Donnerstag, 11. Februar 2016

Friedrich A. Hayek und die Verwertung des Wissens für die Gesellschaft

Friedrich A. Hayek (1899 - 1992)
Im September 1945 veröffentlichte Friedrich August von Hayek in der „American Economic Review“ einen Artikel unter dem Titel „The Use of Knowledge in Society“ (Die Verwendung des Wissens für die Gesellschaft). Darin legt Hayek in beeindruckender Weise dar, weshalb jedes staatliche System wirtschaftlicher Zentralplanung mit unüberwindlichen Geburtsfehlern behaftet ist und zwangsläufig scheitern muss.

Schon ein Jahr vorher hatte Hayek in seinem Buch "The Road to Serfdom" (Der Weg zur Knecht-schaft) aufgezeigt, dass der Sozialismus zwar vollmundig die Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung und eine neue Welt der Freiheit und des Wohlstands für alle verspricht, dass aber die Konzentration von Macht und Kontrolle in den Händen einer kleinen elitären Regierung, welche alle Angelegenheiten der Gesellschaft zentralistisch planen will, unweigerlich zur Einschränkung und schließlich zur Abschaffung sämtlicher persönlicher und bürgerlicher Freiheiten führen würde.

„Allen Träumen und Versprechungen ‚demokratischer’ Sozialisten zum Trotz würde der Staat alle Produktionsmittel beherrschen. Es würden dann nur noch die Informationen in Büchern und Zeitschriften abgedruckt, die der Gesinnung der Regierung entsprechen. Wäre der Staat erst einmal im Besitz aller Ressourcen, Produktionsmittel und Maschinen, dann würde er unweigerlich bestimmen, welche Konsumgüter zulässig sind und von den Bürgern als wünschenswert erachtet werden sollten (...)

In einem solchen System würde das Schicksal jedes Individuums von einem einzigen allmächtigen Anbieter abhängen, aus dessen Fängen es kein Entrinnen gäbe, da der Staat alles besitzt, alles kontrolliert und alles plant. Dann gäbe es auch keine Privatsphäre mehr, in der es sich abseits von den zentralplanerischen Händen des Staates leben ließe.“

„Der Weg zur Knechtschaft“ ist nicht nur harsche Kritik an den totalitären Rezepten des Sozialismus, sondern zugleich auch ein Plädoyer für die Würde und Unantastbarkeit des Individuums und für eine unabhängige Gesetzgebung, die den Schutz der Bürger vor Staatsmacht und –wilkür garantieren soll.

In dem erwähnten Aufsatz „Die Verwertung des Wissens für die Gesellschaft“ baut Hayek seine Ideen nun weiter aus: „Damit eine zentralistisch orchestrierte Planung überhaupt funktionieren könne, müsse demnach ein zentralplanerisches Organ im Besitz vollständigen, allumfassenden Wissens sein, um unter der Berücksichtigung aller relevanten Fakten den bestmöglichen Gebrauch und die effizienteste Verwendung der verschiedenen physischen Ressourcen sowie der immateriellen, menschlichen Kenntnisse sichern zu können.“

Nun ist offensichtlich, dass dieses Wissen weder an einem einzigen Ort noch in einem einzigen Kopf, geschweige denn in den verschiedenen Köpfen einer Gruppe existieren kann: „Das „Wissen dieser Welt“ ist vielmehr verstreut und auf die unzähligen Köpfe der Mitglieder einer Gesellschaft verteilt, wovon jeder verglichen mit der Gesamtheit des vorhandenen Wissens in der Gesellschaft lediglich einen kleinen Teil verfügbar hat und versteht.“

Für Hayek steht fest, dass dieses „spezifische Wissen von Zeit und Ort“ allein in der Interaktion im sozialen System der Arbeitsteilung erworben werden kann. „Es geht beispielsweise aus der Beschäftigung in einem bestimmten Berufszweig, einer bestimmten Firma oder Unternehmung hervor. Es entstammt der Zusammenarbeit mit bestimmten Personen, der Arbeit an bestimmten Maschinen oder mit bestimmten Werkzeugen, die dazu dienen, bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen mit dem Ziel, in einem Marktwettbewerb zu bestehen.“

Das Wissen muss dezentralisiert werden ...
Das Wissen muss also dezentralisiert werden, will man beispielsweise Entscheidungen und Handlungen auf der Produktionsseite mit den Bedürfnissen auf der Konsumenten-seite erfolgreich und für beide Seiten zufriedenstellend in Einklang bringen. Solch komplexe, komplizierte und sich ständig verändernden Sachverhalte lassen sich zentral jedenfalls unmöglich organisieren.

