Donnerstag, 16. August 2018

Paris und der Frieden von 1814


Unter dem Begriff „Befreiungskriege“ werden üblicherweise die kriegerischen Auseinandersetzungen in Mitteleuropa von 1813 bis 1815 zusammengefasst, mit denen die französische Vorherrschaft unter Napoleon Bonaparte über große Teile des europäischen Kontinents beendet wurde.

Gegen das Französische Kaiserreich, das sich mit Großbritannien seit 1793 nahezu ununterbrochen in einem weltumspannenden See- und Kolonialkrieg befunden hatte, bildete sich im Jahr 1813 nach Napoleons Niederlage im Russlandfeldzug von 1812 erneut ein Militärbündnis. Dieses wurde zunächst von Russland und Preußen getragen, später schlossen sich Österreich und andere Staaten an. In Deutschland entstand in diesem Kontext eine antifranzösische und national orientierte Publizistik, die eine Basis für den deutschen Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert bildete. Der anfänglich auch mit ideologischen Untertönen geführte Volkskrieg wurde insbesondere von Metternich in einen Krieg der Regierungen zur Wiederherstellung eines Gleichgewichts der alten Mächte umgewandelt.

Nach einem wechselhaften Kriegsverlauf wurde Napoleon im Oktober 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen. Er musste sich über den Rhein zurückziehen. Der von Napoleon geschaffene Rheinbund löste sich nach dieser Niederlage auf. Mit dem Rückzug Napoleons endete die französische Herrschaft über Teile Deutschlands.


Die letzte Schlacht Napoleons vor seiner Abdankung 1814
Das Gefecht auf der Brücke über die Aube bei Arcis-sur-Aube

An der Jahreswende zu 1814 überquerten die Alliierten den Rhein, im März wurde Napoleon schließlich in der Schlacht bei Arcis-sur-Aube endgültig geschlagen und dankte ab. Die Sieger aus Russland, Preußen, Großbritannien und Österreich marschierten in Paris ein.

Ab diesem Moment verwandelte sich die französische Hauptstadt, in den Worten Metternichs, in „ein riesiges, weitläufiges, herrliches Irrenhaus“. Nicht allein die europäischen Majestäten mitsamt ihrer Minister und Generäle waren herbeigeströmt, sondern auch ihre Ehefrauen, Geliebten und die übrigen Hofschranzen.

Die Neuankömmlinge hatten sich überall einquartiert, wo es ihnen möglich war, und besonders gern die Privatwohnungen von Funktionsträgern des napoleonischen Regimes in Anspruch genommen.

Fürst von Metternich, eigentlich:
Clemens Wenceslaus Nepomuk Lothar
von Metternich-Winneburg zu Beilstein
Jacques Claude Beugnot, der ehemalige Kommissar Napoleons im Großherzogtum Berg und jetzt Innenminister der provisorischen Regierung Talleyrands, war wenige Tage nach dem Einzug der Alliierten nach Paris zurückgekehrt. „Ich wollte meine Wohnung beziehen“, berichtet er. „Aber sie war von Lord Burghess belegt, der nicht im mindesten geneigt war, mir auch nur zum kleinsten Teil derselben Zugang zu gewähren. Er gab mir zu verstehen, daß er sie besonders wegen meiner Bibliothek schätze.“

Charles William Stewart, britischer Offizier, Politiker und Diplomat (später der 3. Marquess of Londonderry) übernahm das Hôtel particulier der Familie Montesquiou, wo er begann, große Gesellschaften zu geben. Der ewige Leichtfuß kam eines Abends wie üblich betrunken nach Hause, riß sich die Uniform vom Leib und warf sich aufs Bett, ohne sich die Mühe zu machen, die zum Garten gehende Terrassentür zu schließen. Als er wieder erwachte, stellte er fest, daß ihm nicht nur sein üppig mit Goldlitzen und diamantenen Orden besetzter Dolman, sondern auch jedes andere Kleidungsstück gestohlen worden war. Er mußte so lange im Haus ausharren, bis ihm ein Schneider eine neue Uniform genäht hatte; dann nahm er sein ausschweifendes Leben sofort wieder auf.

Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. hatte das Palais von Fürst Eugène, dem Stiefsohn Napoleons, bezogen und besichtigte von hier aus unter kundiger Führung von Humboldts Bruder Alexander die Sehenswürdigkeiten von Paris.

