Sonntag, 14. Januar 2024

Josef Kraus und die Fallgruben und Verirrungen der Bildungspolitik

Das Buch „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ von Josef Kraus ist nach eigenen Angaben eine „eine – bisweilen grimmige – Untersuchung der Trümmer und Ruinen, die deutsche Bildungspolitik und deutsche Bildungswissenschaften hinterlassen haben.“, denn aus den seit den 60er Jahren vollmundig angekündigten Reformen sind schlechthin Deformationen geworden – ob diese Bildung nun einem „radikalen Egalisierungswahn“ unterwarfen oder später den „Neugründungsmythen deutscher Bildungspolitik“, die unter den Namen „Pisa“ und „Bologna“ bekannt wurden.

Josef Kraus (*1949): Lehrer, Psychologe und von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands

Während diejenigen, die mit der Pisa-Flagge durch die Bildungslandschaften tapsen, weiterhin – und scheinbar völlig unbeeindruckt von gegenteiligen Ergebnissen der Bildungsforschung – die Einheits- und Gesamtschule anpreisen und zugleich das „gegliederte, begabungs- und leistungsorientierte Schulwesen“ auf den Müllhaufen der Geschichte verdammen wollen, so verkündigen diejenigen, die im Namen von „Bologna“ unterwegs sind, dass nun – mit Bachelor, Master, Workloads und Credit Points - endlich Effizienz, Mobilität, Modularisierung, Kompatibilität, Praxistauglichkeit, »Employability« Einzug in das Bildungssystem Eingang gefunden hat.

 

Für Kraus ist es eine wirklich verblüffende Situation: „Da können Bildungsexperimente, die immer zugleich Experimente an Schutzbefohlenen sind, noch so völlig scheitern, sie werden dennoch durchgezogen oder – wie etwa im Fall der Gesamtschule mit ihrer durchschlagenden Erfolglosigkeit – in neuem Gewand unter dem Etikett `Gemeinschaftsschule´ präsentiert. Damit und mit kuriosen Lehrplanreformen kann man ein Schulwesen innerhalb (…) von fünf Jahren an die Wand fahren (…) Hier scheint zu gelten, was Peter Sloterdijk feststellte: `Macht ist das Vermögen, die Tatsachen in die Flucht zu schlagen.´“

 

Für Kraus sind es vor allem fünf Fallgruben, in die die „bildungspolitischen Schlaumeier“ stets hineintapsen:

 

Eine dieser Fallen ist die Egalitäts-Falle. „Das ist die Ideologie, dass alle Menschen, Strukturen, Werte und Inhalte gleich bzw. gleich gültig seien. Das ist auch die Ideologie, dass es keine verschiedenen Schulformen, keine verschiedenen Begabungen, keine verschiedenen Fächer sowie keine bestimmten Werte geben dürfe.“ 

 

Gleichheit oder Gleichmacherei?

 

Eine zweite Falle sei die Hybris-Falle, also der „aus dem Marxismus (`Der neue Mensch wird gemacht´) und dem Behaviorismus (`Der neue Mensch ist konditionierbar!´) abgeleitete Wahn, jeder könne total gesteuert und zu allem `begabt´ werden.“

 

Eine dritte Falle wäre die „Falle der Spaß-, Erleichterungs- und Gefälligkeits-pädagogik. Diese tut – angestrengt und sehr bemüht – so, als ob Schule immer nur cool sein könne und ja alles tun müsse, dass sich Kinder doch ja nicht langweilen.“ 

 

Eine vierte Falle schließlich ist die Quoten-Falle. „Das ist die planwirtschaftliche Vermessenheit, es müssten möglichst alle das Abiturzeugnis bekommen und es dürften möglichst wenige oder gar keine Schüler sitzenbleiben. Dabei müsste doch eigentlich klar sein: Wenn alle Abitur haben, hat keiner mehr Abitur!“

 

Schließlich die fünfte, die Beschleunigungs-Falle. „Das ist die Vision, man könne mit einer immer noch früheren Einschulung in immer weniger Schuljahren und mit immer weniger Unterrichtsstunden zu besser gebildeten jungen Leuten und zu einer gigantisch gesteigerten Abiturienten- und Akademikerquote kommen.“

 