Hayek begreift persönliche Freiheit nicht nur als wünschenswerte Voraussetzung, sondern auch als Bedingung für menschliche Interaktion und Kooperation „zum gegenseitigen Vorteil und zur allgemeinen Besserstellung menschlichen Lebens.“ Daher kann auch nur der freie Markt und der auf Wettbewerb basierende Kapitalismus das Problem der effizienten Verwendung von Wissen in der Gesellschaft lösen.

Die sozialistische Zentralplanung jedenfalls „mit ihrem inhärenten Hang zur Machtkonzentration in den Händen einer kleinen politischen Behörde [ist] nicht nur eine Bedrohung für die Freiheit und Würde des Menschen – ein ‚Weg zur Knechtschaft’ –, sondern auch wirtschaftlich eine Sackgasse, in der sich weder Produktionseffizienz noch die praktische Verwertung verteilten Wissens verwirklichen lässt.“

Mittlerweile gehört der real existierende Sozialismus seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Niedergang der Sowjetunion der Vergangenheit an und kein Staat weltweit – mit Ausnahme Nordkoreas – setzt noch auf zentrale Wirtschaftsplanung. Heute ist daher die entscheidende Frage vielmehr, „wie der Staat in den Markt eingreifen und diesen regulieren soll, welche Formen der Markt also annehmen soll.“

Staatliche Regulierungsabsichten können gleichwohl als ein schier unüberwindliches Hindernis für einen dynamischen Markt wirken. Gerade „in einer Welt, in der Veränderung ein fester und unaufhaltsam schneller Bestandteil ist, sind Flexibilität und Anpassungsfähigkeit Schlüsselelemente für den Erfolg.“

Gesetze und Regulierungen dagegen wirken häufig wie „eine Zwangsjacke, welche die unternehmerische Fähigkeit, von ständig wechselnden Rahmenbedingungen zu profitieren, begrenzen und hemmen, da alle Antworten, Änderungen und Anpassungen den vorliegenden, dem Markt aufgezwungenen Regeln und Vorschriften zu entsprechen haben.“

Auf diese Weise aber würden die im Markt agierenden Individuen daran gehindert werden, ihr vorhandenes Wissen bestmöglich einzusetzen. „Verheerend ist dabei insbesondere, dass der Staat als Regulator gerade daran scheitert, als Stellvertreter für die unzähligen, ihren spezifischen Platz in der Arbeitsteilung einnehmenden Personen angemessen zu planen und entsprechend zu handeln.“

Staatliche Regulierungswut

Jahrzehntelang verteidigten Sozialisten und andere Befürworter staatlicher Interventionspolitik die These, dass ein komplexes wirtschaftliches und gesellschaftliches System einer genauen Steuerung bedürfe, „weil es für das Individuum schlichtweg zu unüberschaubar sei. Je komplizierter die gesellschaftliche Ordnung und die Beziehungen innerhalb dieses Gefüges, desto unentbehrlicher sei eine starke, zentralisierende politische Hand, die sicherstellen solle, dass weder Chaos noch Unordnung ausbrechen würden.“

Hayek  dagegen bestand darauf, „dass gerade bei zunehmender Komplexität eines gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Systems kein Individuum und keine kleine Elite in der Lage seien, dieses zu verstehen oder gar zu planen oder zu kontrollieren.“ Nur in einem freier Markt ließen sich Gesamtheit „einzelner, abertausender menschlicher Beziehungen in der Gesellschaft bei weitem besser“ koordinieren, als dies jedes zentrale Organ vollbringen würde.

Wenn man möchte, dass das zunehmend komplexer werdende „Wissen dieser Welt“ zum Vorteil aller verwendet wird, dann „sollten jene ihre eigenen Entscheidungen treffen, die darüber in dezentralisierter Weise verfügen und am besten wissen, wie sie es in ihren eigenen Handlungen und im Umgang mit anderen einsetzen sollen. Wir sollten zulassen, dass dieses verstreute Wissen in einer zunehmend globalisierten Welt des Handels, der Kultur und der Kreativität effizient koordiniert wird.“

Zitate aus: Richard Ebeling: Warum der Staat die Gesellschaft nicht steuern kann, LI-Paper, Oktober 2015, Liberales Institut, Zürich 2015

Weitere Literatur: Friedrich August von Hayek: Der Mensch in der Planwirtschaft, in: Simon Moser (Hg.): Weltbild und Menschenbild. Internationale Hochschulwochen des österreichischen College Alpbach-Tirol, Innsbruck-Wien 1948 (Tyrolia-Verlag) -- Friedrich August Hayek: Der Weg zur Knechtschaft, München 2007 (Olzog)


