Donnerstag, 15. Juni 2017

Dürer und die Philosophie

Im Jahre 1502 erschienen die Quatuor Libri Amorum (Vier Bücher Liebesgedichte), des deutschen Dichters und Humanisten Conradi Celtis. Celtis Freund, der Künstler Albrecht Dürer schuf verschiedene Holzschnitte für die Erstausgabe des Werk. Von besonderer Bedeutung ist die zweite Graphik. Dieser Holzschnitt zeigte die Philosophie, die man als Weltweisheit im allerweitesten Sinne zu verstehen hat. Sie vereinte Theologie, Metaphysik, Ethik, Naturwissenschaft, Astrologie und schließlich Hermetismus, Okkultismus und Magie.

Albrecht Dürer - Philosophia (1502)

In der Mitte des Buchholzschnittes thront alles beherrschend die Philosophie. Krone und Zepter weisen sie als Königin aus. Statt des Reichsapfels hält sie in der wichtigen rechten Hand drei Bücher, was sie sogleich als Herrscherin im Reich des Geistes definiert, zumal sie vollkommen ungewöhnlich das Zepter in der linken Hand hält, wo doch gewöhnlich das Zepter in der rechten und der Reichsapfel in der linken Hand ruhten.

Geht man davon aus, dass Zepter und Reichsapfel ausdrücken, wer worüber herrscht, dann übernehmen die Bücher die Funktion des Zepters und das Zepter die des Reichsapfels, der Geist herrscht oder mittels des Geistes herrscht die Königin Philosophia über alle Herrscher der Welt.

Septem Artes liberales
Von ihrer Brust – dem Sitz des Herzens und damit der Seele – entrollt sich eine Schärpe in Form eines keilförmigen, langgezogenen Dreiecks, auf dem griechische Buchstaben zu erkennen sind. Wenn man die griechischen Kürzel als Treppe oder als Stufen verstehen will, muss man unten anfangen, dort, wo der Aufstieg zur Weisheit beginnt. Es geht um den Aufstieg zu Gott, zur Seligkeit, zur vollkommenen Ataraxie.

Den Anfang macht ein Medaillon, in dem die Büste eines idealtypischen Römers gezeichnet ist, der für die lateinischen Poeten und Rhetoriker Vergil und Cicero steht, für den Ausgangspunkt aller Weisheit, der Propädeutik für ein jedes philosophisches Bemühen.

Absichtsvoll schließt sich zu Füßen der Philosophie das Dürer-Monogramm an – und das an sehr zentraler Stelle zwischen den lateinischen Propädeutikern und dem eigentlichen Aufstieg zur Weisheit, der auf dem Dreieck gewiesen wird. Wie ein Schüler vor seinem Lehrer kauerte Albrecht Dürer zu Füßen der Philosophia.

Dürer-Monogramm und Cicero / Vergil
Nicht sieben, sondern neun Anfangsbuchstaben finden sich, die man mit den neun olympischen Musen in Verbindung bringen könnte, doch damit beschritte man einen Irrweg. Die Stufen hinauf zur Weisheit bestehen aus den Septem Artes liberales (Die 7 freien Künste), die von unten nach oben in den Anfangsbuchstaben für die griechischen Bezeichnungen Grammatik, Logik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik symbolisiert werden.

Die Septem Artes liberales waren die Schulweisheit dieser Zeit, die man duchlaufen musste, die für jeglichen Aufstieg die Voraussetzung schuf, doch das Ziel war Theos, Gott oder die Gottesschau, die Geheimnisse der Schöpfung. Verschlüsselt dargestellt wurde der Weg des Adepten als Geheimbotschaft, der von jedem Adepten auch verstanden wurde.

