Donnerstag, 25. Juni 2015

Rüdiger Safranski und das Individuum in einer globalisierten Welt - Teil 1

In seinem kleinen Buch „Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?“ versucht Rüdiger Safranski, Freiräume für ein Gleichgewicht und für Handlungsfähigkeit zu beschreiben, die es dem Individuum möglich machen, in einer globalisierten Welt gut zu leben. Er geht dabei von der Prämisse aus, daß sich Globalisierung nur gestalten lässt, wenn darüber nicht die andere große Aufgabe versäumt wird: das Individuum, sich selbst zu gestalten.

Der Individualismus ist mit Sicherheit einer der wichtigsten Errungenschaften der politischen und philosophischen Kultur Europas. Er basiert auf dem Gedanken, daß die Verschiedenheit der Menschen „nicht nur ein Faktum darstellt, sondern ein bewahrenswertes Gut, einen Reichtum.“ Aus dieser normativen Entscheidung, demzufolge plurales Sein zum Sollen und zum schützenswerten Gut erhoben wird, wurden die anderen normativen Ideen entwickelt, welche die aufgeklärte europäische Moderne ausmachen: Meinungs- und Gewissensfreiheit, Toleranz, Gerechtigkeit und körperliche Unversehrtheit.

So verbindet sich der Individualismus mit der Idee, daß der Staat und das gesellschaftliche Leben so organisiert werden müssen, daß Menschen ihre Individualität voll entfalten können, ohne sich wechselseitig dabei zu behindern, denn: „Der Sinn des Ganzen ist die Ermöglichung von reicher Individualität. Reich ist das Individuum aber nur, wenn es den eigenen Reichtum entdeckt und entfaltet. Der Einzelne - jeder Einzelne - ist das Sinnzentrum des Ganzen.

Das Faktum der Verschiedenheit des Menschen ist ein bewahrenswertes Gut

Ein solcher Individualismus hat die Freiheit als Voraussetzung. „Freiheit ist schöpferisch, und der Individualismus will die Bedingungen dafür bewahren. Er legt die schöpferische Selbstgestaltungsfreiheit nicht normativ auf bestimmte Ergebnisse und Leistungen fest, sondern verteidigt auch - normativ - die Voraussetzungen dieser Freiheit.“ Und genau hier kommt Safranski zufolge eine elementare Voraussetzung für Individualität in den Blick: „Notwendig ist die Kraft zu einer Selbstbegrenzung, die gewissermaßen als Immunschutz gegen überwältigende Reize und entgrenzende Horizonte wirkt.“

Goethe schrieb in „Wilhelm Meisters Wanderjahren“: `Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Ziele vermag er einzusehen und er gewöhnt sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will, noch was er soll, und es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde. Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.“

Demnach gebe es eine Reichweite unserer Sinne und eine Reichweite des vom Einzelnen verantwortbaren Handelns, „einen Sinnenkreis und einen Handlungskreis.“

Das Problem ist, daß unsere Sinne vielleicht etwas zu offen sind und unser diesbezügliches Immunsystem nicht ausreicht. Daher gehöre es zur Arbeit an unserer zweiten Natur, ein kulturelles Filter- und Immunsystem zu entwickeln, das die Begegnung mit der Welt in der Lage ist, auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Aber: Mit der globalen Informationsgemeinschaft der Medien aber habe das Individuum diese Aufgabe auf sträfliche Weise vernachlässigt.

Denn die globale Informationsgemeinschaft bedeutet in diesem Zusammenhang, daß die Menge der Reize und Informationen den möglichen Handlungskreis dramatisch überschreitet. „Der durch Medienprothesen künstlich erweiterte Sinnenkreis hat sich vollkommen vom Handlungskreis losgelöst. Man kann handelnd nicht mehr angemessen darauf reagieren, also die Erregung in Handlung umsetzen und abführen.“

Das Dilemma lässt sich Safranski zufolge so beschreiben, daß einerseits die individuellen Handlungsmöglichkeiten schwinden, andererseits die unerbittliche Logik des Medienmarktes mit seinen Informations- und Bilderströmen aber die Zufuhr von Erregungen steigert: „Das muß so sein, weil ja die Anbieter von Erregung um die knappe Ressource  `Aufmerksamkeit´ beim Publikum konkurrieren. Dieses aber, inzwischen an Sensationen gewöhnt und danach süchtig, verlangt nach einer höheren, jedenfalls neuen Dosis von Erregung. Statt Handlungsabfuhr: Erregungszufuhr.“

Informatuions- und Bliderströme ... permanente Erregungszufuhr!

Die Folge ist entweder, daß man sich gegen die permanenten Erregungszustände „durch Abbrühen unschädlich gemacht hat.“ Oder man wird, wie Goethe feststellte, `zerstreut.´ Oder aber die Reizüberflutung begünstigt latente Hysterie und Panikzustände.

Der Kern des Problems hängt mit dem homogenen Raum des Globalen zusammen. „Das Ferne belästigt uns mit trügerischer Nähe und das Zeitgleiche, vor dem wir durch Distanz geschützt waren, dringt in unsere Eigenzeit ein. Wenn früher etwas an entferntem Ort geschah, war es schon längst vorbei, wenn man anderswo davon Kunde erhielt. (…) Dadurch verloren die fernen Ereignisse niemals ihren Charakter der Ferne.

Nur: Richtig erfahren kann das Individuum nur etwas auf dem Wege der Annäherung. „Wer zu schnell irgendwo ist, ist nirgendwo.“ So setzen sich die Ureinwohner Australiens nach längerem Fußmarsch stets für einige Stunden vor ihrem Zielort nieder, damit die Seele Zeit hat nachzukommen.“

Lass uns eben mal die Welt retten! 
Ein weiteres Problem ist, daß jeder schnell in Situationen gerät, „die uns beunruhigend erfahren lassen, daß die Reichweite der Bekanntschaft mit dem Globalen und die Reichweite möglichen Handelns dramatisch auseinanderdriften.“ Die Zeiten, in denen das menschliche Handeln durch das Nichtwissen-Können geschützt war, sind vorbei. „Da bekanntlich alles mit allem zusammenhängt und man undeutlich davon weiß, findet der Einzelne sich unversehens in einem Netzwerk von neuen Imperativen und Appellen gefangen. Was tust du gegen das Ozonloch, gegen den weltweiten Terrorismus, gegen die Kinderarbeit in Ost-Timor, gegen die Unterdrückung der Oguschen?“

So etwas hält auf die Dauer kein Mensch aus ...

(Fortsetzung folgt)

Zitate aus: Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Frankfurt a.M. 2004 (Fischer tb)


Kommentare:

  1. Habe das Blog gerade zufällig entdeckt! Toller Service, weiter so. Ich hoffe, ich komme dazu, mehr zu lesen und vielleicht auch den einen oder anderen Kommentar abzusondern.

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  2. Herzlichen Dank für die netten Worte! Paideia

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