Natürlich sind diese Fallgruben je nach Bundesland unterschiedlich stark ausgeprägt, aber in jedem Fall drohen durch diese falschen Maßstäbe „Individualität, Leistung, Anstrengungsbereitschaft, natürliche Reifung und Qualität zu versinken.“ Und dennoch würde munter „drauflos re- und deformiert. Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von Seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben. Dass die allermeisten Reformen eben gerade denen schaden, denen sie zugutekommen sollten, nämlich den sozial Schwächsten, wird verdrängt. Die Kinder aus  `gutem´ Hause bekommen die Verirrungen der Schulpolitik durch elterliches Zutun kompensiert, die Kinder aus `bildungsfernen Elternhäusern aber bleiben in ihren `restringierten Codes´, in ihren Herkunftsmilieus eingekerkert.“ 

 

So richtig gut sieht der Turm fon Piesa auch nicht aus ...

Die Folge ist eine unfruchtbare und verödete Bildungslandschaft, „weil ihre Grundlage erodiert. Die misslungenen, aber offiziell dennoch für erfolgreich erklärten Reformen sind wie ein Eingriff in die Ökologie von Bildung mit all ihren Folgen bis hin zum Verlust an Artenvielfalt, zum Beispiel Schularten-Vielfalt. Man könnte auch sagen: Diese Bildungsnation wird von den einen willentlich, von anderen naiverweise an die Wand gefahren – brav assistiert von den meisten Parteien, von den meisten Bildungsforschern, von moralisierenden Schwätzern, von diversen Stiftungen sowie von manch karriereorientiertem Lehrer und Schulleiter.“

 

Solch eine Entwicklung fällt nicht vom Himmel. Hinter der dargestellten Entwicklung und ihren Fallgruben erkennt Kraus verschiedene Grundhaltungen – er nennt sie „mentale und intellektuelle Verirrungen“, die sich fatal auf die Bildungspolitik auswirken: 

 

Eine solche Verirrung ist beispielsweise: „Deutsche sind gerne Gesinnungs-ethiker. Gleichheit, Gerechtigkeit, Kuscheligkeit – so lauten die pädagogischen Glaubens- und Gesinnungsbekenntnisse. Immer und immer wieder werden sie mantramäßig vorgebetet, ohne Rücksicht auf die Folgen solcher Haltungen.“

 

Wie Max Weber in seiner Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik herausgearbeitet hat, fühle sich der Gesinnungs-ethiker nur dafür verantwortlich, „dass die Flamme der reinen Gesinnung nicht erlösche. Der Verantwortungsethiker dagegen bedenke stets die Motive und Ergebnisse seines Handelns.“ So gehe es vielen in der deutschen Bildungsdebatte nicht um „eine rationale Verantwortungsethik, nicht um das qua Bildung und Erziehung behutsam Machbare, sondern um die reine Gesinnung. Jedenfalls gehören die Deutschen zu den Weltmeistern der `political correctness´ und der `educational correctness´ mit ihren Denkverboten, Denkgeboten, Tabus, mit ihren Euphemismen, mit ihren Hui- und Pfui-Begriffen gerade in der Pädagogik.“

 

Eine weitere Verirrung ist für Kraus das egalitäre Denken, wenngleich dieses nicht einer gewissen Paradoxie entbehrt: „Dieselben Leute, die ständig von Gleichheit, Gerechtigkeit, Kindgemäßheit reden, betreiben unter Einflüsterung der Wirtschaft und der OECD eine Ökonomisierung von Bildung. Alles an `Bildung´ soll messbar, nützlich, verwertbar sein. Der Mensch wird zum `Humankapital´ und damit verdinglicht.“

 

"Heute versteht es sich von selbst, dass auch das Erziehungswesen in den Komplex der Wirtschaft gehört ..."

Schon 1961 hatte die OECD, „die ja auch für die Pisa-Testerei verantwortlich zeichnet, in einem Grundsatzpapier festgehalten: `Heute versteht es sich von selbst, dass auch das Erziehungswesen in den Komplex der Wirtschaft gehört, dass es genauso notwendig ist, Menschen für die Wirtschaft vorzubereiten wie Sachgüter und Maschinen. Das Erziehungswesen steht nun gleichwertig neben Autobahnen, Stahlwerken und Kunstdüngerfabriken. Wir können nun, ohne zu erröten und mit gutem ökonomischen Gewissen versichern, dass die Akkumulation von intellektuellem Kapital der Akkumulation von Realkapital an Bedeutung vergleichbar – auf lange Dauer vielleicht sogar überlegen – ist.´“

 

