Donnerstag, 21. September 2017

Ian Buruma, Avishai Margalit und der Hass auf den Westen (Teil 2)


Fortsetzung vom 14.09.2017


Ein „Okzidentalist“ ist nicht etwa ein Anhänger des Westens und westlicher Ideen, sondern ihr schlimmster Feind. In diesem Sinne verwenden jedenfalls Ian Buruma, ehemalige Professor für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York und der israelische Philosoph Avishai Margalit den Begriff „Okzidentalismus“. Sie verstehen unter Okzidentalismus eine Ideologie des Hasses gegen den Okzident, gegen westliche Gesellschaftsstrukturen und Werte. 

Dem Westen wurde der Krieg in vielfältigem erklärt, im Namen der deutschen Rasse, des Staatsshintoismus, der russischen Seele, des Kommunismus oder zuletzt des Islam. Während nun diejenigen, die für eine spezifische Nation oder Rasse kämpfen Außenseiter von ihrem Kampf ausschließen, weil sie sich für auserwählt halten, erheben diejenigen, die für religiöse oder politische Überzeugungen in die Schlacht ziehen, oftmals den Anspruch, universelle Heilsbringer zu sein. 

Auch wenn die Trennlinien in der Praxis natürlich nicht so eindeutig verlaufen, lohnt es sich, zwischen einem religiösen und einem säkularen Okzidentalismus zu unterscheiden. 

Denn der religiöse Okzidentalismus gibt sich stärker als die weltliche Variante manichäisch, d.h. er geht von einem radikalen Dualismus von Licht und Finsternis, von Gut und Böse, von Geist und Materie aus. Er spricht deshalb konsequenterweise stets von einem Heiligen Krieg gegen die Feinde im Okzident, die schlicht der Vorstellung vom absoluten Bösen entsprechen.

In den meisten Spielarten des Okzidentalismus wird zwar dem leeren westlichen Rationalismus ein „tiefer Geist“ der Rasse oder Glaubensgemeinschaft gegenübergestellt. Aber auch die glühensten Anhänger der Romantik oder der Slawophilie betrachteten den Westen niemals als barbarisch oder seine Bewohner als Wilde. Diese Einstellung findet sich allein in bestimmten Strömungen des Islamismus, der wichtigsten religiösen Quelle für den Okzidentalismus unserer Gegenwart.

Der Islamismus als Ideologie stand nur zu einem geringen Teil unter dem Einfluß westlicher Ideen. Seine Darstellung der westlichen Zivilisation als einer Form von götzendienerischer Barbarei ist ein durchaus eigenständiger Beitrag zur reichhaltigen Geschichte des Okzidentalismus. Die Sicht des Westens im Islam geht weit über das traditionelle Vorurteil hinaus, der Westen sei dem Geld und der Habgier verfallen. Der Vorwurf lautet auf „Götzendienst“, auf „Idolatrie“, also der schlimmsten möglichen Glaubenssünde, und diesem Götzendienst muss daher mit aller Macht und mit allen denkbaren Sanktionsmöglichkeiten, die den wahren Gläubigen zur Verfügung stehen, begegnet werden. 

Im Visier der Islamisten: Götzendienst
 - die schlimmste Glaubenssünde
Kurioserweise - darauf deuten die Buruma und Margalit explizit hin, „damit nicht der Eindruck entsteht, wir wollten den Islam für alles verantwortlich machen“ - , stammt die Vorstellung des Götzendiesntes aus der schlimmsten religiösen Sünde ursprünglich aus dem Judentum.

Schon damals zeigte sich also die wahnhafte Vorstellung von Großmächten – damals „die Hure Babylon“, heute einfach „der Westen“ - als potentiellen Verführern, die dem wahren Gott die Herrschaft streitig machen wollen, denn schließlich ist der eigene Gott immer und notwendig der einzige legitime König des Universums.

Der Götzendienst, so Buruma und Margalit weiter, wird immer dann zu einem Thema, wenn eine weltliche Macht eine politische Loyalität einfordert, die der Loyalität den Rang streitig macht, die man Gott schuldigt. Islamisten betrachten die politische Realität unserer Zeit nicht nur unter politischen, sondern vornehmlich unter theologischen Gesichtspunkten. 

