Montag, 8. November 2021

Rom und die Republik

Demokratie ist aktuell wie kaum zuvor – und wirft wie nie zuvor Fragen auf. In seinem Buch „Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart“ verknüpft Paul Nolte die historischen Perspektiven und grundsätzlichen Fragen mit den aktuellen Problemen und zeigt auf, dass die Geschichte der Demokratie nie nur von Wachstum, Fortschritt und Erfüllung handelte. Sie war immer zugleich eine krisenhafte Suche nach der Auflösung von Konflikten und Widersprüchen. 

Während gemeinhin die Griechen als die Erfinder der Demokratie steht Rom für das „Imperium Romanum“, bis heute eine „Chiffre für einen globalen Herrschafts-anspruch, der mit überlegenen militärischen Mitteln gesichert wird, im Innern aber Lebenskraft und Freiheit verliert.“

Das Römische Reich nach dem Tod Caesars

Aber nicht erst in der Kaiserzeit, schon in der Zeit der Republik lässt sich eine beständige Ausweitung des Machtbereichs Roms beobachten, ausgehend von Italien, über Nordafrika, West- und Mitteleuropa und den östliche Mittelmeerraum bis in den nahen Osten. Dieser Aufstieg vollzog sich im politischen Rahmen einer „Republik“, seit die Römer am Beginn des 5. Jahrhunderts die Königsherrschaft der Etrusker abgeschüttelt hatten. Aus heutiger „war damit ein Verfassungstyp etabliert, der in der Neuzeit (…) eine gewaltige Anziehungskraft entfaltete; eng verknüpft und doch nicht identisch mit der Neubegründung der Demokratie. Republik, das war und ist die Staatsform einer Selbstregierung, die nicht auf die Führung durch Könige oder Kaiser, auch nicht durch Diktatoren, angewiesen ist – also das Gegenteil von Monarchie (und teils auch von Diktatur).“

„Res publica“ bezeichnete – durchaus in Anlehnung an die griechischen Begriffe „Eunomie“ oder „Politeia“ - eine gute und stabile politische Ordnung. Auch wenn der Römischen Republik „ein Bewusstsein ihrer Verfassung im modernen Sinne“ fehlte – eine schriftlich niedergelegte Verfassung gabe es nicht – so erhob die „Res Publica“ doch den Anspruch, das Volk an der Herrschaft zu beteiligen. Dafür spricht schon die Herkunft und Bedeutung des Wortes „publicus“: „Die `res publica´ sei die `res populi´, die Sache des Volkes, legte Cicero in seiner Schrift über die Republik dem Scipio Africanus in den Mund. 

Res publica, das ist aber zuerst die `öffentliche Sache´: das, was der gemein-schaftlichen Verhandlung und Regelung bedarf. Das inzwischen altmodische Wort «Gemeinwesen» ist eine Übersetzung davon. Die Unterscheidung zu den `res privata´, modern gesprochen also: zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre, konnten die Römer in der Antike schon klarer ziehen als die Athener.“

Im weiteren Verlauf der Geschichte der Republik breitete sich folglich auch ein Bewusstsein von der Gefährdung dieser Ordnung aus, die man vor Schaden oder mutwilliger Zerstörung zu bewahren habe. „Das spiegelt sich in der berühmten Formel des Staatsnotstandes, des `senatus consultum ultimum´: `Die Konsuln mögen zusehen, dass die Republik keinen Schaden nehme´ (videant consules ne quid res publica detrimenti capiat).“ 

"Die Konsuln mögen zusehen, dass die Republik keinen Schaden nehme!"
Cicero´s Rede im Senat gegen Catalina (Hans Werner Schmidt, 1859-1940)

Dennoch war die Römische Republik keine Demokratie. Macht und Einfluss in Rom lagen zunächst in der Hand adliger Familien. Angesichts der zunehmenden Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation begannen die Plebejer, sich politisch zu organisieren. „Dabei spielten zwei Institutionen eine wichtige Rolle: das Volkstribunat und die Volksversammlungen. Die Volkstribune agierten gegenüber der aristokratischen Herrschaft und den durch sie bestellten Amtsträgern als eine Art Sprecher oder Sachwalter des Volkes.“

Die verschiedenen (!) Volksversammlungen dagegen sind nicht mit der Bürger-versammlung Athens vergleichbar, sondern existierten nebeneinander und beruhten teils auf dem regionalem (Wohnort-)Prinzip, teils auf Familienverbänden oder auf militärischen Einheiten spiegelten.

Das aristokratische Machtzentrum Roms jedoch bildete der Senat. Senator wurde man nicht durch Wahl oder Losung, sondern man wurde Mitglied des Senates nach dem Ausscheiden aus einem politischen Amt, das man in der Regel für ein Jahr ausübte. „Diese Ämter, mit den Konsuln an der Spitze, bildeten einen charakteristischen Teil der republikanischen Verfassung. Manches an ihnen erinnert an heutige `basisdemokratische´ Prinzipien: Man hatte ein Amt immer nur für ein Jahr inne (`Annuität´) und konnte es danach auch nicht erneut übernehmen; man teilte sich zumeist die Ausübung mindestens zu zweit – das Prinzip der Kollegialität. 

Aber obwohl die Volksversammlungen die Magistrate wählten, spielten Einfluss, Geld und die Herkunft aus bestimmten Familien dabei eine entscheidende Rolle. In der späteren Republik etablierte sich sogar immer mehr ein fester Karriereverlauf, der `cursus honorum´. Man begann als relativ junger Mann in einem niedrigen Anfangsamt als Quästor oder Ädil und stieg von dort weiter auf, möglichst bis zum Konsulat.“

Der cursus honorum in der Republik und in der Kaiserzeit

Bis zu ihrem Ende blieb die Republik also eine im Wesentlichen aristokratische Verfassung mit einigen `popularen´, also das Volk einbeziehenden Elementen, wie in der Souveränitätsformel SPQR `Senatus populusque Romanus´ (der Senat und das Volk von Rom) zum Ausdruck kommt. Eine Demokratie war das gleichwohl nicht, weil das Volk zwar Anteil an der Herrschaft hatte, aber sie nicht in `demokratischen´ Institutionen (wie sie die Athener besaßen) ausübte.

