Donnerstag, 14. Januar 2021

Frederic Burrhus Skinner und die Unmenschlichkeit der behavioristischen Utopie


Im Jahr 1948, also zum Zeitpunkt, zu dem George Orwell seine Dystopie „1984“ schreibt, erscheint Skinners seine Wissenschaftsutopie „Walden Two“.

Skinner entwickelte Experimente, die das Verhalten von Tieren auf eine neue Weise erforschten. Hatten die berühmten Vorgänger wie Pawlow noch die Abhängigkeit des Verhaltens vom erfolgten Reiz untersucht, so wandte Skinner seine Aufmerksamkeit den Konsequenzen des Verhaltens zu. Skinner ging es dabei um die Frage, wie ein Tier sein Verhalten verändert, wenn es durch Futter belohnt wird, bzw. welchen Einfluß eine ausbleibende Belohnung auf das Verhalten hat? 

Skinner und die Skinner-Box

Skinner nannte die Beeinflussung durch Verhaltenskonsequenzen „Konditionie-rung“. Ihn interessierte, wie diese Konditionierung(en) das zukünftige Verhalten formen. Die Grundannahme ist relativ simpel: „Ein Verhalten, auf das ein verstärkender Reiz folgt, wird in der Zukunft wahrscheinlicher; ein Verhalten, das keine Verstärkung erhält, wird weniger wahrscheinlich sein. Die alte Kette von Stimulus und Response (S ~ R) erweitert sich zu Stimulus, Response, Consequences (S ~ R ~ C).

Der Erfolg seiner Tierexperimente verleitete Skinner dazu, seine Erkenntnisse auch auf den Menschen anzuwenden. Zu den Anwendungsversuchen seiner Verhaltens-lehre gehört beispielsweise die sogenannte Programmierte Unterweisung, also die Zerlegung von Lerneinheiten in kleine Schritte, wobei die richtige Antwort jeweils verstärkt wird. Sprachlabore beispielsweise arbeiten nach diesem Prinzip. Mit Hilfe der Skinner´schen Psychologie lassen sich gewisse Phobien ebenso ab- wie kooperatives Verhalten antrainieren, z.B. wird soziales Verhalten mit Chips oder Spielgeld belohnt, das man später gegen Vergünstigungen eintauschen kann.

Den Titel seiner Wissenschaftsutopie „Walden Two“ entnimmt Skinner dem Titel des Buches „Walden“ von Henry David Thoreau (1817-62). Es war ein Bericht von seinem Leben am Walden Pont, einem See in der Nähe von Concord (Massachusetts). „Zwei Jahre hatte Thoreau in den Wäldern ein asketisches Einsiedler-leben geführt. Thoreau war ein Exponent des amerikanischen Individualismus. Jedem einzelnen schrieb er die Aufgabe zu, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen." 

Skinner setzt in seiner auf Wissenschaft gestützten Utopie seinen Behaviorismus in Sozialtechnik um: „Menschen sollen durch Konditionierung und Verhaltens-steuerung aggressionsfrei und tolerant gemacht werden. Die Umwelt soll so gestaltet werden, daß sich ein sozial erwünschtes Verhalten quasi automatisch einstellt.“

In der Geschichte machen sich sechs Besucher sich auf, die utopische Gemein-schaft zu erkunden. Es sind der Jurist Roger und sein Freund Steve, beide begleitet von ihren Freundinnen; ferner der Erzähler, der Psychologe Dr. Burris, und schließlich ein gewisser Augustine Castle, dessen Name andeutet, daß er für ältere Vorstellungen von Gemeinschaften steht. Castle spielt die Rolle des Kritikers, der den Gründer von Walden Two, einen gewissen Frazier, immer wieder zur Rede stellt.

Auch wenn durch Walden Two ein Hauch von Puritanismus weht, so ist die Sittenstrenge letztlich ein Ausdruck einer Gemeinschaft von Wissenschafts-gläubigen, die ihr Leben auf eine und nur eine Wissenschaft, die Verhaltenslehre, stellen wollen. 

Das Ergebnis von Verhaltenspsychologie: "Gesundheit" - "Wirtschaft" - "Weisheit"


„Die utopische Gemeinschaft formt bereits Babies im Sinne der Verhaltenstheorie. Temperatur, Kleidung, das Fernhalten negativer Reize - das alles wird wie in einem Labor kontrolliert. Die Schule wird zu einer Wohlfühlanstalt, in der es keine Noten, sondern nur positive Verstärkungen gibt. Die Ehe ist weiterhin monogam. Männer und Frauen sind gleichgestellt. Geheiratet und Nachwuchs gezeugt wird bereits mit 16 Jahren. Gearbeitet wird ca. 4 Stunden am Tag. Die Arbeit wird mit credits bewertet. Je schwerer sie ist, umso mehr credits erhält man. Der Bedarf wird von Spezialisten ermittelt. Unnötiger Besitz ist verpönt. Es herrscht Gemeineigentum. Jeder behält jedoch auch ein gewisses Privateigentum, Kleidung oder Bücher beispielsweise. Auch steht jedem ein unantastbarer Privatraum zur Verfügung. Arbeitslosigkeit ist unbekannt. Nikotin und Alkohol werden gemieden. Die politische Leitung liegt bei einem „board of planners“, drei Männer, drei Frauen. Sie lei- ten die Kommune für maximal zehn Jahre.

Jede identitär definierte Gemeinschaft beruht auf einem Gründungsmythos, der den Anfang der Gemeinschaft verklärt. Bei Skinner aber bleibt die Gründung im Dunkeln. Dies verwundert nicht, denn würde die Gründungsgeschichte erzählt, würde sichtbar, welches Ausmaß an Manipulation hier am Werk ist. 

