Donnerstag, 17. September 2015

Athur Koestler und der Kommunismus - Teil 1

Arthur Koestler wurde am 5. September 1905 in Budapest geboren. Im Jahr 1919 zog er mit seiner Familie nach Wien und studierte dort ab 1922 Ingenieurwissenschaften, parallel dazu aber auch Philosophie und Literaturwissenschaft. 1930 zog er nach Berlin, wo er stellvertretender Chefredakteur der B.Z. am Mittag wurde und als außenpolitischer Redakteur arbeitete. Im selben Jahr trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei, ohne es bekanntzugeben.

In dem Buch „Ein Gott, der keiner war“ (Erstauflage 1950) beschreibt Arthur Koestler – zusammen mit fünf weiteren Intellektuellen - die Fahrt in den Kommunismus und die Rückkehr aus ihm. Gemeinsam ist ihrem Zeugnis, dass alle den Kommunismus anfänglich als eine Vision des Reiches Gottes auf Erden sahen - genau so wie ihre Vorgänger vor 130 Jahren die französische Revolution. Sie ließen sich nicht durch Zurechtweisungen der Berufsrevolutionäre oder durch die spöttischen Bemerkungen ihrer Gegner entmutigen, „bis jeder von ihnen die Kluft entdeckte, die zwischen seiner eigenen Vision von Gott und der Wirklichkeit des kommunistischen Staates klaffte – und der Gewissenskonflikt erreichte seinen kritischen Punkt.“

Nach seinem Eintritt in die KPD kann Koestler noch seine absolute Ergebenheit der Partei gegenüber unter Beweis stellen: „Die Partei war sowohl moralisch als auch logisch unfehlbar; moralisch, weil ihre Ziele richtig waren, d. h. der Dialektik der Geschichte entsprachen, und diese Ziele rechtfertigten alle Mittel; logisch andererseits, weil die Partei die Vorhut des Proletariats war und das Proletariat die Verkörperung des aktiven Prinzips in der Geschichte darstellte.“

Eine besondere Eigenart des damaligen Parteilebens, mit der Koestler zu kämpfen hatte, war der Proletenkult und die Verachtung der Intellektuellen: „Wir kommunistischen Intellektuellen bürgerlicher Herkunft waren in der Partei geduldet, aber wenig geschätzt; und diese Tatsache wurde uns Tag und Nacht unter die Nase gerieben. Wir wurden geduldet, weil Lenin es so gewollt hatte und weil Sowjetrussland nicht ohne die Arzte, Ingenieure und Wissenschaftler der vorrevolutionären Intelligenz und ohne die verhassten ausländischen Spezialisten auskommen konnte. Aber es wurde uns nicht mehr Vertrauen und Respekt entgegengebracht als der Kategorie „nützlicher" Juden im Dritten Reich, die man mit besonderen Armbinden versah, damit sie nicht durch ein Versehen in die Gaskammern geschoben wurden, ehe ihre Nützlichkeitsspanne abgelaufen war.“

Der ideale Proletarier war stets breitschultrig, mit einem offenen Gesicht und einfachen Zügen dargestellt, so Koestler. „Er hatte ein vollentwickeltes Klassenbewußtsein und einen wohlbeherrschten Sexualtrieb; er war stark und schweigsam, warmherzig, aber wenn nötig auch hart; er hatte große Füße, schwielige Hände und eine tiefe Stimme, mit der er revolutionäre Lieder sang.“


