Donnerstag, 2. August 2012

Karl Raimund Popper und die Sozialtechnik der Einzelprobleme

In seinem gesamten Werk legt Karl Raimund Popper einen besonderen Schwerpunkt auf den engen Zusammen­hang zwischen dem freien, kritischem Denken in einer demokratischen und „offenen“ Gesellschaft einerseits und dem dogmatischen und autoritärem Denken in totalitären und „geschlossenen“ Gesellschaften andererseits.

Karl Raimund Popper (1902 - 1994)
Poppers Ideen werden insbesondere deutlich an der Gegenüberstellung einer utopischen Sozialtechnik platonischen Stils und der von ihm vertretenen Sozialtechnik der Einzelprobleme.

Poppers Kritik an der utopischen Sozialtechnik gründet in der Feststellung, dass sie einen deutlichen Historizismus beinhaltet, also die Festlegung eines bereits jetzt feststehenden und erkennbaren endgültigen politischen Ziels der Geschichte – und zwar bevor irgendeine praktische politische Handlung unternommen wird. Das bedeutet, dass wir jede aktuelle soziale oder politische Situation nur vom Standpunkt eines bereits feststehenden historischen Ideals, eines angeblich letzten Ziels der geschichtlichen Entwicklung zu betrachten hätten“ (Vermutungen).

Popper geht selbstverständlich auch davon aus, dass jede rationale Handlung auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet sein müsse. So sei jede Handlung „rational in dem Maße, in dem sie ihr Ziel bewusst und konsequent verfolgt und in dem Maße, in dem sie Mittel festlegt, um dieses Ziel zu erreichen. Die Wahl eines Zieles ist also die erste Aufgabe, die wir lösen müssen, wenn wir rational handeln wollen. Wir müssen und wirklichen und endgültigen Ziele sorgfältig festsetzen und wir müssen dabei Teil- und Zwischenziele unterscheiden, die nur als Schritte auf dem Weg zum endgültigen Ziel zu verstehen sind“ (Offene Gesellschaft)

So ist es geradezu unausweichlich, dass die Umsetzung einer „Utopie, die eine ideale Gesellschaftsordnung zum Ziel hat und auf die alles politische Handeln ausgerichtet sein soll, wahrscheinlich zu Gewalt führen wird. Da wir nicht in der Lage sind, die letzten Ziele für unser politisches Handeln durch wissenschaftliche oder rationale Methoden zu bestimmen, kann man nicht endlos darüber argumentieren, wie die ideale Gesellschaft aussehen soll. Zum Teil werden die Argumente den Charakter von religiösen Auseinandersetzungen haben und zwischen den verschiedenen utopischen Religionen kann es kaum so etwas wie Toleranz geben“ (Vermutungen)

Reichsparteitag der NSDAP 1935
Nach Popper ist jeder Utopist also gezwungen, alle Konkurrenten, die seine Ziele nicht teilen, entweder zu überreden oder, wenn dies nicht gelingt, zu unterdrücken. Er muss somit „alle ketzerischen Ansichten gründlich ausrotten. Weil der Weg zum utopischen Ziel meistens sehr lang ist, muss der Utopist Maßnahmen ergreifen, um das Ziel über einen langen Zeitraum konstant zu halten. Das ist nur möglich, wenn er die anderen utopischen Religionen nicht nur unterdrückt, sondern so weit wie möglich auch jede Erinnerung an sie auslöscht“ (ebd.)


Dresden 1953: Parade nach dem Tode Stalins

Weil der Versuch der Verwirklichung eines idealen Staates somit eine streng zentralisierte Herrschaft verlange, führe der Weg in eine Utopie letztlich in eine Diktatur: „Die völlige Umgestaltung einer Gesellschaftsordnung ist ein riesiges Unter­nehmen, das vielen Menschen über eine sehr lange Zeit viele Unannehmlichkeiten bereiten wird. Der utopische Sozialtechniker wird seine Ohren daher gegen viele Klagen verschließen müssen, er muss zum Teil sogar unvernünftige Einwände oder Kritik unterdrücken“ (Offene Gesellschaft)

Die Alternative zur utopischen Sozialtechnik ist für Popper die „von Fall zu Fall angewendete Sozial­technik, die Sozialtechnik der Einzelprobleme, die Technik des schrittweisen Umbaus der Gesellschaftsordnung oder die Ad-hoc-Technik“ (ebd.)

