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Donnerstag, 26. Februar 2026

Karl-Wilhelm Weeber und der Dank an Hellas

Karl-Wilhelm Weebers Buch „Hellas sei Dank. Was Europa den Griechen schuldet“ ist weit mehr als eine kulturhistorische Liebeserklärung. Schon die ersten beiden Kapitel entfalten ein dichtes Panorama, in dem die griechische Erfindung von Politik und Demokratie nicht museal verklärt, sondern als provokante Herausforderung an die Gegenwart gelesen wird. Bei der Lektüre wird schnell deutlich, dass es nicht nur um Bewunderung der Antike, sondern um ein intellektuelles Wiedererkennen geht – und um eine unbequeme Frage: Was ist aus dem griechischen Erbe politischer Beteiligung geworden?

Hellas - das Geberland Europas

Bei Weeber  erscheint Griechenland nicht als ewiger Schuldner Europas, sondern als „Geberland“, als ein Ort, an dem Denkformen entstanden, die bis heute unsere politischen Selbstverständlichkeiten strukturieren. Besonders deutlich wird dies im ersten Kapitel, das Politik als genuin griechische Erfindung entfaltet. Politik ist hier nicht bloß Verwaltung oder Machtausübung, sondern ein anthropologisches Phänomen. Der Mensch als ζῷον πολιτικόν (zóon politikón), als Gemeinschaftswesen, verwirklicht sich im öffentlichen Streit über das Gute und Gerechte.

  

Diese Bestimmung ist radikal. Sie bedeutet, dass politische Teilhabe kein Privileg weniger, sondern Ausdruck menschlicher Würde ist. In einer prägnanten Formel zitiert Weeber das antike Verdikt aus der brühmten „Leichenrede“ des Perikles, wie sie von Thukydides überliefert wurde: „Wir halten einen stillen Bürger für einen schlechten Bürger.“ Schweigen gilt nicht als Tugend, sondern als Mangel. Wer sich nicht einmischt, verfehlt sein Menschsein in politischer Hinsicht.

 

Gerade hier liegt die Sprengkraft für die Gegenwart. In Zeiten sinkender Wahlbeteiligung, wachsender Politikverdrossenheit und digitaler Empörungs-ökonomien wird Beteiligung oft entweder als lästige Pflicht oder als folgenlose Meinungsäußerung verstanden. Das griechische Politikverständnis ist davon weit entfernt. Es setzt auf leibhaftige Präsenz, auf Streitkultur, auf Rede und Gegenrede und damit auf das Risiko, sich öffentlich zu exponieren.

 

Phillip von Foltz (1805 - 1877): Die Leichenrede des Perikles

Weeber zeigt, dass diese Form der Politik von Anfang an konflikthaft war. Die Griechen wussten um die Gefahren von Willkür, Korruption und Machtmiss-brauch. Gerade deshalb entwickelten sie unterschiedliche Verfassungsmodelle und stritten leidenschaftlich über ihre Vor- und Nachteile. Politik ist nicht die Suche nach dem perfekten, sondern ein permanentes Ringen um das bessere System.

 

Besonders eindrucksvoll ist Weebers Darstellung der philosophischen Kontro-versen. Platon begegnet der Demokratie mit tiefer Skepsis. Er befürchtete, dass sie in eine Herrschaft der Unvernunft umschlagen könnte. Aristoteles hingegen sieht in ihr – bei aller Kritik – eine realistische Möglichkeit, viele Perspektiven zu bündeln und kollektive Klugheit zu erzeugen. Dieses Spannungsverhältnis prägt bis heute jede Demokratietheorie, die versucht, sich zwischen dem Wunsch nach rationaler Steuerung und der Anerkennung pluraler Stimmen zu verorten.

 

Das zweite Kapitel vertieft diese Perspektive, indem es die attische Demokratie als historisches Experiment schildert. Diese war weder harmonisch noch stabil, aber erstaunlich innovativ. Ihr zentraler Gedanke ist der der politischen Gleichheit, der Isonomie („gleicher Anteil am Recht!“). Demokratie bedeutet gerade nicht, dass alle gleich denken, sondern dass alle gleichermaßen am politischen Prozess teilhaben dürfen.

 

Diese Gleichheit war kein Naturzustand, sondern Ergebnis bewusster Entschei-dungen. Die Reformen des Kleisthenes, der „das Volk auf seine Seite brachte“, markieren einen Wendepunkt. Politische Macht wird nicht mehr allein aus Abstammung oder Reichtum abgeleitet, sondern aus der schlichten Zugehörigkeit zur Bürgerschaft.

