Sonntag, 27. November 2011

Lukian und die Paideia


„Lukians Traum“ gehört ohne Zweifel zu den schönsten Erzählungen des Altertums. Sie wurde von Lukian aus Samosata im 2. Jh. verfasst und trägt eindeutig autobiographische Züge. 

Lukians Traum (Druck Valentin Curio, Basel 1522)

Lukian erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der als Lehrling in eine Bildhauerwerkstatt eintritt, aber schon am ersten Tag eine Steinplatte zerbricht und dafür furchtbar verprügelt wird.

In der folgenden Nacht hat er einen Traum, in dem ihm zwei göttlich anmutende Frauen erscheinen: Die eine der beiden, die Bildhauerkunst, verspricht dem jungen Mann ein Leben häuslicher Redlichkeit, das zu einem guten Auskommen und Verehrung durch die Menschen führe. Die andere Frau, die Bildung (Paideia), lockt den Mann mit folgenden Worten:

„Ich, mein Sohn, bin die Bildung. (…) Folgst du mir, so werde ich dich vor allen Dingen mit allem, was die edelsten Menschen der Vorwelt Bewundernswürdiges gesprochen, getan und geschrieben haben, und überhaupt mit allem, was wissenswert ist, bekannt machen.

Dein edelstes Teil, dein Herz, werde ich mit Mäßigung, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Sanftmut, Billigkeit, Klugheit und Standhaftigkeit, mit der Liebe zum Schönen und mit dem Streben nach jeder Vollkommenheit zieren; denn diese Tugenden sind der Seele wahrer, unvergänglicher Schmuck. (…) mit einem Worte, ich will dich in allen göttlichen und menschlichen Dingen, und zwar in kurzer Zeit, vollständig unterrichten.“ (19)

„Lukians Traum“ ist der berühmten Erzählung „Herkules am Scheideweg“ des Sophisten Prodikos von Keos (5. Jh. v. Chr.) nachgebildet, die Xenophon in seinen „Erinnerung an Sokrates“ überliefert hat. Während Herkules jedoch zwischen der Tugend und der Lust wählen muss, steht der junge Mann hier vor der Entscheidung, sein weiteres Leben einem ehrlichen Handwerk oder der Bildung zu widmen.

Nur: Worin besteht diese Bildung, von der Lukian hier spricht?

Zum einen handelt es sich ein Wissen, das durch Lektüre und Studium der literarischen Werke der „Vergangenheit“ erworben wird. Dieser rhetorische Unterricht gehörte in der Antike zur ganz normalen schulischen Grundausbildung.

Zum anderen zielt Paideia auf eine ethische Bildung, auf die Aneignung eines an Werten orientierten Denkens und Handelns. Dies geschah meist unter der Anleitung eines Philosophielehrers, der nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch durch seine Persönlichkeit und Autorität, durch Glaubwürdigkeit und Charisma auf seinen Schüler und dessen Lebensführung einwirken sollte.

Paideia beruht also gleichermaßen auf theoretischem Studium wie auf praktischer Übung und Aneignung - und sie ist niemals nur Mittel zum Zweck. Sie ist weder eine Rolle, die man je nach Bedarf spielt, noch eine Maske, die man zu bestimmten Gelegenheiten aufsetzen kann.

Paideia ist vor allem gelungenes Leben, sie ist das Ideal einer Bildung, die den gesamten Menschen und seinen Charakter durchdringt wie eine zweite Natur. Die Hingabe an dieses Ideal aber erfordert eigene Urteilskraft ebenso wie die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen.

An diesem Grundgedanken der Bildung hat sich bis heute nicht viel verändert.

P.S. Der junge Mann entschied sich natürlich ebenso wie Lukian für die Paideia.


Zitate aus: Lukian: Der Lügenfreund und andere phantastische Erzählungen. Bibliothek der Antike, München 1990 (dtv)

Weitere Literatur: Lukian: Gegen den ungebildeten Büchernarren. Ausgewählte Werke, Bibliothek der Alten Welt, Düsseldorf 2006 (Artemis und Winkler) --- Xenophon: Erinnerungen an Sokrates. Düsseldorf 2003 (Artemis und Winkler)

Montag, 21. November 2011

Hellas und die Kulturbildung aus Freiheit


Immer wieder wird in wichtigen politischen Debatten die Frage nach der kulturellen Identität Europas aufgeworfen. Darin eingeschlossen ist die Frage, welchen Anteil die antike Tradition an der kulturellen Identität Europas besitzt und worin das Eigene und Unverwechselbare in der kulturellen Innovation der Griechen bestand.