Donnerstag, 4. Februar 2016

Eduard Hanslick und die bürgerliche Hausmusik

Zu den Mosaiksteinen der bürgerlichen Kultur gehörte stets „eine positive Grundhaltung gegenüber selbstbestimmter, eigenverantwortlicher, regelmäßiger Arbeit und – damit eng verbunden – Tugenden wie Fleiß und Sorgfalt, die Pflichterfüllung im beruflichen und privaten Alltag, die Neigung zur durchdachten Lebensführung, zum Tagesrhythmus nach dem Stundenplan.“

Zum Ensemble der bürgerlichen Lebensweise gehörte aber auch „die Betonung von Erziehung und Bildung, eine empathisch-emphatische Beziehung zur Welt der Kunst, Respekt vor der Wissenschaft und nicht zuletzt die Konzeption und weitgehende Realisation eines spezifischen Familienideals.“
 
Hausmusik ... ein unverzichtbarer Teil der bürgerlichen Lebenswelt

Eine besondere Rolle innerhalb der bürgerlichen Lebenswelt spielte von Anfang an die „Hausmusik“, bei der Konzerterlebnisse in den eigenen vier Wänden im Kleinen inszeniert wurden. Hausmusik war eine ureigene bürgerliche Kunstform, mit der gleichzeitig familiäre Gemeinsamkeiten und musikalische Begabungen zelebriert und von Zeit zu Zeit auch einer ausgewählten Öffentlichkeit präsentiert wurden.

Als bürgerliches Hausinstrument übernahm das Klavier hierbei eine tragende Rolle, Gunilla Budde zufolge aus drei Gründen:

„Erstens kam es als das Individualinstrument schlechthin dem Streben des Bürgertums nach individuellem Ausdruck vortrefflich entgegen. Ganze Symphonien und Opern ließen sich mit zwei Händen darauf intonieren. Entsprechende Notenliteratur, die im Laufe des 19. Jahrhunderts den Musikmarkt überschwemmte, trug dem Wunsch Rechnung, von Zeit zu Zeit den Konzertsaal in den bürgerlichen Salon zu holen.

Zweitens entsprach das Pianoforte dem bürgerlichen Ordnungssinn. Buchstäblich schwarz auf weiß lagen die Töne auf Anschlag bereit. Und es waren „richtige“ Töne, die Anfänger erzeugen konnten. Relativ bald, nach einigem Fleiß, ließ sich bereits ein Stück Klaviermusik meistern.
 
" ... es waren „richtige“ Töne, die Anfänger erzeugen konnten!" 

Drittens war das Klavier allein durch sein Format und seine Doppelfunktion als Musikinstrument und Möbelstück geradezu prädestiniert, dem Besucher bürgerlicher Wohnstätten sehr augenscheinlich die Kultiviertheit ihrer Bewohner vorzuführen.“

Das Klavier manierlich zu spielen, war vornehmlich Aufgabe der Bürgertöchter. Besonders bei Anlässen, die der Selbstdarstellung der Familie dienlich waren, hatten sie ihr Können unter Beweis zu stellen. Kleine, kurze und beherrschbare Stücke waren dafür gefragt. „Nocturnes“, „Walzer“ und „Préludes“ von Chopin, „Kinderszenen“ und das „Album für die Jugend“ von Schumann, Mendelssohns „Lieder ohne Worte“ oder auch Nils Gades „Aquarellen“ gehörten zum beliebten und durchaus anspruchsvollen Programm.

Diese Entwicklung rief schließlich auch musikbegeisterte Kritiker auf den Plan. Der bekannte Kritiker des 19. Jahrhunderts, Eduard Hanslick, mahnte in seinem „Brief über die ‚Clavierseuche‘“ vor zu weitgehendem elterlichen Ehrgeiz, die Träume ihrer Töchter von einer Karriere als Pianistin zu unterstützen. „Eine `massenhafte Drillung von Pianisten´ ginge laut Hanslick nur mit einem „Anwachsen eines bedauernswerthen musikalischen Proletariats“ einher. Der Kunst sollte fern der Arbeitswelt gefrönt werden, zum bürgerlichen „Brotberuf“ indessen tauge sie nicht.

Die Qualen der Clavierseuche ...
In dem gleichen Brief beschreibt Hanslick aber auch die Qualen des nachbarlichen Klavierspielens – eine Darstellung, die wohl nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat:

„Die Qualen, die wir täglich durch nachbarlich klimpernde Dilettanten oder exercirende Schüler erdulden, sind in allen Farben oft genug geschildert. Ich glaube allen Ernstes, daß unter den hunderterlei Geräuschen und Mißklängen, welche tagsüber das Ohr des Großstädters zermartern und vorzeitig abstumpfen, diese musikalische Folter die aufreibendste ist.

