Sonntag, 26. Februar 2012

Isaiah Berlin und die Freiheit


Isaiah Berlin
Isaiah Berlin (1909 - 1997) gehört zu den einflussreichsten Denkern des Liberalismus im 20. Jahrhundert. Bekannt wurde er vor allem durch seine Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit.

Positive Freiheit, Freiheit zu oder auch Freiheit, sein eigener Herr zu sein (211), beschreibt die Möglichkeit der Selbstverwirklichung des Menschen und wird insbesondere verstanden als Freiheit zur individuellen politischen Teilnahme im Rahmen eines demokratisch verfassten Staates.

Es fällt also relativ leicht zu sagen, dass eine demokratische Gesellschaft zugleich auch eine freie ist, weil jeder Bürger dieser Gesellschaft frei ist am politischen Prozess zu partizipieren. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob der Staat überhaupt durch sein politisches Handeln die positive Freiheit der Bürger verwirklichen kann und soll und wenn ja, mit welchen Mitteln er sie erreichen will und in welchem Maße der Einsatz von Zwang dabei erlaubt ist.

Negative Freiheit, Freiheit von oder auch Freiheit als ungestörtes, ungehindertes Tun ohne die Einmischung von außen, „bezeichnet den Bereich, in dem sich ein Mensch ungehindert durch andere betätigen kann“ (201), in dem also keine von einer Regierung, der Gesellschaft oder anderen Menschen ausgehenden Zwänge ein individuelles Verhalten erschweren oder verhindern. 

Besonders interessant ist die Unterscheidung von negativer und positiver Freiheit im Hinblick auf die historische Entwicklung des Freiheitsbegriffes, denn „historisch betrachtet haben sich der `positive´ und der `negative´ Freiheitsbegriff … in entgegengesetzte Richtungen entwickelt, bis sie zuletzt direkt in Konflikt miteinander gerieten“ (211).

So war die Aufklärung im Verbund mit dem Rationalismus und der Wissenschaft in ihren Grundzügen eine Bewegung der positiv verstandenen Freiheit. Für die Anhänger der positiven Freiheit ist das Problem der Macht zentral, stets geht es um die Frage wer herrscht und wie man die Staatsgewalt in die Hand bekommen kann. Sie glauben zudem alles über das Wesen des Menschen zu wissen, wer und was der Mensch ist und worin der Zweck seines Lebens besteht - und sie waren meistens auch bereit, ihr Menschenbild mit Macht und Gewalt durchzusetzen.

Diese Bewegung ist bereits in ihren Anfängen unter der totalitären Herrschaft Robespierres in Terror umgeschlagen. Später wird es der „proletarische Zwang“ sein, der „in all seinen Formen, von der Exekution bis zur Zwangsarbeit, so paradox das klingen mag, die Methode ist, mit der … die kommunistische Menschheit geformt wird.“ (Safranski, 181).

Der Liberalismus, die andere geistige Haltung des 18. Jahrhunderts, wurzelt dagegen im negativen Freiheitsbegriff. Seine Anhänger stehen der Frage der Herrschaft grundsätzlich skeptisch gegenüber, weil sie wissen, dass Macht stets missbraucht werden kann.

Statue of Liberty
Auch in seinen Zielen ist der Liberalismus deshalb bescheidener. Er geht davon aus, dass der Mensch unvollkommen und voller Defekte ist, ein krummes Holz eben. Daher versucht er nun vor allem, die Macht des Staates durch Teilung der Gewalten zu begrenzen.

Das Prinzip der Gewaltenteilung gilt auch für das Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Hier findet der negative Freiheitsbegriff seine klassische Anwendung. Theoretiker wie Locke, Mill  und Toqueville waren der Ansicht, „dass es einen bestimmten persönlichen Freiraum geben müsse, der unter keinen Umständen verletzt werden dürfe; andernfalls fehle dem Individuum jenes Mindestmaß an Platz, das notwendig ist, um jene natürlichen Fähigkeiten zu entwickeln, die es ihm überhaupt erst ermöglichen, die verschiedenen Zwecke, die Menschen für gut, richtig oder heilig halten, zu verfolgen oder auch nur zu erkennen“ (203).

Die Formulierungen der Freiheits- und Menschenrechte  dienen daher dem Zweck, einen individuellen Bereich zu definieren, der vor Eingriffen der politischen Gewalt geschützt werden soll. Der negative Begriff der Freiheit zielt auf die Verteidigung von Grundfreiheiten und definiert Freiheit vorrangig als politisches Freiheitsrecht, als Schutz gegen politische Eingriffe, als Freiheit von der Politik.

Jeder solle vielmehr nach seiner Facon selig werden können. Die existentiellen Fragen der Individuen, Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Moral oder der Religion bleiben der Freiheit und Entscheidungsgewalt des Einzelnen überlassen. Kein Staat hat das Recht, den Menschen auf eine bestimmte Identität, auf eine bestimmte Form der Glückseligkeit oder ein bestimmtes Lebensziel festzulegen, wie wohlwollend und positiv besetzt sie auch sein mögen.

Zitate aus: Isaiah Berlin: Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt am Main 2006 (fischer)
Weitere Literatur: Rüdiger Safranski: Das Böse oder Das Drama der Freiheit, Frankfurt am Main 2004 (fischer)

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