Zwar kommt jedermann freiwillig nach Waiden, aber: Einmal angekommen, werden die Menschen jedoch geformt nach einem Bilde. Sie geraten in die Hand eines „Schöpfers“, der sie, gemäß den Erkenntnissen der Verhaltensforschung, zu formen gedenkt. „Sie werden sogar auf solche Weise geformt, daß ihnen Kritik und Protest irgendwann einmal nicht mehr möglich sind. Aus Menschen werden Versuchskaninchen. Zwar haben sie den Versuchskaninchen voraus, daß sie freiwillig in die Gemeinschaft eintreten. Nach dem Eintritt sind sie jedoch „Material“, so wie es Meerschweinchen oder Ratten im Laborexperiment sind.“ 

„Die utopische Gemeinschaft ist also nichts anderes „ein vergrößertes Labor, in dem die Reichweite der Verhaltenslehre getestet wird.“ Nach außen hin fungiert das Experiment als ein „Beispiel dafür, dass es möglich ist, auf diese Weise zu leben.

Von Thoreaus Walden ist Skinners Walden Two weit entfernt. „Thoreau pries den Individualismus, die Selbstbestimmung, den zivilen Ungehorsam. Skinner will ein tendenziell kommunistisches, gegen die traditionelle Idee von Freiheit gerichtetes Utopia errichten. Castle, der Kritiker, nennt den Gründer Frazier einen „stummen Despoten“. Sein Einwand gegen das Experiment lautet: `Wenn der Mensch frei ist, ist eine Technik des Verhaltens unmöglich´. Frazier dagegen hält Freiheit für eine Illusion. Der Mensch werde von der Umwelt gelenkt, ob er dies sehen wolle oder nicht.“

Thoreaus "Walden" als individualistischer Gegenentwurf zu Skinner

Walden Two ist keine Demokratie. Dies wird von Frazier offen ausgesprochen. „Die Demokratie sei nur ein `frommer Betrug´. Die einzelne Stimme habe bei den Wahlen kein Gewicht. Die Wahlprogramme der Parteien sähen einander zum Verwechseln ähnlich. Die Verhaltensforschung dürfe man nicht `Ungelernten überlassen´. Das Volk sei nicht in der Lage, Experten zu beurteilen.“ 

Skinner läuft offenen Auges in die „Expertokratie-Falle“, denn politische Entscheidungen sind gerade keine Sache allein von Experten. Letztlich müssen die Bürger entscheiden, welchen Experten und welchen Ratschlägen sie folgen wollen. Das ist sicher keine leichte Aufgabe, da die Experten heutzutage unter sich selbst zerstritten sind und niemand den Bürgern ihre politische Verantwortung abnehmen kann. Skinners Verwerfung von Demokratie und Freiheit ist auf erhebliche Kritik gestoßen. Skinner versuche, den „Philosophenkönig“ zu spielen, dazu setze er Gehirnwäsche und Kollektivismus ein. Walden Two führe zur Diktatur, aus dem Traum werde ein Alptraum. 

Skinner wolle Gott oder Prometheus spielen, schalte aber lediglich den Wettbewerb aus, denn schon zweite Generation in Skinners Utopia wäre nichts anderes mehr als ein „Produkt des Konditionierungsprozesses“. Frazier wäre somit der letzte Mensch der noch zwischen Gut und Böse unterscheiden könnte.

Skinners Utopie ist ein gutes Beispiel für eine μετάβασις εἰς ἄλλο γένος (Aristoteles), für den „Wechsel in eine andere Gattung“, also für einen unzulässigen Sprung in der Argumentation, bei dem man versucht, die Bedeutung eines Begriffes (oder die Gültigkeit eines Beweises) trotz eines Wechsels in eine andere Gattung bzw. in einen anderen Kontext beizubehalten. Skinners Utopie verwechselt also Wissenschaft (Psychologie) und Politik.“ Dies ist vom logischen Standpunkt aus nichts anderes als die Erschleichung eines Beweises bzw. ein schlichter Kategorienfehler.

Für Skinners Utopie gilt dasselbe wie für seine Psychologie. Es eine „Seelenlehre ohne Seele. Das ist ihre Stärke und ihre Schwäche zugleich.“ Das Innenleben eines Menschen - Gefühle, Gedanken, Leidenschaften - wird komplett ausgeblendet. Für Skinner sind nur Reize, Reaktionen und Konsequenzen des Verhaltens relevant. Eine Therapie im Skinner´schen Sinn mag zwar bestimmte Verhaltensänderungen bewirken, die seelische Wurzel einer Erkrankung wird damit jedoch nicht erreicht. Letztlich ist „Konditionierung“ nichts anderes als Training bzw. Dressur. Nur: Lässt sich menschliches Verhalten überhaupt so steuern, wie man einen Hund dressiert oder liegt das Interesse des Menschen an Freiheit und Selbstbestimmung nicht auf einer ganz anderen Ebene?

„Wenn ein Mensch nicht wählen kann, hört er auf, Mensch zu sein.“
(Clockwork Orange)

Skinner macht letztlich genau das zur Grundlage seiner idealen Ordnung, was andere befürchten, nämlich die totalitären Konsequenzen des Behaviorismus. In A Clockwork Orange (1962) entlarvt Anthony Burgess, die Unmenschlichkeit der behavioristischen Konditionierung auf. Sein „Held“ Alex, dem seine Gewalttätigkeit wegkonditioniert wird, ist nach der Behandlung kein Mensch mehr. An ihm bewahrheitet sich der Satz, den ihm der Gefängnisgeistliche sagt: „Wenn ein Mensch nicht wählen kann, hört er auf, Mensch zu sein.“

Zitate aus: Henning Ottmann: Geschichte des politischen Denkens. Band 4: Das 20. Jahrhundert. Teilband 2: Von der Kritischen Theorie bis zur Globalisierung, J.B. Metzler (Stuttgart 2012)


Donnerstag, 7. Januar 2021

Marco Wehr und die Moralapostel


Scheinheiligkeit ist keine Erfindung unserer Zeit, gleichwohl sind scheinheilige Doppelbödigkeit im Denken und Handeln auch in angeblich so modernen und fort-schrittlichen Gesellschaften eine „diskursive Konstante." 