Für Christian Meier steht fest, dass das Neue, das mit den Griechen in die Welt kam, eine „Kulturbildung aus Freiheit statt aus Herrschaft" (97) war.

Akropolis und Areopag in Athen (Leo von Klenze - 1846)

Nicht die Durchsetzung einer starken nationalen Herrschaft prägte die politische Kultur der Griechen, sondern die Aufrechterhaltung vieler kleiner, selbstständiger politischer Einheiten, den Poleis. Die Folge davon war, dass viele Aufgaben, die in anderen Staaten an entsprechende zentrale Organe oder Institutionen delegiert wurden, nun von den Bürgern der Polis selbst erledigt werden mussten.

Kulturbildung bedeutet hier zunächst, die Lebensverhältnisse in jeder dieser weitgehend eigenständigen Städte zu verbessern, und das hieß folglich, die Menschen mit immer mehr Kenntnissen, Fähigkeiten auszustatten und eine entsprechende Ordnung zu schaffen, die diese Ziele möglich machte.

Folglich brauchten die Mitglieder dieser Gemeinwesen bei allem Individualismus einen hohen Grad an Verantwortung für das Gemeinsame.

Getragen wurde diese Verantwortungsbereitschaft von einem „Können-Bewusstsein“ (Meier, Entstehung, 469), dem Bewusstsein der ungeheuren Möglichkeiten des menschlichen Geistes und der menschlichen Handlungsfähigkeit. Im Wesentlichen handelte es sich um eine Zunahme des technischen Könnens, der téchnē. Durch téchnē wird der Mensch „Herr über die Dinge.“

Dies galt größtenteils auch in der Politik: In einer demokratischen Ordnung hatten die Bürger ebenfalls „die Dinge in der Hand.“ Es wurde offen diskutiert, beschlossen und ausgeführt.

So entwickelte sich eine Kultur des rationalen Argumentierens - die Voraussetzung schlechthin für die Fähigkeit, die Herausforderungen der Polis gemeinsam zu bewältigen und die Gegensätze zu regulieren, die in einer auf Freiheit beruhenden Gesellschaft unweigerlich auftreten.

Mit der Poliskultur war also die Entfaltung einer Lebensform verbunden, die in zunehmendem Maße individuelle Eigenständigkeit und Unabhängigkeit erforderte und auch ermöglichte.

Die weitere Entwicklung der Polis – vor allem im 5. Jahrhundert – führte dazu, eine Ordnung in der Polis zu etablieren, die „sich selbst trägt – im Zusammenspiel der Bürger.“ (104) Diese Ordnung musste den Bürger notwendigerweise auch rational vermittelt werden, denn „zu diesem Gemeinwesen gehörte ein Menschenschlag, der frei sein und seine Antriebe frei ausleben wollte“ (101) und der letztlich auch überzeugt werden wollte.

Alle diese Entwicklungen führten also zur Entdeckung des Bürgers, zu seiner politischen Gleichheit und zu seiner bürgerlichen Verantwortung.

Sicher gab es eine Fülle von Fragen. Aber Kunst und Literatur, Geschichtsschreibung, Wissenschaft und philosophischer Diskurs nahmen sie auf und bemühten sich, kreative Antworten zu finden. Oft genug bestanden die Fragen weiter, ja es „ist geradezu eine Leidenschaft des Fragens am Werk.“ (109)

Letztlich handelt es sich bei dem Erbe der griechischen Antike also um die erste „große kulturelle Manifestation eines sehr freien, sehr unabhängigen, sehr offenen und daher sich selbst in Frage stellenden Menschentums.“ (112)

Diese Kultur der Freiheit, der Verantwortung und der Offenheit sowie der konsequente Gebrauch der Vernunft hat Europas Kultur zweifellos stark geprägt.