Natürlich habe auch ein Politiker dieser Methode eine Skizze einer zukünftigen Gesellschaftsordnung vor Augen und mag hoffen, dass die Menschen eines Tages glücklich und vollkommen wird leben können. Aber er wird seine Augen nicht verschließen vor den konkreten Problemen der Menschen.

So wird sich der Politiker der Ad-hoc-Technik nach den größten und dringlichsten Übeln in der Gesellschaft umsehen und versuchen sie systematisch zu bekämpfen. Er wird daher lieber für die Beseitigung von konkreten Missständen als für die Verwirklichung abstrakter Ideale arbeiten wollen: „Kämpfe lieber für die Beseitigung des Elends mit direkten Mitteln: für ein Mindesteinkommen für alle Menschen, gegen Epidemien und Krankheiten, für den Bau von Krankenhäusern. Bekämpfe Unwissenheit, wie du Verbrechen bekämpfst. Aber tu alles mit direkten Mitteln. Entscheide, was du als schlimme Übel in der Gesellschaft, in der du lebst, ansiehst, und versuche geduldig, die Leute zu überzeugen, dass wir diese Übel loswerden können“ (Vermutungen)

Die Pläne für den schrittweisen Umbau der Gesellschaft sind relativ einfach zu beurteilen. Selbst wenn sie fehlschlagen und durch neue bessere Pläne ersetzt werden müssen, dann ist der angerichtete Schaden nicht sehr groß. Über einen Idealstaat vernünftig zu diskutieren ist dagegen unendlich schwierig. „Das soziale Leben ist so kompliziert, dass nur wenige Menschen – wenn überhaupt irgendjemand - fähig sind, einen Bauplan für soziale Maßnahmen im großen Maßstab zu entwerfen und richtig einzuschätzen: ob er praktisch ist, ob er zu einer wirklichen Verbesserung führt, welche Leiden mit und bei seiner Verwirklichung auftreten werden“ (Offene Gesellschaft).

So verteidigt Popper die „These, dass vermeidbares menschliches Leid das dringendste Problem einer rationalen öffentlichen Politik ist, während die Förderung des Glücks kein Problem der öffentlichen Politik ist, sondern zu unserer privaten Initiative gehört (…) Im Gegenteil: Wenn unsere Ziele und Zwecke irgendetwas mit menschlichem Glück und Elend zu tun haben, dann dürfen wir unser politisches Handeln nicht im Hinblick auf das Glück oder Elend der Menschen in einer fernen Zukunft beurteilen, sondern nach ihren unmittelbaren Wirkungen in der Gegenwart. Alle Generationen sind vergänglich, und deshalb haben alle das gleiche Recht darauf, von der Politik berücksichtigt zu werden. Unsere unmittelbaren Pflichten beziehen sich daher auf die heutige und die kommende Generation. Vor allem sollten wir niemals versuchen, das Elend eines Menschen, der heute lebt, gegen das Glück eines anderen Menschen aufzurechnen, der noch nicht einmal geboren ist“ (Vermutungen)

Implizit wendet sich Popper kategorisch gegen die fatale Verbindung zwischen Politik und Romantik, weil letztlich „mit der utopischen Sozialtechnik also auch die Vernunft über Bord geworfen und durch eine verzweifelte Hoffnung auf politische Wunder ersetzt wird. Diese irrationale Einstellung, die sich an Träumen von einer schönen Welt berauscht, nenne ich Romantizismus. Dieser mag einen himmlischen Staat in der Vergangenheit oder in der Zukunft suchen, aber er wendet sich immer an unsere Gefühle, niemals an unsere Vernunft. Sogar mit der besten Absicht, den Himmel auf der Erde einzurichten, vermag er diese Welt nur in eine Hölle zu verwandeln – eine jener Höllen, die Menschen für ihre Mitmenschen bereiten“ (Offene Gesellschaft).

So dürfen wir Popper zufolge unseren Träumen von einer wunderschönen Welt nicht erlauben, dass sie uns von den wirklichen Problemen der Menschen ablenken. „Unsere jetzigen Mitmenschen haben Anspruch auf Hilfe. Keine Generation darf zugunsten zukünftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Glücksideals, das vielleicht nie erreicht wird“ (Vermutungen).