Der preußische Staatskanzler, Baron Karl August von Hardenberg sah sich ebenfalls eifrig die Stadt an, allerdings erforschte er weniger die kulturellen Sehenswürdigkeiten, sondern vielmehr systematisch alle berühmten Pariser Restaurants, angefangen bei Robert, über Véry im Palais-Royal, bis hin zum Rocher de Cancale.

Andere interessierten sich mehr für das Angebot der Läden. Metternich machte sich auf die Suche nach edlen Seidenstoffen, die er Wilhelmine schicken wollte. Als sie in Paris eintraf, ging sie zusammen mit ihm einkaufen und half ihm bei der Auswahl von Kleidern für seine Frau. Er erstand auch Möbel, Silberzeug und Stoffe für sein Haus in Wien und buchte für den dort vorgesehenen Kongreß Tänzerinnen und Tänzer der Oper.

Russische Kosaken in Paris
„Niemals ist mehr Gold in Paris gerollt“, schrieb ein in österreichischen Diensten stehender französischer Offizier nach Wien. „Tausende von Dukaten werden täglich in diesem ungeheuren Bordell umgesetzt. Die Kaufleute leeren ihre Läden bis zur Neige; sechzigtausend Dirnen, von den anständigen Damen ganz zu schweigen, stehen fortwährend im Dienst, desgleichen die Frauen der Angestellten, seien es nun zivile oder militärische.“

Paris war die größte Metropole Europas, sein intellektueller und kultureller Mittelpunkt, maßgebend für Geschmack und Mode, und nun war es auch das politische Epizentrum des Kontinents.

Magisch zog es die Menschen an, und niemanden mehr als die Briten, eine Nation unermüdlicher Touristen, die, abgesehen von einer kurzen Unterbrechung während des Friedens von Amiens, zwei Jahrzehnte lang vom Kontinent abgeschnitten waren. Ausflüge nach Paris waren nun in der Londoner Gesellschaft der letzte Schrei. „Es regnet Engländer“, schrieb Metternich an seine Frau und behauptete, daß jeden Tag bis zu sechshundert von ihnen kämen; wie er hinzufügte, machten die Huren am Palais-Royal satte Gewinne. Er schilderte auch die Ankunft einiger englischer Damen, deren Kleidung ihn entsetzte. „Man muß das mit eigenen Augen gesehen haben, sonst würde man es nicht glauben“, versicherte er ihr.

Lady Castlereagh
Nachdem ihnen der Kontinent so lange versperrt gewesen war, hatten die britischen Frauen den Anschluß an die europäischen Modeentwicklungen verloren und ihrer Phantasie freien Lauf gelassen – mit desaströsen Folgen. Eine Gruppe englischer Touristen erregte großes Aufsehen in Genf, wo die Stadtverwaltung den Damen Ausgehverbot erteilte, nachdem sich jedes Mal, sobald sie vor die Tür traten, eine schwer zu bändigende Menge versammelte; man fürchtete Tumulte. Vorherrschend war ein irgendwie nachlässiger, wenn auch kecker Stil mit kurzen Röcken, selbst unter älteren Frauen. Schwarzenberg war über Lady Castlereaghs, die Frau des britischen Außenministers, Geschmack erstaunt. „Sie ist sehr dick und kleidet sich so jugendlich, so knapp, so unverhüllt“, schrieb er.

Eine der größten Attraktionen von Paris war das Musée Napoléon im Louvre. Konzipiert, organisiert und seinem Zweck zugeführt hatte es der Kunstexperte und Künstler Baron Dominique-Vivant Denon. Es war das Ergebnis von Plünderungen in großem Maßstab während der Revolution und der Herrschaft Napoleons. Viele Besitztümer des Museums entstammten den königlichen französischen Sammlungen, beschlagnahmten Schlössern, entweihten Kirchen und aufgelösten religiösen Einrichtungen.

Eine außergewöhnliche Sammlung von Altertümern hatten wissenschaftliche Begleiter mitgebracht, die 1798 an Napoleons Invasion Ägyptens teilgenommen hatten. Aber das meiste stammte aus Europa und war aus dem Vatikan, aus Königs- oder Herzogspalästen, Klöstern und anderen Institutionen überall in Italien, Belgien, den Niederlanden, Spanien, Portugal, Deutschland und Polen entweder erplündert oder den Eigentümern abgepreßt worden.