Ein weiterer Kardinalfehler des aktuellen Diskurses über Bildung sei schließlich deren „Infantilisierung durch Psychologisierung“ – wobei das, was in die Pädagogik hereingenommen wird, „triviale Alltagspsychologie und damit Banalisierung von Psychologie“ ist. „Alle Pädagogik soll offenbar vom zerbrechlichen Kind, dessen permanenter Traumatisierbarkeit, dessen Gegenwartsperspektive und dessen unmittelbaren Bedürfnissen her gedacht werden. Dem Kind, dem Schüler soll bloß nichts zugemutet werden, es könnte ja frustriert, demotiviert, ja traumatisiert werden. Dass man Kinder damit in einer Käseglocke und in einer ewigen Gegenwart einschließt und ihnen die Zukunft raubt, scheint nicht zu zählen. Statt ihnen ein bisschen etwas zuzumuten, weil man ihnen ja eigentlich mehr zutrauen kann, werden unsere Kinder von einem Teil der Eltern, von den `Helikoptereltern´, rundum `gepampert´.“

 

Josef Kraus geht es mit diesem Buch „um Diagnosen und Analysen. Für abgehobene Visionen, die nicht schulreif sind und es nicht werden können, bin ich nicht zu haben. Auch deshalb nicht, weil Visionen mit ihren Perfektionismusvorstellungen etwas Destruktives an sich haben; sie verhindern nämlich, dass das real (!) Beste aus einer Situation gemacht wird.“

 

Dass sich Kraus sich da und dort „einer durchaus kräftigen Rhetorik“ bedient, hat seinen Grund darin, dass es ihm auch darum geht, „Misstrauen zu säen gegenüber vermeintlichen bildungspolitischen Göttern. Die wollen ihr Ding drehen, und sie scheren sich nicht um den Willen des Volkes. Sie mögen Runde Tische einbestellen. Aber es ist oft nur eine Inszenierung, die nach Demokratie ausschauen soll (…) Das muss man sich nicht gefallen lassen.“

 

Dafür braucht es Mut, wie schon vor zweieinhalb Jahrtausenden „Perikles gesagt hat: `Zum Glück brauchst du Freiheit, zur Freiheit brauchst du Mut.´“

 

Zitate aus: Josef Kraus: Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt. Und was Eltern jetzt wissen müssen, München 2017 (Herbig)

Donnerstag, 28. Dezember 2023

Marlon Grohn und das freie Denken

"Glückliche Zeiten. Man verstand noch zu lesen. Man konnte noch laut nach-denken. All das scheint endgültig vorbei zu sein." 

Dieser Satz stammt aus dem Buch „Humanismus und Terror“ des französischen Denkers Maurice Merleau-Ponty aus dem Jahr 1947. Die glücklichen Zeiten, von denen Merleau-Ponty sprach, beziehen sich gleichwohl auf die 1930er Jahre!

Maurice Merleau-Ponty (1908 - 1961)

Dass ein Philosoph in der Mitte des 20. Jahrhunderts davon ausging, es hätte in den 30er Jahren bessere Bedingungen fürs laute Nachdenken bestanden, mag heute verwundern. Das Buch, in dem Merleau-Ponty die Sätze schrieb, und in dem er nebenbei einige alberne linke Meinungen zum Sowjet-Sozialismus korrigierte, hieß "Humanismus und Terror" und muss heute selbst als Paradebeispiel dieses lauten Nachdenkens gelten. Diese These zumindest vertritt Marlon Grohn in seinem Artikel “`Vom Denken zum Schweigen: Wie die Cancel Culture die Philosophie tötet!´” 

Was das freie Denken angeht, so dürfte sich die Situation mittlerweile deutlich verschlechtert haben. Nicht zuletzt, weil die Kernfrage des Buches von Merleau-Ponty, “nämlich die des Verhältnisses von humanistischer Verbesserung des Staatswesens und der dafür eventuell erforderlichen Gewalt, (…) schließlich inzwischen von allen politischen Parteien und Richtungen lieber unreflektiert gelassen und auf ein Übermorgen verschoben [wird]."

Der Philosoph Jacob Taubes schlug in die gleiche Kerbe, als er 1967 in einer Rede vor deutschen Studenten erklärte, “`Mündig sein´ heiße, dass `jeder von uns den Mund aufmachen darf, ohne dass ihm gedroht wird´.” 200 Jahre nach der Aufklärung ließen sich überall Tendenzen zur Entmündigung einer mündigen Gesellschaft ablesen, auch wenn die mündig gewordene Jugend sich in “verzweifelten, manchmal grotesken Formen” dagegen wehren würde.