Ehren erweise vor allem Gott !
Walte immer gerecht !
Nicht die Theologie als Wissenschaft, sondern Theos, Gott, steht als Ziel, den die Seele zu schauen vermag oder besser, der sich in die Schau der Seele begibt. „Denn der Schlaf des Körpers war zur Nüchternheit der Seele geworden“, die Überwindung der Physis führt zu Gott, „und das Schließen der Augen zum wahren Sehen, und mein Schweigen trug das Gute in sich und das Zu-Grabe-Tragen des Redens wurde ein Ans-Licht-Bringen des Guten. [...] Von der göttlichen Wahrheit inspiriert, bin ich hier angekommen.“ Passend fügte Dürer auf den Wangen des Thrones zwei Halbverse aus dem äußerst populären Lehrgedicht eines jüdisch-hellenistischen Dichters aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. hinzu: „Ehren erweise vor allem Gott“ und „Walte immer gerecht.“

Und gerecht zu walten, darf hier nicht Gerechtigkeit im juristischen Sinne, sondern in der steten Forderung der Rechtfertigung vor Gott verstanden werden. Walte immer gerecht, hieß als religiöser Imperativ des Christentums: Handle so, dass dein Handeln vor Gott bestehen kann.

Oben und unten wurden der Graphik Texte beigegeben, die als Dikta der Philosophia zu verstehen sind. Im Prosatext oben stellt sich die Philosophia als Sophia oder Sapientia (Weisheit) vor, je nachdem, ob sie von den Griechen oder Römern benannt wurde, verweist auf ihren ägyptischen und chaldäischen Ursprung, auf ihre Überlieferung durch die Griechen und ihre Weitergabe, ihre Translation durch die Römer an die Deutschen.

Traslatio studii - Der Weg der Weisheit führt zu den Deutschen ...

Diesen Text setzte Dürer bildnerisch um, indem er vier Medaillons gestaltete, in denen im Uhrzeigersinn zu sehen sind: Ptolemäus für die Ägypter und Chaldäer, Platon für die Griechen, Vergil und Cicero für die Römer, Albertus Magnus für die Deutschen.

Platon
Auch hierin zeigte sich wieder das Programm der translatio studii, der Vermittlung kultureller und wissenschaftlicher Schätze von Generation zu Generation. Der Weg der Weisheit beginnt bei den Ägyptern und führt zu den Deutschen.

Philosophie ist letztlich für Dürer die allumfassende Welt-Weisheit, wie es im unteren Text übersetzt in zwei Distichen heißt: 

„Was das Wesen von Himmel, Erde, Luft 
und Wasser ausmacht
Und was das Menschleben umfasst,
was der feurige Gott im ganzen Weltkreis schafft:
Alles trage ich, Philosophia, in meiner Brust.“


Alles trage ich Philosphia, in meiner Brust

Dürers Philosophia-Holzschnitt führt ins Zentrum der Renaissance-Philosophie. Er dokumentiert, wie tief der Maler, auch wenn er die Vorstellungen eines anderen umsetzte, den er doch zumindest verstanden haben musste, mit den philosophisch-theologischen Spekulationen seiner Zeit vertraut war. Das Werk bezeugt schließlich Dürers Zugehörigkeit zum innersten Kreis des deutschen Humanismus.


Zitate aus: Klaus-Rüdiger Mai: Dürer. Das Universalgenie der Deutschen, Berlin 2015

Donnerstag, 8. Juni 2017

Hermann Hesse und der Krieg (Teil 2) - "Dieser scheußliche Krieg ..."

Hermann Hesse 
Nachdem Hesse 1914 vehement den Krieg als seelischen Bewährungsprobe und Mittel einer grundlegenden Erneuerung des deutschen Volkes verteidigt hatte, veröffentlicht Hesse ab 1917 unter dem Pseudonym „Emil Sinclair“ eine Reihe von Artikeln, die kritisch zum Krieg Stellung nehmen. 

Die Kämpfe haben sich mittlerweile noch einmal radikalisiert. Beide Seiten setzen Giftgas und Tanks ein, versuchen mit Offensiven, die Hunderttausende Opfer kosten, dem Krieg eine entscheidende Wendung zu geben. Je länger der Krieg dauert, desto nachhaltiger werden Hesses publizistische Appelle, sich für den Frieden einzusetzen. Der Friede sei aber nicht allein auf Kongressen zu erzielen, schreibt Hesse in der Neuen Zürcher Zeitung, sondern müsse von jedem einzelnen gewonnen werden. 