Dominique-Vivant Denon
Das Museum war einzigartig. Nie zuvor war so viel vom künstlerischen Erbe des alten Ägyptens, Griechenlands, Roms und Europas zusammengetragen, nie so klug ausgestellt oder so umfassend präsentiert worden. Im Bereich der mittelalterlichen italienischen Malerei etwa hatte Denon in Lagern und auf Dachböden Kunst aufgestöbert, die keine hohe Wertschätzung mehr genoß; indem er sie aber einer größeren Öffentlichkeit zeigte und in Katalogen beschrieb, wertete er sie wieder auf und brachte sie in Mode.

Die kultivierteren alliierten Diplomaten und Offiziere strömten in den Louvre, und Maler wie Benjamin Haydon und William Wilkie reisten eigens aus England an, um sich diese Schätze anzusehen. Hier bot sich ihnen die einmalige Gelegenheit, Werke von Künstlern zu betrachten, über die sie bisher nur gelesen hatten.

Der um die Zukunft seines großen Werkes ängstlich besorgte Denon empfing mit der gleichen Liebenswürdigkeit Monarchen wie Leutnants und führte sie beflissen durch die Sammlungen. Er verlängerte die Öffnungszeiten und richtete Sonderausstellungen für bestimmte Werkgruppen ein, um so viele Menschen wie möglich in sein Museum zu locken. Überdies stellte er in Aussicht, alle Werke zurückzugeben, die nicht Teil der Dauerausstellung waren, ungefähr zweihundert Gemälde, mehrere Dutzend Skulpturen und Hunderte anderer Kunstwerke.

Er hätte nichts befürchten müssen. Alle, die den Louvre besuchten, waren von der Erlesenheit der Sammlung überwältigt. Man war der einhelligen Meinung, daß hier die Kunstwerke zugänglicher seien, daß sie besser zur Geltung kämen und besser betreut wurden als dort, wo sie herkamen. Wichtiger noch, die Besucher begriffen, daß das Museum als solches ein großes Kunstwerk und eine Institution von weltweit unschätzbarer kultureller Bedeutung war.


Zitate aus: Adam Zamoyski: 1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongreß, München 2014

Donnerstag, 24. Mai 2018

Immanuel Kant und der Wohlfahrtsstaat


Kant teilte das Credo des klassischen Liberalen, demzufolge die Herrschaft des Gesetzes garantiert, dass die Freiheit des einen neben der Freiheit des anderen bestehen könne. Wie die rechtschaffenen Bürger ihr eigenes Glück besorgen, gehe den Staat jedoch nichts an.

Immanuel Kant
„Im Staatsrecht ist nicht das Glück der Bürger (denn das mögen sie selbst besorgen) sondern das Recht derselben, was das Prinzip der Verfassung ausmacht. Der Wohlstand des Ganzen ist nur das Mittel, ihr Recht zu sichern und sie dadurch in den Stand zu setzen, sich selbst auf alle Weise glücklich zu machen. Daher müssen sie auch die Armen selbst versorgen, Schulen unterhalten und ihre Kinder selbst erziehen, aber auch die Freiheit dazu haben, ihre Religion selbst bestimmen, aber nur durch Einstimmung sie verändern.“ (AA XIX, S. 560 Reflexionen 7938)

Der Staat sei also nicht dazu da, seine Bürger glücklich zu machen, ihre Wohlfahrt zu besorgen. Und jeder Versuch, es doch zu sein, ist im Ansatz despotisch:

„Eine Regierung, die auf dem Prinzip des Wohlwollens gegen das Volk als eines Vaters gegen seine Kinder errichtet wäre, d. i. eine väterliche Regierung (imperium paternale), wo also die Untertanen als unmündige Kinder, die nicht unterscheiden können, was ihnen wahrhaftig nützlich oder schädlich ist, sich bloß passiv zu verhalten genötigt sind, um, wie sie glücklich sein sollen, bloß von dem Urteile des Staatsoberhaupts, und, daß dieser es auch wolle, bloß von seiner Gütigkeit zu erwarten: ist der größte denkbare Despotismus (Verfassung, die alle Freiheit der Untertanen, die alsdann gar keine Rechte haben, aufhebt).“ (WA 9, S. 146).

Kant wendet sich gegen den paternalistischen Wohlfahrtsstaat. Mit dem heutigen fraternalistischen Wohlfahrtsstaat hat dieser allerdings wenig gemein. Was beide eint, ist gleichwohl die Tendenz, die individuelle Freiheit zu zerstören.