Und heute? Grohn behauptet, dass das “Nachdenken (…) zu einem bloß stillen geworden [ist], das höchstens noch in den Nischen geschlossener Chat-Gruppen oder Privatgesprächen vor sich hindümpelt. Man könnte sich damit zufriedengeben und die Philosophie eben als abgeschafft, das Ende der Geschichte der Vernunft als eingeläutet betrachten und Ruhe geben.” Nur: Kann das jemand wirklich wollen?

 

Interessant sei es in jedem Fall, dass sich zwei Philosophen in den Jahren 1947 und 1967 ganz ähnliche Gedanken äußern wie heutzutage Akademiker, die die Cancel Culture vehement kritisieren.

 

Für Grohn steht fest, dass in unserer Zeit das Nachdenken folgerichtig längst als Unsitte in Verruf geraten sei: “Wer laut nachdenken will, begibt sich damit auf eine Ebene mit Drogendealern, Bankräubern und Bankmanagern – und zwar über alle politischen Sphären und Parteien hinweg.

 

Denn lautes Nachdenken, eben weil es vernünftig und logisch ist, widerspricht dem Prinzip demokratisch ausgewogener Politik und zieht folgerichtig deren Zorn auf sich: `Die Logik lässt keinen Kompromiss zu. Das Wesen der Politik ist Kompromiss.´ (John Locke).”

 

Auch wenn lautes Nachdenken in den meisten gesellschaftlichen Bereichen noch nie sonderlich beliebt war, “ist doch beachtlich, dass es heute gerade in den intellektuellen Berufen und den Geisteswissenschaften, wo das Nachdenken doch Selbstverständlichkeit sein sollte, nur noch das Relikt einer vergangenen Zeit darstellt.

 

Wobei sich hier die grundsätzliche Frage stellt, ob das laute Nachdenken deshalb verschwunden ist, weil sich das Denken generell nicht mehr allzu großer Beliebtheit erfreut. Die Intellektuellen kämpfen sich heute philologisch betrachtend durch die Schriften der Denker anderer Zeiten, während sie selbst all ihre Kraft dafür aufbringen, bloß nichts Ähnliches mehr zustande zu bringen.”

 

Die bittere Wahrheit Grohn zufolge ist, dass das “Denken nicht nur in politisch interessierten Kreisen, sondern selbst von Leuten, denen eigentlich an einer Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse und im Zuge dessen an Aufklärung qua lautem Nachdenken gelegen sein müsste, begafft [wird] wie ein Verkehrsunfall, dessen protokollierte Daten dann in den Hochschulen forensisch untersucht werden.”

 

Auf diese Weise aber würde “das Denken, der Diskurs, die Öffentlichkeit zunehmend notwendig auf ein Minimum von Floskeln und Nettigkeiten reduziert werden, damit sich bloß nichts ändert.”

 

Gegen die Kunst des sich entfaltenden Gedanken, gegen das laute Nachdenken manifestiert sich eine mediale Öffentlichkeit als globales Spektakel, “der das Verweilen bei Schein-Ereignissen wichtiger ist als begriffliche Einsicht in die Verhältnisse (…) In solchen Gesellschaften wird tatsächliche denkerische wie politische Aktivität durch Aktivismus ersetzt, indem mittels (…) fragmen-tarischem Gebrauch das Denken aus der großen Öffentlichkeit verschwindet.”

 

Leben im Empörium: Wenn das Verweilen bei Schein-Ereignissen wichtiger ist als begriffliche Einsicht in die Verhältnisse

Wenn man nur noch redet, "um sich gegenseitig Ohnmacht, Schmiegsamkeit und Harmlosigkeit zu bescheinigen ("Ich mein ja bloß, bin gleich wieder still"), wird das Schreiben schnell zum Akt bewusster Abwendung von der mit diesen Gräueln zugerichteten Öffentlichkeit.”

 

Grohn fragt, woher die nicht nur die Scheu vor dem lauten Nachdenken kommt, sondern auch die Angst der Verantwortungsträger, den Diskurs zu öffnen? “Es ist doch klar, dass jemand, der denken kann und denken will, dies gerne laut tun würde (…) Wer bloß `innerlich´ denkt, kreist nur im eigenen Hirn, denkt nicht in der Wirklichkeit.”