In irgend eine wichtige Arbeit oder ernste Lektüre vertieft, der Ruhe bedürftig, oder nach geistiger Sammlung ringend, müssen wir wider Willen dem entsetzlichen Clavierspiel neben uns zuhören; mit einer Art gespannter Todesangst warten wir auf den uns wohlbekannten Accord, den das liebe Fräulein jedesmal falsch greift, wir zittern vor dem Laufe, bei welchem der kleine Junge unfehlbar stocken und nun von vorn anfangen wird. …

Könnte und wollte man übrigens einige tausend Städter von den Qualen nachbarlichen Clavierspielens befreien, so müßte man eben so vielen Tausenden ihre beste, oft einzige Freude und Erholung rauben, den Fachmusikern oft geradezu ihre Existenz. Ja, das Merkwürdigste ist, daß in sehr vielen, vielleicht in den meisten Fällen, hier Kläger und Beklagter, Selbstspieler und Angeklagter in demselben Individuum zusammenfallen; den gerade wir, die wir unter den unerbetenen nachbarlichen Klängen am empfindlichsten leiden, sind in der Regel selbst musikalisch und musicirend.

Wir fangen selber an, wenn der Andere aufhört, und so dreht sich die Klage im ewigen Kreise.“

Zitate aus: Gunilla Budde: Blütezeit des Bürgertums. Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert, Darmstadt 2009 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)   -   Eduard Hanslick: Ein Brief über die ‚Clavierseuche‘, in: Die Gartenlaube 35, 1884, S. 572–575.



Donnerstag, 28. Januar 2016

Carlo Strenger und die zivilisierte Verachtung (Teil 4)

Zivilisierte Verachtung und die Religion


Wann ist eine religiöse Position
der zivilisierten Verachtung würdig? 

Die von Carlo Strenger vertretene Kultur der Zivilisierten Verachtung beruht gleichermaßen auf dem Prinzip der verantwortlichen Meinungsbildung und dem der Menschlichkeit. Insbesondere bei den Themen, bei denen Religion und säkularer und demokratischer Liberalismus aufeinandertreffen, kann das Prinzip der zivilisierten Verachtung helfen, die Streitpunkte zu identifizieren und präzise zu fassen - und damit auch feststellen zu können, wann eine religiöse Position der zivilisierten Verachtung würdig ist.

Dies ist immer dann der Fall, wenn sie den sogenannten „Ärztetest“ nicht besteht. Der Ärztetest besagt, dass Menschen in der Regel – wenn es um ihre eigene Gesundheit geht - keineswegs alle medizinischen Richtungen für gleichwertig halten, sondern lieber zum erprobten Chirurgen als zum Wunderheiler gehen. Ähnliches gelte für persönliche Finanzfragen, bei denen auch kaum jemand zum Relativismus neigt sei. Den Ärztetest einzufordern bedeutet letztlich, auch in gesellschaftlichen Debatten und Diskursen wissenschaftliche Mindeststandards verlangen: "Zivilisierte Verachtung ist dann angebracht, wenn Menschen sich diesen Anforderungen entziehen." 

Den Worten Jürgen Habermas zufolge leben wir in einem „postsäkularen Zeitalter“, was bedeutet, dass letztlich jede moderne Gesellschaft damit zurechtkommen muss, „dass Religionen fürs Erste ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens bleiben werden.“ 

Nun scheint Religion eines der Themen zu sein, an dem das Toleranzprinzip an seine Grenzen zu stoßen scheint: „Immer wieder stellt sich konkret die Frage, ob religiöse Praktiken toleriert werden können, die mit zentralen Grundwerten der Aufklärung (etwa der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz) nicht vereinbar sind.“

Das Toleranzprinzip behauptet nicht,
jede religiöse Aussage respektieren zu müssen!
Wichtig dabei ist, sich bewusst zu machen, dass das Toleranzprinzip der Aufklärung nie behauptet hat, „wir seien verpflichtet, Glaubenssätze von Religionen zu respektieren, die wir mit guten Argumenten für irrational, unmoralisch oder gar unmenschlich halten. Das Toleranzprinzip besagte allein, dass keine kirchliche, religiöse oder staatliche Instanz das Recht hat, Menschen einen Glauben aufzuzwingen, und dass jeder Mensch in der Lage sein soll, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben.“

Dabei argumentierten die Aufklärer stets mit der Tatsache, dass Dogmen oder Glaubenssätze sich nicht empirisch oder logisch begründen lassen und es daher unmoralisch wäre, Menschen zu etwas zu zwingen, wovon man sie rational nicht überzeugen kann. 