Ideale Proletarier

Proletarier, die nicht Kommunisten waren, waren keine echten Proletarier. Aber auch ein Angehöriger der Intelligenz konnte niemals ein richtiger Proletarier werden, aber es war seine Pflicht, sich soweit wie möglich darum zu bemühen: „Einige versuchten es, indem sie auf die Krawatte verzichteten, Rollkragenpullover und schwarze Ränder an den Fingernägeln trugen. Das wurde jedoch verurteilt; es war Snobismus und Hochstapelei. Der richtige Weg bestand darin, nichts zu schreiben, zu sagen oder vor allem zu denken, was nicht jeder Müllkutscher verstehen konnte. Wir warfen wie Passagiere auf einem sinkenden Schiff alles geistige Gepäck fort, bis es auf das unbedingt erforderliche Minimum an gängigen Phrasen, dialektischen Klischees und marxistischen Zitaten zusammengeschrumpft war (…). Das verwerfliche Privileg, eine bürgerliche Erziehung genossen zu haben, die Fähigkeit, einem Problem mehr als eine Seite abgewinnen zu können, wurde zum Anlass ständiger Selbstvorwürfe.

Die Weimarer Republik ging schon bald ihrem Ende entgegen, aber die Kommunisten „lebten in einem Nebel dialektischer Trugbilder, die uns die Welt der Wirklichkeit verbargen. Die Faschisten waren natürlich Bestien, doch unsere Hauptsorge galt den trotzkistischen Ketzern und sozialistischen Schismatikern. Im „Roten Volksentscheid" von 1931 hatten Kommunisten und Nationalsozialisten in trauter Gemeinschaft gegen die sozialdemokratische preußische Regierung gestimmt; 1932 reichten sie sich beim Berliner Transportarbeiterstreik wieder die Hand. Heinz Neumann, der glänzende junge KPD-Führer, der die Losung „Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft" geprägt hatte, fiel in Ungnade, um etwas später in Rußland liquidiert zu werden, und die Parteilinie zuckte ratlos hin und her in den Vorwehen des Stalin-Hitler-Paktes. Doch die Partei hatte verkündet, daß dieses Jahr 1932 den Triumph der proletarischen Revolution in Deutschland bringen würde; und da wir den wahren Glauben hatten, der göttliche Verheißungen nicht mehr ganz ernst nimmt, waren wir alle fröhlich und wohlgemut.“

KPD-Plakat (1932)
Dennoch verlor die KPD den Kampf gegen den Faschismus: „Wir glaubten, die Angler zu sein, in Wirklichkeit waren wir bloß der Köder am Haken. Das wurde uns nicht bewußt, weil unser ganzes Denken darauf trainiert worden war, jede noch so absurde Parole der Partei als Ausdruck unserer eigensten Wünsche und Überzeugungen hinzunehmen. Der Glaube ist ein wundersames Ding: er kann nicht nur Berge versetzen, er kann den Gläubigen auch überzeugen, daß ein Hering ein Rennpferd ist.“

Es ist ein Grundgesetz der kommunistischen Disziplin, daß jede Kritik an einem Parteibeschluß, sobald dieser gefasst ist, als abweichlerische Sabotage anzusehen ist. Rein theoretisch wäre es nur vernünftig, vor einer Entscheidung über diese zu diskutieren. Da aber alle Entscheidungen von oben herab getroffen werden, gleichsam aus dem blauen Himmel, ohne daß irgendeine Körperschaft der Mitgliedermassen befragt würde, sind die Massen jeden Einflusses auf die Politik der Führung beraubt und sogar der Möglichkeit, ihre Meinung darüber auszudrücken.

Eine der Losungen in der KPD lautete: `An der Front wird nicht diskutiert.´ Eine andere besagte: `Wo immer ein Kommunist sein mag, er ist immer an der Front.´

„Dementsprechend zeichneten sich unsere Diskussionen stets durch völlige Einstimmigkeit der Ansichten aus, und ihr Verlauf war, daß ein Zellenmitglied nach dem anderen aufstand und in gutem Djugaschwilesisch zustimmende Variationen zu dem vom Referenten angeschlagenen Thema vortrug.“

