Donnerstag, 14. Dezember 2017

Niccolò Machiavelli und die Macht - Teil 3

(Fortsetzung vom 07.12.2017)

Machiavelli unterscheidet zunächst im "Principe" die unterschiedlichen Herrschaftsformen: ererbte Herrschaften, neue Herrschaften, die man mit eigenen Waffen und durch Tüchtigkeit erobert beziehungsweise durch fremde Waffen oder durch Glück, durch Verbrechen erworbene Herrschaften und quasi ihr Gegenmodell: eine Bürgerherrschaft, vom Volk übertragen – ein im Kontext dieser ganzen kruden Realpolitik des Buches erfreulich positives Modell, das auf einen Bürgervertrag mit wechselseitiger Verantwortlichkeit und Verpflichtung hinausläuft, das in wüsten und kriegerischen Zeiten wie diesen aber, für sich allein keine Chance hat.

Die Stadt-Republik Florenz um 1500

Die immense Bedeutung der inneren und äußeren Verteidigungskraft nimmt der Autor dann auch entsprechend zum Anlass, um die robusteren Herrschaftsformen damit unausgesprochen zu rechtfertigen. Dann wären da noch die vermischten Herrschaften, bei denen der neue Gebieter seine Herrschaft auf bereits vorhandenen Strukturen, etwa auch unter Berücksichtigung und Einbeziehung der alten Eliten aufbauen muss, da es ihm aus diversen Gründen nicht möglich ist, mit diesen tabula rasa zu machen und auf einen völligen Neustart zu setzen.

Tendenziell sind es wohl eher die neuen Herrschaften, auf die der Autor seine Betrachtungen richtet, da man es mit dieser Art Herrschaft und Herrschern ja auch weit häufiger in den gegenwärtigen unruhigen Zeiten zu tun hatte und nur durch einen solchen, so schien es, die ersehnte Erlösung oder Befreiung Italiens zu erhoffen war, zu der Machiavelli am Ende aufruft.

Für Machiavelli ist die Angelegenheit letztlich einfach: Zum Staats- und Machterhalt ist nahezu alles erlaubt, und die traditionelle Moral verliert angesichts der Frage, ob eine Politik erfolgreich ist, also der Eigengesetzlichkeit des Staates und seinem Erhalt dient, ihre traditionelle Bedeutung. Der perfekte Herrscher, der nach innen und außen Stärke beweist, muss sich außerdem wirkungsvoll zu inszenieren verstehen. Er muss die Kunst beherrschen, den richtigen Schein zu erzeugen – also in etwa eine Kombination darstellen von unangefochtener Stärke und nachträglich dokumentierter Wohltätigkeit, das auch das Wohlwollen seiner Untertanen verbrieft und die vorangegangenen Schrecken und Machtdemonstrationen vergessen macht; alles zu seiner Zeit.

Tyrannisch darf er natürlich nicht auftreten, denn dann wird er naturgemäß vom Volke gehasst und entfacht einen rebellischen Geist. Mit seiner virtù hat er vorher die Wehrhaftigkeit seines Staates und die eigene Ertüchtigung unter Beweis gestellt, die seine Autorität sicherstellte, aber auch ein Garant der Sicherheit war.

Das Wort: "Staatsräson" stammt nicht von Machiavelli, taucht aber bei mehreren italienischen Zeitgenossen beziehungsweise ein bis zwei Generationen nach ihm in politiktheoretischen Arbeiten auf. Es wurde zum Schlüsselbegriff, auch in den politiktheoretischen Diskursen der Aufklärung, und anschließend auf eine nahezu juristische Weise fest etabliert, etwa im Sinne einer vernunftgeleiteten Interessenkalkulation zur Aufrechterhaltung einer Regierung und ihrer Funktionen – nachgerade ein gezähmter Machiavellismus, wie er ja auch in den aktuellen Debatten erscheint, jenseits der Dämonisierungen des angeblichen Skandalbuches und seines Autors.

Machiavelli
1557 kam der fünf Jahre nach dem Tode des Autors erschienene "Principe" auf den päpstlichen Index, und die Jesuiten waren diejenigen, die in ihrem verbalen Kampf gegen den Florentiner und seine Skandalschrift das Wort zur Charakterisierung des Textes geprägt haben: "Der Zweck heiligt die Mittel." Seither besitzt der Name des Autors und der auf ihn zurückgehende Machiavellismus eine eindeutig negative Konnotation. Er ist gleichbedeutend mit skrupelloser Machtpolitik, einem Verständnis von Staatslenkung, die über Leichen geht, Macht als Selbstzweck im Sinne Selbsterhalts.

Einige Aufklärer sahen die Dinge dann schon etwas differenzierter, und sie diskutierten den Autor vor dem Hintergrund moderner Debatten der Staatstheorie – im Zeitalter der Vernunft waren dies vor allen Dingen Naturrechtsdebatten. Dass Machiavelli die moralische (und indirekt institutionelle) Vorherrschaft der Kirche negierte und für die Politik glasklar ausschloss, wurde im Zeitalter der Vernunft äußerst positiv angenommen und für seine Epoche als visionär angesehen.

Niccolò Machiavelli hatte ein illusionsloses Menschenbild und ein ebenso illusionsloses Bild vom Lauf der Geschichte. Seine zyklische Vorstellung vom Aufstieg und Fall der Reiche, Kulturen und Völker liegt jenseits der traditionellen christlichen Heilslehre, wonach der Historie ein göttlicher Sinn innewohnt und der Gang der Geschichte eine lineare Dynamik besitzt, als eschatologisches Fortschreiten vom Ursprungsparadies vom Endparadies.