Zitate aus: Christian Meier: Die griechisch-römische Tradition, in: Hans Joas und Klaus Wiegandt (Hgg.): Die kulturellen Werte Europas, Frankfurt am Main 2005 (Fischer)
Weitere Literatur: Christian Meier: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt am Main 1980 (Suhrkamp)

Dienstag, 15. November 2011

Karl Raimund Popper und die Kritik an der utopischen Sozialtechnik


Brecht (1954)
Im Jahre 1930 erscheint das Lehrstück „Die Maßnahme“ von Bertholt Brecht. Darin treten vier kommunistische Agitatoren vor das Parteigericht (den "Kontrollchor"), um sich für die Ermorderung ihres jüngsten Genossen zu rechtfertigen. Ihre Mission hatte darin bestanden, in China Propaganda zu betreiben:

„In der Stadt Mukden halfen wir den chinesischen Genossen und trieben Propaganda unter den Arbeitern. Wir hatten kein Brot für den Hungrigen, sondern nur Wissen für den Unwissenden, darum sprachen wir von dem Urgrund des Elends, merzten das Elend nicht aus, sondern sprachen von der Ausmerzung des Urgrunds.“ (259)

Sie gewinnen schnell Anhänger unter den chinesischen Arbeitern. Der junge Genosse ist jedoch nicht in der Lage, sich im Sinne der Revolution taktisch richtig zu verhalten, sondern zeigt immer wieder Mitleid:

„Hört, was ich sage: mit meinen zwei Augen sehe ich, dass das Elend nicht warten kann. Darum widersetze ich mich eurem Beschluß zu warten.“ (265)

Weil er dadurch die Arbeit der Gruppe gefährdet, beschließen die Agitatoren, den jungen Genossen zu ermorden, um nicht selbst von den Chinesen getötet zu werden.

„Also beschlossen wir: jetzt
abzuschneiden den eigenen Fuß vom Körper.
Furchtbar ist es, zu töten.
Aber nicht andere nur, auch uns töten wir,
wenn es nottut
Da doch nur mit Gewalt diese tötende
Welt zu ändern ist, wie
jeder Lebende weiß.
Noch ist es uns, sagten wir
nicht vergönnt, nicht zu töten. Einzig mit dem
unbeugbaren Willen, die Welt zu verändern begründeten wir
die Maßnahme.“ (267)

Daraufhin setzen sie erfolgreich ihre Arbeit fort. Zurück in Russland müssen sie sich vor einem Parteigericht für die Tötung des jungen Genossen verantworten, werden aber freigesprochen:

„Welche Niedrigkeit begingst du nicht, um
die Niedrigkeit auszutilgen?
Könntest du die Welt endlich verändern, wofür
wärest du dir zu gut?
Wer bist du?
Versinke in Schmutz
Umarme den Schlächter, aber
ändere die Welt: sie braucht es!“ (263f)

In diesem Stück Bertolt Brechts geht es letztlich um die Tatsache, dass eine revolutionäre und utopische Politik notwendig moralische Grundsätze verletzen muss, um Ausbeutung und Unterdrückung wirksam zu bekämpfen. Viele sahen in „Der Maßnahme“ daher auch eine Rechtfertigung der stalinistischen „Säuberungen“ in der Sowjetunion.

In jedem Fall offenbart sich im Stück von Brecht eine Gesinnung, die Popper zu seinem Werk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" veranlasste und in dem er die utopische Technik der Planung und des Umbaus der Gesellschaftsordnung einer fundamentalen Kritik unterzog.


Die utopische Technik ist zunächst deshalb so gefährlich, weil sie jenen Historizismus beinhaltet, nach dem sich jede praktische politische Handlung ausschließlich an einem – bereits endgültig definierten -  historischen Endziel ausrichten muss.

Das Problem dabei ist, dass es unendlich schwierig ist, über einen in der fernen Zukunft liegenden Idealstaat zu reden. „Das soziale Leben ist so kompliziert, dass wahrscheinlich überhaupt niemand fähig ist, den Wert eines Bauplans für soziale Maßnahmen im großen Maßstab richtig einzuschätzen; ob er praktisch ist; ob er zu einer wirklichen Verbesserung führt; welche Leiden aller Wahrscheinlichkeit nach mit verbunden sind.“ (189).

Popper hält dagegen, das dass „jede Generation, also auch die jetzt lebende, ihre berechtigten Ansprüche hat … Den Leidenden steht ein Recht auf alle nur erdenkliche Hilfe zu.“ (188)

Anstatt zu versuchen, die dringlichsten Übel in der Gesellschaft auszumachen und sie zu beseitigen  - „Mit meinen zwei Augen sehe ich, dass das Elend nicht warten kann“, sagt der Genosse -, verschiebt der utopische Sozialtechniker das notwendige Handeln auf einen späteren Zeitpunkt.