„Es ist die Erkenntnis des Lebendigen in uns von uns, in jedem von uns, in mir und dir, des geheimen Zaubers, der geheimen Göttlichkeit, die jeder von uns in sich trägt. Es ist die Erkenntnis von der Möglichkeit, von diesem innersten Punkte aus alle Gegensatzpaare zu jeder Stunde aufzuheben, alles Weiß in Schwarz, alles Böse in Gut, alle Nacht in Tag zu verwandeln. Der Inder sagt ›Atman‹, der Chinese sagt ›Tao‹, der Christ sagt ›Gnade‹. Wo jene höchste Erkenntnis da ist (bei Jesus, bei Buddha, bei Plato, bei Laotse), da wird eine Schwelle überschritten, hinter der die Wunder beginnen. Da hört Krieg und Feindschaft auf.«

Hesse setzt sich jetzt auch für Kriegsdienstverweigerer ein, weil er sie für „das allerwertvollste Symptom der Zeit“ hält: „Jetzt ist man schon so weit, daß eine ernsthafte Motion im Gange ist, man solle denen, die aus sittlichen Gründen den Dienst verweigern, Gelegenheit schaffen, ihren Dienst in ziviler Arbeit abzuleisten. Vielleicht wird das nicht durchgehen, heut noch nicht, aber kommen wird es absolut sicher, und vielleicht kommt dann auch eine Zeit, wo auf drei Soldaten zehn Zivildiensttuende kommen werden, wo man ganz natürlich das Kriegshandwerk, soweit es noch existiert, den geborenen Raufbolden und Sauhunden überläßt.“

Längst schreibt Hesse keine Kriegsgedichte mehr. Aus dem Patrioten des August 1914 ist im Sommer 1917 ein scharfer Kritiker des Militarismus geworden: „Dieser scheußliche Krieg, der für Euch Junge ein glänzendes Phänomen ist, ist für uns Vierzigjährige etwas anderes. Uns frißt er nicht ein paar Jugendjahre weg, die man ohnehin auf Abenteuer und dergleichen verwendet hätte; uns stiehlt er die Jahre der Lebenshöhe, und jeder von uns, der den Krieg loben und rühmen hilft, ist ein Verbrecher. Nicht weil es grade uns schlechtgeht – das wäre einerlei –, aber weil gerade wir das Zerstörende, Wertlose, Satanische des Krieges tiefer fühlen müssen.“

Kunst gegen den Krieg: Otto Dix - Abendsonne (1918)

Hesse schreibt ein Gedicht, das seine Antikriegs-Stimmung wiedergibt:

Den alten Wanderstecken
Werf ich ins feuchte Gras,
Es ist doch zum Verrecken,
Die Augen sind mir naß.
Muß wieder mich bequemen,
Muß wieder Abschied nehmen,
Tun, was mir nicht gefällt –
Und ringsum blaue Lüfte,
Bach, Wiese und Geklüfte
Und aller Klang und Glanz der Welt!

Muß wieder mich bescheiden,
Muß wieder Sehnsucht leiden
Und fremde Dinge tun,
Indes im Herzen innen
Die dunklen Schmerzen spinnen
Und goldne Träume halbverschüttet ruhn,
Ich spucke still in ein Gesträuch:
Ihr, denen ich muß dienen, allzumal,
Minister, Exzellenzen, General,
Der Teufel hole euch.

Das baldige Ende des Krieges ist mittlerweile in Sicht, denn Deutschland ist nach den letzten großen Offensiven so geschwächt, dass es im Westen nur noch hinhaltenden Widerstand leisten kann. Am 4. Oktober muss das Deutsche Reich ein von dem amerikanischen Präsidenten Wilson diktiertes Waffenstillstandsangebot akzeptieren.

Knapp 2 Jahre später wird Hesses Pseudonym „Emil Sinclair“ enttarnt und damit auch sein Deckname, unter dem Hesse seit 1917 Antikriegs-Artikel in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht hatte. In einer autobiografischen Skizze, dem Kurzgefaßten Lebenslauf, schreibt er: „Ich fand allen Krieg und alle Mordlust der Welt, all ihren Leichtsinn, all ihre rohe Genußsucht, all ihre Feigheit in mir selber wieder, hatte erst die Achtung vor mir selbst, dann die Verachtung meiner selbst zu verlieren, hatte nichts andres zu tun als den Blick ins Chaos zu Ende zu tun,mit der oft aufglühenden, oft erlöschenden Hoffnung, jenseits des Chaos wieder Natur, wieder Unschuld zu finden.“

In der aufgeheizten Debatte um den Versailler Friedensvertrag ist Hesse wieder heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Obwohl auch er das Friedensdiktat der Siegermächte ablehnt, weil die junge deutsche Demokratie durch die auferlegten Reparationsleistungen schwer belastet würde, verwirft er jeden Gedanken an Revanchismus.