 

Teilhabe als Isonomie - "Gleicher Anteil am Recht!"

Weeber hebt zudem die Bezahlung politischer Ämter als eine scheinbar unspektakuläre, aber folgenreiche Neuerung hervor. Diäten ermöglichen erst, dass auch ärmere Bürger sich engagieren können. Demokratie ist also nicht nur eine Idee, sondern eine Frage institutioneller Gestaltung. Ohne soziale Voraussetzungen bleibt politische Gleichheit hohl.

 

Gerade hier berührt das Buch einen wunden Punkt moderner Demokratien. Formell besitzen viele Menschen gleiche Rechte, faktisch aber sehr unterschiedliche Möglichkeiten, diese auszuüben. Zeit, Bildung, ökonomische Sicherheit – all dies beeinflusst politische Teilhabe. Die griechische Erfahrung erinnert daran, dass Demokratie ständig nachjustiert werden muss, wenn sie mehr sein soll als ein Symbol.

 

Weeber verschweigt nicht, dass die attische Demokratie heftig umstritten war. Schon in der Antike gab es Kampagnen gegen sie, Polemik und bewusste Stimmungsmache. Demokratie war also nie ein Selbstläufer. Sie musste verteidigt, erklärt und praktiziert werden.

 

Gerade dieser Gedanke verleiht dem Buch aktuelle Brisanz. Wenn heute autoritäre Versuchungen wachsen und demokratische Institutionen als ineffizient verspottet werden, wiederholt sich ein altes Muster. Die Griechen kannten diese Dynamiken und entwickelten dennoch eine politische Kultur, die auf Beteiligung setzte.

 

Der vielleicht wichtigste Impuls der ersten beiden Kapitel liegt darin, Demokratie nicht als Besitzstand, sondern als Aufgabe zu verstehen. Sie ist keine bequeme Staatsform, sondern eine Zumutung. Sie verlangt Zeit, Streitlust, Kompromissfähigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

 

Ganz im Sinne der griechischen „Paideia“ meint „Bildung“ hier nicht bloße Wissensanhäufung, sondern Formung des Menschen zum mündigen Bürger. In diesem Sinne ist die Rückbesinnung auf das griechische Denken kein antiquarisches Hobby, sondern ein politischer Akt.

 

Weeber lädt dazu ein, das Erbe der Griechen nicht ehrfürchtig auf Distanz zu halten, sondern es sich produktiv anzueignen. Wer sich auf dieses Erbe einlässt, kann Demokratie nicht länger nur konsumieren. Er muss sie leben.

 

Bürgerbeteiligung - gelebte Demokratie!

Vielleicht ist dies die eigentliche Schuld Europas gegenüber Griechenland! Es geht nicht so sehr um Dankbarkeit in Sonntagsreden, sondern vielmehr um die ernsthafte Pflege dessen, was dort erdacht wurde. Oder, zugespitzt formuliert: Hellas sei Dank – aber dieser Dank verpflichtet.

 

Zitate aus: Karl-Wilhelm Weeber: Hellas sei Dank! Was Europa den Griechen schuldet. Eine historische Abrechnung, München 2023 (Siedler)

 

 

Donnerstag, 25. August 2016

Schiller und die Götter Griechenlands

Friedrich Schiller
Jeder Dichter kennt die Anfechtungen durch die Prosa der bürgerlichen Verhältnisse nur zu gut. Solange er in sein Werk vertieft ist, mögen ihn der eigene Enthusiasmus und die fiebernde Atmosphäre des produktiven Schaffens schützen. Sobald aber die poetische Produktion stoppt oder auch, wenn finanzielle Probleme ihn belasten, kommen die Zweifel hoch, die in der Frage gipfeln, warum man nicht einen soliden bürgerlichen Beruf gewählt hat.

Auch Friedrich Schiller kannte diese Anfechtungen, wie Rüdiger Safranski anschaulich beschreibt. Solange Schiller „in seiner Kunst lebt und webt, versteht sie sich von selbst, in den Augenblicken des Kleinmutes aber gerät die Schönheit unter Rechtfertigungszwang.“

Bei der Überwindung der Krise seines Künstlertums, die ihm um das Jahr 1788 erfasste, half ihm jedoch die Entdeckung der Antike. Er las Homer und die antiken Tragiker. In einem Augenblick, da Schiller am Wert der Kunst zweifelt, beginnt er, wie Goethe zur selben Zeit in Italien, von einer griechischen Antike zu träumen, wo der Sinn für Schönheit angeblich unangefochten triumphiert hatte.