Vor allem die säkularen Regierungen in mehrheitlich muslimischen Ländern werden von radikalen Islamisten des Götzendienstes beschuldigt. Solche Vorwürfe werden zunächst in Glaubenspredigten formuliert, dann aber sehr schnell in einen politischen und terroristischen Aktivismus übersetzt, der sich gegen die Götzendiener in der muslimischen Welt richtet, in der Regel also gegen die Regierenden, sowie gegen die dahinterstehenden eigentlichen Kräfte, nämlich den götzendienerischen Westen.

Der muslimische Begriff für den Götzendienst lautet jahiliyya. In der traditionellen islamischen Koranexegese wird betont, dass der Begriff „Götzendienst“ ein Antonym zu "Wissen" darstellt, und entsprechend jahiliyya als "Unwissenheit" interpretiert. Somit würde mit dem Begriff jemand beschrieben, der weder den einzigen Gott als Schöpfer noch den Propheten Mohammed noch das religiöse Gesetz anerkannt hat und hat somit kein Wissen über religiöse Normen des Islams.

Der Begründer der modernen europäischen Islamwissenschaft, der Österreicher Isaak Yehuda Goldziher  (1850–1922) jedoch übersetzte jahiliyya nicht mehr wie gewohnt als Unwissenheit, sondern bevorzugte den Begriff der »Barbarei«. Goldziher wollte damit auch sprachlich deutlich machen, Mohammed sei von Gott geschickt worden, um die Götzendienerei der Barbaren mit Stumpf und Stiel auszurotten und damit der Barbarei ein Ende zu machen. 

Isaak Yehuda Goldziher
Diese Bedeutungskorrektur wurde schließlich in den arabischen Ländern rezipiert und wird heute gern von radikalen Islamisten – freilich vollkommen unreflektiert – verwendet. Die Verwendung des Begriffes „Barbar“ erinnert an die Unterscheidung zwischen „Griechen“ und Barbaren, die letztlich Unterscheidung zwischen zwei Arten menschlicher Wesen verteidigt. Unwissende resp. Barbaren sind dann diejenigen die jenseits des Einflussbereiches der eigenen Zivilisation lebten, also unzivilisierte Wilde und somit nicht wirklich Menschen.

Aus dieser Vorstellung der Menschen als Barbaren speist sich eine entmenschlichende Vorstellung des Westens, die in letzter Konsequenz befördert einen neuen Heiligen Krieg gegen das Böse befördert, der in den absoluten Kategorien des Manichäismus von Gut (=der Islam) und Böse (=der Westen) ausgefochten wird.

In den Augen der Okzidentalisten verehrt der Westen materielle Dinge, ja seine eigentliche Religion ist der Materialismus, und Materie ist nach manichäischer Überzeugung böse. Da nun der Westen den falschen Gott des Materiellen anbetet, wird er zum Reich des Bösen, das sein Gift verbreitet. Für den religiösen Okzidentalismus ist die Auseinandersetzung mit dem Westen nicht einfach ein politischer Kampf, sondern ein kosmisches Drama, ganz ähnlich dem Drama des Manichäismus.

So wie die Materie in den Augen der radikalen Islamisten der Gott des Westens ist und der Materialismus seine Religion, so gilt der Osten als das Reich tiefer Spiritualität – zumindestens, wenn man ihn sich selbst überläßt und ihn vor dem Gift des Westens beschützt. Der Kampf zwischen Ost und West erscheint somit als ein manichäischer Kampf zwischen den götzendienerischen Anbetern irdischer Materie und den wahren Verehrern des göttlichen Geistes.

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Ian Buruma /Avishai Margalit: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, München 2015


Donnerstag, 14. September 2017

Ian Buruma, Avishai Margalit und der Hass auf den Westen (Teil 1)

Ein „Okzidentalist“ ist nicht etwa ein Anhänger des Westens und westlicher Ideen, sondern ihr schlimmster Feind. In diesem Sinne verwenden jedenfalls Ian Buruma, ehemalige Professor für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York und der israelische Philosoph Avishai Margalit den Begriff „Okzidentalismus“. 

Ian Buruma
Sie verstehen unter Okzidentalismus eine Ideologie des Hasses gegen den Okzident, gegen westliche Gesellschaftsstrukturen und Werte. Okzidentalis-mus darf jedoch nach Meinung von Buruma und Margalit in naiver Vereinfachung mit Antiamerikanismus gleichgesetzt werden. Das Phänomen des Hasses auf den Westen findet sich nämlich gleichermaßen in der deutschen Romantik wie in der westlichen konservativen Kulturkritik, im Japanischen Kaiserreich wie in der Rhetorik der Nationalsozialisten, bei der antiimperialistischen Linken ebenso wie bei Islamisten.