Es fehlten auch die sozialen Voraussetzungen für eine Demokratie. „Die römische Gesellschaft dagegen blieb vertikal strukturiert, nicht nur in Hinsicht auf ökonomische Ungleichheit oder die (…) Differenz zwischen Patriziern und Plebejern. Sie beruhte auf persönlichen und familiären Abhängigkeitsverhältnissen, in denen Herr und Abhängiger, `Patron´ und `Klient´ in der Sprache Roms, einander Schutz und Dienste leisteten. Unabhängigkeit und politische Freiheit konnten in diesem Klientelsystem nicht entstehen.“

Während Rom sich auf die Sitten der Vorväter berief, den „mos maiorum“, die es zu achten gelte, erfordert „Demokratie“ ein Bewusstsein von der menschlichen und gegenwärtigen Machbarkeit einer neuen, auch gegen Herkommen und Tradition gerichteten Ordnung des Politischen.

Dennoch: Die Römische Republik entwickelte eine Vielzahl von Institutionen, „die in abgewandelter Form als unverzichtbarer Bestandteil moderner Demokratien gelten, mindestens aber als ihre Voraussetzung. Dazu gehört eine Rechtsordnung, die freilich erst in der Zeit des Kaiserreichs zu voller Entfaltung kam und die dem Prinzip Bahn brach, (berechenbare) Gesetze und nicht (willkürliche) Personen sollten herrschen.“ 

Auch wenn dem römischen Bürgerbegriff die egalitäre - griechisch die „isono-mische“  - Dimension fehlte, so sei, schrieb Cicero, das Gesetz das Band der bürger-lichen Gesellschaft, in der der „civis romanus“ – der römische Bürger – seinen festen Platz hat. 

Als wichtigste Innovation aber erwies sich die Erfindung der Republik als solche selbst, als Gegenprinzip zur Monarchie. Gerade in der Frühgeschichte der Demokratie waren es Republiken – wenn auch aristokratisch befangen -, die dem Selbstverständnis moderner Demokratien den Weg bereiteten, „nicht zuletzt im Sinne eines normativen Appells an Recht, Öffentlichkeit und Gemeinwohlbezug, an dem sich der Gebrauch von Macht messen lassen muss. Denn wie die Römer schon wussten, existiert die `res publica´ – wir würden heute übersetzen: die Demokratie – immer schon in Gefährdung, und ist deshalb eine zu verteidigende.“


Zitate aus: Paul Nolte: Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart“, München 2012 (C.H. Beck)



Montag, 1. November 2021

Athen und die Erfindung der Demokratie


Demokratie ist aktuell wie kaum zuvor – und wirft wie nie zuvor Fragen auf. In seinem Buch „Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart“ verknüpft Paul Nolte die historischen Perspektiven und grundsätzlichen Fragen mit den aktuellen Problemen und zeigt auf, dass die Geschichte der Demokratie nie nur von Wachstum, Fortschritt und Erfüllung handelte. Sie war immer zugleich eine krisenhafte Suche nach der Auflösung von Konflikten und Widersprüchen. 

Die Demokratie beginnt vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren, als athenische Bürger die Herrschaft des Volkes zum ersten Mal praktizierten. Die Bürger von Athen überließen die Regierung ihrer Polis, also ihres stadtstaatlichen Gemeinwesens, nicht einem König oder einer aristokratischen Elite, sondern regierten sich selbst: frei und einander gleich; durch die Übernahme von Ämtern und unmittelbar in der Volksversammlung.

Die Demokratie - eine "Erfindung" der Griechen!

Auch wenn die moderne Geschichtswissenschaft den Glanz der durch die humanistische Bildung des 18. Jahrhunderts vermittelten Griechenkultes ankratzte, so hat die kritische Forschung der letzten Jahrzehnte das Bild von der Erfindung der Demokratie im antiken Griechenland eher insgesamt bestätigt. „`Erfindung´ heißt dabei aber nicht, dass die Athener durch intensives Nachdenken und Philosophieren über eine bessere Regierungsform auf die Demokratie gekommen wären, dass sie eine Blaupause der Demokratie angefertigt und diese anschließend planmäßig in Verfassung und praktische Politik umgesetzt hätten. (…) Die athenische Demokratie entstand nicht zuerst in der Theorie, sondern entwickelte sich, langsam und in vielen Etappen, im praktischen Vollzug.“

Insgesamt dauerte die Geschichte der athenischen Demokratie knapp drei Jahrhunderte und ist mit den Namen Solon, Kleisthenes und Perikles verbunden. Trotz aller Rückschläge und Krisen – Versuche, die Demokratie abzuschaffen, gab es u.a. unter Peisistratos und gegen Ende des Peloponnesischen Krieges unter den „Dreißig Tyrannen“ –, die Athener wurden sich der Besonderheit ihrer politischen Ordnung immer mehr bewusst, sprachen positiv von ihr; sie huldigten ihr geradezu in kultischer Verehrung. Erst im Zuge des Aufstiegs der makedonischen Herrschaft unter Phillip II. und seinem Sohn Alexander dem Großen verloren die Bürger Athens schließlich im Jahre 322 ihre politische Unabhängigkeit und damit auch die durch die Verfassung garantierten politischen Rechte.