Demian von "Emil Sinclair"
Doch der „neue Hesse“ findet nur bei einem Teil der deutschen Jugend Anklang. Sein Pazifismus und Internationalismus ist vielen suspekt. Nicht wenige haben den "Demian" als Manifest für Führertum und nationalen Aufbruch missverstanden, als Abrechnung mit der wilhelminischen Vätergeneration. Nun sind sie enttäuscht und schreiben Hesse empörte Briefe: „Inzwischen schreiben mir unentwegt reichsdeutsche Couleurstudenten ihre mannhaften Haßbriefe, voll Mark und edler Entrüstung.“

Einen dieser „Haßbriefe“, das Schreiben eines Medizinstudenten aus Halle, veröffentlicht Hesse in „Vivos voco“ (Ich rufe die Lebenden), eine von Hesse und Richard Woltereck gegründete Monatsschrift, um zu demonstrieren, welchen Schmähungen er inzwischen ausgesetzt ist: „Ihre Kunst ist ein neurasthenisch-wollüstiges Wühlen in Schönheit, ist lockende Sirene über dampfenden deutschen Gräbern, die sich noch nicht geschlossen haben. Wir hassen diese Dichter, und mögen sie zehnmal reife Kunst bieten, die aus Männern Weiber machen wollen, die uns verflachen und internationalisieren und pazifizieren wollen.

Wir sind Deutsche und wollen es ewig bleiben! Wir sind Jünger eines Schiller und Fichte und Kant und Beethoven und Richard Wagner, dessen schmetternde Inbrunst wir in alle Ewigkeit lieben werden. Wir haben ein Recht zu fordern, daß unsre deutschen Dichter (sind sie verwelscht, dann mögen sie uns gestohlen bleiben!) unser schlummerndes Volk aufrütteln, daß sie es wieder führen zu den heiligen Gärten des deutschen Idealismus, des deutschen Glaubens und der deutschen Treue.“

In einer öffentlichen Replik hält Hesse dem Studenten vor, dass die von ihm reklamierte „deutsche“Gesinnung zu den Kriegen von 1870 und 1914 geführt habe. Sie verkörpere jene Art von Autoritätsgläubigkeit, gegen die Goethe gekämpft habe, an der Hölderlin zerbrochen und die von Nietzsche angeprangert worden sei. Er erkenne darin einen Geist, der Angst vor sich selber habe und „diese innere Feigheit hinter lärmendem Säbelrasseln verbirgt.“

In seinem Zorn lässt Hesse sich zu Äußerungen hinreißen, die selbst etwas Eiferndes haben. So belehrt er den Studenten, die von ihm genannten deutschen Geister gehörten eher „zu den dekorativen Größen“. „Ich gebe für zwei Gedichte von Hölderlin den ganzen Schiller und den Fichte dazu, und Kant hat, trotz seiner riesigen Leistung, auf den deutschen Geist einen keineswegs reinen und nur wohltätigen Einfluss gehabt.“

Für Hesse haben diese Briefe allerdings auch etwas Positives: „Ich brauche nur einen dieser Briefe zu lesen, einen dieser zwanghaften, krampfigen, bösen Briefe von Hampelmännern, so sehe ich, wie gesund ich trotz allem bin, wie ich ihnen auf die Nerven gehe, wie ich sie aufrege und in Not bringe, wie viel Verführung zu Gefahr, zu Denken, zu Geist, zu Einsicht, zu Spott, zu Phantasie doch aus meinen Worten spürbar sein muß.“

Zitate aus: Heimo Schwilk: Hermann Hesse. Das Leben eines Glasperlenspielers, München, 2012