Die Konsequenz aus diesem Argument ist, dass keine religiöse Autorität sich über eine vernünftige Kritik stellen könnte und auch nicht dürfte: „Die Vorstellung unumstößlicher Autoritäten, die sich nicht mit Argumenten rechtfertigen müssen, ist mit der Aufklärung obsolet geworden.“

So mag beispielsweise die Geschichte von der Opferung Isaaks, die in den abrahamitischen Religion eine fundamentale Rolle für das Gottesbild hat, in der Zeit, in der sie entstand, noch akzeptabel gewesen sein, in unserer Zeit ist sie in ihrer Grundaussage gleichwohl „hochproblematisch.“ Strenger zufolge dürfe man also sehr wohl fordern, „dass gewisse Tatsachenbehauptungen dem Ärztetest unterzogen werden. Aussagen, die ihn nicht bestehen, sollten dann in bestimmten Kontexten keine Rolle spielen.“

Strenger ist sich gleichwohl darüber im Klaren, dass die Mehrheit der abrahamitischen Konfessionen und Strömungen die kompliziert Arbeit einer „Entmythologisierung“ jedoch noch vor sich haben, „weshalb viele der von ihnen vertretenen Positionen den Ärztetest nicht passieren würden. Als Beispiel sei nur das Prinzip der Gleichberechtigung von Männern und Frauen genannt. 

Die Opferung Isaaks (Marc Chagall)
Man kann nun natürlich fragen, warum Religionen einen solchen Test überhaupt als legitim akzeptieren sollten? Die Antwort ist einfach: weil der überwiegende Teil ihrer Anhänger den Ärztetest auf mehr oder weniger alle Lebensbereiche anwendet – außer auf den eigenen Glauben.“ Der Widerspruch liegt einfach darin, dass diese Religionen gleichzeitig Tatsachenbehauptungen vertreten, die großen Einfluss auf das Wohlergehen einer Vielzahl von Menschen haben, dem Ärztetest aber nicht standhalten. 

Strenger hält den Ärztetest im Hinblick auf religiöse Positionen deshalb für sinnvoll, „da wir mit ihm über ein leicht zu handhabendes Instrument verfügen, um Religionen denselben Standards in puncto Verantwortlichkeit und Rationalität zu unterwerfen, die wir auch an andere öffentliche Institutionen richten.“

Das Grundrecht der Religionsfreiheit, das für die Aufklärer so wichtig war und „ohne das wir ins Zeitalter der Inquisition und der Religionskriege zurückfallen würden“, wird dadurch nicht angetastet. Dies bedeutet jedoch gerade nicht, „dass Religionen über alle Kritik erhaben sind: In dem Moment, in dem sie Tatsachenbehauptungen aufstellen, die Menschenleben und die menschliche Würde betreffen, müssen sie den Anforderungen entsprechen, welche auch die meisten religiösen Menschen an die Vertreter jenes Berufsstandes richten, dem sie ihre Gesundheit anvertrauen. Und damit sind wir wieder beim Ärztetest.“

Diese Forderung ist, darüber ist sich Strenger bewusst, nicht immer leicht zu ertragen. Aber eine Kultur der zivilisierten Verachtung verlangt „von uns allen, Kränkungen auszuhalten, die mit Kritik an unserer eigenen Weltanschauung fast notwendigerweise verbunden sind (…)

Wir müssen Kränkungen unserer eigenen
Weltanschauung aushalten können!
Wirkliche Freiheit zur Kritik, ob diese nun wissenschaftlich, poetisch oder satirisch vorgetragen wird, kann es nur dann geben, wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft fähig sind, zivilisierte Verachtung für ihre Positionen auszuhalten und in einer bestimmten Hinsicht zu akzeptieren.“

Natürlich ist es schwierig, nicht gekränkt zu sein, „wenn Säulen der eigenen Kultur attackiert oder zum Gegenstand von Satire werden“ und es ist sicherlich kein Wunder, wenn die Reaktionen der Gekränkten oft heftig ausfallen.

Aber es ist unvermeidlich, insbesondere im Zeitalter der Globalisierung, weltweit die Fähigkeit, Kränkungen zu ertragen, einzufordern: „Wenn wir uns einem radikalen Islam beugen, der Karikaturen aus Dänemark und Romane aus Großbritannien von Teheran oder Karatschi aus zum Casus Belli erklärt und damit Gewaltexzesse in Kopenhagen, Oslo oder Paris rechtfertigt, kann nirgends mehr frei gesprochen und geschrieben werden. Schon die Rushdie-Affäre hat uns gelehrt, dass zu viel Verständnis für religiöse Empfindlichkeiten die falsche Taktik ist. 

