurde vornehmlich die verständlichere, schon rein visuell eindrucksvollere und auch von den einfachen Leuten wohl als amtlich verstandene Bilderschrift des Luwischen verwendet“ (117).

Die Auffindung des 1995 in Troia gefundenen Bronzesiegels war eine Sensation, denn es ist die erste gesicherte Inschrift, die in Troia gefunden wurde – und sie ist in der Sprache des Luwischen verfasst.
  
Luwisches Siegel aus Troia VI (ca. 1700-1250 v. Chr.), das Troia Homers, identisch mit der hethitischen Vasallenstadt "Wilusa"

Auch wenn der Text des Siegels noch nicht vollständig erschlossen wurde (der schlechte Erhaltungszustand trägt dazu bei), so kann allein durch die Verwendung des Luwischen als reguläre Diplomatensprache auch in Wilusa / Wilios gefolgert werden, dass Troia mit dem Hethiter-Reich verbunden war.

Unter den Dokumenten des Reichsarchivs in Ḫattusa war schon bald nach der Entzifferung des Keilschrifthethitischen ein Vertrag aufgefallen, der zwischen dem hethitischen König Muwatalli II. und einem gewissen Alaksandu von Wilusa abgeschlossen wurde.

Schon 1924 hatte der Indigermanist Paul Kretschmer den Landesnamen Wilusa mit dem griechischen Ortsnamen Ilios gleichgesetzt, der in Homers Ilias als zweiter Name neben Troia über einhundertmal den Schauplatz der Handlung bezeichnet.

„Aufgrund sprachwissenschaftlich aufgedeckter Gesetzmäßigkeiten war damals längst bekannt und unbestritten, dass die ursprüngliche Namensform dieses Ortes in einer bereits länger zurückliegenden Zeit vor Homer „Wilios“, also mit anlautendem /w/ gelautet hatte“ (126f), das jedoch zur Zeit Homers bereits allgemein geschwunden war.

So war klar: „Der gleiche Ort, der heute in türkischer Sprache Hirsalık heißt, hieß im 2. Jahrtausend in der hethischen Sprache Wilusa und in der griechischen Sprache Wilios.

So ist gesichert, dass Homer – zumindest, was den Namen seines Handlungsschauplatzes angeht, nicht phantasiert hat. Ilios / Wilios ist ein realer historischer Ort, der sich eben an der Stelle befand, an der er bei Homer erscheint.

Natürlich darf man aus der Geschichtlichkeit eines Ortes nicht zugleich den Schluss ziehen, dass auch die Geschichten, die Homer an diesem Ort geschehen lässt, geschichtlichen sein müssen. Allerdings wird die Möglichkeit, dass es so gewesen sein könnte, dadurch nicht kleiner.

Was jetzt beginnen kann, ist die Suche nach der Art des Zusammenhangs zwischen dem historischen Ilios / Troia und dem Ilios / Troia Homers.
   
Zitate aus: Joachim Latacz: Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels, 6. Aktualisierte und erweiterte Auflage, Leipzig 2010 (Koehler und Amelang)