Das Phänomen des selbsternannten Moralapostels ist vermutlich genauso alt wie die Moral selbst. Menschen, die meinen, sie haben die Wahrheit und die richtige Moral gepachtet, gab es zu allen Zeiten und die mit ihnen unweigerlich verknüpfte Scheinheiligkeit wohl auch – wie Marco Wehr, Gründer des philosophischen Labors in Tübingen, in seinem Vortrag „Wer fühlt, hat Recht“ hervorragend darstellt.

Marco Wehr

Ein von Marco Wehr dargestelltes Beispiel für scheinheilige Doppelmoral ist die Kolumnistin der Berliner tageszeitung, Hengameh Yaghoobifarah, „die in einem ihrer Artikel darüber nachdenkt, was man mit den 250 000 Polizisten machen sollte, falls die Polizei abgeschafft würde. Bekanntlich plädierte sie dafür, Polizistinnen und Polizisten auf der Müllhalde zu entsorgen. Dort wären sie nur von Abfall umgeben. Das wäre perfekt, da sie sich unter ihresgleichen am wohlsten fühlen würden.“

An anderer Stelle rät Yaghoobifarah, „Polizisten und Polizistinnen von Baumärkten, Tankstellen oder Kfz-Werkstätten fernzuhalten. Dort könnten sie Bomben und Brandsätze bauen. Die Botschaft dieser Zeilen ist klar: Alle Polizisten sind für Yaghoobifarah potenzielle Attentäter.“

Yaghoobifarah schüttet Hass und Häme aber nicht nur über der Polizei aus, auch Deutsche werden von ihr nur“Kartoffeln“ bezeichnet und in dem Artikel “Deutsche, schafft Euch ab!“ spricht sie von der “deutschen Dreckskultur“.

Die doppelbödige Scheinheiligkeit, um die es Marco Wehr im Fall von Yaghoobifarah geht, betrifft zunächst die taz selbst. „Man wundert sich, dass die Autorin in der taz eine Plattform bekommt. Die ihr zugestandene Toleranz gewährt die Zeitung nämlich nicht jedem. 2017 vergriff sich der AfD-Politiker Alexander Gauland im Ton. Er hoffte, die SPD-Politikerin Aydan Özuguz, die bezweifelt hatte, dass es eine deutsche Leitkultur gibt, in Anatolien “entsorgen“ zu können. Die taz kritisierte darauf die entmenschlichende Sprache Gaulands und zieht die Schlussfolgerung, dass AfD-Spitzenpolitikern die verbalen Grenzen zum Faschismus schnuppe sind. Die eine will Menschen auf dem Müll entsorgen, der andere eine Frau in Anatolien. Beides darf man als niveaulos bezeichnen. Beides sollte man auch in gleicher Weise unterbinden.“

Es dürfte kaum verwundern, dass die geschmacklosen Aussagen von Hengameh Yaghoobifarah zu extremer öffentlicher Empörung. Nun aber wurde die eigene „Inkonsistenz von Reden und Handeln“ überdeutlich, als die von ihre so herab-gewürdigte Polizei von ihr selbst um Personenschutz gebeten wurde. „Die kleinlaut gewordene Journalistin fühlte sich dem gewaltigen Shitstorm, den sie mit ihrem Artikel ausgelöst hatte, nicht mehr gewachsen.“

Natürlich sei eine solche Form abstoßender Doppelmoral keine exklusive Eigenschaft des linken oder linksradikalen Milieus. „Man findet sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit in allen Teilen der Gesellschaft.“

Wie aber kommt es zur „Verengung des Wahrnehmungsfeldes“? Marco Wehr verweist auf ein bei YouTube aufgezeichnetes Gespräch mit Yaghoobifarah, in der sie gesteht, „dass sie nur noch in ihren `Bubbles´ lebt, wenn die Schwermut an sie herankriecht.“ Diese `Filterblasen´ im Internet „sind hermetisch geschlossene Resonanzräume, in denen man die Welt aussperrt und sich nur noch mit Gleich-gesinnten austauscht. Dieses Kommunikationsverhalten verengt die Perspektive und zementiert die eigenen Vorurteile. Neu ist dieses Verhalten nicht. Früher sprach man vom Stammtischgerede. Nur hat der Stammtisch jetzt eine virtuelle Dimension.“

Hengameh Yaghoobifarah und die taz - Scheinheiligkeit auf höchstem "Niveau"

„Um die mit der Scheinheiligkeit verbundene Wirklichkeitsverweigerung zu entlarven, müsse man die Perspektive gleichwohl weiten.“ Deshalb wäre es für Yaghoobifarah eine Überlegung wert, ob die von ihr geschmähte “Dreckskultur“ nicht auch ihr einen persönlichen Schutzraum gewährt. Eine freiheitliche Grund-ordnung und eine Exekutive, die für deren Einhaltung sorgt, machen nämlich das Ausleben ihrer öffentlich inszenierten Individualität erst möglich. 

Yaghoobifarah macht kein Geheimnis aus ihrer nicht-binärer Geschlechtsidentität. Das ist in Deutschland weder moralisch noch rechtlich ein Problem. Doch in anderen Ländern liefe sie Gefahr, je nach sexueller Vorliebe, gehängt, gesteinigt oder zumindest ausgepeitscht zu werden. Das gilt auch für das Heimatland ihrer Eltern, die aus dem Iran stammen.“

„Pars pro toto sieht man sich in der Auseinandersetzung mit dieser Autorin also mit einem Paradoxon konfrontiert: Sie ruft medienwirksam zur Zerstörung des Systems auf, das sie als Publizistin in ihrer extravaganten Individualität erst möglich macht. 

