Donnerstag, 28. Dezember 2017

Niccolò Machiavelli und die Macht - Teil 5

(Fortsetzung vom 21.12.2017)

Bei der Frage, ob man grausam oder mild herrschen solle, ist die Antwort entsprechend klar. Es ist dennoch kein Widerspruch zu der Feststellung, dass das Büchlein, welches der Autor hier vorlegt, das Produkt eines enttäuschten Idealisten ist und dass dieser Zeitgenosse nie aufgehört hat, an die ideale Republik nach römischem Muster zu glauben, in der all diese Grausamkeiten nicht notwendig wären, weil die Republik von innen gesund und folglich auch weitgehend immun gegen äußere Angriffe ist.

Es ist das Werk eines Patrioten, der in einer Art verzweifeltem Aufbäumen im letzten Kapitel in seinem Aufruf, Italien von den Barbaren zu befreien, im historischen Vergleich darauf verweist, dass auch die Leistungen Moses sich nicht hätten derart entfalten können, wenn die Juden nicht in der Knechtschaft Ägyptens gewesen wären und dass auch die Größe des Cyrus nicht erkannt worden wäre, wenn die Perser nicht vorher von den Medern unterdrückt worden wären.

Theseus besiegt den Minotaurus
Um Theseus berühmt zu machen, mussten die Athener zu seiner Zeit zersplittert gelebt haben, und so musste auch, damit ein italienischer Führergeist sich zeigen könne, Italien so tief sinken, "sklavischer als die Israeliten, bedrängter als die Perser, zerstreuter als die Athener, ohne Haupt, ohne Gesetze, verachtet, geplündert, zerrissen, von Ausländern tyrannisiert seien, damit einer der Söhne Italiens Gelegenheit habe, die Größe seiner Tatkraft zu zeigen. [ ] Italien, das in den letzten Zügen liegende Italien, sage ich, sieht der Entscheidung eines Erretters entgegen, der die Leiden der Lombardei, des Königreichs Neapel und Toskanas beendet und seine eiternden Wunden heile, welche durch die Länge der Zeit beinahe unheilbar sind. Es fleht zu Gott um einen Erretter, der es von dem unerträglichen Joch des fremden Despotismus befreie. Es ist bereit, jeder Fahne zu folgen, die ein Tapferer wehen lassen wird."

So gesehen, ist es wohl eher ein Aufruf des Schriftstellers an die Mächtigen überhaupt, der Katastrophe ein Ende zu setzen, als ein Appell an eine bestimmte Person, etwa Lorenzo II. de ́ Medici, dem er den "Principe" widmete. Denn um die Schrift Machiavellis aus dem Kontext adäquat zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass die Gegenfigur zu seinem robusten Fürsten vom Typus Cesare Borgia nicht der weise, wohlwollende, aufbauende und friedliche Herrscher ist, den man sich vielleicht wünschen würde, denn diesen kann man sich quasi leisten, wenn die Zeiten intakt sind.

Gegenpol zum Fürsten des Machiavelli ist der schwache Herrscher in gefahrvollen Zeiten, der sein Volk und sein Staatsgebiet preisgibt, und zwar dem nächstbesten Fremdherrscher vor die Füße wirft, der wiederum skrupellos genug ist, sich die Schwäche dieses Gebieters zunutze zu machen. Seine sämtlichen anderen historisch-politischen Schriften zeugen davon: Machiavelli war ein leidenschaftlicher Republikaner, der sich ein Staatsgebilde und eine Regierungsform wünschte, die tatsächlich diesen Namen verdient. Doch zu seinen Lebzeiten blieb es ein frommer Wunsch.


Machiavellis Werk – nicht im Ganzen, sondern "Il Principe" im Besonderen – hat die Gemüter erhitzt. Dass zum Beispiel Napoleon Bonaparte oder auch Friedrich Nietzsche zu seinen Fans zählten oder dass auch die Ideologen des modernen Faschismus sich auf Machiavelli beriefen, ist Teil seiner abgrundtief dunklen Geschichte. Der Soziologe Max Weber trifft in seinem 1919 gehaltenen Vortrag: "Politik als Beruf" im Kontext von verantwortungsvoller Politik die feinsinnige Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik, wonach der Politiker respektive die Politikerin im Einzelfall abwägen muss, ob er oder sie ihr politisches Handeln primär nach ethischen Prinzipien und Werten ausrichtet oder ob sie vor allem die Folgen ihres Handelns im Blick hat.

Idealerweise sind diese Haltungen einander ergänzende Konstituenten verantwortungsvoller Politik, die an sich Machiavelli nicht widerlegt, da es dem Florentiner in seiner aus den Fugen geratenen Zeit vorrangig darum ging, Tipps zu geben, wie man die erodierenden Staatswesen zusammenhält und die Eigengesetzlichkeit des Politischen anerkennt, unabhängig von den Wertvorgaben der Theologie und unabhängig vom Machtanspruch der korrupten römischen Kirche, die ihre Defensivtugenden nur propagierte – im systemstabilisierenden Bunde mit der weltlichen Obrigkeit –, um ihre Schäfchen gefügig zu halten.

Nach Machiavellis Auffassung war es zudem keineswegs ausgemacht, dass gute Menschen, die etwa über die propagierten christlichen Eigenschaften verfügten, automatisch auch gute Politik machten, beziehungsweise gute Politik von der moralischen Qualität ihrer Urheber abhängig war, und aus der Antike, in der er sich auskannte, lieferte er dafür zahlreiche Gegenbeispiele.

Wie man die Macht letztlich auch immer im handlungstheoretischen Sinn definiert – funktionierende Staatswesen ganz ohne Macht sind bisher eher im Stadium des experimentellen Denkens stecken geblieben. Mit Macht konstruktiv und sogar konstitutiv umzugehen, scheint, so gesehen, auch ein ethisch, und das heißt hier verfassungsrechtlich grundiertes, politisches Gegenwartsideal mit Zukunftscharakter zu sein. Als Machiavellist würde sich dennoch niemand von den aktuellen Politikakteuren gerne bezeichnen lassen. Soviel scheint, bei aller Bewunderung gegenüber den Virtuosen der Macht, doch sicher.


Zitate aus: Sabine Appel: Gierig nach Macht - der Machiavellismus, SWR2 Wissen, Sendungen vom 5. und 12. November 2017

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