Dem kritischen Lesen mag manche These in Ian Burumas und Avishai Margalits Essay "Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde" gelegentlich überzogen vorkommen, dennoch sind ihre Ausführungen insgesamt überaus aufschlussreich, vor allem der Versuch, den aktuellen Islamismus in eine größere, historische Perspektive des "Hasses auf den Westen" zu stellen.

Buruma, und Margalit argumentieren an zentraler Stelle, dass der Islamismus in seinem Hass auf den Westen - und damit die Feindseligkeit gegen Rationalismus, gegen den angeblichen Krämergeist, die Wurzellosigkeit der Stadt, gegen die Seelenlosigkeit des Agnostikers sich in bunter Gesellschaft befindet, mit historischen Erweckungsbewegungen ebenso wie mit der deutschen Romantik, mit japanischen Antiwestlern und slawophilen Volkstümlern, mit Maos Bauernkommunismus und auch mit gewissen Spielarten aktueller linker Globalisierungskritik

"Der Islam wird die Welt beherrschen." - "Die Freiheit kann zur Hölle fahren."
"Die Sharia ist die wahre Lösung."

Der Angriff auf den Westen, so Buruma und Margalit ist unter anderem ein Angriff auf den Geist des Westens. „Dieser Geist des Westens wird von den Okzidentalisten häufig als eine Art höherer Idiotie dargestellt. Mit dem Geist des Westens ausgestattet zu sein heißt, ein dummer Gelehrter zu sein, der geistig zurückgeblieben ist, aber eine besondere Begabung für arithmetische Berechnungen besitzt. Dieser Geist ist seelenlos, effizient wie eine Rechenmaschine, aber ein hoffnungsloser Fall, wenn es darum geht, menschlich wichtige Dinge zu tun.“

Natürlich – und das gestehen selbst die Gegner des Westens ein – könne der Geist des Westens große ökonomische Erfolge erringen, fortgeschrittene Technologien entwickeln und verbreiten, doch die höheren Dinge des Lebens blieben ihm verschlossen, denn ihm fehlten intuitives Denken und damit letztlich Spiritualität.

Daß intuitives Denken dem abwägenden und diskursiven Denken überlegen sei, ist eine Vorstellung, die wir der Romantik zu verdanken haben. In der Zuordnung von Verstand und Seele stünde die Seele demnach für nichtdiskursives Denken, der Verstand für diskursives Denken. Lege man zu große Betonung auf den Verstand, so verringert sich die Rolle des intuitiven und nichtdiskursiven Denkens.

Der Geist des Westens sei in den Augen der Okzidentalisten – nicht nur der Romantiker – aber nun ein beschränkter Geist, mit dessen Hilfe man vielleicht den besten Weg findet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, der jedoch völlig unbrauchbar ist, wenn man den richtigen Weg finden will – letztlich das Ziel aller religiösen und utopischen Geister – den Weg zum Heil.

Der Rationalitätsanspruch des Geistes und seiner Vernunft sei ohnehin nur die halbe Wahrheit – und zwar die wertlosere Hälfte. „Wenn mit Rationalität die instrumentelle Vernunft gemeint ist, welche die Mittel dem jeweiligen Zweck anpaßt, und zwar im Unterschied zur Wertrationalität, mit deren Hilfe man sich für den richtigen Zweck entscheidet, dann verfügt der Westen über jede Menge von ersterer und kaum etwas von letzterer. Der westliche Mensch ist demzufolge ein hyperaktiver, stets geschäftiger Körper, der immer nur die richtigen Mittel für den falschen Zweck findet.“

Schon Isaiah Berlin betrachtete die Romantik als Teil der Gegenaufklärung. Insbesondere bei Martin Heidegger ließe sich dieser „Kurzschluss zwischen Romantik und Politik" sehr gut beobachten, nämlich „die Machtergreifung der subjektiven Einbildungskraft zuerst auf geistigem Gebiet und dann in der Politik." Isaiah empfiehlt daher, dass „der Dionysiker erst ausnüchtern sollte, ehe er politischen Boden betritt.“.