Im Frühjahr 1788 schrieb Schiller »Die Götter Griechenlands«. Das Gedicht beginnt mit den Versen:

Da ihr noch die schöne Welt regiertet,
An der Freude leichtem Gängelband
Glücklichere Menschenalter führtet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!

Schiller knüpft hier, wie übrigens Goethe auch, an Winckelmann an, der mit seinem epochalen Werk `Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke´ (1755) den Vorbildcharakter der Antike hervorgehoben hatte. Die Idee des schönen und freien Menschen sei in ihr auf vollkommene Weise verwirklicht worden. In diesem Sinne heißt es bei Schiller:

Da die Götter menschlicher noch waren,
Waren Menschen göttlicher.

Glücklicher Götterhimmel ...

Die so verklärte Antike wird zum Ansporn: „Vielleicht kann Kunst doch wieder zum tragenden Element der Kultur werden. Gegenwärtig, so Schiller, ist sie es nicht. In der Moderne dominieren rationale Wissenschaft, Materialismus und Nützlichkeit. Die Welt ist zum Arbeitshaus geworden, mit der Kunst als Dekorum.“

Schiller deutet diese Entwicklung als späte Folge des christlichen Monotheismus, mit dem die große Entzauberung begonnen haben soll. Die Götter hätten sich zugunsten des einen Gottes aus der Welt zurückgezogen. Eine Verarmung. „Die Sphäre, wo einst Helios und die Oreaden am Himmelsgewölbe strahlten, ist jetzt ein leerer Raum, worin seelenlos ein Feuerball sich dreht. Darüber thronte zuerst ein Gott, dann nur noch die wissenschaftliche Vernunft.“ Ob christlicher Gott oder der moderne Gott der Wissenschaft, von beiden gilt:

Schöne Welt, wo bist du? – Kehre wieder,
Holdes Blüthenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben trauert das Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach, von jenem lebenwarmen Bilde
Blieb der Schatten nur zurück.

Alle jene Blüten sind gefallen
Von des Nordes winterlichem Wehn.
Einen zu bereichern, unter allen,
Mußte diese Götterwelt vergehn.

Der Kunst zuliebe gerät Schiller ins Neuheidentum, der christliche Gott ist für Schiller „ein ziemlich unangenehmes Phantasma aus Angst und Schuld-gefühlen.“ Kein Gott der Heiligung des diesseitigen Lebens wie die griechischen Götter:

Näher war der Schöpfer dem Vergnügen,
Das im Busen des Geschöpfes floß.

Will man den unsichtbaren Gott verehren, muß man die Sinnenwelt verlassen:

Wohin tret ich? Diese traur’ge Stille
Kündigt sie mir meinen Schöpfer an?
Finster, wie er selbst, ist seine Hülle,
Mein Entsagen – was ihn feiern kann.

Aber Schillers „Götter Griechenlands beschreiben nicht nur die Lebens- und Naturauffassung der als glückliches und harmonisches Zeitalter charakterisierten Antike und schildern im Gegenzug dazu das christliche Zeitalter als ein Stadium des Verlusts, der Freudlosigkeit, der Entfremdung und Entzweiung.

"Schöne Welt, wo bist du?"
Friedrich Schillers Gedicht als Lied von Franz Schubert

Das Gedicht gilt auch als wichtiges Beispiel der Antikenbegeisterung in der deutschen Geistesgeschichte, wie Safranski schreibt: „An die Stelle einer nationalen Klassik, die in Deutschland aus politischen Gründen nicht möglich zu sein schien, sollte also eine Kultur des stilbewußten Anknüpfens an die Antike treten“ – das war die gemeinsame Vision von Goethe und Schiller

Für Goethe und Schiller war es gleichwohl selbstverständlich, daß der antike Geist sich mit dem modernen zu verbinden habe, „in den Begriffen Schillers: es sollte das Naive, also das Antike, mit sentimentalischen, also modernen, Mitteln erneuert oder es sollten moderne Inhalte in antiken Formen verdichtet und gesteigert werden. Wie auch immer, an eine Synthese, eine neue Klassizität, war gedacht, und sie sollte nicht nur gefordert, sondern in Werken ausgeprägt werden.

Zitate aus: Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft, München 2009 (Hanser)