 

Nur “im Austausch mit anderen Denkenden, kann aus einem ungenauen Gedanken oder einer bloßen Ahnung ein fundierter Standpunkt werden (…) kann eine unüberlegte Äußerung korrigiert und zum vernünftigen Gedanken werden. Gerade aber das wird verhindert, wenn das laute Nachdenken eingestellt wird.”

 

Grohn zitiert den Schriftsteller und Journalisten Dietmar Dath, der sagt: "Schuld ist niemand an irgendetwas; jeder ist sich selbst das Nichts. Lebt und schreibt man in einer Gesellschaft, die sich so sieht, gibt es eigentlich kaum etwas zu sagen. Würde man aber in einer Gesellschaft leben, die nicht naturwüchsig, blind für sich selbst bleiben will, sondern geplant sein soll, ausgefochten, in der alles alle angeht, dann käme es sehr wohl darauf an, was die Leute denken, reden und schreiben."

 

Der erste Schritt hin zu einer solchen Gesellschaft wäre nach Grohn daher das “Erlernen des lauten Nachdenkens als einer selbstverständlichen Gewohnheit.”

 

Sapere aude!, oder: Das laute Nachdenken lernen!


Zitate aus: Marlon Grohn: "Vom Denken zum Schweigen: Wie die Cancel Culture die Philosophie tötet", in: Telepolis vom 26. Dezember 2023, im Netz unter: https://www.telepolis.de/features/Vom-Denken-zum-Schweigen-Wie-die-Cancel-Culture-die-Philosophie-toetet-9582799.html?view=print – zuletzt aufgerufen am 28.12.2023.

 

 

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Hedwig Richter und die Demokratie

 

 

Dass alle Menschen – wirklich alle! – gleich sein sollen, galt die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte als vollkommen absurd. In ihrem Buch „Demokratie – Eine deutsche Affäre“ erzählt die Historikerin Hedwig Richter, wie diese revolutionäre Idee aufkam, allmählich Wurzeln schlug, auch in Deutschland, und gerade hier so radikal verworfen und so selbstverständlich wieder zur Norm wurde wie nirgends sonst. In der Einleitung zu ihrem Buch beschreibt sie den Begriff und das Phänomen „Demokratie“ mit Hilfe von vier Thesen.

 

Demokratiegeschichte ist häufig ein Projekt von Eliten (These 1)

 

Demokratie lässt sich nicht notwendig beschreiben als ein Anliegen des „Volkes“, als eine „von unten“ erkämpfte Herrschaftsform. „Demokratie-geschichte ist nicht immer, aber häufig ein Projekt von Eliten. (…) In ihrem Alltag um 1800 hatten die Menschen der unteren Schichten meistens wenig Muße und kaum Ressourcen, um über Gleichheit und Mitbestimmung nachzudenken. Das änderte sich erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts.“ Richter warnt deshalb davor, Demokratiegeschichte einseitig als Revolutionsgeschichte zu interpretieren und den Reformbewegungen zu wenig Beachtung zu schenken, nicht zuletzt, weil gewaltförmige Wandlungsprozesse eher zu Diktaturen führen und friedfertige Reformen mehr Potential zur Demokratisierung aufweisen. Demokratie-geschichte ist daher wesentlich „eine Geschichte der Reformen, die oft von diesen Eliten angestoßen werden.“

 

Demokratiegeschichte ist immer auch die Geschichte ihrer Einschränkung (These 2)

 

Auch wenn es vorrangig die Eliten waren, die sich für Demokratisierung eingesetzt haben, so waren es nicht nur ethische Beweggründe oder gar ein aufklärerischer Impuls, der sie angetrieben hat, sondern durchaus auch ein egoistisches Interesse. „Demokratie kann beispielsweise der Disziplinierung der Bürger dienen. Von Anfang an achteten Eliten zudem darauf, dass es nicht zu einer `Tyrannei der Mehrheit´ kam.“ In der liberalen Demokratietradition steht daher der Gedanke im Mittelpunkt, dass möglichst eine stabile „Balance der Mächte erreicht wird, ein System von checks and balances, in dem die Freiheit des Individuums geschützt und sein Streben nach Glück möglich ist.“


Im Sommer 1787 handeln Vertreter der Einzelstaaten in Philadelphia - unter dem Vorsitz des späteren Präsidenten George Washington - eine revolutionäre Verfassung aus. Sie beginnt mit den Worten "Wir, das Volk ...!"
 