Waren die Denker der Aufklärung der optimistischen Ansicht, die Menschheitsgeschichte stelle ein lineares Fortschreiten in Richtung einer glücklicheren, vernünftigeren Welt dar, griff das romantische Denken auf uralte religiöse Vorstellungen wie Unschuld, Fall und Erlösung zurück. Der Romantiker hat stets das Gefühl, er sei tief gefallen und befinde sich ganz unten, von wo aus er den Blick nach oben richtet in der Hoffnung auf Erlösung. Dieser Fall ist gekennzeichnet durch „völlige Fragmentierung“ und durch eine dreifache Entfremdung: vom eigenen wahren Ich, von den Mitmenschen und von der Natur bzw. vom wahren Gott.

Für die Romantiker liegen die Hauptgründe für diese Fragmentierung in der Arbeitsteilung und im Wettbewerb der Märkte. Ihr Szenario einer metaphysischen Erlösung soll daher vor allem die Sehnsucht nach Einheit und Harmonie stillen. Der Romantiker ist allerdings freilich alles andere als ein Optimist. Es gibt keine Garantie, daß man die Entfremdung jemals wird überwinden können, und der nichtbürgerliche Romantiker ist somit für immer vom ständigen Streben nach der verlorenen Einheit getrieben.

Das ließe sich jedoch ertragen, denn für den Romantiker stehen die Suche und das Streben an erster Stelle, ganz gleich ob das Ziel jemals erreicht wird - selbst wenn man sich selbst und andere in die Lust sprengt ...

Da gemäß dem romantischen Denkmuster die Unschuld vor dem Fall kommt, neigt romantische Politik dazu, von nostalgischen Empfindungen durchdrungen zu sein. Ob das mittelalterliche Europa, das frühe Christentum, die Hochzeiten des russischen Mönchtums, das alte Japan oder das islamische Kalifat in Al-Andalus – das alles dient als Modell für das Bemühen, die verlorene Harmonie der Vergangenheit, die "Einheit" wiederherzustellen.

Interessanterweise entspricht das Vokabular der Romantik in vielen Fällen dem des Okzidentalismus: Im Hinblick auf den den Geist ist »organisch« beispielsweise ein positiv und »mechanisch« ein negativ konnotiertes Wort. Der organische Geist versetzt das Individuum in die Lage, eins zu sein mit sich, mit anderen und mit der Natur bzw. mit Gott.

Kirejewski (1806 - 1856)
Auch Iwan Wassiljewitsch Kirejewski, einer der wichtigsten slawophilen Theoretiker und wesentlich durch die Romantik beeinflusst, machte sowohl den Rationalismus als auch die Vernünftigkeit als verwerfliche Elemente des westlichen Geistes aus. 

Aristoteles, so Kirejewskij, sei dafür verantwortlich, daß sich der Geist des Westens nach dem unabänderlichen Muster der Vernünftigkeit geformt habe. Glücklicherweise jedoch sei es ihm nicht gelungen, diese Vorstellung seinem berühmtesten Schüler zu vermitteln, nämlich Alexander dem Großen, der gerade deswegen Größe bewiesen habe, weil er nach Ruhm gestrebt habe und nicht nach dem eher belanglosen Ideal, vernünftig zu sein. 

Vernünftigkeit, so Kirejewskij, sei nichts anderes als das „Streben nach dem Besseren innerhalb des engen Zirkels des Gewöhnlichen“. Vernünftigkeit sei ängstliche Klugheit, ein Aufruf zu ausgeprägter Mittelmäßigkeit, sie gründe auf banaler, konventioneller Weisheit, dem Gegenteil wahrer Weisheit. Man habe Angst, originell und ursprünglich zu sein, um nicht als Extremist zu gelten, das Schlimmste, was einem im feigen Westen passieren könne. 

Vernünftigkeit ist somit gleichsam die Kurzformel für den nicht-heroischen Geist, sondern auch von antiliberalen Denkern die schon immer den Händler verachteten, aber den Helden verehrten.

Vernünftig zu sein bedeutet für die meisten - vernünftigen - Menschen Klugheit, Beständigkeit und ein gewisses Maß an Voraussicht. Dazu gehört überdies die Bereitschaft, auf die Vernunft zu hören und aus eindeutigen, nachvollziehbaren Gründen zu handeln. In diesem Sinne ist vernünftig gleichbedeutend mit rational.