Weiter verlangt der utopische Versuch der Verwirklichung eines idealen Staates „eine streng zentralisierte Herrschaft einiger weniger; und er führt daher mit aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer Diktatur.“ (190) Die komplette Um- und Neugestaltung einer Gesellschaftsordnung wird vielen Menschen über eine sehr lange Zeit nicht nur Unannehmlichkeiten, sondern wirkliches Leiden bereiten wird. Der utopische Sozialtechniker wird seine Ohren gegen Klagen verschließen müssen, er wird aber auch vernünftige Einwände unterdrücken: „Er wird wie Lenin sagen: ‚Man kann kein Omlett machen, ohne Eier zu zerbrechen.’“ 

Dazu noch einmal das Zitat aus „Der Maßnahme“:
„Furchtbar ist es, zu töten.
Aber nicht andere nur, auch uns töten wir,
wenn es nottut
Da doch nur mit Gewalt diese tötende
Welt zu ändern ist, wie
Jeder Lebende weiß.“

Für Popper ist die utopischen Sozialtechnik der Versuch, jegliche Vernunft in der Politik über Bord zu werfen. Das vorrangige Ziel, Ungerechtigkeit systematisch zu bekämpfen, wird „durch eine verzweifelte Hoffnung auf politische Wunder“ (200) ersetzt. In dieser irrationalen Einstellung, „die sich an Träumen von einer schönen Welt berauscht“, zeigt sich ein Romantizismus, der einen himmlischen Staat in der Vergangenheit oder in der Zukunft suchen mag, der sich dabei aber immer an unsere Gefühle, niemals an die Vernunft wendet.

Es ist eben diese Gesinnung - die auch in dem Stück Bertolt Brechts deutlich wird -, die auch mit der besten Absicht, den Himmel auf der Erde einzurichten unweigerlich dazu führt, "diese Welt in eine Hölle zu verwandeln – eine jener Höllen, die Menschen für ihre Mitmenschen bereiten.“ (200)

Alle Zitate aus: Bertolt Brecht: Die Stücke in einem Band, Frankfurt am Mein 1982 (Suhrkamp) --- Karl Raimund Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Tübingen 1992 (Mohr / Siebeck)  ---  Eine utopiefreundliche Position vertritt Oskar Negt im Philosophischen Radio (WDR 5) vom 22.03.2013

Freitag, 11. November 2011

Noberto Bobbio und die Menschenrechte


Gedenkbriefmarke zum 100. Geburtstag Bobbios
Für Ralf Dahrendorf ist Noberto Bobbio ein “öffentlicher Intellektueller”, also jemand, der seinen Beruf darin sieht, nicht nur an den vorherrschenden öffentlichen Diskussionen der Zeit teilzunehmen, sondern auch deren Thematik zu bestimmen und ihre Richtung zu prägen.

Bobbio zufolge ist jeder Fortschritt der Menschheit stets damit verbunden, die Menschenwürde unter den jeweils sich verändernden Bedingungen institutionell zu schützen und jede Bedrohung der individuellen Freiheit abzuwehren. 

Von dieser Feststellung geht Bobbio aus, um seine Position in der Frage der Menschenrechte zu beschreiben. Entscheidend sei der aus dem naturrechtlichen Denken stammende Gedanke, demzufolge das Individuum und auf keinen Fall das Kollektiv der Ausgangspunkt der Rechtslehre ist. 

John Locke wird hier zur wichtigsten Quelle auch für die ersten Gesetzgeber, die sich an den Menschenrechten orientierten. Im Gegensatz zur Wolfsnatur des Menschen in der Konzeption des Naturzustandes bei Hobbes, geht John Locke davon aus, dass der Naturzustand ein „Zustand vollkommener Freiheit“ ist, in dem die Menschen innerhalb der Grenzen des Naturgesetzes frei handeln können, „ohne dabei jemanden um Erlaubnis zu bitten oder vom Willen eines anderen abhängig zu sein.“ (Locke, Zweite Abhandlung, §4).