Ursprünglich hatten die Griechen die politische Ordnung ihres Gemeinwesens überhaupt nicht mit dem Wort für `herrschen` (`kratein´) beschrieben, sondern mit ihrem Wort für Gesetz und Ordnung, `nomos´. Davon abgeleitet, beschreibt der Begriff `Eunomie´ die `gute Ordnung´, deren Vorzug vor allem in ihrer Stabilität und Ausgewogenheit gesehen wurde, nicht in einer möglichst breiten Bürgerbeteiligung. 

Die Normalität der guten Ordnung war gleichwohl eine aristokratische, „in der eine Minderheit von bevorrechtigten oder reichen Männern die politischen Geschäfte führte und Entscheidungen traf. In einer Tyrannis dagegen, in der Alleinherrschaft eines Mannes, geriet die gute Ordnung auch schon für die vordemokratischen Athener aus den Fugen.“

Für den Übergang von der Eunomie zur Demokratie spielte ab dem Jahr 500 der Begriff der `Isonomie´ - `Gleichordnung´ oder `Ordnung der untereinander Gleichen´- als Leitbild eine entscheidende Rolle. Der Weg in die Demokratie führte also „nicht zuerst über den Gedanken der individuellen Freiheit wie in der modernen Variante seit dem 18.Jahrhundert, sondern über die Idee der Gleichheit.“ Mit Gleichheit ist jedoch keine soziale bzw. sozialökonomische Gleichheit gemeint ist, sondern eine staatsbürgerliche Gleichberechtigung. „Isonomie bezeichnete eine Ordnung, in der alle Bürger auf prinzipiell gleiche Weise in die Regelung der politischen Angelegenheiten einbezogen waren“ und so wurde der Begriff nahezu synonym mit Demokratie benutzt. 

So entwickelten die Athener zunehmend ein Bewusstsein dafür, dass ihre Form der Politik „eine besondere, eine ungewöhnliche, vielleicht sogar eine einzigartige war. Thukydides ließ den athenischen Führer Perikles in seiner großen Darstellung des Peloponnesischen Krieges eine Totenrede halten, in der dieses Sonderbewusstsein besonders klar formuliert ist: `Die Verfassung, nach der wir leben, vergleicht sich mit keiner der fremden; viel eher sind wir für sonst jemand ein Vorbild als Nachahmer anderer. Mit Namen heißt sie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf eine größere Zahl gestellt ist, Volksherrschaft´.“

Die Leichenrede des Perikles (Philipp von Foltz)

Von besonderer Relevanz ist ebenfalls, dass die Athener ein neuartiges Verständnis von `Politik´ entwickelten. „Politik war danach nicht mehr mit einem faktischen System von Herrschaft identisch; sie trat aus der Normalität, aus der scheinbaren Natürlichkeit der Lebensverhältnisse heraus und etablierte sich als eine eigene Sphäre, in der man sprechen, debattieren und entscheiden konnte. Nicht so sehr im Sinne von Institutionen oder organisierter Verfasstheit – der griechische Begriff von Politik meinte nicht Staatlichkeit im modernen Sinne. Was die Griechen entdeckten war, in den Worten des großen englischen Althistorikers Moses Finley, die `Kunst, Entscheidungen durch öffentliche Diskussion herbeizuführen und diesen Entscheidungen dann auch zu folgen, als notwendige Bedingung einer zivilisierten Lebensführung´.“

Diese Besonderheit gründete vor allem in einem Bild vom Menschen – damals noch: dem männlichen Vollbürger –, der prinzipiell, unabhängig von Herkunft, Vermögen oder sozialer Stellung, politische Urteilskraft besitzt.

„Die Volksversammlung stand im Zentrum der athenischen Demokratie. Sie war (…) mit dem Volk identisch; sie war, in heutigen Begriffen, der Souverän. Die Volksversammlung trat etwa vierzig Mal im Jahr für jeweils einen ganzen Tag zusammen und fasste Beschlüsse, die von kleineren tagespolitischen Angelegenheiten über die Verabschiedung von Gesetzen bis zur Entscheidung über Krieg und Frieden reichten.“ Dabei wurde nicht so sehr fachliche Kompetenz auf der Grundlage professioneller Schulung verlangt und ebenso wenig kannten die Griechen kein kodifiziertes Rechtssystem als Handlungsgrundlade. „Vielmehr ging es um dasselbe Prinzip der gleichen Partizipation der Bürger an Entscheidungen, die sie selbst betrafen – ob in `öffentlichen´ oder `privaten´ Angelegenheiten.

So erinnert die Demokratie der Athener vor 2500 Jahren in einigen Elementen an das, was später (und bis heute) als unmittelbare, direkte oder Basisdemokratie diskutiert wird, auch wenn sich die Voraussetzungen mit Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen grundlegend unterschieden. Auch kannten die Athener keine Gewaltenteilung - Gesetzgebung, Verwaltung und Justiz ließen sich nicht voneinander unterscheiden - und eine Exekutive im Sinne der modernen Regierung des Staates fehlte völlig. 

