Donnerstag, 15. Januar 2026

Lutz Klevemann und das Massaker von Smyrna (1922)

Im vierten Kapitel seines Buches „Smyrna in Flammen“ zeichnet Lutz Kleveman ein Bild der Levante, das mit den Kategorien des Nationalstaats kaum zu fassen ist. „Fluide Levante“ – dieser Begriff ist programmatisch. Er verweist auf eine Welt, die sich nicht aus Territorien, ethnischen Homogenitäten oder nationalen Mythen speiste, sondern aus Bewegung, Austausch und maritimer Offenheit. Smyrna, die spätere Izmir, erscheint in dieser Perspektive nicht als osmanische Provinzstadt, sondern als ein Knotenpunkt einer mediterranen Moderne, deren Logik vom Meer bestimmt war.

Smyrna vor 1922 (Griechische Postkarte, Autor: Unbekannt) 


Kleveman fasst diese Eigenart der Levante in einer prägnanten Formulierung zusammen: „Die Levante war ein geographischer Begriff, frei von nationalen und religiösen Konnotationen. Sie wurde nicht von Regierungen oder Staaten definiert, sondern vom Meer.“ In diesem Satz verdichtet sich eine ganze Weltanschauung. Das Meer fungiert hier nicht nur als Verkehrsraum, sondern als ordnendes Prinzip: Es verbindet Küsten, Städte und Menschen jenseits politischer Grenzen. Smyrna war eine solche Stadt – offen, durchlässig, international.

Vor dem Ersten Weltkrieg war Smyrna eine abendländisch geprägte Metropole. Ihre Architektur, ihre Handelsbeziehungen, ihre Bildungsinstitutionen und ihr gesellschaftliches Leben waren tief in den europäischen Kulturraum eingebettet. Konsulate, Handelshäuser, Missionsschulen und Zeitungen in zahlreichen Sprachen prägten das Stadtbild. Französische, deutsche, italienische und britische Einflüsse waren allgegenwärtig, nicht zuletzt durch die levantinischen Familien, die seit Generationen zwischen Marseille, Livorno, Alexandria und Smyrna verkehrten.

Dominant aber war – und hier folgt Kleveman der neueren Forschung – die griechische Bevölkerung. Die Griechen stellten nicht nur einen erheblichen Teil der Einwohnerschaft, sondern prägten Wirtschaft, Bildung und städtische Kultur in entscheidender Weise. Smyrna war in vieler Hinsicht eine griechische Stadt, eingebettet in einen osmanischen Rahmen, der über einen langen Zeitraum bereit war, diese Vielschichtigkeit zu tolerieren. Griechisch war Verkehrssprache, die orthodoxe Kirche ein zentraler Akteur des öffentlichen Lebens, und die Erinnerung an die ionische Antike stets präsent.

 

Der Hafen von Smyrna vor 1922 (Griechische Postkarte, Autor: Unbekannt) 

Klevemann ist mit Blick auf die Rolle der Türken, bzw. der muslimisch-türkischen Bevölkerung in diesem kosmopolitischen Smyrna eindeutig: Sie waren zwar Teil der Stadt, aber nicht ihr kulturelles Zentrum. Die maritime, nach Westen offene Lebenswelt Smyrnas war nicht die ihre. Die türkischen Viertel lagen eher im Hinterland, abseits der Kais, der Handelshäfen, der europäischen Boulevards. Smyrna war eine Stadt des Handels und der Schifffahrt, und genau hier lag der kulturelle Abstand.


Mit dem Aufkommen des türkischen Nationalismus, den Kleveman in den folgenden Kapiteln des Buches detailliert nachzeichnet, geriet diese fluide Ordnung unter massiven Druck. Die Idee einer homogenen Nation vertrug sich nicht mit einer Stadt, deren Identität gerade in ihrer Vielheit lag. Smyrna verkörperte alles, was der nationalistische Blick als fremd, dekadent oder bedrohlich empfinden musste: Mehrsprachigkeit, religiöse Pluralität, europäische Lebensstile, griechische Dominanz.

Vor diesem Hintergrund ist für Kleveman die Katastrophe von 1922 nicht „nur“ ein bloßes Kriegsverbrechen oder eine tragische Eskalation, sondern ein bewusster Akt der Zerstörung. Das Feuer von Smyrna richtete sich nicht nur gegen Menschen und Gebäude, sondern gegen eine ganze Lebensform. Die „Perle der Ägäis“ musste verschwinden, weil sie dem neuen nationalen Narrativ widersprach. In der Logik der Nationalstaaten war für eine vom Meer definierte Stadt kein Platz mehr.

 

Die Brandkatastrophe von Smyrna - vom britischen Kriegsschiff HMS Kind George V. aus gesehen (Foto: Unbekannt)

Smyrna wurde mit Vorbedacht und sehr gezielt durch eine exakt geplante und am 13. September 1922 gelegte Feuersbrunst zerstört, die tagelang wütete und deren Rauchsäule bis Konstantinopel zu sehen war. Im griechischen Smyrna waren türkische Soldaten und ihre zivilen moslemischen Helfer die Brandstifter. Einen militärischen Anlaß gab es nicht, das zwischenmenschliche Klima in der Stadt war bis zu diesem Tag trotz des immer radikaleren moslemisch ausgerichteten jungtürkischen Regimes im Osmanischen Reich stets weltoffen und multikulturell geblieben.


Die Deutung Klevemanns der Ereignisse ist durchaus herausfordernd, aber sie besitzt eine innere Stringenz. Smyrna war kein Randphänomen, sondern ein Gegenmodell. Ihre Existenz stellte die Grundannahmen des türkischen Nationalismus infrage. Dass gerade ausschließlich die griechischen Viertel und die europäischen Zonen den Flammen zum Opfer fielen, erscheint in dieser Perspektive nicht zufällig. Es ging darum, das levantinische Smyrna auszulöschen und an seine Stelle eine andere, eine „ethnisch gereinigte“ Stadt zu setzen.


Klevemanns Kapitel „Fluide Levante“ ist damit mehr als eine historische Beschreibung. Es ist eine Meditation über verlorene Möglichkeiten der Moderne. Smyrna steht für eine alternative Geschichte Europas und des östlichen Mittelmeers – eine Geschichte, in der Zugehörigkeit nicht über Blut und Boden, sondern über Handel, Bildung und kulturellen Austausch definiert wurde. Dass diese Welt unterging, ist eine Tragödie, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen.

 

Die mit Flüchtlingen überfüllt Hafenmole nach dem Brand (Foto: Unbekannt)

Die Zerstörung Smyrnas markiert nicht nur das Ende einer Stadt, sondern das Ende einer Denkform. Die fluide Levante, vom Meer zusammengehalten, wurde von der harten Logik der Nationen hinweggefegt. Klevemanns Buch erinnert daran, dass diese Welt existiert hat – und dass ihr Untergang kein Naturereignis war, sondern das Resultat bewusster Entscheidungen im Zeichen des Nationalismus.


Zitate aus: Lutz Klevemann: Smyrna in Flammen: Der Untergang der osmanischen Metropole 1922 und seine Folgen für Europa, Berlin 2022 (Aufbau-Verlag)

 

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