Demokratiegeschichte ist wesentlich eine Geschichte des Körpers, seiner Misshandlung, seiner Pflege, seines Darbens – und seiner Würde (These 3)

 

Gleichheit und Freiheit lassen sich nur so lange verkündigen, solange Menschen – und damit eben auch und vor allem deren Körper – nicht misshandelt werden. Demokratisierung wird damit zu einer „politische Geschichte des Körpers, die analysiert, wie Erfahrungen mit dem Körper und Vorstellungen vom Leib Macht und Herrschaft durchdringen und verändern, wie sich Demokratisierung durch Körper und an Körpern zum Ausdruck bringt (…) Menschen, die nicht über ihren eigenen Körper herrschten, etwa Sklaven oder Frauen, wurden von Gleichheitsvorstellungen in der Regel ganz selbstverständlich ausgeschlossen.“

 

Richter weist unmissverständlich darauf hin: „Für die „Internalisierung einer Vorstellung wie Gleichheit reicht eine abstrakte Idee nicht aus; damit die universale Gleichheit `self-evident´ wurde, wie in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung festgehalten, musste sie inkorporiert und gefühlt werden.“ Demokratiegeschichte wird damit unweigerlich auch zu einer Geschichte der Gefühle und der Vorstellungswelten

 

Natürlich behauptet Richter damit nicht, dass die Geschichte der Demokratie selbstverständlich auch Ideengeschichte und Politik- und Parteiengeschichte sei, doch öffne der „Fokus auf die Gefühlswelten und auf den Körper“ einen neuen Blick für die Komplexität der Demokratiegeschichte: „Diese Perspektive schließt ökonomische und demographische Entwicklungen mit ein, die große Masse der Menschen wird sichtbarer, die hungernden Bauern etwa oder die schuftenden Frauen.“

 

Denn entscheidend für die Entwicklung von Demokratie war immer auch deren „Fähigkeit zur Skandalisierung: dass Armut nicht mehr als gottgegeben und unvermeidbar galt, dass Foltern und Quälen Gefühle der Abscheu hervorriefen, dass Ungleichheit als Unrecht empfunden wurde.“

 

Demokratiegeschichte ist eine internationale Geschichte (These 4)

 

Für Richter ist offensichtlich, dass die „nationalen Erzählungen“ nicht aus-reichen, um die Entwicklung der Demokratie zu beschreiben. Vielmehr entstand die moderne Demokratie im internationalen, genauer, im nordatlantischen Raum.

 

Dabei ist die Beziehung zwischen Demokratie, Nation und Internationalität durchaus spannungsreich: „Der Nationalgedanke war für die Popularisierung der Gleichheitsidee ausschlaggebend, und seit Demokratie zum globalen Heilsversprechen geworden ist, bildet sie den Kern nationaler Identitäten.“

 

So sei es nicht verwunderlich, dass die meisten westlichen Staaten ihre Geschichte als nationale Demokratiewerdung erzählen, in enger Verbindung mit nationalen Schlüsselereignissen und Mythen.

 

Dies werde in besonderer Weise am Beispiel Deutschlands mehr als deutlich: „Die Transnationalität von Demokratie und die selbstverständliche Einbettung Deutschlands in diese Geschichte wird an dem Diktum deutlich, das der amerikanische Präsident Abraham Lincoln 1863 aufgegriffen hat und das bis heute als prägnante Formel von Demokratie gilt: `government of the people, by the people, and for the people´. Bereits ein halbes Jahrhundert vorher hatte Ernst Moritz Arndt, der wie viele Intellektuelle am Beginn des 19. Jahrhunderts die Zukunft in der `Demokratie´ sah, 1814 erklärt: `Die besten Kaiser und Könige und alle edlen Menschen haben ja auch immer nur bekannt, daß sie für das Volk da sind und für das Volk und mit dem Volke regieren.´

 

Die Formel selbst hat weitere Vorläufer, darunter die 1791 von Claude Fauchet formulierte Sentenz: „Tout pour le peuple, tout par le peuple, tout au peuple“ (dt. „Alles für das Volk, alles vom Volk, alles für das Volk“), oder auch den Satz „Rex per populum et propter populum existat, nec absque Populo consistere possit“ (dt. Der König existiert durch das Volk und für das Wohl des Volkes und kann nicht ohne das Volk existieren“) aus dem Traktat „Strafgericht wider die Tyrannen“ (lat. Vindicae contra tyrannos), erschienen 1575 unter dem Pseudonym Stephanus Iunius Brutus Celta.