Die athenische Demokratie dagegen war primär eine Verfahrensordnung, eine „Verfassung der politischen Praxis. Sie aktualisierte sich in der freien und gleichen Rede, in der Volksversammlung oder in anderen Ämtern und Institutionen. (…) Neben der allgemeinen Ordnung der Gleichheit, der Isonomie, stand deshalb die `Isegorie´, das gleiche Recht der Rede in der Volksversammlung, in höchster Wertschätzung.“

Die Akropolis im Blick: Die Pnyx - Ort der Volksversammlung

Wer sich als guter, als mitreißender und überzeugender Redner erwies, konnte in der Volksversammlung erheblichen Einfluss ausüben. „So hat man Athen geradezu als eine `deliberative Demokratie´ bezeichnet – und damit erneut einen modernen Begriff, ein Konzept des späten 20.Jahrhunderts aufgegriffen: Demokratie als öffentlicher und vernünftiger Austausch von Argumenten, als eine `horizontale´ Form der bürgerlichen Selbstverständigung mehr als ein `vertikaler´ Mechanismus des rationalen und durch Mehrheit legitimierten Entscheidens. So zeigt sich immer wieder: Wie fremd und anders die athenische Demokratie auch war, wir kommen in der Gegenwart kaum von ihr los.“

Zitate aus: Paul Nolte: Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart“, München 2012 (C.H. Beck)

Sonntag, 24. Januar 2021

Die Unabsteig-Bar, oder: Weisheit ist immer erlitten!

Den Mitgliedern der „Unabsteig-Bar“

Das Telefon leuchtet auf? Mit aller Wahrscheinlichkeit handelt es sich um eine WhatsApp-Nachricht! Seit November 2017 hat die App mehr als eine Milliarde aktive Nutzer. WhatsApp hat revolutioniert, wie wir kommunizieren und vor allem in welcher Häufigkeit und in welcher Medienvielfalt wir dies tun.

Viele halten die Kommunikation über WhatsApp, vor allem wenn es sich um WhatsApp-Gruppen handelt, für den großen Selbstbetrug im digitalen Alltags, weil man der Illusion erliegt, Dinge schnell und einfach klären zu können: „Paul hat Geburtstag! Lasst uns mal kurz überlegen, was wir da machen!“ – Und Zack, ist eine neue WhatsApp-Gruppe entstanden, aus der man auch nicht gleich wieder abhaut, weil es ja unfreundlich wäre.

Dabei wissen alle: Wenn es um WhatsApp-Gruppenchats geht, wiederholt sich, was man aus vielen Meetings kennt: Oft sind sie unnötig, meist kommt man anders schneller zum Punkt, und fast immer sind Leute mit am Start, die nicht zielgerichtet kommunizieren, d.h., die so viel posten, dass es nervt, oder so wenig, dass Nachfragen aufkommen, oder die nicht beim Thema bleiben und die Gruppe mit vermeintlich “lustigen” GIFs und Videos verstopfen. WhatsApp-Gruppenchats sind wie ein ständiges Meeting, bei dem niemand die Tagesordnung im Griff hat und alle durcheinanderreden. 

Gleichwohl gibt es WhatsApp-Gruppen, die – obwohl vielleicht aus einer spontanen Laune heraus entstanden – sich mittlerweile zu einem Medium entwickelt haben, das auf vorbildliche Weise unterhaltsame Kommunikation mit analytischer Schärfe kombiniert. Eine dieser „Perlen“ in der Welt der Gruppenchats ist die „Unabsteig-Bar“, dessen (für die Mitglieder !) hohe Qualität nicht zuletzt durch eine  gelungene Mischung der behandelten Themen begründet wird.


Über den Beginn - Der Anfang ist die Hälfte vom Ganzen

  • Sticker: Also: Freitag, 16.08., gegen 16:00, Treffpunkt Bratwurst-Bier-stand am Tunnel!
  • B. Asi Leus: Perfekt.
  • Sticker: Kennzeichen: Hareico-Stadionwurst in der einen Hand - Holsten in der anderen.

  • B. Asi Leus: After Show sollten wir auch vom Spielverlauf abhängig machen. Grundsätzlich so wie Sticker sagt... Offene Verläufe zulassen!
  • Unus: Ich bin auch für Improvisation!!! Aber kann Sticker das????
  • Sticker: Na klar! Muss nur richtig geplant werden. Habe schon mal n Ordner „Spontane Improvisation“ angelegt!

Orte der Unabsteig-Bar:
Der Shuttle-Grill in Stellingen


Über Kultur, oder: Das Vergnügen am Vergleich

  • B. Asi Leus: So, gleich ins Männerrefugium: Baumarkt. Endlich mal wieder unter sich, Pommesbude nebendran für die Fachgespräche bei ner Dose Bier!
  • B. Asi Leus: Baumarkt Digga, letztes Refugium nicht-intelektueller Männer-kultur!
  • Sticker: Im Allgemeinen reicht einem Handwerker gesunder Menschen-verstand ... und n büschen Plan vons´ Ganze
  • B. Asi Leus: Ja Mann. Wie beim wirklichen Akademiker auch. Beim selbsternannten natürlich nicht. Diejenigen mit den schlechtesten Abschlüssen sind die Vielredner auf Konferenzen!
  • Sticker: „A man has to be what he is.“ (Alan Ladd in „Shane“). Der Western hatte schon immer eine hohe zivilisatorische Botschaft! 

  • Unus: Let us see
  • B. Asi Leus: Dein Englisch wird immer besser. Damit hast du enormes Influencer-Potenzial, auch in Schule. Kannst Banales oder Unsinn so ausdrücken, dass den Leuten vor Ehrfurcht die Kinnlade runterfällt. 
  • B. Asi Leus: Die Welt ist letztlich gar nicht so kompliziert. Wer die Alten Sprachen gelernt hat oder Plattdeutsch kann, hat einen Vorteil! (…) Lokale Dialekte und Alte Sprachen geben Bodenhaftung!


Über den HSV – Unter dem Blickwinkel der Ewigkeit …

  • Sticker: Irgendwo muss man ja auch die eigenen Honk-Anteile bedienen. Was gibt es da besseres als Fussball und HSV. Man muss es nur mythisieren, so dass es später zur Legende wird ... Stellingen Lutsch-gefahr ... das ist, was bleibt.
  • Unus: HSV wieder auf den alten Herberger Trick von 1954 reingefallen: Unwichtiges Spiel hoch gewonnen, wichtiges Spiel DFB-Pokal verloren! Naja, Mannschaft und Trainer sind zu jung, kennen diese Tricks nicht... Sie haben nicht verstanden, dass du wie die Sau kämpfen musst!!!!!