Und schaut man genauer hin, gibt es eine weitere Doppelbödigkeit: Es ist ein nicht nur von ihr praktiziertes Geschäftsmodell, mit einer wütenden Kapitalismuskritik Kapital anzuhäufen, das in die eigene Tasche wandert. Auf dieser Klaviatur spielen auch apodiktische Zeitgeistphilosophen wie Richard David Precht oder Byung-Chul Han, die wortgewandt das Elend dieser Welt dem Kapitalismus in die Schuhe schieben, aber nicht glaubwürdig erklären, was an dessen Stelle treten sollte. Egal. Unterm Strich bleibt ein gediegen-großbürgerlicher Lebensstil, der nicht als Wider-spruch zum proklamierten Denken und Handeln empfunden wird.“

Egal nun, ob Yagoohbifarah die Deutschen abschaffen will oder völkische Gruppen die Gastarbeiter, derart krude Aussagen brauchen einen Resonanzboden. Deshalb sind Yagoohbifarahs Artikel ohne applaudierende linke Claqueure undenkbar. Dasselbe gilt für rechte Entgleisungen. Immer dürfen sich die selbsternannten und provokant daherkommenden Moralapostel des Beifalls der Gesinnungsgenossen sicher sein.

Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, wie sich trotz scheinbar unvereinbarer politischer Standpunkte, „die rhetorische Phrasologie der verfeindeten Apologeten“ auf dem linken und rechten Spektrum gleicht. Stets wähnen die Moralisten die Menschlichkeit allein im eigenen Lager. 

Vielleicht sind es gerade die klischeehaft-reduzierten Geschichten, die radikale Stand-punkte in unserer schwierigen Welt so verführerisch machen. „Um wieviel bequemer ist es, sich in ein eingängiges Narrativ zu flüchten, das als verführerisches Schmankerl noch die Illusion der moralischen Selbsterhöhung birgt, als quälendes Unwissen und verstörende Unsicherheiten auszuhalten, die zwangsläufig auftauchen, wenn man sich über schwierige Probleme den Kopf zerbricht? Herz schlägt Hirn.“

Doch trivialisierend-eingängigen Weltsichten müssen mit Vorsicht genossen werden, wie das Memetik-Konzept des britischen Wissenschaftlers Richard Dawkins nahelegt: „Meme sind in diesem Zusammenhang Gedanken, die von Menschen kommuniziert werden. Das können elegante Theorien sein, aber auch irrationale Hirngespinste. Entscheidend für ihre Verbreitung ist nicht ihre Sinnhaftigkeit, sondern einzig ihr Replikationserfolg. Und gefährlich werden sie dadurch, dass spleenige Fiktionen Fakten schaffen können.“


Richard Dawkins

Opportuner Moralismus ist natürlich kein Alleinstellungsmerkmal radikaler Gruppierungen. „Man findet ihn auch im gemäßigten politischen Milieu. Davon zeugt zum Beispiel die heutige Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen in ihrer früheren Funktion als Verteidigungsministerin. Es ist bekannt, dass sich die deutsche Bundeswehr momentan in einem maladen Zustand befindet.“

Nach Ansicht von Marco Wehr schickte sich Frau von der Leyen jedoch an, „diese ohnehin schon kritische Situation zu verschlimmern. Sie kämpfte, brav am gesellschaftlichen Commen-Sense orientiert, in der Bundeswehr für mehr `Gleich-heit und Gerechtigkeit´. Es war ihr Bestreben, die Einstellungs- und Ausbildungs-anforderungen soweit zu senken, dass von der Armee fast niemand mehr ausgeschlossen wird. Alle sollten mitmachen dürfen, egal ob die Bewerber übergewichtig waren oder wegen ihrer schwächlichen Konstitution keinen Rucksack tragen konnten. Von der Leyens verquere Logik war in diesem Zusammenhang nur für sie selbst schlüssig: Wenn die gefürchteten Gewaltmärsche mit schwerem Gepäck, die reale Einsatzbedingungen simulieren sollen, von vielen jungen Menschen in schlechter körperlicher Verfassung nicht mehr bewältigt werden können, dann sorgt man nicht dafür, dass die Überforderten belastbarer werden, man schafft einfach die Märsche ab.“

Eine solche Logik wird in unseren Zeiten immer salonfähiger: „Wenn die Berliner Schüler als Opfer eines völlig aus den Gleisen gesprungenen Bildungssystems schlechte Noten schreiben, dann wird einfach weniger hart zensiert und schon sind die Berliner so gut wie Bayern und Sachsen. Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.“

„Nur ist eine solche Form der Pippi Langstrumpf-Philosophie im Falle der Rekrutenausbildung kein Spiel. Die sich dem Zeitgeist anbiedernde Einstellung kann für Soldaten im wirklichen Einsatz tödliche Konsequenzen haben. Wie sieht es mit dem Segen der Gleichmacherei aus, wenn den müden Kriegern auf der Flucht im Gebirge beim ersten Anstieg die Puste ausgeht und sie von zähen Taliban verfolgt werden, die in den Bergen groß geworden sind (…)? Dann wird das Motto “Dabei sein ist alles“ zum lebensgefährlichen Zynismus.“

Für Marco Wehr steht fest: „In einer medialen Selbstvermarktungsgesellschaft scheint moralisierende Wirklichkeitsverweigerung gesellschaftsfähig zu sein (…) Wird moralischer Druck ausgeübt, der auf der Gefühlsebene punkten will, sich aber um die komplexe Faktenlage nicht schert, stehen wichtige Teile unserer Gesellschaft zur Disposition.

Wollen wir tatsächlich einen Staat, bei dem die Gewaltenteilung im Grundgesetz steht, der aber auf die Polizei verzichtet? Wollen wir ein völkisch-bierseliges Deutschland? Wollen wir eine politisch korrekte Bundeswehr, die aber ihrem Verteidigungsauftrag nicht mehr gerecht werden kann? Und wollen wir auf eine effiziente medizinische Forschung verzichten? Vermutlich nicht.