 

Ausgabe des Vindicae von 1579
 

Dennoch: Intellektuelle und Wissenschaftler haben immer wieder auf den utopischen und fiktiven Charakter von Demokratie hingewiesen. Gerade weil Demokratie auch Wirklichkeiten erzeugt und (nationale) Identitäten stiftet, deshalb sei jede vermeintlich historische Darstellung letztlich nur Erzählungen, „für die wir einen Plot wählen und in denen wir Bösewichte und Heldinnen auftreten lassen; wir setzen einen Anfang und schreiben auf ein Ende hin – ein geglücktes oder ein böses, in diesem Fall ein offenes.“

 

So sei die Geschichte der Demokratie „eine Modernisierungserzählung, deren Stoff Fiktionen, Wahrheiten und auch Zufälle sind. Sie ist eine leidenschaftliche, optimistische Chronologie von Fehlern und Lernprozessen, in deren Herz der Zivilisationsbruch des Holocaust steckt. Es ist keine geradlinige Geschichte, deren Ende feststeht. Ganz im Gegenteil. Die Affäre geht weiter. Die nächste Staffel folgt.“

 

Zitate aus: Hedwig Richter: Demokratie: Eine deutsche Affäre, München 2023 (C.H. Beck)

Sonntag, 29. Oktober 2023

Michael Sandel und die moralischen Grenzen des Marktes

Für Michael Sandel steht fest: „Wir leben heute in einer Zeit, in der fast alles ge- und verkauft werden kann. Im Lauf der letzten drei Jahrzehnte haben es die Märkte – und die damit verbundenen Wertvorstellungen – geschafft, unser Leben wie nie zuvor zu beherrschen. Nicht, dass wir uns bewusst dafür entschieden hätten. Es scheint einfach über uns gekommen zu sein.

Das Problem für Sandel liegt vor allem darin, dass sich die allumfassende Kommerzialisierung des Lebens mit einer zunehmenden Ungleichheit verbindet, so dass z.B. Arme und Reiche zunehmend getrennte Leben führen. „Wir arbeiten und kaufen und spielen an verschiedenen Orten. Unsere Kinder besuchen verschiedene Schulen, unsere Lebenswelten schotten sich voneinander ab. Das dient weder der Demokratie noch unserer Lebensqualität.“

Natürlich erfordere Demokratie keine vollkommene Gleichheit, aber sie erfordere, dass Bürger an einer gemeinsamen Lebenswelt teilhaben. „Es kommt darauf an, dass Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und Sozialstatus miteinander in Kontakt kommen und im Alltag auch einmal zusammenstoßen. Denn nur so lernen wir, wie wir unsere Unterschiede aushandeln und wie wir gemeinsam dem Gemeinwohl dienen können.“

Besonders krass haben sich Kommerzialisierung und soziale Ungleichheit im Bereich des Massensports entwickelt, u.a. durch die Verwandlung des Sportes in ein Handelsgut, das immer stärker in die Abhängigkeit von Sponsoring und Werbung gerät. 

Die Allianzarena in München

Es geht schon längst nicht mehr allein um den Verkauf von Sportartikeln oder Autogrammen, auch die Namen von Stadien sind käuflich zu erwerben. Obwohl manche Stadien noch ihre historischen Namen tragen, verkaufen die meisten Vereine der ersten Liga die Namensrechte der Stadien an den Meistbietenden. Banken, Energieunternehmen, Fluglinien, Technologieunternehmen und andere Firmen zahlen bereitwillig eine Menge Geld für die Aufmerksamkeit, die sie bekommen, wenn ihr Name die Stadien und Arenen großer Teams schmückt.

Dabei sind vor allem Massensportarten wie Fussball und Basketball wie nur wenige andere Institutionen eine Quelle sozialen Zusammenhalts und kollektiven Stolzes bzw. kollektiver Identität. Sportarenen sind „die Kathedralen unserer säkularen Religion dar – öffentliche Räume, in denen Menschen unterschiedlichster Herkunft in Ritualen von Niederlage und Hoffnung, Profanem und Gebet zusammenkommen.“
 
Bedauerlicherweise hat das im Sport umlaufende Geld den Gemeinschaftsgeist in den letzten Jahrzehnten stark verdrängt. Denn die Bedeutung eines öffentlichen Ortes wird für seine Bewohner verändert, wenn er den Namen wechselt.
 