Wenn Kollektive, ob es sich dabei nun um Muslime handelt, die sich durch Karikaturen verletzt fühlen, um christliche Fundamentalisten, die gegen Abtreibungsärzte vorgehen, oder um ultraorthodoxe Juden, die Frauen hinauswerfen, die sich im Bus nicht nach hinten setzen wollen, zu dem Schluss gelangen, dass sie mit Gewalt ihre Ziele erreichen können, ist die liberale Grundordnung insgesamt bedroht.“

Gegen die notorische Behauptung, die Aufklärung sei letzten Endes fehlgeschlagen, müsse im Anschluss an Habermas immer betont werden, dass die Aufklärung per definitionem „ein unvollendetes Projekt“ ist. „Die Idee, die Aufklärung sei eine politische Heilslehre, die den Menschen die Erlösung bringen werde, ist eine Fehlinterpretation, die schon oft zu katastrophalen Konsequenzen führte. Die Aufklärung im eigentlichen Sinne ist ein nie endender Prozess, im Rahmen dessen die Menschheit sich immer wieder bewusst macht, dass es für kein Problem“ eine endgültige Lösung gibt.

Nicht erst seit Popper dürfte klar sein, dass menschliches Wissen ist immer vorläufiger Natur ist, „weshalb die Selbstkorrektur durch Kritik die einzige Möglichkeit darstellt, neu auftauchende Probleme anzugehen. Das Umfeld, in dem solche endlosen Lernprozesse am besten funktionieren, ist eine offene Gesellschaft.“ 

Offene Gesellschaft und Kritik, statt Totalitarismus und politische Korrektheit

Mit dem Ziel, ein Abrutschen in totalitäre Systeme zu verhindern, ist das Prinzip der zivilisierten Verachtung als ein Hilfsmittel der prinzipiell unvollendeten Aufklärung zu verstehen und muss in diesem Kontext gedacht werden. „Wirklich zivilisiert ist Verachtung aber nur dann, wenn sie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und einer konsistenten Argumentation basiert, die jederzeit stringenter Kritik unterworfen werden kann und nicht als Vorwand gebraucht wird, um Andersdenkende zu erniedrigen und ihre Menschenrechte einzuschränken.“ 

Der Westen, so der große französische Historiker Fernand Braudel, kann durchaus als eigene Zivilisation bezeichnet werden kann, „in deren Zentrum der Begriff der Freiheit steht.“, Diese Erkenntnis mit Hilfe der politischen Korrektheit über Bord zu werfen, wäre grob fahrlässig. An die Stelle von Ideologien muss also wieder die individuelle Freiheit gesetzt werden, sowie das Recht, „sein Leben nach bestem Wissen und Gewissen selbst zu gestalten, Meinungen offen zu äußern und sich vor keiner Autorität fürchten zu müssen.“

Zitate aus: Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit, Berlin 2015 (Suhrkamp)




Donnerstag, 21. Januar 2016

John Locke und die Erziehung

Es gehörte zu den tiefsten Überzeugungen von John Locke, dem großen englischen Aufklärer, dass jeder Mensch selbst denken kann – und wer es dennoch nicht vermag, kann dazu angeleitet werden.

Genau dies ist das Thema der Gedanken über Erziehung (Some Thoughts concerning Education, 1693), ein pädagogisches Programm, wie junge Menschen so geleitet werden können, dass sie schließlich, ihrer eigenen Führung anvertraut, als mündiger Bürger ihre geistige und politische Freiheit sinnvoll zu gebrauchen wissen.

Lockes Werk ist mit Sicherheit keine vollständige und systematische Abhandlung über die Erziehung und es bietet auch keine systematische Philosophie der Erziehung. Aber Lockes Gedanken regen zum verantwortungsvollen Selbstdenken an, und sie „möchten denen ein klein wenig Licht geben, die in der Sorge um ihre lieben Kleinen so ungewöhnlich kühn sind, daß sie es wagen, bei der Erziehung ihrer Kinder lieber ihre eigene Vernunft zu befragen, als sich ganz auf Altüberkommenes zu verlassen.“

Weil Locke erkenntnistheoretisch davon ausging, dass der menschliche Verstand bei der Geburt wie ein unbeschriebenes Blatt ist, war er überzeugt davon, dass man schon sehr früh ansetzen musste, um Fehler in der Erziehung zu vermeiden und die jungen Menschen für das praktische Leben zu bilden.