Pippi Langstrumpf-Philosophie: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt!

Deshalb muss moralisierende Scheinheiligkeit demaskiert werden. Man darf ihr nicht nachgeben, auch wenn es bequem ist, mit dem Rudel zu heulen. Stattdessen müssen die Konsequenzen reduzierter Weltbilder von einer höheren Warte durchdacht, gewertet und artikuliert werden, um dann die Moralprediger mit diesen in aller Deutlichkeit zu konfrontieren. Und im nächsten Schritt muss die Frage erlaubt sein, ob sie persönlich bereit wären, die Risiken, die sich aus ihren Anschauungen ergeben, zu tragen.“


Zitate aus: Marco Wehr - „Wer fühlt, hat Recht“ – Wie sich Moralapostel der Wirklichkeit verweigern, SWR2 Wissen: Aula, Sendung vom 15. November 2020, SWR 2020




Samstag, 2. Januar 2021

Louis Guisan und die individuelle Freiheit

 
Louis Guisan (1911–1998), von Beruf Rechtsanwalt, ist das geradezu perfekte Beispiel eines Liberalen mit starken Überzeugungen, eng vertraut mit der geistigen Tradition und dem Wesen des Liberalismus. Giusan war Regierungsrat des Kantons Waadt, Nationalrat, Ständerat, Präsident der Liberalen Partei der Schweiz und Direktor der ehemaligen, urliberalen Gazette de Lausanne (gegründet 1798). Sein Engagement in der Politik hinderte ihn gleichwohl nicht daran, seine grundlegende liberale Skepsis gegenüber der politischen Macht auszudrücken. Er sprach sich kompromisslos für die individuelle Freiheit und gegen Gleichmacherei aus.

Louis Guisan

Innenpolitisch liegt die Herausforderung für den liberalen Politiker bekanntlich darin, die Gesetzgebung auf deren einzigen Daseinsgrund zu beschränken, nämlich den Schutz der individuellen Freiheit: „Der Zweck der Gesetze besteht darin, den Ge-brauch der Freiheit sicherzustellen und `einen komfortablen Rahmen anzubieten, in dem der Bürger Herr über seine Handlungen bleibt´ und `nicht vor irgendeinem Vorhaben jemanden um Erlaubnis fragen muss´. Dies gilt für alle gleich. 

Damit der Gebrauch der Freiheit ohne irgendwelche Vorrechte garantiert ist, liegt `das wesentliche politische Gut´ in der Gleichheit vor dem Recht, von der selbst die staatliche Autorität abhängt, denn Willkür entzöge dem Staat jede Legitimität. „Ein Liberaler wird sich daher unablässig dafür einsetzen, die Gesetzgebung zu vereinfachen, sie schlüssig zu machen und möglichst klein zu halten, indem er jede Einengung der individuellen Freiheit in Frage stellt.“

Die gleichmässige Anwendung des Rechts hängt vor allem davon ab, wie der Staat die individuellen Eigentumsrechte definiert und schützt: „Das Eigentum `schafft eine Schutzschicht um jedes Individuum´. Dieser Grundsatz, angefangen beim Eigentum am eigenen Leib, den eigenen Fähigkeiten und den Früchten seiner Arbeit ist das geeignete Mittel, um die Freiheit eines jeden in einer freien Gesellschaft zu garantieren. Die Gerechtigkeit der Politik bemisst sich somit an der Höhe des Eigentumsschutzes, nicht an der Regulierungsdichte. Der Schutz des Lebens und der Freiheit aller geht allein aus dem Eigentum hervor. Die Politik dient diesem Ziel.“

Wer also verhindern möchte, „dass der Rechtsstaat seine Befugnisse übertritt und das individuelle Eigentum antastet, muss sich gegen die Intensität und das Tempo der Gesetzgebung zur Wehr setzen und Zurückhaltung fordern.“

Die Gefahr der Überregulierung für die Freiheit

Der Mensch kann nur frei sein und bleiben, wenn er den gesetzlichen Rahmen kennt, in dem er sich bewegt. „Sollte er eines Tages nicht mehr wissen, was gut und böse und was gesetzeskonform ist, weil die Gesetze zu zahlreich oder zu kompliziert sind, dann fällt er der Macht des Staates anheim, der allein das Recht kennt und über alles entscheidet. Dann füllt eine inflationäre Gesetzgebung die Gesetzesbücher und höhlt die persönliche Freiheit aus. Das Fortschreiten der Gesetze führt zum Niedergang des Rechts.“

Diese Dissonanz zwischen freiheitsbedrohenden Gesetzen einerseits und dem Recht auf Eigentum zur Erhaltung der Freiheit anderseits führt dazu, dass das Recht seine natürliche Berechtigung verliert, wenn es von einer grenzenlosen und willkürlichen Gesetzgebung in Beschlag genommen wird und am Ende nicht mehr die Freiheit schützt und das Eigentum garantiert, sondern zu deren Bedrohung geworden ist.

Die Degeneration des Rechts durch die Gesetzgebung ist nicht die Frucht eines Zufalls oder einer finsteren Macht, sondern die einer interventionistischen Politik, die sich von der Politik bis zur Verwaltung erstreckt und von Sonderinteressen genährt wird, die Bevorzugung und Schutz vor der Freiheit der anderen und vor dem wirtschaftlichen Wettbewerb suchen. „Die Parlamentarier werden nicht müde, Anfragen, Postulate und Motionen einzureichen. In der Verwaltung treiben die Beamten ihre Dienste zu immer größerer Perfektion. Jeder möchte für sich ein Gesetz: die Getreide- und die Weinproduzenten, die Eisenbahn- und die Straßentransporteure, die See- und die Flussfischer, die Primar-, die Sekundar- und die Hochschullehrer. Und sie möchten nicht nur Gesetze, sondern auch Verordnungen, Reglemente und Vorschriften.“

Aus der Maßlosigkeit der Gesetze und der Reglemente ergibt sich eine Reihe von Folgen: Der Interventionismus, der Subventionismus, der Dirigismus und der Protektionismus im Verbund mit der Erhebung von unbegrenzten Steuern schaden nicht nur der Wirtschaftsfreiheit und damit dem Wohlstand, sondern sie verstärken auch das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. 