Lockes naturrechtlicher Ansatz ist Bobbio zufolge die Voraussetzung für eine „individualistische Konzeption der Gesellschaft“ und damit auch des Staates, im Gegensatz zu einer „organizistischen Auffassung, nach der das Ganze höher steht als die einzelnen Teile“ (51).

Die organizistische Auffassung des Staates sieht Bobbio schon in den antiken Werken der Staatsphilosopie: Sowohl in Platons „Nomoi“, als auch in Cicero „De legibus“ besteht „die vorrangige Aufgabe des Gesetzes, zu begrenzen, nicht zu befreien, die Freiheitsräume zu beschränken, nicht sie auszuweiten, den krummen Baum geradezurichten, nicht ihn wild wachsen zu lassen“ (48). Unter Androhung irdischer und himmlischer Strafen soll erwünschtes Verhalten erreicht und unerwünschtes Verhalten vermieden werden. „Gerecht“ ist ein Staat erst dann, wenn „Jeder das Seine“ tut, wenn jeder Teil des Staatsorganismus die ihm naturgemäß zugewiesene Aufgabe erfüllt.

Die individualistische Auffassung des Staates dagegen hat sich nur sehr allmählich durchgesetzt, „denn sie wurde meist als Quell von Unordnung, Zwietracht und Bruch mit der bestehenden Ordnung angesehen“ (51f)

Für Bobbio bedeutet „Individualismus“, dass an erster Stelle das Individuum steht, das schon für sich genommen einen Wert darstellt - erst dann kommt der Staat. In der Folge bedeutet dies, dass der Staat für das Individuum gemacht ist und nicht umgekehrt.

Unter dieser Perspektive muss auch das Verhältnis von Rechten und Pflichten definiert werden: „Für die Individuen kommen von nun an die Rechte an erster Stelle und erst dann die Pflichten, für den Staat hingegen zuerst die Pflichten und dann die Rechte.“ (53)

Der Begriff „Individualismus“ beschreibt also vor allem die von äußerer Beeinflussung freie Entfaltung des Individuums. Als „gerecht“ kann ein Staat gelten, wenn jeder Mensch seine Bedürfnisse befriedigen und seine selbstgewählten Ziele im Leben einschließlich des Wunsches, glücklich zu sein, verfolgen kann.

Der Gedanke, dass jedes Individuum als autonomes und prinzipiell gleichwertiges Wesen mit allen anderen Individuen auf der gleichen Ebene steht, bildet auch die Grundlage des demokratischen Prinzips "one man, one vote."

Demokratie aber ist jene Herrschaftsform, in der alle Bürger die Freiheit haben, über ihre Angelegenheiten selbst zu entscheiden, verbunden mit der Macht, dies auch durchzusetzen.

Menschenrechte sind damit genau die fundamentalen, unveräußerlichen und unverletzlichen Rechte, die diese individuelle Freiheit und Macht garantieren und schützen.

Die Anerkennung der Individuen als Rechtssubjekte, das Primat des Rechts über die Pflicht führt nun letztlich dazu, auch die einzelnen Menschenrechte nicht nur als noble Wunschvorstellungen zu begreifen, sondern als positives Recht.

In dem Maße, wie die Menschenrechte ins positive Recht integriert werden, werden sie zu tatsächlichen und angewandten Rechten - deren Geltung gleichwohl nur auf der Ebene des Einzelstaates garantiert werden kann. 

Dabei handelt es nicht nur um die Rechte, die dem Individuum als ökonomischem Subjekt zustehen - etwa als Inhaber von Rechten über Dinge und als Träger von Fähigkeiten, nicht nur um die Freiheitsrechte, sondern auch um die sogenannten öffentlichen Rechte, die charakteristisch für den Rechtsstaat sind.

In diesen Gedanken zeigt sich der liberale Geist Bobbios, dem jenes Verständnis von Freiheit zugrunde liegt, nach dem die Menschen ihr Leben eigenständig und selbstverantwortlich führen wollen – und der Staat die Aufgabe habe, eben dies zu garantieren.

Zitate aus: Noberto Bobbio: Das Zeitalter der Menschenrechte. Ist Toleranz durchsetzbar?, Berlin 2007 (Wagenbach)
Weitere Literatur: Ralf Dahrendorf: Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, München 2008 (C.H. Beck) --- John Locke: Zweite Abhandlung über die Regierung, Frankfurt am Main 2007 (Suhrkamp Studienbibliothek)