Kirejewskij – wie auch andere Okzidentalisten nach ihm – betrachtete Klugheit dagegen als Ängstlichkeit, Beständigkeit als Langeweile und Voraussicht als Streben nach einem uninspirierenden, wohlbehüteten Leben. All das fand Kirejewskij bei Aristoteles – denn Aristoteles nahm allgemein verbreitete Überzeugungen und den gesunden Menschenverstand in der Tat ernst. 

Der Hauptvorwurf jedoch, den Iwan Kirejewskij und andere gegen den Geist des Westens erhoben, ist demnach sein übertriebener Rationalismus. Für Kirejewskij sind das Gefühl, die Erinnerung, die Wahrnehmung, die Sprache und so weiter jedoch mindestens genauso wichtig.

Nun ist Rationalismus landläufig die Überzeugung, einzig und allein die Vernunft könne die Welt verständlich machen. Das hängt mit der Vorstellung zusammen, die Wissenschaft sei die einzige Quelle, um Naturphänomene wirklich zu verstehen. Andere Erkenntnisformen, und hier vor allem die Religion, werden von Rationalisten als potentieller Aberglauben abgetan – zumindest dann, wenn es um die beweisbare Erklärung von Naturphänomenen geht.


Neben dem naturwissenschaftlichen Rationalismus gibt es noch den politischen Rationalismus, der behauptet, die Gesellschaft lasse sich – im besten Fall - demokratisch organisieren und die aktuellen menschlichen Probleme durch Herstellung eines gemeinsamen Konsens lösen, mit Hilfe eines eben rationalen Entwurfs, der bestimmt ist von allgemeinen und universellen moralischen und logischen Prinzipien.

In den Augen der Okzidentalisten hat sich der arrogante Westen aber gerade hier der Sünde des Rationalismus schuldig gemacht, also der Anmaßung zu glauben, mittels der Vernunft könne der Mensch alles wissen und erkennen, was es auf dieser Welt zu wissen und zu erkennen gibt.

So lässt sich der Okzidentalismus verstehen als Ausdruck eines verbitterten Unmuts gegenüber der offenen Demonstration westlicher Überlegenheit, die auf der vermeintlichen Überlegenheit der Vernunft beruht. Heute lässt sich der Hass auf die „Ausbreitung des szientistischen Glaubens“, also des Vertrauens in die Wissenschaft als einzigem Weg der Erkenntnis, hervorragend am Beispiel revolutionärer Islamisten erkennen.

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Ian Buruma /Avishai Margalit: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, München 2015

Donnerstag, 7. September 2017

Josef Kraus und das Sündenregister deutscher Bildungspolitik (Teil 3)


Josef Kraus
Unter dem Titel „Durchgefallen!
 Warum Deutschland als Bildungs-nation gescheitert ist“ kritisiert der ehemalige Schulleiter und aktuelle Präsident des Deutschen Lehrer-verbands, Josef Kraus, in der Reihe "Aula" des SWR in deutlichen Worten das Sündenregister der deutschen Bildungspolitik, einer „Politik wider jede Vernunft“.

Die fünfte Sünde heißt Utilitarismus: „Hier geht es darum, in der Schule überwiegend nur noch Dinge zu vermitteln, die man im späteren Leben braucht, die dafür nützlich sind, die sich später „rechnen“: zum Beispiel Computer Literacy. Kraus kritisiert diese Ideen als ein „verarmtes Verständnis von Bildung. Hier wird Bildung zur bloßen Abrichtung.“

Geldgewinn als Bildungsziel?
Die Kritik an einem solchen eingeschränkten Bildungs-verständnis ist alt. „Man braucht ja nur Nietzsches fünf Baseler Reden „Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten“ aus dem Jahre 1872 nachzulesen: Dort rechnet er es im ersten dieser Vorträge zu den beliebtesten national-ökonomischen Dogmen, den Nutzen, ja den möglichst großen Geldgewinn als Ziel und Zweck der Bildung auszugeben. Wörtlich: „Dem Menschen wird nur so viel Kultur gestattet, als im Interesse des Erwerbs ist.“ Kraus zufolge ist die deutsche Bildungspolitik seitdem nicht unbedingt viel klüger geworden.

