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Donnerstag, 20. Juni 2013

Elias Canetti und die Natur des Befehls

Am 02. Juni 2013 wurde der neue brasilianische Stürmerstar Neymar Da Silva beim spanischen Fußballklub FC Barcelona im Stadion Camp Nou präsentiert. 56.500 fussballbegeisterte Fans bereiteten Neymar einen stürmischen Empfang. Die Stimmung im Stadion ähnelte mehr einem wichtigen Spiel als einer relativ kurzen Präsentation, bei der gewöhnlich ein paar Kabinettstückchen vorgeführt und einige Bälle ins Publikum geschossen werden.

Befehlsempfänger Neymar
Bei der anschließenden Pressekonferenz wurden die üblichen höflichen Statements abgegeben, wenngleich eine Äußerung Neymars aus dem Rahmen fiel. Er sagte: „Ich fühle mich im Katalanischen wohler als im Spanischen.“

Es ist schon mittlerweile zur Tradition beim FC Barcelona geworden, dass seine Spieler – neue wie alte – regelmäßig zu Fragen der Linguistik Stellung nehmen. Diese verblüffende Tatsache ist nur verständlich vor dem Hintergrund der Diskussion um die Regelung der Mehrsprachigkeit in Spanien.

Es soll nun jedoch nicht um die politischen Auseinandersetzungen und ideologischen Kämpfe zwischen der Zentralregierung und der autonomen Region Katalonien gehen, sondern um einen wichtigen Herrschafts- und Unterwerfungsritus: Gemeint ist der Befehl. Denn wie anders als „auf Befehl“ ließe sich die Äußerung Neymars, der sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal vier Stunden in Barcelona aufhielt, erklären?

Elias Canetti (1905 - 1994)
Elias Canetti, Nobelpreisträger für Literatur, aber auch Vermittler zwischen Denktraditionen und literarischen Gattungen hat sich immer wieder mit dem Thema der Gefährdung des Individuums durch totalitäre Macht beschäftigt, vor allem aber in seinem philosophischen Hauptwerk „Masse und Macht“ (1970), der einige wichtige Gedanken zum Zusammenhang von „Befehl und Verantwortung“ enthält.

Canetti geht davon aus, dass „Menschen, die unter Befehl handeln, der furchtbarsten Taten fähig sind. Wenn die Befehlsquelle verschüttet ist und man sie zwingt, auf ihre Tat zurückzublicken, erkennen sie sich selber nicht. Sie sagen: Das habe ich nicht getan und sie sind sich keineswegs immer klar darüber, dass sie lügen. (…) Sie sagen noch: So bin ich nicht, das kann ich nicht getan haben. Sie suchen nach den Spuren der Tat in sich und können sie nicht finden. Man staunt, wie unberührt von ihr sie geblieben sind. Das Leben, das sie später führen, ist wirklich ein anderes und von der Tat in keiner Weise gefärbt. Sie fühlen sich nicht schuldig, sie bereuen nichts. Die Tat ist nicht in sie eingegangen.“

Canetti spricht hier von Menschen, die eigentlich im Stande sind, ihre Worte und Handlungen abzuschätzen. Diese Menschen würden sich unter normalen Umständen schämen für das, was sie sagen oder tun – sie sind nicht besser und auch nicht schlechter als die anderen, unter denen sie leben.

Wenn dann aber die Zeugen aufmarschieren, die sehr wohl wissen, wovon sie reden, wenn „einer nach dem anderen den Täter erkennt und ihm jede Einzelheit seines Verhaltens ins Gedächtnis zurückruft, da wird jeder Zweifel absurd.“

Um dennoch zu verstehen, was hier geschieht, muss man sich Canetti zufolge der Natur des Befehls bewusst werden: „Für jeden Befehl, den der Täter ausführt, ist ein Stachel in ihm zurückgeblieben. Aber dieser ist so fremd, wie der Befehl selber war, als er erteilt wurde.“

Das gefährlichste Element im Zusammenleben von Menschen ist der Befehl! (Canetti)
Wie lange auch dieser Stachel im Menschen haften bleibt, so Canetti weiter, er assimiliert sich nie und bleibt stets ein Fremdkörper: „Der Stachel ist ein Eindringling, er bürgert sich niemals ein. Er ist unerwünscht, man will ihn los sein. Er ist, was man begangen hat.“

So lebt der Befehl als fremde Instanz im Empfänger weiter und nimmt ihm jedes Gefühl von Schuld, ja „je fremder einem der Befehl war, umso weniger Schuld fühlt man seinetwegen.“

Menschen, die unter Befehl gehandelt haben, fühlen sich meist vollkommen unschuldig. „Wenn sie im Stande sind, ihre Lage ins Auge zu fassen, mögen sie etwas wie Staunen darüber empfingen, dass sie einmal so vollkommen unter der Gewalt von Befehlen standen. Aber selbst diese einsichtige Regung ist wertlos, da sie sich viel zu spät meldet, wenn alles längst vorüber ist.“

Natürlich sollt man das anfangs erwähnte Beispiel nicht überstrapazieren, gleichwohl macht sich die totalitäre Macht des Befehls auch im unschuldig anmutenden Alltag bemerkbar.

Wie man es auch betrachten mag, der Befehl in seiner kompakten Form ist „das gefährlichste einzelne Element im Zusammenleben von Menschen geworden.“ Man muss Canetti zufolge viel Mut haben, sich ihm entgegenzustellen und seine Herrschaft zu erschüttern. Man müsste Mittel und Wege finden, sich von ihm frei zu halten, Man dürfe ihm nicht erlauben, mehr als die Haut zu ritzen: „Aus seinen Stacheln müssen Kletten werden, die mit leichter Bewegung anzustreifen sind.“

Geschieht dies nicht, dann wird durch den Befehl die Autonomie des Individuums gefährdet und letztlich auch zerstört oder verkommt zu einer skurrilen und absurden Show – wie im Falle Neymars, der den ihm gegebenen Befehl ohne zu zögern und ohne nachzudenken ausführte.

Nachtrag vom 13.09.2013:
Für die Europäische Komission ist Katalonien nicht nur die korrupteste Region Spaniens, sondern nimmt unter den 172 Regionen Europas den 130. Rang ein. Wen wundert es?

Zitate aus: Elias Canetti: Masse und Macht, Düsseldorf 1960 (Claasen), hier: S. 380-382