Natürlich sind Stadien in erster Linie Orte, an denen sich Menschen versammeln, um sich Sportveranstaltungen anzusehen. Wenn Fans ins Stadion gehen, machen sie das nicht hauptsächlich wegen eines Gemeinschafts-erlebnisses. Sie wollen bestimmte Fussballspieler Tore schießen sehen oder erleben, wie ein Basketball-Star in den letzten Sekunden eines Spiels den entscheidenden Korb wirft.  

Das Volksparkstadion in Hamburg ist das erste Bundesligastadion, das  - 14 Jahre nach der ersten Umbenennung - 2015 seinen ursprünglichen Namen zurückerhalten hat.

Der öffentliche Rahmen, in dem das alles stattfindet, vermittelt eine gemeinschaftliche Erfahrung: „Zumindest für ein paar Stunden sind wir zusammen am selben Ort und teilen dasselbe Erlebnis. Wenn Stadien allmählich diesen Charakter verlieren und eher zu Reklametafeln werden, verschwindet damit auch ein öffentlicher Raum – und mit ihm die sozialen Bindungen und gemeinschaftlichen Gefühle, die sich dort artikulieren.
 
Noch stärker zersetzt werden die vom Sport vermittelten Gemeinschafts-erfahrungen durch die Ausbreitung der Luxuslogen. Noch in den 60er Jahren betrug der Preisunterschied zwischen den teuersten und den billigsten Plätzen in den Fußballstadien umgerechnet etwa 5 Euro. Tatsächlich waren Stadien fast während des gesamten 20. Jahrhunderts Orte, wo Führungskräfte Seite an Seite mit einfachen Arbeitern saßen, wo alle in den gleichen Schlangen anstanden, um Bratwurst oder Bier zu kaufen, und wo Reiche wie Arme gleichermaßen nass wurden, wenn es regnete.
 
Doch in den letzten paar Jahrzehnten hat sich das geändert. Das Aufkommen von VIP-Logen hoch über dem Spielfeld hat eine Trennlinie zwischen den Begüterten und Privilegierten und dem gemeinen Volk auf den Rängen darunter eingezogen.
 
Zwar tauchten die ersten Luxuslogen in den USA schon 1965 im futuristischen Houston Astrodome auf, doch spätestens in den 80er Jahren bezahlten immer mehr Firmen Hunderttausende Dollar, um Führungskräfte und Kunden im piekfeinen Rahmen über den Köpfen der Massen zu unterhalten.
 
Für die Teams waren die Einnahmen aus den Luxussuiten natürlich ein finanzieller Segen, allerdings machten die Logen einen Aspekt des Sports, die Aufhebung von Klassenunterschieden, völlig zunichte: „VIP-Logen mit ihrer kuscheligen Frivolität stehen für eine zentrale Fehlentwicklung im gesellschaftlichen Leben (…): den fast schon verzweifelten Eifer, mit dem die Elite bestrebt ist, sich von der übrigen Masse abzusetzen … der Profisport, einst ein Gegengift gegen Statusängste, ist schwer von dieser Krankheit befallen.“

Das neue Stadion des spanischen Fussball-Clubs Real Madrid - benannt nach dem Spieler, Trainer und langjährigem Präsidenten "Santiago Bernabeu"
Durch die Kommerzialisierung wird die Magie der populären Sportarten zerstört, die gerade aus ihrer wesentlich demokratischen Grundstrukturbesteht: „Die für eine große öffentliche Zusammenkunft gebaute Arena, eine Art Dorfanger des 20. Jahrhunderts, war ein Ort, an dem alle zusammenkamen.“ Die neuen Luxuslogen haben jedoch „die feine Gesellschaft so sehr vom gemeinen Volk isoliert, dass man wohl mit Recht sagen darf, dass die Sitzordnung der (…) Sportarena die soziale Schichtung reproduziert.“ Früher dagegen seien die Stadien Orte gewesen, „an dem Fließbandarbeiter und Millionäre gemeinsam für ihr Team jubeln können.“
 
Natürlich geht es für Sandel nicht nur um Werbung im Sport und anderen Bereichen unseres Lebens. Am Ende geht es um die die Frage, wie wir zusammen leben wollen. „Wünschen wir uns eine Gesellschaft, in der alles käuflich ist? Oder gibt es gewisse moralische und staatsbürgerliche Werte, die von den Märkten nicht gewürdigt werden – und die man für Geld nicht kaufen kann?“


Zitate aus: Michael J. Sandel: Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes, Berlin 2012 (Ullstein)