  • Unus: Spielniveau 2. Liga 
  • Sticker: Es IST 2. Liga!
  • Unus: Stimmt ja!!! Total vergessen in der Euphorie! Unus: Warum sind wir nicht Trainer???
  • Sticker: Sind wir doch! Nur auf höherem Niveau
  • Unus: CL Sieger 23 bis 2030!!!!

  • Sticker: 2072 - das Jahr, in dem der HSV dann länger in der 2. als in der 1. Liga war ...


Farben der Unabsteig-Bar: Nur der HSV!


Über Punk: Punk bleibt Punk!

  • Sticker: Hannah Arendt ist so was von geil, wenn es um die Analyse von Macht und Einfluss geht, (…) weil sie den Menschen und seine conditio im Blick hat und nicht nur seine Lebensumstände. „I don't know how to live but I got a lot of toys” (Bad Religion, „21century digital Boy“).
  • B. Asi Leus: Ein Schuss Punk hilft immer, die Welt zu verstehen und vernunftbezogen zu handeln!!

  • B. Asi Leus: Die wesentlichen Entscheidungen werden in Kühlschrank-nähe getroffen!!
  • Sticker: Nüchtern unerträglich, besoffen schalala (Kotzreiz).

  • Sticker: Stadionbesuch gestern genial. Ich muss jetzt nur sicherstellen, dass … nichts ausplaudert: „Papa, Du bist peinlich“ habe ich ein paarmal gehört. Dabei habe ich doch nur „Spiiitzenreiter ...“ geschrien ...!
  • Unus: Du aber am lautesten!
  • B. Asi Leus: Jo, das ist so, wenn die Kids Teens sind. Don't worry! Komme gerade zurück vom Pennywise-Konzert! Haben mit 1000 anderen mitgegrölt - da ist nix mehr peinlich.


Über das Politische 

  • B. Asi Leus: Ich verschmutze gern im Biotop der Political Correctness, in der sich vielfliegende, Rotwein-trinkende Narzissten (…) wohlfühlen: Im Kern chauvinistische Sozialneider mit Beamtenprivilegien und sadistischem Verhalten gegenüber Andersdenkenden.
  • Unus: Ich habe konvertiert als Marius Müller-Westernhagen in Maß-anzügen herumlief!!! Völlig contra zu seinen Texten. 
  • Unus: Ich stehe zu meiner Philosophie: Gute Arbeit für gutes Geld (Handwerker sozialisiert) und ansonsten ehrlich bleiben, Meinung sagen (da wo zugehört wird) und sich über das Leben freuen. Ich bin heute noch Handwerker unter den Intellektuellen und deshalb läuft jeder Laden
  • B. Asi Leus: So einfach können die Dinge sein, wenn man einer boden-ständigen Lebensphilosophie folgt!
  • Sticker: In Zukunft gilt es, genau das Gehenteil von dem zu machen, was der PC-Diskurs fordert ... zumindest in den meisten Bereichen
  • B. Asi Leus: Ja Mann! Ich bin dabei!!
  • Sticker: Das Geile ist, dass die Politisch Korrekten vor Neid platzen - bei soviel Triebstau. Is´ einfach auch nicht gesund, dieses assige „Der wahre Genuss liegt im Verzicht!“
  • Unus: Richtig!!! Unser Motto: Vorfreude ist (fast)fieberte Freude
  • B. Asi Leus: Politik und Interessengruppen liefern den Inhalt (Political correctness), die gehöre Empörungskultur die Form und Social Media das Medium. Wer das durchschaut, kann das individuelle "Ich hab´ jetzt mal keinen Bock" in höchstem Maße kultiviert und akzeptiert verbrämen.
  • Sticker: Fuck political correctness!
  • B. Asi Leus: Ja, Mann!

Landschaften der Unabsteig-Bar, hier
im Dienste einer tiefenstrukturellen Analyse mit abschließendem Urteil

Über das System Schule, oder: Das Leben zwischen Sein und Schein

  • Unus: Ihr habt es so gut!!! Vorgestern kurzen Einlauf von der Chefin bekommen. Grund: Überall wo sie hinwill bin ich schon da, sie sprach von „überall reingrätschen“, ich arbeite zu viel (…) bin zu beliebt...
  • B. Asi Leus: Ich fasse es nicht! Man könnte dich auch loben für Dein Engagement!!! Aber so ist das, wenn Loser und Unterrichtsflüchtlinge in Leitung kommen. Sie müssen irgendwie beweisen, dass sie zu Recht dort sind, wo sie sind. Wobei sie eben wissen, dass sie zu Unrecht dort sind und deshalb andere runtermachen. 
  • B. Asi Leus: Nimm den Anschiss als Kompliment! Es adelt dich …
  • Sticker: Aber so ist das mit Leuten, denen das theoretische Niveau fehlt. Die basteln sich i-was am Schreibtisch zurecht und glauben, sie hätten die Welt erfunden ...