Locke ist davon überzeugt, dass neun von zehn Menschen durch die Erziehung zu dem werden, was sie sind, gut oder böse, nützlich oder unnütz, vernünftig oder verwirrt. Erziehung ist es, „welche die großen Unterschiede unter den Menschen schafft. Die kleinen oder nahezu unmerklichen Eindrücke auf unsere zarte Kindheit haben sehr bedeutende und dauernde Folgen.“

Im Zentrum von Lockes pädagogischen Gedanken finden wir die Figur eines körperlich gesunden und geistig regen Gentleman. Der Gentleman ist für Locke die Modellperson für ein glückliches Leben in einem liberalen Staat vernünftiger Menschen. An sie richtet sich Lockes Anspruch: „Die gute Erziehung der Kinder ist so sehr eine Sorgepflicht der Eltern, Wohlfahrt und Gedeihen der Nation hängen so sehr davon ab, dass ich sie jedermann ernstlich ans Herz legen möchte.“

John Locke (1632 - 1704)
Gleich im ersten Satz seiner Gedanken zitiert Locke den römischen Moralisten und Satiriker Juvenal: „Ein gesunder Geist in einem gesunden Leib, das ist eine kurze, aber vollständige Beschreibung eines glücklichen Zustandes in dieser Welt.“ Mens sana in corpore sano! - statt all der ausschweifenden Laster und verstockten Dummheiten, politischen Übel und moralischen Katastrophen, die das gesellige Leben vergiften!

Wem die Erziehung eines Gentleman am Herzen liegt, der hat neben der erforderlichen Vermittlung von Kenntnissen (learning) vor allem auf ausgewählte Qualitäten zu achten. Zunächst gilt es die erste und notwendigste Gabe des Menschen auszubilden: seine Tugend (virtue), die andere Menschen an ihm schätzen und lieben werden und die dazu beiträgt, dass er sich selbst achten kann und nichts vorwerfen muss.

An dieser Stelle wird auch Lockes eigene religiöse Überzeugung deutlich. Der kindliche Glaube an einen liebenden und gerechten Gott, der den Menschen alles Notwendige gibt, kann die Tugend stützen und ihre Entfaltung fördern, „während man die Kinder nicht durch schreckliche Geschichten von Geistern und Gespenstern, Totenköpfen und dem Sensenmann ängstigen soll.“ Vielleicht kann man Kinder durch solche Geschichten in seltenen Föllen von kleinen Vergehen abhalten, aber das Heilmittel des Schreckens ist doch weit schlimmer als die Krankheit. „Wenn das zarte Kindergemüt einmal solche Schreckvorstellungen aufgenommen hat und von dem starken Eindruck der Furcht, die solche Vorstellungen begleitet, angegriffen worden ist, dann sinken diese tief ein und setzen sich so fest, daß sie, wenn überhaupt, nur schwer wieder getilgt werden können; und solange sie vorhanden sind, suchen sie die Kinder häufig mit seltsamen Hirngespinsten heim und machen sie zu Feiglingen, wenn sie allein sind, und jagen ihnen für ihr ganzes späteres Leben Angst vor ihrem Schatten und der Dunkelheit ein.“

Lebensklugheit und Lektüre
Nach der Tugend ist es die Lebensklugheit (wisdom), die es beim heranwachsenden Gentleman zu formen gilt. Er soll lernen, seine Geschäfte in dieser Welt geschickt und mit Umsicht zu führen. Das mag den Horizont von Kindern zunächst übersteigen. Doch man kann ihnen schon früh beibringen, nicht listig zu sein, sondern wahrhaftig und aufrichtig. Denn zur Lebensweisheit gehören für Locke vor allem Offenheit und Fairness, die gesellschaftlich von einem wesentlich höheren und dauerhafteren Nutzen sind als die List (cunning), dieser „Affe der Weisheit“, der von ihr äußerst weit entfernt ist.

Die dritte Eigenschaft, die zu einem Gentleman gehört, ist eine gute Lebensart (good breeding), deren Hauptregel lautet „nicht zu gering von sich selbst und nicht zu gering von anderen denken“. Es handelt sich dabei um eine gesellige Tugend der Achtung und gegenseitigen Wertschätzung; um „eine Geisteshaltung, die sich im Benehmen zeigt und durch die man vermeidet, daß der andere sich im geselligen Umgang unbehaglich fühlt“.“

Vermeiden sollte man deshalb die ungeschliffene Rohheit eines Grobians ebenso wie die Missachtung und Geringschätzung des anderen, ein ständiges Widersprechen aus bloßer Lust am Widerspruch, rechthaberisches Behaupten, schulmeisterliches Auftreten und unversöhnliche Streitlust.