Dabei ginge es in der Bildung nicht nur oder gar in erster Linie darum, wie ein junger Mensch fit wird für das globale Haifischbecken. Vielmehr müsse in Sachen Bildung – weil sie sonst nur Ausbildung ist – der Eigenwert des Nicht-Ökonomischen im Mittelpunkt stehen. Es geht um Muse bzw. Muße, und es geht um die Bildung von Persönlichkeiten.

Die sechste Sünde heißt Empirismus. „Sie hat viel mit PISA und Co. zu tun. Dahinter steckt die Vorstellung, alle Bildung müsse sich messen und in Rankingtabellen abbilden lassen.“

Wer nach Kraus aber nun meine, Bildung sei das, was PISA misst, der habe eine armes, ja ein erbärmliches Bildungsverständnis, denn „PISA und die sog. empirische Bildungsforschung haben nur noch das an schulischem Lernen im Blick, was sich messen lässt. Im Falle von PISA ist das wahrscheinlich nur ein Zehntel dessen, was in Schule geschieht: ein bisschen etwas von Informationsentnahmekompetenz, ein bisschen etwas von mathematischem Verständnis und ein bisschen etwas von naturwissenschaftlichem Verständnis.“

Vom ständigen Messen wird die Sau auch nicht fetter ...
Von PISA dagegen würden viele grundlegende Bildungsbereiche gerade nicht erfasst, darunter das sprachliche Ausdrucks-vermögen, Fremdsprachenkenntnisse, Wissen in den Bereichen Literatur, Geschichte, Geographie, Politik, Wirtschaft, Philosophie, Religion und Ethik, ästhetische Bildung in den Fächern Kunst und Musik. Bildung müsse daher wieder mehr Wert auf diese Bereiche legen.

Die siebte Sünde ist die Veloziferische. „Velozifer ist nach Goethe der Gott der rasenden Beschleunigung. Es geht hier um die Sünde des Beschleunigungswahns. Das ist der Irrglaube, man könne mit einer immer noch früheren Einschulung in immer weniger Schuljahren und mit immer weniger Unterrichtsstunden zu besser gebildeten jungen Leuten und zu einer gigantisch gesteigerten Abiturienten- und Akademikerquote kommen. Typisches Beispiel für eine solchermaßen verkorkste „Reform“ ist das achtjährige Gymnasium (G8).“

Nach Kraus brauche aber Bildung vor allem eines: Zeit. „Man kann intellektuelle, körperliche und soziale Reifung nicht beliebig beschleunigen. In Afrika sagt man: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht. Dieses Bild gilt auch für das Heranreifen junger Menschen.“

Die in manchen deutschen Ländern reichlich verkorkste Einführung des achtjährigen Gymnasiums beweise vielmehr, dass bei solcher Beschleunigung viel auf der Strecke bleibe, neben der Persönlichkeitsbildung auch Schul- und Freizeitkultur.“ Auch wenn die Abiturnoten immer besser und noch besser würden, die G8er könnten weniger, und vor allem: „Sie sind ein Jahr weniger reif, wenn sie die Schule verlassen.“

Die achte und letzte Sünde ist die Psychologismus-Sünde, „der Irrglaube, Pädagogik von einer vagen Traumapsychologie her aufziehen zu können. Für die Psychologie und ihr Image ist dies nicht gut, denn vieles von dem, was an Psychologischem in die Pädagogik hereingenommen wird, ist triviale Alltagspsychologie und damit Banalisierung von Psychologie.“

Alle Pädagogik solle offenbar vom zerbrechlichen Kind, dessen permanenter Traumatisierbarkeit, dessen Gegenwartsperspektive und dessen unmittelbaren Bedürfnisse her gedacht werden. Dem Kind, dem Schüler soll bloß nichts zugemutet werden, es könnte ja frustriert, demotiviert, ja traumatisiert werden. Dass man damit Kinder in einer Käseglocke und in einer ewigen Gegenwart einschließt und ihnen die Zukunft raubt, scheint nicht zu zählen. Statt ihnen ein bisschen etwas zuzumuten, werden unsere Kinder von einem Teil der Eltern, von den „Helikoptereltern“ rundum „gepampert“.“