  • B. Asi Leus: Desorientierte neigen dazu, anderen Orientierung geben zu wollen!
  • Unus: Geiles Zitat!!! Hast du was genommen?
  • B. Asi Leus: Ist kein Zitat, ist authentisch von mir. Darf aber zitiert werden! (ist hiermit erledigt! – Paideia)
  • B. Asi Leus: Weiter machen wie gewohnt: Authentisch sein, situations-bezogen und nicht dogmatisch agieren. Die Experten, wenn sie Sinnvolles in Bezug auf unsere Zielklientel (Schüler!) machen lassen - Empowerment nennen das die Imponiersprachler. Bescheiden sein - und bisweilen zeigen, dass man auch etwas vom Geschäft versteht. Ist ganz einfach, wenn man normal ist und Selbstvertrauen mit Empathie verbinden kann. Leider haben wir zu viele Narzissten, die in Leitung wollen.
  • Unus: Mein Führungsstil ist Bock auf Schule

  • Unus: Leute Transparenz ist out!!! Heißt jetzt Nachvollziehbarkeit oder so´n Scheiss!!!
  • Sticker: Nachvollziehbarkeit impliziert immer auch Simplifizierung, oder - heute erst gelesen - Simplexität = Vereinfachung von Komplexität. Wat ein geiles Wort! Kommt aus einem der Bücher über Digitalisierung!  Das hatte schon Luhmann gesagt: der Mensch neigt zum Einfachen ... „Komplexitätsreduktion“ nannte er das.
  • Unus: Ein Tipp für Führung: Der Laden muss laufen!!!
  • B. Asi Leus: Jep, so einfach ist das!!
  • B. Asi Leus: Nachvollziehbarkeit heißt Storytelling, den Leuten Entscheidungszwänge und -logiken vorgaukeln, Transparenz war immer auch ne Scheintransparenz. Es gibt auch inzwischen Autoren, die das Situationsbezogene, das Authentische, das Führen über Kategorien-setzung, über Charisma in ihrer Kombination als effektiv beschreiben. Normativ kann ich Führung gar nicht definieren, das würde alle spezifischen Faktoren auf Sender- wie Empfängerseite ausblenden.

  • B. Asi Leus: Letztlich ist Schule eben auch ein Schaulaufen von Egos, ein mikropolitisches System der Ressourcenverteilungskämpfe, eine Bühne zur Gewinnung von Anerkennung... Rationalität steht in der Regel erstmal hinter der Emotionalität. Window dressing für viel Geld ohne Effekte, weder bei den Schülerzahlen noch bei den Schülerleistungen.
  • B. Asi Leus: Nichtskönner bemühen halt immer Strukturen und Prozesse, ohne selber etwas zu Effekten beizutragen. Das sind eben Schnacker! Den anderen immer nur einen Schritt voraus bei der Verwendung von Imponiervokabular!

  • B. Asi Leus: Darum muss man gar nicht so viel über Führen und Leiten sprechen und das akademischen aufpeppen, man braucht zunächst mal Leute, die anderen was zutrauen können und nicht nur sich selber, die anderen was gönnen können, auch Erfolg, und sich selber nicht ganz so wichtig nehmen.

Erkenntnisse der Unabsteig-Bar, Teil 1


Über Verwaltung

  • Sticker: Der Bürokrat führt ja lediglich Verordnungen durch, die er selbst nicht erlassen hat. Aber er macht sich natürlich die Illusion einer „weitreichenden Tätigkeit“ und fühlt sich selbst den Menschen „der Praxis“ himmelweit überlegen.
  • B. Asi Leus: Da, wo die Leute nix Besseres zu tun haben, darüber zu sinnieren, was Führung ist oder sein soll, liegt deutlich was im Argen. Dort spiegeln sich Defizite auf der persönlich-individuellen Ebene im Systemischen. Manche können es eben, andere können nur drüber reden!
  • Unus: Leider alles wahr und wir wundern uns, warum beim Schüler nichts ankommt!! 


Über Eltern

  • Unus: Neulich sind Kids der 6. Klasse vom Weg Sportplatz - Sporthalle durchgeregnet, Wolkenbruch. Die Kids waren gerade in der Halle, nass leider, da hatte ich die Eltern am Telefon!!! Tenor: Warum wir das Wetter nicht beeinflussen
  • B. Asi Leus: Ja Mann!! Ist auch unerhört, keinen Draht nach oben!! How dare you!!
  • Sticker: Echt Assi!

  • B. Asi Leus: Die basisdemokratische Beteiligung von (meist kompensierenden) Eltern am Bildungsprozess ist der für mich entscheidende Grund für den relativen Niedergang des Bildungswesens.
  • Unus: Aus Mücken Elefanten machen, um dann riesige Probleme zu wälzen, die ich gar nicht sehe. Zuviel Misstrauen und zu wenig positives Denken (und Hoffen). 

  • Unus: So wieder Zeugniskonferenz, zuerst mit den Eltern und Schülern, ohne Noten.
  • B. Asi Leus: Jo, kenn ich noch. Waste of time und inszenierter Lügenstadl. Wie es so ist: Probleme werden nicht mit klarer Kante gelöst, sondern in Strukturen aufgelöst, die nichts bewirken, aber Zeit kosten und damit das Eigentliche, das Kernprodukt, beschädigen.
  • Unus: Jetzt stundenlang Kompetenzkreuze
  • B. Asi Leus: Strukturell liegt das Problem darin, dass Schule nicht mehr als Exekutivorgan gesehen wird, dessen politische Steuerung ausschließlich über Parlamente und nachgeordnete Bürokratien erfolgt, sondern mehr und mehr basisdemokratische Elemente eingeführt wurden, die sich nicht bewährt haben, die man nun aber nicht mehr loskriegt, weil gefühlte Entdemokratisierung nicht zum Zeitgeist passt. In diesem Dilemma werden Gremien und Instrumente draufgesattelt, die über die alleinige Masse Funktionalität nicht zulassen und so Schulleitung ermöglichen sollen über die Dysfunktionalität des Mikrosystems. So findet Schule im permanenten Ausnahmezustand statt, Routinen kehren erst ein, wenn Fake Systeme etabliert sind. Nur: Das alles zieht eine umfangreiche Deprofessionalisierung des Expertensystems nach sich und in langer Perspektive das Absinken des Niveaus.
  • Unus: Du musst hier alle immer ganz wichtig nehmen, aber wo nix ist kann auch nix wachsen.