„Die Staatsmacht wird bald alle gegen sich haben: die Acker- und die Weinbauern, die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer, die Beamten und die Freischaffenden, die Importeure und die Exporteure, die alle nach Hilfe und Unterstützung rufen und sich dadurch selbst zu Knechten machen.“

Die Lösung ist einfach: Verzicht auf Gesetzgebung. „Im Allgemeinen ist es besser, kein Gesetz zu machen, denn ein jedes schränkt die Freiheit ein.“ Guisan veranschaulicht die Unbeweglichkeit, die sich aus der krankhaften Reglementierung ergibt, anhand eines praktischen Beispiels: „Nehmen wir an, es gäbe eine perfekte Baugesetzgebung, die alles vorschreibt: die Höhen- und Breitenmasse, die Materialien und die Farben, die Kosten und die Höhe der Mieten – gäbe es dann noch jemanden, der bauen möchte?“ In diesem Fall wäre der Bürger nicht mehr wirklich Bürger, sondern Untertan, denn er wäre nicht mehr frei. Er würde zu einem einfachen Objekt der Verwaltung: jemandem, der nur noch Gesetze und Reglemente befolgt.

Grenzenloser politischer Aktivismus der Politiker = Desillusion der Bürger!

Das Paradox des grenzenlosen politischen Aktivismus besteht darin, „dass der Staat, wenn er sich überall einmischt, nicht in der Lage ist, die Bevölkerung zu- friedenzustellen. Er wird vielmehr zum allseitig verhassten Feind, da er Verdruss und enttäuschte Erwartungen anhäuft. Daraus folgt, dass sich die Bürger von den öffentlichen Angelegenheiten abwenden.“ Dies erkläre nicht zuletzt auch die stets anwachsende Zahl der Desillusionierten und der Nichtwähler.

Da eine einzige Stimme in der Politik im Allgemeinen nichts bewirkt, kümmern sich die Leute vernünftigerweise vor allem um das, was sie direkt betrifft, und was sie tatsächlich kontrollieren können, wie etwa die Gründung einer Familie, den Kauf eines Autos oder eines Hauses sowie ihr berufliches Vorwärtskommen: „Die Bürger kümmern sich um ihre Privatangelegenheiten und erwarten nicht viel vom Staat, außer, dass dieser sich ihnen gegenüber sehr zurückhält. Initiativen der Staatsgewalt wecken ihr Mistrauen. Sie verlangen von ihr eher die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung als deren Veränderung zu ihrem angeblichen Vorteil. Die Stimmenthaltung liegt dann so hoch, dass man sagen kann, dass selbst die verführerischsten gesellschaftlichen Neuerungen immer nur von einer kleinen Minderheit im Volk gewollt werden.“ Dies relativiere auch das kollektivistische Märchen eines `Volkswillens´, der einer Reihe politischer Vorhaben zweifelhafte Legitimität verleiht. 

Die politische Mehrheitsregel sollte sich auf einige große Fragen beschränken, die eine kollektive Entscheidung verdienen; der Rest gehört in die Privatsphäre. „In einem allgegenwärtigen Staat, in dem persönliche Fragen kollektiviert worden sind, hält sich die Mehrheit bei Wahlen und Abstimmungen oft zurück, insofern dass die Auswahl oft gar keine echte Wahl ist. Kommt hinzu, dass es bei politischen Kompromissen oft nicht möglich ist, mit ja oder nein zu antworten, da das geringere Übel nicht immer überzeugt.“

Das Fehlen von Nuancen im politischen Entscheidungsprozess und sein Eingriff ins Privatleben führt deshalb ein Stück weit zur Tyrannei des Status Quo beziehungsweise zur Abhängigkeit von den organisierten Interessen.


„Die Lösung besteht darin, sich zuerst von der Illusion zu befreien, dass alles, was `von oben´ organisiert wird, am besten, am effizientesten und am vernünftigsten herauskommt; dann, ein System von unten nach oben zu bauen, beginnend bei den Anwendern und Eigentümern, über die Gemeinden und Kantone bis schließlich zur Eidgenossenschaft, und den übergeordneten Stufen nur anzuvertrauen, wozu die unteren Stufen zu lösen nicht berufen sind. Nur so wird die Politik in Zukunft die Entscheidungen so nah wie möglich bei den Menschen fällen.“

Zitate aus: Pierre Bessard, Erst denken, dann handeln. Liberale in der Politik,  LI-Essay, Liberales Institut, Zürich 2017

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Harmodios, Aristogeiton und die Demokratie


Allen Diktatoren, Tyrannen und autoritären Regierungen gewidmet 
- denen vergangener Zeiten und denen von heute!


Selbst demokratische und republikanische Gemeinschaften, deren politisches System auf der Freiheit des Einzelnen bzw. auf der Beteiligung vieler an der Politik fußt, benötigen zuweilen mythologisierte Gründungsakte, die erinnert und rituell erneuert werden, um einen Grundkonsens ihrer Mitglieder und die kollektive Identifikation mit dem politischen System zu gewährleisten.

Häufig bestehen solche Gründungsakte in der Tat einzelner Freiheitshelden, also Menschen, die als Befreier von einer nicht-freiheitlichen Ordnung verehrt werden. Im antiken Athen des 5. Jhs. v. Chr. hat man den Gründungsakt der Demokratie in der Befreiungstat zweier Bürger der Stadt gesehen, der Tyrannentöter Harmodios und Aristogeiton.

