Donnerstag, 16. April 2020

Die Aufklärung und der Feder-Krieg


Hätte man früher bei dem Begriff „Soziales Netzwerk“ an die gute Hausgemeinschaft, die Nachbarn, Verwandte oder Freunde aus dem Sportverein gedacht, so denkt man heute ebenso selbstverständlich an Facebook, Twitter und Co.

Und während früher so manchem Mitglied eines sozialen Netzes die „üble Nachrede“ oder die „Gerüchteküche“ mitunter schwer zugesetzt hat, so gehört heutzutage der Shitstorm zu den unfreundlichen Begleiterscheinungen moderner Kommunikation. Hier lassen Menschen lautstark ihren Unmut über eine Person, Organisation oder eine Marke aus. Dabei werden die Grenzen des „guten Tons“ munter überschritten.

Ein Vorläufer dieser sich im öffentlichen Raum abspielenden und auf Häme und Hass beruhenden „Streitkultur“ waren die Flugschriften, die sich vor allem in der Epoche der Aufklärung großer Beliebtheit erfreuten.

Ein Beispiel aus Hamburg ist die Häme und Hetze um die  Satire Lob der Geldsucht des (1704) des zu Unrecht vergessenen Dichters Barthold Feind, für die die Bürgerschaft Hamburgs in Flugschriften die öffentliche Verbrennung forderte. Drei Jahre später, am 19. März 1707, wurde schließlich die Schandglocke geläutet, man hatte eine Schüssel mit glühenden Kohlen bereitgestellt, in die die Werke von Feind geworfen wurden. Am 18. August baumelte ein Porträt des Dichters in effigi am Galgen. Feind selbst kam ungeschoren davon, denn er stand im Dienst Schwedens und konnte daher nicht einfach belangt werden.

Hamburger Feder-Krieg um die Satire 
Lob der Geldsucht (1704) des Dichters Barthold Feind 

Flugschriften waren ein Reflex des kontroversen Meinungsklimas und der Verdichtung von Konflikten in den Städten der Frühen Neuzeit. Ihr „Einsatzgebiet“ war ursprünglich der Konfessionsstreit im Zuge der Reformation. Diese nahm bekanntlich mit dem Thesenanschlag ihren Ausgang, wobei die 95 Thesen Luthers - als Flugschriften gedruckt – sich mit bis dahin unbekannter  Geschwindigkeit über ganz Europa verbreiteten.

In den Städten kannte man dieses Medium zur Genüge. Wie auch immer sich die Parteien im Disput zwischen Rat und Bürgerschaft oder zwischen den verschiedenen Konfessionen oder manchmal auch zwischen unterschiedlichen Strömungen innerhalb der eigenen Glaubensrichtung – man denke nur an das Gezeter zwischen lutherischer Orthodoxie und Pietismus - gegeneinander positionierten, es gab eine Gemeinsamkeit: Alle Positionen wurden in unzähligen Schriften öffentlich thematisiert, diskutiert, verhandelt. 

Die Intensität der Konflikte bildete sich gleichsam im Gestöber der Flugschriften ab – einem Zeitgenossen erschien es, als flögen sie „wie Schneeflocken“ umher, ein anderer verglich sie mit Käfern und Schmeißfliegen.

Der „Feder-Krieg“ verlief unübersichtlich und mit unklaren Frontverläufen. Wer sich in bestimmter Weise positionierte, durfte gewiss nicht darauf rechnen, Recht zu behalten. Sicher war nur eins, nämlich dass eine Flugschrift eine oder auch mehrere kritische Antworten erhielt.

Der Germanist und Historiker Dirk Rose spricht – mit Blick auf die bürgerkriegsähnlichen Zustände in der Reichsstadt Hamburg in den Jahren 1680 bis 1720 – treffend  von einer „skandalösen Öffentlichkeit“.