Lockes Erziehung ist auf eine gesellige Kultur gegenseitiger Achtung gerichtet. Doch diese Kultur ist für ihn nicht denkbar ohne eine tiefere Begründung. Sie basiert auf dem „richtigen Gebrauch des Verstandes“, ohne den sie nur eine gewohnheitsmäßig eingeübte Lebensform wäre.

Anleitung zur Vernünftigkeit im Gespräch
Locke ist grundsätzlich davon überzeugt, dass der Mensch zur Vernünftigkeit angeleitet werden muss. Das erklärt die große Rolle, die er dem Gespräch (reasoning) zwischen Erzieher und Zögling zuschreibt, in dem das Kind lernt, seine Verstandeskräfte auszubilden. „Man wird sich vielleicht darüber wundern, daß ich von vernünftigem Gespräch mit Kindern rede; und doch kann ich nicht umhin, dies als die rechte Art des Umgangs mit ihnen anzusehen. Sie verstehen es so früh, wie sie die Sprache verstehen; und wenn ich recht sehe, wollen sie gern als vernunftbegabte Wesen behandelt werden, und zwar früher, als man denkt. Es ist dies ein Stolz, den man in ihnen nähren und, soweit es geht, zum wichtigsten Werkzeug ihrer Bildung machen sollte.“

Ein vernünftiges Gespräch ist keine Indoktrination. Das Kind soll nicht nachplappern, was ihm vorgesagt wird. Lockes sprachlich vermittelte Erziehung des Verstandes ist Anleitung zum eigenen Verstandesgebrauch. Er will den jungen Gentleman nicht abrichten, ihm blind zu folgen, sondern dazu bringen, als ein vernünftiger Mensch nur dem zuzustimmen, was er selbst für vernünftig hält.

Lockes Gedanken haben einen konkreten biographischen Hintergrund. Er war der Erzieher von Anthony Ashley Cooper, dem 3. Earl of Shaftesbury. Der kleine Ashley hat am eigenen Leib erfahren können, was es bedeutet, einen gesunden Körper auszubilden. So achtete Locke sehr sorgfältig auf Maßnahmen, die er für vernünftig und leicht zu befolgen hält: Das Kind soll nicht zu warm angezogen sein, jeden Tag seine Füße mit kaltem Wasser waschen, ausreichend schlafen, weite Kinderkleider tragen, die es nicht einengen, sich viel in frischer Luft aufhalten und körperlich bewegen, eine naturgemäße einfache Nahrung mit wenig Fleisch zu sich nehmen und auf alkoholische Getränke, auch unnötige Medikamente, möglichst verzichten.

Aber Locke achtet auch darauf, den Geist (mind) „in die richtige Verfassung zu bringen, so daß er bei allen Anlässen geneigt ist, nur dem zuzustimmen, was der Würde und dem hohen Rang eines vernunftbegabten Wesens angemessen ist.“

Anthony Ashley Cooper
Third Earl of Shaftesbury
(
1671 - 1713)
So kann Locke direkt beobachten und verwirklichen, was er zur gleichen Zeit in seinen erkentnistheoretischen Skizzen festhält: „Was ich über den menschlichen Verstand denke“, dass er nämlich anfänglich wie eine „leere Tafel“ sei, die nach und nach beschrieben werde, scheint sich unmittelbar vor seinen Augen biographisch zu bestätigen.

Ashles bleibt seinem Lehrer ein Leben lang verbunden. Selbst während Lockes langjährigem Exil in Holland (1683 bis Anfang 1689) bricht der Kontakt nicht völlig ab. Auf seiner großen Reise über Frankreich bis nach Italien nutzt der junge Gentleman die Gelegenheit, Locke in Amsterdam zu besuchen, und kaum hat er ihn verlassen, schreibt er ihm am 22. Dezember 1687 aus Paris: „Um Ihnen für all die Ratschläge zu danken, die ich durch Ihre Briefe ebenso wie mündlich von Ihnen erhalten habe, reicht nicht nur das Papier nicht aus. Ich werde es niemals versuchen oder gar beanspruchen, so davon zu sprechen, wie sie es verdienen.“

Zitate aus: John Locke: Gedanken über Erziehung. Stuttgart 2007 (Reclam), online bei Gutenberg    -   Weitere Literatur: Manfred Geier: Aufklärung. Das europäische Projekt, Hamburg 2012 (Rowohlt)