Bernulf Kanitscheider hat sich in seinen
zahlreichen Publikationen vornehmlich mit philosophischen Fragen der modernen
Physik und Kosmologie auseinander gesetzt. In seinem Buch „Von der mechanischen
Welt zum kreativen Universum“ (1993) versucht Kanitscheider, ausgehend von
einer Verknüpfung naturwissenschaftlicher und gesellschaftstheoretischer
Überlegungen, die Überlegenheit einer liberalen Gesellschaftsordnung zu
begründen.
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| Bernulf Kanitscheider (geb. 1939) |
Kanitscheider geht von der Prämisse aus, dass
natürliche komplexe Ökosysteme, wie beispielsweise von selbst entstandene
Waldgebiete, eine größere innere Stabilität haben als die künstlichen, vom
Menschen erzeugten einfachen Ökosysteme wie etwa ein Kornfeld.
Nun lässt sich gut beobachten, dass die Versuche
des Menschen, die komplexen Systeme durch gezielte Eingriffe zu verändern, notwendig
die Instabilität dieser Systeme erhöhen.
Diese Beobachtung hat Kanitscheider mit einem
Experiment überprüft: „Zwölf Versuchspersonen hatten die Aufgabe, das Wohlergehen
der Bevölkerung von `Tanaland´ durch gezielte Maßnahmen so zu steuern, dass das
Land in jeder Hinsicht, also medizinischer Versorgung, Nahrungsangebot,
Kindersterblichkeit, Lebenserwartung usw. optimiert würde.“
Die Ergebnisse der Steuerungen in dieser
Modellwelt waren sehr auf aufschlussreich: „Fast alle Versuche sozialer
Ingenieurskunst führten zu unerwarteten Katastrophen in ferner liegenden
Bereichen.“
So zeigte sich bei der psychologischen
Analyse von Handlungen in komplexen Situationen, dass Menschen „schlecht dazu
geeignet sind, vernetzte, intransparente und dynamische Systeme zu durchschauen
und handzuhaben.“
Gerade wenn bestimmte Zustandsgrößen eines
Systems mehrdimensionale Verknüpfungen aufweisen, die zudem noch im Rahmen direkter
Beobachtung nicht beobachtbar sind, weil keine sichtbaren Variablen vorhanden
sind, dann ist der Mensch hoffnungslos überfordert, eine zielgerichtete
Steuerung an einem solchen komplexen System vorzunehmen.
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| Komplexe Systeme - durch den Menschen nicht steuerbar ... |
Nun in den Fällen, bei denen die Variablen
bekannt – weil beobachtbar – sind und bei denen die Wechselwirkungen einer
expliziten Dynamik folgen, also ein Geschehen darstellen, dessen Ursachen und
Bewegungsgesetze bekannt und verständlich sind, ist eine begrenzte Steuerung
möglich.
Diese Überlegungen überträgt Kanitscheider nun
auf die gesellschaftspolitische Ebene und erläutert sich am Beispiel der
Herstellung von Einkommensgleichheit.
„Eine Gesellschaft, die durch Gewalt die
Gleichheit der Einkommen erzwingt, erzeugt eine politische und ökonomische
Situation der äußersten Ungerechtigkeit und Unfreiheit. Jene Gesellschaft hingegen,
die den spontanen Ordnungskräften der Komplexität freies Spiel lässt, somit die
Freiheit an die oberste Stelle der Wertehierarchie setzt, erhält als Ergebnis
einen höheren Grad an Gleichheit als alle konkurrierenden Gesellschaftsformen.“
Grundlegend dafür ist die Erkenntnis, dass es
die Freiheit ist, die die Möglichkeit der Kritik enthält. Das bedeutet, dass
alle sozialen und ökonomischen Positionen, die jemand einnimmt, auch
angegriffen werden können. Keine noch so starre Institutionalisierung kann
Privilegien für alle Zeiten festzurren. In einer komplexen und offenen
Gesellschaft ist das Individuum nicht nur freier, sondern auch gleicher als in
jeder anderen konkurrierenden Gesellschaftsform, weil jeder immer wieder seine
Chance erhält.
All das bedeutet nicht, dass man auf Planung
nun ganz verzichten sollte bzw. könnte. Aber neben der geplanten Ordnung und Organisation
zur bewussten Koordination von menschlichen Aktivitäten gibt es eben das weite
Feld der ungeplanten Ordnung, die nicht vom Menschen entworfen wurde, sondern
die aus der Tätigkeit der Individuum resultiert, ohne dass dahinter eine besondere
Absicht verborgen liege. Eine ungeplante Ordnung wird nicht hergestellt, sie bildet
sich.
Die geplante Ordnung hat also vor allem den
Sinn, günstige Bedingungen dafür schaffen, dass eine ungeplante Ordnung
entstehen, sich bilden kann. Diese Planung und Organisation betrifft jedoch nur
die Rahmenbedingungen. Die soziale Ordnung ist demnach „das Resultat vielfältiger,
unübersehbarer, spontaner Kooperationen.“
Wir müssen also vor allem dafür sorgen, dass
unsere vorliegende komplexe Ordnung nicht unnötigerweise durch Eingriffe
destabilisiert wird. „Die Freiheit des Individuums, die minimale Einengung
seiner spontanen Entschlüsse und die komplexe Ordnung stehen in einem gegenseitigen
Stützungsverhältnis. Ein freies System wird sich für die Bildung der
Gesamtordnung auf die spontanen Kräfte verlassen.“
So wird man die Kenntnisse und Fähigkeiten der
Mitglieder einer Gesellschaft am besten nutzen können, wenn man sie nicht einer
zentralen Leitung unterwirft, die die Entwicklung der Gesellschaft nach einem einheitlichen
Zielkatalog steuert – denn nur auf diese Weise wird die Freiheit, d.h. der
größtmögliche Handlungsspielraum für alle garantiert.
Einen Kristall – so Kanitscheider – kann man
auch nicht herstellen, indem man jedes Molekül an seinen Platz setzt, sondern
indem man Kondensationskeime in eine Nährlösung der richtigen Konzentration
gibt!
Zitate
aus: Bernulf Kanitscheider: Von der mechanischen Welt zum kreativen Universum.
Zu einem neuen philosophischen Verständnis der Natur, Darmstadt 1993
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft), S. 59ff. - Zum Tanaland-Experiment siehe den Artikel von Peter Felixberger auf der Homepage von Advanced Journalism Academy