Die Verfasser der Flugschriften stammten in der Regel aus dem gelehrten Milieu. Ihre Komödien, Satiren und Polemiken wurden jedoch nicht nur an eine erlauchte Leserschaft verkauft, sondern vielfach vorgelesen, abgeschrieben, auf den Straßen zitiert und referiert; ebenso wurden Lieder gedruckt und gesungen, Streitschriften in Kaffeehäusern und Gaststätten vorgetragen und diskutiert und natürlich wurden die Streitthemen auch in Predigten aufgegriffen. Und wer es ganz eilig hatte, konnte an bestimmten öffentlichen Orten Hamburgs wie der Börse eine handschriftliche Notiz hinterlassen. Hier standen „zwei Buden“ mit Tintenfass und Feder zur Verfügung.

In den Hamburger Kaffeehäusern wurden zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf dem Tisch Kaffee und Tee ausgeschenkt und unter dem Tisch Flugschriften verteilt.

Aber nicht nur die Einwohner Hamburgs, sondern letztlich alle Menschen in größeren Städten kamen geradezu zwangsläufig mit dem Meinungsbetrieb in Kontakt. Flugschriften wurden in den gängigen Verkaufsstellen, etwa in Buchhandlungen, und von mobilen Händlern vertrieben, selbst in Kirchen wurden sie angeboten.

So war die städtische Bevölkerung insgesamt „Teilhaber eines Räsonnement-feldes“, in dem Schriftlichkeit und Mündlichkeit einander variantenreich befeuerten. Es war schier unmöglich zu ignorieren, dass um einen herum heftig gestritten wurde, trotz der Undurchsichtigkeit, Komplexität und Omnipräsenz der Konflikte. Die Flugschriften beförderten ein ziemlich „unruhiges“ Meinungsklima.

Der politischen Führung gelang es häufig nicht, den Flugschriftenverkehr zu kontrollieren. Verbote von Schriften beispielsweise in Hamburg waren zum Scheitern verurteilt, solange andernorts, etwa im damals dänischen Altona, fleißig gedruckt und nachgedruckt wurde.

Mehr noch: Durch die Zensur erhielt die inkriminierte Schrift oftmals erst recht Auftrieb. Es gelang jedoch der Obrigkeit ebenso wenig, sich einfach aus dem Schriftverkehr herauszuhalten. Das Vorgehen der „Behörden“ gegen die Flugschriften und ihre Verfasser wurden publik gemacht und an die Straßenwände geklebt. Gelegentlich sah sich die Obrigkeit sogar gezwungen, in den Flugschriftenaustausch einzusteigen oder über Dritte die eigene Position im Flugschriftenaustausch zu lancieren.

So entbrannte im ganzen Reich eine heiße Kontroverse um die Zeitschrift „Der Patriot“, vor allem aber in Hamburg, wo sie erschien. Manche befürchteten, dass die Flugschriften für und gegen die Zeitschrift „alle Civil-Ordnungen über den Hauffen werfen" würden. Allerdings wussten die meisten nicht, dass hinter dem geheimen Herausgebergremium die städtische Führungsspitze Hamburgs stand.

Die Zeitschrift „Der Patriot“

Man konnte nicht nicht kommunizieren. Zuweilen beklagte sich das Publikum über den publizistischen Krawall – so wie viele  heutzutage auch über die Art der Kommunikation in sozialen Netzwerken stöhnen.

Wenn man doch nur das Motto von Erasmus von Rotterdam beachten würde, der eine andere Form der Streitkultur anmahnte: „Mein Zweck ist, zu erinnern, und nicht zu schmähen: zu nützen, und nicht zu beleidigen: den Sitten der Menschen beiräthig [ein guter Ratgeber], und nicht nachtheilig zu sein.“



Literatur: Steffen Martus: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild, Hamburg 2015


Donnerstag, 9. April 2020

Thukydides und die Attische Seuche



Wer die Vergangenheit nicht kennt, 
kann die Gegenwart nicht verstehen 
und die Zukunft nicht gestalten.

Paideia in Zeiten von Corona ...