Bei der Festprozession der Panathenäischen Spiele des Jahres 514 v. Chr. verübten Harmodios und Aristogeiton ein Attentat auf den Tyrannen Hipparchos und kamen dabei selbst ums Leben. Harmodios, der jüngere der beiden Attentäter, wurde sofort getötet, Aristogeiton verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Der Bruder des ermordeten Herrschers, Hippias, setzte die Tyrannis fort und wurde von Mitgliedern der aristokratischen Familie der Alkmaioniden mit spartanischer Hilfe erst 510 v. Chr. vertrieben. Dies bildete den Auftakt der politischen Reformen des Kleisthenes im Jahr 508/7 v. Chr. und führte in den folgenden Jahren zu einer Demokratie, die sich nach Athens Erfolgen in den Perserkriegen zwischen 490/80 und 460 v. Chr. stabilisierte.

Schon aus dem ausgehenden 6. Jh. v. Chr. sind Skolia überliefert - also anlässlich eines Symposions vorgetragene Lieder als Beitrag zur geistigen Erbauung der Teilnehmer -, die die das Attentat als Befreiung Athens und Gründungsakt der sogenannten Isonomie (‚Gleiches Gesetz für alle Bürger‘) rühmten.

In der ersten historischen Darstellung des Geschehens bei Herodot (gegen 440–430 v. Chr.) werden die Alkmaioniden als die eigentlichen Befreier Athens gefeiert. Harmodios und Aristogeiton hätten durch den Mord des Hipparchos lediglich die Familie der Tyrannen in Zorn versetzt und der Gewaltherrschaft keineswegs ein Ende bereitet. Thukydides dagegen liefert eine pikantere Version des Attentats. Hippias sei der tyrannische Herrscher gewesen, während der ermordete Hipparchos sein jüngerer Bruder war. Dieser sei in Liebe zu dem jungen Harmodios entbrannt gewesen, der wiederum der Geliebte des Aristogeiton war. Als Harmodios seine Liebe nicht erwiderte, habe Hipparchos seine Wut über die Zurückweisung an dessen Schwester ausgelassen. So habe Harmodios aus Rache und Aristogeiton aus Eifersucht das Attentat auf Hipparchos verübt, während sie sich an Hippias nicht herangewagt hätten. Dieser habe dann noch drei Jahre eine Schreckensherrschaft über Athen ausgeübt, bis er auf Veranlassung der Spartaner von den verbannten Alkaioniden vertrieben worden sei.

Gleichwohl hat sich schließlich die Erinnerung an die Tat als außerordentlichen Befreiungsakt relativ bald durchgesetzt und die beiden Tyrannentöter wurden als demokratische Gründungsheroen anerkannt.

Es war Platon, der im früheren 4. Jh. v. Chr. die homoerotische Beziehung der Attentäter und ihren Einsatz für die Demokratie miteinander verknüpfte. Im Symposion steht das Paar für die idealistische Kraft homoerotischer Liebe. Auch im pseudoplatonischen Hipparchos konkurrieren die homoerotische und demokratische Motivation der Tötung nicht. 

Im späten 5. Jh. lobten indes athenische Redner wie Andokides in seinem Werk "Über die Mysterien" die beiden Attentäter als beispielhafte Tyrannentöter, und zwar in einer Zeit, wo man die Tyrannis als größte Gefahr für die Demokratie ansah. Im Jahr 343 v. Chr. waren die Frontstellungen in Athen schließlich so geklärt und Personenkulte selbst in der Demokratie so fortgeschritten, dass Demosthenes in seinen Reden vor der Volksversammlung Harmodios ungehindert zur Gruppe derer zählen konnte, die von den Athenern für ihre Wohltaten Statuen, Trankopfer und Hymnen erhielten und von ihnen wie Götter und Heroen verehrt wurden.

Der Diskurs um die Befreier erhielt auch in Athen eine geradezu sakral-religiöse Komponente. In der Nähe der späteren Staatsgrabmäler der Gefallenen lag das vermeintliche Grab des Harmodios und Aristogeiton. Dort wurden Opfer für die Attentäter dargebracht und zwar gleichzeitig mit Opfern für die Bürgersoldaten, die ihr Leben für die Polis gelassen hatten. Die Erinnerung an die im Krieg für Athen gefallenen Bürger wurden also bewusst mit den Befreiungshelden verbunden.

Bereits kurz nach der Vertreibung des letzten Tyrannen im Jahre 509 v. Chr. rrichteten die Athener auf der Agora, dem zentralen Platz ihrer Polis, Bronzestatuen des Harmodios und Aristogeiton. Die außerordentliche Symbolik dieser Skultpren des Bildhauers Antenor zeigt sich darin, dass damit erstmals überhaupt Bildnissen von Sterblichen Platz im politischen Raum einer griechischen Polis gegeben wurde. Bedauerlicherweise raubten die Perser die Statuen bei der Brandschatzung Athens im Jahre 480/79 v. Chr., aber bereits 477/6 v. Chr. wurden neue Bronzestatuen der Attentäter am selben Ort, nicht weit von der Stätte des Attentats, errichtet, noch bevor Athen wiederaufgebaut war. Ein Denkmal für die Befreier von der Tyrannis war offensichtlich mittlerweile unverzichtbar geworden.

Die beiden Statuen, von denen Kopien aus späterer Zeit erhalten sind, stammten aus der Werkstatt des Kritios und Nesiotes. 


Harmodios und Aristogeiton
(Römische Marmorkopie, Archäologisches Museum Neapel)



Leicht überlebensgroß stehen Harmodios, der Unbärtige, und Aristogeiton, der Bärtige, beide nackt und im Ausfallschritt vor ihren Betrachtern. Der Jüngere hat das Schwert zum Schlag erhoben. Der Ältere gewährt ihm Deckung und hat die Waffe zum Stoß gezückt. Unterhalb der Statuen las man auf der Steinbasis eines der Preislieder auf die Attentäter, die sie als Licht ihrer Heimat priesen.