Helikoptereltern
Kraus dagegen will daher nicht ständig fragen, was Kinder krank-mache, sondern was Kinder stark mache. Der Mythos von der allgegenwärtigen Traumatisierung sei grundfalsch: „Im Normalfall gibt es keinen Eins-zu-eins-Determinismus. Das Risiko des Scheiterns, Enttäuschungen und Niederlagen – all das gehört zum Leben. In altersgemäßer Dosis muss ein Kind solches erfahren dürfen, sonst entwickelt es weder die Fähigkeit, damit umzugehen, noch das Selbstbewusstsein, mit Problemen selbst fertig zu werden, noch die Bereitschaft, erst einmal eigene Kräfte zu mobilisieren.“

Kraus geht davon aus, dass Kinder sind viel widerstandsfähiger seien, als man gemeinhin annehme: „Die Resilienzforschung hat dies nachgewiesen. Resilienz heißt wörtlich: zurückspringen, abprallen. Im übertragenen Sinn meint man damit die Kraft zur Überwindung von Einschränkungen oder gar von Verletzungen. Die Entwicklung dieser Kraft kann man fördern, indem man die Kinder – altersgerecht – Probleme selbst lösen lässt.“

Abschließend braucht es nach Kraus eine Revolte gegen diese acht Sünden, denn mit diesen acht Sünden drohen Individualität, Leistung, Anstrengungsbereitschaft, natürliche Reifung und Qualität zu versinken. „Viel zu lange wurde Bildung – je nach Land in Deutschland unterschiedlich intensiv – kopf- und konzeptionslos re- und deformiert. Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von Seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben.“

Auch wenn Kraus die Gründe für diese Entwicklung weniger in einem vermeintlichen Nationalcharakter der Deutschen sieht, „nämlich der Selbstvergessenheit und der ständigen Selbsttribunalisierung der Deutschen“, so beginne gleichwohl gesellschaftlicher Verfall und Dekadenz stets mit dem Verlust der Selbstachtung: „Das gilt für jede Einzelperson, jede Familie, jede Gruppe, jede Nation, jede Kultur. Dass die allermeisten Reformen eben gerade denen schaden, denen sie zugutekommen sollten, nämlich den sozial Schwächsten, wird verdrängt: Die Kinder aus „gutem“ Hause bekommen die Verirrungen der Schulpolitik durch elterliches Zutun kompensiert, die Kinder aus „bildungsfernen“ Elternhäusern aber bleiben in ihren Herkunftsmilieus eingekerkert.“

Viel zu lange wurde Bildung kopf- und konzeptionslos re- und deformiert

Verschärft wird das Problem noch dadurch, dass die real praktizierte Bildungspolitik nichts oder nur selten etwas bereut: Sie tue selten Buße und eigentlich nie gelobt sie Besserung. „Vielmehr meint sie, eine Sünde durch eine neue Sünde vergessen zu machen ... zusammen mit ihren bildungswissenschaftlichen Einflüsterern, die – oft professoral reichlich geschraubt – mit einer stets neuen Pädagogik immer wieder den Bildungshimmel auf Erden versprechen.“

Dagegen sei eine bürgerliche Revolte nötig, „nicht für noch mehr weichgespülte Schule, sondern für anspruchsvolle Schule.“ Dazu bedarf es des Mutes, der Courage, wie dies schon vor zweieinhalb Jahrtausenden Perikles gesagt hat: „Zum Glück brauchst du Freiheit, zur Freiheit brauchst du Mut.“

So fordert Kraus „Freiheit statt Gleichheit! Leistung statt Verwöhnung! Qualität statt Quote! Inhalte statt curricularer Nihilismen! Orientierung im europäischen Wertekosmos statt Relativismus!“ und den Mut, dies auszusprechen und auch einzufordern.


Zitate aus: Josef Kraus: Durchgefallen!
Warum Deutschland als Bildungsnation gescheitert ist, SWR2 Aula, Sendung vom Sonntag, 02. Juli 2017, 8.30 Uhr, Redaktion: Ralf Caspary, SWR 2017


Weitere Literatur von Josef Kraus: Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt. Und was Eltern jetzt wissen müssen, München 2017  -  Helikopter-Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung, Reinbek 2013  -  Ist die Bildung noch zu retten? - eine Streitschrift, München 2009  -  Der Pisa-Schwindel. Unsere Kinder sind besser als ihr Ruf. Wie Eltern und Schule Potentiale fördern können, Wien 2005  -  Spaßpädagogik. Sackgassen deutscher Schulpolitik, München 2., ergänzte Auflage, 1998.