Im Jahr 431 v. Chr. standen sich mit dem Ersten Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund zwei in etwa gleichstarke Machtblöcke unversöhnlich und voller Misstrauen gegenüber. Damals nahmen die Führungsmächte Athen und Sparta den offenen Kampf um die innergriechische Hegemonie auf – aber damit letztlich auch um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeerraum.

Als Peleponnesischer Krieg ist dieser Konflikt in die Geschichtsbücher eingegangen, ein Konflikt, der zu Lande und zu Wasser ausgetragen wurde, und der sich, von einigen kürzeren Phasen der Waffenruhe unterbrochen, bis ins Jahr 404 v. Chr. hinziehen und so viele Staaten involvieren sollte, daß man in der Forschung gelegentlich sogar von einem „antiken Weltkrieg“ spricht.

Der Athener Thukydides hat in einem einzigartigen Werk früher Geschichts-schreibung den Verlauf des Krieges aufgezeichnet aufgezeichnet.

Thukydides (454 - 399 v. Chr.)

Folgt man Thukydides, dann wird man Zeuge jener militärischen Katastrophe Griechenlands, die mit unvorstellbarem menschlichen Leid, der Aufkündigung aller Rechtsgrundsätze im zwischenstaatlichen Verkehr und brutalster Durchsetzung der Positionen des Stärkeren einherging.

So wie in den Perserkriegen im frühen 5. Jahrhundert die eigentlichen Kriegs-handlungen auf wenige Kampagnen beschränkt waren, so wurde auch im sogenannten Ersten Peloponnesischen Krieg, der zwar von 457 bis 446 dauerte, immerhin 451 ein fünfjähriger Waffenstillstand abgeschlossen wurde. Dagegen fanden während des fast zehnjährigen sogenannten Archidamischen Krieges (431 v. Chr. bis 421 v. Chr.) nahezu ununterbrochen Kämpfe statt.

Thukydides hat eindringlich beschrieben, wie der Krieg durch katastrophale und unerwartete existentielle Belastungen, aber auch durch seine bloße Dauer die Mentalitäten der vom Kriegsgeschehen betroffenen Menschen in grundsätzlicher Weise veränderte.

Zu den unerwarteten Ereignissen gehörte zunächst die Pest von 430. Die Umstände des Krieges lösten die Pest zwar nicht aus, aber die kriegsbedingte, von Perikles betriebene Übersiedlung der Landbevölkerung nach Athen, d.h. in das Stadtgebiet innerhalb der „Langen Mauern“ hatte auf jeden Fall zur katastrophalen Zuspitzung der Lage beigetragen.

Es bedrückte sie zusätzlich zur gegenwärtigen Not besonders auch das Zusammenziehen vom Land in die Stadt, und zwar vor allem die, die hinzu-gekommen waren. Denn da keine Häuser zur Verfügung standen, mußten sie im Sommer in stickigen Verschlägen wohnen und erlagen der Seuche ohne jede Ordnung. (Thuk. 2,52)

Thukydides konnte die Pest – im Griechischen steht übrigens schlicht loimos (Seuche) – deshalb äußerst genau beschreiben, weil er an ihr selbst erkrankt war.

Seine genaue Beschreibung lässt sich allerdings mit einer heute bekannten Krankheit nicht in Verbindung bringen. Das hat entweder damit zu tun, dass man Krankheiten vor 2500 Jahren völlig anders wahrnahm als heute oder dass ganz andere Erreger virulent waren.

Thukydides schildert aber nicht nur medizinisch exakt den Verlauf der Seuche, sondern vor allem die schrecklichen Szenen im zwischenmenschlichen Bereich, die sich während der Seuche abspielten. Die Pest ist nach seiner Darstellung eine der vielen kriegsbedingten Extremsituationen, die den dünnen Lack der Zivilisation absprengt. 