Da er dergleichen wahrscheinlich nicht glaubte, kam die Kirche für ihn als Stütze des Staates ebenso wenig in Betracht wie die christliche Werteordnung als Fundament staatlichen Handelns, denn seiner Meinung nach war diese hier nicht nur inadäquat, weil die Erfordernisse andere waren, sondern auch ganz und gar ineffizient.

Nach seiner Geschichtsauffassung ging es vielmehr nur darum, den unaufhaltsamen Niedergang noch so lange wie möglich hinauszuzögern und mit einigen vitalen Wegmarken zu versehen, damit Strukturen erhalten blieben beziehungsweise gesetzt wurden, im Sinne des Staats- und Ordnungserhalts. Dieser Staatserhalt ist ein Wert an sich, von nichts unterlegt und durch nichts moralisch zu rechtfertigen. Er ist die Voraussetzung für jede erfolgreiche Politik.

Im wohl prominentesten Kapitel des Buches vom Fürsten, das davon handelt, inwieweit ein Fürst sein Wort halten muss (und natürlich muss er das nicht), skizziert Machiavelli den erfolgreichen Herrscher in einem Spannungsfeld von humaner und animalischer Natur – pointierter gesagt: Er ist halb Mensch und halb Bestie und muss sich in seinen Handlungen innerhalb dieses Spannungsfeldes bewegen.

Da nun ein Fürst genötigt sei, so Machiavelli, die Rolle eines wilden Tieres zu spielen, müsse er sich den Fuchs und den Löwen gleichermaßen zum Muster nehmen. Nur den Löwen spielen zu wollen, würde bedeuten, dass er seine Sache sehr schlecht verstünde, denn der Löwe entgehe den Netzen nicht, desweiteren aber könne der Fuchs dem Wolf nicht entwischen, und so müsse der Fürst ein Fuchs sein, um die Schlingen zu wittern und ein Löwe, um die Wölfe zu schrecken.

Daher dürfe ein kluger Fürst auch seine Versprechen nicht halten, wenn diese ihm schädlich sei oder die Umstände, unter denen er sie gab, sich geändert haben – eine Grundregel, die nicht gelten würde, so Machiavelli, wenn die Menschen gut wären, was sie aber nicht seien. Und da alle ausnahmslos böse und schlecht seien, könne man davon ausgehen, dass sie im angegebenen Falle ihr Wort auch nicht halten würden. Ein guter Vorwand dafür lasse sich immer finden, und schon in der neueren Geschichte ließen sich Tausende Beispiele anführen von gebrochenen Friedensverträgen, Zusicherungen und anderen Abschlüssen – fürstlichen Wortbrüchen, bei denen aber immer diejenigen am besten wegkamen, die am geschicktesten die Rolle des Fuchses zu spielen verstanden.

Cesare Borgia - Fortuna und virtú
"Nur muß man es gleich dem Fuchs verstehen, seine Rolle durch geschickte Wendungen meisterhaft zu verstecken. Denn die Menschen sind so einfältig und so gewöhnt, den herrschenden Verhältnissen nachzugeben, daß der, welcher betrügen will, immer Leute findet, welche sich betrügen lassen." Schlussendlich war die erfolgreiche und nötigenfalls durchaus unmoralische Staatsführung ein wechselseitiger Vertrag zweier Parteien mit den entsprechenden Anlagen, also schlechten, korrupten, und folglich unter absolut adäquaten Vertragskonditionen.

Diese wechselseitigen Täuschungsmanöver geschahen in einem einvernehmlichen Sinn, und wenn man der Sache eine solide Basis geben wollte, als neuer Fürst, als Eroberer, dann war es zum Beispiel auch angeraten, alle Grausamkeiten gleich am Anfang zu verüben – mit einiger Phantasie lässt sich da anführen: Köpfe abschlagen, hohe Steuern erheben, Vermögen einziehen, Staatsfeinde eliminieren –, um das Volk dann, nachdem es die harte Hand des Staates gespürt hatte, um ihm jedes Aufmucken nachhaltig auszutreiben, mit wohldosierten Wohltaten im Anschluss daran gewogen zu stimmen.

Um die Sache perfekt zu machen, verschaffte sich der Fürst am Ende dann noch einen äußeren Anstrich von Güte, Redlichkeit, Treue und Frömmigkeit. Beide Parteien wissen im Inneren, so der illusionslose Autor, dass es sich dabei nur um Schein handelt, aber dieser Anschein wird wacker verteidigt, wenn nur die starke Hand spürbar bleibt, und damit auch der Ordnungserhalt.

Denn um nichts anderes geht es beim erfolgreichen Herrscher dieses anarchischen Zeitalters. "Man beurteilt die Handlungen aller Menschen", so schließt Machiavelli sein Kapitel über den legitimen Wortbruch, "besonders aber die Handlungen der Fürsten, welche keinen Richter über sich haben, bloß nach dem Erfolg. – Es muß also des Fürsten einziger Zweck sein, sein Leben und seine Herrschaft zu erhalten. Man wird alle Mittel, deren er sich hierzu bedient, rechtfertigen, und jeder wird ihn loben, denn der Pöbel hält sich nur an den äußeren Schein und beurteilt die Dinge nur nach ihrem Erfolg. Nun ist aber fast nichts in der Welt als Pöbel, und die bessere Minorität entscheidet bloß da, wo die Majorität nicht zu entscheiden weiß."

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Sabine Appel: Gierig nach Macht - der Machiavellismus, SWR2 Wissen, Sendungen vom 5. und 12. November 2017

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