Erkenntnisse der Unabsteig-Bar, Teil 2


Über Kommunikation ...

  • Unus: Kommunikation, ich kann es nicht mehr hören!
  • B. Asi Leus: Alle, die sich über Kommunikation beschweren, haben ihren Willen nicht durchgesetzt, bekommen Dinge nicht geregelt etc. Dann wird das Versagen in der Kommunikation rationalisiert und somit auf andere verschoben. Moderne, politisch korrekte Form zu sagen: Andere sind schuld oder du bist schuld.
  • Sticker: Klar, hier zählt nur die komplementäre Kommunikation, bei der es immer einen "überlegenen" und einen "unterlegenen" Partner. gibt, wobei manche für sich in Anspruch nehmen, die Höhergestellten zu sein. Wenn sie diese Position in Gefahr sehen, werden sie hektisch bzw. fangen an, über Kommunikation zu sprechen ...
  • Unus: Leider kommt niemand mehr auf die Idee, seine Arbeit zu tun - und die einfach gut machen! Fertig! Kommunikation auf ein Minimum beschränken, spart Zeit und Kraft.
  • Unus: 3 Grundregeln für Schule, wenn du von Schule keine Ahnung hast: 1. Fresse halten 2. Fresse halten und 3. Fresse halten!!
  • B. Asi Leus: Ja Mann!!
  • B. Asi Leus: Schule wird vorrangig für Leute gemacht, die nicht Ziel-gruppe des Bildungsauftrags sind.
  • Unus: Aber wir sind ne echte Plakettenschule mit unzähligen Arbeits-gruppen 
  • B. Asi Leus: Meeten statt teachen! Pappmaschee-Schule oder Mickey Mouse-Schule, wie ich zu sagen pflege... Ist aber wichtiger als quali-fizierter Unterricht heutzutage!!!
  • Unus: Macht vor allem bei den Eltern viel her und schließlich regeln in Schule ja alles die Eltern!!!
  • B. Asi Leus: Die Wichtigen halten sich für Rock Stars und das System erstarrt bestenfalls im Mittelmaß! Die wahren Guten machen auf Biedermeier und flüchten ins Unpolitische und leben Unabsteig-Bars! 

  • B. Asi Leus: Es gibt ja zwei Formen von Kleingeistern: Die Traditionalisten, die Größe durch Meckern, Anschwärzen und Finger-zeigen gewinnen wollen (Blockwart-Variante mit Totalitarismus-Potenzial) und die angelsächsische Mutation, die Größe durch Loben und Helfen am richtigen, blitzlichtgewitterträchtigen Ort gewinnen wollen (Jünger der PC mit Korruptionspotenzial)!


Über Unterricht ...

  • Unus: Heute so eine geile Doppelstunde … gehalten!! Eigentlich schade, dass die Chefin nicht hospitiert hat...
  • Sticker: Sternstunden im Lehrerdasein
  • B. Asi Leus: Wer kann, der kann! Der hat sein Handwerk im Griff!
  • Unus: Das Handwerk ist echt einfach, wenn du Zugang zu den Schülern hast
  • Sticker: Das ist der Schlüssel!
  • B. Asi Leus: Das eine kommt mit dem anderen! Die Schüler merken sofort, wer was kann! Und vor allem, wer nichts kann!!

Soweit einige ausgewählte Beiträge aus der Unabsteig-Bar. Die Sozialpsychologie hat hinlänglich belegen können, dass Gruppenchats das Zugehörigkeits- und das Selbstwertgefühl stärken und auf diese Weise das Individuelle und das Kollektive gleichermaßen bedienen … 

oder wie es B. Asi Leus ausdrückte: „Dieser Chat-Kanal ist Unübertreff-Bar!“

Zahlenzauber der Unabsteig-Bar:
Die Nummer 1 ...






Donnerstag, 21. Januar 2021

Michael Walzer und der richtige Abstand der Kritik


Unter Kritik versteht man üblicherweise die die Beurteilung eines Gegenstandes oder einer Handlung anhand von Maßstäben. „Kritik“ ist in den Augen von vielen Autoren der Politischen Philosophie somit eine Grundfunktion der denkenden Vernunft und wird, sofern sie auf das eigene Denken angewandt wird, ein Wesens-merkmal der Urteilsbildung. Manche halten sie im Sinne einer Kunst der Beurteilung für eine der wichtigsten menschlichen Fähigkeiten.

Neben der Bedeutung der prüfenden Beurteilung und deren Äußerung in entsprechenden Worten bezeichnet die „Kritik“ aber auch eine Beanstandung oder Bemängelung von Zuständen und hier insbesondere auch Fehler und Versäumnisse in der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung. An dieser Stelle stellt sich die Frage nach der Rolle des Kritikers bzw. der Gesellschaftskritik.

Kritik beruht letztlich auf der Tatsache, dass weder Traditionen noch Über-zeugungen – auch nicht die eigenen! - aus einem Guß sind, sondern eine gewisse Vielfalt, innere Spannungen oder Widersprüche aufweisen. Im Allgemeinen ist Kritik immer dann besonders treffend, wenn sie genau auf solche Diskrepanzen aufmerksam macht. 

Michael Walzer (* 1935)

Auch Michael Walzer hat sich in seinen Werken mit der Rolle des Gesellschafts-kritikers beschäftigt. Sein Werk „Just and Unjust Wars“ (1977) enthält eine eine Kritik an einer bestimmten Form des Krieges, darunter auch einige seiner eigener Nation. In „Spheres of Justice“ (1983) - kritisiert Walzer die Dominanz von Geld und Macht. 