Die Attische Seuche (Gemälde von Michiel Sweerts, um 1653)

Der völlige Zusammenbruch jeglicher sozialen und moralischen Ordnung wird als die eigentliche Katastrophe empfunden:

Die Leichen lagen im Tod übereinander, Halbtote wälzten sich auf den Wegen und um alle Brunnen, gierig nach Wasser. Die Heiligtümer, in denen sie zelteten, lagen voller Toter, die dort drinnen gestorben waren. (...)

Überhaupt machte die Krankheit in der Stadt auch sonst den Anfang mit der Verachtung aller Werte. Leichter wagte man nämlich das, was man früher unterdrückt hatte, nämlich nach bloßer Lust zu handeln. Denn sie sahen, wie schnell die Wohlhabenden und plötzlich Sterbenden mit denen wechselten, die zuvor nichts hatten und nun sofort das Hab und Gut jener besaßen.

So hielten sie es für richtig, rasche Genüsse zur Annehmlichkeit zu erleben, in der Meinung, dass Leib und Geld in der gleichen Weise völlig vergänglich waren. (Thuk. 2,52f)

Das Interesse, das Thukydides an der Pest hatte, erklärt sich offenkundig auch mit ihrer Bedeutung für das Verhältnis zwischen dem Demos und dem führenden Politiker Perikles.

Vor allem aber illustriert die Pestbeschreibung einen Einzelaspekt des apokalyptischen Vernichtungszenarios, der in den Augen des Thukydides den Peloponnesischen Krieg zum bedeutendsten Ereignis der Geschichte machte, weil die Griechen nicht nur von den eigentlichen Kriegshandlungen, sondern auch von Bürgerkrieg, Erd- beben, Dürre und eben der Pest heimgesucht wurden (Thuk. 1,23).

Die Ärzte konnten nicht helfen, da sie anfangs die Krankheit nicht einmal erkannten - sie starben selber am zahlreichsten, weil sie am meisten mit den Kranken in Berührung kamen - noch irgendwelche anderen menschlichen Mittel. (Thuk. 1,47)

Möglicherweise wollte Thukydides mit der Pestbeschreibung auch auf übergeordnete Zusammenhänge hinweisen. So hat man etwa angenommen, dass Thukydides mit der Darstellung der Pest und der furchtbaren Umstände beweisen wollte, daß der Peloponnesische Krieg im übertragenen Sinn als Krankheit aufzufassen sei, die die griechische Staatenwelt erfasste.

Das vermutlich berühmteste Opfer der Seuche: Perikles (490 - 429 v. Chr.)

Insbesondere gerät die Rolle des athenischen Parlaments, der Volksversammlung, in den Blick, die sich – nicht zuletzt unter dem Einfluss von „Demagogen“, welche die Stimmung in der Versammlung noch anheizten – vielfach zu falschen Entscheidung mit furchtbaren Konsequenzen hinreißen ließ

Die Tatsache, dass die Pestbeschreibung auf die berühmte „Leichenrede“, den Epitaphios, folgt, mit dem der thukydideische Perikles die Gefallenen des Jahres 430 durch ein Lob auf Athen ehrt, deutet möglicherweise darauf hin, daß Thukydides durch diesen Kontrast seine von Anfang han kritische Haltung gegenüber dem im Peloponnesischen Krieg zugrundegegangenen perikleischen Athen habe offenlegen wollen.

Explizit hat Thukydides freilich der Pest einen über sich selbst hinausweisenden oder bedeutungsvollen Charakter nicht zugewiesen. Als Geschehen war die Seuche in den Augen des Thukydides schrecklich genug. Seiner Ansicht nach "bedrängte nichts anderes mehr als diese die Athener und schädigte nichts mehr ihre Macht" (Thuk.3,87,2). 

Die Attische Seuche raffte mindestens ein Viertel  Bevölkerung Athens dahin.