Die Gestaltung des Denkmals enthält klare Bezüge, die von den damaligen Betrachtern sofort erkannt wurden: Die an Athletenbilder erinnernde Nacktheit und die dadurch sichtbaren trainierten Körper schrieben den beiden Attentätern die aristokratische kalokagathia - „das Schöne und Gute“ - zu, eine Idee, die physische Qualität mit ethischer Gesinnung verband. Der explizit gemachte Altersunterschied verwies auf ihre homoerotische Beziehung, eröffnete aber auch die Identifikation für alle Altersgruppen der männlichen Bürger; der Jüngere fungiert dabei als Modell des mutig Zuschlagenden, der Ältere als das des besonnen Agierenden.

Mit dem Denkmal wurde die Gemeinschaft und Verbundenheit von zwei Bürgern geehrt, nicht die Leistung eines einzigen. Der Tyrann bleibt unsichtbar. Vielmehr stand der Betrachter an seiner Stelle in der Rolle des angegriffenen Opfers, so dass das Monument jeden Betrachter davor warnte, nach einer Tyrannis zu streben.

Die Statuen hoben die Helden also in zeitloser Form heraus, distanzierten sie ikonographisch vom alltäglichen Bürgerhabitus und ordneten sie – obwohl sie für die Demokratie standen – aristokratischen Idealen zu. Vor allem aber gaben sie ihrem Handeln ein dauerhaftes und mahnendes Beispiel. 

Die Erinnerung an die Tyrannentöter im öffentlichen Raum Athens wurde vom frühen 5. Jh. v. Chr. ergänzt durch die Erinnerung beim semiprivaten Symposion, die die Skolia sprachlich bereits für das späteste 6. Jh. v. Chr. bezeugt hatten. „Den Harmodios singen“ konnte im späten 5. Jh. zum Synonym für ein Gelage werden, so Aristophanes in seinem Werk Acharner. 

Aufgrund seines aristokratischen Charakters versicherte sich beim Gastmahl eine elitäre Gruppe von Bürgern ihrer Überlegenheit und reklamierte die Tyrannenmörder auch für sich. Auf einem Vorratsgefäß für Wein – einem Stamnos – , den man bei einem solchen Gelage benutzte, um Wein und Wasser zu mischen, wurde tatsächlich das Attentat dargestellt: Der bärtige Aristogeiton ersticht Hipparchos, Harmodios holt zum Schlag aus. Alle drei sind durch ihre Mäntel als Bürger gekennzeichnet; der Tyrann ist nur andeutungsweise luxuriöser gekleidet. Im Kontext des Symposions wird der tyrannische Charakter des Opfers so eher heruntergespielt, die Leistung des älteren, also erwachseneren Attentäters wird hervorgehoben. Zudem erinnert man der Tat in einer Form und auf einem Gefäß, wo sonst vielfach die großen Taten mythischer Heroen zur Darstellung kamen.


Harmodios und Aristogeiton ermorden den Tyrannen Hipparchos
(Martin-von-Wagner Museum der Universität Würzburg)



Im Laufe des 5. Jhs. v. Chr. stellte man die Statuen, wie es an der Basis unter ihren Füßen erkennbar ist, als Schildzeichen der Figur der Stadtgöttin Athena auf Ölamphoren dar, die in Athen die Sieger bei den Panathenäenspielen gefüllt als Preise bekamen – genau im Jahr nach einem anti-demokratischen Umsturzversuch, als man die Demokratie wiederhergestellt hatte. Die Statuen der Tyrannenmörder wurden in dieser Krisensituation zum Zeichen der demokratischen Polis, die die Stadtgöttin selbst im Kampf schirmten. 

Auch die spätere Geschichte der Stauen auf der Athener Agora wirft ein bezeichnendes Licht auf die Heroisierung der Befreier: Einerseits wurde seit dem 4. Jh. v. Chr. ein Areal um das Statuenpaar von anderen Statuen freigehalten – vor allem kamen ihnen keine anderen Bildnisse nahe, die man für Wohltäter der Polis errichtete. Sie erhielten so auch räumlich einen außeralltäglichen, geradezu sakrosankten Charakter. 

Diese Regel wurde nur durchbrochen, wenn man solche Personen ehren wollte, die ebenfalls als Befreier bezeichnet werden konnten, z.B. nach 307 v. Chr.die hellenistischen Könige Antigonos und Demetrios, aber auch nach 44 v. Chr. die Caesarmörder Marcus Brutus und Gaius Cassius. Allein schon die Nähe zu den Heldendenkmälern konnte der Heroisierung anderer als ‚Befreier‘ dienen, der Platz um die Tyrannenmörder war ein heroisch aufgeladener städtischer Raum.

Auch in Rom im Tempel der Fides (Treue) wurden im 1. Jh. v. Chr. auf dem Kapitol Statuen von Homodios und Aristogeiton aufgestellt, also in einer Zeit der Konflikte um Republik und Herrschaft von Einzelnen in Rom, zu denen auch die Ermordung von Caesar gehörte. 

Die Denkmäler der Tyrannenmörder waren also in Rom und vor allem in Athen langfristig ein sichtbares Zeichen  für die Befreiung von einer Alleinherrschaft und in Athen zudem auch ein Symbol der demokratischen Verfassung. Damit besitzen die Ehrenstatuen, die man ihnen in Athen errichtet hatte, bleibende und zeitlose Bedeutung als Ikonen der Stadt und der politischen Befreiung der Menschen von Unterdrückung und Tyrannei.


Zitate aus: Peter Eich / Ralf von den Hoff / Sitta von Reden: „Freiheitsheld (Antike)“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 11.06.2019. DOI: 10.6094/heroicum/fhhd1.0 - https://www.compendium-heroicum.de/lemma/freiheitsheld-antike/ (zuletzt eingesehen am 11.10.2020)