Rebellion als Mittel gegen den Souverän schließt Kant jedoch aus. Er schreibt klipp und klar:

„Daß alle Widersetzlichkeit gegen die oberste gesetzgebende Macht, alle Aufwiegelung, um Unzufriedenheit der Untertanen tätlich werden zu lassen, aller Aufstand, der in Rebellion ausbricht, das höchste und strafbarste Verbrechen im gemeinen Wesen ist; weil es dessen Grundfeste zerstört.“ (WA 9, S. 155 f.)

Mit der Freiheit der Feder ... gegen Paternalismus!
Kant schweben nur friedliche Mittel gegen den paternalistischen Wohl-fahrtsstaat vor, genauer gesagt ein friedliches Mittel: Redefreiheit, die Freiheit der Feder.

„Also ist die Freiheit der Feder – in den Schranken der Hochachtung und Liebe für die Verfassung worin man lebt, durch die liberale Denkungsart der Untertanen, die jene noch dazu selbst einflößt, gehalten (und dahin beschränken sich auch die Federn einander von selbst, damit sie nicht ihre Freiheit verlieren) – das einzige Palladium der Volksrechte. (WA 9, S. 161)

Wie gesagt, Kant sah im paternalistischen Wohlfahrtsstaat eine Gefahr für die Freiheit der Bürger. Der fraternalistische Wohlfahrtsstaat, der später mit Bismarck die Bühne betrat, konnte noch nicht sein Thema sein. Gleichwohl ist in diesem Zusammenhang interessant, wie Kant das Armenproblem behandelt, auch wenn er dies nur am Rande tut. Er plädiert klar für eine Mindestabsicherung durch den Staat. Kant begründet seine Auffassung nicht mit dem Recht der Armen als Bürger, sondern mit den Bedürfnissen der Armen als Menschen, ganz gleich ob deren Situation selbst verschuldet ist oder nicht. (AA XIX, S. 578 f.)

Kant dürfte in dem, was er „allgemeine Ungerechtigkeit“ nennt, ein Motiv für staatliche Armenfürsorge gesehen haben. Dieses Motiv bekommt durch das Streben des Menschen nach Glück eine interessante Wende; eine Wende, die staatliche Armenfürsorge und individuelle Freiheit ohne gegenseitige Beeinträchtigung nebeneinander bestehen lässt.

Wer nämlich einem Elenden eine Wohltat erzeiget, um in Kants Worten zu sprechen, trägt damit nur seinen Teil der Schuld an der allgemeinen Ungerechtigkeit ab, die er trotz aller Rechtschaffenheit auf sich geladen hat:

„Man kann mit Anteil haben an der allgemeinen Ungerechtigkeit, wenn man auch nach den bürgerlichen Gesetzen und Einrichtungen kein Unrecht thut. Wenn man nun einem Elenden eine Wohltat erzeiget, so hat man ihm nichts umsonst gegeben, sondern man hat ihm das gegeben, was man ihm durch eine allgemeine Ungerechtigkeit hat entziehen helfen. Denn wenn keiner die Güter des Lebens mehr an sich ziehen möchte, als der andre, so wären keine Reiche aber auch keine Arme.“ (AA XVII, S. 416)

Wenn man nun einem Elenden eine Wohltat erzeiget,
so hat man ihm nichts umsonst gegeben ...

Es liegt auf der Hand, dass derjenige, der die ungleiche Güterverteilung nicht als allgemeine Ungerechtigkeit und Armenfürsorge nicht als Beförderung seines Glückes versteht, Kant nicht folgen kann. Er kann das Muss zur Armenfürsorge nicht als ein selbstbestimmtes Muss, das seiner freien Entscheidung entspringt, verstehen. Er kann es nur als eine Beschneidung der Freiheit sehen, was es in seinem Fall auch ist. Das Gleiche gilt für die Unterhaltung von Schulen und die Erziehung von Kindern.

Nur gewollt – wobei die Motive, es zu wollen, unterschiedlich sein können – sind sie mit Freiheit vereinbar.


Zitate aus: Kant’s Gesammelte Schriften, „Akademieausgabe“ (AA), Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900ff   -   Immanuel Kant, Werkausgabe (WA), hg. von Wilhelm Weischedel, 1977ff   -   Weitere Literatur: Hardy Bouillon (Hrsg.): Freiheit, Vernunft und Aufklärung. Ein Immanuel-Kant-Brevier. Zürich 2015 (Verlag Neue Zürcher Zeitung)