Literatur: Bruno Bleckmann, Der Peloponnische Krieg, München 2007


Donnerstag, 27. Juni 2019

Der Kalte Krieg und der "Kongress für Kulturelle Freiheit" - Teil 2



Es ist eine bekannte Tatsache, dass im Kalten Krieg auch Kunst und Kultur im politischen Machtkampf zwischen Ost und West standen. Eine führende westliche Organisation war der Kongress für Kulturelle Freiheit.

Trotz eines nach außen hin gezeigten kämpferischen Antikommunismus konzentrierte sich Führung des CCF in der Folge eher darauf, den Europäern und der restlichen Welt ein positives Bild eines liberalen Amerika zu vermitteln quasi als Gegenentwurf zum Kommunismus. Dies geschah vor allem, als Nicolas Nabokov 1951 neuer Generalsekretär des Kongresses für kulturelle Freiheit wurde.

Nicolas Nabokov (1903 - 1978)
Nabokov stammte aus einer weißrussischen Familie, die in den 1920er Jahren vor den stalinistischen Säuberungen nach Deutschland floh und 1933 nach Amerika emigrierte. Er versuchte in Amerika zunächst vergeblich, als Komponist Fuß zu fassen und musste sich als Musiklehrer an amerikanischen Mädchen-Colleges durchschlagen.

1945 meldete er sich zur Propagandaabteilung der amerikanischen Armee. Die schickte ihn nach Berlin, wo er für die Entnazifizierung zuständig war und den kulturellen Wiederaufbau der Stadt vorantrieb. Nabokov war vielseitig interessiert, charmant, amüsant und weltoffen. Er sprach fließend vier Sprachen und war mit vielen einflussreichen Persönlichkeiten befreundet, auch mit dem späteren Berliner Bürgermeister und Bundeskanzler Willy Brandt.

Nabokovs erstes großes Projekt war die Organisation eines vierwöchigen Festivals in Paris mit dem Titel „Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“. Dafür reist er durch halb Amerika und Europa, führt Verhandlungen mit Künstlerinnen und Künstlern und organisiert Kooperationen mit Orchestern und Ballettkompanien. Das Ziel ist, dem Pariser Publikum einen Kanon westlicher Kunst zu präsentieren, in dem Amerika als Kulturland einen zentralen Platz einnimmt.

Der CCF verstand sich nun vorwiegend als Institution, die die Werte des Westens vertritt. Und weil Amerika der Hauptprotagonist, d.h. der mächtigste Staat im Westen war, wollte Nabokov zeigen, dass die Amerikaner über eine ähnlich hohe Kultur verfügen wie die alten europäischen Kulturnationen. Es ging also darum, den liberalen Westen, seine „Kernideen“ von Liberalismus bzw. Sozialliberalismus zu verteidigen, auch gegen Konservative zum Beispiel.

In den vier Pariser Festivalwochen 1952 war alles vertreten, was in der Musik-, Literatur- und Kunstszene Amerikas und Europas Rang und Namen hatte: die Wiener Philharmoniker, das Westberliner RIAS Orchester, das Orchestre de la Suisse romande aus Genf und das New York City Ballet. Auf dem Programm standen v. a. Werke, die von den Nazis und von den Kommunisten verboten worden waren: Werke von Arnold Schönberg, Alban Berg, und Benjamin Britten; von Hindemith, Debussy oder Bartok. Und natürlich von amerikanischen Komponisten, von Aaron Copland oder Samuel Barber oder vom Exilanten Igor Strawinsky, der extra aus Hollywood anreiste. Er war der Star des Pariser Festivals.

Igor Stravinsky 1952 in Paris

Ein wichtiger Teil des Pariser Festivals von 1952 war auch eine große Ausstellung, in der Werke von Chagall, Matisse, Mondrian und vielen anderen Vertretern der klassischen Moderne gezeigt wurden. Hierfür hatte Nabokov seine Verbindungen zum New Yorker Museum of Modern Art aktiviert. Idee der Ausstellung war, Gemälde zu zeigen, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ verunglimpft worden waren und nun von den Kommunisten erneut als „formalistische Kunst“ abgelehnt wurden. Vor allem aber wollte er dem Pariser Publikum mit dem Einbezug des Museum of Modern Art demonstrieren, dass Amerika nicht hinter Europa zurücksteht.