Weitere Risse bekam Koestlers kommunistisches Weltbild angesichts der dialektischen Akrobatik der KPD-Kader: „Was ist der Unterschied zwischen einer Pistole in der Hand eines Polizisten und einer Pistole in der Hand eines Mitglieds der revolutionären Arbeiterklasse? Der Unterschied zwischen einer Pistole in der Hand eines Polizisten und einer Pistole in der Hand eines Mitglieds der revolutionären Arbeiterklasse ist, daß der Polizist ein Lakai der herrschenden Klasse und seine Pistole somit ein Werkzeug der Unterdrückung ist, während dieselbe Pistole in der Hand eines Revolutionärs ein Mittel zur Befreiung der unterdrückten Massen wird.“

Dasselbe gelte für den Unterschied zwischen der sogenannten „bürgerlichen“ Moral und der „proletarischen“ Moral. Die Institution der Ehe, die in der kapitalistischen Gesellschaft lediglich die Verrottung der bürgerlichen Moral widerspiegelt, würde in einer gesunden proletarischen Gesellschaft durch einen dialektischen Funktionswechsel verwandelt. „Hast du das verstanden, Genosse, oder soll ich meine Antwort in konkreterer Form wiederholen?“

Hast du das verstanden, Genosse,
oder soll ich meine Antwort
in konkreterer Form wiederholen?
Das Muster der „Argumentation“ war klar und deutlich erkennbar – für denjenigen, der es erkennen wollte: „Wiederholungen in der Diktion, die Katechismustechnik, eine rhetorische Frage zu stellen und sie bis auf den letzten Buchstaben in der Antwort zu wiederholen; der Gebrauch von stereotypen Adjektiven und das Abtun aller unbequemen Meinungen und Tatsachen durch den einfachen Kniff, sie mit Anführungsstrichen zu versehen und auf diese Weise in einen ironischen Tonfall zu kleiden (die `revolutionäre´ Vergangenheit Trotzkis)…  – all das zusammen ergab jenen Stil, dessen unbestrittener Meister Josef Djugaschwili ist, und der allein schon durch seine Monotonie eine einschläfernde und hypnotische Wirkung erzeugte. Zwei Stunden dieses dialektischen Tam-Tams genügten, um einen vergessen zu lassen, ob man ein Männchen oder Weibchen war – man war dann bereit, das eine oder das andere zu glauben, sobald die falsche Alternative in ironischen Gänsefüßchen erschien. Man war ebenso auch zu glauben bereit, daß die Sozialdemokraten a) den Hauptfeind darstellten und b) natürliche Verbündete waren; daß die sozialistischen und kapitalistischen Länder a) friedlich nebeneinander leben und b) unmöglich friedlich nebeneinander leben konnten, und daß, als Engels schrieb, daß der „Sozialismus in einem Lande" unmöglich sei, er genau das Gegenteil gemeint hatte. 

Man lernte außerdem, mit Hilfe von Kettenschlüssen zu beweisen, daß jeder, der eine andere Meinung als die eigene vertrat, ein Agent des Faschismus war, weil er a) durch seine abweichlerischen Ansichten die Einheit der Partei gefährdete, b) durch diese Gefährdung der Parteieinheit die faschistischen Siegesaussichten erhöhte und daher c) `objektiv´ als Agent des Faschismus handelte, selbst wenn ihm die Faschisten `subjektiv´ in Dachau die Nieren zu Brei geschlagen haben sollten.“

Begriffe wie „Agent des ...", „Demokratie", „Freiheit" usw. hatten im Parteijargon schlicht eine völlig andere Bedeutung als im üblichen Sprachgebrauch.

(Fortsetzung folgt)



Zitate aus: Ein Gott, der keiner war. Arthur Koestler, Ignazio Silone, Andre Gide, Louis Fischer, Richard Wright, Stephen Spender, schildern ihren Weg zum Kommunismus und ihre Abkehr. Mit einer Einführung von Prof. Wolfgang Leonhard und einem Vorwort von Richard Crossman, Erstauflage 1950) Zürich 2005 (Europa Verlag AG)




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