Walzer beschäftigt aber vor allem die Frage, wie die Rolle des Gesellschaftskritikers zu verstehen ist. „Ist der Kritiker, wie es Intellektuelle oft sind, nur ein Konformist der Nonkonformität? Schon Rousseau hatte es vermutet, wenn er im Ersten Discours schrieb, sie seien nur `Feinde der allgemeinen Meinungen, und um sie zu den Altären zurückzubringen, brauchte man sie nur für Atheisten zu erklären´.“

Walzers Idee der Gesellschaftskritik wird vor allem von der Frage beherrscht, wie weit sich der Kritiker von der Gemeinschaft, die er kritisiert, entfernen darf.  Nach Meinung Walzer wird der kritische Abstand „in Zentimetern gemessen“. Damit will Walzer deutlich machen, dass die Kritik nur dann effektiv sein kann, wenn der Kritiker den Menschen nahe bleibt. „Wie sonst soll sie die Herzen der Menschen erreichen? Wie sonst könnte sie verständlich sein? Was wie ein Gebot der Effizienz klingt, ist zugleich das Gebot einer Hermeneutik, die nicht über die Menschen, sondern mit ihnen reden will.“

Eine Totalkritik, die alles Bestehende für verdorben hält – Walzer nennt als passendes Beispiel die Gesellschaftskritik Marcuses - lässt den kritischen Abstand zu groß werden. „Der Kritiker muss auf dem Teppich bleiben. Er muss, wie Walzer es in Anspielung auf Platon ausdrückt, in der `Höhle´ bleiben, der Versuchung widerstehen, sich in eine geistige Exterritorialität zu flüchten. Wenn dies geschieht, schlägt Kritik in Hybris oder in einen Herrschaftsanspruch um. Der Kritiker wird zum selbsternannten Führer aus dem Jammertal, so als ob die Kritisierten nicht selber in der Lage wären, ihren Weg zu gehen.“

Letztlich sind die von Walzer aufgeworfenen Fragen nicht neu. Sie begleiten die politische Philosophie seit ihrer Geburt, seit Platon und Sokrates. Letzterem war es beispielsweise gelungen - allerdings um den Preis seines Todes -, die Rolle des Bürgers und die des kritischen Philosophen in einer Person zu vereinen: „Obwohl er hätte fliehen können, blieb er im Gefängnis. Er unterwarf sich dem Urteil seiner Mitbürger. Damit wollte er den Gesetzen seiner Stadt Respekt bezeugen, und damit wollte er Zeugnis dafür ablegen, dass sein Philosophieren ein Dienst an der Stadt gewesen war.“

Johann Gottfried Schadow - Sokrates im Kerker (um 1800)

Sokrates war vielleicht der letzte Philosoph, der Philosoph und Bürger zugleich sein wollte. Nach seinem Tod wurden die Rollen für immer getrennt. Theoretisches und politisches Leben fielen auseinander. Michael Walzer will diese beiden Lebensformen wieder zusammenführen, auch wenn er sich bewusst ist, dass da immer ein gewisser Abstand bestehen bleibt. Er hofft nur, dass dieser klein gehalten, eben „in Zentimetern gemessen“ werden kann.

In „The Company of Critics“ (1988) beispielsweise liefert Walzer Einzelporträts verschiedener Kritiker, wobei er stets die Spannung zwischen kritischer Distanz und Verbundenheit mit dem Kritisierten, also zwischen Abstand und Nähe fokussiert. Er warnt ohne Umschweife vor dem „Verrat der Intellektuellen“. (1991, 324). So verstehen manche den Intellektuellen als „Feind der Welt“, und als einen solchen hat man auch Sartre charakterisiert. Aber Sartre sei, so Walzer nur in Frankreich ein „Feind der Welt“ gewesen. Er habe „seine Feindschaft aufgegeben, wenn er Kuba besuchte.“

Sartre, de Bevauvoir und Fidel Castro 

"Die Geschichte der Intellektuellen angesichts der totalitären Versuchungen
ist eine Geschichte der Täuschungen und Enttäuschungen.
(Joachim Fest)

Walzer dagegen verweist darauf, dass der Kritiker in dem Sinne Unabhängigkeit benötigt, als dass er „Freiheit von Regierungsverantwortung, von religiösen Autoritäten, von der Macht der Großunternehmen und von der Parteidisziplin“ braucht. So bleibt er idealerweise „mitten unter den Menschen“. Er steht in Opposition, aber niemals „absolut“.

Es mag vielleicht überraschen, dass für Walzer ausgerechnet eine Gestalt aus dem Alten Testament – der Prophet Amos – das Vorbild eines guten Kritikers ist. Der Kritiker Amos hat – und das stellt Walzer heraus - sein Volk nicht verlassen. Anders als andere Kritiker ist Amos jemand, der „die Grundwerte der Männer und Frauen kennt, die er kritisiert“. Er ist „einer von ihnen“, während andere Propheten nur Botschafter von außen sind, solche, die kommen und wieder gehen. Amos aber versteht seine Rolle als Kritiker moralisch, wenn er einen völkerübergreifenden Minimalkodex einklagt - „eine Art von religiösem Völkerrecht“, wie Max Weber es genannt hatte.  (1991, 93). 

Vor allem aber gilt die Sorge des Amos diesem, seinem Volk. Amos bleibt nur „wenige Zentimeter“ von seiner Nation und ihrer Geschichte entfernt, er kennt sie und es ist diese Kenntnis, die seine Kritik so reich, so radikal, so konkret macht.


Zitate aus: Henning Ottmann: Geschichte des politischen Denkens. Band 4: Das 20. Jahrhundert. Teilband 2: Von der Kritischen Theorie bis zur Globalisierung, J.B. Metzler (Stuttgart 2012)