Sonntag, 1. April 2012

Sokrates und die Gesetze

Im Jahre 399 v.Chr. wurde Sokrates zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt. Die Anklage hatte ihm vorgeworfen, die Jugend zu verderben und den Göttern zu lästern. Bevor das Urteil vollstreckt wurde, besuchten viele seiner Freunde Sokrates im Gefängnis, unter ihnen auch Kriton. Dieser hatte bereits alle notwendigen Vorkehrungen für eine Flucht getroffen, die Gefängniswärter bestochen und versucht nun Sokrates zu überzeugen, aus dem Gefängnis zu fliehen.

Johann Gottfried Schadow - Sokrates im Kerker (um 1800)

Im Verlauf des Gespräches, das Platon in seinem Dialog „Kriton“ aufgezeichnet hat, trägt Kriton vier Gründe für eine Flucht vor:

  • Man würde in der Öffentlichkeit schlecht über die Freunde von Sokrates sprechen, wenn sie nicht versuchen würden, ihn zu retten.
  • Sokrates würde, wenn er sich dem Tod nicht durch Flucht entzöge, der Anklage und ihren ungerechten Vorwürfen Recht geben.
  • Sokrates verletze seine Fürsorgepflicht gegenüber seiner Familie, insbesondere gegenüber seinen Kindern.
  • Sokrates würde sich der Lächerlichkeit preisgeben, wenn er die Möglichkeit zur Flucht nicht wahrnähme, obwohl bereits alles arrangiert ist.

Zur allgemeinen Überraschung seiner Freunde weist Sokrates jedoch alle Argumente zurück und führt nun seinerseits die Gründe an, weshalb er im Gefängnis bleiben und auf den Tod warten möchte:

  • Eine Flucht käme für ihn einer Gesetzesverletzung gleich, denn schließlich ist jedes, so auch dieses Gerichtsurteil eine legale Rechtssache.
  • Er habe einen Vertrag mit der Stadt Athen und ihren Gesetzen geschlossen und sich verpflichtet, sie bedingungslos anzuerkennen, zu achten und zu schützen.
  • Es habe ihm frei gestanden, bereits zu einem früheren Zeitpunkt ins Exil zu gehen, ein Umstand, den er nicht wahrgenommen habe.
  • Eine Flucht würde negative Folgen haben, nicht nur für seine Familie und seine Freunde, sondern auch für Sokrates selbst, da er in der Fremde als Gesetzesverderber verachtet würde.
  • Eine Flucht würde bedeuten, dass seine Kinder der Heimat beraubt werden.
  • Eine Flucht würde sein ganzes bisheriges Leben, Denken und Lehren lächerlich erscheinen lassen oder machen.

Der Dialog „Kriton“ handelt vom Sinn und Zweck der Befolgung von Gesetzen. Rechtsphilosophisch bedeutsam ist der Hinweis, dass Sokrates nichts unternommen hat, die bestehenden Gesetze zu ändern, er hat sie akzeptiert und akzeptiert sie auch noch im Angesicht des Todes: „Wer nicht gehorcht, der tut Unrecht“, stellt Sokrates schlicht fest. Tatsächlich sieht er das Unrecht nicht in den Gesetzen begründet, sondern in den Menschen, die die Gesetze falsch anwenden, weil sie ihren Sinn und Geist nicht verstanden haben.

Sokrates bekräftigt mit seiner Haltung letztlich auch das antike Verständnis von Dike als der unumschränkten Herrschaft des Rechts. Mit dem Gesetz  gibt sich der Mensch eine strenge Fessel, der sich im Sinne der Isonomie alle unterwerfen müssen. So drückt sich der Staat „objektiv im Gesetz aus, das Gesetz wird König.“ (Jaeger, 152)

Klar ist, dass es Sokrates nicht um das Verhältnis zu seinen vollkommen unbedeutenden Anklägern geht, sondern um sein Verhältnis zu Recht und Gesetz. Sie zu verletzen ist für Sokrates schlimmer als zu sterben, weil er damit das gute und schöne Leben preisgäbe und letztlich seiner gesamten Lebensauffassung widerspräche.

Sokrates Grundanliegen war stets die Sorge um die menschliche Seele. Dies führt er Kriton und den anderen Freunden in diesem Musterbeispiel ethischer Argumentation nochmals vor Augen. Bei existentiellen Fragen ist es nötig, einen kritischen und prüfenden Diskurs zu führen, um herauszubekommen, welches „der beste Satz“, also das vernünftigste Argument in der betreffenden Angelegenheit ist. 

Sokrates (Louvre, Paris)
Das ist das sokratische Verständnis von Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung. Den „besten Satz“ ermittelt man ohne äußeren Druck, in gemeinschaftlichem Gespräch – dem sokratischen Dialog – und in gegenseitigem Austausch der Argumente einschließlich ihrer kritischen Prüfung.

Sokrates weist auf die Gefahr hin, dass man seine Meinung schnell ändert, wenn sich im Leben Widrigkeiten präsentieren, die die vorher akzeptierte Theorie gefährden. Wenn aber „der beste Satz“ gilt, weil er als richtig anerkannt wurde, dann gilt er unabhängig von allen Umständen in jeder Situation.

Das wahrhaft gute Leben ist eben nur möglich, wenn man grundsätzlich die Schädlichkeit und Schändlichkeit des unrechten Handelns erkannt hat und bereit ist, nach der eigenen als richtig erkannten Maxime zu handeln – auch wenn man diese Konsequenz mit dem eigenem Leben bezahlt.

In diesem Bewusstsein hatte Sokrates bereits am Ende seines Prozesses, unmittelbar nach der Verkündigung des Urteil selbstbewusst bemerkt: "Nun aber ist es Zeit fortzugehen, für mich um zu sterben, für euch um zu leben: Wer aber von uns dem besseren Los entgegengeht, das ist allen verborgen, außer Gott" (Platon: Apologie des Sokrates).

Zitate aus: Platon: Apologie des Sokrates - Kriton, beide in: Ges. Werke, Bd.1, Übers. Von F. Schleiermacher, Hamburg 1957 (Rowohlt

Weitere Literatur: Werner Jaeger: Paideia. Die Formung des griechischen Menschen, Berlin 1989 (de Gruyter) --- Christian Meier: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt am Main 1980 (Suhrkamp)


Kommentare:

  1. Sokrates war wirklich cool - im Gegensatz zu den vielen, die zwar von sich selbst glauben cool zu sein, aber eigentlich genau das Gegenteil davon sind und hinter ihrer ach so coolen Fassade nur ihre Angst und Unsicherheit verbergen. Sokrates war einfach cool, weil er authentisch war und allen das sagte, was er wirklich dachte, von sich, von anderen und vom ganzen Rest. Cool!

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