Donnerstag, 30. November 2017

Niccolò Machiavelli und die Macht - Teil 1

Manchmal beschreibt ein Autor einen bestimmten Charakter oder eine bestimmte Zeit, und schon hat er es geschafft, sich unsterblich zu machen, weil sein Name zum Synonym geworden ist für seine Beschreibungen und Analysen. 

Machiavelli (1469-1527)
Dies ist der Fall bei Niccolò Machiavelli: Seine Schrift „Il Principe" (Der Fürst) aus dem 15. Jahrhundert über die Machstrukturen seiner Zeit, seine darin enthaltenen Analysen kursieren unter dem Begriff Machiavellismus und bezeichnen einen Politikstil, der einzig und allein dem Machterhalt dient – ein Vorwurf, der gerade den Politikern unserer Zeit immer wieder gemacht wird, weshalb der Begriff Machiavellismus Hoch-konjunktur hat.

Anlass genug für Sabine Appel, Germanistin und Philosophin, im Rahmen der Reihe Wissen des Südwestrundfunks den Ursprung und die Entwicklung des Begriffs nachzuzeichnen, in enger Verbindung zum Leben und Denken Machiavellis.

„Der Begriff Machiavellismus hat es zu zweifelhafter Berühmtheit in den politischen Debatten der Moderne gebracht. Er ist beinahe so alt wie der neuzeitliche Politikdiskurs.“

Bis heute werden unter Machiavellismus im Allgemeinen die skrupellosen Machenschaften eines Gewaltherrschers verstanden, dessen politische Handlungen ausschließlich dem persönlichen Machterhalt beziehungsweise dem Erhalt des Staates dienen und die sich außerhalb aller ethischen und moralischen Normen bewegen – „Realpolitik, gleichsam von ihrer dunkelsten Seite.“

Kaum etwas kann heutzutage schlimmer sein oder schwerer wiegen als der Vorwurf politischen Machiavellismus, „einer Zweckorientiertheit und Wandlungsfähigkeit in den Inhalten, die nur nach dem Nutzen fragt, perspektivisch und situativ, reine Staatsräson ist, und bei der, wie es heißt, der Zweck alle Mittel heiligt; so jedenfalls wird es traditionell kolportiert.

Und doch ist der bewundernde Unterton in den Zuschreibungen, die manchmal so schillernd wie mehrdeutig sind und die ihren tyrannischen Gewaltanklang auch, so scheint es, in ihrer Zwangsläufigkeit mittlerweile verloren haben, gelegentlich unüberhörbar.“

Dabei bleibt aber letztlich die Frage bestehen, ob Machiavellis Beschreibungen nicht gleichsam als notwendige Bedingung schlussendlich zum System gehören, zu den Gesetzmäßigkeiten der Macht, ohne die ja nichts geht in der Politik.

Bis heute - und das erklärt ihre Faszination – verfügen Machiavellisten über herausragende Fähigkeiten, virtuos mit der Macht umzugehen, Kräfte zu bündeln, Gegenkräfte zu bannen und Opponenten zu schlagen, gegebenenfalls mit ihren eigenen Waffen, und damit die eigene Führungsstärke nachhaltig zu konsolidieren – eine eigentlich wertneutrale Zuschreibung, und zwar ganz im Sinne ihres Erfinders.

Der Fürst (1513)

„Ihm, Machiavelli, ging es ja vor allem auch darum, die politische Sphäre von den moralischen Vorgaben und Wertesystemen der Theologie zu emanzipieren – ein früher Ausdruck neuzeitlichen Säkularismus, wenn man so will.“ Der Autor war einerseits völlig davon überzeugt, dass das christliche Wertesystem, also die christlichen Tugenden untauglich waren für die Sphäre der Politik, dass aber andererseits der Bezug darauf in den traditionellen Empfehlungsschriften für "gute" Herrscher, den Fürstenspiegeln, in einem eklatanten Kontrast zur politischen Wirklichkeit stand, also eigentlich Heuchelei war.

„Auf heutige Standards bezogen, wäre dies etwa die Annahme einer gewissen Eigengesetzlichkeit des Politischen und seiner inneren Logik, dessen Ethik sich erst im politischen Handeln erweist und nicht in einer vorab dokumentierten Moral.“

So wird der Machiavellismus zum Phantombild moderner Staatstheorie, ein nahezu fratzenhaftes Spiegelbild und damit auch eine Revidierung all dessen, was es bislang an Versuchen positiver Festschreibung von Regentschaft und politischer Theoriefindung seit Platon gegeben hat: Ein Horrorszenario mit dem Potential, eine Art Anleitung für Diktatoren und alle, die es werden wollen.

Dabei liefert der Autor, der zuweilen auch als satirischer Dichter und als glänzender humanistischer Schriftsteller mit sokratischer Ironie auf den Plan trat, mit seinem Werk nur eine schonungslose Zustandsbeschreibung der politischen Verhältnisse seiner Epoche.

Niccolò Machiavelli, ehemals Staatssekretär und diplomatischer Vertreter der Republik Florenz, des weiteren Schriftsteller, Staatsphilosoph, Humanist, Historienschreiber und Dichter, verheiratet mit Marietta Corsini und Vater von sechs Kindern, begann irgendwann im Jahre 1513 in seinem Landhaus im Dorf Sant ́Andrea in Percussina mit der Niederschrift eines Büchleins, das mit großer Wahrscheinlichkeit nie entstanden wäre, wäre nicht Florenz wiederholt in den gegenwärtigen Unruhen und wäre nicht in der Folge auch er, der Politikberater und Diplomat, in den Wirren des Zeitalters politisch gescheitert.

Die italienischen Staaten waren seit Jahrzehnten ein Spielball der Mächte. Zerrissen unter anderem durch eigene machtpolitische und dynastische Streitigkeiten und zahlreiche Krisen im Inneren, gerieten sie wiederholt in die Interessenkonflikte zwischen dem Kirchenstaat, dem französischen Königshaus der Valois und Habsburg-Spanien – also den global players dieser Epoche, die alle ihre spezifischen Ambitionen verfolgten in Bezug auf die italienischen Territorien. Es war das Zeitalter der italienischen Kriege, und die Republik Florenz lag mit ihren jeweiligen Bündnispartnern mitten darin.

Nichts ist schlimmer, so Machiavellis Botschaft, als das gegenwärtige Chaos in diesen heillos zerrissenen italienischen Staaten, seit Jahrzehnten ein unaufhörlicher Kriegsschauplatz und ein Spielball in den Konflikten zwischen dem Kirchenstaat, dem französischen Königshaus und Habsburg-Spanien.

„Angesichts dieser Zustände ist der am Ende des Textes beschworene Befreier Italiens, der die Staaten wieder zu einer politischen Einheit zusammenführt, durch ein machtvolles Staatsgebilde in Ober- und Norditalien stabilisiert, zumindest aber mit einer gewissen Nachhaltigkeit in der Lage ist, die Fremdherrscher, Kriegstreiber und Invasoren aus dem Land zu vertreiben, in der Wahl seiner Mittel so frei, wie man sein kann; Hauptsache, er bekommt das Ungemach in den Griff.“

(Fortsetzung folgt)



Zitate aus: Sabine Appel: Gierig nach Macht - der Machiavellismus, SWR2 Wissen, Sendungen vom 5. und 12. November 2017