Popper verbindet seine Ideen mit der Überzeugung, dass wir davon ausgehen müssen, dass wir die unvermeidbaren und ungewollten Folgen unseres Handelns und Eingreifens nie ganz voraussehen können. „Sogar in unserem unmittelbaren Umgang mit Menschen machen wir, beim besten Willen, immer wieder Fehler; und wenn wir wirklich guten Willens sind, so werden wir dauernd versuchen, die Folgen unserer Handlungen zu überwachen, um unsere Handlungen beizeiten zu korrigieren. Das ist das Prinzip der dauernden Fehlerkorrektur: die Methode, dauernd nach Fehlern zu suchen und frühzeitig kleine und beginnende Fehler zu korrigieren“ (Elend des Historizismus)

Kritischer Rationalismus und Erkenntnisfortschritt 
So ist für Popper, das bewusste Lernen aus Fehlern die geeignetste Waffe gegen jede Form utopischer Träumerei: „Bewusstes Lernen aus unseren Fehlern, bewusstes Lernen durch dauernde Korrektur ist das Prinzip der Einstellung, die ich den Kritischen Rationalismus nenne“ (ebd.). Dies gelte natürlich auch für das Gebiet aller sozialen und politischen Handlungen. Die Methode der rechtzeitigen Fehlerkorrektur zu verfolgen sei nicht nur eine Weisheitsregel, sondern geradezu eine moralische Pflicht: „Es ist die Pflicht zur dauernden Selbstkritik, zum dauernden Lernen, zu dauernden kleinen Verbesserungen unserer Einstellung, unserer Urteile – auch der moralischen -  und unserer Theorien. Hier wird das Können zum Sollen: wir können aus unseren Fehlern lernen, darum ist es unsere Pflicht, aus unseren Fehlern zu lernen“ (ebd.). Alles andere sei Größenwahnsinn oder Verantwortungslosigkeit; auch dann, wenn es von den besten Absichten geleitet wird.

Das alles führt direkt zu einer Begründung der Forderung nach politischer Freiheit  und bestmöglicher Vermeidung aller politischen Machtanhäufung. Denn jede politische Machtanhäufung führt mit Notwendigkeit dazu, dass kleine Fehler zunächst unbemerkt bleiben. Dies geschieht selbst in einer Demokratie leider oft genug. Aber schließlich sei Demokratie auch keine Heilslehre, sondern nur eine der notwendigen Voraussetzungen, die es uns möglich machen, zu wissen, was wir tun.

„Wohl sollen wir denen vergeben, die nicht wissen, was sie tun; aber es ist unsere Pflicht, alles zu tun, um zu wissen“ (ebd.)
  
Zitate aus: Karl Raimund Popper: Das Elend des Historizismus,Tübingen 2003 (Mohr Siebeck), hier: Einleitung, Xff --  Karl Raimund Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Tübingen 1992 (Mohr Siebeck), hier: S. 213ff  -- Karl Raimund Popper: Vermutungen und Widerlegungen: Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Tübingen 2009 (Mohr Siebeck), hier: S. 522ff


Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Artikel.

    In der Tat: Jede Planung einer idealen Gesellschaft trägt den Keim des Totalitarismus in sich. Und natürlich muss ein solcher Utopist - wenn er mal an die Macht gekommen ist - alle Konkurrenzmodelle zur Erlangung einer besseren Gesellschaft unterdrücken oder besser noch beseitigen. Denn sein Modell verwirklicht schließlich die Idealgesellschaft.

    So wird ein Kommunist oder Faschist einen Demokraten niemals in seinem gesellschaftlichen und politischen System dulden können. Denn die Ideologie und Praxis von Demokraten negieren den Kommunismus und Faschismus als Heilslehre und Praxis.

    Was nun die Demokratie angeht, so ist sie in der Tat keine Heilslehre, sondern kann immer nur mehr oder weniger funktionierende Theorie und Praxis sein. Heilslehre kann sie schon deshalb nicht sein, weil die Mehrheit sich einfach auch täuschen und Dinge falsch entscheiden kann. Die Tatsache, dass eine Politik durch den Willen einer Mehrheit im Lande getragen wird, bedeutet noch lange nicht, dass es sich dann in solch einem Fall um eine vernünftige oder gute Politik handeln muss.

    Winston Churchill brachte die Sache eigentlich auf den Punkt: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.“

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  2. Dem kann ich nur zustimmen. Herzlichen Dank für Ihre Gedanken. Paideia

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