Als Generalsekretär des Kongresses für kulturelle Freiheit war Nikolas Nabokov insgesamt sehr umtriebig: In über 35 Ländern wurden Lokalredaktionen gegründet, die eigene Zeitschriften herausgaben. Das publizistische Netz reichte bis in den Nahen Osten, nach Indien, Australien, Lateinamerika und Afrika. Das Flaggschiff war der britische Encounter, der von allen Publikationen des CCF die höchste Auflage erreichte. Überall in der Welt organisierte der CCF Tagungen und Kongresse. Man knüpfte enge Kontakte zu den Künstler-und Schriftstellerverbänden in den jeweiligen Ländern und organisierte Ausstellungen und Dichterlesungen.

Der CCF versuchte nun zunehmend, auch in den Ländern des Ostblocks Einfluss zu gewinnen. Sein Ziel war es, oppositionelle Intellektuelle zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass deren Werke im Westen erschienen. Er rief studentische Austauschprogramme ins Leben und schrieb Stipendien für Künstlerinnen und Künstler aus Ländern hinter dem Eisernen Vorhang aus. Wenn es irgendwo auf der Welt galt, den Einfluss des Kommunismus zurückzudrängen, dann war der Kongress für Kulturelle Freiheit zur Stelle. Auch als es 1956 nach dem Aufstand in Ungarn darum ging, eine Gruppe von geflohenen ungarischen Musikern wieder in Lohn und Brot zu bringen. Mithilfe des CCF gründeten sie kurzerhand die Philharmonia Hungarica, ein Orchester, das über viele Jahrzehnte existierte und zeitweilig unter der Leitung des berühmten Geigers Yehudi Menuhin stand.

Natürlich drängte sich irgendwann die Frage auf, woher das Geld kam, das die Aktivitäten des Kongresses für Kulturelle Freiheit möglich machte – die Veröffentlichung von über 1000 Büchern, die weltweit erscheinenden Zeitschriften, die Kongresse und Tagungen und nicht zuletzt das Pariser Festival. Offiziell hieß es, dass amerikanische Gewerkschaften und Stiftungen für die Finanzierung sorgen würden.

Doch Anfang 1966 veröffentlichten das kalifornische Magazin Ramparts und wenig später die New York Times eine Serie von Artikeln über die finanziellen Machenschaften und Verstrickungen des amerikanischen Geheimdienstes CIA. Die Artikel enthielten detaillierte Informationen darüber, mit welchen kriminellen Methoden die CIA Gelder in Umlauf brachte, um Organisationen, Projekte, Kampagnen, aber auch einzelne Personen zu finanzieren und auf diese Weise politisch Einfluss zu gewinnen. Dazu zählte auch der Kongress für kulturelle Freiheit.

Karikatur von Steve Hamann (2015)

Das Vorgehen der CIA war im Grunde immer dasselbe: Entweder kooperierte der Geheimdienst mit renommierten Stiftungen wie der Rockefeller-, Carnegie- oder Ford-Foundation, indem man über deren Konten CIA-Gelder weiterleitete. Oder man gründete kurzerhand eigene Scheinstiftungen, über die die Gelder weitergeleitet wurden. Im Mai 1967 gab der CIA-Agent Thomas Braden der Saturday Evening Post ein Interview und machte erstmals öffentlich, wie die CIA dabei vorging:

„Wir sind einfach zu irgendeinem bekannten oder reichen New Yorker gegangen und haben gesagt: ‚Wir wollen eine Stiftung einrichten‘. Dann haben wir ihm erklärt, wie wir uns die Sache vorstellten, und baten ihn um Diskretion. Darauf sagte der Betreffende gewöhnlich. ‚Selbstverständlich mache ich das‘. Dann haben wir einfach einen Briefkopf mit seinem Namen gedruckt, und fertig war die Stiftung.“

Heute weiß man, dass die CIA ein riesiges Netz von über 170 Stiftungen und Scheinstiftungen aufbaute, um Geldströme zu verschleiern. Sie schuf ein von außen fast undurchschaubares Geflecht aus Strohmännern und Tarnorganisationen, das die Finanzierung der weltweiten Geheimprojekte der CIA sicher stellte. Auch die Aktivitäten des Kongresses für Kulturelle Freiheit wurden überwiegend von der CIA finanziert.

Nach den Enthüllungen übte sich das Exekutivkomitee des CCF in Schadensbegrenzung. Denn auf dem Spiel stand nichts weniger als die Glaubwürdigkeit und damit die Existenz des CCF. Also versuchte man zu retten, was noch zu retten war und gab eine offizielle Erklärung an die Presse:

„Die Generalversammlung drückt ihr tiefes Bedauern darüber aus, dass die ihr vorliegenden Informationen die Berichte über eine Finanzierung durch den CIA bestätigt haben […] und dass der Geschäftsführende Direktor es für notwendig hielt, diese Mittel ohne Wissen seiner Kollegen anzunehmen. Sie gibt der Überzeugung Ausdruck, dass die Aktivitäten des Kongresses frei von jeder Beeinflussung und jedem Druck durch finanzielle Unterstützer gewesen seien, und sie zweifelt nicht an der Unabhängigkeit und Integrität seiner Mitarbeiter. Sie verurteilt die Art, wie die CIA die Betreffenden getäuscht und ihre Anstrengungen ins Zwielicht gerückt hatte, aufs Schärfste. Ein solches Handeln schädigt den intellektuellen Diskurs. Die Versammlung lehnt die Anwendung solcher Methoden in der Welt des Geistes strikt ab.“

In Deutschland nahm man von den CIA-Verstrickungen des CCF in der Presse kaum Notiz. Die Mitstreiter des Kongresses zogen es vor, einen Mantel des Schweigens darüber zu legen und die Sache in der Öffentlichkeit nicht weiter zu thematisieren. Vielleicht auch, weil die Nähe führender Sozialdemokraten zum Kongress für kulturelle Freiheit möglicherweise eine ernste politische Krise heraufbeschworen hätte.

Schon Anfang der 1960er Jahre hatten sich erste intellektuelle Ermüdungserscheinungen im CFF gezeigt. Doch nach dem Bekanntwerden der Geheimdienst-Verstrickungen stürzte das System „CCF“ zusammen.

Encounter (Ende der 60er Jahre)
Mit dem Ausbleiben der CIA-Gelder konnten keine Kongresse finanziert, keine Festivals veranstaltet und keine Publikationen mehr unterstützt werden. Die Zeitschriften kämpften vergeblich um ihr Überleben, nur dem britischen Encounter gelang es, bis in die 1990er Jahre weiter zu existieren. Der Niedergang des CCF ließ sich nicht mehr aufhalten, auch nicht durch seine Umbenennung in International Association for cultural freedom. Bis Mitte der 1970er Jahre versuchte diese Nachfolgeorganisation noch zu überleben, dann war auch sie Geschichte.

Man hat sich natürlich die Frage gestellt, warum ausgerechnet ein hochrangiger CIA-Agent dem Kongress für kulturelle Freiheit den Todesstoß versetzte, indem er mit den Einzelheiten an die Presse ging. Wahrscheinlich ist, dass das Interview mit Thomas Braden nicht zufällig erschien, sondern dem altbewährten Muster der CIA folgte, ein unliebsames Projekt loszuwerden, indem man es auffliegen lässt, vielleicht, weil der CCF schlicht zu teuer geworden war.

Quelle und Zitate: Ellen Freyberg, Kulturkampf im Kalten Krieg. Der Kongress für Kulturelle Freiheit, swr2 Wissen, Sendung vom 18. Mai 2018